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In eigener Sache…

Liebe Leserinnen und Leser, Verächter und Fans aus Frankfurt (M) und Umgebung,

Hier eine Notiz in eigener Sache. Am 7. und 14. März werde ich zwei Vorträge im Frankfurter Institut für Vergleichende Irrelevanz zum Thema dieses Blogs halten: Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Ich freue mich über zahlreiches Erscheinen und im Anschluss auf kontroverse Diskussion.

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22. Februar 2012 at 12:57 nachmittags 2 Kommentare

“Wie durch eine dünne Wand” – Schizotypie und Sublimierung in Steiners “Lebensgang”, Pädagogik und den “Mysteriendramen”

Wer sich  mit der Anthroposophie und ihrem Begründer Rudolf Steiner (1861-1925) auseinandersetzt, trifft eher früher als später auf die Beschreibung der einen als “Wahnwelt” und des anderen als geistesgestörten Irren, der erstere herbeiphantasiert haben soll.

In zwei Artikeln (das hier ist dann logischerweise der erste), will ich mich mit verschiedenen Eindrücken und Einschätzungen zu diesem Thema befassen.

Irrationalität und scheinbarer Wahnsinn

Angesichts der erstaunlichen Absurdität vieler seiner Aussagen (vgl. “Masern werden von Waldorfschule zu Waldorfschule übertragen…”, Steiner und die Prügelstrafe) ist es erstmal eine naheliegende Option, Steiner einfach für verrückt zu halten. Oft beruht das einfach nur, wie in vielen Artikeln auf diesem Blog gezeigt, und wie wir auch weiter unten sehen werden, auf schlichter Nichtkenntnis der historischen Kontexte und der Entstehungsbedingungen von Steiners Werk, hauptsächlich (spätromantisch-haeckelianische) Wissenschaftsphilosophie und (theosophischer) Okkultismus, und ist zunächst eine Reaktion von Menschen, die sich mit diesem eher abgelegenen und auch reichlich absonderlichen Seitenzweig der Geistes- und Ideengeschichte  noch nicht sehr viel beschäftigt haben.

Der Musiker und Autor Gary Lachman hat in einer für mich sonst nicht umwerfend erhellenden, aber durchaus interessanten, jüngst erschienenen  Steiner-Biographie (Lachman: “Die Rudolf Steiner-Storyaus dem Englischen von Richard Everett, info3 Verlag, Frankfurt 2010) seinen ersten Eindruck von Steiners Schriften ähnlich beschrieben:

“Ich hatte schon schwierige Bücher gelesen, das war nicht das Problem. (…) Hegel ist schwierig nicht – oder nicht nur – aufgrund seines schlechten Stils. Wenn das der Fall wäre, würde sich niemand die Mühe machen, ihn zu lesen. Hegel ist schwierig, weil die Gedanken, denen er versucht Ausdruck zu verleihen, so komplex sind. Aber Steiner kam mir einfach stumpfsinnig vor. (…)

Wie kann ich mir über die Tatsache Rechenschaft ablegen, dass auf der einen Seite Steiner eine kraftvolle und originelle Kritik der Erkenntnistheorie Kants formulieren kann (…) und gleichzeitig, ein paar Seiten weiter, bei aller Achtung seiner Person, total fremdartige, und genauer gesagt, ziemlich unbeweisbare Aussagen über das Leben auf der alten Atlantis trifft? Ich befand mich in einer ähnlichen Position wie der Dramatiker und Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck vor rund siebzig Jahren.  (…) in einem Kommentar über eines von Steiners Büchern bemerkt Maeterlinck, nachdem er ”ihm mit Interesse durch Einführungen gefolgt ist, die sich durch einen extrem abgewogenen, logischen und umfassenden Geist auszeichnen”, dass er plötzlich über eine Stelle stolpert, die ihn zu der Frage zwingt, ob Steiner ‘nicht überraschend wahnsinnig geworden ist (…)’ ” (ebd., S. 11-13)

Gary Lachman: Die Rudolf Steiner-Story (Cover)

Gary Lachman: Die Rudolf Steiner-Story (Cover)

Eine ausführlichere Beschäftigung mit den Aussagen Steiners ändert nichts an deren oft grotesken Inhalten und Metaphern, lässt aber, wie die moderne Esoterikforschung zeigt, die Unterstellung von “Wahnsinn” zunächst sehr sehr ungenau erscheinen. Wer von Verrückthiet redet, übersieht schnell die expliziten Charakteristika der damit belegten Lehren :

„Irrationale Systeme [gehorchen] einer internen Logik (…). Bereits diese Tatsache sollte jeden Interessierten, der glaubt, der Begriff ‘Irrationalismus’ sei gleichbedeutend mit ‘spinniert’ oder ‘wahnsinnig’, eines besseren belehren. Der Begriff Irrationalismus, statt Arationalismus wurde benutzt, weil ein Hauptcharakteristikum der untersuchten Systeme die aktive Oposition zum rationalen ist (…) Vernunft und Aufklärung waren die “Ideologie” Westeuropas vom späten 17. bis zum späten 19 Jahrhunert. Dennoch war es dieses System, das ausgedehnt, kodifiziert und schließlich zum Dogma gemacht wurde: zum Dogma des spätviktorianischen Materialismus (…). Gegen das, was möglicherweise eine Karikatur der Vernunft war, lehnten sich die Irrationalisten auf.

Es scheint eine gewisse Wahrheit in dem Argument zu stecken, dass ‘der Mensch nicht vom Brot allein lebt’, sondern neben der Gewissheit, mit den Problemen des physischen Überlebens fertigzuwerden, eine weitere Sicherheit braucht. (…) Hier ist nicht der Ort, um über die persönliche Suche der Okkultisten zu urteilen. Es bleibt jedoch der Eindruck, dass die meisten in ihren privaten Welten gefangen waren und nur traurig schwache Beweise für die Macht der Phantasie hervorbrachten.“ (James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen, a.a.O., S. 560 – 588 – Hervorhebungen A.M.)

James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen (Cover)

James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen (Cover)

“Der Fremdling”

Aber spätestens bei der Lektüre von Steiners autobiographischer Aufsatzreihe “Mein Lebensgang” stößt mensch auch wieder auch bemerkenswerte Selbstzeugnisse, die einen doch grundlegende soziale und kommunikative Handicaps Steiners vermuten lassen. So schrieb an seinem Lebensende in seiner (unvollendet gebliebenen) Autobiographie:

“Ich lebte ganz intensiv mit dem, was andere sahen und dachten; aber ich konnte in diese erlebte Welt meine innere geistige Wirklichkeit nicht hineinfließen lassen. Ich mußte mit meinem eigenen Wesen immer in mir zurückbleiben. Es war wirklich meine Welt wie durch eine dünne Wand von aller Außenwelt abgetrennt.

 Mit meiner eigenen Seele lebte ich in einer Welt, die an die Außenwelt angrenzt; aber ich hatte immer nötig, eine Grenze zu überschreiten, wenn ich mit der Außenwelt etwas zu tun haben wollte. Ich stand im lebhaftesten Verkehre; aber ich mußte in jedem einzelnen Falle aus meiner Welt wie durch eine Türe in diesen Verkehr eintreten.” (Steiner: Mein Lebensgang, GA 28, Steiner Verlag, Dornach 2000, S. 235)

Schon als Kind hatte Steiner sich – durch eine wesentlich dickere, nicht von ihm verursachte ”Wand” – von anderen abgeschieden gefühlt. Er hatte in jungem Alter kaum Kontakt zu Gleichaltrigen, die Kinder in seinem zeitweiligen Heimatdorf Neudörfl schlossen ihn als “Fremden im Dorfe” von Spielen aus. Steiners Vater scheint Fragen abgewiesen zu haben – so dass Steiner sich alsbald in eine “eigene Welt” zurückzog. Dagegen will Steiner im Mathematikunterricht sein Vergnügen gefunden haben, so meinte er, “dass er an der Geometrie zuerst das Glück kennengelernt habe.” (Die Mächte des (L)ICH(ts) – Symptome der Steinerschen “Geisterkenntnis”). 

Diese innerliche Isolation Steiners haben nahezu alle seiner Biographen erkannt: In Christoph Lindenbergs Steiner-Biographie (Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997) heißt das erste, Steiners Kindheit betreffende Kapitel bezeichnend “Der Fremdling”, in der eben und auch weiter unten ausführlich zitierten Biographie von Gary Lachman heißt das Kapitel über Steiners Kindheit “Der Hüter der Schwelle” – beide Autoren, die Steiner ausdrücklich positiv gegenüber stehen, wählen Namen, die Entrücktheit von der Umwelt, ja eine Fremdheit ausdrücken.

Schizotypie und Kreativität

Der ganz oben zitierte jüngste Steinerbiograph Gary Lachman geht noch ein bisschen weiter. Er bringt mit Steiners Isolationsempfinden, seine daraus resultierende Ich-Wahrnehmung und das damit so innig verknüpfte Erkenntnissuchen mit der Bezeichnung “Schizotypie” in Verbindung:

“Viele Fragen über die Welt, die ihn bewegten, blieben unbeantwortet. Alle anderen schienen sich keine Sorgen deswegen zu machen und waren perplex über seine Entschlossenheit, Antworten auf sie zu finden. Steiner hatte ein hartnäckiges Bedürfnis, Sachverhalte zu ergründen, einen Hang zur Vertiefung, den manche vielleicht als Besessenheit betrachteten. Ein solch ungesunder Drang – zumindest aus der Sicht eines durchschnittlichen Menschen – kann der Anfang von dem sein, was Anthony Storr eine ‘schizotypische’ Persönlichkeit nennt. Das ist ein Typus von Personen, die zwar keine voll ausgebildete Schizophrenie erleiden, aber doch einige Charaktermerkmale mit schizophrenen teilen.” (Lachman: Die Rudolf Steiner-Story, a.a.O., S. 31 f.)

Rudolf Steiner als Maturand

Rudolf Steiner als Maturand

An einem Beispiel erläutert Lachman die Anwendbarkeit auf Steiners Biographie näher. Im Alter zwischen 11 und 18 Jahren besuchte Steiner die Realschule in Wiener-Neustadt. Sein Vater hatte einen Gymnasiumsbesuch verboten, weil der Sohn später Eisenbahnangestellter werden sollte. Der junge Steiner machte sich so jeden Morgen zu einer einstündigen Wanderung zu seiner Schule auf. Die machte dem wissbegierigen Kind, das er zweifelsohne war, keinerlei Probleme. Wohl aber die Kleinstadt Wiener-Neustadt. Lachman:

“Dieses Erlebnis war für ihn verwirrend. Die Reihen von Häusern und Wohnblocks überwältigten ihn. Steiner konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass jemand so wohnen könnte. Hatte Steiner schon Schwierigkeiten, mit der äußeren Welt in der verhältnismäßig einfachen Naturumgebung zurechtzukommen, sah er sich jetzt einem ziemlich bedrohlich erscheinenden Chaos gegenüberstehen. Er fand es nahezu unmöglich, eine irgendwie geartete Beziehung zu seiner neuen Umgebung zu knüpfen.” (ebd., S. 42)

Lachman kommentiert in einer längeren Fußnote:

“In diesem Zusammenhang ist erneut auf Anthony Storrs Konzept der ‘Schizotypie’ hinzuweisen. Hierbei ist eine der Eigenschaften eine gewisse Unfähigkeit, die eingehenden Reize aufzunehmen, wie auch das Empfinden, von Eindrücken überlastet zu sein. Eine andere Eigenschaft, die ebenfalls auf Steiner zutrifft, ist das Bedürfnis, die Gedanken zu klären. Steiners jugendlicher Drang, tiefe, existenzielle Fragen zu lösen und seine spätere Betonung der absoluten Wirklichkeit des luziden, klaren Denkens können aus einem Gefühl stammen, dass sein Verstand von Ideen überfüllt war. Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass Storr erörtert, wie viele ‘schizotypische’ Eigenschaften auch im Zusammenhang mit Kreativität stehen und dass sie deshalb nicht nur als abweichende Merkmale angesehen werden sollen.” (ebd., S. 266)

Noch ein letztes Zitat aus der Biographie von Lachman, der zu einem positiven Fazit für Steiners Leben kommt und zeigt, dass sich die Ergebnisse dieser möglichen Schizotpyie keineswegs negativ auswirken müssen (ob diese Darstellung trifft wäre eine eigene Diskussion):

“Wir mögen einige seiner esoterischen Einsichten mit mehr oder weniger Vorbehalt betrachten und viele von ihnen sogar als Erzeugnisse seiner Phantasie abweisen. Das macht kaum etwas aus. (…) Steiners Hingabe an dem menschlichen Geist und das Gute, das dadurch entstanden ist – dies bleibt unleugbar und in unseren sorgenvollen Zeiten etwas, nach dem man streben sollte.” (Lachmann, a.a.O., S. 261)

Auch James Webb mit seiner Theorie der “privaten Wirklichkeiten” kommt zu dem im vorletzten Zitat gezogenen Schluss auf eine Verknüpfung okkulter Neigungen oder Erlebnisse mit einer eigentümlichen Kreativität, die sich bereichernd, aber auch destruktiv für die Umwelt der “Erleuchteten” auswirken könne:

“Wenn die Vorstellung wahr ist, dass die ‘Erleuchteten’ – ob sie nun Okkultisten oder Politiker sind – auf ihrer Suche nach anderen Wirklichkeiten eine besondere Beziehung zur Phantasie haben, dann sollten wir eigentlich bei solchen Leuten eine große Zahl von schöpferischen Werken finden. Das ist tatsächlich der Fall [es folgen und gehen voran zahlreiche Beispiele vor allem aus dem Bereich der Literatur - AM] (…) Der schöpferische Geist macht Ausfälle aus dem Universum der allgemein anerkannten Wirklichkeit in private Welten der Phantasie mit dem Vorsatz, Teile dessen, was er dort entdeckt, mitzubringen und zur Erweiterung der etablierten Sichtweise zu benutzen. Die Eskapisten [Webb unterscheidet Eskapismus von "schöpferischer Phantasie" - AM] – deren bestes Beispiel die von der Angst getriebenen Okkulten Extremisten sind – sind gefangen in ihren eingebildeten Welten, selbet wenn sie früher einmal den Wunsch gehegt haben sollten, zurückzukehren und ihre Mitmenschen zu befruchten.” (James Webb, a.a.O., S. 587f.)

Daran schließen sich quasi lückenlos Überlegungen des Philosophen, Bloggers und Info3-Autors Christian Grauer an:

“Ob man diesen Vorgang als Erleuchtung oder als Psychose bezeichnet, ist letztlich im Rahmen des hier dargestellten (…) Ansatzes gleichgültig. Beide kennzeichnet eine radikale Auflösung der gewöhnlichen Wirklichkeitsbedingungen, wenngleich in der Psychose das Subjekt diesem Vorgang nicht souverän gegenüber steht, sondern ihm passiv ausgeliefert ist. Steiners Beispiel zeigt, dass mit dieser Erkenntnispraxis (…) erstaunliche individuelle Welten möglich werden, deren Ausleben sich keineswegs auf Theorie und Phantasie beschränken…” (Christian Grauer: Am Anfang war die Unterscheidung: Der ontologische Monismus. Eine Theorie des Bewusstseins im Anschluss an Kant, Steiner, Husserl und Luhmann, info3-Verlag, Frankfurt a.M. 2007, S. 82)

Dabei fragt sich natürlich wieder, ob Steiner – auf den ich mich von all den interessanten zu untersuchenden Persönlichkeiten hier beschränken muss – so kreativ denn wirklich war (vgl. etwa “Kreative Fundgrube”, unten im Abschnitt zur Architektur).

Das ICH und das “Schelling-Erlebnis”

Vielleicht ist Steiner “Ur-Erfahrung” der vor ihm verborgenen Wirklichkeit, über die ihm Fragen nicht beantwortet wurden, die auf den vielleicht “schizotypisch” veranlagten in einer für ihn unerträglichen Intensität eindrang, der Grund für ihn gewesen, sein Erleben dem “Seeleninnern” zuzuwenden. Mit 19 schrieb er einem Freund folgendes: 

“Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Januar, in der ich keinen Augenblick schlief. Ich hatte mich bis halb ein Uhr mitternachts mit einzelnen philosophischen Problemen beschäftigt, und da warf ich mich endlich auf mein Lager; mein Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt: ‘Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.’ Ich glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermögen ganz klar an mir entdeckt zu haben – geahnt habe ich es ja schon längst -; die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine schlaflose Nacht gegen solch einen Fund!” (Brief an Josef Köck vom 13. Januar 1881, in: GA 38, Dornach 1985, S. 13)

Dieses Erlebnis des luziden, reinen Ich begleitete Steiner durch alle Phasen seines Werkes – tatsächlich als “Rückzugspunkt” (wie Schelling es scheinbar verstand) - aber später auch als Bezugspunkt für die anthroposophischen “Praxisfelder”: Immer geht es da um die “optimale Entfaltung” des menschlichen Ich und seine Einwirkung auf die Umwelt (wie weit das konzeptionell gelungen ist, ist eine andere Frage). In seiner Goethe-Phase in den 1880ern suchte Steiner den Zugang von diesem “geistig” Erlebten zu der von Goethe ebenfalls als ideengeleitet beschriebenen Natur, in seiner anarchistischen Nietzsche-Stirner-Phase der späten 1890er sah er das Individuum als radikal autonomen Gestalter seiner Welt und auch dieser selbstproduzierten “Ideenwelt” an – eine Art positive Bejahung von Webbs These, nach der jedeR die eigene “Private Wirklichkeit” schafft (vgl. “Spirituelle Grundlagen”, Mal wieder ein bisschen Geschwelge…).

In seiner theosophischen Phase nach 1900 verfiel Steiner selbst dem Konstrukt einer sehr mächtigen, eben der theosophischen, Ideenwelt, die er weiterformte und als plausibilisierenden Überbau für seine Reformbestrebungen nach dem 1. Weltkrieg benutzte. Zentral stand – so meine These, auf die aber auch die genannten AutorInnen hinweisen – der Versuch der Vermittlung des luzide empfundenen Ichs, der “privaten Wirklichkeit” und seiner Umwelt. Ihm aus dieser Wahrnehmung heraus unliebsame Haltungen (“kalter” mechanistischer Positivismus oder “hitzige” Emotion) wurden personifiziert und in seiner Dämonologie als Ahriman und Luzifer (vgl. Ahriman, Avitchis und die Apokalypse) benannt, zwischen denen Christus – das kosmische Ich – vermittle. Nicht zuletzt lassen sich auch Parallelen zu den Vorstellungen von Degeneration und Höherentwicklung in Steiners Rassentheorie finden (zu all dem ausführlich und mit Belegen der Artikel Die Mächte des (L)ICH(ts)).

Steiner Christus - hält die Waage zwischen "Ahriman und Luzifer"

Steiner Christus - hält die Waage zwischen "Ahriman und Luzifer"

Zwei Beispiele:

Erziehungslehre und Mysteriendramen

Wenn sich auch in vielem, etwa den von ihm empfohlenen Anbauweisen (“biologisch-dynamische Landwirtschaft”), Medikamentvorschlägen (“anthroposophische Medizin”) oder natürlich in seiner Hüllenathropologie, eindeutige Abhängigkeiten von der damaligen Reformszene bzw. (bei letzterem) der Theosophie finden, sind anderswo doch auch genug “geistige Ratschläge” Steiners Erfahrungen aus seiner Biographie, die er theosophisch aufbereitete:

Etwa einzelne Elemente der Waldorfpädagogik: Steiner war als Kind von Bilderbüchern mit beweglichen Elementen fasziniert - ebenjene empfahl er als theosophisch vorzüglich kindgerecht in “Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft” (S. 18). Er empfand, nachdem sein Vater ihn aus der Dorfschule abgemeldet hatte und privat unterrichtete, weil  er von einem Lehrer geschlagen worden war (vgl. Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie,  Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997, S. 28), diesen Vater als eine nachzueifernde Autorität und lernte vieles darüber, dass er dem Bahntechniker alles nachmachte (Lachman, a.a.O., S. 27) - ebendiese “geliebte Autorität” hat Einzug in Steiners Entwicklungspsychologie gehalten (Erziehung und Evolution). Außerdem hat Steiner, wie er selbst zugibt, vor dem Alter von zehn Jahren weder buchstabieren noch grammatikalisch richtig schreiben gelernt – auch in der Waldorfpädagogik wird Schreiben die ersten beiden Schuljahre eher nebenbei und langsam angegangen.

Steiner: "Die Erziehung des Kindes..." in neuester Auflage

Steiner: "Die Erziehung des Kindes..." in neuester Auflage

Natürlich wäre auch die umgekehrte Deutung plausibel, dass Steiner seine Ansichten zur Entwicklung des Kindes erst rückblickend in seine Biographie hineindichtete, um seine Thesen auch für die eigene Entwicklung als zutreffend darzustellen (so die Deutung bei Stephan Geuenich: Die Waldorfpädagogik im 21. Jahrhundert, LIT Verlag, Berlin 2009, S. 38f.). Dagegen spricht, dass sich auch andere Elemente von früheren schulischen und erzieherischen Erfahrungen Steiners später im Waldorfkonzept wiedergefunden haben – zum Beispiel viele Ansätze der österreichischen Realschule, wie er sie besucht hatte. Steiners erste Entwürfe fürdie Waldorfschule kopierten – teils explizit – deren Konzept (vgl. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, Bd. II, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 1369ff., sowie E.A.K. Stockmeyer: Aufzeichnungen, in: Emil Molt: Entwurf meiner Lebensbeschreibung, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1972, S. 256).

Das zweite Beispiel von in Esoterisches verandelten biographischen Elementen Steiners, das mir einfällt, wären Steiners sogenannte Mysteriendramen. Zur ästhetischen Plausibilisierung seiner Meditationsangaben und Lehren über die Einweihung des Menschen in die “Geistige Welt” schrieb er vier (geplant waren mindestens sieben) Theaterstücke, in denen Personen mit theologisch wertvollen Namen wie Maria, Johannes-Thomasius, Sophia (Weisheit), Estella (Sterngeborene), Theodosius (Gottesgabe) und Capesius (Kopfmensch) sich in zahlreichen Monologen und meditativen Erlebnissen nach und nach dem Spirituellen annähern. Im Mittelpunkt des 1. Dramas steht der Maler Johannes Thomasius, im 2. der Professor Capesius, im 3. der bis dahin skeptisch-scientizistische Wissenschaftler Strader, im 4. die misslingende Bewirtschaftung eines Unternehmens. In den Personen der Mysteriendramen finden sich dabei erstaunlich viele Entsprechungen zu Steiner und seinem Umfeld (Zander: Anthroposophie in Deutschland, II, a.a.O., S. 1037-1040).

Johannes Thomasius (Die Pforte der Einweihung), Foto von Jochen Quast (Goetheanum-Bühne)

Johannes Thomasius in "Die Pforte der Einweihung", Foto von Jochen Quast (Goetheanum-Bühne), 2010

So ähnelt die Beziehung von Maria und Johannes Thomasius der von Steiner und seiner zweiten Frau Marie von Sievers, die ihn nach 1900 zur Theosophie führte – so wie Maria Johannes Thomasius in die Geistige Welt. Steiner gilt übrigens bis heute unter AnthroposophInnen als Reinkarnation von Thomas von Aquin (etwa bei Thomas Meyer: Rudolf Steiners ‘eigenste Mission’, Perseus Verlag, Basel 2009, S. 79) und wurde 1909 kurz auch als reinkarnierter Täufer Johannes gehandelt (Norbert Klatt: Theosophie und Anthroposophie, Verlag d. Autors, Göttingen 1993, S. 96f.) - das würde jedenfalls die Wahl des Namens “Johannes Thomasius” erklären (vgl. auch Steiner = Jesus). Aber auch der Professor Capesius der Mysteriendramen, der sich, wie Steiner einmal ausführte, vor seinem spirituellen Weg u.a. mit dem Haeckelianismus beschäftigt habe (so Steiner in GA 147, 1997, S. 85), trägt biographische Züge Steiners, der vor der Wende zur Theosophie um 1900 ein großer Haeckel-Fan war. 

Auch manche prägende Gestalten aus Steiners Biographie tauchen in den Mysteriendramen wieder auf, was Steiner sogar teilweise explizit zugab: So etwa der Kräutersammler Felix Kogutzki, der den erkenntnissuchenden jungen Steiner (s.o.) stark beeindruckte, unter dem Namen Felix Balde (GA 28, 2000, S. 45) oder ”einige Züge” von Steiners Lehrer Karl-Julius Schröer, der ihn mit Goethe vertraut machte, wieder in Professor Capesius (GA 238, 1991 S. 163), der andererseits aber auch Parallelen zu Steiner selbst aufwies (s.o.).

“Diese Optionen bedürften einer sorgfältigen Studie, vielleicht wie sie Kurt R. Eissler für Goethe vorgelegt hat. Sowohl eine polyvalente (positiv gesagt) als auch eine schizoide Selbstauslegung Steiners (negativ gedeutet) scheint für die Mysteriendramen möglich. Ob die Verteilung und Beurteilung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale Steiners in verschiedenen Rollen als Bearbeitung einer hybriden Vielfalt zu deuten ist oder als nur mühsam integrierte Züge von Steiners Persönlichkeit, ist noch kaum diskutiert.” (Zander: Anthroposophie in Deutschland, II, a.a.O., S. 1040)

Noch eine Szene aus dem 1. Mysteriendrama - Foto von Jochen Quast, 2010

Noch eine Szene aus dem 1. Mysteriendrama - Foto von Jochen Quast, 2010

Den in den beiden Beispielen zutage tretenden Prozessen gab Sigmund Freud den Namen Sublimierung – die Verwandlung oder Umlenkung von unbewussten Prozessen in eine “höhere”, geistige, kulturelle Ebene.

Auch AnthroposophInnen sollten sich fragen, ob nicht manches, was Steiner zum Ausdruck brachte, diese Verarbeitung seiner Biographie darstellt, wie weit schließlich autistische oder “schizotypische” Züge in seine Wahrnehmungen hineinspielten. Dass die Anthroposophie im Ganzen aber als Reaktion auf die plural und vielfältig, aber auch (zumindest scheinbar) “sinnleer” werdende Wissenschaft des 19. Jahrhunderts darstellt und sich dabei ganz klar – wie schon gesagt – zahlreicher zeitgenössischer Gedanken bediente, lässt sich in meinen Augen trotzdem nicht leugnen. Beide Sichtweisen sind jedenfalls außerordentlich aufschlussreich.

Der Nervenarzt Dr. Wolfgang Treher und der Religionspsychologe Dr. Harald Strohm würden da wohl nicht mitgehen. Sie vertreten, Steiners Weltbild sei nicht mal nur in Details oder Ausformungen, sondern als Ganzes, Produkt einer handfesten Geisteskrankheit: Entweder eine Psychose (Strohm) oder eine Schizophrenie (Treher). Mit deren Darstellungen werde ich mich demnächst in einem anderen Artikel auseinandersetzen.

21. Juli 2010 at 10:46 vormittags 59 Kommentare

Plötzlich “EX-Waldorfschüler” – Rückblick und Danksagung

Jeder Abschied fällt schwer, auch wenn’s ein lang ersehnter war.

- Autor (mir) unbekannt

Ich beginne diesen Artikel am 1. Juli 2010 um ziemlich genau 19.00 Uhr. Heute Morgen wurde meine aus 24 SchülerInnen bestehende Klasse nach ihrem 13. Schuljahr und von allen bestandenen Abiprüfungen offiziell entlassen. Voll realisiert habe ich das wohl immernoch nicht, aber das kommt sicher in absehbarer Zeit.

Damit sind wir nun (logischerweise) keine Waldorfschüler mehr, haben alle eigene und unterschiedliche Wege zu gehen und werden die der anderen wahrscheinlich doch noch eine ganze Weile mit Anteilnahme verfolgen. Denn wir waren – oder: sind – nach all den Jahren, die wir miteinander verbracht haben, insbesondere nach den im 13. Jahr genommenen Hürden vor dem Abitur, eine sehr sehr starke Gruppe. Ich würde sagen: Ein Freundeskreis. Für den Rückhalt, den ich in verschiedensten Situationen bei meinen Klassen”kameradInnen” hatte, bin ich jedenfalls zutiefst und ehrlich dankbar.

Am Montag haben wir unser – jetzt ehemaliges – Klassenzimmer ausgeräumt, dabei alte Epochenhefte (vgl. hier zum Epochenunterricht), verstaubte “Kunstwerke”, Zeichenmappen unserer 12.Klassfahrt, jede Menge Lexika und alte Zeitschriften freigelegt und an die eigentlichen InhaberInnen verteilt, und dabei hatte zumindest ich das objektiv betrachtet banale, aber ungewohnte Gefühl, jetzt offiziell keinen “Raum” mehr in dieser Schule zu haben. Und ich habe gemerkt, dass ich nicht nur meinen Jahrgang, sondern auch meine Schule vermissen werde. Es war eine Zeit, die mich nicht nur sehr geprägt hat, sondern aus der ich auch bewusst unheimlich viel an Positivem mitnehme – neben Kontakten die Erfahrungen aus Praktika, Klassenspielen, dem Organisieren von Flohmärkten und SV-Angelenheiten, um nur einiges zu nennen.

Ich möchte mich (auch) auf diesem Wege bei allen Menschen aus meiner Klasse bedanken, aber auch bei vielen meiner LehrerInnen – mit ein paar (würde ich behaupten), bin ich bzw. sind auch viele meiner MitschülerInnen, inzwischen auf freundschaftlichem Niveau. Positiv muss ich hier auch eine sehr hohe Offenheit und Diskussionsbereitschaft zu allen möglichen Themen verbuchen, die mir auch nach Beginn und Bekanntwerden meines anthroposophiekritischen Engagements noch entgegenschlugen (entgegen der Prognosen und Warnungen mancher AnthroposophiekritikerInnen). Trotzdem wird mich der mir von dem ambitionierten Anthroposophen Michael Mentzel sicher in abwertender Absicht beigelegte Spitzname “Waldorfschüler mit der Lizenz zum Klugscheißern” (TdZ), der auch in unsere Abizeitschrift einzug hielt, wahrscheinlich (zurecht) noch über Jahre begleiten.

Natürlich schreibe ich all das hier nicht nur, weil ich damit besagten SchülerInnen oder LehrerInnen dieses Gefühl von Verbundenheit und Dankbarkeit mitteilen will, sondern weil ich versuche, auf diesem Blog die “Waldorfwelt” zu spiegeln. Bei der überwiegenden Kritik an Methoden (zB der Epochenunterricht, s.o.) und Grundlagen (Erziehung und Evolution, Typen, Themen, Temperamente) der Waldorfschulen blicke ich auf eine schöne, sehr bereichernde Schulzeit zurück. Das hier zu verschweigen wäre genauso “lügenhaft”, unehrlich und verzerrend  wie das Verschweigen der problematischen Grundlagen.

Die große – vielleicht größte – Stärke der Waldorfschulen, jedenfalls, so weit ich sie erlebt habe, sind weder der spezifische “Lehrplan” noch die üppig vorhandenen künstlerischen Fächer, sondern die menschlichen Beziehungen, die Vertrautheit, die sich zwischen den SchülerInnen und zwischen SchülerInnen und LehrerInnen aufbauen können (wobei besonders letzteres natürlich auch schief laufen kann, vgl. Erziehung und Evolution). Der Rückhalt, den einem eine (Lern-)Gruppe von vertrauten und einem größtenteils auch sehr sympathischen Menschen gibt, ist der persönlichen Entwicklung und auch dem Aufnehmen von Lernstoffen selbstverständlich sehr förderlich.

Damit wird mir wieder bewusst, was ich auch schon an anderer Stelle geschrieben habe (Der Schatten einer Seifenblase): Menschliche Beziehungen, ohne alle sonstigen “Inhalte”, jede Metaphysik oder “Menschenkunde”, sind das, und vermutlich das einzige, was viele Waldorfschulen wirklich in einem signifikanten Maß positiv vor anderen Schulen auszeichnet. Damit sind zutiefst SINNLICHE, keinesfalls die behaupteten “Über-SINNLICHEN” Bestandteile das eigentliche Lebenselement der Waldorfpädagogik. Steiner hat in seinen amateurhaften Suchbewegungen im Pädagogischen hier unwissentlich eine ”Goldader” angekratzt, und wenn er sie auch nicht ausschöpfte, sondern durch seine Projektion ins “Übersinnliche”, Außerweltliche methodisch fast wieder verschüttete, hat er sie immerhin gestreift.

Für meine Biographie würde ich das einen verdammt glücklichen Zufall nennen – ich habe gerade durch genau diese Mischung mein spezielles Interessengebiet zwischen Philosophie, Geistes- und Ideengeschichte, Schul- und Esoterikkritik auftun können. Andere hatten an Waldorfschulen und mir dieser Thematik sicher weniger Glück.

Erziehung auf Beziehung aufbauen, eine “Schule für Menschen”, möglichst ohne Trennung in Lehrende und Lernende, die physischch und zeitlich aus Freiräumen für Begegnung und gegenseitiges Lernen und (Be)Lehren besteht, scheint mir auch die kürzeste Formel und der größte Wunsch für eine “Pädagogik der Zukunft” zu sein.

Die Waldorfschulen haben es bisher nicht geschafft, diese Schule zu werden, und werden es vermutlich auch nie – solange sie sich den Zugang zum Menschlichen dadurch verbauen, dass sie letzteren aus einer übersinnlichen Komponente herleiten wollen.

“Die Liebe zum Menschen darf keine abgeleitete sein; sie muß zur ursprünglichen werden. Dann allein wird die Liebe eine wahre, heilige, zuverlässige Macht. Ist das Wesen des Menschen das höchste Wesen des Menschen, so muß auch praktisch das höchste und erste Gesetze die Liebe des Menschen zum Menschen sein. Homo homini Deus est – dies ist der oberste praktische Grundsatz – dies der Wendepunkt der Weltgeschichte” - (Ludwig Feuerbach in: Das Wesen der Religion. Ähnlich übrigens Marx hat in seinen von “kritischen Linken” wie so vieles zu schnell verworfenen “frühen Schriften”, wo er einen gewissen Edgar Bauers kritisiert: “Herr Edgar verwandelt die ‘Liebe’ in eine ‘Göttin’, und zwar in eine ‘grausame Göttin’, indem er aus dem liebenden Menschen, aus der Liebe des Menschen den Menschen der Liebe macht, indem er ‘Liebe’ als ein apartes Wesen vom Menschen lostrennt und als solches verselbstständigt.”, Marx: Frühe Schriften, Bd. I, hrsg. von H.J.Lieber und P. Furth, Cotta-Verlag, Stuttgart 1962)

Trotzdem bieten die Waldorfschulen mit all ihren Eigenheiten doch auch interessante Refugien und haben vielen Menschen – meine Klasse und mich eingeschlossen – eine gewinnbringende “Jugend” eröffnet.

Ich bin jedenfalls – wie gesagt - den Menschen, die mich während dieser Zeit begleitet haben, sehr, sehr dankbar und wünsche ihnen alles Gute, wo immer ihre Wege noch lang- und hinführen mögen!

1. Juli 2010 at 11:06 nachmittags 9 Kommentare

Steiner = Jesus. Ein Gott, seine Gläubigen, die Ketzer und ein “trojanisches Pferd”

In meinem vorletzten Artikel habe ich versucht, dogmatische und absolutistische Positionen einer anthroposophischen Heilslehre aufzuzeigen (Ahriman, Avitchis und die Apokalypse). Diesmal möchte ich deren Weiterbildung nach Steiners Tod skizzieren, v.a. betreffend die Person Rudolf Steiners und deren Verklärung zu einem “Meister”, “Eingeweihten”, Propheten – oder gar zu Jesus selbst (I.1-7). Außerdem werde ich an zwei von mir öfter erwähnten Beispielen, dem Historiker Helmut Zander (vgl. Zander als Gewährsmann) und der Zeitschrift Info3, darstellen, wie aus dieser absolutistischen Weltsicht heraus vermeintliche GegnerInnen ausgemacht und verteufelt werden (II.1-2).

Der Artikel ist mal wieder sehr lang, aber mit zahlreichen Unterüberschriften versehen, die auch in sich verständlich sein müssten…

I.1 Der Sonnenlogos und Meister Steiners Ätherleib

Die Theosophen, v.a. Blavatsky, Sinnet und Olcott, glaubten sich von uralten, mächtigen Wesenheiten gelenkt, die ihnen regemäßig Briefe schrieben und damit spirituell instruierten (vgl. zu Blavatskys “Mahatma” Karl H. Frick: Licht und Finsternis, Marix Verlag, Wiesbaden 2005, Bd II, 260 ff.; zum Mythologem der Meister und seiner Brauchbarkeit für reaktionäre Propaganda Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne (2005), Marix Verlag 2009, aus dem Englischen von Ulrich Bosier u.a., S. 170f., 180f.) Diese Wesen seien vor Jahrhunderttausenden magische Priesterkönige der versunkenen Lemurier gewesen und nun sog. Mahatmas, Meister der Menschheitsentwicklung. Ihre Namen waren Koot Hoomi, Morya, Jesus, Hilarion, Saint Germain (bzw. Christianus Rosenkreutz), Paul der Venezianer und der Inder Narayan. Sie lebten dem Vernehmen nach im Himalaya.

Die Theosophen glaubten, Morya und Koot Hoomi hätten 1875 die Gründung der Theosophical Society bewirkt. 1896 habe Meister Jesus sich bereit erklärt, zu kooperieren, und habe einen Teil der “Esoterischen Schule” innerhalb der TS übernommen.

Das Septagramm als Symbol für das Mystische Lamm (als Symbol für Jesus/Steiner etc.)

Das Septagramm als Symbol für das Mystische Lamm

Der AnthroposophInnen-Urvater Rudolf Steiner galt nach seiner Kehre zum “esoterischen Christentum” 1906 als hoher “Eingeweihter der Rosenkreuzer”, ja teilweise wurde er selbst als “Meister” oder gar als Gefäß für Christus verehrt (zu Steiners Aussagen über seinen eigenen “Meister” vgl. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, I, S. 555).

Der prominente Theosoph Wilhelm von Hübbe-Schleiden, der Steiner früher und später sehr skeptisch gegenüberstand, schrieb an Steiner am 4. Juli 1911, dass der “Christusgeist” durch ihn spreche – und Steiner hat dem nicht widersprochen (Der Brief ist veröffentlicht in Klatt: Theosophie und Anthroposophie. Neue Aspekte zu ihrer Geschichte aus dem Nachlaß von Wilhelm Hübbe-Schleiden (1846–1916) mit einer Auswahl von 81 Briefen, Göttingen 1993, S. 103 und im Anhang, Nr. 39). Hübbe-Schleiden schrieb an die Theosophische Generalsekretärin Annie Besant von Steiners Konzept über das “Wiedererscheinen Christi in der Ätherwelt”:

“…after his [Steiners] death, the Sunlogos-Christ-Spirit will then use his (Steiners) etheric and astral bodies for his remanifestation analogously like this ‘Christ’ appeared in the form of Jesus to St. Paul on his way to Damascus… If the prophecy will be fulfilled, Steiner would become an avatar of the Sun Logos…” (zit. nach ebd., Brief Hübbe-Schleidens vom 19.07.1911)

Wilhelm von Hübbe-Schleiden (1846-1916), Theosoph

Wilhelm von Hübbe-Schleiden (1846-1916) glaubte, Christus werde sich in Steiners Ätherkörper remanifestieren

In meiner Übersetzung:

“…nach seinem [Steiners] Tod, wird der Sonnenlogos-Christusgeist seine (Steiners) Äther- und Astralkörper für seine Remanifestation in der ätherischen Welt nutzen, genauso wie dieser ‘Christus’ in der Form von Jesus St. Paulus auf seinem Weg nach Damaskus erschien … Wenn die Prophezeiung sich erfüllte, würde Steiner ein Avatar des Sonnenlogos werden…”

Heutige AnthroposophInnen scheinen in der Regel nicht mehr offen derart stolz und voll Sendungsbewusstsein, wenn es um ihren Gründervater geht, zumindest offiziell. Es ist aber überraschend, welche Glorifizierungen Steiner aber auch heute erfährt.

Unter anderem bei Hermann Keimeyer.

I.2 Steiner alias Meister Jesus

“Herr Keimeyer, nach eigenem Bekunden „einer der geringsten Schüler der weißen Meister“, hat eine Reihe prominenter Fürsprecher, z.B. Meister Jesus ( identisch mit Rudolf Steiner), Chr.Rosenkreuz, Maria unter dem Kreuz (identisch mit Marie Steiner, ihr Mysterienname ist Maria Logos)“, aber auch „Gautama Buddha, und Melchisedek (dem Führer des Sonnenorakels der Alten Atlantis, dem Begründer der Gralsmysterien, und der Tafelrunde von König Athurs) , weiter mit dem Ur – Michael, und dem Throne Christus“. Dagegen kommen wir natürlich nicht an, denn wir haben als Referenzen eigentlich überhaupt niemanden.” (so über Keimeyer der Anthroposoph Michael Eggert: Grüße vom Großen Hüter, – Hervorhebungen A.M.)

Keimeyer hält also Steiner für identisch mit Jesus, Marie Steiner für die Jungfrau Maria (die Frage, welche der Zwei Jesusse und Marien aus der anthroposophischen Märchenwelt gemeint ist, beantwortet er aber nicht). Keimeyer erhält seine Botschaften nach eigenem Bekunden durch eine “Eingebung” auf der ätherischen Ebene, d.h. durch eine Art Channeling.

Comic zu Keimeyer von Michael Eggert

Aus diesen “Ätherwelten” erfahren wir Vieles: Steiner wird dort fortwährend gekreuzigt und nimmt dadurch die Leiden v.a. der AnthroposophInnen, aber auch der restlichen Welt auf sich. Wer ihn suche, dessen Seele werde durch die Auferstehung von ‘Rudolf Steiners Geistwesen’ belebt (Rudolf Steiners ständige Kreuzigung…). Diese Sakrifizierung hat offensichtlich ein einziges Ziel: Steiner tatsächlich in den Mittelpunkt einer religiösen Erlösungslehre zu setzen.

Dieser “Steiner” “sagt” durch Keimeyer:

“Die Beurteilungen von Schmidt-Brabant und Günther Röschert rechnen nicht – in gar keiner Weise – mit meinem nachtodlichen Wirken, in diesem Wirken sind voll tätig Christian Rosenkreuz – der einst der Lieblingsjünger des Christus war, ebenso Marie Steiner, die ehemals mit ihm unterm Kreuze stand auf Golgatha. – Jeder Mensch, der meine Schriften und Meditationen mit seinem Herzen durchgearbeitet hat in ehrlicher – selbstlos – selbstbewußt strebender Weise, kann sich aus vorübergehender okkulter Gefangenschaft befreien oder ist davor geschützt, je nach seinem Karma. (…) mein Ichwesen wirkt durch Wesensvervielfältigung – wie ich dies zu meinen Lebzeiten als Rudolf Steiner vom kosmischen Christus geschildert habe.” (Eingebung von Weihnachten 2000)

Bei Lust auf mehr hat Keimeyers Seite mehr zu bieten. Wenn auch ein bunter Vogel, so ist dieser aber doch kein Einzelfall in der Vergötterung Rudolf Steiners:

I.3 Rudolf lebt! oder: Das Mysterium Mosmuller

Für Holger Niederhausen von den “Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners” ist Steiner “der große Eingeweihte des Abendlandes” (vgl. etwa Fußnote 1 hier). Für die niederländische Anthroposophin Mieke Mosmuller, Niederhausens geistige Mater Magna, ganz ähnlich. Sie spricht von Steiner als “dem Meister des Abendlandes”. Wir müssten

“…ihn noch viel größer zu sehen wagen, als er als Rudolf Steiner war. Denn er ist nicht mehr ‘Rudolf Steiner’, kein Mann, keine Frau. Er ist das Wesen, das die menschliche Intelligenz retten muss, sie für die Götter erhalten muss.“ (Mosmuller: Der lebendige Rudolf Steiner, Occident Verlag, Baarle-Nassau 2008, S. 163) Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner, 2008, Cover

Steiners Biographie wird wieder zum Heilsweg verklärt: Der Goethenum-Brand zu einer Folge der Nicht-Erkenntnis der Anthroposophischen Gesellschaft, seine Dissertation “Wahrheit und Wissenschaft” sei ein Novum der Menschheitsgeschichte: Die erste Selbsterkenntnis der Erkenntnis. – Das ist ganz nebenbei so anmaßend wie falsch: Der betonten und stolzen “Abendländlerin” ist entgangen, dass schon im 1. Jhdt n.Chr. der Begriff “Te” in der taoistischen Tradition für “Selbstbeobachtung des Geistes” steht, analoge Aussagen finden sich auch im Zen des 14. Jhdts (vielleicht ist es auch Absicht: die chinesischen Religionen gelten der Anthroposophie ja immerhin als direkt von Luzifer in Gestalt eines Kaisers etabliert, vgl. die irdische Inkarnation Luzifers).

Das Besondere an Mosmuller ist aber, dass sie im Gegensatz zu den meisten oberorthodoxen AnthroposophInnen (ich habe einige erlebt, die meinten, dass Luzifer ihnen darin auflauert) Meditation sehr wichtig findet. Ihre Ergebnisse schöpft Mosmuller aus dem “reinen Denken”, das sie aber als ein “Erleben” schildert. Es habe sie 1987 “überkommen”. Als “Denken” beschreibt sie demnach eine psychische Erfahrung, ein sicher luzides, klar erfahrenes Gefühl, in dem sie sich offenbar Steiner nah wähnte und das sie –  m. E. nach ob der typisch orthodoxanthroposophischen Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen und nicht durch das ICH zu Töten (im Glauben, es würde dadurch ein “Geistselbst”, vgl. Die Mächte des (L)ICH(ts)) - nur als “reines Denken” einordnen konnte. Charakteristisch dafür scheint zu sein, dass mensch sich vermeintlich in “höheren Welten” mit Rudolf Steiner tummelt:

“Wir [können] uns zu ihm wenden und Fragen stellen. Er kann uns Erkenntnisse schenken, wir können Ratschläge im Erkennen bekommen. So wirkt die Beziehung zu seiner Seele. Dazu müssen wir uns zuerst zum reinen Denken hinaufbegeben. Die Art des reinen Denkens müssen wir dann in eine gewisse Ähnlichkeit mit der Arbeit Rudolf Steiners zu bringen versuchen. Man muss sich also im reinen Denken in seine Art einleben. Von da aus muss man sich dann seine eigene Frage anschauen, und im Moment des Anschauens wird schon die Antwort in uns gedacht.” (Mosmuller, a.a.O., S. 180)

So weit, so langweilig. Offenbar hat Mosmullers Meditation also doch nur den Kontakt zu einem vermeintlichen übersinnlichen Steiner, nicht individuelles Erleben u.ä. zum Ziel. Und dieser “Kontakt” wird nicht einmal als Inhalt eines Erlebens, eines Gefühls dargestellt, sondern soll als Denken verkauft werden, “reines” noch dazu. Mosmullers Wertschätzung hält sich wohl deshalb auch unter AnthroposophInnen in Grenzen. Nötig sind zu ihrem “Verständnis” nicht mehr und nicht weniger als emotionale Evidenzerfahrungen. Die hat scheinbar Holger Niederhausen (s.o.), der Mosmuller in zahlreichen regelrecht verblüffenden Aufsätzen geradezu zärtlich als lebendig gewordene Anthroposophie und “reales Mysterium” beschreibt (Der deutsche Geist), und ganze Aufsätze über jede noch so banale und minimale Mosmullerkritik verfasst (…Eine Antwort auf Ramon Brüll).

I.4 Steinergeschnetzeltes oder spirituelle Inflation

Übertroffen werden Mosmullers Connections ins Jenseits jedoch von den kosmischen Einsichten eines Sergej Prokofieff. Der beschreibt in seinem Buch “Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien” (Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1986, aus dem Russischen von Ursula Meuss), Steiner habe seit seiner Jugend den sagenhaften Christian Rosenkreutz als Lehrer gehabt – im physischsten Sinne (S. 59). Und nicht nur das: Der nathanische Jesus (Ahriman, Avitchis und die Apokalypse), der durch Paulus Lukas zum Verfassen des Lukasevangelium inspiriert habe, habe auch Steiner angeregt, sein fünftes Evangelium (GA 148) zu predigen (S. 86ff.). Er sei außerdem (“das ist eine reale okkulte Tatsache”) des “Erzengels Michael rechte Hand gewesen.” (S. 113). Und auch damit nicht genug:

Das, was der Christus für die ganze Menschheit tat, als er ihr Karma auf sich nahm, das tat Rudolf Steiner für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft als ein wahrer Schüler des Christus Jesus auf der Weihnachtstagung. (…) Dessen sollte sich jedes Mitglied der Gesellschaft bewusst sein.” (S. 129 – kursiv im Original)

Prokofieff: Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien, Cover

Vielleicht ließe sich der immer maroder werdende Haushalt der Anthroposophischen Gesellschaft (Kulturfaktor mit Eintrittskarte?) ein wenig aufpäppeln, wenn mensch Mitgliedsanträge als Ablassbriefe in obigem Sinne verkauft? Prokofieff kommt diese Gedanke nicht, dagegen weiß er noch mehr tolle Sachen, die Rudolf Steiner gemacht hat: So habe ein Boddhisatva 1902/03 Steiners Astralleib durchdrungen, der sei dadurch zur “Jungfrau Sophia” geworden (S. 71), sein Ätherleib dagegen sei (wieder unter Hilfe des nathanischen Jesus) als “Opfertat” dem ersten Goetheanum einverleibt worden (S. 103. Bedauerlich, dass es abgebrannt ist), sein “Ich” habe Steiner an Christus geopfert (S. 61), als “erster” Mensch überhaupt habe Steiner der Menschheit den Weg zum “hohe[n] Kollegium der Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen” gebahnt (S. 203 – auf die “Meister” der TheosophInnen geht Prokofieff nicht ein, er glaubt letztere lediglich von “okkulten Bruderschaften” verführt. Zum Mythologem der “Meister s.o.) und noch vieles, vieles, vieles, vieles mehr. Und nicht vergessen:

“Bei der oben angeführten Darstellung dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass durch Rudolf Steiner so verschiedenartige und so hohe geistige Kräfte und Menschheitsführer wirken. In seinem Falle ist es nicht nur möglich, sondern völlig unumgänglich.” (S. 397)

Achso. Ja, ganz klar. Mir drängt sich allerdings eher der Eindruck auf, dass dieser Phantasie einer aurischen Zerstückelung durch höhere Wesenheiten ein Wunsch oder Bedürfnis des Autors zugrundeliegt. Es scheint, als habe es hier jemandem nicht mehr gereicht, Steiner zu verehren oder “bloß” zur “Intelligenz” im Dienste der Götter zu erklären (Mosmuller), er musste Steiner sukzessiv alle anderen ihm wertvollen Geister und Mythengestalten wesenhaft eingliedern. Ein Vorgang, der in meinem Empfinden einer spirituellen Inflation gleicht (Zu Prokofieff gibt es auch anthroposophieintern einige Kritik: Irina Gordienko schrieb ein ganzes Buch darüber, vgl. zur Debatte lochmann-verlag.com).

1.5 “…Fähig, ihn zu verkünden.”

Auch der prominente Basler Anthroposoph und für seine philosophischen Essays ausgezeichnete ehemalige Philosophieprofessor Karen Swassjan gerät beim Anblick von Steiners Nachlass in Verzückung: “Der Eindruck ist ein solcher, als handelte es sich um die Leistungen und Errungenschaften einer ganzen Kultur” (Karen Swassjan: Aufgearbeitete Anthroposophie, Verlag am Goetheanum, Dornach 2007/8, S. 25). Bei aller Kritik und trotz seiner Vermessenheit muss ich Swassjan Intelligenz, Biss, einen sehr eigenen philosophischen Ansatz und einen ungeheuer vergnüglichen, kauzigen Humor zu Gute halten, der das Lesen seiner verschriftlichten Gedankengänge weitaus angenehmer macht als die vieler anthroposophischer PublizistInnen.

Steiners Person und Werk scheinen ihm allerdings – und nicht einmal, wie bei Prokofieff, durch Einfluss höherer Wesen aus der theosophischen Puppenkiste, sondern aufgrund seiner angeblichen eigenen Kraft und Macht – als einzigartig und weltgeschichtlich:

„So wie die Physik eine Disziplin ist, deren Objekt Natur heißt, ist die Anthroposophie eine Disziplin, deren Objekt Rudolf Steiner heißt.“ (S. 13)

Lorenzo Ravagli, heute meist als Hardcore-Apologet unterwegs, hat zu einem früheren Buch von Swassjan (“Abendmahl”) treffend geschrieben:

“Meine erste Reaktion war, das Buch wieder zuzuschlagen. Ich dachte, das kann nicht ernst gemeint sein. Ich dachte, das kann doch ein Autor am Ende des 20. Jahrhunderts – nach einem solchen Jahrhundert! – nicht schreiben. (…) Aber dann begriff ich, daß ich dem Geburtsakt des anthroposophischen Katholizismus beiwohnte (…) Die anthroposophische Bewegung hat ihren Gott und Rudolf Steiner seinen Propheten gefunden. Der Gott heißt RUDOLF STEINER und sein Prophet heißt KAREN SWASSJAN.

Ich las die Passage wieder und wieder: ohne Zweifel, da stand wirklich, was ich gelesen hatte. Swassjan schreibt und inzwischen bin ich zur Überzeugung gelangt, daß er auch glaubt, was er schreibt: Er schreibt, daß mit der Niederschrift der Philosophie der Freiheit sich ein Gott offenbart habe und der Name dieses Gottes lautet RUDOLF STEINER (die Kapitale verwendet Swassjan an der zitierten Stelle wirklich!) Er schreibt, daß die Weltschöpfung seit der Philosophie der Freiheit den einzigen Verantwortlichen kenne: den “frei denkenden und frei handelnden Menschen”, daß aber nicht wir damit gemeint seien, sondern “nur Rudolf Steiner”. Rudolf Steiner ist also, wenn ich Swassjan richtig verstehe, der einzige frei denkende und frei handelnde Mensch. Aber Swassjan ist fähig, ihn zu verkünden.” (Ravagli: Anthroposophischer Katholizismus - Hervorhebungen A.M.)

Karen Swassjan

Karen Swassjan (geb. 1948)

In einer Antwort auf Ravaglis obigen Text versuchte Swassjan nicht etwa, Ravagli eine Falschdarstellung nachzuweisen, sondern ein Missverständnis der Person, nein des “Ereignisses Rudolf Steiner” und der Anthroposophie, die schließlich nicht weniger als “persönliche Sorge des Herrn des Karma” (i.e.”des” Christus) sei, sowie ein Missverständnis seiner “ersten Reaktion” (das Buch zuzuschlagen). Bei diesem “Erschrecken” habe es sich um die okkulte “Luftprobe” gehandelt, bei der der Geistesschüler durch ein Erschrecken vor dem Mysterium neue Organe geistigen Erkennens ausbilde. Ravagli habe sie traurigerweise “so billig versteigert” (Swassjan: Anthroposophischer Journalismus).

Mehr zu Swassjan siehe unten (1.7; II.1).

I.6 Steiners Dornenweg

Die heute vom Rudolf Steiner Verlag herausgegebene Form von Steiners unvollendet gebliebender Autobiographie “Mein Lebensgang” endet mit einem Nachwort von seiner Frau Marie Steiner-Von Sivers, das einen ähnlich verklärenden Standpunkt einnimmt. (Dornach, 1983, S. 350 – Hervorhebungen A.M.)

“Man hat sein [Steiners - A.M.] ganz dem Opferdienst der Menschheit geweihtes Leben mit unsäglicher Feindschaft vergolten; man hat seinen Erkenntnisweg in einen Dornenweg verwandelt. Er aber hat ihn für die ganze Menschheit durchschritten und erobert. Er hat die Grenzen der Erkenntnis durchbrochen: sie sind nicht mehr da. Vor uns liegt dieser Erkenntnisweg in der kristallklaren Helle der Gedanken, von der auch dieses Buch Zeugnis ablegt. Er hat den menschlichen Verstand zum Geist emporgehoben, ihn durchdrungen, verbunden mit der geistigen Wesenheit des Kosmos. Damit hat er die größte Menschentat vollbracht. Die größte Gottestat lehrte er uns verstehen. Die größte Menschentat vollbrachte er. Wie sollte er nicht gehaßt werden mit aller dämonischen Macht, deren die Hölle fähig ist? Er aber hat mit Liebe vergolten, was an Unverständnis ihm entgegengebracht worden ist.”

Marie Steiner - von Sivers

Marie Steiner - von Sivers (1903) - wusste sich mit einem kosmischen Propheten vermählt

Hier ist von Steiners angeblichen geistigen Taten und Errungenschaften die Rede als von religiösen, heilsgeschichtlichen Tatsachen. Er habe die Grenzen der Erkenntnis durchbrochen, d.h. die Grenzen zur “Geistigen Welt” eingerissen, er habe den menschlichen Geist mit dem Kosmos verbunden. In einem auf diese Zeilen folgenden Gedicht wird die AnthroposophInnenschaft zur Nachfolge aufgerufen, aber nicht dazu, es ihm gleich zu tun, sondern, sich ihm anzuvertrauen:

“…Weil seine Größe sich dem Maß entzog,

so trug er uns, und uns verging der Atem

beim Folgen seiner Schritte, bei dem Fluge, der uns hochriss…”

Steiner wird als Führer “zum Ich, zum Christus” benannt, mit Prometheus verglichen und mit Sokrates, der ja bekanntlich für seine aufklärerischen Reden den berühmten “Schierlingsbecher” trinken musste. Mir ist nicht bekannt, dass dieser Verklärung von Steiners Person jemals anthroposophischerseits etwas entgegengesetzt worden wäre (Eine Kritik am “Gesäusel”, dass “unter Steiners Witwe angefangen” habe, lieferte immerhin der Münchner Anthroposoph Walter Beck, vgl. Peter Brügge: Die Anthroposophen, Spiegel-Buch, Rowohlt Verlag, Reinbek 1984, S. 46). Steiners “Lebensgang” schließt jedenfalls seit 1925 mit dieser Heiligsprechung.

I.7 “Epidemisches Urvirus”

Sicher haben nicht alle AnthroposophInnen eine derartige Heiligsprechung versucht. Manche wehrten sich sogar explizit dagegen. So hat Albert Steffen bereits am 26. Mai 1935 in sein Tagebuch geschrieben:

“Aber wir in Dornach sind nicht dazu da, Lehrstühle für Dr. Steiners Erkenntnisse einzurichten, sondern selbst zu erkennen und zu schaffen. Die geistige Welt wandelt sich (…) Das Eingeständnis des Nicht-Erkennenkönnens (d.h. die Behauptung, Rudolf Steiner wäre der einzige Geistesforscher) würde das Ende von Dornach sein. Nichts ist abgeschlossen, das will ich all denen immer wieder sagen, welche stille stehen wollen.”

Albert Steffen

Albert Steffen, Anthroposoph (1884-1963)

In einem Buch des anthroposophischen Wortführers Karen Swassjan, der Steiner für eine Offenbarung des christlichen Gottes selbst erklärte (s.o.), heißt es 2008 dazu:

“In einer Geschichte der Anthroposophie (…) wird diesen Sätzen der prioritäre Platz eines Brutherdes eingeräumt werden, von dem aus der ganze Schlamassel [eine "Pluralisierung" der Anthroposophie - A.M.] seinen Anfang nahm. Sie stellen den Urvirus einer Krankheit dar, die derzeit beinahe epidemisch geworden zu sein scheint” (Swassjan, a.a.O., S. 129)

Karen Swassjan: Aufgearbeitete Anthroposophie - Bilanz einer Geisterfahrt, Cover

Diese Sätze blieben bisher nicht nur unwidersprochen, vielmehr machte z.B. auch die liberale anthroposophische Zeitschrift Info3, deren Kurs ja eigentlich ganz dem von Steffen geforderten ent- und dem von Swassjan gepredigten völlig widerspricht (s.u.), auf der Rückseite ihrer Januar-Ausgabe 2008 in DIN A4-Größe Werbung für dieses Pamphlet.

II.1 Denunziation von KritikerInnen

“Wesentlich für eine Sekte ist, daß sich Menschen um bestimmte Vorstellungen gruppieren, (…) denen gegenüber sie sich verantwortlich fühlen. (…) Schließlich ist es nicht die Schuld der Gemeinschaft, die das heilige Feuer hütet, daß die Außenwelt nicht an den Segnungen dieses Feuers teilhaben will. Es ist vielmehr die Schuld der Außenwelt und vor allem der Menschen, die sich in dieser Außenwelt bewegen (…) Jene Menschen, die außerhalb stehen, führen im allgemeinen nichts Gutes im Schilde. Sie sind der eigenen Gemeinschaft feindlich gesonnen, wollen ihr das Feuer rauben, von ihrer schützenden Höhle Besitz ergreifen usw.” (Ravagli: Anthroposophische Mythologeme - Hervorhebungen A.M.)

Opfer dieser fundamentalistischen Haltung werden natürlich vor allem diejenigen, die sich in der “Außenwelt” mit der Anthroposophie auseinandersetzen.

Zander: Anthroposophie in Deutschland, Cover

Ich wähle hier als eines von vielen Beispielen, weil es mir sehr gut bekannt ist, den Historiker Helmut Zander, der in seinem von mir so oft zitierten, der Anthroposophie sehr entgegenkommenden Buch “Anthroposophie in Deutschland” eine historische Einordnung Steiners versuchte und sogar wegen seiner positiven Einschätzung einiger anthroposophischer Praxisfelder von vielen AnthrogegnerInnen gescholten wurde (v.a. bei NWA, vgl. auch Zander als Gewährsmann II). Zanders Buch wurde von orthodoxen AnthroposophInnen natürlich als reine Blasphemie betrachtet. Ich liste illustrativ einige Beispiele auf:

  1. Zander wurde im Wochenblatt “Das Goetheanum” als “Trojanisches Pferd” des Intellektualismus bezeichnet, das eine Schwächung des anthroposophischen Herzens ausnutze (Bernhard Steiner).
  2. Im “Nachrichtenblatt für Mitglieder” der AAG wies Sergej Prokofieff (s.o.) seine GlaubensgenossInnen darauf hin, dass Zander gar “die schriftstellerische Tätigkeit Ahrimans, der heute seine Inkarnation auch dadurch intensiv vorbereitet” betreibe. Soll heißen: Zander arbeite für den Dämon der Finsternis. “Deshalb erscheint dieser Aufsatz im ‹Nachrichtenblatt›, das nur für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bestimmt ist, die auch von einer solchen Beurteilung des Zander-Buches Kenntnis bekommen müssen.“ (Sergej Prokofieff: Blick auf die Gegnerschaft, in: Anthroposophie weltweit, 26.11.2007, ausführlich zitiert in einer Antwort auf NWA).
  3. In einer Kundenrezension auf amazon.de heißt es: “Wenn man Helmut Zander zum Kenner und Spezialisten für Anthroposophie kürt, darf man im Umkehrschluss Adolf Hitlers “Mein Kampf” als das Fundamentalwerk deutscher Geschichtsschreibung bezeichnen.”
  4. Karen Swassjan (s.o.) musste Zanders Buch wohl als Sünde gegen die Gottheit erscheinen. Er verfasste eine Antwort, die ursprünglich ebenfalls 2000 Seiten umfassen und “Rekonstruktion eines Hasses” heißen sollte, entschied sich aber für eine kürzere Version mit dem Titel “Aufgearbeitete Anthroposophie – Bilanz einer Geisterfahrt” (a.a.O.). Swassjan meint zunächst, dass es Zander “nicht um die Diskreditierung des Hellsehens und höherer Erkenntnisse als solcher geht, sondern einzig um die Denunziation Rudolf Steiners (…) unter (…) forschungsanalytischer Tarnung.” (S. 81). Auf 190 Seiten lässt Swassjan sich aus, Zander habe “eine Vernichtungswut, wie sie sich so nur bei recht wenigen Gegnern Steiners (…) finden lässt, bei keinem aber dermaßen exorbitant und silbenstecherisch. (…) Ein Amokläufer (natürlich en lettres) in der Maske des respektablen Forschers, oder – punktgleich – umgekehrt…” (S. 24f. – Hervorhebung A.M.).
  5. Lorenzo Ravagli schließlich (siehe auch oben) veröffentlichte 2009 sein Opus “Zanders Erzählungen” (Berliner Wissenschaftsverlag, 2009, vgl. dazu kritisch Leitmotiv Zertrümmerung, Ravagli, die Rassen und die Rechten). Es sei, heißt es da, “offensichtlich”, “dass Zander (…) trotz seiner katholischen Vergangenheit, einem marxistisch inspirierten, historischen Materialismus verpflichtet ist…” (S. 35). Marxismus und Materialismus sind natürlich Attribute des Dämonen Ahriman. (vgl. auch Andreas Lichte: Kampf bis zur Erleuchtung)

Helmut Zander (in einem Fernsehinterview am 15.02.2009, "Sternstunde Philosophie", Schweizer Fernsehen)

Religionswissenschaftler Helmut Zander, für einige AnthroposophInnen ein "Trojanisches Pferd", in dem Dämon Ahriman sitzt.

Ich kann natürlich verstehen, wenn AnthroposophInnen sich gegen ihre recht zahlreichen KritikerInnen und erst recht die oft unseriösen oder zumindest polemischen Angriffe von AnthroposophiegegnerInnen verteidigen, Pro und Contra gehören zu einem Diskurs (nur deswegen ist es ja einer) – aber solche Hetzschriften sind nur zu deutlich aus einer aufgebrachten dogmatisch-religiösen Haltung, der es um nichts anderes als Abwehr und (womit auch immer provozierten) Revanche geht, entstanden (eine zwar inhaltlich deutlich kritische und in Teilen apologetische, aber fair bleibende Auseinandersetzung mit Zanders Analyse von Steiners Dreigliederungsmodell lieferte dagegen Christoph Strawe: “Zanders Missverstehen der sozialen Dreigliederung” in: “Rundbrief Dreigliederung”, 04/2007, S. 5-15; zu den Chancen einer historisch-kritischen Beschäftigung mit Steiner hat sich Ralf Sonnenberg geäußert, vgl. Und sie bewegt sich doch; siehe konstruktiv-kritisch aus anthroposophischer Perspektive auch die Besprechung des Zander-Buches von Rahel Uhlenhoff).

II. 2 Info3 – Stimmrohr der Ketzer

Jede fundamentalistische Religion hat natürlich neben der feindlich indoktrinierten Außenwelt auch ein paar interne Ketzer. Um ein Bild zu benutzen: Was die Kirchenväter an Gift und Galle gegen die PhilosophInnen und ProphetInnen der gnostischen und judenchristlichen Sekten und Bewegungen ausspien, findet in der Reaktion vieler AnthroposophInnen auf den Kurs der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog eine Entsprechung innerhalb der anthroposophischen Szene (Natürlich steht Info3 nicht isoliert im anthroposophischen Kontext, so werden etwa gemeinsam mit der Zeitschrift “Das Goetheanum” seit 2007 die “infoseiten Anthroposophie” herausgegeben, was einigen ein Ärgernis ist, vgl. infoseiten Anti-Anthroposophie? und “…Der Fluss, in den man nicht zweimal einsteigen kann”). Ich widme mich wieder ein paar exemplarischen Begebenheiten.

Hermann Keimeyer etwa bekam am 12.07.2005…

“…von der Michaelsmacht an sich, also dem Zeitgeist Michael, die Aufforderung die Empfänger des Textes:

„Ist die Zeitschrift Info 3 wiedersacherlich?“ In seinem Namen darauf hinzuweisen, dass sie diesen Text prüfen mögen, ob sie ihn als Inserat und als Daueraushang an ihrem Anschlagbrett in ihren anthprosopischen Zusammenhängen, öffentlich machen wollen.

- Ende der Michaelseingebung.” (Ist die Zeitschrift Info 3 wiedersacherlich?)

Ich würde bei aller Verstiegenheit des entsprechenden Artikels annehmen, dass Keimeyer das ernst meint. Auch Christian Rosenkreuz, und “Meister Jesus, d.h. Rudolf Steiner” teilten diese Meinung und verlangten zusammen mit Erzengel Michael “an sich” und ihrem “Schreiber” Keimeyer, Info3 aus der Anthroposophischen Gesellschaft auszuschließen (ebd.).

Der Hl Michael stürzt Satan

Erzengel Michael. Warf im November 1879 den Dämon Ahriman aus dem Himmel und forderte am 12.07.2005, info3 aus der Anthroposophischen Gesellschaft auszuschließen

Aufhänger war hier der Artikel “Rudolf Steiner integral” von Felix Hau. Felix hat dargestellt, dass Steiners erste meditative Erlebnisse (mit 19 lebte der sich in Schellings Beschreibung eines universellen ICH hinein) nichts mit dem Christentum oder theosophischen Theorien über Ätherleiber und Jesusknaben zu tun hatten. Damit zerpflückte er auch das anthroposophische Mythologem von einer “Meisterbegegnung” Steiners (s.o. und bei Prokofieff). Das dürfte bei vielen AnthroposophInnen eine Art Schockerlebnis ausgelöst haben, allerdings nicht so sehr wie das Fazit, dass Steiners Äußerungen über besagte theosophische Weltanschauungselemente nur über seine ICH-Erfahrung übergestulpt gewesen seien (vgl. zu einem Ähnlichen Urteil mit anderer Bewertung Die Mächte des (L)ICH(ts)).

Die Reaktionen blieben nicht aus. Nicht nur Keimeyer, Mosmuller oder Niederhausen echauffierten sich über den Artikel. Ein formelles Gespräch zwischen Info3 und offiziellen Vertretern der Anthroposophischen Gesellschaft und der Christengemeinschaft wurde anbeordert und das “Nachrichtenblatt für Mitglieder” der AG titelte:

Prokofieff vs Info3

Sergej Prokofieff wies im anthroposophischen "Nachrichtenblatt" Felix' Artikel "auf das entschiedenste" zurück

Eine Art versuchter Zensur im Nachhinein?

Ein weiterer Stein des anthroposophischen Anstoßes ist Info3-Redakteur Sebastian Gronbach, über dessen gern “provokanten” und darin nicht selten politisch unkorrekten Ton sich übrigens auch AnthroposophiegegnerInnen gern und auch oft nicht zu Unrecht echuaffierten (polemisch dazu NWA: Mütter und Helden und ebenso polemisch die Antwort von Felix Hau: Mütter und Helden, ausgezeichnet finde ich persönlich dagegen seine Beschreibung der anthroposophischen Betonfraktion, vgl. Der Schatten einer Seifenblase).

Sebastian deutet Götter, Engel und höhere Welten Steiners oder der religiösen Traditionen als Symbol oder “Träger” für eine konkrete Erfahrung, die nicht an sich, nur im Bewusstsein der Menschen, die mit ihnen etwas anfangen können, überhaupt etwas bedeuten (ergo: “Weil Inhalt Form und Form Inhalt ist, wirkt ein Inhalt, der an veraltete Formen gebunden ist, heute uneffektiv und repräsentiert nicht mehr, was er einmal sein wollte.” Gronbach: Missionen, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008, S. 94-100, er beruft sich dabei auf ein paar Äußerungen des jungen Steiner, vgl. Spirituelle Grundlagen). Ich stimme dem in Bezug auf Mythen und Religionen zu, eine solche Steiner-Deutung widerspricht aber natürlich völlig dessen Anspruch auf historische Authenzität seiner Ausführungen über Planetenorakel, Erdinkarnationen u.ä. Und das hetzte die anthroposophische Inquisition auf.

“Gronbach” ist für viele Anthros ein Schlagwort für eine “trivialisierte”, “popularisierte” Form der ach so hochgeistigen, avantgardistischen “Geheimwissenschaft” Anthroposophie.

Sebastian Gronbach

Sebastian Gronbach - Was meinen Sie: info3-Redakteur und "integraler" Anthroposoph oder ein Asura, der auf die Zerstörung des Ich hinarbeitet?

Besonders sein Widerspruch gegen die Absolutheit des Christusmythologems brachte die anthroposophischen Gemüter in Wallung. Mosmuller etwa ist der Meinung, dass er mit Wilber in das Reich Luzifers entschwindet. Andere fanden, dass er inspiriert von oder gar ein leibhaftiger Asuras sei (mündlicher Hinweis von Sebastian am 21.09.09, die Asuras wollen nach Steiner seit 1998 das Ich zerfressen, vgl. Ahriman, Avitchis und die Apokalypse) Holger Niederhausen hält ihn für einen “Gegner der Anthroposophie”. So zärtlich er Mosmuller beschreibt, so zornig scheinen seine Artikel zum “Anti-Anthroposophen Gronbach”.

Niederhausen hat eine ganze Reihe von Artikeln zu Gronbach & Info3 geschrieben, in denen von den “Totengräbern” der Anthroposophie der Rede ist. Besonders die hochorthodoxe Zeitschrift “Der Europäer” titelt gern und regelmäßig gegen Info3 (Die Grenzen der Toleranz, Anthroposophie als “williges Mädchen” für alles?, “Seid gewärtig, dass ihr durch eure Worte Bösewichter erzieht” u.v.a.), “Das Goetheanum” tut das indirekt durch Kritik an Ken Wilber (vgl. Fritz Frey: “Hierarchien und Holarchien. Ken Wilber und die Anthroposophie”, Das Goetheanum 16/2008, S. 7f.) mit dessen auch meiner Ansicht nach äußerst brauchbaren “integralen Ansatz” info3-Redakteure seit Jahren “im Dialog” stehen. 

Meine eigene Kritik an info3 ist umgekehrt v.a. die, dass der grundsätzlich begrüßenswerten Suche nach einer “modernen Anthroposophie” kaum oder zu wenig Positionierungen zu problematischen Positionen Steiners vorangehen (Mal wieder ein bisschen Geschwelge). Ich will mich jetzt hier nicht über die Kompatibilität von Anthroposophie und Integralem Ansatz äußern. Ich kann mit der einen in “spiritueller” Hinsicht so wenig anfangen wie ich den anderen interessant finde – und kann mir umgekehrt vorstellen, dass Mosmuller, Keimeyer und Niederhausen ihn schlicht nicht verstehen (das aktuelle Buch von Mosmuller: “Arabeske”, zeigt etwa, dass sie sich den Integralen Ansatz zum Versuch einer “holarchischen” Kontextualisierung und Dekonstruktion von so ziemlich allem bis zur Auslöschung jeder Individualität zurechtmeditiert, eine Weltsicht, die Wilber übrigens als “Quadrantenabsolutismus” einer “übertriebene[n] Systemtheorie” verworfen und niemals propagiert hat, vgl. Wilber: Integrale Vision, Kösel, München 2009, S. 149, ders. Eros, Kosmos, Logos, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2001, S. 171ff.).

Mosmuller: Arabeske, Cover

Eine Reihe treffender Kritiken zu Wilber hat dagegen Frank Visser vorgelegt. Mit den Aktivitäten des Info3-Dunstkreises werden aber, egal, wie mensch dazu steht, scheinbar erfolgreiche Versuche unternommen, v.a. Steiners Früh-, aber auch Spätwerk aus der Sicht des “integralen Ansatzes” zu interpretieren und für eine postmoderne und post-postmoderne Weltsicht fruchtbar zu machen (wenn auch manche Versuche ernsthaft danebengehen; vgl. Ausrutscher oder Rassenlehre?). Zu dieser Entwicklung, sowie Wilbers Ansatz überhaupt hat inzwischen auch die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Religionen und Sekten mit angenehm wohlwollender Akzeptanz Stellung genommen und angesichts der “integralen” Christentumskritik die Kompatibilität des integralen Bewusstseinskonzepts mit einem christlichen Glauben betont (Michael Utsch: Evolution des Bewusstseins?, Fußnote 11) – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass mensch Wilber und Info3 nicht trotzdem weiterhin auch kritisch kommentieren kann und sollte.

III. Wenn und Aber

Der Glaube an manifeste, in Wirkungsort und -Zeit eindeutig datierbare Engel, Dämonen und Götter, die für kosmische Größen stehen, sich aber im unmittelbaren eigenen Umfeld direkt verkörpern, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Er steht für eine bestimmte, sog. magische Weltsicht (vgl. Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart I, Novalis Verlag, Schaffhausen 1986, S. 87-106) wie sie auch im Heiligen- und Ablasskult des Spätmittelalters, bei vielen Naturvölkern, in manchen Versionen des hinduistischen Avatar-Mythologems oder den Ritualen um “Gottkönige” der Alten Hochkulturen auffindbar wäre. Der Glaube an Rudolf Steiner als Heiligen, als Reinkarnation Jesu, als Opferlamm für den ätherischen Christus und was sonst noch ist eben eine religiöse Götterverehrung vor einer Art von “Reformation”. Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe:

Dabei handelt es sich aber definitiv um keine “Wissenschaft”, auch keine, die sich mit den Präfixen “Para-”, “Pseudo-” bezeichnen lässt. Es handelt sich um eine Religion, die sich um die Heilsvorstellungen einer bestimmten Person – Steiners – gruppiert und diese in ritualisierter Form nachlebt. Und das ist ja grundsätzlich und in Gänze legitim!

Hochproblematisch wird es allerdings, wenn sich diese dogmatische Tradition als Avantgarde der menschlichen “Bewusstseinsentwicklung” oder besonders innovativer Faktor in wissenschaftlichen oder kulturellen Disziplinen und Wirkungsbereichen wähnt und als solcher auch von außen gehandelt wird (vgl. illustrativ zu einer Lehrerin an einer heilpädagogischen Waldorfschule in Wuppertal, die zwei prügelnde Kinder durch einen Zauberspruch zu bannen suchte Fritz Beckmannshagen: Rudolf Steiner und die Waldorfschulen, Sievers Verlag, Wuppertal 1984, S. 28).(Ahriman, Avitchis und die Apokalypse)

Von diesem magisch-mythisch-wörtlichen Glauben sind natürlich einige AnthroposophInnen auszunehmen, ich denke beim Schreiben ganz konkret an die meisten meiner LehrerInnen, die vom magischen “Wesenszoo” der Anthroposophie oft nicht viel wissen oder sich zumindest bewusstseinsmäßig weitab davon bewegen. Und auch manche offizielle VertreterInnen einer sog. Anthroposophie haben damit wenig am Hut:

Wenn etwa der oben behandelte Sebastian Gronbach Steiners Heilslehre nur und ausschließlich als “symbolisch für etwas” verstanden haben will. Oder wenn Otto Schily in seinem Vorwort zu Steiners Kernpunkte[n] der sozialen Frage” 1996 Steiners autoritäre Töne übersprang und diese stattdessen als Aufforderung zur “Einübung eines realitätszugewandten Denkens” deutete (S. 167). Oder wenn anthroposophische UnternehmerInnen wie Götz Werner sich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen, WaldorflehrerInnen wie Rüdiger Iwan für eine methodische (nicht theologische) Umorientierung des gesamten Bildungssektors bemühen (Versteinerung und Innovation, Der Schatten einer Seifenblase, Schule für Menschen).

Aber wenn in einem nach wie vor vom “Bund des Freien Waldorfschulen” vertriebenen Buch über Steiners “Volksseelen”-Lehre steht, dass diese “die Erkenntnisse des Genomprojekts (der weltweiten Kartienrung der genetischen Merkmale der Menschheit) in einer erstaunlichen Weise vorwegnimmt.” (Bader/Ravagli: Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit, Stuttgart 2002, S. 69) oder die Anthroposophische Gesellschaft in ihrem monatlichen Mitteilungsblatt sich 2008 noch als “unsterbliche Gesellschaft” beschwört (Hartwig Schiller: Die unsterbliche Gesellschaft, Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, 10/2008, S. 13f.), sollten auch bei liberaleren AnthroposophInnen langsam mal alle Alarmglocken läuten.

Ausnahmslos jede Auseinandersetzung, die aus anthroposophischen Ideen schöpfen oder sich in positiver Bezugnahme mit diesen auseinandersetzen will, MUSS diese fundamentalistischen Traditionen und ihre inquisitorischen Folgen in Vergangenheit und Gegenwart realisieren, benennen und sich kritisch von ihnen absetzen. (siehe auch und vor allem: Mal wieder ein bisschen Geschwelge)

8. Januar 2010 at 4:35 nachmittags 23 Kommentare

Mal wieder ein bisschen Geschwelge zum “Warum”dieses Blogs

Waldorfschüler

Ich besuche bekanntlich eine Waldorfschule. Das auch sehr gern. Ich hatte ausgesprochen viel Spaß an meiner Acht- und Zwölftklassarbeit (die erste ein Brettspiel, die zweite eine Abhandlung über den Ursprung von Sexismus, Rassismus und Speziezismus aus der Sicht der Kulturphilosophie von Jean Gebsers und der politischen Philosophie des Poststrukturalismus), noch mehr bei meinen Klassenspielen, und noch viel mehr auf der Abschlussfahrt in der 12. Klasse nach Italien. Ich mag viele meiner LehrerInnen gern und viele meine MitschülerInnen noch viel lieber. Und so sehr ich mich auf das Ende meiner Schulzeit freue, ich bin auch froh, all diese Menschen zu kennen und noch um mich zu haben.

Eigene Gedanken?

Da erscheint es vielleicht seltsam, dass ich  – als zufriedener Waldorfschüler – mich auf diesem Blog vornehmlich kritisch mit Steiners Anthroposophie und ihren RezipientInnen beschäftige. Zwar sind bisher einige positive Rückmeldungen insbesondere von SchülerInnen an Waldorfschulen zu mir durchgedrungen, auch viele der negativen und kritischen Rückmeldungen sind ziemlich nach meinem Geschmack, etwa Michael Mentzels wahrscheinlich nur allzu gelungene Bezeichnung meiner Person als einer, der “ von Insidern auch schon mal als der Waldorfschüler mit der Lizenz  zum Klugscheißern” bezeichnet würde (TdZ), aber Manches überrascht mich dann doch. So hat Christian Grauer, Philosoph, Info3-Autor und Blogger, letztens zu meinen Darlegungen befunden:

Das sind so oft gelesene Bewertungsmuster, die interessieren keine Sau mehr. Interessanter wären Deine eigenen Gedanken, eine radikale Auseinandersetzung mit Steiner, eine subjektive und individuelle Sicht, gerne auch eine Zurückweisung, wenn sie nicht aus Besserwisserei sondern aus eigenem Erleben stammt. (Christian Grauer, Kommentar 2010/01/04 at 10:33 zu Ahriman, Avitchis und die Apokalypse).

Das hat mich doch arg schockiert. Nicht nur, dass ich meine Ausführungen bisher erst bei wenigen KritikerInnen und bei noch weniger AnthroposophInnen gefunden habe. Ich habe vor allem immer geglaubt, das WÄREN meine eigenen Gedanken, mein eigenes Erleben.

Sie sind es nicht. Persönliche Aspekte sind letztlich unpersönlich. Wer das in seiner ganzen Dramatik erkennt – dauerhaft erkennt – der steigt aus dem Rad des Wirrwarrs, der Egozentrik und des Getrenntseins aus. Er erkennt sich als den Irrtum selbst, wie es Steiner nennt. Er erwacht aus dem Traum und findet sich in der einfachen und klaren Wachheit des einen Selbst wieder. (Sebastian Gronbach: Endlose Kühnheit)

Wo wir das geklärt haben, lasse ich versuchshalber mal ein paar meiner unpersönlichen Gedanken Revue passieren, und zwar der Arbeitsersparnis halber aus einem früheren Artikel:

Steiner hat in nahezu einmaliger Art mit seinem anthroposophischen Gedankensystem eine erstaunliche Vielfalt an Praxisfeldern esoterisch überformt, die noch heute im Wachstum begriffen sind.

Dieser „Schwung“ aber läuft allmählich aus. Nicht nur, dass viele Figuren und Elemente von Steiners „geistiger Welt“ grundlegend im Widerspruch zur heutigen Wissenschaft stehen (Stichwort Atlantis), die anthroposophische Betonfraktion erweist sich auch zunehmend als dem hochgehaltenen Ideal von „Freiheit“ und „Menschlichkeit“ fundamental entgegengesetzt. Das kann nicht nur schlicht gemeingefährlich in den anthroposophischen Praxisfeldern sein, sondern führt auch zu geistigem, idealischem Stillstand. (Spirituelle Grundlagen)

Das finde ich doch weiterhin reichlich einleuchtend. Außerdem lese ich da:

Dass Steiner von seinen eigenen Ideen mit fanatischer Hingabe überzeugt war, ist nicht verwunderlich und ihm im Gegensatz zu vielen obskuren Einzelheiten seines Evolutionskonzepts auch nicht vorzuwerfen (Denn „wer sich seine eigene Weltanschauung erkämpft hat, der drückt sie aus als sein eigenes Sein.“; GA 32, S. 269) Wenn heutige AnthroposophInnen diesen Fanatismus aber forttragen, ertränken sie ihr eigenes geistig-idealisches Potential! Steiner kann sicher Beispiel sein dafür, welche weltschöpferische Kraft unser Denken und Fühlen haben kann, aber auch ein Beispiel, wie Menschen ihre eigene weltschöpferische Kraft in der schillernden Ideenwelt eines anderen verlieren, egal, welchen faktischen Wahnsinn die noch enthalten mag. (Spirituelle Grundlagen)

Was mich stört

Was mich stört, ist demzufolge und bei voller Wertschätzung alles dessen, was meiner Erfahrung nach etwa in den Waldorfschulen gut läuft, was ich ideenmäßig etwa beim Konzept der GLS-Bank oder der Verwaltungsstruktur der “Wala” (nämlich als Stiftung) interessant finde, dass die wenigsten AnthroposophInnen sich realistisch mit Steiner befassen können. Die einen erheben mehr oder weniger alles, was er gesagt hat, zur Religion, einige wenige andere gestehen Irrtümer ein. Noch weniger sehen Steiners Botschaften “höherer Welten” als seine ganz individuellen, gleichnishaften Erlebnisse, die nicht wörtlich genommen sein wollten:

Aber könnte es sein, dass Steiner keine äußere geistige Wirklichkeit beschrieben hat, wie sie sich das naïve, spiritistische Gemüt vorstellt, sondern die Summe der Mythen, Vorstellungen, Ängste und Hoffnungen seiner Zuhörer und der Menschen insgesamt als individualisierte Veranschaulichung der Grundzüge jener moralisch-phantastischen Veranstaltung, die wir menschliche Kultur nennen? (Christian Grauer, 2010/01/02 at 2:08, Kommentar zu Ahriman, Avitchis und die Apokalypse)

“Selbst-Erbauen” und “höhere Erkenntnis”

Das ist eine interessante Frage. Steiner hat selbst in seinem Frühwerk das “Selbst-Erbauen geistiger Welten” u.ä. betont. Sicher hat er auch seinen ZuhörerInnen vieles erzählt, weil er ihnen Dinge spiegeln, sie in ihnen entwickeln und gleichnishaft veranschaulichen wollte. Das sagt er in “Mein Lebensgang” ja selbst:

“Eine Gesellschaft wie die Anthroposophische konnte nicht anders, als aus den Seelenbedürfnissen ihrer Mitglieder heraus gestaltet werden. (…) Dadurch ergab sich eine Gestaltung der Gesellschaft aus Persönlichkeiten, von denen die einen mehr Religiöses, andere Wissenschaftliches, andere Künstlerisches suchten. Und was gesucht wurde, mußte gefunden werden können.” (GA 28, 2000, S. 451)

Aber. Nein: ABER er hat spätestens ab seiner theosophischen Phase auch Sachen von sich gegeben, die schlicht und einfach historische Fakten sein wollen und als solche, um es gelinde zu sagen, doch arg befremden (vgl. Ahriman, Avitchis und die Apokalypse).

Steiners Botschaften von Geistern und Engeln in einem unendlichen, inkarnationsübergreifenden, universalen Geflecht von karmischen Schulden, Planetenkräften, Auren, feinstofflichen Sphären, theosophischen Globen und der Hierarchien ihrer aller Führer und deren Widersacher wirken, jedenfalls, wenn ich sie meditiere, wie ein machtvoller, gefräßiger Zustand völligen kosmischen Umschlungenseins, für den es in der Tat ein allmächtiges, unzerbrechliches ICH, einen allmächtigen, überwältigenden CHRISTUS braucht: Um ihren Bann durch den Gegenbann zu brechen und sie zu durch-ICHen, durch-CHRISTen.

Zwar kann ich einige psychospirituelle Posen, die Steiner in seinen erkenntnistheoretischen Schriften durchaus auch noch der theosophischen Phase einnahm, nachvollziehen und seine “akasha”-chronischen ”Imaginationen” sind für mich meditativ ebenso einprägsam wie  uneinleuchtend und erschreckend. Insgesamt jedoch finde ich Steiners ”Erkenntnisse” symptomatisch, aber nicht sonderlich hilfreich.

Und AnthroposophInnen haben dieses Weltanschauungsgebäude teilweise bis in obskure Details hinein fortgeschrieben und erweitert – ohne dabei Steiner in puncto Meditation oder “Geistesforschung” seit 1925 viel Originelles hinzuzufügen (vgl. etwa Sergej Prokofieff: Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1986), wahrscheinlich überdies, weil bei vielen keinerlei mit denen Steiners vergleichbare meditative Erfahrungen überhaupt vorliegen. Und bei solcher geistloser anthroposophischer Selbstweihräucherungen geht auch genau das zu Grunde, was Anthroposophie dem Anspruch nach befördern will: Individualität, Selbstverwirklichung, ja: Sellbsttranszendenz.

Verlust der Integrität

Diese zentralen und problematischen Tendenzen der Anthroposophie will ich, unter voller Bejahung der Tatsache, dass die anthroposophischen Praxisfelder auch viel Positives hervorbringen, in aller Ausführlichkeit darstellen und kritisieren, solange die anthroposophische Bewegung an ihren überkommenen Mythologemen festhält. Und dazu dieses Blog!

Ich habe nichts gegen “Spiritualität” als solche, ich meditiere vielmehr selbst und identifiziere mich mit vielen Gedankengängen vor allem – wie schon so oft hier erwähnt – Jean Gebsers und der chinesischen Mystik und Philosophie (und da wiederum vor allem nach dem Tao Te King), ich nehme es auch, und das will ich nochmal ganz klar betonen, niemandem übel, wenn er/sie sich als AnthroposophIn bezeichnet und daraus Positives für seinen/ihren Lebensalltag zieht!

Aber dem muss in meiner Perspektive eine unzweideutige und klare Distanzierung von den vielen üblen Aussagen Steiners und dessen Sakrifizierung innerhalb der Anthroposophie vorangehen. Das Postulat einer “modernen” Anthroposophie ohne eine solche Aufarbeitung findet meiner Ansicht nach auf Kosten der persönlichen Integrität statt.

In diesem Sinne und nach diesen (unpersönlichen Selbst-)erkenntnissen wünsche ich allen ein gutes Neues Jahr 2010!

6. Januar 2010 at 5:20 nachmittags 23 Kommentare

Versteinerung und Innovation – Die Vernachlässigte ”Innenfront” der Waldorfschulen

Immer wieder, eigentlich jedes Mal, wenn in den Medien das Thema Waldorfschulen (egal ob positiv oder negativ)  berührt wird, bricht in Kommentaren und LeserInnenbriefen eine ziemlich wütende Debatte los, zwischen prinzipiellen BefürworterInnen und prinzipiellen GegnerInnen dieser Schulform. Das ist ja auch auf dieser Seite so (wenn sich giftige Kommentare von fundamentalistischen AnthroposophInnen bisher sehr in Grenzen hielten, von denen bekomme ich höchstens privat erfreuliche Mails). Eine Kommunikation ist zwischen KritikerInnen und BefürworterInnen kaum möglich, meist wurzeln die extremen Positionen in den Biographien der DiskutantInnen und haben dadurch eine gewisse Rechtfertigung. Über 1000 Schulen weltweit, und es werden jährlich mehr, zeigen, dass “Waldorf” vielen Menschen nützt. Viele Schlagworte der Waldorfpädagogik sind auch im heutigen bildungspolitischen Diskurs hochaktuell. Vieles ist allerdings verkrustet, dogmatisch und überholt, worunter in einer sozialen Institution Menschen zu leiden haben. Wie so oft hat diese Ambivalenz zutreffend der Historiker Helmut Zander herausgestellt:     
 
“Verständlicherweise bewerten Eltern, die mit Erziehungsschwierigkeiten in einer Waldorfschule Hilfe gefunden haben, Schüler, die ihre Schulzeit als kreativitätsfördernd empfanden, oder Lehrer, die in Steiners Konzept die in der öffentlichen Schule vermisste spirituelle Durchdringung ihres Erziehungsauftrags schätzen lernten, die Waldorfschule anders als Eltern, die sich von pädagogischen Debatten ausgeschlossen fühlten, als Schüler, die das Ende der Herrschaft des Klassenlehrers als Befreiung verbuchten oder als Lehrer, die die Dogmatisierung von Steiners Lehren als Prokrustesbett erlitten. Nur in Ausnahmefällen finden sich die Hochschätzung der Waldorfschule und eine Offenheit für Kritik verschwistert (…) Die Attraktivität der Waldorfschulen liegt in den Augen vieler Eltern in der musisch-künstlerischen, ganzheitlichen, stressfreien Erziehung, mit der Waldorfschulen einen geschützten Raum bieten. Sie gelten als Alternative gegen die kognitive Überlast des Unterrichts in anderen Schulformen. Und Waldorfschulen besitzen ein klares Profil, sie stechen mit ihrer Pädagogik in der Vielfalt der Schulen hervor. Kritiker hingegen kritisieren eine innere Reformunfähigkeit, ‚Versteinerung‘, autoritäre Strukturen, undurchsichtige Finanzierung, völkerpsychologische oder gar rassistische Vorstellungen. Sie fordern von Waldorfpädagogen, die weltanschaulichen Bindungen der Waldorfschule anzuerkennen, (…) Insbesondere die verdeckten Autoritätsstrukturen unter dem Anspruch der Liberalit rufen immer wieder vehemente Kritik hervor. (…) Aber schlussendlich lebt die Waldorfpädagogik nicht von ihren Schwächen. (…) Neben denen, die sich im Verein der Waldorfgeschädigten organisieren, gehören diejenigen, die dankbar auf ihre Schulzeit zurückblicken.” (Anthroposophie in Deutschland, Vandenhoeck& Ruprecht, 2007, S. 1357 – 1454)
   

Ich mache mir nicht die Illusion, dass ich irgendeineN von der Kampffront der oberorthodoxen Hardcore-Anthros (vgl. Der Schatten einer Seifenblase) damit erreiche, noch, dass irgendeiner der “Waldorf-Hasser” irgendwann zugeben würde, dass die Laufbahnen vieler WaldorfschülerInnen positiv verlaufen und nicht in “Sektenzugehörigkeiten” enden, ja, denen die Waldorfschule möglicherweise sogar was gebracht hat.

Die Frage ist aber, wie mensch trotz beider Extreme und ihren berechtigten wie unberechtigten Kritikern am jeweils anderen Extrem etwas Positives zur grundlegenden Reformierung der Waldorfschulen beitragen kann. Denn eine Erneuerung der Waldorfpädagogik ist dringendst vonnöten!!! 

Es ist ganz klar, dass WaldorfgegnerInnen daran nichts liegt (das würde für sie auch wenig Sinn machen). Es kann aber nicht darum gehen, sie möglichst abzuwehren, zu denunzieren, zu verklagen oder sonstwelchen Unfug – das bestärkt vielmehr jeden auch ohnehin berechtigten Einwand gegen die Waldorfschulen. Vielmehr werden die, wenn auch oft einseitigen oder überzogenen, Kritiken von der faktischen Versteinerung weiter Teile der Waldorfpädagogik doch erst hervorgerufen! Rüdiger Iwan bemerkte in seiner Pionierarbeit “Die neue Waldorfschule – Ein Erfolgsmodell wird renoviert”:      

“Wir bräuchten uns vielleicht gar nicht (…) gegen die in regelmäßigen Intervallen erfolgenden (auffällig stereotypen) Angriffe von außen zu verteidigen, hätten wir selbst den Kampf an der inneren Front aufgenommen…” (S. 249)
  
 Denn: 
 
“Waldorf hat das 20. Jahrhundert weitgehend dazu genutzt, um darin nicht anzukommen. Und das 21. hat bereits begonnen!” (S. 7) 
 

Die “innere Front” hat zum einen Schauplatz die großenteils veralteten Methoden (die durch Jahresarbeiten, Praktika, Theater oder Kunstprojekte keinesfalls aufgehoben werden! Vgl. das Buch von Iwan oder hier im Blog Vollgas mit Handbremse 5).  

Vor allem geht es darum, die beträchtlich spreizende Schere zwischen hohem Anspruch der FWSen (“Erziehung zur Freiheit”, “individuelle Förderung”, “Gleichwertigkeit von künstlerischen, praktischen und kognitiven Fächern” etc.) und ihrer oft kreativen, sicher meist irgendwie schönen, aber auch oft langweiligen, weit hinter diesen Utopien herhinkenden Praxis. 

Rüdiger Iwan: Die neue Waldorfschule

Rüdiger Iwan: "Die neue Waldorfschule"

Ein anderer Schauplatz dieser Front ist freilich die Auseinandersetzung um die sogenannt “spirituellen” Grundlagen der Waldorfpädagogik: Die Waldorfschulen müssen endlich die kruden Untiefen der Anthroposophie ausleuchten – so Steiners autoritäre, antidemokratische, kulturchauvinistische Töne und wo diese die “Grundlegung” waldorfpädagogischer Methoden berühren (vgl. z.B. Die “Atlantis-Debatte“) – und sich hier klar und eindeutig distanzieren. 

Eine solche Neuausrichtung der Waldorfpädagogik hat zwei Alternativen:

1. Die kruden Untiefen der Anthroposophie als Grundlagen zu bejahen. Dann laufen (zurecht) Eltern, SchülerInnen und viele nichtanthroposophische LehrerInnen in Scharen weg. 

2. Auf dem jetzigen Stand hockenzubleiben (und dabei natürlich weiter zu betonen, mensch sei dabei trotzdem gar nicht verschlossen gegenüber Kritik). Dann gibt es sicher weiter anthroposophische wie nichtanthroposophische Familien, die an FWSen in pädagogischer Hinsicht glücklich sind, GegnerInnen, die das um jeden Preis bestreiten, und es gibt weiter Menschen, die entsetzt wegrennen. Außerdem würde mensch dann vielleicht über kurz oder lang von vielen anderen Privatschulen an Innovation und Beliebtheit überholt (Konkurrenz für Waldorf). Interessen und Bedürfnisse würden also nur bei Teilgruppen gewahrt und befriedigt. 

Welchen plausiblen Sinn würde das machen? Es wäre doch mehr als nützlich für jeden wieso auch immer an der Waldorfpädagogik interessierten, wenn veraltete, defiziente Formen und Methoden durch neue ersetzt würden. Wieso geschieht es nicht? Wo bleibt der Kampf an der “Innenfront”? Mit Fritz Beckmannshagen: “Wie kann es weitergehen? Was können wir tun, um dieses bigotte und verholzte System wieder menschlicher zu machen?” (Beckmannshagen: Rudolf Steiner und die Waldorfschulen, Sievers-Verlag, Wuppertal, 1984, S. 83) Ich glaube, es gibt vier wesentliche methodische Baustellen: 

  • Die Ausbildung der LehrerInnen: Anthroposophische Dogmen müssen qualifizierten Lehrgängen weichen, die neben waldorfeigenen Anforderungen auch erziehungswissenschaftlich auf aktuellem Stand sind (Pionierprojekte versucht die Alanus-Hochschule)
  • Die “Selbstverwaltung”: Hier muss klarer kommuniziert, kooperiert, vor allem aber demokratisiert werden, SchülerInnen brauchen mehr Mitspracherecht, Verhältnisse und Verantwortlichkeiten (“Individualisierung der Verantwortung”) müssen besser geklärt sein!(siehe Beckmannshagen, a.a.O., S.83ff.; Iwan, a.a.O., S. 105-119)
  • Die Unterrichtspraxis: Umschichtung des starren LehrerInnen-SchülerInnen-Verhältnisses und Überwindung des ewigen Frontalunterrichts (“Lehrer können mehr als dozieren, Schüler viel mehr als Nachahmen”, vgl. Iwan a.a.O.)
  • Lehrplan und Methode: Beziehungen von Themen sollten vor der methodischen Einengung durch Fächergrenzen stehen, was den klassischen Stundenplan erschütterte, Interessen, Fähigkeiten und (Berufs-)wünsche der SchülerInnen sollten viel, viel mehr im Mittelpunkt stehen (“Portfolio”) 

Diese Problemfelder sind, in den letzten Jahren verstärkt, immer wieder aufgezeigt worden. Kleine “Beiboote” der FWSen setzen auch zu neuen Kursen die Segel (diese Bild gebraucht Rüdiger Iwan für die Feststellung, dass sich im “Mutterschiff” des Bunds der Freien Waldorfschulen und seiner 200 Zellen “wieder einmal (…) nachhaltig nichts bewegen ließ”, weshalb sich das “Netzwerk Innovative Prohjekte” gründete, a.a.O., S. 239f.). Es wäre hilfreich, wenn sich weitere “Beiboote” in den nächsten Jahren zu neuen Ufern aufmachen würden, oder gar auch das “Mutterschiff” sich etwas mehr in Bewegung setzen könnte. Es hat Treibstoff und Mannschaft genug, allerdings scheinen auch noch die neuesten Navigationstechniken als “ahrimanisch” und unpädagogisch zu gelten.

6. August 2009 at 12:36 nachmittags 41 Kommentare

”Spirituelle Grundlagen” – Schöpfung, Geist und Waldorfpädagogik

“Ich erschaffe eine Ideenwelt, die mir als das Wesen der Dinge gilt. Die Ideen erhalten durch mich ihr Wesen … Im Erkennen der Ideen ent hüllt sich nun gar nichts, was in den Dingen einen Bestand hat. Die Ideenwelt … ist in keiner anderen Form vorhanden als in der von mir erlebten.”
 
Diese Sätze formulierte kein anderer als der berühmtberüchtigte Anthroposoph und Waldorfschulgründer Rudolf Steiner, und zwar in der ersten Auflage seines Buchs “Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert” (zit. nach Helmut Zander: “Anthroposophie in Deutschland”, Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 537)
  
Rudolf Steiner (1861-1925) war beim Gestalten seiner Ideenwelt kreativ bis in makabere Details

Rudolf Steiner (1861-1925) schuf eine Ideenwelt, die ihm als Wesen der Dinge galt. Und Sie so?

Wer die spätere Gestalt der Steinerschen Kosmologie sowie die der heutigen Anthroposophie betrachtet, vermisst diesen selbstrelativierenden Zug aufs schwerste (symptomatischerweise hat Steiner diese Aussage in einer Neuauflage des Buchs 1911 gestrichen). Aber gerade dieser absolute Anspruch war es sicher, der AnthroposophInnen der ersten Generation so bezauberte: Steiner hat in nahezu einmaliger Art mit seinem anthroposophischen Gedankensystem eine erstaunliche Vielfalt an Praxisfeldern esoterisch überformt, die noch heute im Wachstum begriffen sind. 

Dieser “Schwung” aber läuft allmählich aus. Nicht nur, dass viele Figuren und Elemente von Steiners “geistiger Welt” grundlegend im Widerspruch zur heutigen Wissenschaft stehen (Stichwort Atlantis), die anthroposophische Betonfraktion erweist sich auch zunehmend als dem hochgehaltenen Ideal von “Freiheit” und “Menschlichkeit” fundamental entgegengesetzt. Das kann nicht nur schlicht gemeingefährlich in den anthroposophischen Praxisfeldern sein, sondern führt auch zu geistigem, idealischem Stillstand. Da kann zwar ein führender Waldorfpädagoge schreiben:  
 

“Steiners Ideenwelt [ist] nicht als in sich geschlossenes philosophisches oder weltanschauliches Gedankensystem angemessen zu brgreifen (…), sondern eher als Anleitung für gänzlich individuelle Wege einer spirituell orientierten Selbst- und Menschenerkenntnis.” 

(Johannes Kiersch: “Die Waldorfpädagogik. Eine Einführung in die Pädagogik Rudolf Steiners”, Freies Geistesleben, Stuttgart 1970, Jubiläumsausgabe 2007, S. 14)

Aber wenn angehende WaldorflehrerInnen schon in Einführungskursen in Waldorfseminaren mit den Worten “Zweck unseres Zusammenseins ist Rudolf Steiner” begrüßt werden, dort nicht nur Jahrsiebte und Temperamentenlehre, sondern auch noch okkulte Planetenstufen oder die Historizität von Atlanis konsumieren müssen, sieht die Wirklichkeit offenbar anders aus (vgl. Wundersame Waldorfpädagogik). Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Waldorf-AbsolventInnenstudien zeigen, dass die Steinerschen Vorstellungen in den seltensten Fällen direkt im Unterricht vermittelt wurden und werden, das Problem liegt tiefer: Das gesamte Konzept, der Aufbau und die Didaktik der Waldorfpädagogik befinden sich in einer versteinerten Haltung, die sich nicht fort- noch rückbewegen will und kann.

Der Einwand, Steiners Anthroposophie allein sei der lebenserhaltende Geist der Pädagogik (“weil die Anthroposophie als solche wirklich Leben enthält und geben kann, aber es könnte dieses Leben nicht auf die Dauer unterhalten werden. Es würde versiegen, auch für die einzelnen Unternehmungen.”, wie Steiner oft zitiert wird), trifft hier nicht. Leben im hier gemeinten Sinne lässt sich nicht aus Begriffen ziehen, die andere mit der besten Absicht gebildet oder mit Inhalten gefüllt haben (und seien diese “Seraphim”, “Sophia”, “Christus” oder “Menschenerkenntnis”), sondern nur aus dem Schaffen von persönlichen Beziehungen und authentischem Wahr-Nehmen der Umgebung und Mitwesen. Ein mentales Geisterkonstrukt stellt sich eher hindernd zwischen diese Wahrnehmungen und Beziehungen. Der Erfolg der Waldorfpädagogik findet aufgrund der menschlichen Beziehungen, nicht angenommener esoterischer “Menschenkunde” statt!

Dass Steiner von seinen eigenen Ideen mit fanatischer Hingabe überzeugt war, ist nicht verwunderlich und ihm im Gegensatz zu vielen obskuren Einzelheiten seines Evolutionskonzepts auch nicht vorzuwerfen (Denn “wer sich seine eigene Weltanschauung erkämpft hat, der drückt sie aus als sein eigenes Sein.”; GA 32, S. 269) Wenn heutige AnthroposophInnen diesen Fanatismus aber forttragen, ertränken sie ihr eigenes geistig-idealisches Potential! Steiner kann sicher Beispiel sein dafür, welche weltschöpferische Kraft unser Denken und Fühlen haben kann, aber auch ein Beispiel, wie Menschen ihre eigene weltschöpferische Kraft in der schillernden Ideenwelt eines anderen verlieren, egal, welchen faktischen Wahnsinn die noch enthalten mag (vgl. Ravagli, die “Rassen” und die Rechten). Der von AnthroposophInnen nie ausgwertete Jiddu Krishnamurti (die einzige Ausnahme ist m.W. Cordula Mears-Frei: “Krishnamurtis Botschaft heute. Von der Aktualität eines Lebenswerkes”, info3 02/09) hat dargelegt, “dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist”, kein vorgegebener Weg, “keine Religionen, keine Sekten” könnten zu ihr führen: “Solche Organisationen verkrüppeln das Individuum, hindern es daran zu wachsen und seine Einzigartigkeit zu leben, die ja darin liegt, dass es ganz alleine diese absolute, uneingeschränkte Wahrheit entdeckt.” Er bedauerte: 

“Die Idee ist uns wichtiger als die Wirklichkeit; was wir sein sollten, liegt uns mehr am Herzen, als was wir sind. (…) Unser Streben ist ständig darauf gerichtet, diese Wirklichkeit in die Schablone unserer Vorstellung zu pressen.”

 
Ex-Christus Jiddu Krishnamurti (1895-1986): Die Wahrheit ist ein pfadloses Land

Jiddu Krishnamurti (1895-1986): "Die Wahrheit ist ein pfadloses Land"

 
Und der junge Steiner hat betont, was der alte und die anthroposophische Tradition nach ihm ziemlich ausnahmslos verneinte:
 

“Die Erziehung der verflossenen Jahrhunderte hat energisch daran gearbeitet, das Bewusstsein nicht aufkommen zu lassen, dass die Welt des Idealen ein Geschöpf des Menschen ist.” ( GA 32, S. 259)

Einen Menschen zum kreativen, “idealischen” Potential seiner Persönlichkeit zu führen, ist auch der Anspruch der Waldorfpädagogik. Um dies aus den Anforderungen unserer Zeit und vor allem: aus der Individualität der SchülerInnen heraus – nicht länger aus okkulter Dogmatismen – zu tun, muss dieser Anspruch heute in neue Formen gegossen werden. Hat Steiner eine von staatlichen Vorgaben freie Schule gefordert, in der die “Selbstverwaltung” der LehrerInnen tonangebend sein sollte, muss in der demokratischen multikulturellen Gesellschaft der Gegenwart ein dialogisches Erziehungswesen die von “Autoritäten”, Stunden- oder Lehrplänen dominierte Anstalt ablösen (zu den ganz eigenen Tücken unserer Zeit siehe Bildung als Anpassung).

Der Ansatz existiert, und er ist fundiert. (wie so oft erwähnt bei Rüdiger Iwan: “Die neue Waldorfschule. Ein Erfolgsmodell wird renoviert”, Rowohlt 2007, dessen Euphorie insbesondere in Bezug auf das “Portfolio” als Unterrichtsmittel allerdings mit dem eben erwähnten “Bildung als Anpassung?” abzugleichen wäre) Initiativen wie Captura (der Name, “Freiraum”, weist auf die schöpferische “Pfadlosigkeit” des Projekts hin), das von enttäuschten WaldorfstudentInnen gegründet wurde, versuchen darüberhinaus schon jetzt, eine völlige Alternative zur Schule aufzuzeigen. In diesem Sinne: Sind wir nicht alle ein bisschen Steiner? Es sind Ideenwelten gefragt, Ideen, die die geeignet sind, menschliche Beziehungen zu knüpfen und zu stärken, Ideen, die in kommunikativem Austausch mit den Realitäten, den Fragen und sozialen Erfordernissen der Gegenwart stehen, nicht als vermeintlich “heile Welt” gegen diese.

22. Juli 2009 at 4:46 nachmittags 10 Kommentare

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WALDORF BLOG – Tragikomisches aus der Welt der Waldorfschulen und Ihrer KritikerInnen

In einer desaströsen Bildungslandschaft gewinnen verschiedene Reformschulen immer mehr an Bedeutung, u.a. die Waldorfschulen, die in Deutschland mit um die 230 Schulen, weltweit mit mehr als 1000 vertreten sind.

Waldorfschulen sollen (so Volksmund und äußere Selbstdarstellung), u.a. eine "stressfreie Erziehung" mit Verzicht auf Noten und Sitzenbleiben anbieten, in der Individualität und Kreativität durch eine starke Betonung von künstlerischem und praktischem Unterricht gefördert werden.

"Fortschrittliche Pädagogen entdecken auf diese Weise in der Waldorfschule immer auch ihre eigenen Erziehungsideale wieder. Das spricht gegen beide." (Freerk Huisken)

Aber immer wieder wird auch Kritik an Waldorf laut, leider weniger aufgrund dieser light-Schulkritik, dafür aber vor allem am Schulgründer, Rudolf Steiner (1861-1925) und seiner esoterischen „Anthroposophie“. Deren Wissensfundus, der auch der Pädagogik der Waldorfschulen zugrundeliegt, konserviert eine romantische Gedankenwelt, die in vielen schroff von aufklärerischem Bildungsgut abweicht.

„Waldorfblog“ berichtet über Aktuelles aus der „Waldorfwelt“, durchleuchtet anthroposophische Hintergründe, hinterfragt ver„steiner“te Strukturen und setzt sich mit Waldorfkritiker_innen auseinander, die leider oft ebenso unbedarft sind, wie die Opfer ihrer Kritik.

Ich will bewusst Themen aufgreifen, die in der waldorfinternen Öffentlichkeit vernachlässigt oder in der öffentlichen Debatte um die Waldorfpädagogik polemisch und einseitig betrachtet werden. Dabei sind Form und Inhalt meiner Artikel oft und erklärtermaßen satirisch bzw. karikierend, weil ich (ganz subjektiv) meine, so der komplexen und teils verstiegenen Thematik besser gerecht zu werden. Ich will damit niemandem schaden, sondern einen kleinen Beitrag zu einer faireren und ausgewogenen Diskussion leisten.

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Konfuzius, Gespräche ( Lunyü ), VII, 3

„Die geistigen Anlagen des Menschen sind ein Geschenk des Himmels, der Mensch hat die Aufgabe, diese Anlagen so zu pflegen, dass sie sich entfalten können, sonst gehen auch die verheißungsvollsten Möglichkeiten zugrunde. Erkenntnis wird nur dadurch eine solche und taugt nur dadurch zum geistigen Eigentum, dass sie allseitig diskutiert wird; übernommene Weisheit bleibt tot und wertlos. (...) Deswegen macht es mir den größten Schmerz, solche verpasste Gelegenheiten des Fortschritts mit ansehen zu müssen.“

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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waldorfblog.wordpress[at]googlemail.com

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Auf diesem Blog benutze ich immer wieder Abkürzungen und Kürzel, die in den Artikeln selbst nicht immer erklärt sind. Im Folgenden deshalb die wichtigsten: +++++ AAG - "Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft", die von Rudolf Steiner gegründete weltweite Anthroposophische Gesellschaft mit Sitz im "Goetheanum" in Dornach (Schweiz), der die verschiedenen nationalen Anthroposophischen Gesellschaften untergeordnet sind. +++++ BdFW - "Bund der Freien Waldorfschulen", eher orthodoxer Dachverband der deutschen Waldorfschulen (siehe Links) +++++ FWS/ FWSen "Freie Waldorf-Schule"/ "Freie Waldorf-Schulen" +++++ NWA "Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie" (siehe Links) Anonyme Webseite, die sich auf recht einseitige, aber wichtige Kritik der Anthroposophie spezialisiert hat +++++

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Foto im Titel: Waldorfschule Mainz


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