Artikel abgelegt unter ‘SchülerInnenpartizipation an FWSen’

”Vollgas mit Handbremse” (5.): Schule für Menschen

Dieser Artikel ist die Nummer 5 in der Reihe ” ‘Vollgas mit Handbremse’: Warum Waldorfschulen mehr SchülerInnenpartizipation brauchen”. Dieser Artikel baut inhaltlich auf die anderen auf, Vgl. daher die vorigen fünf.

Jetzt möchte ich noch einmal einen Bogen zur eingangs erwähnten Unterrichtssitutaion schlagen: Die Verankerung von SVen im Verwaltungs”organismus” der FWSen ist konzeptionell den Darstellungen Rudolf Steiners entgegengesetzt. Auch die starke Rolle der LehrerInnen wird seit Jahren mehr und mehr kritisch hinterfragt ( und zurecht! ), gerade unter WaldorfSVlerInnen. So hat sich auch etwa die oben erwähnte SMV der FWS Schwäbisch Hall etwa entschieden für einen offeneren, dezentraleren Unterricht ausgesprochen ( siehe 4. ).

Eine Erziehung tatsächlich vom Kind aus kann nicht funktionieren, wenn vorne einE LehrerIn steht, und ( und sei es noch so bemüht ) Stoff vermitteln will!

Jüngst forderte der bereits zitierte Rüdiger Iwan eine radikale Reform des Prinzips “Epoche”: Es ginge darum…  

 “…was das Kind nach außen setzen und sich wirklich auch erarbeiten möchte (…) etwas zur Lebensepoche, zum Lebensthema für ein Kind zu machen, weil es wirklich zur Entwicklung des Kindes gerade passt und es sich damit beschäftigen will. (…) Also nach innen begründet es das Prinzip: Erziehung vom Kinde her. Zusätzlich erfordert es nach außen, die Umgebungsumstände so einzurichten, dass tatsächlich jeder sein Thema finden und freisetzen kann. Das umfasst die Lernumgebung und im besonderen Maße die Frage, wie wir die Lernzeit in der Schule organisieren. Und dieser Aspekt ist nie wirklich realisiert worden. (…) Wenn wir dafür heute Praxisbeispiele suchen, dann muss ich leider sagen, würden wir eher bei einer Montessori-Schule fündig als in einer Waldorfschule.”

( Rüdiger Iwan: “Waldorfschule, ein Reformmodell im Umbruch”, Interview in: info3, Sonderheft Frühjahr 2009, S. 18f. )

In seinem eingangs zitierten Buch “Die neue Waldorfschule” greift er die Schulrealität mit befreiender Offenheit und an vielen konkreten Beispielen an – mit vernichtendem Fazit. In Anlehnung an das schwedische Erfolgsmodell der “Portfolio”-Methode fordert er, Waldorf von einer “alternativen Schule” ( deren Ansprüche teilweise nie verwirklicht wurden ) wirklich umzugestalten: in eine Alternative zur Schule.

 Gedanken, die an vielen Stellen innerhalb der Waldorf-”Szene” immer stärker auftauchen – Initiativen wie Captura stehen dafür, die das o.g. Steiner-Zitat anschaut und fragt:    

 

 

 

“Was ist zu tun jeden Tag? Wenn ich an die momentane Situation der Oberstufe in den Waldorfschulen denke, sehe ich, dass da ein Programm abläuft, in dem es keine Tagesgestaltung gibt, in dem ein dynamisches Element, das jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr vom Kind bzw. Jugendlichen aus liest, was zu tun ist. Womit ich nicht die meistens hervorragenden Leistungen der tätigen Lehrer kritisieren will (…) womit ich aber das gesamte Konzept: ‚Lernen findet nur dann statt, wenn ein Lehrer da ist, der Unterricht gibt‘ in Frage stellen will.

Wo soll ein lebendiges Geistesleben entstehen, wenn alles zugeplant ist? (…) Wie wirkt sich die heutige Schule auf die Initiativkraft aus?

Die heutige Oberstufe hat für mich etwas von Laufen wollen, obwohl man einen Krampf im Bein hat – oder von einem Auto, dass mit angezogener Handbremse Vollgas fährt.”

 

( Florian Lück in: “Herausforderung Freiraum…zum Leben und Lernen. Dokumentation der Tagung ‚Captura 2006‘, Witten, 2006, S. 62 )

Mit diesem neuen Prinzip gerieten zwei Eckpfeiler der Steiner-Pädagogik ins Wanken:

Erstens, wie schon gesagt, die bisherige Rolle der LehrerInnen.

Zweitens die Notwendigkeit eines festgelegten Lehrplans ( wie das heute meist zwischen geistleerem Dogma und aussagelosem Anspruch schwankende Konzept von “Jahrsiebten” und den daraus vor Urzeiten abgeleiteten Epocheninhalten ).

Captura plädiert für das “Wagnis Freiraum” auf Kosten der bisherigen Organisation von Schule. Einen Unterricht, der auf Bedürfnisse und Interessen der/ des Einzelnen Rücksicht nimmt, aber vor allem auch Platz für Begegnung schafft – ohne eine Art UnterrichtsleiterIn. Eine Schule ohne geliebte ode rungeliebte Autoritäten, sondern rein menschliche Menschen.

Dieses Problem betrifft natürlich nicht nur die Situation an Waldorfschulen, sondern die des gesamten ( zumindest des deutschen ) Bildungssystems! Dort herrscht Frontalunterricht ebenso wie an FWSen, natürlich verstärkt durch die eigenen und nicht minder schweren systemimmanenten Probleme ( Notengebung in frühen Lebensaltern, Versetzungsdruck, Selektion meist nach Klasse 4 etc. ).

Wie gesagt: Es geht nicht um einen Angriff auf einzelne LehrerInnen, meine eigene Schule empfinde ich zumindest weit überwiegend als eine gute, und zahlreiche Umfragen und Studien zeigen ähnliches für das Gros der WaldorfschülerInnen, aber das “System” Waldorf als solches ist in vielen Aspekten geradezu erstaunlich verkrustet und überdeutlich reformbedürftig! Neue Möglichkeiten bieten sich an, Ideen ( etwa im Portfolio-Ansatz ) existieren, einzelne Schulen suchen schon aktiv nach Mitteln zur Umsetzung. Was fehlt, sind Menschen, die eine breite Basis dafür bilden, und sich aktiv für ihre Verwirklichung einsetzen! Ich bin überzeugt, dass dies v.a. SchülerInnen sein müssen.

13. Juli 2009 at 6:47 nachmittags 5 Kommentare

”Vollgas mit Handbremse” (4.): Die Praxis: SV an FWSen

Dieser Artikel ist der vierte ( von fünf ) in der Reihe ” ‘Vollgas mit Handbremse’: Warum Waldorfschulen mehr SchülerInnenpartizipation brauchen. Vgl. die restlichen Artikel dieser Reihe.
Mir selbst ist die Existenz von WaldorfSVen bisher an den folgenden Schulen relativ sicher bekannt. Ganz unten habe ich eine Liste mit SVen/ SMVen eingefügt, die auf der Internetseite ihrer jeweiligen Schule vorgestellt werden.

Baden-Württemberg: Böblingen, Emmendingen, Freiburg-St. Georgen, Heidelberg, Lörrach, Offenburg, Pforzheim, Ravensburg, Reutlingen, Schopfheim, Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Hall, Stuttgart (am Kräherwald), Tübingen

Bayern: Augsburg, Hof/ Saale, München-Gröbenzell, München-Schwabing, Prien

Berlin: Dahlem, Zehlendorf

Bremen: ?

Hamburg: Bergstedt, Nienstedten

Hessen: Frankfurt, Kassel

Niedersachsen: Benefeld, Göttingen, Hannover-Maschsee, Ottersberg

Nordrhein-Westfalen: Aachen, Bonn, Dinslaken, Köln, Krefeld, Mönchengladbach, Münster, Oberberg, Sankt Augustin, Siegen

Rheinland-Pfalz: Frankenthal, Mainz, Neuwied , Trier

Saarland: Bexbach

Das sind 45 Schulen von über 200, also kein Viertel der FWSen in Deutschland. Von einigen dieser SVen weiß ich nicht, wie aktiv sie sind, und von manchen, dass sie ziemlich inaktiv sind, andere auch sehr aktiv und erfolgreich. Unterschiedlich ist auch die Rolle der SVen in der Organisation der Schule, manch haben nur “Anhörungsrecht” in den anderen Gremien ( etwa in Berlin-Dahlem ), existieren nur zur Organisation von SchülerInnenpartys, Oberstufenfahrten und der Einrichtung von Aufenthaltsräumen ( was aber auch an vielen öffentlichen Schulen so ist, es hat leider nicht jedeR Interesse an Mitverwaltung ). Es ließe sich also noch eine ganze Menge verändern, verbessern, neu aufbauen! Aber: Ich kann natürlich nur die SVen aufzählen kann, die mir bekannt sind, erhebe also in keiner Weise Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil: Mit ziemlicher Sicherheit sind mir welche entgangen.

Repräsentativ für Selbstverständnis und Aktivitäten von vielen WaldorfSVen dürfte ein Text sein, den ich auf der Webseite der FWS Offenburg fand:

“Wir versuchen nicht nur einseitig die Schülerinteressen durchzusetzen, sondern fungieren auch immer wieder als Vermittler zwischen Lehrer- und Schülerideen.
Auch fordern wir nicht einfach nur, sondern bringen uns aktiv mit ein, entwickeln eigene Konzepte und Lösungen.
Als Hauptaufgabe sehen wir es, die Schüler/innen zu vertreten, Schwachstellen unserer Schule aufzudecken und Lösungen zu suchen und das Demokratiebewusstsein der Schüler/innen zu stärken und sie immer wieder zu animieren, sich in ihrer Schule einzubringen.
Zudem organisiert die SV auch Vorträge, Umwelt- und Menschenrechtsprojekte, Diskussionen etc.
Bei Fragen wenden Sie sich an unsere Schulsprecher.”

( SV der FWS Offenburg, Link s.u. )

Manche SchülerInnenVertreterInnen fühlen sich nicht genug in den Schulalltag eingebunden, artikuliert etwa jüngst von der SMV ( SchülerInnenmitverwaltung ) der FWS Schwäbisch-Hall, die von den LehrerInnen nicht richtig ernstgenommen wird, ihre Vorschläge seien dort oft auf Ablehnung gestoßen, etwa, wenn es darum ging, die SMV bei LehrerInnenwechseln in der Oberstufe “grundsätzlich und verpflichtend” mit einzubeziehen. ( vgl. Markus Stettner-Ruff: “Waldorfschule statt Waldorfgymnasium – Mit Dreizehntklässlern im Gespräch”, in: “Erziehungskunst”, 5/ 2009, S. 570 )

Meine persönlichen Erfahrungen als SVler an der FWS Mainz sind recht positiv. Wir sind auch in pädagogischen Fragen eingebunden: Als im letzten Jahr eine Erweiterung des freiwilligen Ganztagsbereichs bis Klasse 10 stattfand, wurde das pädagogische Konzept sowie das Kursangebot und die Suche nach entsprechendem Personal zu gleichen Teilen von jeweils einer Person aus dem LehrerInnenkollegium, dem Elternrat und der SV, in diesem Fall mir, gestaltet. In ein momentan ( von einer ebenfalls zu gleichen Teilen aus SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen gebildeten Arbeitsgruppe ) neu erarbeitetes “Leitbild” der Schule wird als Strukturmerkmal unserer “Selbstverwaltung” erstmals die Rolle eines SchülerInnengremiums einfließen. Außerdem sind wir aber fest in der LandesschülerInnenVertretung Rheinland-Pfalz involviert bzw. in der StadtschülerInnenvertretung Mainz.

Wenn es an einer Ecke mangelt, dann allerdings an der wichtigsten, nämlich in der SchülerInnenschaft selbst: Viele sehen gar keine Notwendigkeit darin, sich an irgendwas zu beteiligen – Ein Problem wiederum, dass wir mit vielen SVen an Regelschulen teilen. Und das sicher der klassischen SchülerInnenrolle als m.o.w. passivem Aufnehmen von Lernstoff anzulasten ist.

Ich habe abschließend den Eindruck, dass die Zahl der SVen an FWSen relativ kontinuierlich wächst spätestens seit der Gründung der WaldorfSV, vor allem aber die Azeptanz für die Forderungen von SVen an FWSen. Manche AnthroposophInnen haben den Eindruck von einer “neuen Schülergeneration” durch die das Waldorfsystem in seinen “orthodoxen Neigungen (…) gesunde Korrekturen” erfährt. ( Jens Heisterkamp: “Anthroposophie im Aufgang…”, info3, 1/2009 ) Das erscheint mir allerdings sehr optimistisch.

Links zu den Webpräsenzen von WaldorfSVen:

Aachen, Bonn, Köln, Krefeld, Mönchengladbach, Münster, Oberberg, Sankt Augustin, Siegen Frankenthal, Bexbach Benefeld, Göttingen, Hannover-Maschsee, Ottersberg Frankfurt, Kassel , Augsburg, München-Gröbenzell, München-Schwabing, Prien Bergstedt, NienstedtenEmmendingen, Freiburg-St. Georgen, Heidelberg, Lörrach, Offenburg, Schopfheim, Schwäbisch Hall, Stuttgart (am Kräherwald)Mainz, Tübingen

10. Juli 2009 at 12:39 nachmittags 3 Kommentare

”Vollgas mit Handbremse” (3.): Eine bundesweite Waldorf-SV?

Dieser Artikel ist der dritte in der Reihe “‘Vollgas mit Handbremse’: Warum Waldorfschulen mehr SchülerInnenpartizipation brauchen”. Er baut inhaltlich auf die vorangegangenen auf, vgl. daher:

1. Einleitung

2. SchülerInnenpartizipation an FWSen – Ein Rückblick

 

…Es gab bereits in den 70ern und 80ern als solche anerkannte und eingebundene SchülerInnenVertretungen an FWSen – wahrscheinlich aufgrund anthroposophischer Vorbehalte seltener als an öffentlichen Schulen.

 So wurde auch erst im Jahr 2000 durch Lukas Mall die Bundes-Waldorf-SV gegründet – Andererseits: Auch erst 2004 wurde die offizielle deutsche BundesschülerInnenkonferenz gegründet, in der aber nur neun Länder vertreten sind, u.a. da etwa 2008 mehrere Bundesländer aus Protest gegen undemokratische Strukturen wieder austraten.  Die Waldorf-SV organisiert sich durch zwei jährlich stattfindende Tagungen, auf denen auch neue Mitglieder des fünfköpfigen “Sprecherkreises” gewählt werden Dieser hat außer für die nächste Tagung auch für den Kontakt zum BdFW ( der die WaldorfSV auch finanziert ), zur Presse ( die sie mit trauriger Regelmäßigkeit nicht auf dem Laufenden hält ) und für die Umsetzung beschlossener Projekte ( momentan beispielsweise eine Art bundesweiten SchülerInnenaustausch für Waldorfschülis und eine Verbesserung der Kommunikation zwischen SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern ) zu sorgen. In der Theorie existieren auch regionale “Landesschülerräte” ( LSR ), die ich allerdings nur in Hessen und BW als einigermaßen aktiv erlebe.

Nach einer Selbstdarstellung aus dem Jahr 2006 versteht sich die WaldorfSV mittlerweile als “kreative Plattform und Netzwerk als Impulsgeber für die deutschen WaldorfschülerInnen und Schulen”. Auch sie findet, dass Schule “weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung” sein soll:

 “Jedem soll neben dem nötigen Know-how die Energie und der Wille mitgegeben werden, den es braucht, um vorhandene Strukturen zu ändern und neue zu schaffen. Den Mut dessen man bedarf, um in Konfrontation zu gehen, mit Situationen und Menschen, die sich dem entgegenstellen. Um das Vertrauen in die Notwendigkeit und Machbarkeit des Neuen!”

Dieses Potential schulverändernder Revolutionsambitionen hat die WaldorfSV meiner Meinung nach bisher nicht wirklich an den Tag gelegt. Wohl findet auf ihren Tagungen Kommunikation zwischen SVen statt, zweifellos gehen die nachher mit größerer Motivation und neuen Ideen in ihre Arbeit an den einzelnen Schulen zurück, aber über eine Plattform für Kommunikation und Vernetzung von WaldorfSVen ist sie bisher nicht hinausgekommen.

Ich jedenfalls habe die gewiss nicht ungewichtige Stimme eines Organs für die Vertretung von WaldorfschülerInnen in vergangenen Situationen und Debatten sehr vermisst: 

  • Einerseits in der Presse zu den wohlbekannten Debatten rund um Waldorf – signifikanterweise gibt es auf der im November 2008 neu gestarteten und seitdem leider relativ leer gebliebenen Internetpräsenz ( die Inhalte der früheren Seite wurden nicht übernommen ) überhaupt keine Spalte für Pressemitteilungen. 
  • Andererseits auch gegenüber dem BdFW, dem in seiner Arbeit durchaus mehr – produktives – Kontra geboten werden sollte, das bisher waldorfintern größtenteils fehlt
  • Drittens werden Aktionen, die sich mit waldorfspezifischen Dogmen herumschlagen ebenso wie die Beseitigung von schuleigenen Problemen größtenteils den einzelnen SVen überlassen werden, statt sie direkt zu untersützen.

Es folgen:

4. Die Praxis: SV an FWSen

5. Schule für Menschen

5. Juli 2009 at 12:39 nachmittags 7 Kommentare

”Vollgas mit Handbremse”(2.): SchülerInnenpartizipation an Waldorfschulen – Ein Rückblick

Dieser Artikel ist der 2. in der Folge “‘Vollgas mit Handbremse’: Warum Waldorfschulen mehr SchülerInnenpartizipation brauchen”, vgl. die “Einleitung”
  

Wie erwähnt ist der/die LehrerIn für Steiner zentrale pädagogische Figur. Eine SchülerInnenVertretung stand für ihn gar nicht zur Diskussion, von emanzipatorischen Bestrebungen der Jugend hielt er nicht sonderlich viel: Sein Urteil über die “Wandervogelbewegung” der Jugend seiner Zeit war etwa, dass “die Alten” die “Jungen” nicht mehr verstehen würden, entsprechend “Klüfte” zwischen sich und der Jugend aufrichteten, “So dass wir uns zuletzt einzig und allein darauf zurückziehen können, durch das Wort zu befehlen, das und jenes muss geschehen.” ( Vortrag in Stuttgart, 17. Juni 1921, in: GA 302 ). Die Emanzipation der Jugend müsse durch “das Innerliche des Verhältnisses von Lehrer zu Schüler” zu einem “gesunden” [!?] Maß reguliert werden, dass sich auf “unseren ganzen Menschen” stützen sollte. 

Sein persönliches Verhältnis zu den SchülerInnen der ersten FWS war entsprechend hierarchisch, wie Helmut Zander in seinem Standardwerk zur Anthroposophie herausarbeitet (“Anthroposophie in Deutschland”, Vandenhoeck&Ruprecht, 2007, II, S. 1402 )

 “Steiner hörte zu, aber er diskutierte nicht, er war gegenüber Vorschlägen nicht unzugänglich, traf seine Entscheidungen aber allein. Steiner pflegte eine patriarchale Kommunikationsstruktur, indem er nicht diskursiv, sondern via Augenaufschlag reagierte.”

SchülerInnen einer zehnten Klasse etwa baten schriftlich um ein Gespräch, da sie einige LehrerInnen und entsprechend den Zustand des Unterrichts kritisierten. Steiner hörte sie an und entließ sie “freundlich”, aber “ohne Diskussion”.    

“Als die Schule nach den Ferien wieder anfing, stellten” die SchülerInnen “mit Verwunderung fest, (…) in zwei wesentlichen Fächern andere Lehrer bekommen” zu haben “und dass der ganze Unterricht so war, wie wir ihn uns schon lange gewünscht hatten.”

( Rudolf Grosse: Erlebte Pädagogik. Schicksal und Geistesweg, Dornach 1968, S. 1402, zit. nach ebd. )  

Steiners Vorbehalte gegen eine aktive SchülerInnenmitwirkung sind sicher auch aus seiner Zeit zu erklären. Die Haltung gegenüber Mitverwaltung von SchülerInnen dürfte im Regelschulsystem in den Zwanzigern keinesfalls offener gewesen sein ( war es allerdings in weiten Teilen der Reformpädagogik ). Ebenso wie im öffentlichen Schulwesen hat sich diese Haltung aber auch an FWSen über das letzte Jahrhundert hin allmählich geändert.

Das m.W. einzige Mal, in der eine SchülerInnenvertretung in einem für die Waldorfpädagogik konstitutiven Werk als Element der “Selbstverwaltung” eine Rolle spielt, ist in Stefan Lebers Buch “Die Sozialgestalt der Waldorfschule” ( Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M., 1984, Lizenzausgabe d. Verlags Freies Geistesleben, Stuttgart 1978, bes. S. 192-301 ). Der beschreibt, nach seiner Darstellung am Beispiel bisher fünfjähriger eigener Erfahrungen an seiner Schule, die Rolle einer “Schülerkonferenz” mit konstitutiver Mitverantwortung, aus der u.a. auch zwei Deligierte “zur Teilnahme an der Allgemeinen Lehrerkonferenz” bestimmt werden sollen. Leber realisiert, dass die “schulischen Prozesse der Zusammenarbeit der Schüler und Lehrer bedürfen.” ( S. 300 )

Anders, als Zander ( “Anthroposophie in Deutschland, a.a.O., S. 1402, Fußnote ) behauptet, ist bei Leber auch sowohl von der “kritischen Funktion” sowie “formalisierten Mitwirkungsregeln” dieser “Schülerkonferenz” die Rede ( und zwar Ersteres S. 298 bzw. Zweiteres 299, 300 ).

 Sehr kurz erwähnt sonst noch Johannes Kiersch neben der “‘republikanischen‘ Kollegialstruktur” und der Elternarbeit auch “die vielfältige Mitbeteiligung von Schülern (…) außerhalb des Unterrichts”. Durch aller Zusammenarbeit werde mit “Deutlichkeit das Prinzip der gemeinsamen Verantwortung” geübt. Allerdings findet sich kein Hinweis auf eine organisierte Form eines SchülerInnengremiums ( Die Waldorfpädagogik, Freies Geistesleben, Stuttgart 2007 – erschienen erstmals 1970, S. 56f. ) Explizit erwähnt auch Christoph Lindenberg ( “Angstfrei lernen, selbstbewusst handeln. Praxis eines verkannten Schulmodells”, Rowohlt, 1975, nach. Iwan, a.a.O., S. 15 ), dass die “Selbstverwaltung” auch von SchülerInnenvertreterInnen mitgestaltet würde bzw. werden müsse.
 
 Welche Rolle Darstellungen wie bei Leber für die verschiedenen Schulen damals ( in den 70ern und 80ern ) tatsächlich hatten, ist m.W. kaum mehr rekonstruierbar, offenbar gab es aber als solche anerkannte und eingebundene SchülerInnenVertretungen an FWSen – wahrscheinlich aufgrund anthroposophischer Vorbehalte seltener als an öffentlichen Schulen. Ein regelrechter Gründungsboom hat erst vor einem Jahrzehnt mit der Gründung der Bundes-Waldorf-SV eingesetzt.
 
SIEHE AUCH:
 
1. Einleitung 

2. SchülerInnenpartizipation an Waldorfschulen – ein Rückblick

3. Eine bundesweite Waldorf-SV?

4. Die Praxis: SVen an FWSen

5. Schule für Menschen

4. Juli 2009 at 12:55 nachmittags 2 Kommentare

”Vollgas mit Handbremse” – Warum Waldorfschulen mehr SchülerInnenpartizipation brauchen (1.)

Schule funktioniert nur, wenn alle Beteiligten zu ihrem Recht kommen. Gerade Waldorfschulen wollen das nach ihrem Selbstverständnis als eine “Pädagogik vom Kinde aus” gewährleisten: “Wir müssen ein Erziehungswesen haben, das nicht nach Regeln verfährt, sondern das nach den Kindern verfährt, die real da sind, (…) aus dem Kinde selbst heraus liest, was zu tun ist, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr.”, so schon Schulgründer Rudolf Steiner ( 1861-1925 ).  

Viele Ansätze, die Steiner im Ringen um eine anthroposophisch begründete Pädagogik teils aus der Reformpädagogik um 1900 entlehnte, teils mehr “working by doing” konzipierte, sind dabei heute immernoch ( oder wieder ) aktuell, etwa Lernen ohne Noten, Betonung musisch-handwerlicher Fächer, früher Fremdsprachenunterricht, Theaterspiele und “Jahresarbeiten”.

Klingt nett, hat aber auch eine Menge Haken: Das von Steiner aufgestellte Konzept hat etwa als Fixpunkt zunächst mal den/ die LehrerIn, Kinder lernten am besten vom “Vorbild” der “selbstverständliche[n], nicht erzwungene[n] Autorität”, zu der sie eine persönliche Beziehung aufbauen, “Gewissen, Gewohnheiten, Neigungen” ausbilden könnten ( “Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft” ) 

  

 

Rudolf Steiner ( 1862-1925 ), verpatzte er seine “Erziehung vom Kinde aus” durch das Mythologem der “geliebten Autorität”?

 Faktisch liegt aber gerade in der starken Rolle der LehrerInnen die Schwachstelle des ganzen Ansatzes: Es gibt keine “perfekten” LehrerInnen, keine PädagogInnen, die sich ohne jede Pause so selbstlos wie liebevoll an motivierte “Kinderseelchen” hingeben, der Anspruch der Waldorfschulen, nämlich, wahre “Erziehungskünstler” vorzuweisen, macht die ganze Sache sogar noch komplizierter. So auch der Waldorfpädagoge Rüdiger Iwan ( “Die neue Waldorfschule – Ein Erfolgmodell wird renoviert”, Rowohlt, 2007 ):

  “Der gesteigerte Anspruch erhöht zugleich die Gefahren, und mancher, der sich in der Rolle des Stoffumwandlers zugunsten der Entwicklungsförderung versucht, findet sich ( wenn er es denn bemerkt ) in der des Verkünders wieder. Zwar weiß er viel, vor allem aber will er sein Wissen auch mitteilen und fördert eines mit Sicherheit dabei nicht, die Entwicklung der Schüler. (…) Er steht damit dem Lernen der Schüler fast vollständig im Wege.” ( S. 33 )

Das ist freilich nicht in jedem Unterrichtsfach und längst nicht bei allen LehrerInnen so, die oft gute Arbeit leisten und auch mit innovativen eigenen Ansätzen in die Stunde kommen! Auch bietet, wie Helmut Zander m.E. nach richtig vermutet, “die musisch-praktische Ausrichtung viele kreative Freiräume”, durch die “die faktische Dogmatisierung von Lehrinhalten oder die autoritären Strukturen” meist “überlagert” werden ( “Anthroposophie in Deutschland – Theosophische Weltanschauung, Gesellschaftliche Praxis”, Vandenhoeck& Ruprecht, 2007, II, S. 1454 ), aber trotzdem: eine Pädagogik, die “aus dem [ individuellen! ] Kinde selbst heraus liest, was zu tun ist, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr.”, sieht doch eigentlich anders aus. ( vgl. “Herausforderungen: Der Ist-Zustand vieler Schulen.” – Artikelsammlung auf: http://www.freunde-waldorf.de/info/waldorf/herausforderungen/ )

 Aus diesem Dilemma kommt die Waldorfpädagogik nur hinaus, wenn sie den Anspruch des eigenen Programms – nämlich die Pädagogik vom Schüler/ von der Schülerin aus – neu be-, und dann ergreift. Denn, wie eingangs gesagt: Schule funktioniert nur, wenn alle Beteiligten zu ihrem Recht kommen.

 Und eine auf das Bedürfnis der SchülerInnen ausgerichtete Schule muss auch zentral von Schülerinnen und Schülern mitgestaltet werden – Stichwort: “SchülerInnenmitverwaltung”, SchülerInnenVetretung” oder “SchülerInnenrat”.

 In einer Folge von vier Artikeln, die in loser Reihenfolge erscheinen, möchte ich Ansätze diskutieren, die sich in diese Richtung bewegen und dafür plädieren, dass Schülerinnen und Schüler sich in dieser Hinsicht stärker einsetzen.

 1. Einleitung

2. SchülerInnenpartizipation an Waldorfschulen – ein Rückblick

3. Eine bundesweite Waldorf-SV? 

4. Die Praxis: SVen an FWSen 

5. Schule für Menschen

17. Juni 2009 at 10:01 vormittags 5 Kommentare


WALDORF BLOG – Tragikomisches aus der Welt der Waldorfschulen und Ihrer KritikerInnen

In einer desaströsen Bildungslandschaft gewinnen verschiedene Reformschulen immer mehr an Bedeutung, u.a. die Waldorfschulen, die in Deutschland mit um die 230 Schulen, weltweit mit mehr als 1000 vertreten sind.

Waldorfschulen sollen (so Volksmund und äußere Selbstdarstellung), u.a. eine "stressfreie Erziehung" mit Verzicht auf Noten und Sitzenbleiben anbieten, in der Individualität und Kreativität durch eine starke Betonung von künstlerischem und praktischem Unterricht gefördert werden.

"Fortschrittliche Pädagogen entdecken auf diese Weise in der Waldorfschule immer auch ihre eigenen Erziehungsideale wieder. Das spricht gegen beide." (Freerk Huisken)

Aber immer wieder wird auch Kritik an Waldorf laut, leider weniger aufgrund dieser light-Schulkritik, dafür aber vor allem am Schulgründer, Rudolf Steiner (1861-1925) und seiner esoterischen „Anthroposophie“. Deren Wissensfundus, der auch der Pädagogik der Waldorfschulen zugrundeliegt, konserviert eine romantische Gedankenwelt, die in vielen schroff von aufklärerischem Bildungsgut abweicht.

„Waldorfblog“ berichtet über Aktuelles aus der „Waldorfwelt“, durchleuchtet anthroposophische Hintergründe, hinterfragt ver„steiner“te Strukturen und setzt sich mit Waldorfkritiker_innen auseinander, die leider oft ebenso unbedarft sind, wie die Opfer ihrer Kritik.

Ich will bewusst Themen aufgreifen, die in der waldorfinternen Öffentlichkeit vernachlässigt oder in der öffentlichen Debatte um die Waldorfpädagogik polemisch und einseitig betrachtet werden. Dabei sind Form und Inhalt meiner Artikel oft und erklärtermaßen satirisch bzw. karikierend, weil ich (ganz subjektiv) meine, so der komplexen und teils verstiegenen Thematik besser gerecht zu werden. Ich will damit niemandem schaden, sondern einen kleinen Beitrag zu einer faireren und ausgewogenen Diskussion leisten.

Inhalt ( Auswahl - vgl. das Archiv )

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Konfuzius, Gespräche ( Lunyü ), VII, 3

„Die geistigen Anlagen des Menschen sind ein Geschenk des Himmels, der Mensch hat die Aufgabe, diese Anlagen so zu pflegen, dass sie sich entfalten können, sonst gehen auch die verheißungsvollsten Möglichkeiten zugrunde. Erkenntnis wird nur dadurch eine solche und taugt nur dadurch zum geistigen Eigentum, dass sie allseitig diskutiert wird; übernommene Weisheit bleibt tot und wertlos. (...) Deswegen macht es mir den größten Schmerz, solche verpasste Gelegenheiten des Fortschritts mit ansehen zu müssen.“

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Zum Autor

Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

Kontakt:

waldorfblog.wordpress[at]googlemail.com

Königsteinerstraße 51, 65929 Frankfurt a.M.

Benutze Abkürzungen

Auf diesem Blog benutze ich immer wieder Abkürzungen und Kürzel, die in den Artikeln selbst nicht immer erklärt sind. Im Folgenden deshalb die wichtigsten: +++++ AAG - "Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft", die von Rudolf Steiner gegründete weltweite Anthroposophische Gesellschaft mit Sitz im "Goetheanum" in Dornach (Schweiz), der die verschiedenen nationalen Anthroposophischen Gesellschaften untergeordnet sind. +++++ BdFW - "Bund der Freien Waldorfschulen", eher orthodoxer Dachverband der deutschen Waldorfschulen (siehe Links) +++++ FWS/ FWSen "Freie Waldorf-Schule"/ "Freie Waldorf-Schulen" +++++ NWA "Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie" (siehe Links) Anonyme Webseite, die sich auf recht einseitige, aber wichtige Kritik der Anthroposophie spezialisiert hat +++++

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Foto im Titel: Waldorfschule Mainz


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