Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – aber das hat nicht nur Vorteile!

18. September 2008 at 6:38 pm Hinterlasse einen Kommentar

Neue Inkompetenz in der meist stupide geführten Debatte um die Waldorfpädagogik bieten dieser Tage alle Beteiligten und verwenden mal wieder alle zugänglichen Mittel und Wege. Anlass: Michael Grandts „Schwarzbuch Waldorf“.

Die A-Capella-Gruppe „Wise Guys“ singt in einem ihrer neuen Lieder folgende Zeilen: „Wollt ihr wissen, warum Mann und Frau so unter’nander leiden? Man kann die beiden kaum voneinander unterscheiden!“

Von der Anthroposophie und ihren zahlreichen AnhängerInnen und KritikerInnen hat die Kölner Gruppe wahrscheinlich noch nichts gehört. Diese gäben aber ein Paar ab, auf das der Reim wie angegossen passte: Während die einen die anderen als rechte IdeologInnen oder „Kinderquäler“ diffamieren, hauen die anderen den einen lächerliche Neologismen wie „Linksfaschismus“ und damit zusammenhängende Verschwörungstheorien über die Verdrängung der „bürgerlichen Mitte“ durch ersteren um die Ohren.

Gerichtliche Klagen, unwahre Berichte, Pamphlete, „Studien“, Bücher und Polemiken fliegen hin und her, an verbalen und sogar gerichtlichen Diffamierungen geben sich beide Parteien nichts.

Ein Beispiel von gnadenloser Sinnlosigkeit bietet sich derzeit mal wieder am „Schwarzbuch Waldorf“ und der dumpfsinnigen Reaktion des „Bundes der Freien Waldorfschulen“.

1.Wer, was und warum ist „Schwarzbuch Waldorf“ ?

Einheitsschulen und die Abschaffung von Notenzeugnissen werden heute parteiübergreifend gefordert, das Lernen von Fremdsprachen schon in den unteren Klassen ist allseits als guter Ansatz bekannt. In der Waldorfpädagogik sind diese und andere Ideen schon seit den 20er Jahren Praxis. Waldorf will nicht nur die intellektuelle Bildung der SchülerInnen erreichen, sondern gleichermaßen musische und praktische Fertigkeiten fördern und ausbilden. Theaterprojekte, Unterrichtsfächer wie Holzwerken, Schmieden und Handarbeit, „Jahresarbeiten“ der SchülerInnen zu selbstgewählten Themen und zahlreiche Praktika sollen zu einer „Erziehung zur Freiheit“ beitragen.

Doch hält die Waldorfschule, was sie verspricht? Immer wieder wird Kritk an „Waldorf“ laut, vor allem an seinen Grundlagen: Rudolf Steiner war nicht nur Pädagoge und Impulsgeber für Landwirtschaft, Medizin und den „Wirtschaftsfaktor Brüderlichkeit“ ( Götz Werner ), sondern auch Esoteriker, der von Reinkarnation und Karma, aurischen „Wesenshüllen“ und einer der äußeren Erscheinungswelt zugrundeliegenden „Welt der Ideen“ sprach. Das sollte zwar als persönliche Weltsicht für niemanden ein Problem sein, Steiner führt aber aus dieser Perspektive einige üble Ansichten aus, beispielswiese eurozentristische Stereotype über die Rückständigkeit außereuropäischer Kulturen, die er okkult untermauern zu können glaubte ( vgl. „Die Philosophie der Unfreiheit – Zu Rudolf Steiners Rassismus“ ).

Die VertreterInnen der durch Steiner begründeten „Anthroposophie“ tun sich bis heute schwer damit, sich davon abzugrenzen. Immer wieder heißt es daher in der Kritik, solche Vorstellungen würden auch in den Waldorfschulen tradiert – Zu Unrecht, würde ich als langjähriger Waldorfschüler sagen, und das habe ich gesagt, woraufhin ich mir anhören durfte, ich stünde selber unter dem okkulten Einfluss meiner bösartigen LehrerInnen ( siehe die Diskussionen auf dieser Seite ). Solche Behauptungen sind unbeschreiblich arm und zeigen das Niveau und die kaum vorhandene Sachlichkeit der Vorwürfe.

Aus ähnlichen Vorurteilen heraus wollte diesen September Michael Grandt ein „Schwarzbuch Waldorf“ veröffentlichen. Er gilt als „Spezialist für ‚heiße Eisen‘“, der „Bund der Freien Waldorfschulen“ bezeichnet ihn als „tendenziös und verleudmerisch“, der Historiker und Anthroposophieexperte Helmut Zander hat Grandts bisherige Veröffentlichungen zum Thema Anthroposophie als „unseriös“ kritisiert.

Nachdem er sich am „Eisen“ Waldorf die letzten Male gründlich verbrannt hat, versuchte der Journalist Michael Grandt noch einmal, sich der Thematik angemessen zu nähern. Aber er hatte die stupide Reaktion der Waldorfschulen nicht vorausgesehen, trotzdem er sie schonmal erlebt hat…

Das „Schwarzbuch Waldorf“ selbst ist nicht etwa schwarz, sondern verwaschen-gräulich ( was wohl in etwa dem Unterschied zwischen Anspruch und Inhalt entspricht ), mit hübschem rosa „waldorf“-Schriftzug.

Ich hatte zuerst den Eindruck, ein Buch aus der anthroposophischen Schriftenreihe „kontext“ des info3-Verlages vor mir zu sehen. „Eine Reihe für neue Wissenschaft“, wirbt die info3. Das ist aber nicht auf Sympathie Grandts für Spiritualität, alternative Konzepte oder Esoterik zurückzuführen – im Gegenteil, diese ist für ihn generell böse und unterdrückerisch.

Mit dem „Schwarzbuch waldorf“ soll aber auch die Waldorfkritik einen neuen Anlauf nehmen, eine neue Stufe der Sachlichkeit erobern:

„In ihm kommen auch Vertreter der Waldorfpädagogik und der Anthroposophie zu Wort. Es ist eine kritische Bestandsaufnahme der Waldorfpädagogik und beleuchtet ebenso Rudolf Steiner und die Anthroposophie. (…) Nach zehnjährigen publizistischer Abstinenz zum Thema Waldorfschulen und Anthroposophie soll dieses Buch erneut Anlass zum Nachdenken über diese Form von Pädagogik geben. (…) Michael Grandt erhofft sich durch das Buch eine neue, gesellschaftliche Diskussion über die Waldorfschulen, dessen Begründer Rudolf Steiner und der Frage der Notwendigkeit der staatlichen/steuerlichen Finanzierung dieser Art von Schulen.“

So heißt es auf Grandts Webseite.

2. Der Schlammschlacht erster Teil

Grandt, Waldorf, Anthroposophie und andere schwarze Bücher

Zuletzt sorgte Grandt im Herbst letzten Jahres für Schlagzeilen. Zusammen mit Samuel Althof von der schweizer „Aktion Kinder des Holocaust“ unternahm er gerichtliche Schritte gegen ein Buch Rudolf Steiners, der das Judentum als spirituell durch den „Christus-Impuls“ überholt sah und ihm seine Daseinsberechtigung „innerhalb des modernen Völkerlebens“ absprach – während er selbst zu dieser Zeit als Hauslehrer bei einer „jüdischen Kaufmannsfamilie“ lebte, mit der er sich bestens verstand. Wegen Letzterem und weil Steiner zwei Sätze vor der inkriminierten Stelle meint, das Judentum habe trotz allem immer wieder in die europäische Kulturgeschichte „nichts weiter als günstig“ eingegriffen, behaupten viele AnthroposophInnen bis heute, die Stelle sei einfach nur missverständlich und in Wirklichkeit gar nicht antisemitisch. Das meinte die anthroposophische Seite „Nachsichten aus der Welt der Anthroposophie“ beispielsweise in einem nicht gerade sachlichen Artikel.

Grandt nimmt Kritik leider grundsätzlich nicht so gut auf, dem Autor antwortete er ( sehr höflich und offensichtlich um Klärung bemüht ):

„…Achtung, jetzt begebe ich mich auf ihr Niveau: Sie sind bestimmt auch so ein ausgemergelter, Müsli-essender, verknöcherter Versteinerte[r?], der nicht genug Arsch in der Hose hat, mit einem Kritiker mal Auge in Auge zu diskutieren und zwar sachlich und nicht beleidigend und diffamierend, was ja für Ihre ‚Sekte‘ spricht.? Ich bin gespannt, ob Sie genug E… in der Hose haben, diesen Leserbrief zu veröffentlichen?“[!]

Grandt rechtfertigt dass so: „Ich habe mich (…) nur auf das Niveau dessen begeben, der mich angegriffen hat.“ ( siehe unten ) – eben diese Eínstellung ist das Problem bei der ganzen Sache.
10 Jahre früher. Zusammen mit seinem Bruder Guido hatte Michael Grandt schon einmal ein „Schwarzbuch“ ausgearbeitet. Ein Schwarzbuch zu Rudolf Steiners „Anthroposophie“, mit dem originellen Namen „Schwarzbuch Anthroposophie“. Darin warfen die Gebrüder Grandt Steiner seinen Rassismus vor, darüber hinaus fabulierten sie eigenartige Passagen über Steiners angebliche Mitgliedschaft in sexualmagischen Sekten und Logen, vor allem dem „Ordo Templis Orientis“ ( O.T.O. ) zusammen. Und da der berühmte Satanist Aleister Crowley in letzterem ( im Gegensatz zu Steiner ) tatsächlich Mitglied des O.T.O. war, konstruierten die Grandts auch noch einen „Satanismus“ in die Anthroposopie hinein. Die rassistischen Auswüchse Steiner flössen außerdem in die Waldorfpädagogik ein. Kein Wunder, dass der Historiker Helmut Zander die „Unterstellungen“ des „Schwarzbuch Anthroposophie“ in seinem 2007 erschienenen Mammutwerk „Anthroposophie in Deutschland“ als „unseriös“ bezeichnet. Er widerlegt zumindest das Märchen über okkult-sexualmagische und satanistische Praktiken in Anthroposophie und Waldorfpädagogik. [ Zander, „Anthroposophie in Deutschland“, Vandenhoeck&Ruprecht, 2007, II, S. 986 ]

Die „Anthroposophische Gesellschaft“ und der „Bund der Freien Waldorfschulen“ reagieren auf Kritik grundsätzlich mindestens ebenso heiter, entspannt, gesprächsbereit und ausgeglichen wie Grandt ( d.h. ziemlich wenig entspannt, heiter und ausgeglichen, aber sicher nicht gesprächsbereit! ) und greifen dabei zu allen möglichen und unmöglichen Methoden. Das „Schwarzbuch Anthroposophie“ wies darüber hinaus einige Mängel und Fehler auf – und wurde in pedantischer Weise von anthroposophischen Medien zerpflückt. Dabei ging es auch nicht immer sonderlich fair und sachlich zu.

Zusätzlich beschwerte sich ein von den Grandts als Quelle gebrauchter Autor, Peter König, über deren Recherchen, Behauptungen und Argumentationen, diese seien eine „Zurückdrängung relevanter Fakten durch spekulatives Aufzählen irrelevanter Nicht-Fakten ( z.B. Abschreiben von Abschreibern )“, erlaube „keine Wahrheitskontrolle mehr und mündet in ein endlos fragmentiertes Labyrinth grenzloser Beliebigkeit.“ – was eine anthroposophische Zeitschrift natürlich freudig erregt druckte.

Schließlich klagte die Anthroposophische Gesellschaft gegen das Buch – erfolgreich. Der Verlag musste die Stellen, in denen die Tradierung von Steiners Theoremen in den Waldorfschulen behauptet wurden, per Gerichtsbeschluss schwärzen.

Michael und Guido holten daraufhin zum dritten Streich der eigenartigen Schlammschlacht aus. Sie schrieben ein neues Buch, „Waldorf Connection“, indem sie ihre rücksichtslose Peinigung durch die Anthroposophische Gesellschaft beklagten und ihre Thesen kurzerhand noch einmal veröffentlichten.

Die Qualität ihrer Ausführungen litt dabei – wie schon das Zustandkommen des Buches, als Racheakt, verrät – noch einmal erheblich. Auch das Bild auf dem Cover ( ein zerrissenes Bild Rudolf Steiners ) zeigt das lächerliche Niveau, das die Auseinandersetzung erreicht hatte ( was sie, besonders im Bezug auf Steiners Rassismus, bei so gut wie jeder mir bekannten Gelegenheit tut ).

Ein LeserInnenkommentar von Nicole Leonardy auf amazon.de meint zu dem Buch:

„Da ich mich seit einiger Zeit kritisch mit dem Thema Anthroposophie auseinandersetze, wollte ich die gesamte Literatur kennen, die sich kritisch zur Anthroposophie äußert. Dieses Buch stellt Zusammenhänge zwischen Okkultismus, Satanismus und Anthroposophie in einer unsachlichen polemisierenden Tonalität dar, so dass ich die darin vertretenen Thesen leider nicht ernst nehmen kann.

Die Brüder Grandt vertreten eine Anschauung, die genauso extrem daherkommt, wie jene der in ihrem Buch geschilderten Vertreter der Anthroposophie, sind also in dieser Hinsicht weder weltoffener noch toleranter als Ihre ‚Opfer‘.“

Oben zitierter Helmut Zander kommt in seiner Abhandlung der Literatur rund um Waldorfpädagogik auch auf die unsachlichsten und polemischsten Veröffentlichungen zum Thema ( sowohl pro als auch contra Waldorf ) zu sprechen: „Historische Fakten“ würden in diesen „meist ohne Kontexte und ohne Reflexion auf die Selektions- und Interpretationsprobleme zusammengestellt. (…) Ein relativ krasser Fall von Unseriosität ist die Veröffentlichung von Grandt: Waldorf-Connection.“ [ Zander, Anthroposophie…, S. 1361 ] Grandt selbst bezeichnete das Buch ebenso wie das „Schwarzbuch Anthroposophie“ als schlicht „gesellschaftskritisch“.

Mit dem Hinweis auf diese Debatte versuchen AnthroposophInnen die bösartige und verleumderische Arbeitsweise ihrer KritikerInnen, letztere die gleichfalls bösartige und machtgierige Vorgehensweise von „den Anthroposophen“ zu enthüllen…

3. Schwarzbuch Waldorf – brisante Neuigkeiten oder journalistisches Recycling?

Nun die Ankündigung des neuen Buches 2008. Das „Schwarzbuch Waldorf“ spielt offensichtlich auf das verunglückte „Schwarzbuch Anthroposophie“ an und ist in vielerlei Hinsicht interessant: Welche Neuigkeiten, welche Argumente kann Grandt vorbringen? Welches Niveau haben seine Ausführungen? Wie fällt sein Urteil aus? Wozu ist dieses Urteil gut?

Die bisher erschienenen Rezensionen sind sich mit den ( von Grandt extra benachrichtigten ) Kultusministerien einig, dass das Buch überheblich und ungeschickt ist. Alexander Kissler ( selbst Anhänger der „Die-Große-Waldorf-Verschwörung“-Theorie ) sieht in der „Süddeutschen Zeitung“ aber die „Fragen“ des Buches als berechtigt an ( in meinen Augen sind sie natürlich durchaus berechtigt, aber Grandts Antworten sind nach meiner Information undifferenziert bis falsch ), die anderen RezensentInnen stellen lieber den eigenartigen Aufbau des Machwerks heraus:

Während Grandt „brisantes Material“ versprach, um die Diskussion aufzuheizen, meint Rezensent Heisterkamp: „Gefühlte 50 Prozent des bedruckten Papiers machen hier Auszüge aus Presseartikeln, Büchern und Internetseiten aus, und auch da, wo die Zitate nicht ausdrücklich markiert sind, handelt es sich überwiegend um journalistisches Recycling.“ – ob Heisterkamps Empfinden diesbezüglich richtig ist, sei mal dahingestellt.

Und nichtmal gutes Recycling : Grandt sammle altbekanntes und meist längst aufgearbeitetes, hauptsächlich aus dem Internet zusammen, dabei blieben „die Fakten auf der Strecke“ ( Dorion Weickmann, die ZEIT ).

Grandt wendet alle Mittel und Wege auf, um die Waldorfschulen als versteinerte, pädagogisch miserable Anstalten zu präsentieren, die ihrem Anspruch einer „Erziehung zur Freiheit“ definitiv nicht nachkämen. Völlig offensichtlich sei, dass Waldorfschule „esoterisch-okkulte Weltanschauungsinstitute“ sind.

Dabei wäre sicherlich die 2007 erschienene WaldorfabsolventInnenstudie von Heiner Barz und Dirk Randoll interessant, die kommt diesbezüglich zu folgendem Ergebnis:

„Der immer wieder erhobene Vorwurf, Waldorfschule erziehe zur Anthroposophie ( vgl. Prange 2000 ) wird durch die Daten mehr als deutlich widerlegt. Die Mehrheit der Absolventen steht ihr indifferent bis skeptisch gegenüber. […] Die Absolventen bescheinigen der Waldorfschule auch kaum eine aktive Rolle bei der Vermittlung anthroposophischer Überzeugungen, wohl aber eine hohe religiöse und weltanschauliche Offenheit.“

Grandt ist die Studie bekannt, er zitiert sie sogar zustimmend, allerdings nur in Punkten, die seine eigenen (Vor- und Wert-) Urteile über Waldorfschulen bestätigen können, ( mensch denke an Königs Bezeichnung der „Grandtschen Arbeitsweise“ als „Labyrinth grenzloser Beliebigkeit“ )

Andere erziehungswissenschaftliche Studien, die in der Waldorfschule z.B. eine „Chance zur Individuellen Entwicklung“ gegeben sehen, den das dreigliedrige und selektive Schulsystem momentan nicht biete ( Neue Rottweiler Zeitung ), werden von Grandt scheinbar systematisch ignoriert.

Die RezensentInnen sind sich u.a. deswegen einig, das „Schwarzbuch“ sei eine weitere Publikation in der Reihe unsachlicher Anti-Waldorf-Polemik und bringe deswegen vielleicht ein paar Magazine zu sensationsheischenden Rezensionen, ändere an der Schulwirklichkeit der Waldorfschulen jedoch nichts. Beispielsweise Grandts alte Forderung, Waldorfschulen staatliche Förderungsgelder zu verweigern, weil sie esoterisch, rassistisch und demokratiefeindlich seien, gehört zu diesem Unfug, der aus Steiners 90 Jahre altem Schrifttum und revisionären Haltungen anthroposophischer Institute eine angebliche „Schulwirklichkeit“ der Waldorfschulen konstruiert und die positive gesellschaftliche Resonanz auf die Erfolge der Waldorfpädagogik zum „Mythos“ erklärt. ( vgl. „‘Rassistische Religionsschule‘? – Die Tragik der Waldorfkritik“ ) In „Mythos und Wirklichkeit von Waldorf“, die das „Schwarzbuch“ verspricht, liegt wohl sein größter Irrtum: Mit viel mehr gutem Willen als Können oder entsprechender Sachlage will Grandt die gesellschaftliche Resonanz auf die positive Wirklichkeit der Waldorfschulen zum „Mythos“ erklären – und kreiert dabei eigentlich erst einen Mythos auf Kosten der Wirklichkeit.

Solche „Kritik“ nützt niemandem, außer der Auflage von Büchern und Zeitschriften. – Mit „Waldorf“, wie es 81.000 SchülerInnen täglich erleben, hat Grandts Waldorfkonstruktion jedenfalls praktisch nichts zu tun.

4.Hier die mir bekannten Rezensionen des „Schwarzbuch Waldorf“:

Alexander Kissler: „Sind Waldorfschulen ein Verstoß gegen das Grundgesetz?“Der Autor schließt sich Grandt sensationsheischend an, kritisiert aber „unangenehm eitle Töne und miserable Ausdrucksweise“

Wolfgang G. Vögele: „Abstruses Zerrbild von Anthroposophie – Anti-Waldorfliteratur auf ihrem intellektuellen Tiefpunkt angekommen“ Der Anthroposoph Vögele kritisiert die einseitige, „verleumderische“ und unsachliche Arbeits- und Präsentationsweise Grandts und hat es offenbar zusätzlich nötig, gnadenlos tendenziös die Anthroposophie und Waldorfpädagogik zu preisen.

„Themen der Zeit“: „Schwatzbuch Grandt“ Der Artikel zeigt am Spezialfall Lothar Gassmann, welch bodenloses Niveau zahlreiche Behauptungen und Quellen des „Schwarzbuch Waldorf“ haben – beispielsweise besagter Gassmann. Der enthüllt nämlich viele Dinge: Eurythmie sei nämlich nicht nur dämonisch inspiriert, sondern Homosexualität eine Sünde und ein „seelsorgerisches Problem“, nichtchristliche Religionen und Kulte „Irrlehren“ – am Ende liefe dies noch auf eine „Vereinheitlichung der Menschheit hinaus“…..

NNA: „Verunglimpfung eines Erfolgsmodells“ Die esoterische Website „NNA“ fasst die Kritik des „Bunds der Freien Waldorfschulen“ am „Schwarzbuch Waldorf“ zusammen. Der sieht sich als zukunftstauglich und auch dem von Grandt zurecht kritisierten längst entwachsen – berechtigte Vorbehalte geben sich hier die Hand mit einer selbstgerechten und kontraproduktiven Position!

Jens Heisterkamp, info3: „Waldorf – knallhart retschertschiert“ Heisterkamp nimmt Grandt und sein „Schwarzbuch“ genüsslich auseinander, sieht auch die Notwendigkeit einer Erneuerung der Waldorfpädagogik, hält aber die zu evaluierenden Gebiete paradoxerweise trotzdem für „längst bearbeitet“.

Dorion Weickmann, Die ZEIT: „Dilettant auf Steiners Spuren“ Weickmann urteilt über das Buch: „Die Fakten bleiben auf der Strecke“, das Buch betreibe „brutalstmögliche Aufklärung“. Wie mir Andreas Lichte freundlicherweise mitteilte, ist Weickmann selbst Waldorfschülerin. Ob sie das zur glaubwürdigen Berichterstatterin oder zum Gegenteil macht ( wegen der Rezension wird natürlich wieder die „Beeinflussung durch bösen Okkultismus“-Keule geschwungen ), sei den LeserInnen überlassen. Manche ihrer Aussagen, beispielsweise die, dass der Waldorfschulbund „überdeutlich“ Distanz zu Steiners Rassismus bezogen hätte, kann ich ( bitte bedenken: ebenfalls Waldorfschüler ) nicht feststellen.

Vielleicht urteilt Jens Heisterkamp am tauglichsten:

„Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Gesellschaftlich ambitionierte Projekte wie die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik müssen mit Kritik leben. Und mit Michael Grandts Buch kann man gut leben. So gut, dass es sich fast schon unsportlich anfühlt, mit so einem „Gegner“ zu streiten – da gibt es nun wirklich Klügeres zum Thema. Grandts Bild der Waldorfschule als eines okkulten Unterwanderungs-Apparats hat mit Waldorf-Kritik so viel zu tun wie eine Sendung von Galileo-Mystery mit dem Nobelpreis für Physik– ‚im Internet retschertschiert‘ eben.“

Auch das war jetzt nur journalistisches Recycling meinerseits von Rezensionen ÜBER das „Schwarzbuch“. Mit der Frage, warum ich keine eigene schreibe, sondern andere wiederkäue, erreichen wir die bittere Pointe:

5. Der Schlammschlacht zweiter Teil

Doch wenn das Wörtchen wenn nicht wär…

„Gesellschaftlich ambitionierte Projekte wie die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik müssen mit Kritik leben…“ Aber sie wollen es nicht! Das haben die hysterischen Reaktionen von VertreterInnen der Anthroposophie und Waldorfpädagogik in vielen Situationen immer wieder bewiesen. Steiners Werk ist nicht nur Impuls- und Ideengeber der Waldorfpädagogik, sondern steht ihr heute leider meist im Wege. Eines der bilderbuch-haftesten Beispiele ist Steiners Rassentheorie: In der „Stuttgarter Erklärung“ von 2007 distanzieren die Waldorfschulen sich eindeutig von Rassismus und verurteilen Diskriminierung – Steiners Rassismus aber wird nur am Rande und als höchstens „aus heutiger Sicht (…) diskriminieren(d)“ dargestellt. Die Anthroposophiekritikerin Jana Husmann-Kastein beispielsweise wurde in einer juristischen Stellungnahme der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung als „Linkssektiererin“ mit angeblich typisch „linker“ „ahistorischer“ Vorgehensweise verunglimpft.

Nicht gänzlich ohne Grund betonen GegnerInnen der Anthroposophie bei jedem Anlass die „Kritikunfähigkeit“ der Waldorf-Szene. Auch die Reaktionen auf das „Schwarzbuch Waldorf“ erfüllen dieses Klischee:

„Damit wir uns nicht falsch verstehen: es gibt in der Tat vieles zu kritisieren und zu verbessern an Waldorfschulen; manche Gewohnheiten (wie die achtjährige Klassenlehrerzeit) gehören auf den Prüfstand, die Waldorfschule muss sich für zeitgenössische Konzepte öffnen und mit einzelnen rassistischen Äußerungen in Vorträgen Steiners muss man sich weiter kritisch auseinandersetzen“,

räumt der oben bereits zitierte Jens Heisterkamp in seiner Rezension ein. AAAAber sobald es um konkrete Beispiele und entsprechende Agitation geht, ist schnell Schluss mit lustig – und mit legitimer Kritik:

„Als spezielles Angriffsfeld hat sich Grandt noch die Waldorflehrerausbildung ausgesucht – ein natürlich längst auch waldorfintern bearbeitetes Reformfeld“

Dass dieses Reformfeld noch nicht, jedenfalls keineswegs genug bearbeitet ist, hat Andreas Lichte herausgestellt, den Heisterkamp als „den unvermeidbaren, gescheiterten Waldorf-Studenten Andreas Lichte“ vorstellt und auf dessen Meinung er – wie auf die praktisch aller WaldorfgegnerInnen – nichts gibt! Lichte ist nicht etwa gescheitert, sondern hat die Ausbildung am Berliner Seminar für Waldorfpädagogik wie jedeR andere absolviert und kritisiert heute als „ausgebildeter Waldorflehrer“ und entschiedener Gegner derselben Steiners befremdlichen Passagen über die angeblichen Eigenschaften vermeintlicher Menschenrassen oder die Historizität von Atlantis. Auf Lichtes Hinweis, er sei keinesfalls gescheitert, erläuterte Heisterkamp geradezu gran(d)tig, Lichte sei Opfer einer „Gehirnwäsche (…) – die muss heftig gewesen sein, wahrscheinlich bei 90 Grad und anschließendem Schleudergang – und jetzt ist gar kein Hirn mehr da…[!]“

Was immer das sein mag, es ist kein guter Umgang mit Kritik und die schlechtestmögliche Reaktion auf den Hinweis auf einen eigenen Fehler!

Während z.B. auf der großen WaldorflehrerInnentagung in Greifswald im Herbst 2007 kritische Fragen über Waldorfpädagogik und deren Evaluation gestellt und bearbeitet wurden und Anfang dieses Jahres eine weitere Tagung mit diesem Schwerpunkt dazu stattfand, ist dem „Bund der freien Waldorfschulen“ die mögliche Notwendigkeit der Erneuerung der Waldorfpädagogik plötzlich ein Rätsel: im „Schwarzbuch“ werde

„in keiner Weise darauf eingegangen (…), dass die Waldorflehrerseminare seit langem evaluiert werden und wie alle anderen Hoch- und Fachhochschulen derzeit einer starken Veränderung durch den Bologna-Prozess mit entsprechenden Anerkennungs- und Evaluierungsverfahren unterworfen sind.“

„Schwarzbuch Anthroposophie“ nicht genug, der „Bund der Freien Waldorfschulen“ beschloss schließlich mal wieder, den juristischen Weg einzuschlagen und die Auslieferung der Buchs zu verhindern, Begründung: Grandt behaupte ( was tatsächlich mal wieder dämlich ist ), dass die Waldorfschulen „körperliche Züchtigung an Schülerinnen und Schülern“ verharmlost und gerechtfertigt haben.

Genauer geht Alexander Kissler in einem zweiten Artikel für die „Süddeutsche Zeitung darauf ein, wie genau es mit diesem hauptsächlichen „Stein des Anstoßes“ „Stein des Anstoßes ausgesehen haben soll.

Der Anthroposoph Christian Grauer schreibt auf der Seite „Schachtelhalm“ sehr treffend: „Der Bund der Freien Waldorfschulen begeht Selbstmord“. Ich erlaube mir, einige längere Passagen zu zitieren:

„Die Dummheit, diesen faux Pas nun erneut zu begehen, verursacht fast physischen Schmerz. Gibt es denn in Stuttgart keine PR-Berater? Auf solche Aktionen haben Grandt und seine Mitstreiter doch nur gewartet wie ausgehungerte Piranhas, denn sie sind die beste PR für das Buch. Der Enthüllungsanspruch von Grandt, der hinter Waldorf eine rigorose Sekte vermutet, wird dadurch nur bestätigt und die gesellschaftliche Diskussionsunfähigkeit der Waldorfvertreter wird aktenkundig demonstriert. Statt mit einer offenen Debatte voll Esprit und Humor auf die tumbe Agitation von Grandt zu reagieren, begibt man sich noch weit unter dessen eigenes Niveau. Die heren Ansprüche von freiem Geistesleben und Pluralismus, mit dem man sich als Privatschule stets rechtfertigt, weichen einer geradezu spießbürgerlichen Borniertheit. (…)

Diese peinliche Aktion treibt jedem Waldorfschüler die Schamesröte ins Gesicht und sie ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich mit Engagement und Phantasie öffentlich für die Ideen der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik eintreten (…) ich weigere mich als Mitglied einer Waldorfschule, einen solchen Bund als Vertretung anzuerkennen.“

Eine solche Debatte hinterlässt bei mir eine seltsame, leere Müdigkeit. Dass Grandt und Co sich über jedes nachvollziehbare Maß dagegen weigern, die starken Seiten und positiven Erfolge der Waldorfpädagogik und zahlreicher anderer Praxisgebiete der Anthroposophie wahrzunehmen, verblasst in meiner Perspektive momentan vor der sensationellen Inkompetenz, die der „Bund der Freien Waldorfschulen“ in diesem Fall an den Tag gelegt hat!

Sobald sich jemand in der Debatte Pro oder Kontra Waldorf/Anthroposophie äußert, wird er oder sie von einer der beiden Parteien sofort als Feind gebrandmarkt, als böswillig, voreingenommen oder sogar unzurechnungsfähig abgefertigt. Besonnenheit oder Sachlichkeit tun Not. Dabei gibt es diese Besonnenheit bei vielen LehrerInnen, Eltern und v.a. SchülerInnen der Waldorfschulen. Von dieser menschlichen Basis muss der Keim zu einer fruchtbaren Erneuerung des Waldorfpädagogik und einer fruchtbaren Neuformierung ihrer Kritik kommen, das darf einem „Schwatzbuch Grandt“ ( Themen der Zeit ) und ein aufgeblasener, angeblich repräsentativer „Bund“ der Waldorfschulen nicht überlassen bleiben!

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Die Philosophie der UN-Freiheit – Zu Rudolf Steiners Rassismus “Schwarzbuch Waldorf“: Pleiten, Plagiate Pech und Pannen

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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