“Vollgas mit Handbremse“ – Warum Waldorfschulen mehr SchülerInnenpartizipation brauchen (1.)

17. Juni 2009 at 10:01 am 5 Kommentare

Schule funktioniert nur, wenn alle Beteiligten zu ihrem Recht kommen. Gerade Waldorfschulen wollen das nach ihrem Selbstverständnis als eine „Pädagogik vom Kinde aus“ gewährleisten: „Wir müssen ein Erziehungswesen haben, das nicht nach Regeln verfährt, sondern das nach den Kindern verfährt, die real da sind, (…) aus dem Kinde selbst heraus liest, was zu tun ist, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr.“, so schon Schulgründer Rudolf Steiner ( 1861-1925 ).  

Viele Ansätze, die Steiner im Ringen um eine anthroposophisch begründete Pädagogik teils aus der Reformpädagogik um 1900 entlehnte, teils mehr „working by doing“ konzipierte, sind dabei heute immernoch ( oder wieder ) aktuell, etwa Lernen ohne Noten, Betonung musisch-handwerlicher Fächer, früher Fremdsprachenunterricht, Theaterspiele und „Jahresarbeiten“.

Klingt nett, hat aber auch eine Menge Haken: Das von Steiner aufgestellte Konzept hat etwa als Fixpunkt zunächst mal den/ die LehrerIn, Kinder lernten am besten vom „Vorbild“ der „selbstverständliche[n], nicht erzwungene[n] Autorität“, zu der sie eine persönliche Beziehung aufbauen, „Gewissen, Gewohnheiten, Neigungen“ ausbilden könnten ( „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“ ) 

  

 

Rudolf Steiner ( 1862-1925 ), verpatzte er seine „Erziehung vom Kinde aus“ durch das Mythologem der „geliebten Autorität“?

 Faktisch liegt aber gerade in der starken Rolle der LehrerInnen die Schwachstelle des ganzen Ansatzes: Es gibt keine „perfekten“ LehrerInnen, keine PädagogInnen, die sich ohne jede Pause so selbstlos wie liebevoll an motivierte „Kinderseelchen“ hingeben, der Anspruch der Waldorfschulen, nämlich, wahre „Erziehungskünstler“ vorzuweisen, macht die ganze Sache sogar noch komplizierter. So auch der Waldorfpädagoge Rüdiger Iwan ( „Die neue Waldorfschule – Ein Erfolgmodell wird renoviert“, Rowohlt, 2007 ):

  „Der gesteigerte Anspruch erhöht zugleich die Gefahren, und mancher, der sich in der Rolle des Stoffumwandlers zugunsten der Entwicklungsförderung versucht, findet sich ( wenn er es denn bemerkt ) in der des Verkünders wieder. Zwar weiß er viel, vor allem aber will er sein Wissen auch mitteilen und fördert eines mit Sicherheit dabei nicht, die Entwicklung der Schüler. (…) Er steht damit dem Lernen der Schüler fast vollständig im Wege.“ ( S. 33 )

Das ist freilich nicht in jedem Unterrichtsfach und längst nicht bei allen LehrerInnen so, die oft gute Arbeit leisten und auch mit innovativen eigenen Ansätzen in die Stunde kommen! Auch bietet, wie Helmut Zander m.E. nach richtig vermutet, „die musisch-praktische Ausrichtung viele kreative Freiräume“, durch die „die faktische Dogmatisierung von Lehrinhalten oder die autoritären Strukturen“ meist „überlagert“ werden ( „Anthroposophie in Deutschland – Theosophische Weltanschauung, Gesellschaftliche Praxis“, Vandenhoeck& Ruprecht, 2007, II, S. 1454 ), aber trotzdem: eine Pädagogik, die „aus dem [ individuellen! ] Kinde selbst heraus liest, was zu tun ist, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr.“, sieht doch eigentlich anders aus. ( vgl. „Herausforderungen: Der Ist-Zustand vieler Schulen.“ – Artikelsammlung auf: http://www.freunde-waldorf.de/info/waldorf/herausforderungen/ )

 Aus diesem Dilemma kommt die Waldorfpädagogik nur hinaus, wenn sie den Anspruch des eigenen Programms – nämlich die Pädagogik vom Schüler/ von der Schülerin aus – neu be-, und dann ergreift. Denn, wie eingangs gesagt: Schule funktioniert nur, wenn alle Beteiligten zu ihrem Recht kommen.

 Und eine auf das Bedürfnis der SchülerInnen ausgerichtete Schule muss auch zentral von Schülerinnen und Schülern mitgestaltet werden – Stichwort: „SchülerInnenmitverwaltung“, SchülerInnenVetretung“ oder „SchülerInnenrat“.

 In einer Folge von vier Artikeln, die in loser Reihenfolge erscheinen, möchte ich Ansätze diskutieren, die sich in diese Richtung bewegen und dafür plädieren, dass Schülerinnen und Schüler sich in dieser Hinsicht stärker einsetzen.

 1. Einleitung

2. SchülerInnenpartizipation an Waldorfschulen – ein Rückblick

3. Eine bundesweite Waldorf-SV? 

4. Die Praxis: SVen an FWSen 

5. Schule für Menschen

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Wie geht’s weiter? “Vollgas mit Handbremse“(2.): SchülerInnenpartizipation an Waldorfschulen – Ein Rückblick

5 Kommentare Add your own

  • 1. Ansgar Martins  |  17. Juni 2009 um 10:07 am

    So, doch noch fünf Minuten Zeit gefunden für den ersten Part der \“Serie\“ 😉

    Antwort
  • 2. Simon Columbus  |  4. Juli 2009 um 1:25 pm

    Ich weiß nicht, Ansgar, ob du schon mal von Soziokratie gehört hast; ein Vorschlag des niederländischen Pädagogen Kees Boeke zu einer neuen Herrschaftsform, die er in seiner Schule wohl erfolgreich angewandt hat: http://worldteacher.faithweb.com/sociocracy.htm – könnte in diesem Zusammenhang interessant für dich sein.

    Antwort
  • 3. Cardinal  |  4. Juli 2009 um 5:56 pm

    Das beruht dann auf dem Konsensprinzip?! Wie es in der Praxis funktioniert, müsste man überprüfen, aber es klingt echt nicht schlecht.

    Antwort
  • […] und Wirklichkeit ist die uralte Tragik der Waldorfschulen!!! vgl. Versteinerung und Innovation; Vollgas mit Handbremse I). Gerade die Praxisfelder kamen auch wieder durch den intimen Austausch und Kontakt mit andern […]

    Antwort
  • […] so dezidiert autoritäres Konzept (vgl. Vollgas mit Handbremse 1 und 5)ist für ein selbstständiges Lernen (bis ins Alter von 14!) in meinen Augen dagegen eher […]

    Antwort

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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