Von „nicht vergehender“ Vergangenheit

21. August 2009 at 10:14 pm 5 Kommentare

Nach ein bisschen Sommerpause gibt’s mal (oder schon?) wieder was neues in der anthroposophischen „Rassismusdebatte“ zu berichten!

Vor einigen Tagen erschien ein weiterer Beitrag zur kritischen Diskussion der Steinerschen „Rassentheorie“ von dem anthroposophischen Autor Ralf Sonnenberg, der bereits eine Studie v.a. zu Steiners Antisemitismus veröffentlicht hat ( vgl. „Fehler der Weltgeschichte„).

Sonnenbergs Aufsatz basiert auf einem Artikel in der Zeitschrift „Novalis“ und erscheint auf dem Egoisten-Blog, eine Formulierung Ernst Noltes aufgreifend, unter dem Titel: Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Der Beitrag entwickelt seine Argumentation in einer kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen von Hans-Jürgen Bader und Lorenzo Ravagli in ihrer polemischen Apologie „Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit“, die Steiner vom Rassismusvorwurf reinwaschen sollte (vgl. Ravagli, die „Rassen“ und die Rechten).

Sonnenberg deutet Steiner als Anthroposoph mit sehr viel Verständnis, wartet aber auch mit notwendiger Kritik auf. Ein blinder Fleck seinerseits liegt in der Deutung der theosophischen „Wurzelrassen“, die „in erster Linie“ nicht als Beschreibung angeblicher „Menschenrassen“, sondern „zu Periodisierungszwecken“ gebraucht worden seien (S. 15). Diese Deutung stimmt nur teilweise: Hinter den theosophischen „Wurzelrassen“ verbergen sich eben auch viele biologistisch-sozialdarwinistische Konstruktionen!

Problematisch ist auch Sonnenbergs häufige Betonung der Tatasche, dass für Steiner die sog. „Rassen“ nur „vorübergehende Erscheinung in der Geschichte“ darstellten. Laut Steiner werden die „Rassen“ mit der sogenannten „sechsten nachatlantischen Kulturepoche“ verlöschen. Diesen angenommenen Zustand künftiger weltumspannender  „Brüderlichkeit“ setzt Steiner aber in über 1000 Jahren an, d.h. noch sind „Rassen“ demnach definitiv existent und keineswegs „vorübergegangen“. (vgl. Die Philosophie der UN-Freiheit) Zu dieser unter AnthroposophInnen sehr beliebten Fehldeutung heißt es in Helmut Zanders Opus „Anthroposophie in Deutschland“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 633):

…damit verlagert man die Lösung der Probleme aktueller Rassenkonstruktion auf eine künftige Zeit. Die negativen Wertungen, die für die absehbare Zukunft in Kraft bleiben, gelten dann heute fort.“

Trotzdem ist Sonnenbergs Arbeit ein Schritt von AnthroposophInnen zu einer fundierten und kritischen Aufarbeitung des „Rassenthemas“ im anthroposophischen Evolutionsdenken – und er nimmt dabei auch explizit Bezug etwa auf Helmut Zanders Arbeiten als notwendiger kritischer Außenperspektive. Sonnenberg stellt klar, dass hier nur eine historisch-kritische Auseinandersetzung weiterhelfen kann, und, dass „dieser Reflexion nach außen hin sichtbare Konsequenzen“ folgen müssten (S. 16). Deutlich weist er dabei die apologetischen Schriften der Reihe „Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit“ zurück:

„Leist, Bader und Ravagli geht es jedoch nicht um eine ernsthafte, geschweige denn wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Einwänden von Anthroposophie-Kritikern, sondern ausschließlich um Verteidigung und Abwehr (…) Die Debatte um rassistische Inhalte anthroposophischer Anschauungen und deren Tradierung durch heutige Interpreten erschiene von dieser Warte aus betrachtet nicht viel mehr als eine Verschwörung, die Gegner der Anthroposophie böswillig ins Werk setzten, um deren Vertreter von ihren eigentlichen spirituellen Aufgabenstellungen abzubringen. Das apologetische Unternehmen der Autoren Bader, Leist und Ravagli könnte sich somit auf lange Sicht hin noch als Bumerang erweisen.“ (S. 17)

Advertisements

Entry filed under: Anthroposophie & Rassismus, Lorenzo Ravagli, Nachrichten, Ralf Sonnenberg.

Versteinerung und Innovation – Die Vernachlässigte “Innenfront“ der Waldorfschulen Steiner und die Prügelstrafe

5 Kommentare Add your own

  • 1. Andreas Lichte  |  22. August 2009 um 7:12 am

    Jana Husmann-Kastein:

    „Anfang und Ende gegenwärtiger ‘Menschenrassen‘

    Die erste Differenzierung von gegenwärtigen ‘Menschenrassen’ ist nach Steiner in der ‘lemurischen Zeit‘, also im Zuge der dritten Wurzelrasse, erfolgt. Allgemein geht er vom Einfluss planetarischer Kräfte und geistiger Wesenheiten auf die Formgebung und Entwicklung des jeweiligen ‘Rassecharakters’ aus. Das heißt unter anderem: Luzifer differenziere die ‘Rassen’, er gebe ihnen Gestalt und äußere Farbe. Steiner imaginiert, wie bereits mehrfach herausgestellt wurde, eine ganze Heerschar von ‘Rassegeistern’, ‘Zeitgeistern’, ‘Volksgeistern’, und ‘Geistern der Form‘ und nicht zuletzt habe auch der jüdische Schöpfergott, den Steiner als Mondengottheit bezeichnet, mit der Rassenentwicklung zu tun.

    Mit Blick in die ferne Zukunft geht Steiner vom zukünftigen Verschwinden der angeblich rassischen ‘Vererbungs- und Blutzusammenhänge‘ aus. Diese perspektivische Vergänglichkeit von gegenwärtigen ‘Menschenrassen‘ bezieht sich auf eine Entwicklung in einigen tausend Jahren, in der der Mensch in andere Formen physischer und seelischer Verfasstheit im Prozess der Vergeistigung übergehe. In Steiners These der zukünftigen Auflösung von gegenwärtigen ‘Rassen‘ liegt so zugleich die These ihrer Bedeutsamkeit bis dahin begründet.“

    Antwort
  • 2. Andreas Lichte  |  22. August 2009 um 7:19 am

    Lorenzo Ravagli arbeitet im Auftrag der Anthroposophie und der Waldorfschulen.

    Ich führte kürzlich ein langes Telefonat mit Dr. Walter Kugler, Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach. Er bestätigte mir, dass Ravagli an entscheidender Stelle tätig ist. Ravaglis wichtigste Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit über den Rassismus Steiners zu täuschen.

    So entstand für den Bund der Freien Waldorfschulen das Buch von Lorenzo Ravagli und Hans-Jürgen Bader: „Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit – Anthroposophie und der Rassismusvorwurf.”

    Jana Husmann-Kastein sagt dazu im Artikel des Stern „Auf Tuchfühlung mit dem rechten Rand”, Zitat:

    (…) „Der Rassismus Steiners wird dabei von Bader und Ravagli nicht nur abgestritten, sondern zum Humanismus umgedeutet”, schreibt Husmann-Kastein. Kritiker Steiners würden von den beiden Buchautoren massiv diffamiert. „Insgesamt wird von Bader und Ravagli alles legitimiert, was Steiner zu ‘Menschenrassen’ gesagt und geschrieben hat. Das liegt nicht an der mangelnden Textkenntnis, denn die einschlägigen Rassismen Steiners werden zitiert.” (…)”

    Quelle: http://www.stern.de/politik/deutschland/waldorf-paedagogik-auf-tuchfuehlung-mit-dem-rechten-rand-602719.html

    Antwort
  • 3. Ansgar Martins  |  22. August 2009 um 6:58 pm

    Hallo Andreas,

    Dann sind wir uns also auch mal wieder einig… Ich glaube allerdings nicht, dass Ravagli da ein inoffizielles „Amt“ innehat. Er ist“nur“ am wortgewantesten und geübtesten in der Apologie von Steiners Rassentheorie und deshalb bei den AnthroposophInnen hoch beliebt, die bei Steiner keine Irrtümer, geschweige denn „Rassismus“ sehen wollen/können.

    Antwort
  • 4. Gertrud Kiefer-Volkert  |  13. November 2009 um 10:49 am

    Und noch etwas:
    Der neugeschaffene Begriff „Islamismus“ ist wohl in bewusster Anlehnung an Begriffe wie „Mohammedanismus“ und „Arabismus“ entstanden, an Begriffe, die von Rudolf Steiner verwendet wurden, die vielleicht längst vergessen wären, wenn sie nicht durch die anthroposophische Bewegung mit den sie begleitenden Debatten in die Gegenwart getragen worden wären. In dem Neubegriff „Islamismus“ wurden diese veralteten Begriffe heraufgeholt, neu formuliert und teils mit dem alten Inhalt gefüllt.
    Widersinnig erscheint nun das zeitgleiche Engagement der Waldorfpädagogik bei der Gründung der Interkulturellen Waldorfschulen zur Integration von Muslimen in Deutschland, die wohl eher auf Christengemeinschaftsinitiativen zurückgeht.
    Christengemeinschaftsleute lesen Rudolf Steiner anders und aus ihrer eigenen Perspektive und sie sind sich der Gefahren, die von Steiners Gedankenwelt ausgehen, offenbar nicht bewusst. Viele kennen die anthroposophischen Abgründe nicht oder verdrängen sie. Wer liest schon das Gesamtwerk Steiners? Intern gibt es viele Tabus um Steiner, an deren Aufklärung wenig Interesse besteht: man arbeitet hier lieber in die Welt hinaus.

    Antwort
  • 5. Gertrud Kiefer-Volkert  |  8. Februar 2010 um 11:45 am

    Es ist ein großes Thema:

    „Der Kristallhimmel in Beziehung zur individuellen menschilchen Entwicklung“ lese ich gerade. (Lit.: Rudolf Steiner: Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt, GA 110 (1981) Zehnter Vortrag, Düsseldorf, 18. April 1909, abends. Und: Rudolf Steiner: Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern. Pastoral-Medizinischer Kurs., GA 318 (1994), Vierter Vortrag, Dornach, 11. September 1924)

    „Während des ersten Lebensjahrsiebents arbeiten am Menschenwesen die Kräfte der Sonne und bilden seinen eigenständigen Ätherleib aus. Im zweiten Jahrsiebent kommen dazu die Kräfte des Mondes, die den Astralleib ausformen. Dann wirken bis etwa zum 21. Lebensjahr die schon viel feineren Kräfte der übrigen Planeten des Planetensystems, die schon viel schwerer zu bemerken sind. Bis zum achtunzwanzigsten Lebensjahr wirken noch, kaum mehr beobachtbar, die Konstellationen der Fixsterne. Doch dann stößt die Entwicklung an eine feste Grenze, eben den Kristallhimmel. Von nun an kann der Mensch dem Kosmos keine Kräfte mehr für seine Entwicklung entnehmen, sondern muss von nun an selbsttätig das verarbeiten, was er bisher aufgenommen hat. Gerade dadurch aber kann der Mensch nun seine eigenständiges Ich jetzt erst so richtig entfalten …“
    (Anthropedia)

    „Kristalle, Kristallhimmel und menschliches Ich“

    wo es heißt: „Die Aufgabe des Menschen im Laufe seiner wiederholten irdischen Inkarnationen besteht darin, gleichsam seine physische Leibessubstanz von ihrer ursprünglich graphitartigen Natur immer mehr zu einem diamantartigen Zustand zu veredeln, indem er die Stoffe, die seinen Leib erfüllen, immer mehr mit seiner individuellen Ich-Kraft durchdringt. In dem der Mensch das tut, bereitet er den Stein der Weisen, von dem die Alchemisten gesprochen haben und von dem uns Rudolf Steiner sagt, dass damit eigentlich die Kohle, der Kohlenstoff gemeint ist“ (ebenfalls Anthropedia)
    (Dass Diamanten aus Kohlenstoff bestehen ist allgemein bekannt und dass in deutschen Kolonien Diamanten begehrte Bodenschätze waren, ebenfalls)

    Und da fällt einem schon aus begrifflichen Gründen die Parallele zu gewissen schlimmen Zeiten auf:

    Naturreiche – Kristall – Erdennacht

    … und dann noch ein Feindbild

    Wurde etwa so zusammengebracht, was nicht zusammengehörte seinerzeit? Die geistige Nähe von Steiner zu dem Nationalsozialismus ist eben nicht zu leugnen. Ich bleibe dabei, dass Steiner einiges dazu beigetragen hat.

    Sollte Hitler vielleicht therapiert werden durch AnthroposophInnen? Die Reichsübermütter und die ÄrztInnen?

    Alles denkbar.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Trackback this post  |  Subscribe to the comments via RSS Feed


Inhalt ( Auswahl - vgl. das Archiv )

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 167 Followern an

Kategorien

Archiv

Zum Autor

Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

Kommentare

Jeder Artikel kann kommentiert werden. Da ich aber bei Internetdiskussionen zu diesem Thema schon einiges an widerlichen Unterstellungen und Beleidigungen von pro- wie antianthroposophischen Seite gelesen habe, werden die Kommentare aber vor ihrer Veröffentlichung geprüft und ich behalte mir vor, sie ggf. zu kürzen oder nicht freizuschalten. Ich will damit niemanden "zensieren", sondern versuchen, eine faire und möglichst sachliche Diskussionskultur zu schaffen.

Haftungsausschluss für externe Verweise und Links

Mit Urteil vom 12.Mai 1998 hat das LG Hamburg entschieden, dass mensch durch die Ausbringung eines Links die Inhalte der verlinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann, so das LG, nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert.

Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

Blog Stats

  • 438,718 hits

Bild im Titel: Ita Wegman, Rudolf Steiner, Marie Steiner-von Sievers


%d Bloggern gefällt das: