Freiheit, Dummheit und Schule – Rückblick auf die 14. WaldorfSV-Tagung in Berlin

19. Oktober 2009 at 11:56 pm 5 Kommentare

Dieses Wochenende (16.-18. Oktober) hatte ich das ganz besondere Vergnügen wieder einer Tagung der WaldorfSV (vgl. Vollgas mit Handbremse 3) beizuwohnen.

Im Frühjahr war die letzte Tagung leider einfach ausgefallen, monatelang hieß es auf der WaldorfSV-Seite lapidar: „Wir werden in den nächsten Tagen das neue Datum mitteilen und bitten bis dahin um Geduld!“  Wie ich auf der jetzt stattfindenden Tagung erfuhr, waren zwei Mitglieder des „Sprecherkreises“ ausgefallen.

Vor ein paar Wochen flatterte dann zu meinem Erstaunen doch noch eine Einladung zur nächsten Tagung in das Postfach meiner SV. Der Flyer verkündete, dass das auf der Tagung besprochene Thema „Freiheit“ im weitesten Sinne behandelt würde.

Da zwei Delegierte die Fahrt von der Schule erstattet kriegen fuhren wir zu zweit hin und fanden uns gegen Nachmittag in der Waldorfschule Berlin-Kreuzberg ein.

Am Freitag abend begann das Programm mit einem gefühlte-8-Stunden-Vortrag von Nana Göbel (aus dem Vorstand der „Freunde der Erziehungskunst“, langjährige Mitarbeiterin der GLS-Bank, Mitbegründerin mehrerer Schul- und Sozialprojekte v.a. im Waldorfumfeld) die über das Tagungsthema „Freiheit“ referieren sollte. Der Vortrag wiederum begann mit der für WaldorfpädagogInnen tragischerweise symptomatischen Ankündigung, dass sie über „die ideale Waldorfpädagogik“ reden wolle, nicht die Probleme der „praktischen“ (womit die brisantesten Themen natürlich vom Tisch waren).

Neben allerlei Trallala über Identität, Persönlichkeit und die (Nicht-?)Existenz eines „Ich“ waren einige interessante Punkte zu hören, dass etwa „das Ich“ nicht begrenzt gedacht werden dürfe, sondern vor allem die Fähigkeit entwickelt werden müsse, „sich einzulassen“ – was für die Pädagogik heißen müsse, dass LehrerInnen und SchülerInnen zu „Partnern“ im Lernprozess werden müssten – in der Tat so idealistisch wie überfällig. Dass es das „Wesenhafte der Freiheit“ sei, immer neu errungen werden zu müssen und nie haften zu bleiben. Am amüsantesten war allerdings eine Bemerkung Nana Göbels über die teleologische Evolution, dass diese „die Idee des Menschen“ von Anfang an enthalten habe. Das sorgte nach dem Vortrag für eine hitzige Diskussion.

Samstag und Sonntag holten aber inhaltlich und von der Intensität der Gespräche deutlich auf. In frei aufgeteilten Gruppen zu Bildung, Kunst, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wurden diverse Texte (von Zeitungsartikeln über Kurzgeschichten, Feminismus, die Forderungen der Märzrevolution 1848, Prechts Buch „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ zu Propagandaartikel der Nazis von 1936) gewälzt und in angeregten Gesprächen diskutiert. Was überhaupt ist Freiheit? Welche Relevanz hat die Definition eines „Freiheitsbegriffs“ für Leben und Alltag? Ist der Mensch „frei“ (innerlich oder äußerlich?) und wie weit? Oder überhaupt? Wie reagiert mensch auf Unterdrückung? Wie kann mensch diese Erkenntnisse gesellschaftlich oder institutionell berücksichtigen oder verwirklichen? Ein Themengebiet, mit dem mensch wirklich nicht jedes Wochenende so intensiv zu tun hat. Die Abende standen natürlich unter dem Zeichen der zahlreichen Attraktivitäten der Stadt Berlin.

Sonntag vormittag wurden vier neue Mitglieder für den „Sprecherkries“ der WaldorfSV gewählt, der die Projekte der WaldorfSV vorantreibt, mit dem BdFW Rücksprache hält und vor allem die nächste Tagung zu organisieren hat. Das Thema SchülerInnen-VERTRETUNG hatte aber auf der Tagung, wie so oft bei der WaldorfSV, kaum Platz (wäre doch gerade hier ein Thema gewesen, bei dem sich Diskussionen über „Freiheit“ ganz praktisch anbietet!!!). Es ergaben sich zwar viele interessante und informative Gespräche mit einzelnen Menschen über das, was verschiedene SVen gerade wie machen, wie sie in der Gremienlandschaft der Schule stehen etc., aber das eher außerhalb des Tagungsprogramms. Immerhin kann ich meiner Liste von SVen an FWSen“ die Schulen in Karlsruhe, Mannheim, Kaltenkirchen, Wolfsburg, Bielefeld und Oberursel hinzufügen.

Insgesamt waren nur 80 TeilnehmerInnen da (150 im letzten Jahr), was wohl an der späten Verschickung der Einladungen lag (und daran, dass der Tagungsort erst sehr spät festgelegt wurde, weil die ursprünglich geplante Schule absagte). Diese 80 Teilis waren aber sehr munter und diskussionsfreudig. Auf die lange Rückreise nahmen wohl alle neue Kontakte, Ideen und „revolutionäre“ Anregungen mit. Bleibt zu hoffen, dass sie sich bis in die Zähigkeit des Schulalltages durchkämpfen.

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Entry filed under: SchülerInnenpartizipation an FWSen, Waldorf-SV.

Die Mächte des (L)ICH(ts) – Symptome der Steinerschen „Geisterkenntnis“. Eine philosophische Stellungnahme Epochenunterricht zwischen Idee, Wirklichkeit und individualisierender Neukonzeption

5 Kommentare Add your own

  • 1. Andreas Lichte  |  21. Oktober 2009 um 7:44 am

    Hallo Ansgar,

    du schreibst: „Das Thema SchülerInnen-VERTRETUNG hatte aber auf der Tagung, wie so oft bei der WaldorfSV, kaum Platz (wäre doch gerade hier ein Thema gewesen, bei dem sich Diskussionen über „Freiheit“ ganz praktisch anbietet!!!).“

    Ich hatte ja schon unter vier Augen gestaunt, als du mir erklärtest, dass die Waldorf-Schüler-Vertretung gar nicht die Interessen der Schüler vertritt.

    Mein Eindruck: mit der WaldorfSV wird der Eindruck erweckt, dass Waldorfschulen demokratisch organisiert sind, obwohl sie Unternehmen ohne Betriebsrat sind …

    Hier solltest du mal endgültig Klarheit schaffen, auch weil ich dir gerade schrieb, siehe mail:

    „Für mich interessant, wie die immer gleichen Nasen – Ravagli und Hardorp – das Immergleiche mit neuen Worten unters Volk zu bringen versuchen. Und offensichtlich kommen diese „grauen Eminenzen“ auch noch damit durch. Weil es keine Öffentlichkeit gibt?“

    Antwort
  • 2. Ansgar  |  21. Oktober 2009 um 11:47 pm

    Hallo Andreas,

    Ich hatte ja schon unter vier Augen gestaunt, als du mir erklärtest, dass die Waldorf-Schüler-Vertretung gar nicht die Interessen der Schüler vertritt.

    Ich hatte eher einen bestätigten denn einen erstaunten Gesichtsausdruck in Erinnerung, aber egal.^^

    Überhaupt ist das Problem nicht neu, schon ein kleines Weilchen auf diesem Blog zu lesen: https://waldorfblog.wordpress.com/2009/07/05/vollgas-mit-handbremse-3-eine-bundesweite-waldorf-sv/

    Dort heißt es u.a.: „Wohl findet auf ihren Tagungen Kommunikation zwischen SVen statt, zweifellos gehen die nachher mit größerer Motivation und neuen Ideen in ihre Arbeit an den einzelnen Schulen zurück, aber über eine Plattform für Kommunikation und Vernetzung von WaldorfSVen ist sie bisher nicht hinausgekommen.

    Ich jedenfalls habe die gewiss nicht ungewichtige Stimme eines Organs für die Vertretung von WaldorfschülerInnen in vergangenen Situationen und Debatten sehr vermisst.“

    Die Sache ist ein bisschen komplizierter. Der SprecherInnenkreis sitzt laut eigener Aussage bei manchen Sachen des BdFW mit am Tisch, allerdings ohne dass Beschlüsse zu den dann jeweils behandelten Themen seitens der WaldorfSV vorliegen. Darauf wird aber bei der Wahl des Sprecherkreises hingewiesen, jedeR kann sich aufstellen, der/die mitgestalten will.

    Das Problem, das keine Beschlüsse der WaldorfSV vorliegen, auf deren Basis die Sprecherkreismitglieder entscheiden, ist aber auch in anderen SV-Kreisen zu finden. Etwa bei den Deligierten der Stadt- und Kreis-SVen in Rheinland-Pfalz für die jeweiligen Landes-SchülerInnen-Konferenzen. Die haben auch oft kein imperatives Mandat für ihren Kreis/ ihre Stadt, entscheiden dann spontan vor Ort (auf besagten Landes-SchülerInnen-Konferenzen), für was sie wie abstimmen.

    Dieses Problem ist bei der WaldorfSV natürlich verschärft. Es fehlt einfach der Kontakt zur Basis.

    Und das ist auch doof für die einzelnen SVen. Die Tagungen könnten viel effizienter Kenntnisse für deren möglichst effektive Partizipation an Schulgestaltung und -Mitverwaltung vermitteln, wie gesagt.

    Mein Eindruck: mit der WaldorfSV wird der Eindruck erweckt, dass Waldorfschulen demokratisch organisiert sind, obwohl sie Unternehmen ohne Betriebsrat sind …

    Dagegen spricht, dass die einzelnen SVen an den einzelnen Schulen, die es dann doch in recht großer Zahl gibt, vielerorts durchaus Mitspracherecht in den Gremien haben. Ich habe z.B. vor zwei Jahren meine Weihnachtsferien damit verbracht, ein Konzept für die Ganztagsschule Klasse 7-10 zu schreiben – gleichberechtigt mit einem Mitglied des Elternrats und der LehrerInnenschaft. Und dieses Wochenende habe ich von einigen anderen Schulen gehört, wo die SVen viel verankerter sind als in Mainz.

    Wenn, dann kann dein Eindruck also auf den Bund der FWSen gelten, nicht aber generell für die SVen an den einzelnen Schulen.

    Dagegen spricht aber, dass die WaldorfSV nicht auf Initiative des BdFW gegründet wurde, sondern als 12.-Klassarbeit von Lukas Mall 2000. Ich würde unterstellen, dass die es bisher einfach nicht so auf die Reihe bekommen haben, sich groß basisnäher zu organisieren, das ist aber die „Schuld“ des SprecherInnenkreises, nicht des BdFW – wenn der die WaldorfSV auch finanziell unterstützt.

    Außerdem: Wollte der BdFW mit der Existenz der WaldorfSV seine „demokratische Organisation“ besonders bewerben o.ä., würde er das auch tun. Stattdessen wird nirgendwo auf seiner Seite auch nur auf die WaldorfSV hingewiesen (auf den Bundeselternrat immerhin schon) und auch in keiner seiner Presseerklärungen. Das finde ich aber wesentlich bedauerlicher als wenn er das tun würde. Denn das würde mehr Leute für die WaldorfSV interessieren, sie wäre ein bisschen mehr im Bewusstsein und würde sich vllt ein wenig inhaltlicher orientieren.

    Mal schauen, was da noch kommt.

    Antwort
  • 3. Cardinal  |  24. Oktober 2009 um 10:04 pm

    Ufff. Ein paar Wochen hab ich nicht hier reingeschaut und dann ist diese Masse an Beiträgen da. Dann fang ich mal an zu lesen. Das mit der Tagung klingt spannend 🙂

    Antwort
  • 4. Gertrud Kiefer-Volkert  |  28. Dezember 2009 um 5:57 pm

    Der Bund der Freien Waldorfschulen ist ja „nur“ die für Deutschland zuständige Ansprechorganisation. Zentrum der Anthroposophie ist und bleibt Dornach mit seiner Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und mit seinen Sektionen, die da heissen:

    Allgemeine Anthroposophische Sektion (und Vorstand)
    Pädagogische Sektion
    Jugendsektion
    Medizinische Sektion
    Sektion für Landwirtschaft
    Naturwissenschaftliche Sektion
    Mathematisch-Astronomische Sektion ( incl. Astrologie)
    Sektion für Sozialwissenschaften
    Sektion für Schöne Wissenschaften
    Sektion für Redende und Musizierende Künste
    Sektion für Bildende Künste

    Die Pädagogische Sektion stellt sich dabei folgendermaßen vor:
    Die Pädagogische Sektion versucht den Paradigmenwechsel, den Steiner durch die Erziehungskunst im Bildungswesen
    vollzog, zu verstehen, weiterzuentwickeln und die Ergebnisse zur Verfügung zu stellen. Das betrifft die Felder der frühkindlichen Pädagogik (Kinder- und Jugendalter) und der Förderpädagogik. Die mehr als 1000 Waldorf-/Rudolf Steiner Schulen weltweit, wie um die 2000 Kindergärten, versuchen, diese Pädagogik zu leben; daher sind die Verbindungen zu diesen Schulen die stärksten. Lehrer werden an ca. 100 Ausbildungsstätten weltweit auf die pädagogische Tätigkeit vorbereitet.
    (s.a. unter http://www.paedagogik-goetheanum.ch)

    Antwort
  • 5. Gertrud Kiefer-Volkert  |  26. Januar 2010 um 10:31 am

    Ich kann nicht umhin, mich mal wieder in diesen Blog einzubringen.
    Worüber man sich noch so alles auslassen muss, um den Komplex Steiner/Waldorf/ zu bearbeiten, auf den lehrr wie Schüler sich „einlassen“ (wie im Text referiert) sollen.
    Was „einlassen“ heißt? E i nlassen ist einer der größten Begriffe der deutschen Sprache, einfach hingesprochen. Worauf bitte? In welchem Zusammenhang? Unter was für Bedingungen?
    In meinem dicken Buch, dass sich Lexikon nennt, stehen unter
    dem Präfix „ein“ -zig Seiten, auf denen viel Grundlegendes gedruckt ist, das Thema Einbildung kommt dabei u.a. auch vor, mal bewusst frei zusammengestellt nach den metahumanistischen Sprachgepflogenheiten dieser Kreise, die munter unterschiedlichste Sprach- und Bedeutungsebenen miteinander verschränken und aus ihren Zusammenhängen herauslösen.
    Die Vorsilbe „kon“ könnte man gelegentlich als direkte Übersetzung von „ein“ ansehen, dennoch würde niemand solche Begriffe übersetzen, denn es ergäben sich eklatante Bedeutungsunterschiede.
    Sich einlassen auf Rudolf Steiner? Nein danke!

    Antwort

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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