Missbrauch und Reformpädagogik – Eine „Collage“ zu Waldorf, Odenwaldschule und Steinerscher Sexualmoral

13. Mai 2010 at 3:53 pm 42 Kommentare

Zurzeit wird bekanntermaßen in nahezu allen Medien das Thema „sexueller Missbrauch an Schulen“ diskutiert. Vor allem werden Fälle sexueller Übergriffe durch Lehrer an kirchlichen (namentlich katholischen) Schulen problematisiert, was sich mit Debatten der ohnehin zutiefst makaberen Einstellung der katholischen Kirche gegenüber Sexualität verbindet.

Nach den Vorfällen an der Odenwaldschule (OSO) und jetzt auch in drei anthroposophischen Einrichtungen hat sich zusätzlich ein eigenartiger Streit darüber entwickelt, ob das jetzt „das Ende“ der Reformpädagogik sei. Ich versuche in diesem Blogeintrag eher „collagen“artig, die wichtigsten Artikel zu den wichtigsten Ereignissen zusammenzutragen.

Auch AnthroposophInnen haben zu Sexualität im allgemeinen und besonderen bekanntlich ein eher schwieriges Verhältnis. Nach dem Thema Waldorf und Missbrauchsvorwürfe will ich auch das und seine Relevanz für die Waldorfschulen kurz thematisieren (wobei ich mir freilich bewusst bin, dass ich damit zwei sehr unterschiedliche Seiten von „Sexualität in der Schule“ – von denen die eine, nämlich Missbrauch, nicht sein darf und die andere, d.h. Sexualkundeunterricht sein muss – auf für beide eigentlich unangemessene Weise verbinde).

„Pädagogik und Eros“ – Beispiel I: Die Odenwaldschule

Die Missbrauchsvorwürfe (eine leider unvollständige Liste von publizierten Vorfällen hier) wurden vorwiegend gegen (großenteils ehemalige) Lehrer an kirchlichen (nicht nur katholischen, vgl. fr-online.de) Privatschulen erhoben. Als dann auch Vorfälle an der berühmten Odenwaldschule kritisiert wurden, war die erste reformpädagogische Schule dabei – mit der überdies überraschend viele bekannte ReformpädagogInnen irgendwie liiert waren und sind (zu inziwschen diskutierten Fällen an der Wiesbadener Helene Lange-Schule siehe ebenfalls fr-online). Schnell stellte sich die Frage, ob mensch das nicht irgendwie mit dem Wesen von Reformschulen verbinden könne:

„An der Odenwaldschule wurde nicht einmal Geheimhaltungsdruck ausgeübt, man gab den Kindern das Gefühl, einer verschworenen Gemeinschaft anzugehören und kultivierte eine ‚platonische‘ Rechtfertigungsphilosophie in der Tradition des Stefan-George-Kreises. Aber auch ein ‚einvernehmlicher‘ sexueller Missbrauch kann dem Opfer schwere Wunden zufügen. Pädaophile Täter behaupten gern, sie seien von den Kindern verführt worden.“ (Henning Köhler: Pädagogik braucht Eros, in: Erziehungskunst 05/2010, S. 52 – ich bitte zu beachten, dass diese Sätze ausgerechnet in der Waldorfzeitschrift „Erziehungskunst“ erscheinen, eindrucksvolle Beschreibungen dieser Ereignisse, ohne dabei das Konzept als Ganzes zu verdammen, lieferte die ehemalige OSO-Schülerin Amelie Fried: Die rettende Hölle)

Die Odenwaldschule in Heppenheim-Oberhambach

Die Odenwaldschule in Heppenheim-Oberhambach

Parallelen im Schulkonzept ließen sich wahrscheinlich schnell zusammenreimen. Eine der pädagogischen Innovationen der 1910 gegründeten Odenwaldschule war (neben der Abschaffung von Jahrgangsklassen oder der damals revolutionären Neuerung, dass LehrerInnen mit „Du“ angesprochen wurden) etwa der Nacktsportsportunterricht, den erst die Nazis verboten. Gründer Geheeb, der sich wie Steiner auf Fichte und Goethe berief, sah in seinen sehr idealistischen Reden über Geist und Zielsetzung seiner Schule natürlich keinen institutionell verankerten Missbrauch vor (Geheeb: Die Odenwaldschule im Lichte der Erziehungsaufgaben der Gegenwart). Die diskutierten Missbrauchsvorfälle wurden vielmehr von den „schuldigen“ LehrerInnen gemäß dem „aufklärerischen“ Selbstverständnis der Schule zurechterklärt, wie die ehemalige Schülerin Fried berichtete:

„Anfang der siebziger Jahre wurde bekanntlich die „sexuelle Befreiung“ ausgerufen, die Gegenbewegung zur repressiven Sexualmoral der fünfziger Jahre. So konnten diese Lehrer sich geradezu als Revolutionäre fühlen, sich vormachen, ihren Schülern etwas Gutes zu tun. Schließlich führten sie die Jugendlichen nur an eine unverklemmte, selbstbestimmte Sexualität heran – was sollte daran falsch sein? Ein gigantischer Selbstbetrug, mit dem die Täter ihr Verhalten verharmlosten und vor sich selbst rechtfertigten.“ (Die rettende Hölle, siehe auch die „Erklärung aus aktuellem Anlass“ der heutigen Direktorin Margarita Kaufmann)

Während die Schule sich heute bemüht, die Stimmen der Opfer zu hören und der Aufklärung der Fälle konstruktiv gegenübersteht (vgl. ebd.), wurden früher bekannte Missbrauchsfälle noch Ende der 90er recht beharrlich abgewiesen, ja die sich meldenden Opfer diffamiert:

„Es gab (…) Stimmen, die ihnen unterstellten, sie wollten den guten Ruf der OSO beschädigen. Groß war die Erleichterung im Vorstand des Trägervereins, als auch die Presse auf den Artikel der Frankfurter Rundschau nicht reagierte (…) Es wurde und wird auch versucht, die Missbrauchsopfer als „Nestbeschmutzer“ darzustellen, die mit ihrer „Kampagne“ nichts anderes im Sinn hätten, als die OSO zu zerstören – aus den Opfern sollen also Täter gemacht werden. (…) Nicht diejenigen haben der OSO geschadet, die den Missbrauch aufgedeckt haben, sondern diejenigen, die ihn begangen haben. Und die allermeisten von denen, die jetzt für eine rückhaltlose Aufklärung der Vorgänge und für eine Benennung der Schuldigen kämpfen, tun dies nicht, um die OSO zu zerstören, sondern um sie zu retten.“ (Fried, a.a.O.)

Beispiel II: Missbrauchsfälle bei Waldorf

Derartige Ereignisse und ihre grauenvollen, tragischen Folgen und Nachwirkungen spielten (und sicher: spielen) sich – wenn auch in anderen Umfeldern und mit anderen Umständen – wie gesagt an zahlreichen Schulen ab, von denen einige, oft schon juristisch „verjährte“ Fälle jetzt problematisiert wurden. Und das werden sie jetzt auch in drei anthroposophischen Einrichtungten, zu denen (wie bei Meldungen aller Art über anthroposophische Einrichtungen üblich) sofort allerlei Berichte und Spekulationen hochkochten.

Im Folgenden die nach meinem momentanen Kenntnissstand thematisierten Ereignisse (eine andere, etwas wirre Collage bei Werner: Missbrauch in Waldorfschule):

„schweren Missbrauchsvorwurf gegen einen Gruppenleiter an einer anthroposophischen Behinderten-Einrichtung in Köthel (Kreis Herzogtum Lauenburg): Der 44-jährige Mann steht unter dem dringenden Verdacht, sich über Jahre hinweg an Kindern sexuell vergangen zu haben. Sein eigener, minderjähriger Sohn, Freund eines mutmaßlichen Opfers, wandte sich verzweifelt ans Jugendamt.“

Laut Artikel sollen zwei geistig behinderte Schüler (heute 15 und 18) „betroffen“ sein, über mutmaßliche Details ist noch nichts bekannt.

„Die Vorwürfe waren laut geworden, nachdem eine andere Frau erklärt hatte, der Sportlehrer habe sie im Jahr 1979 vergewaltigt. Ein weiteres Opfer hatte ihm sexuellen Missbrauch vorgeworfen. Die Nürnberger Waldorfschule hat den Lehrer seit den Osterferien suspendiert.“ (Bayrischer Rundfunk)

Detaillierter berichteten die „Nürnberger Nachrichten“ über das Prozedere. Laut dem Anwalt einer der beiden Frauen, der auch mehrere Opfer an der Odenwaldschule vertritt, ist von weiteren Missbrauchsopfern auszugehen.

Die Nürnberger Rudolf-Steiner-Schule ist augenscheinlich um eine Klärung der Vorfälle bemüht hat nach Vorschrift des Kultusministeriums eine Liste mit schulinternen AnsprechpartnerInnen und externen Anlaufstellen veröffentlicht (Prävention bei Missbrauch oder Gewalt).

Rudolf-Steiner-Schule Nürnberg: Sonst noch "Umweltschule Europas" und anerkannte UNESCO-Projekt-Schule

Rudolf-Steiner-Schule Nürnberg: Sonst noch "Umweltschule Europas" und anerkannte UNESCO-Projekt-Schule

  • Anders lief es bei einem Fall ab, der an der Waldorfschule Überlingen stattfand und zu dem sich ein ehemaliger Schüler zu Wort meldete – hier sind die Parallelen zu Vorfällen an kirchlichen Privatschulen auffällig. Die „Schwäbische Zeitung“ schrieb:

„Auch an der Freien Waldorfschule in Überlingen soll es Missbrauchsfälle gegeben haben. Das berichtet ein ehemaliger Schüler, der die Einrichtung Mitte der Neunziger Jahre besucht hat. Der Pädagoge soll entlassen worden sein.“ (Vorwürfe gegen Waldorfpädagoge)

Auch besagter Schüler hat sich zu gewaltsamen Ausfällen des „Pädagogen“ im Unterricht und einer zu mangelhaften Aufklärung der Vorfälle inzwischen geäußert (Schläge bestimmen die Grundschulzeit), während in einer Stellungnahme der Waldorfschule von zwei belegten Missbrauchsfällen 1993 die Rede ist. In der „Aufarbeitung“ sei aber deutlich geworden, dass der Lehrer gegen mehrere SchülerInnen „tätlich“ geworden sei und vor seiner Tätigkeit an der Schule in der Schweiz von einer Missbrauchsanzeige freigesprochen wurde. Auf Wunsch von SchülerInnen und Eltern sei damals keine Anzeige seitens der FWS Überlingen erstattet worden, es blieb bei einer Suspendierung (Waldorfschule nimmt Stellung). Der „Südkurier“ berichtete ähnlich, aber als einzige Zeitung mit mehr Details zum Missbrauchsvorfall selber (Missbrauchsfälle auch an Waldorfschule – einen Ausschnitt auch auf der Seite der FWS Überlingen).

Wer sich mit den zuletzt 2008 recht breit diskutierten Vorfällen von körperlicher Gewalt an FWSen auseinandergesetzt hat (Steiner und die Prügelstrafe), wird sich vielleicht zunächst besorgt gefragt haben, wie der „Bund der Freien Waldorfschulen“ bzw. die „Landesarbeitsgemeinschaften“ der FWSen auf diese Vorwürfe und diejenigen reagieren, die sie äußern. Gegen die erwähnten Fälle von Gewalt an FWSen gingen diese Interessenvertretungen in meiner (und vieler anderer) Wahrnehmung nicht selten mit Klagen vor – und zwar Klagen gegen diejenigen, die die Fälle öffentlich machten. Ähnlich wie in den 90ern im Umfeld der Odenwaldschule (s.o.) wurde gelegentlich behauptet, es handle sich um Attacken von „unzufriedenen Ehemaligen“ (ebd.).

„Das Ende der Reformpädagogik“?

Promt waren deshalb WaldorfgegnerInnen nach den Missbrauchsfällen natürlich auf dem Plan. Mit originellen Äußerungen wie dieser:

„Dass nun auch eine Waldorfschule betroffen sein soll, verwundert nicht, ganz im Gegenteil, man konnte eigentlich darauf warten und man kann auch davon ausgehen, dass es nicht bei einem Fall bleiben wird. (…) Bei Waldorf-Einrichtungen stellt sich dann auch noch die zusätzliche Frage, ob überhaupt ein Interesse besteht, generell Missbrauchsfälle intern zu ahnden. Dies darf gut und gerne bezweifelt werden, denn was wäre die Anthroposophie ohne Karmalehre. Somit liegt die Schuld immer beim Kind, wenn es missbraucht wird oder nicht?“ (Esowatch: Sexueller Missbrauch in Waldorfschule?)

Glücklicherweise hat der „Bund der Freien Waldorfschulen“ dieses mal erleichternd adäquat reagiert: mit der Einrichtung einer „telefonischen Anlaufstelle“, der Zusicherung, mit Staatsanwaltschaft und Schulaufsichtsbehörden zusammenzuarbeiten sowie mit der Einrichtung einer „Kommission aus Pädagogen und Juristen (…), die mit der Prüfung und Aufklärung aller Vorfälle beauftragt ist.“ (so eine entsprechende Pressemeldung). Die „Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Hessen“ will sogar noch ein bisschen weiter gehen:

„Am Mittwoch, den 24. März vereinbarten die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Hessen mit Horst Cerny, dem Vorsitzenden des hessischen Landesverbands des WEISSEN RING, und Michael Zech vom Waldorflehrerseminar Kassel eine Kooperation mit dem Ziel, dieses Thema in die Waldorflehrerausbildung zu implementieren. Noch während dieses Sommersemesters werden sich die Kasseler Waldorflehrerstudenten in verschiedenen Veranstaltungen mit der Erkennung von sexuellem Missbrauch bei Schülern und den Möglichkeiten kompetenter Hilfe für Opfer von Mobbing, Misshandlung und Missbrauch auseinandersetzen. Entsprechende Fortbildungsveranstaltungen werden auch für die hessischen Waldorflehrer angeboten.“ (Pressemitteilung)

Es wird interessant sein, zu beobachten, ob und in welcher Form dieses „Pilotprojekt“ tatsächlich auf die Beine kommt. Der „Weiße Ring“ und die kooptierte Psychologin Katharina Mauchner scheinen ziemlich glücklich zu sein:

„Als Partner sind die Waldorfschulen im Gespräch. (…) Gemeinsam mit dem Weißen Ring hat die Psychologin und Erziehungswissenschaftlerin ein Konzept erstellt. Nach ihren Erfahrungen herrscht noch viel Unwissen. Deshalb bildet Fortbildung einen der Schwerpunkte des 14 Punkte umfassenden „Maßnahmenpakets“. Personalverantwortliche müssten auf die geschickten Täuschungen Pädosexueller bei Bewerbungsgesprächen vorbereitet sein; Kinderärzte, Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen die von betroffenen Kindern meist ausgesendeten Signale zu deuten wissen. „In keiner der genannten Berufsgruppen gehört die Vermittlung von Wissen über sexuellen Missbrauch und seiner Signale zum Pflichtausbildungsinhalt.“ (…) Hinzu kämen flächendeckende und kostenfreie Kurse, in denen Eltern lernten, wie sie das Selbstbewusstsein ihres Nachwuchs es stärken könnten.“ (Rippegather: Pilotprojekt – Schutz vor Missbrauch)

Indessen haben so manche Kommentatoren der Missbrauchsvorfälle „nun auch an Reformschulen“ noch sehr viel „intelligentere“ Kommentare von sich gegeben als „Esowatch“ zu Karma und Missbrauch bei Waldorf. Der taz-Autor Christian Füller hat in einem Artikel für Spiegel-online ein „Tribunal“ an der Odenwaldschule gefordert (wenn die Fälle schon juristisch verjährt sind) und vorgeschlagen, auch gleich alle anderen ReformpädagogInnen „an den Pranger stellen“ – neben sexuellem Missbrauch gebe es da immerhin Antisemitismus und Kooperation mit dem Faschismus zu beklagen:

„Man sollte das im Lichte der Odenwälder Enthüllungen diskutieren, um der Reformpädagogik endlich ihren Heiligenschein zu nehmen. Ist es nicht so, dass Wyneken ein bekennender Päderast war? Ist es etwa falsch, dass Lietz, Petersen und Steiner vor antisemitischen Äußerungen nicht zurückschreckten? Will jemand bestreiten, dass Maria Montessori viele Jahre lang eng mit dem faschistischen Regime Mussolinis kooperiert hat?“ (Füller: Warum wir ein Odenwald-Tribunal brauchen – zur Frage, wie weit Waldorfpädagogik überhaupt zur Reformpädagogik gezählt werden kann sowie den vorhanden reformschulischen Konzexten von Steiners Pädagogik siehe Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, II, Vandenhock & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 1369-1373, 1383-1390)

Füllers Artikel ist jetzt wirklich beeindruckend unhilfreich. Ganz zu schweigen von den Ausmaßen, die ein solches, wie auch immer geartetes „Tribunal“ haben müsste, um all diese Fälle adäquat und live aufzuarbeiten. Lieber sollte mensch sich überlegen, warum mensch die Werke der genannten ReformpädagogInnen bisher so wenig öffentlich problematisiert hat. Den Vogel hat aber ein Beitrag auf faz.net abgeschossen. Jürgen Kaube sah im üblichen Vokabular der ReformpädagogInnen schon strukturell verdächtiges:

„Die Vorgänge erhalten auch Fragen an reformpädagogische Vorstellungswelten (…) Stehen doch im Vokabular vieler Reformpädagogen Worte wie ‚der ganze Mensch‘, ‚das ganze Kind‘, ‚Leben‘ und ‚Individualität‘, ‚Gemeinschaft‘ und ‚Liebe‘ weit oben.“ (Jürgen Kaube: Dein Lehrer liebt Dich)

Reformpädagogische LehrerInnen-SchülerInnen-„Nähe“. Wegen „Missbrauchsgefahr“ prinzipiell abzulehnen?

Wirklich erotische Terminologien… Und ganz zum Schluss:

„Wer sich darüber beschwert, dass Schule nur Stoff unterrichtet und gar ‚frontal‘, mag es sich noch einmal überlegen.“ (ebd.)

Was soll mensch dazu sagen? „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“? Es scheint ja nicht so, als hätte das an öffentlichen oder kirchlichen Schulen sonderlich viel an zu beklagenden Missbrauchsfällen verhindert.

„Anhang“:

Waldorf, Steiner, Sex und Liebe

Wie angekündigt noch ein paar Stichworte zum (gestörten) Verhältnis vieler AnthroposophInnen zu Sexualität und zum waldorfpädagogischen Konzept zu Sex und Sexualkunde (so vorhanden) – wobei ich nicht annehme, dass dieses irgendwelchen Einfluss auf die Missbrauchsvorfälle hat(te).

In einem, wenn nicht DEM anthroposophischen Standardwerk zur Kindermedizin wird beispielsweise zwar sexuelle Aufklärung von Kindern ausdrücklich begrüßt und als erforderlich für ein „Streben nach selbstbewussten Handeln“ angesehen (Michaela Glöckler, Wolfgang Goebel: Kindersprechstunde – ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber, Urachaus Verlag, Stuttgart 1988, S. 406). Es folgen aber sogleich die zu erwartenden Ausführungen über „Metamorphosen der Wachstumskräfte“, d.h. des „Ätherkörpers“ im Kind (S. 407), über die Rolle von „Erkenntnis“ und kollektivem wie individuellen „Sündenfall“ oder über eine Mutter, die ihr 10jähriges Kind „aufklärte“, als es verstohlen „einen Zettel“ zeigte, den es aus der Schule mitgebracht hatte und auf dem „eine obszöne Zeichnung und ein entsprechendes Gedicht“ zu sehen war (S. 414). Anders als die Lehrerin des Kindes, die offenbar ausgerastet war, reagierte die Mutter waldorf-lieb und freundlich. Fest steht natürlich:

„Ein starker Triebdruck, der zur Fixierung des Bewusstseins auf die Vorgänge zwischen den Geschlechtern führt und dies überdimensional hochspielt, ist immer Folge einer Erziehung, die die seelisch-geistigen Interessen nicht genug fördert und berücksichtigt.“ (S. 419 – die „geistigen“ Interessen werden vorher als Interesse an Reisen, Sprachen, Musischem oder  „ökologischen Fragen“ angegeben, ebd.)

Michaela Glöckler

Steiner selbst hat Mann, Frau und beider körperliche, seelische und geistige Beziehungen im Kontext seiner Evolution der Erde zum „Göttlich-Geistigen“ betrachtet. Für ihn stellten die Geschlechter eine vorübergehende körperliche und seelische Entwicklungsstufe auf dem Weg zur „Vergeistigung“ dar, die „Fleisch- und Blutsliebe“ werde dereinst – mit Hilfe „des Christus“ durch eine allgemeine, menschheitsumspannende All-Liebe ersetzt, die er auch wirklich zutiefst poetisch zu schildern wusste. Dabei blieben diese „wahre Liebe“ und Sex für ihn evolutionär nahezu antagonistische Prinzipien: An der gleichzeitigen Existenz bzw. „Erhaltung“ von Liebe und Sex war ihm, der selbst zweifach verheiratet war und zu seinem Lebensende eine Affäre mit der anthroposophischen Ärztin Ita Wegmann hatte, offiziell nicht gelegen.

Manche nehmen all das heute mit "Humor" - wie diese Karikatur von Michael Eggert zu Anthros und Sex: Steiners Frau Marie Sivers (oben links), dem anthroposophischen Dichter Albert Steffen (oben rechts), der erwähnten Michaela Glöckler (unten links) und der anthroposophischen Uroberärztin Ita Wegmann (unten rechts)

Ein anthroposophiekritischer Journalist kommentierte:

„Der Doktor hat bis zu seinem Tode im März 1925 insgesamt 5965 Vorträge gehalten (…) Vorträge über nahezu alles außer Sex.“ (Peter Brügge: Die Anthroposophen, Spiegel Verlag, Hamburg 1984, S. 22)

Steiners Distanz zu Sex und Körperlichkeit im Allgemeinen mag auch daran liegen, dass er sich Zeit seines Lebens immer von sexualmagischen Praktiken aus dem esoterischen Zeitgeist abgrenzte. Ebenso, wie er und andere AnthroposophInnen unliebsame Gruppierungen aber gerne mit dem Vorwurf der Sexualmagie belegten (Der Europäer, ganz unten im Abschnitt zu Karl Heise), behaupten die unseriöseren AnthroposophiekritikerInnen Verbindungen von Anthroposophie und Sexualmagie seit der Nazizeit (dokumentiert bei Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, Oldenbourg Verlag, München 1999, S. 23ff.) ungebrochen bis heute (manchmal mutiert die angebliche Sexualmagie gar zu vermeintlichen „Kontakte[n] zu einem neosatanischen Orden“, so bei Michael Grandt: Schwarzbuch Waldorf, Gütersloher Verlagshaus 2008, S. 14, 213).

Das (gestörte) anthroposophische Verhältnis zu Sexualität und Geschlechtlichkeit hat auch dazu geführt, das vergangene WaldorfschülerInnengenerationen sich ziemlich kollektiv über das Fehlen von Sexualkundeunterricht an FWSen beschweren durften (Sylva Panyr: Was ehemalige Waldorfschüler über ihre Schule denken, in: Heiner Barz/Dirk Randoll (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen, VS Verlag, Wiesbaden 2007, S. 275) oder teilweise gar darüber, dass sie „keine Tops anziehen“ durften, weil das offenbar als liederlich oder zu freizügig galt (Barz/Randoll: Einleitung in ebd., S. 21). Erst in den letzten Jahren kippen diese Verhältnisse. Das Problem der fehlenden Sexualkunde wird zumindest breiter diskutiert (Herausforderung und Chance) und es werden „Sexualkundeepochen“ durchgeführt (teilweise anstelle der in der 5. Klasse üblichen „Menschenkundeepoche“, vgl. zu anderem Rawson: Sexualkunde in der Waldorfschule) bzw. wenigstens Mal Besuche bei Organisationen wie ProFamilia.

Maris/Zech: Sexualkunde in der Waldorfpädagogik, (Cover)

Maris/Zech: Sexualkunde in der Waldorfpädagogik, (Cover)

So viel für dieses Mal. Es ist eben nichts schlimmer als die Wirklichkeit.

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„Der Europäer“ – Anthroposophie für Fortgeschrittene oder: Der Angriff der Antideutschen „Kreative Fundgrube“? – Der „neue“ Steiner und die Kunst

42 Kommentare Add your own

  • 1. Andreas Lichte  |  14. Mai 2010 um 12:14 pm

    „Es ist eben nichts schlimmer als die Wirklichkeit.“

    oder:

    „Es ist eben nichts bekloppter als die Wirklichkeit.“

    ……………………………..

    http://www.novo-magazin.de/71/novo7138.htm

    „Wundersame Waldorf-Pädagogik oder Atlantis als Bewusstseinszustand

    (…) In der Oberstufenpädagogik [am „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin] wird ein spannendes Thema präsentiert: „Wie gehe ich als Lehrer mit pubertierenden Schülern um?”

    Na, wenn das nicht Unterrichtspraxis bedeutet! Und die Freude wächst noch, als ausnahmsweise einmal ein Text als Vorlage dient, der nicht von Rudolf Steiner ist! Aber dann lesen wir, was wir eh schon wussten: dass die menschliche Individualentwicklung sich in drei Sieben-Jahre-Schritten vollzieht; bis zum siebten Lebensjahr wird der physische Leib ausgebildet, dann folgt vom siebten bis zum vierzehnten Lebensjahr der Ätherleib und schließlich der Astralleib, mit dem alles krönenden Ich … das ist original Steiner, auch wenn nicht Steiner draufsteht.

    Der Lehrer soll die Schüler ihrem Reifestadium gemäß ansprechen und besonders darauf achten, dass keine „Verfrühung” eintritt. Wenn vorzeitig das Interesse am Sexuellen erwacht, so soll der Lehrer (”therapeutisch”) „den Schönheitssinn der Schüler wecken …” – so also geht man mit der Pubertät um!

    Es folgen erhitzte Debatten, mit der immergleichen Frage: „Wie soll ich mich als Lehrer konkret verhalten, wenn dieses oder jenes passiert?” Antworten gibt es keine. Stattdessen entwirft der Dozent [Michael Handtmann] ein Diagramm der gesamten Menschheitsentwicklung mit Schwerpunkt Sexualität: aus dem ursprünglichen Zustand der Asexualität hat der Mensch sich in zwei Geschlechter getrennt. Das ist der Jetzt-Zustand. „Aber es gibt Hoffnung, denn in der Zukunft wird dieser Zustand überwunden werden und der Mensch sich wieder zu einem asexuellen Wesen entwickeln …” – oder sagt der Dozent „hermaphroditisch”? Auf jeden Fall führt er weiter aus: „Wenn Sie das so betrachten, dann werden Sie vielleicht gelassener mit der Aufgabe des harmonischen Miteinanders umgehen können, dieser riesigen Aufgabe entspannter gegenübertreten können.” (…)“

    ……………………………..

    Hat sich Michael Handtmann diesen „sexual-pädagogischen“ Schwachsinn selber ausgedacht? Nein. Zum Stichwort „Hermaphrodit” ein Vergleich mit Rudolf Steiner, „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis”, GA 100, 1981, S. 251:

    „Die Fortpflanzungsorgane haben am längsten ihren pflanzlichen Charakter bewahrt. Alte Sagen und Mythen berichten uns noch von Hermaphroditen (…). Manche glauben, das Feigenblatt, das die ersten Menschen im Paradies gehabt haben, sei ein Ausdruck der Scham. Nein, in dieser Erzählung hat sich die Erinnerung daran bewahrt, daß die Menschen an Stelle der fleischlichen Fortpflanzungsorgane solche pflanzlicher Natur gehabt haben (…). Der Mensch wird nicht auf seiner jetzigen Stufe stehenbleiben. Wie er von der reinen Keuschheit der Pflanze in die Sinnlichkeit der Begierdenwelt hinabgestiegen ist, so wird er aus dieser wieder heraufsteigen mit reiner geläuterter Substanz zum keuschen Zustande.”

    Antwort
  • 2. Gertrud Kiefer-Volkert  |  14. Mai 2010 um 1:45 pm

    Lieber Andreas,

    der Keuschheitsentwicklung von Steiner kann ich zwar nicht folgen, und welchen zeitlichen Rahmen meint er eigentlich? Doch die beschriebenen Anweisungen zum praktischen Umgang mit pubertierenden Jugendlichen sind schon gut: schließlich ist Triebsublimierung eine Kulturleistung, nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch individuell. Die pädagogische Konsequenz daraus lautet: das Interesse auf die Welt zu lenken, auf die kulturellen Errungenschaften nämlich auf die Technik, die Wissenschaft, die praktischen Fertigkeiten, die Kunst usw. , da gehe ich mit Waldorfpädagogik durchaus konform.
    Nichts anderes wird hierzulande schließlich getan, indem Kinder in der Schule die Kulturtechniken lernen und in ihrer Freizeit Bücher lesen, Instrumente spielen und sich sinnvoll beschäftigen. Dazu ist die Schulpflicht da.
    Die Sexualaufklärung ist wichtig, sie muss heute schon sehr früh einsetzen, weil sämtliche Zeitschriften vollgeschrieben sind mit einschlägigen Themen und die Fernsehsender nachmittags
    bereits erotische und sexualisierte Programme bringen, was
    pädagogisch ungünstig ist und den Erziehungszielen vieler Elternhäuser zuwiderläuft.
    Weshalb die anthroposophische Sexualaufklärung so weit ausholen muss, dass man also bis „Adam und Eva“ zurückgehen muss, ist mir unerklärlich. Es interessiert mich auch nicht.
    Wenn Kinder sexualisiertes Verhalten zeigen, sich z.B. kess geben, auffallendes Interesse an sexuellen Themen zeigen, sich oder andere genital berühren, dann sind dies Alarmzeichen dafür, dass das betreffende Kind sexualisierten Umgang kennt und nicht kindgerecht erzogen wird, zuviel Nähe erfahren. hat. Möglicherweise liegt sogar sexueller Missbrauch vor.
    Allerdings muss auch Übertragung in Betracht gezogen werden. Kinder agieren aus, was die Erwachsenen unterbewusst beschäftigt (vorauseilender Gehorsam).
    Kinder haben von sich aus keine sexuellen Interessen, sie dürfen keine Sexualpartner sein. Die Verantwortung der Distanz liegt immer beim Erwachsenen.

    Antwort
  • 3. Andreas Lichte  |  14. Mai 2010 um 10:29 pm

    @ Gertrud Kiefer-Volkert

    Sie sollten schon genau lesen. Da steht als Thema der Unterrichtseinheit von Michael Handtmann, Leiter des „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“:

    „Wie gehe ich als Lehrer mit pubertierenden Schülern um?”

    Pubertierende Schüler sind etwas anderes als „Kinder“. Pubertierende haben auf jeden Fall „sexuelle Interessen“.

    Ob „sexuelle Interessen“ in der Pubertät „sublimiert“ werden sollten, kann vielleicht Ansgar Martins besser beurteilen, meine Pubertät liegt schon sehr lange zurück …

    Was Michael Handtmann als Unterricht für zukünftige Waldorfllehrer anbot, war Hilflosigkeit gepaart mit Eso-Wahn Marke Steiner.

    Antwort
    • 4. Gertrud Kiefer-Volkert  |  27. Mai 2010 um 12:58 pm

      Kennen Sie auch die Schulordnung und die Hausordnung und die Verträge des Lehrpersonals?

    • 5. Andreas Lichte  |  28. Mai 2010 um 10:10 am

      Ich kenne folgende „Schiedsvereinbarung“, die dafür sorgt, dass Probleme in der Waldorfschule nicht öffentlich werden:

      „Zwischen dem Verein und den Eltern ist am … ein Vertrag über die Aufnahme des Kindes … in die Freie Waldorfschule Kreuzberg, deren Träger der Verein ist, abgeschlossen worden. Für sämtliche Streitigkeiten, die sich zwischen den Parteien aus diesem Vertrag zukünftig ergeben, schließen die Parteien folgende Schiedsvereinbarung:

      § 1: Die Parteien vereinbaren, dass für die Entscheidung von Streitigkeiten aus dem in der Präambel beschriebenen Rechtsverhältnis nicht die ordentlichen Gerichte, sondern ein nach Maßgabe der folgenden Bestimmungen zusammengestelltes Schiedsgericht zuständig ist …“

    • 6. Andreas Lichte  |  28. Mai 2010 um 10:16 am

      … so etwas wird dann gar nicht erst bekannt, und falls wider Erwarten doch, arbeitet der Lehrer einfach an einer anderen Waldorfschule weiter:

      ………………………………………….

      Von: Andreas Lichte
      Datum: 28. April 2010 17:33:02 MESZ
      An: waldorfbrixen
      Betreff: Helmut Meisenburg: spielerische pädagogische Methoden

      Sehr geehrtes Kollegium,

      hat Helmut Meisenburg schon die spielerischen pädagogischen Methoden aus der Freien Waldorfschule Kreuzberg, Berlin, in Ihrer Waldorfschule eingeführt?

      .

      Zitat Helmut Meisenburg:

      http://www.senordaffy.de/?p=744#comment-125582

      “Helmut Meisenburg

      Nov 4th, 2008 at 21:48

      Zitat: “…Mit diesen Worten rechtfertigte im Spätsommer 2006 der Klassenlehrer der Freien Waldorfschule Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin, Helmut Meisenburg, gegenüber dem Vater einer Schülerin, dass er ungehorsamen Schützlingen während des Unterrichts wiederholt mit Klebeband den Mund verschloss, um sie zum Schweigen zu bringen. Meisenburg verließ bald darauf die Schule.”

      Der oben beschriebene Vorfall bedarf einer Erläuterung:

      Da es in der Klasse besonders während der Gruppenarbeit immer wieder so laut wurde, dass sich einzelne Schüler beschwerten, fand schließlich ein Gespräch darüber statt, wie dem abzuhelfen sei. Darin wurde von Schülerseite vorgeschlagen, denjenigen, die auf Ermahnungen nicht reagierten, einfach ein Pflaster über den Mund zu kleben. Als dies unter allgemeinem Schmunzeln auf Zustimmung stieß, holte ich eine Rolle Kreppband hervor und einige der lautesten “Schätzer” holten sich gleich freiwillig ein Mundpflaster ab. Ein paar Tage behielten wir diese “Einrichtung” bei, dann geriet das Ganze wieder in Vergessenheit. Die Schüler entfernten das Klebeband übrigens selbständig, wenn sie meinten, es sei genug. Ein Schülervater, der während dieser Zeit in der Klasse hospitierte, hat schon bei einem Elternabend, an dem die Sache von einem anderen Vater angesprochen wurde, darauf hingewiesen, wie harmlos das Ganze war – nämlich mehr ein Spiel als eine Strafmaßnahme.

      Mein Weggang von der Kreuzberger Waldorfschule hatte absolut nichts mit diesem Vorfall zu tun!”

      .

      Ja, da frage ich Sie: warum sollte denn jemand wegen eines Spiels die Schule verlassen?

      Und warum sollte denn die Brixener Waldorfschule Helmut Meisenburg nicht einstellen?

      Nur weil „Mundzukleben“ an einer öffentlichen Schule ein Grund zur fristlosen Kündigung ist?

      http://www.jurablogs.com/de/arbg-halle-kuendigung-beim-zukleben-von-kindermuendern

      “ArbG Halle: Kündigung beim Zukleben von Kindermündern

      Mit Urteil vom 27.01.2005 (Az: 7 Ca 4366/03) hat das Arbeitsgericht Halle entschieden, dass ein die außerordentliche, fristlose Kündigung rechtfertigender wichtiger Grund iSd § 626 BGB vorliegt, wenn ein Erzieher den von ihm zu betreuenden Kindern den Mund mit Klebeband zuklebt. Einer vorherigen Abmahnung bedarf es dann nicht. (…)”

      .

      Mit freundlichen Grüßen

      Andreas Lichte

      .

      http://waldorfbrixen.wordpress.com/about/

      für das Kollegium: Helmut Meisenburg, Folkhart Waltz, Andrea Kluckner, Gerda Amort

  • 7. Foersterliesel  |  18. Mai 2010 um 9:08 pm

    lieber blog-Autor,
    auf welche Quellen stützen Sie Ihre Einschätzung der Kooperation und Freundschaft Steiners mit Ita Wegman als „Affaire“ ?

    Anmerkung A.M.

    In erster Linie auf die fast fanatische Eifersucht, die Marie von Sivers ihr noch zu Steiners Lebzeiten öffentlich hinterhertrug, sie schließlich aus der AAG ausschloss. Sie warf ihr u.a. „Vertrauensbruch“ vor (Willem Zeylmann), während Steiner ab 1923 alles – nicht nur die Medizin – mit Wegmann machte, sie u.a. in dem Mittelpkt der Esoterischen Schule stellte (GA 316, S. 229) Diese reiste ihm nach England zu Vortragsreisen nach, ab 1924 bedauerten die beiden in den gegenseitigen Briefen Dinge wie „schade, daß Du nicht da bist – es wäre
    mir so schön“ (Briefe I) – das ist in Steiners Briefen eine Bemerkung mit seltenheitswert. Er soll ihr jeden 2. Tag geschrieben haben. Der Crash zwischen Sivers und Wegmann begann vor den Streitigkeiten im „Urvortsnad“ und war weit heftiger und persönlicher – ich würde das darauf deuten.

    Belege für diese Vermutungen meinerseits hat Zeylman in seiner Wegman-Biographie (Wer war Ita Wegmann?, Bd. I, im Text zitiert als „I“ mit Seitenzahl nach dem Komma) geliefert, die Helmut Zander (Anthroposophie in Deutschland, II, S. 1536ff.) zitiert:

    „Wirst Du mich jetzt immer lieben bleiben?« (I,207), frug ihn Wegman, die lebenslang nur schlechtes Deutsch sprach, und Steiner versicherte ihr, »diese Liebe ruht auf dem unerschütterlichsten Fels. … ich konnte zu keinem Menschen so stehen wie zu Dir«, ja er gestand ihr, »daß ich nur im vollen Eins-sein mit Dir leben möchte« (I,207) (…) Aber die fünfzehn Jahre jüngere – Steiner war nun 63 und Wegman 48 Jahre alt – blieb die Schülerin. Er gab ihr weiterhin »Meditationen«
    (I,204.208 f.), die sie abends, abgesondert von anderen, zu üben hatte. Wie weit die Beziehung zwischen beiden letztlich ging, ist unklar, aber es könnte gut sein, daß die erotische Freundschaft nicht in sexuelle Liebe umgeschlagen ist.
    Die öffentliche Bearbeitung dieses Verhältnisses bedurfte, da freie Liebe nicht zu den lebensreformerischen Zielen unter Anthroposophen zählte, eines Überbaus, und der hieß in der theosophischen Tradition Karma. (…) Mit Steiners Krankenlager begann die letzte Phase seiner Beziehung mit Wegman. Sie erinnerte sich an die Zeit der in Schüben abnehmenden Kräfte Steiners als ein Leben »in stiller Abgeschlossenheit« (I,243). Beide traktierten weiterhin
    medizinische Fragen402, zugleich dürfte eine große Zuneigung geherrscht haben, denn in Steiners Liebesgedichten für Wegman ist viel von »Liebe« und »Treue« der »lieblich milden« »Mysa« die Rede (I,241).“

    Antwort
    • 8. Robin  |  25. Mai 2010 um 7:06 am

      Das ist eine bewusste Denunziation. Beide wurden zusammengeführt, sie hatten eine gemeinsame Aufgabe auf der Welt. Nur eine dumme, oberflächliche Interpretation kann das zu einer Affäre erklären.

      Anmerkung AM

      Im Gegenteil, die oberflächliche Interpretation würde an der anthroposophischen Verklärung und Verklausulierung festhalten, statt auch mal das Allzu-Menschliche zu seh’n…

  • 9. Hollywood Tomfortas  |  19. Mai 2010 um 6:25 pm

    Je nach dem TV-Quiz-Show-berühmten Geisteswissenschaftler Jens Prochnow sei Rudolf Steiner schwul. Aber die wichtige Frage von Jens is nicht: “entweder-oder” Steiner schwul wäre, sondern “wie” schwul er war.

    Meiner Meinung nach war Rudolf Steiner ganz asexuell – nicht wie eine Amöbe, sondern als seine echte bewusst gewählte sexuelle Orientierung.

    Hier ein deutscher wiki-Artikel über Asexualität als Orientierung:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Asexualit%C3%A4t

    Deswegen glaube ich, dass die Vermutung einer Liebesaffäre mit “Lovely Ita” eine falsche Annahme ist. Rudolf Steiner könnte zwar der männliche Aushängeschild der freud’schen Sublimierung sein. Er war dauergeil nur für geistliche Wesenheiten. Also ist er ein wirklicher Bahnbrecher der asexuellen Orientierung. Na ja, fernehin sollte Steiner der Schutzpatron der Asexualität fue die Prädator Priester sein, um den eigenen Kirchenarsch der rkK zu retten.

    Anmerkung A.M.

    Halte ich dann doch für unwahrscheinlich. Siehe die Affäre mit Wegmann. Und da kam wahrscheinlich noch Edith Maryon hinzu. Die zwei Ehegattinnen noch, und auch Richard Specht hat zugegeben, ihn einmal in inniger Leidenschaft zu einer Frau gesehen zu haben.

    Antwort
  • 10. Foersterliesel  |  20. Mai 2010 um 11:15 am

    lieber Ansgar Martin,
    danke für die ausführliche Beantwortung und auch für den Hinweis bei den Egoisten, ohne den hätte ich nämlich nicht mehr hier nachgeschaut.

    Anmerkung A.M.

    Gehört zum Service^^

    Was halten Sie denn davon?

    Antwort
  • 11. Foersterliesel  |  20. Mai 2010 um 10:13 pm

    lieber Ansgar,
    Zeylmans van Emmichoven ist mein liebster anthroposophischer Autor. – Mich stört der Term „Affaire“, der außer Sex auch Leichtigkeit impliziert – und eine leichte Angelegenheit war diese Liebe vermutlich nicht.
    http://foersterliesel-foersterliesel.blogspot.com/2010/05/blog-post_8903.html

    Anmerkung A.M.

    Da mast Du recht haben. Ich habe den Begriff trotzdem eben deswegen gewählt – um pointiert, aber ohne lange Ausführungen zu zeigen, dass das Spannungsfeld von Liebe, Verliebtheit und Geschlechtlichkeit eben auch bei Steiners realer Vita mehr umfasste als die „evolutive“ Spaltung von androgyner „wahrer Liebe“ und der Koexistenz zweier Geschlechter.

    Antwort
  • 12. Barbara 1  |  21. Mai 2010 um 7:05 am

    Lieber Ansgar,
    wenn man noch jung ist, Teenie oder Twen, ist die gelebte Sexualität noch eine aufregend neue Erfahrung und man verschätz oft ihre Bedeutung: man sieht Beziehungen zwischen den Geschlechtern nur noch unter diesem verengten Blickwinkel. Im Grunde ist das eine uralte, konservative Einstellung von Menschen, die die volle Bandbreite der seelischen Möglichkeiten von Beziehungen noch nicht entdeckt und erfahren haben.
    Auch „Eifersucht“ kann sich natürlich auf andere Dinge als die Sexualttät richten, ebenso „Verrat“. Es gibt sogar recht häufig völlig grundlose Eifersucht. Und auch eine Umarmung kann der Ausdruck von etwas völlig anderes sein. Ich wäre da vorsichtig, auch in der Beurteilung eines Zeitgenossen aus einer Zeit, in der man auch beim Walzertanzen sich einer Frau nicht weiter als bis auf Unterarmlänge nähern durfte, wollte man die „Schicklichkeit“ nicht verletzen.
    Viele Grüße, Barbara 1

    Anmerkung A.M.

    Das ist ja auch alles ganz toll und sehr wichtig. Aber hier ging es nunmal grade um genau das: Sexualität. Du kannst beruhigt sein, dass ich Steiner nicht auf seine Aussagen zu Sexualität reduzieren will =)

    Antwort
  • 13. Barbara 1  |  21. Mai 2010 um 11:51 pm

    Lieber Ansgar,
    Steiner hat schon einiges über Sexualtität ausgeführt, da muss man auch die Stellen über die „Liebe“ durchforsten, da grenzt er öfters die seelisch-geistige Liebe (im Sinne der „Agape“) gegen die Sexualität ab. Und die Stellen sind gar nicht so selten, vor allem auch in Anbetracht dieses Sex-Tabus der Zeitgenossen. (Brügge hat journalistisch oberflächlich recherchiert.)
    In West-Deutschland fing man auch erst um 1970 herum an, öffentlich über dieses Thema zu sprechen: die Einführung der „Pille“ Mitte der 60er Jahre machte dann Oswald Kolle und seine „Aufklärungsfilmchen“ möglich, es folgten Abtreibung-Diskussionen,und die bis dahin undenkbaren „wilden Ehen“ (ohne Trauschein) nach der Abschaffung des berüchtigten „Kuppelei-Paragrafen“ der es Eltern (oder Vermietern) untersagte verlobte Brautleute gemeinsam in der Wohnung schlafen zu lassen, geschweige denn Freund oder Freundin (brachte für den Vater bis Ende der 60er Jahre Gefängnis ohne Bewährung) etc. und auch im Medizin-Studium hat man über Sex nie viel erzählt, und das ist bis heute so.
    Noch ein kleines Zitat von 1969: “ Bei einer edlen Frau (schweigt) der Trieb nach der körperlichen Vereinigung und dem damit verbundenem Lusterlebnis im allgemeinen fast….und statt dessen (steht) der Wunsch nach seelischer Hingabe und nach dem Kinde im Vordergrund.“aus: Hannnes Schwenger, „Antisexuelle Propaganda. Sexualpolitik in der Kirche“ Rowolt Reinbeck 1969 oder:
    Klemens Tilmann „Damit du Bescheid weißt“ Recklinghausen 1962 S. 17: zur vorehelichen Beziehung: „Der unrechte Kuß macht das Mädchen billig und abgegriffen. Er hat etwas Zerstörerisches an sich.“ usw. usw. usw. usw…….

    Viele Grüße Barbara 1

    Anmerkung AM

    Aber Barbara. Wie kommst Du darauf, dass mir diese Geschichte unbekannt ist? Und welche Relevanz misst Du dem für meine Darstellung zu? Dass Steiners puritanischen Sexualvorstellungen (Geschlechtsorgane sind „Reproduktionsorgane“, Sexualtrieb dasselbe wie Nationalismus…) zeitbedingt sind, ist doch klar. Das ändert aber nichts an ihrem Inhalt 😉 Seine Stellen über die Wirkung der Liebe sind, wie bereits geschrieben, teilweise wirklich rührend und poetisch, er KONNTE schreiben (und reden) wenn er wollte, aber das hat er eben trotzdem nicht viel zu Sex getan. Und das wollte ich zum Thema Sexualkunde eben kurz angeben, weil es ja maßgeblich für das anthroposophische Verhältnis zu Sex bis heute ist.

    Antwort
  • 14. Barbara 1  |  21. Mai 2010 um 11:58 pm

    P.S. Der Sexualkundeunterricht wurde in den Schulen im Laufe der 70er Jahre zunächst auf freiwilliger Basis eingeführt, da die meisten Eltern protestierten. Erst ca. Ende der 70 Jahre wurde er zum Pflicht-Unterricht – es ist also gerade mal 30 Jahre her, für eine wesentliche gesellschaftliche Veränderung nicht viel Zeit, auch wenn es fürs persönliche Zeit-Erleben lang erscheint.

    Antwort
  • 15. Andreas Lichte  |  23. Mai 2010 um 1:31 pm

    „Dass Steiners puritanischen Sexualvorstellungen zeitbedingt sind, ist doch klar.“

    Glasklar. Siehe Kommentar 1, oben. Alles Unerträgliche bei Rudolf Steiner ist zeitbedingt. Für den Anthroposophen. Super Ausrede. Kann man auf alles anwenden, auch auf Steiners Rassen-Wahn.

    Anmerkung A.M.

    Entschuldie, aber was ist das für ein unqualifizierter Kommentar^^ Das weißt und kannst gerade Du doch besser! Dass irgendwas zeitbedingt ist (erträglich oder nicht, ist doch völlig belanglos), ändert ja nicht den Aussagegehalt, es verhindert nicht, dass mensch sich DESWEGEN ERST RECHT kritisch damit auseinandersetzen muss. Würdest Du Dich weigern, beispielsweise Kant kritisch zu kommentieren, nur weil seine dümmlichen Rassenstereotype solche aus dem Zeitalter der Aufklärung sind?

    Und wie kommst Du zu der Vorstellung, Steiner habe seine Rassentheorie nicht von Scott-Elliot und Sinnet kopiert oder in seiner prüden Sexualmoral nur ganz zufällig am Zeitgeist gehangen, ohne von diesem geprägt zu sein – wo soll Steiner gelebt haben, in einer ahistorischen Blase?!

    Antwort
    • 16. Robin  |  25. Mai 2010 um 6:47 am

      Steiners Aussagen sind nicht zeitbedingt. Er entwickelt antike Bilder weiter, um einen neuzeitlichen Zugang zu ihnen zu finden.

      Viele Grüße

      Anmerkung AM

      Wie witzig. Sie kommen ja wie gerufen für meine Darstellung. Führen Sie das bitte noch ein bisschen aus^^

  • 17. Andreas Lichte  |  23. Mai 2010 um 1:44 pm

    … noch eine Logik-Frage:

    Wie bringen Anthroposophen Rudolf Steiners „Höhere Erkenntnis“ und „zeitbedingt“ in Einklang? Das wiederspricht sich soooooo offensichtlich:

    http://www.ruhrbarone.de/drei-grunde-fur-die-waldorfschule/

    „Drei Gründe für die Waldorfschule

    (…) Die Waldorfschule, Rudolf Steiner und die Anthroposophie

    (…) Steiner ist nach eigener Aussage Hellseher. Er behauptet, in der „Akasha-Chronik“, einem allumfassenden „Geistigen Weltengedächtnis“ im „Äther“ lesen zu können. Steiner erklärt: „Erweitert der Mensch auf diese Art [d.h. durch Steiners Anthroposophie] sein Erkenntnisvermögen, dann ist er (…) nicht mehr auf die äußeren Zeugnisse angewiesen. Dann vermag er zu S C H A U E N , was an den Ereignissen nicht sinnlich wahrnehmbar ist (…).“ Die Anthroposophie schöpft damit aus esoterischen, okkulten Quellen, die für Nicht-Anthroposophen reine Fiktion sind. (…)“

    Anmerkung A.M.

    Ja! Ganz genau! Der Widerspruch ist aber bei Dir! Es sind nicht die AnthroposophInnen, die behaupten, Steiners Werk sei Produkt seiner Zeit, sondern die KritikerInnen, die deswegen von den allermeisten AnthroposophInnen attackiert werden, weil sie den „Hellseher“ Steiner verkennen würden. Hast Du den „Kapmpf bis zur Erleuchtung“ gegen Zander vergessen?! Genau darum ging und geht es doch!

    Die AnthroposophInnen, die partiell FÜR eine historische Kontextualisierung sind, sind das auch in der Tat nur bei den Stellen, die sie für bedenklich halten:

    „…Gerade weil Steiner für die Anthroposophen nicht allein ein historischer Autor, sondern auch ein aktueller Ideengeber sei, müsse klar ausgesprochen werden, welche Positionen man heute für rassistisch und nicht mehr zeitgemäß halte, betonte dagegen Dr. Jens Heisterkamp als Vertreter des Info3-Verlags, in dem das diskutierte Buch erschienen ist.“ (http://www.waldorfschule-wahlwies.de/index.php?option=com_content&view=article&id=122:judenteum&catid=1:neuigkeiten&Itemid=75)

    Das ist zwar auch und gerade kritisch zu betrachten, aber notwendigerweise aus der Sicht von AnthroposophInnen der einzig mögliche Weg. Apologetik ist eine der größten theologische Disziplin der Neuzeit, auch in den großen Kirchen (vgl. http://www.ekd.de/ezw/Publikationen_2101.php).

    Ich weiß nicht, woher für Dich diese Frage auf einmal resultiert!?

    Antwort
    • 18. Andreas Lichte  |  24. Mai 2010 um 4:24 pm

      … wer soll diese völlig unsortierte Antwort dechiffrieren? Ich nicht. Das dürfen Ansgar Martins Anthro-Freunde übernehmen.

      Das Steiner-Zitat in Kommentar 1 lässt sich genauso wenig historisch kontextualisieren, wie Steiners Rassenwahn, oder Steiners komplett wahnsinnige Begründung, warum die Masern eine Krankheit sind, die man durchmachen muss:

      http://www.ruhrbarone.de/drei-grunde-fur-die-waldorfschule/

      „(…) Ein Mensch hat in seinem letzten Leben zu viel „gegrübelt“, was zu einer „Schwäche der Seele“ führt. Die Masern sind die „physisch-karmische Wirkung“ dieses Fehlverhaltens im letzten Leben. Die Masern macht man durch, „um organische Selbsterziehung zu üben“, „die Krankheit kann in einen geistigen Prozeß zurückverwandelt werden“ …

      Wer meint, dies sei aber eine völlig idiotische Zusammenfassung, der überzeuge sich selbst: Im „Anhang“ gibt es Steiners Karma-Masern-Quacksalberei im Original zu bestaunen (…)

      Anmerkung AM

      Andreas. Du hast soweit ich es mitbekomme in der letzten Zeit bedauerlicherweise die Angewohnheit und auch das Talent entwickelt, über das hinwegzugehen und zu -sehen, was Dir nicht passt, und dann so zu tun, als läge das Problem beim Gesprächspartner. Das hilft aber niemandem (auch Dir nicht) bei Sachfragen und Diskussionen weiter.
      Hier geht es ganz einfach um eine sachliche Frage – nämlich die, ob Steiner seinen Kram herbeigeredet hat, oder ob er ihn in zeitgenössischen Diskursen und Vorstellungen aufgriff und esoterisch ummanelte. Wie Du selber mal gewusst hast und jetzt aus unerfindlichen Gründen leugnest, ist zweiteres der Fall – das hebt den Unfug nicht auf, zu der seine Reden mutierten, aber trotzdem sollten Du (oder aus gegenteiligen Motiven auch AnthroposophInnen wie Herr Ravagli) die historischen Kontexte nicht leugnen, nur damit Steiner als Wahnsinniger (Andreas) oder Heiliger (Ravagli) dasteht.

    • 19. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 6:52 am

      … dann ordne doch das Masern-Zitat historisch ein. Tu es. Und komm nicht ewig mit Allgemeinplätzen.

      Du kannst dir aber auch ein rassistisches Zitat von Steiner vornehmen und es historisch einordnen: Die Anthros sind einmal mehr ausgeflippt, als ich es postete, hier:

      „Anthroposophie und Judentum: Diskussion in Hamburg“

      http://www.info3.de/wordpress/?p=205&cp=1#comment-57157

      Anmerkung AM (der Länge wegen diesmal kursiv, nicht fett ;-))

      Wir waren hier bei Steiners Vorstellungen zu Geschlechtern und Geschlechtlichkeit. Es wäre doch eigenartig, wenn Steiners prüde Sexualmoral überhaupt nicht von seinem zeitlichen Umfeld geprägt wurde, wo ebenjene Moral herrschte. Dass kindliche Sexualität wegerklärt wurde und Sexualkundeunterricht gar nicht in Betracht gezogen, ist in den Zwanzigern mehr als mainstream. Das Problem ist, wenn AnthroposophInnen sich auf diese Praxis noch heute als angeblich „höhere Einsicht“ berufen – vermutlich hat Steiner nie über Sexualkunde nachgedacht.
      Die ganze Hermaphroditengeschichte ist ein Allgemeinplatz von Neuplatonismus und Esoterik seit der Rennaissance, den Steiner sehr offensichtlich aus dem theosophischen Umfeld übernommen hat, wenn Du gerne möchtest, kann ich Dir gern ein paar einschlägige Stellen bei Schuré und Bavatsky raussuchen. Und auch außerhalb esoterischer Kreise waren gerade Menschen wie Wilhelm Fließ (der u.a. mit seiner Theorie der Bisexualität auch seriösere ExponentInnen wie Freud prägte) dabei an Thesen über doppelgeschlechtlichkeits- und androgynitätsmuster der menschlichen Psyche herumzubasteln. Steiners Phantasien fügen sich lückenlos ein und sind mit absoluter Sicherheit von all diesen Vorstellungen angeregt.

      Steiners Rassentheorie entspringt im Kern

      – der theosophischen Wurzelrassenlehre mit Ausflügen zu Haeckel
      – den Theoremen Schurés, die auf Fabre d’Olivet zurückgehen und „nördliche“ und „südliche“ „Völkerströme“ behaupten und Christus und Luzifer zuordnen
      – diversen tagesaktuellen Anlässen

      1923 war der Zeitpunkt der Ruhrgebietsbesetzung. Von allen Seiten brachen erstaunlich primitive und dumme Hetzreden über französische Kolonialsoldaten herein. Sogar ein Demokrat wie Friedrich Ebert rief (am 13. Februar 1923 in Darmstadt) aus, „dass sie Verwendung farbiger Truppen niederster Kultur als Aufseher über eine Bevölkerung von der hohen geistigen und wirtschaftlichen Bedeutung der Rheinländer eine herausfordernde Verletzung der Gesetze europäischer Zivilisation ist, sei auch hier erneut in die Welt hinausgerufen.“ – und das war noch eine der netteren Ansichten dazu.
      Bei Steiner war die Existenz von „Rassen“ ja eh vorausgesetzt, dass die „richtigen“, beständigen, ursprünglichen Rassen gelbe, schwarze und weiße seien und der Rest aussterbendes Beiwerk (bei Steiner „braune“ und „rote“) hat Blavtsky auch in der „Geheimlehre“ ausgeführt (Bd. II, S. 824/825).
      Die Verbindung angeblicher „Rassen“ mit verschiedenen mentalen „Entwicklungshöhen“, bei Steiner von „Trieb-“ über „Gefühls-“ zu „Denkleben“ war soweit Konsens europäischer Rassentheoretiker seit Kant, der schrieb: „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der ‚race‘ der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“
      Die Vorstellung, Schwarze seien schwarz, weil die Sonne Afrikas sie verbrannt habe, gab es schon im 18. Jhdt mit recht abstrusen Details, wie Steiner sie zu „Drüsen“ und „Hinterhirn“ lieferte (Geulen, Geschichte des Rassismus, München 2007, S. 65)
      Das alles vermixte Steiner mit seiner Anthropologie körperlicher Systeme (Denken, Fühlen, Wollen, Stoffwechselorganisation, Rhythmische Organisation etc etc), die er von Yves d’Alveidre übernahm, der sie auch schon für i.d.R. antisamitische Rassenkonstrukte verwendet hatte (vgl. auch den Artikel „Der Europäer“, letzter Absatz).
      Dann wäre da noch die Behauptung, „Rassenunterschiede“ seien u.a. geographisch bedingt und würden sich ändern, wenn eine bestimmte Rasse an einen anderen Ort auswandert. Die hat Franz Boas 1911 mit einer Studie aufgestellt, die angeblich zeigen sollte, dass sich die „Kopfform“ der Kinder von MigrantInnen in Amerika verändere, und folgerte, „die Amerikanisierung der Migranten sei ein natürlicher, körperlich nachweisbarer Prozess“ (Geulen, S. 94).
      Dass Amerika der Kontinent sei, an dem „die Rassen sterben“ und Indianer „degenerieren“, hat schon Sinnett formuliert, den Steiner ja seitenweise kopierte – an anderer Stelle hat sich Steiner m.W. mal explizit auf Boas berufen, allerdings finde ich sie grade nicht.

      Steiners Konzepte waren also keineswegs originell und keineswegs herausragend ungewöhnlich, es sei denn durch die okkulte Terminologie. Du sieht, dass Kontextualisierung ihn hier nicht salonfähiger macht, sondern vielmehr das Niveau seiner Quellen und Rhetorik (und damit das Niveau seiner ApologetInnen) zeigt, sowie, dass Rassismus eben sehr sehr tief in seiner Zeit verwurzelt war.

      Mit Vorstellungen zur Rolle versch. Krankheiten im alternativmedizinischen Umfeld Steiners bzw. der Zwanziger bin ich nicht wirklich vertraut, da muss und will ich mich mal einlesen und deswegen kann ich mich hier nur sporadisch zu Steiners Quellen äußern (Das „Organon“ liegt noch ungelesen immerhin schonmal auf dem Nachttisch^^). Auf jeden Fall hat aber auch Hahnemann behauptet, Krankheiten seien nicht auf äußere Erreger, sondern ein inneres – meist seelisches oder gar charakterlich – bedingtes „Ungleichgewicht“ zurückzuführen. Mit Homöopathie kannte Steiner sich aus und schätzte sie, weil sie ebenfalls behauptete, eine „Ergänzung“ zur Schulmedizin zu bieten, mit Emil Schlegel war er befreundet und er hat das „Ungleichgewicht“ offenbar flugs zum „Karma“ gedeutet – in der deterministischen Konsequenz (die „Schuld“ liegt irgendwie beim Kranken) gibt sich das ja nicht viel. Das Karma-Konzept hat Steiner bekanntermaßen aus den theosophischen Handbüchern, mutmaßlich von Leadbeater übernommen. Dass er als Verursacher für die Masern noch keine Viren angeben konnte, liegt daran, dass 1954 das Masernvirus das erste Mal isoliert wurde – ein bisschen nach seiner Zeit. Auch waren 1900 gerade mal eine Hand voll Viren überhaupt entdeckt und als eigenständige Gruppe m.W. nicht abgegrenzt. Wenn Steiner in alledem dann irgendwelche karmischen Begründungen aus dem Hut zauberte, sind die zwar trotzdem haarsträubend, aber nicht zwingend im Widerspruch zu damaligen Therapierichtungen – so es sie 1924 gab. Die Dummheit, das nicht zu sehen und an Impfablehnung auch nach 1970 (wo meiner Erinnerung nach der Masernimpfstoff entwickelt wurde) festzuhalten, zeigt, dass AnthroposophInnen eben eines nicht können: Steiners Tralala als Assoziationen zum Wissensstand der Zwanziger (oder noch früher, nach Zander wäre es ja die „Romantische Medizin“ des 19. Jhdts) einordnen. Dann würde mensch sehen, dass das keinerlei Substanz hat. Eine tatsächliche, nicht „partielle“ Historische Kontextualisierung würde zur Entzauberung dieser Dogmen und Mythologeme führen, nicht zur Apologie.

      Sollte der Satzbau das ein- oder andere Mal entgleist sein, bitte ich um Entschuldigung, aber ich hab grade keine Lust es nochmal durchzulesen^^

  • 20. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 8:52 am

    @ Ansgar Martins

    Zu Steiners Rassismus im wesentlichen nichts neues. Du machst den Fehler, mich für ignorant zu halten.

    Ich sagte ja oben, dass gerade Du derjenige bist, der all das eigentlich weiß, und war eben deshalb verwundert.*

    Du schreibst: „Steiners Konzepte waren also keineswegs originell und keineswegs herausragend ungewöhnlich, es sei denn durch die okkulte Terminologie.“

    „es sei denn durch die okkulte Terminologie“ ist eben der entscheidende Unterschied: einzigartig, was Steiner da „entwickelt“, sagt selbst Helmut Zander.

    Stimme ich größtenteils zu. Die okkulte Terminologie ist bei dem „Der Neger hat ein starkes Triebleben“-Vortrag aber nicht im Vordergrund sondern taucht höchstens ganz am Rande auf, anders als etwa in GA 121 oder „Aus der Akasha-Chronik“. Deswegen ja die besonders bizarre Wirkung.*

    Und das ist auch der Grund, warum es immer noch keine Neuauflagen der von der BPjM als rassistisch beanstandeten Bücher gibt: es gibt keine sinnvolle Kommentierung, die einer ERNSTHAFTEN Überprüfung standhalten würde.

    Ja – hier treffen wir uns gern! Und deswegen meine ich, dass die Historische Kontextualisierung eben nicht zur Apologie dient, außer mit wirklich harten Abstrichen für die AnthroposophInnen, die sie aber bringen müssten, wollten sie sich tatsächlich in größerem Maß von der Stelle bewegen.*

    * fett sind wieder meine Anmerkungen 😉 – AM

    Antwort
    • 21. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 3:30 pm

      Damit das wirklich klar ist:

      Natürlich habe ich keine Einwände gegen eine KORREKTE „historische Kontextualisierung“. Ich nehme sie selber vor:

      http://www.ruhrbarone.de/drei-grunde-fur-die-waldorfschule/

      „Drei Gründe für die Waldorfschule

      (…) Die Waldorfschule, Rudolf Steiner und die Anthroposophie

      (…) Rudolf Steiner (1861–1925) promovierte 1891 mit der schlechtmöglichsten Note „rite“ in Philosophie; die 1894 versuchte Habilitation scheiterte. Um 1900 kam er in Kontakt mit Helena Petrovna Blavatskys esoterischer „Theosophie“. Von 1902 bis 1912 leitete Steiner die deutsche Sektion der „Theosophischen Gesellschaft“, die er 1912/13 abspaltete und unter dem Namen „Anthroposophie“ neu gründete. (…)“

      Heisst: natürlich nimmt Steiner Bezug auf die Theosophie. Da die Theosophie unter Rudolf Steiners Leitung nichts anderes als Anthroposophie ist, nimmt Steiner Bezug auf sich selbst … wenn das keine „historische Kontextualisierung“ ist.

      „Zeitbedingt“ im anthroposophischen Sprach-Gebrauch meint aber etwas ganz anderes. Anthroposophen behaupten, dass Steiner die selben Fehler („Rassismus“ etc.) macht, wie viele seiner Zeitgenossen. Steiner ist, wenn er Fehler macht, „Mainstream“, „Kind der Zeit“.

      Das ist nichts anderes als Vertuschung. Genauso hat Friedhelm Garbe, Leiter des “Fernstudium Waldorfpädagogik”, in seinem Vortrag am 5.5.2010 in Magdeburg „zeitbedingt“ gebraucht.

      Ich gehe davon aus, dass du einfach übersehen hast, dass du mit dem „zeitbedingt“ in die Anthro-Falle tappst. Wenn nicht, leugnest du selber, dass Rudolf Steiner Rassist war.

      Was das Thema deines Artikels angeht, verhält es sich genauso:

      Schau dir doch mal die Pseudo-Argumentation von Regina Reinsperger an … (ich habe lange gezögert, ob ich hier noch mal kommentieren soll, das erinnert doch sehr an einen durchgeknallten Anthro-„Zweig“)

      Anmerkung AM

      In der Tat benennst Du einen historischen Kontext, bzw. Du benennst einen grpben organisatrischen und zeitlichen Rahmen. Aber Steiners Anthroposophie hat sich ja nicht irgendwie selbst produziert – noch hat er das – sondern beruht im Wesentlichen auf dem Gedankengut anderer, das er für seine Zwecke sortierte und übernahm – siehe das ganze lange Buch von Zander. Nur, wenn mensch es mit zeitgenössischen Gedanken und Werken vergleicht, v.a. aus der Theosophie, kann mensch abschätzen, auf wessen Mist was gewachsen ist und worauf was zurückgeht. Es zeigt, dass Steiner vieles eben weder erschaut noch herbeiphantasiert, sondern sich in bestimmten tagesaktuellen Debatten oder älteren meist innertheosophischen Gedankengängen bewegt hat.

      KORREKTE Kontextualisierung ist nicht, zu sagen, Theosophie bei Steiner ist Anthroposophie, sondern: Genau DIESE Anthroposophie ist inhaltlich zu 80% strukturgleich mit Theosophie + spätromantischen Wissenschaftskonzepten + Haeckelianischem Sozialdarwinismus. Du verstehst nur, warum das „Goetheanum“ so aussieht, wie es aussah, wenn Du Dir die expressionistischen stereometrischen Gebäudeformen ansiehst – auch wenn es für AnthroposophInnen praktischer wäre, wenn Steiner das alles erfunden hätte und für GegnerInnen praktischer, wenn mensch es auf irgendeine „kranke Phantasie“ zurückführen könnte. Du verstehst die Jahrsiebte nur, wenn Du dir ansiehst, wie präsent derartiges damals war, Du verstehst die Wurzelrassenlehre nur, wenn Du schaust, von wem Steiner sie abgeschrieben hat.

      „Zeitbedingt“ ist keine Anthrofalle – es ist lediglich so, dass die Anthros, die das inzwischen in minimalem Umfang einsehen, nur die für sie unpassenden Seiten „kontextualisieren“ wollen, was inkonsequenter Unfug ist. Sie müssten es auch mit dem Rest tun, bzw. das müsen offenbar vorerst die KritikerInnen. Wie, und vor allem: WARUM willst Du Steiner denn außerhalb dieser Kontexte betrachten?! Weil es medientauglicher ist? Weil Du findest, er wirkt nicht mehr ganz so verrückt, wenn mensch zeigt, dass dieser zu Beginn des 20. Jhdts „zutiefst gesellschaftlich verankert“ (Jana Husmann-Kastein) waren?

    • 22. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 5:45 pm

      „»Zeitbedingt« ist keine Anthrofalle – es ist lediglich so, dass die Anthros, die das inzwischen in minimalem Umfang einsehen, nur die für sie unpassenden Seiten „kontextualisieren“ wollen, was inkonsequenter Unfug ist.“

      Das ist alles andere als „inkonsequenter Unfug“: das ist PROPAGANDA. Siehe Friedhelm Garbe … und, und, und.

      Natürlich ist es Propaganda – aber deswegen wird eben inkonsequent „kontextualisiert“. Wir widersprechen uns hier doch nicht -oder macht das Dir einfach Spaß?^^

      „[Anthroposophie] beruht im Wesentlichen auf dem Gedankengut anderer, das er für seine Zwecke sortierte und übernahm – siehe das ganze lange Buch von Zander.“

      „sortierte“? Ich habe eine andere Vorstellung von Ordnung. Rudolf Steiner ist geisteskrank. Und Zander bezeichnet ihn in seinem „ganz langen Buch“ als „kreativ“ … starke Verdrängungsleistung! Auch von dir. Jeder hat halt seine persönlichen Gründe …

      …oder eben persönliche (oder biographische?) Gründe um stattdessen mit ungebremstem Hass gegen eine historisch reichlich unbedeutende Persönlichkeit vorzugehen und anderen vorzuwerfen, etwas zu verdrängen^^

      Und die Grundmodelle von Steiners Kosmos sind sicher nicht chaotisch – es ist völig irrational UND in sich total konsequent gedacht.

      „Du benennst einen groben organisatorischen und zeitlichen Rahmen.“

      Versuch mal, einen SO KNAPPEN enzyklopädischen Abriss zu geben, wie ich es hier getan habe: http://www.ruhrbarone.de/drei-grunde-fur-die-waldorfschule/ Viel Erfolg!

      Fühl Dich doch nicht immer grundlos von allem angegriffen – oder zumindest nicht von mir. Ehrlich, Andreas: Ganz toll gemacht =)

      Du kannst ihn aber auch gerne einfach abschreiben: Wolltest du den Artikel nicht übernehmen? Vielleicht gäbe es dann hier mal was anderes als Anthro-Zweig …

      An einer fundierten Darstellung zu Steiners Impfvorstellungen im Zshg mit den Masernausbrüchen bin ich nach wie vor ausgesprochen interessiert. Deine Vorstellung von Anthrozweig scheint mir reichlich diffus zu sein 😉

    • 23. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 6:10 pm

      „»zutiefst gesellschaftlich verankert« (Jana Husmann-Kastein)“

      wunderbar! Jetzt belehrst du mich auch noch über Jana … findest du das nicht selber schräg? Dir sollte doch klar sein, dass ich tiefen Einblick in Janas Arbeit habe.

      Mal soviel: Jana hat auf mein Anraten hin eine Klausel in ihr BPjM-Gutachten eingefügt, dass die Seriosität Steiners in Zweifel zieht. Den Rat habe ich ihr gegeben, damit sie sich nicht lächerlich macht, Andreas an Jana: „Was soll der Leser denken, wenn du Steiner für voll nimmst?!“

      Dass Sie als Historikern nicht sagen kann: „Steiner war geisteskrank!“ sollte dir klar sein. Wenn Sie das täte, könnte sie gar nicht über Steiner arbeiten, das wäre ausserhalb ihres Fachs. Gleiches gilt für Helmut Zander, der systematisch alles ausblendet, das den Verdacht einer psychischen Erkrankung Steiners nahelegen könnte …

      Als Graphik-Designer und Schüler stünde das dann uns beiden auch nicht zu – ich halte das aber für unrichtig. Auch Harald Strohm als Religionsphilosoph darf explizit und breit geduldet Arbeiten zu Gnosis, Theosophie, Steiner und Geisteskrankheit vorlegen. Weder seine Arbeit noch die wesentlich aufwendigere von Wolfgang Treher sind dabei aber ausreichend fundiert.
      Und auch wenn es in beider Büchern (Die Gnosis und der Nationalsozialismus bzw. Hitler, Steiner, Schreber – die seelischen Strukturen des schizophrenen Prophetenwahns) unheimlich interessante Hinweise und noch mehr Anregungen gibt, sind beide keinesfalls überzeugend, weil sie jeweils nur 1-2 Quellen auswerten – und dabei Sachen zu Symptomen von Schizophrenie erklären, die eine historische Kontextualisierung viel besser löst. Treher etwa glaubt, die Formen des Goetheanums so deuten zu können (und übersieht, dass sie in Wirklichkeit von Kaldenbach kommen); oder den angeblichen Neologismus „Rmoahals“, Treher vergleicht ihn mit Wortneubildungen von psychische Kranken und übersieht, dass Steiner ihn lediglich von Scott-Elliot übernahm, der wiederum den Namen eines indianischen Volksstammen verwendete. Und so erweist sich jedes Mal und bei praktisch jedem Detail die historische Kontextualisierung als die plausiblere Methode.

      Zander blendet es zurecht aus – es wäre zu absurd, zu zeigen, woher Steiner einen Gedanken bezogen hat, um dann zu behaupten, er habe ihn doch nur aufgrund einer defekten Psyche erfunden.

      Auch ich bin der Meinung, dass Steiner eine Menge an Projektionen mit sich herumtrug und der Glauben an seine Geisterwelt eine Sublimation ist, Beckmannshagen hat das ja (wenn auch eher „aphoristisch“) ganz gut rausgearbeitet – bedauerlicherweise bin ich nicht genug in den passenden Fachbegriffen drin. Aber auch hier können die Konturen des zu untersuchenden nur durch die „historisierende“ Lupe sichtbar werden.

      Ich belehre dich keinesfalls über Jana Husmann-Kastein und weiß auch überhaupt nicht, warum ich das tun sollen müsste^^. Ich habe aber einen relativ eindeutigen Absatz bei ihr zitiert, der sich ausnahmsweise nicht mit Steiners Theoremen beschäftigt, sondern mit der Präsenz rassistischer Vorstellungen zu seinen Lebzeiten.

      Nichtsdestominder wäre es wirklich, wirklich lächerlich, wenn Du auf einmal behaupten wolltest, Eugenik und Sozialdarwinismus wären zu Beginn des 20. Jhdts NICHT gesellschaftlich verankert gewesen. Und es gibt nebenbei kein besseres Beispiel, um zu zeigen, dass Steiner hier eben Stereotype und Schlagworte aufgegriffen und mit theosophischen Metaphern für sein esoterisches Publikum „geistig“ neu plausibilisiert hat – dass das Resultat crazy ist, müssen wir wohl nicht diskutieren, das können wir aber über die Ursachen 😉

    • 24. Andreas Lichte  |  26. Mai 2010 um 6:41 am

      „Als Graphik-Designer und Schüler stünde das dann uns beiden auch nicht zu“

      Wir haben die FREIHEIT, auszusprechen, was wir denken. Wir schreiben nicht an einer Doktorarbeit im Fach GESCHICHTE, schreiben keine Bücher, um uns für eine Professur zu bewerben.

      Sag ich ja.

      „Medienwirksam“ bin ich bisher nicht auf Steiners Geisteskrankheit eingegangen, wie du zu Unrecht behauptest: Es gibt bisher keinen Artikel, in dem „Geisteskrankheit“ explizit auftaucht.

      Aber Du bist doch sehr bemüht, deine Darstellungen medienwirksam zu halten?

      „Geisteskrankheit“ würde dann auftauchen, sobald ich einen Psychiater in meinem „Kompetenzteam“ begrüssen könnte. (Historikerin, Jurist, Mediziner, Physiker hab ich ja schon).

      Was aber nichts heißen würde: Siehe Treher und Strohm. Mensch müsste eine ganze Menge an Sachen von ihm überblicken UND im historischen Gesamtkontext lesen, um zu sehen, welches Konzept er überhaupt selbst herbeiphantasiert hat etc etc. DASS er einen an der Waffel hatte, habe ich in diesem Blog auch selbst schon dargelegt. Die Frage ist, ob die Betitelung „geisteskrank“ nicht jede ausführlichere Analyse unterbinden würde, dann wäre sie insgesamt destruktiv.

      Was in meinen Artikeln auftaucht, sind Original-Zitate Steiners, die dem DENKENDEN Leser deutlich machen, dass es bei Steiner „Nicht mit rechten Dingen zugeht“. All diese Zitate – und ihr Kontext – sind dir bekannt. Wurden von uns sogar noch einmal ausführlich diskutiert, wie zuletzt die „Masern“.

      Ihr historischer Kontext ist mir nur lückenweise bekannt, wie oben ausgeführt, – wohl bekannt natürlich der Zusammenhang mit dem Werk Steiners und der anthroposophische Hintergrund der Masernausbrüche in anthroposophischen Umfeldern.

      Ich bin äusserst verwundert, dass du keinen grösseren Zusammenhang sehen willst. Einige wenige „Ausrutscher“ könnte man vielleicht als Scharlatanerie abtun (was die Sache, siehe Masern, nicht harmloser macht), aber in der Dichte muss man zu einem anderen Ergebnis kommen.

      Jap, und in der Dichte zeigt sich eben – und wortwörtlich genau ALS der grössere Zusammen-Hang – die historische Abhängigkeit. In vielen Details (zB die 3000 vorgerückten und zurückgebliebenen Engel in GA 121 oder bei den Masern) die tatsächlich schizoide Ausbreitung dieser übernommenen Konzepte. Die größeren Strukturen und Grundeinheiten von Steiners Werk hat er von woanders her bezogen – und auch viele der obskuren Details – siehe oben zu Trehers Buch -, die mensch sonst als geisteskrank auslegen könnte.

    • 25. Andreas Lichte  |  26. Mai 2010 um 6:49 am

      „Sozialdarwinismus wären zu Beginn des 20. Jhdts NICHT gesellschaftlich verankert gewesen“

      und was hat das z.B. KONKRET mit folgendem Zitat zu tun:

      …………………………………..

      „Auf das Drüsen-System endlich – nur auf dem Umwege durch alle anderen Systeme – wirkt dasjenige, was wir bezeichnen können als die abnormen Geister der Form, die im Saturn ihren Mittelpunkt haben. Da haben wir in allem, was wir als Saturn-Rasse zu bezeichnen haben, in allem, dem wir den Saturn-Charakter beizumessen haben, etwas zu suchen, was sozusagen zusammenführt, zusammenschließt das, was wieder der Abenddämmerung zuführt, deren Entwicklung in gewisser Weise zum Abschluß bringt, und zwar zu einem wirklichen Abschluß, zu einem Hinsterben. Wie sich das Wirken auf das Drüsensystem ausdrückt, sehen wir an der indianischen Rasse. Darauf beruht die Sterblichkeit derselben, ihr Verschwinden. Der Saturn-Einfluß wirkt durch alle anderen Systeme zuletzt auf das Drüsensystem ein. Das sondert aus die härtesten Teile des Menschen, und man kann daher sagen, daß dieses Hinsterben in einer Art Verknöcherung besteht, wie dies im Äußeren doch deutlich sich offenbart. Sehen Sie sich doch die Bilder der alten Indianer an, und sie werden gleichsam mit Händen greifen können den geschilderten Vorgang, in dem Niedergang dieser Rasse.“

      „Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie”, Rudolf Steiner, GA 121, Taschenbuchausgabe 613, 1994, S. 116f

      …………………………………..

      Das hab ich als Erwiderung auf Friedhelm Garbes „zeitbedingt“ gebracht: „abnorme Geister der Form“ dürften wohl kaum den Zeitgeist widerspiegeln, der Rest auch nicht.

      Technisches Problem: Das hat keiner der Zuhörer verstanden, so gaga ist das …

      Anmerkung AM

      Die Kontexte der Steinerschen Rassenlehre habe ich oben umrissen, sie sind Dir auch ohne das bekannt, und selbstredend kannst Du diesen Ausschnitt nur innerhalb dieser Rassenlehre lesen. Heute fallen die rassistischen Stellen bei Steiner auf. Damals hätten sich zwar viele über die Geister lustig gemacht, aber das Konzept von heruntergekommenen und kulturtragenden Rassen hätte eher wenige beeindruckt – wie erwähnt haben Typen wie Boas 1911 (also ein Jahr später) Aufregung damit erregt, „nachgewiesen“ zu haben, dass bestimmte Kontinente bestimmte „Rassenformen“ automatisch hervorbrächten. Und das ist kein weiter Schritt zu kontinentalbedingt „aussterbenden“ Indianern. Die Alterslinie hat Steiner von Sinnett übernommen, allerdings die Anzahl der Geister ziemlich crazy multipliziert. Das aber muss auch im Kontext des Hellseher-Kompetenz-Überbietungs-Wettbewerbs gesehen werden, dass Steiner und Besant sich zu diesem Zeitpunkt lieferten. Jeder von beiden behauptete „hellsichtiger“ zu sein und erfand immer detailliertere Sachen (die Jesusknaben oder Buddhas Verbannung auf den Mars kamen auch so zustande, dass Besant sich vorher zu Jesus und Buddha berief und Steiner ihre „Gewährsmänner“ jeweils dadurch vereinnahmte, dass er „viel besser“ über ihre Aktivitäten bescheid wusste) – das ist im Ganzen und Einzelnen unbeschreiblich grotesk, aber weniger schizoid als viel mehr sektoides Machtgerangel.

  • 26. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 9:08 am

    @ Ansgar Martins

    Bin kein Experte für die Geschichte der Sexualforschung. Hier also nur meine MEINUNG, ohne Anspruch auf Richtigkeit, oder gar Wissenschaftlichkeit …

    Anfang des 20. Jahrhunderts erlebt die Sexualforschung ihre erste und zugleich größte Blüte als wissenschaftliche Disziplin. Siehe auch „Hirschfeld“.

    In den 20iger Jahren gibt es meines Erachtens eine grosse Kluft zwischen offizieller, von der Obrigkeit und den Kirchen vertretener Moral, und einem teilweise extrem freizügigen Leben.

    Als extrem „coole“ Lektüre sei dazu „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun empfohlen. Ein Bestseller, von den Nazis als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ verboten.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_kunstseidene_Mädchen

    …………………………….

    Ansgar Martins Aussage ist in ihrem generalisierenden Charakter also FALSCH:

    „Es wäre doch eigenartig, wenn Steiners prüde Sexualmoral überhaupt nicht von seinem zeitlichen Umfeld geprägt wurde, wo ebenjene Moral herrschte.“

    und berücksichtigt einmal mehr nicht, was Rudolf Steiner wirklich sagt: Das Steiner-Zitat in Kommentar 1 ist die kurzmöglichste, gerade noch verständliche Zusammenfassung, um den WAHNSINN wirklich zu verstehen, sollte man schon etwas mehr lesen …

    Anmerkung AM

    Auch ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Sexualforschung, habe aber versucht, mir so möglich einen Überblick über die damaligen pädagogischen Auffassungen dazu zu verschaffen – mit relativ ernüchternden Ergebnis.

    Dass es Anfang des 20. Jhdts große Fortschritte in diese Richtung und Avantgarde an auch „sexuell Freidenkenden“ gab, ist auch mir (allerdings eher beiläufig und ohne Detailkenntnis) bekannt. In lebensreformerisch-esoterischen Kreisen war die Rate an sexueller Freizügigkeit sogar relativ hoch (Monte Verita, Ordo Templis Orientis) – deren ExponentInnen hat Steiner gekannt und sich (wie im Artikel kurz erwähnt) distanziert. Auch das würde belegen, dass er recht dezidiert an bürgerlichen Vorstellungen dazu festhielt. Zander vermutet eine Abhängigkeit von Otto Weiniger, ich würde behaupten, seinen Androgynitätsmythos hat er einfach von Blavatsky.

    Antwort
    • 27. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 9:34 am

      … für die sexuelle Freizügigkeit in den 20iger Jahren brauchst du wirklich keinen „Berg der Wahrheit“ … lies Irmgard Keun.

      Ok 😉

      Die Ascona-Gruppe hab ich auch nur aufgeführt, weil sie wohl im Gegensatz zum Irmgard mit Steiner zu tun hatte.

    • 28. Gertrud Kiefer-Volkert  |  28. Mai 2010 um 8:59 am

      Es geht vielleicht weniger um Sexualwissenschaften und Sexualforschung als um Sexualmoral, um Sitte und Norm auf diesem Gebiet.
      Und es fehlen bei Steiner: Werte, Recht und Gesetz.

      Den Debatten im Zusammenhang mit Anthroposophie und Waldorfpädagogik fehlt diese Dimension auch oft.

  • 29. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 9:17 am

    @ Ansgar Martins

    „Dass er [Steiner] als Verursacher für die Masern noch keine Viren angeben konnte, liegt daran, dass 1954 das Masernvirus das erste Mal isoliert wurde.“

    Zu Steiners Zeit gab es schon eine wirksame Impfung gegen Pocken. Lies nach, was er dazu sagt … es ist nicht weniger wahnsinnig, wie Steiners Aussagen zu den Masern.

    Mein Artikel bei den Ruhrbaronen http://www.ruhrbarone.de/drei-grunde-fur-die-waldorfschule/ wurde diesmal von einem Juristen UND einem Mediziner korrektur gelesen. Ich habe den Mediziner gefragt, ob er das Steiner-Zitat im Anhang gelesen hat, Antwort:

    „Nach der Hälfte hab ich aufgegeben, darüber muss man doch nicht reden …“

    Soll heissen: Für einen Arzt völlig indiskutabel, dass wegen dieses Steiner-Hokus-Pokus nicht geimpft wird.

    Anmerkung AM

    Völlig richtig – mit der Ergänzung, dass ich glaube, dass zu diesem Urteil auch schon ein bisschen „common sense“ reichen sollte, deswegen habe ich ja auch geschrieben:

    „…Die Dummheit, das nicht zu sehen und an Impfablehnung auch nach 1970 (wo meiner Erinnerung nach der Masernimpfstoff entwickelt wurde) festzuhalten, zeigt, dass AnthroposophInnen eben eines nicht können: Steiners Tralala als Assoziationen zum Wissensstand der Zwanziger (oder noch früher, nach Zander wäre es ja die „Romantische Medizin“ des 19. Jhdts) einordnen. Dann würde mensch sehen, dass das keinerlei Substanz hat.“

    Antwort
    • 30. Andreas Lichte  |  25. Mai 2010 um 9:38 am

      „… mit der Ergänzung, dass ich glaube, dass zu diesem Urteil auch schon ein bisschen „common sense“ reichen sollte …“

      habe das Steiner-Masern.Zitat auch den Verantwortlichen am Robert-Koch-Institut (RKI) geschickt:

      glaubst du, die WISSEN, was die Grundlage der Impfgegnerschaft der Anthroposophen ist? Die WISSEN, was das für ein Wahnsinn ist?

      Ist mir schleierhaft.

    • 31. A.L.  |  25. Mai 2010 um 1:33 pm

      … dann „recherchier“ doch mal …

      Du wirst überrascht sein (oder möglicherweise auch nicht), dass ich mich darum bereits bemühe. =)

  • 32. Gertrud Kiefer-Volkert  |  28. Mai 2010 um 9:21 am

    Ein weiteres interessantes Thema im Zusammenhang mit Anthroposophie ist gegeben durch Rudolf Steiners religionswissenschaftlichen Statements.
    Dazu gebe ich die Themen aus GA 114, Rudolf Steiner, Das Lukas-Evangelium, mit seinen Untertiteln:

    Erster Vortrag, Basel, 15. September 1909

    Eingeweihte und Hellseher. Die verschiedenen Aspekte der Einweihung. Die vier Evangelien vom Standpunkte der Geistesforschung.

    Zweiter Vortrag, 16. September 1909

    Das Lukas-Evanglelium als Ausdruck des Prinzips der Liebe und des Mitleids. Die Aufgaben der Bodhisattvas und des Buddha.

    Dritter Vortrag, 17. September 1909

    Das Hineinfließen der buddhistischen Weltanschauung in das Lukas-Evangelium. Die Lehre des Buddha. Der achtgliedrige Pfad.

    Vierter Vortrag, 18. September 1909

    Führerstätten in der alten Atlantis. Der Nirmanakaya des Buddha und der nathanische Jesusknabe. Die Adam-Seele vor dem Sündenfall. Die Wiederverkörperung des Zarathustra in dem salomonischen Jesusknaben.

    Fünfter Vortrag, 19. September 1909

    Der Zusammenfluss der großen Geistesströmungen des Buddhismus und des Zarathustra in dem Jesus von Nazareth. Der nathanische und der salomonische Jesusknabe.

    Sechster Vortrag, 20. September 1909

    Die Mission des hebräischen Volkes. Die Lehre des Buddha von der Veredelung des menschilchen Inneren und die kosmische Lehre des Zarathustra. Elias und Johannes der Täufer.

    Siebenter Vortrag, 21. September 1909

    Die beiden Jesusknaben. Die Verkörperung des Christus im Jesus von Nazareth. Vishva Karman, Ahura Mazdao, Jahve. Die Geistloge der zwölf Bodhisattvas und der Dreizehnte.

    Achter Vortrag, 24. September 1909

    Die Bewusstseinsentwickelung der Menschheit in der nachatlantischen Zeit. Die Mission der Geisteswissenschaft: Wiedergewinnung der Herrschaft des Geistigen über das Physische. Die von dem Christus-Ich ausgehenden Wirkungen.

    Neunter Vortrag, 25. September 1909

    Das Gesetz vom Sinai als letzte Vorverkündigung des Ich. Die Lehre des Buddha von Mitleid und Liebe. Das Rad des Gesetzes. Der Christus als Bringer der lebendigen Kraft der Liebe.

    Zehnter Vortrag, 26. September 1909

    Die Lehre von Reinkarnation und Karma und das Christentum. Zwei Arten der alten Einweihung, Jonas und Salomon. Das Christus-Prinzip und die neue Art der Einweihung. Das Ereignis von Golgatha als die auf den äußeren Plan der Weltgeschichte hinausgetragene Initiation.

    Diese Vorträge sind wohl Schlüsselvorträge und daraus werden wie aus anderen auch Sprachbausteine genommen.

    „Ereignis“ ist ein umgangssprachlicher Begriff und ein mathematischer Fachbegriff aus der umstrittenen Statistik, wo es um „abhängige“ und „unabhängige Ereignisse“ geht.
    Tip: Fachlexikon.

    Der Materialismusstreit lässt sich daran erörtern. Nett, was?

    Anmerkung AM

    ?! Ich verstehe nicht, was Du grade kommunizieren willst…

    Antwort
    • 33. Gertrud Kiefer-Volkert  |  29. Mai 2010 um 10:00 am

      Glaube ich gerne, was für ein Fach vertreten Sie?

      Und „Ergebnismengen“ kommen in dieser mathematischen Theorie auch vor. Die Begriffe „Ereignis“ und „Ergebnis“ sind wahrscheinlich bewusst aus Steiners Schriften entnommen. In den zugehörigen Schulaufgaben werden auch gerne KZ (Kopf-Zahl)-Aufgaben gestelt.
      Während Mathematik an und für sich neutral ist, gehen bei den Anwendungen die Meinungen auseinander.
      Ganze Wissenschaftszweige bedienen sich heutzutage mathematischer Modellierungen – ob sie sich der zugrundeliegenden paradigmatischen Dimension ihrer Tätigkeiten bewusst sind?

  • 34. Gertrud Kiefer-Volkert  |  29. Mai 2010 um 2:14 pm

    Versuche, mich deutlicher auszudrücken:
    Die Wahrscheinlichkeitstheorie, zu der auch die Statistik zählt, wird in der Schule auf eine besondere Art und Weise eingeführt.
    Über Spielergebnisse, Zufälle wie sie durch Würfeln, Roulettespielen oder beim Kartenlegen usw. auftreten, äußere Zufälle also wird motiviert und darauf wird nun begrifflich aufgebaut und mengentheoretisch beschrieben …

    Die Crux bei dieser Art der schulischen Einführung ist, dass rein auf äußerlich abgreifbare Fakten (oder Daten) zurückgegriffen wird, was den Anschein erweckt, dass Zufälle unser Leben bestimmen, dass das Spiel die Grundlage des Lebens ist usw.
    Buchtitel wie „Gott spielt nicht Roulette“ weisen auf diesen
    Konflikt hin.

    Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeitstheorie die Grundlage vieler statistischer Verfahren, die nun mit äußerlich erhobenen Datensätzen arbeiten und durch quantitative Verfahren zu Aussagen gelangen, die empirische Forschung etwa.
    Dies sind Anwendungen.

    Andrej Nikolajewitsch Kolmogorow, der die Wahrscheinlichkeitstheorie durch die nach ihm benannte Axiomatik (Kolmogorow-Axiome, 1933) in ihrer modernen Form begründete, gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts.

    Allein schon das Jahr 1933, in denen diese Axiome erfunden wurden, gilt manchen als verdächtig.
    Wo anthroposophische Erkenntnisse methodisch durch die Erkenntnis innewohnender qualitativer Zusammenhänge begründet wird,
    ist mit der W.theorie ein neues Instrumentarium, nämlich die quantitative Beschreibung von Zusammenhängen handhabbar geworden. Durch Computer können enorme Datenmengen verarbeitet werden, und es scheint manchmal nur eine Frage des Aufwandes zu sein, in viele Lebenszusammenhänge Einblick zu bekommen.
    Alle möglichen Studien, die das Siegel „wissenschaftlich“ tragen, können solchermaßen erstellt werden.

    Unterscheiden muss man bei der W.theorie zwischen der eigentlichen Mathematik, die hohe Anerkennung erfährt, der schulischen Variante und den Anwendungen in den einzelnen Fachgebieten.

    Antwort
  • 35. Andreas Lichte  |  4. Juni 2010 um 11:06 am

    @ Ansgar Martins

    Oben schrieb ich: „Zu Steiners Zeit gab es schon eine wirksame Impfung gegen Pocken. Lies nach, was er dazu sagt … es ist nicht weniger wahnsinnig, wie Steiners Aussagen zu den Masern.“

    Ich reiche jetzt mal das Steiner-Zitat nach. Von Anthroposophischer MEDIZIN zu sprechen, finde ich danach nur noch „…“.

    Mach bitte mal nen Vorschlag zu „…“. Danke!

    …………………………………………………….

    Rudolf Steiner über die Pocken:

    S. 156:

    „Das zeigt uns, wie Ahriman herangelockt wird an unseren eigenen Ätherleib durch Luzifer.“

    S. 169ff:

    „Nehmen wir an, eine ganze Anzahl von Menschen hätte sich wegen Lieblosigkeit gegen die Menschen hingezogen gefühlt, gewisse Infektionsstoffe aufzunehmen, um einer Epidemie zu verfallen. Nehmen wir weiter an, wir könnten gegen die Epidemie etwas tun. Wir würden dann in einem solchen Falle die äußere Leiblichkeit davor bewahren, die Lieblosigkeit zum Ausdruck zu bringen, aber wir würden dadurch noch nicht die innere Neigung zur Lieblosigkeit fortgeschafft haben.

    Denken wir uns aber den Fall so, daß wir, wenn wir das äußere Organ der Lieblosigkeit fortschaffen, die Verpflichtung übernehmen, auf die Seele so zu wirken, daß wir auch der Seele die Neigung zur Lieblosigkeit nehmen. Das Organ der Lieblosigkeit wird im eminenten Sinne getötet – im äußeren leiblichen Sinne – in der Pockenimpfung. Da zeigt sich zum Beispiel folgendes, was geisteswissenschaftlich erforscht ist: In einer Kulturperiode traten die Blattern auf, als die allgemeine Neigung bestand, im höheren Maße Egoismus, Lieblosigkeit zu entwickeln. Da traten die Blattern auf, auch in der äußeren Organisation; das ist so. Man ist in der Theosophie durchaus verpflichtet, die Wahrheit zu sagen.

    Nun können wir es begreifen, daß in unserer Zeit der Impfschutz aufgetreten ist. Wir können aber noch etwas anderes begreifen, daß nämlich bei den besten Geistern unserer Zeit etwas wie ein Widerwille gegen Impfung vorhanden ist. Das steht mit einem Inneren in Korrespondenz, das ist das Äußere eines Inneren. Und wir können jetzt sagen: Wenn wir auf der einen Seite das Organ töten, hätten wir auch die Verpflichtung, als Gegenstück dazu bei diesem Menschen den materialistischen Charakter durch eine entsprechende spirituelle Erziehung anders zu gestalten. Das müßte das notwendige Gegenstück sein. Wir leisten sonst nur halbe Arbeit. Ja, wir leisten nur eine Arbeit, zu der der Mensch selber in einer späteren Inkarnation in irgendeiner Weise wird das Gegenstück schaffen müssen, wenn er das Pockengift in sich hat und die Eigenschaft aus sich herausgeschafft hat, durch die man geradezu hinneigt zur Blatternerkrankung. Hat man die Empfänglichkeit für die Blattern herausgeschafft, so hat man nur die äußere Seite der karmischen Wirksamkeit ins Auge gefaßt. Wenn man auf der einen Seite Hygiene übt, muß man anderseits die Verpflichtung fühlen, den Menschen, deren Organisation man umgewandelt hat, auch etwas für die Seele zu geben. Impfung wird keinem Menschen schaden, welcher nach der Impfung im späteren Leben eine spirituelle Erziehung erhält. Wir haben die Waagschale zu stark zum Sinken gebracht, wenn wir nur auf die eine Seite abzielen und auf die andere keinen Wert legen. Das fühlt man im Grunde in den Kreisen, wo man sagt: Wo hygienische Maßregeln zu weit gehen, würden nur schwache Naturen fortgepflanzt. Das ist zwar unberechtigt; aber Sie sehen, wesentlich ist, daß man eine Aufgabe nicht ohne die andere übernehmen darf.

    Da kommen wir zu einem wichtigen Gesetz in der Menschheitsentwickelung, das so wirkt, daß immer ein Äußeres und ein Inneres sich die Waage halten müssen und daß man nicht bloß auf das eine sehen darf, sondern auch das andere nicht unberücksichtigt bleiben darf. Da sehen wir in einen großen Zusammenhang hinein und sind jetzt noch nicht einmal zur Behandlung der Frage gekommen: Wie verhalten sich Hygiene und Karma zueinander? Sie werden sehen, daß uns die Beantwortung dieser Frage noch tiefer hineinführt in das Karma. Und wir werden noch sehen, wie auch zwischen der Geburt und dem Tode des Menschen karmische Zusammenhänge bestehen und ferner, wie andere Persönlichkeiten hineinspielen in ein Menschenleben und wie sich der freie Wille des Menschen und das Karma im Einklange befinden.“

    Rudolf Steiner, „Die Offenbarungen des Karma“, GA 120, ACHTER VORTRAG Hamburg, 25. Mai 1910

    Ganzer Vortrag: http://fvn-rs.net/index.php?option=com_content&view=article&id=1516:achter-vortrag-hamburg-25-mai-1910&catid=85:ga-120-die-offenbarungen-des-karma&Itemid=4

    Antwort
  • […] die Prügelstrafe) oder das verklemmte Verhältnis zur Sexualität (vgl. den Anhang zum Artikel Missbrauch und Reformpädagogik) zusammen, und vergleicht sie mit den Anforderungen an eine „Schule von morgen“. Damit […]

    Antwort
  • 37. mamido  |  26. Februar 2011 um 12:10 pm

    Wer spielt in welcher Mannschaft? Das frage ich mich manchmal/immer öfter.

    http://blogpoliteia.wordpress.com/2009/08/26/der-rituelle-satanistische-missbrauch-und-das-ewige-versagen-der-justiz/

    Diesen Link fand ich gerade bei mir auf Facebook.

    Antwort
  • 38. A.M.  |  27. Juni 2011 um 8:42 pm

    „Drei Monate nach Bekanntwerden eines Missbrauchs-Skandals im Hevener Waldorf-Kindergarten hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen 25-jährigen Erzieher erhoben. Ein Prozesstermin steht noch nicht fest.

    Die Staatsanwaltschaft wirft dem Wittener vor, zwei Kinder der Waldorf-Einrichtung sexuell missbraucht zu haben. In der Anklageschrift sind neun mutmaßliche Übergriffe aufgelistet. Die Taten sollen sich zwischen Oktober und Dezember vergangenen Jahres ereignet haben.Ein betroffener Vater hatte sich Anfang Dezember an die Kindergartenleitung gewandt und von seinem Verdacht gegen den Erzieher berichtet. Daraufhin wurde der 25-Jährige zu einem intensiven Gespräch gebeten, in dessen Verlauf er ziemlich schnell ein Geständnis abgelegt haben soll. (…)“

    http://www.westline.de/lokales/witten/nachrichten/ln/Missbrauch-im-Waldorf-Kindergarten-Anklage-gegen-Erzieher-erhoben;art1711,449683

    Antwort
  • 39. Andreas Lichte  |  24. Juli 2011 um 5:50 pm

    „Waldorfschule: „Man kann nicht nur ein »bisschen« Waldorf sein“

    Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien, über Waldorfschule, Rudolf Steiner und die Anthroposophie. Das Interview führte Andreas Lichte für die Ruhrbarone.

    Andreas Lichte: Sie kennen Prof. Klaus Prange noch von Ihrer Zeit an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel?

    Stefan T. Hopmann: Ja, als einen der analytisch streng, sprachlich präzise schwierige Zusammenhänge beschreiben kann – garniert mit trockenem norddeutschem Humor …

    Lichte: Neulich sprach ich mit Prof. Prange über Reformpädagogik, konkret, die Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule. Prof. Prange sagte: „Familie als Profession ist bedenklich …“ Halten Sie auch die Rolle des Klassenlehrers in der Waldorfschule als „geliebte Autorität“ für problematisch?

    Hopmann: Nicht nur für „problematisch“, sondern für gefährlichen Unsinn. Für mich klingt der Anspruch, „geliebte Autorität“ sein zu wollen, sehr nach „geliebter Führer“, einer irrationalen Form der Unterordnung. Schule als Familie stellt den Anspruch, wie eine Familie für alle Seiten des jungen Menschen zuständig zu sein. Wer so etwas will, vertritt eine totalitäre Pädagogik. Lehrkräfte sind nicht für das „ganze Kind“ zuständig, auch kein besserer Elternersatz, sondern ihre Aufgabe bezieht sich nur insoweit auf die Kinder, insoweit diese Schülerinnen und Schüler sind. Die Aufgabe der Lehrkräfte ist die professionelle Förderung von schulischen Lernprozessen. Natürlich müssen sie dazu auch über die sonstige Situation der Kinder Bescheid wissen, aber es ist weder ihre Aufgabe, noch für sie tatsächlich möglich eine pädagogische Gesamtverantwortung für ein Kind zu übernehmen. Genau so wenig ist pädagogisch vertretbar, von den Kindern zu erwarten, sie sollten ihre Lehrpersonen lieben. Auch das betreibt irrationale Unterordnung. Sie sollten ihre Lehrkräfte als pädagogische Professionelle achten, soweit sie guten Unterricht machen, aber sie müssen sie dafür nicht mehr lieben als ihren Zahnarzt (…)“

    zum vollständigen Interview beim blog „Ruhrbarone“:
    http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-„man-kann-nicht-nur-ein-»bisschen«-waldorf-sein“/

    Anmerkung AM

    Wie stehst du denn in der in meinem Artikel diskutierten These – meinst du, diese paternalistischen Positionen sollten das Ende pädagogischer Reformversuche einleiten?

    Antwort
  • 40. A.M.  |  15. Februar 2012 um 3:47 pm

    „Gegen einen langjährigen Lehrer der Freien Waldorfschule in der Ritterstraße in Kreuzberg liegt eine Anzeige wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs vor. Die Schulleitung erfuhr davon wenige Tage vor Weihnachten. Der Lehrer wurde sofort suspendiert, inzwischen wurde ihm gekündigt. Schüler und Eltern reagieren verunsichert.“

    http://www.otz.de/startseite/detail/-/specific/Olaf-Moeller-moechte-Landrat-werden-410658235

    Antwort
    • 41. Ronald  |  1. Juni 2012 um 2:19 am

      Der Olaf Möller? http://gera.otz.de/web/lokal/leben/detail/-/specific/Waldorflehrer-schlaegt-in-Gera-13-Jaehrigen-und-wird-suspendiert-823517905
      Und in der http://dev.waldorfschule-jena.de/wp-content/uploads/2011/02/11-01-28-Schulpost.pdf ,gab es auch einen ominösen und plötzlichen Klassenlehrerwechsel!?
      Beste Grüße

    • 42. Ronald  |  1. Juni 2012 um 2:47 am

      P.S. Weiß jemand, welche Schulen als Auffangstation in den o.g. Fällen zu dienen haben ??

      …. http://www.berliner-zeitung.de/berlin/berliner-waldorfschule-missbrauchsvorfaelle–schule-entlaesst-lehrer,10809148,11628064.html (Glücklicherweise war dieser Journalist vor Ort!!)

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Zum Autor

Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

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