Waldorf weiter auf Abwegen

28. September 2012 at 1:17 am 15 Kommentare

„Das Banale kann nicht wahr sein.
Was, in einem falschen Zustand, von allen akzeptiert wird,
hat, indem es diesen Zustand als den ihren bestätigt,
vor jedem besonderen Inhalt schon sein ideologisches Unwesen.“
– Theodor Adorno: Meinung, Wahn, Gesellschaft (Gesammelte Schriften 10.2)

Waldorf in Wilhelmsburg

Dieser Tage machen die Waldorfschulen wieder einmal mit positiven Schlagzeilen auf sich aufmerksam – Schlagzeilen zu zwei Themen: Eine weitere emprirische Studie bestätigt, was auch vorher nur die ideologischsten Waldorfgegner bestritten haben – dass Waldorfschüler sich im Allgemeinen an ihren Schulen wohlfühlen. In Hamburg-Wilhelmsburg fusioniert derweil auf Anregung von Schulsenator Ties Rabe (SPD) eine öffentliche Grundschule mit dem örtlichen „Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik“.

„Es gibt viele bei den Waldorfschulen, die wollen raus aus den bildungsbürgerlichen Stadtteilen“, berichtet Christiane Leiste vom Waldorf-Verein. Deshalb wollten Lehrer und Eltern bewusst in Wilhelmsburg eine Waldorfschule gründen, nach dem Vorbild der „Interkulturellen Waldorfschule Mannheim“ … „Wir waren sehr überrascht über dieses Angebot“, berichtet Leiste. Nach mehrmonatigen Konzeptgesprächen mit der Schulbehörde gab es nun eine gemeinsame Tagung mit den Lehrern der Fährstraße. Die Überschneidung der Wünsche, wie man Schule gern gestalten möchte, sei groß, berichtet Leiste. Beide Seiten wollten keine Noten, keine Lernstandserhebungen und mehr künstlerisch mit den Kindern arbeiten. Und sie würden die Kinder gern bis Klasse 8 oder länger behalten. All dies sind klassische Bestandteile der Waldorfpädagogik, neben den bekannten Elementen wie Eurythmie oder Epochenunterricht. „Das wird keine Eins-zu-eins-Waldorfschule“, sagt Leiste. „Kein Lehrer wird gezwungen, Eurythmie zu machen“ (taz)

Die Schule wird wohl 2014 ihre Tore öffnen. Natürlich sind alle Vertreter der Stadt Hamburg eilig bemüht, zu versichern, dass hier mitnichten ein öffentlicher Versuch unternommen werde, die esoterische Hausphilosophie der Waldorfschulen zu fördern: Rudolf Steiners Anthroposophie. „Es geht nicht darum, die Ideologie von Rudolf Steiner in staatliche Unterrichtspraxis zu überführen“, so ein Vertreter der Schulbehörde. Man wolle nur jene waldorfpädagogischen Unterrichtspraxen, die „allseits akzeptiert sind: Der ganzheitliche Ansatz, der sowohl die kognitiven als auch die emotionalen und handwerklich-künstlerischen Aktivitäten im Unterricht zusammenführt. Die künstlerisch-musische Ausrichtung soll im Mittelpunkt stehen.“

Man würde erwarten, dass diese Distanznahme zu Steiner in der anthroposophischen Szene mit Missfallen beobachtet wird. Die Trennung der Waldorfpädagogik von ihrem charismatischen Begründer, Steiner, wird dort im Allgemeinen als Todesurteil betrachtet. Exemplarisch dazu einige Zeilen aus der Waldorfzeitschrift „Erziehungskunst“:

„Wie ein Menschenleib in der ersten Zeit nach seinem Tode dem lebendigen Menschen noch sehr ähnlich sieht, so ist ihm doch das Leben entschwunden, und es wird nicht lange dauern, dann wird dieser Leib sich in den äußeren irdischen Elementen auflösen. So wäre es auch mit der Waldorfpädagogik: Sie kann lebendig sein, von Leben und Gefühl durchpulst; oder sie kann sich eine gewisse Zeit durch das bereits Erarbeitete erhalten, müsste dann aber zwangsläufig sich mit der Zeit auflösen und vielleicht gar in dem üblichen Schulsystem aufgehen.“ (Dieter Centmeyer: Waldorfschule ohne Steiner?, Erziehungskunst 10/2007, 1142f.)

Die Bindung an Steiner garantiert in dieser Perspektive das Leben der Waldorfschulen wie anderswo die Kreuzigung Jesu die Vergebung der Sünden. „Die Verbindung der Waldorfpädagogik mit Rudolf Steiner belebt, beseelt und begeistert den Schulorganismus in feiner, fast homöopathischer Weise, sie weckt die stärkenden und gesundenden Kräfte.“ (ebd., 1143)

Allerdings: Es ist ein unerklärliches Spezifikum der Anthroposophie, dass ihre Angehörigen die Grundzüge ihrer Überzeugung fröhlich von sich werfen, sobald jemand Steiner, Waldorf & Co auch nur mit einem einzigen positiven Wort erwähnt. Unvergleichlich war etwa der anthroposophische Jubel, als Peter Sloterdijk 2011 Steiner mit banalen Phrasen zum frühen Vertreter seiner eigenen mentalen Fitnessideologie ernannte (Vgl. Inhalte überwinden). Dankend übergangen wurde, dass Steiners Kosmologie wenig gemeinsam hat mit Sloterdijks Philosophie, deren Konzepte von „Anthropotechnik“ und „Menschenzucht“ selbst ein Jürgen Habermas 1999 als „genuin faschistisch“ bezeichnete (vgl. zum Thema Anthroposophie und Faschismus „…ja gewiss kam es zu Spannungen“)

Nach dem selben Muster gestaltet sich das anthroposophische Echo zu dem Schulversuch. So begrüßte die „Erziehungskunst“ den Hamburg-Wilhelmsburger Waldorfhybriden bedingungslos, Info3 freute sich über den „konstruktiven Mix aus Waldorfpädagogik und staatlichem Schulwesen“. Mit Blick auf den allzu dogmatischen Ruf der Anthroposophie könnte diese augenscheinliche ideologische Flexibilität durchaus beruhigen – zöge man dort die entsprechenden Konsequenzen. Die allmonatlichen Plattitüden der „Erziehungskunst“ gehen der kritischen Auseinandersetzung mit Steiners Weltanschauung fast ausnahmslos aus dem Weg. Für Info3 gilt das Gegenteil, aber gerade hier würde man deshalb eine Diskussion über die Selbstaufgabe der Anthroposophie um den Preis offiziöser Anerkennung erwarten.

Die esoterische Grundierung der Waldorfpädagogik enthält neben beunruhigenden Typologien und einer starren hebdomadologischen Entwicklungspsychologie auch humanistische Rückstände einer humboldtschen „Universalbildung“. Eben diese werden auch von ihren ‚kritischen Sympathisanten‘ wertgeschätzt: „Waldorf hat jedem Kind ein zwölfjähriges Curriculum zu bieten, vom Landbaupraktikum bis zur Faust-Aufführung ist da Spannendes drin.“ (taz) In der Resistenz der Waldorfpädagogik gegen das öffentliche Schulsystem, gegen Noten, Ökonomisierung, Methoden- und „Kompetenzzentrierung“ (vgl. Krautz: Bildung als Anpassung) lagen und liegen nicht nur ihre dogmatischen Gefahren, sondern auch die „unzeitgemäßen“ Stärken. So hat man es immerhin mit einer Alternative zum anderweitig schlechten öffentlichen Schulsystem zu tun – eine Differenz allerdings, die alle Beteiligten gern beseitigen möchten.

„Waldorfpädagogen verlieren die staatlich gültigen (Prüfungs-)Anforderungen an die Jugend nicht aus dem Blick … Moderne Vertreter dieser Erziehungskunst schaffen es in diesem Sinne durchaus, manches am Steinerschen Gesamtkunstwerk für verschroben, allzu mystisch und unzeitgemäß zu halten. Dann entrümpeln sie ein wenig, auf dass die jenseitige Botschaft verträglich sei mit den Anforderungen an eine moderne Volksbildung. So geht es am Ende in solchen Schulen doch wieder ziemlich normal zu, und die Vertreter der Staatsschule können zufrieden sein … Fortschrittliche Pädagogen entdecken auf diese Weise in der Waldorfschule immer auch ihre eigenen Erziehungsideale wieder. Das spricht gegen beide.“ (Freerk Huisken: Erziehung im Kapitalismus, Hamburg 2001, 457f.)

Postmoderne Waldorftheorie

Auch die grauen Eminenzen der Anthroposophie scheinen sich mit der Berufung auf ihren Anschluss an ‚höhere Welten‘ immer weniger sicher zu sein. Einer ‚geistigen Welt‘ versucht man sich durch die Beschwörung der herausragenden Integrität der Person Rudolf Steiners zu versichern. „Durch seine Mitwirkung war das unmittelbare Einströmen von Rat und Hilfe aus der Geisterwelt … gemeinsam erfahrene Realität gewesen. Seine durch sein Lebenswerk ebenso wie durch den seine Person und die Art seines Wirkens gerechtfertigte Autorität verlieh seinen Entscheidungen eine alle Widersprüche des Lebens versöhnende, beruhigende Sicherheit.“ (Johannes Kiersch: Steiners individualisierte Esoterik einst und jetzt. Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach 2012, 80) Im Waldorfbereich zählt man ebenfalls mehr auf die mythopoietische Evidenz der Steinerschen Modelle denn auf den Glauben daran. So heißt es in den vom BdFW herausgegebenen „Leitlinien der Waldorfpädagogik” (Rainer Patzlaff und Wolfgang Saßmannshausen, Pädagogische Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen, 2005)  mit Bezug auf Steiners entwicklungspsychologischer Jahrsiebte-Lehre, es sei ein Irrtum, anzunehmen,

„es handle sich hier um einen natürlichen Rhythmus, der sich von selbst einstelle, genauso gesetzmäßig wie viele andere Rhythmen, die in unserem Organismus biologisch wirksam sind. Das ist nicht der Fall. Der Siebenjahres-Rhythmus ist nicht von der Natur vorgegeben, ebensowenig wie die Einteilung des Jahres in siebentägige Wochen. Dennoch handelt es sich nicht um mystische Zahlenspielerei, wie vielfach behauptet wird. Vielmehr kommt dem Siebenjahres-Rhythmus salutogenetische Bedeutung zu … Das Kind erhält für sein ganzes späteres Leben eine tragende Grundlage, wenn es sich auf diesen gesundenden Rhythmus einschwingen darf.” (ebd., 35)

Es wird also nicht mehr vorausgesetzt, bei Steiners „Schauungen“ von der sukzessiven Entfaltung übersinnlicher „Wesensglieder“ in Sieben-Jahres-Schritten handle es sich um geistige „Erkenntnis“. Stattdessen sieht man darin einen „pädagogisch-therapeutischen Richtwert” „salutogenetischer“ Natur, es sei “gesund” und “heilsam” für ein Kind, sich auf ihn “einschwingen” zu dürfen. Hier wird Steiners ‚hellseherischem‘ Postulat, das eben richtig oder falsch sein könnte, jeder Anspruch auf Wahrheit ausgetrieben. Zurück bleibt eine paternalistische Vorstellung von “Heilung” – die ihre einzige und sei sie noch so fragwürdige Begründung verloren hat. Egal, wieso, es sei nunmal einfach heilsam für das Kind, nach dem Sieben-Jahres-Rhythmus behandelt zu werden.

Die heutigen Verteter der Steinerschen Pädagogik scheinen sich dadurch auszuzeichnen, dass ihnen ihr eigener Glaubensgegenstand abhanden gekommen ist, ohne dass dies Anlass irgendeiner selbstkritischen Reflexion wäre. Letzterem darf hinzugefügt werden, dass es nicht für alle Waldorfpädagogen zu gelten scheint. Jost Schieren (Prof. für Waldorfpädagogik an der Alanushochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn) mahnt immerhin Vorsicht im Umgang mit Steiners ‚Geisteswissenschaft‘ an:

„Vieles, was mir bisher als sogenannte Reinkarnationsforschung begegnet ist, betrachte ich als Vermessenheit, die der Persönlichkeit des anderen Menschen nicht gerecht wird. Nochmals: Als Pä­dagoge habe ich es vor allem mit der Persönlichkeit des Kindes und Jugend­lichen zu tun, die noch gar nicht voll­ständig ausgebildet ist. Wir stehen ja, wenn wir es mit einem Menschen zu tun haben, vor einem gro­ßen Geheimnis, das Geheimnis des menschlichen Ich. Und es gibt eine Achtung vor dem Geheimnis. Auch wenn Rudolf Steiner manches Geheim­nis gelüftet hat, bedeutet dies nicht, dass wir damit einfach umgehen kön­nen. Auch dies ist eine wissenschaftli­che Haltung.“ (Schieren: Bewusstseinsethische Aufgabe, Interview, in: Das Goetheanum, 12/2010, 9)

„Bildungserfahrung an Waldorfschulen“

Im eben umrissenen ideologischen Kontext ist die kürzlich vorgestellte Studie „Bildungserfahrungen an Waldorfschulen“ zu sehen. Befragt wurden 800 SchülerInnen von zehn Waldorfschulen. Durchgeführt wurde das Projekt von Heiner Barz (Prof. für Bildungsforschung an der Universität Düsseldorf), Dirk Randoll (Prof. für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt empirische Sozialforschung an der Alanus-Hochschule) und Dr. Sylvia Liebenwein (ebenfalls Düsseldorf). Prof. Andreas Schleicher, Gallionsfigur der Schulökonomisierung im Zeichen der PISA-Studien, hat die Einleitung zu der im renommierten Wiesbadener VS-Verlag erschienenen Publikation geschrieben. Schleicher war auch auf der Pressekonferenz zu ihrer Vorstellung zugegen. „Es gibt ein hohes Maß an Kongruenz zwischen dem, was die Welt von Menschen fordert und dem, was an Waldorfschülern gefördert wird“, zitierte ihn Welt-Online.

Die Ergebnisse der Studie, wie sie die „Welt“ referiert, liegen durchaus im Bereich dessen, was auch vom Hörensagen über Waldorf bekannt ist. So sollen 13 Prozent der WaldorfschülerInnen mehr Spaß am Lernen haben als ihre LeidensgenossInnen an öffentlichen Schulen.

„Auch das Schulklima und die Lernatmosphäre wird vom weitaus größten Teil der Befragten, 85 Prozent, als angenehm und unterstützend beschrieben. An Regelschulen finden das nur 60 Prozent. Weiterhin wird die Beziehung zu den Lehrern deutlich besser beurteilt – 65 Prozent der Waldorfschüler stehen hier knapp 31 Prozent der Regelschüler gegenüber. Auch die Identifikation mit der Schule ist größer als bei anderen Schülern; und zudem leiden Kinder an Waldorfschulen bedeutend seltener an somatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen.“ (ebd.)

Waldorfkritiker stehen den inzwischen doch recht zahlreichen Studien in der Regel skeptisch gegenüber – vermutlich, weil noch keiner entdeckt hat, dass dort auch die Konversion von Waldorfschülern zur Anthroposophie rekonstruiert wird (vgl. Till-Sebastian Idel: „…und ja, die wesentlichen Impulse kamen aus der Schule“. Rekonstruktion einer Waldorfschulbiographie, Opladen u.a. 2012). Stefan Hopmann (Prof. für Schul- und Bildungsforschung in Wien), meinte etwa in einem Interview mit Andreas Lichte: „Mag sein, dass trotz der Waldorfpädagogik das Engagement im kulturellen und ästhetischen Bereich manchem Waldorfschüler geholfen hat, seine eigenen Ideen zu entwickeln. Mehr als „anekdotische Evidenz“, Berichte über mehr oder weniger erfolgreiche Waldorfschüler, gibt es da nicht, jedenfalls – wie auch für alle anderen Leistungsversprechen der Waldorfschulen – keine unabhängigen Längsschnittuntersuchungen, die so vollmundige Selbstbeschreibungen bestätigen könnten.“ Ähnlich hatte bereits 2005 Peter Bierl gemahnt: „Dennoch sollte man sich vor pauschalen Urteilen über die Praxis an Waldorfschulen hüten. Erstens gibt es keine breit angelegte empirische Studie von unabhängiger Seite über den Unterricht. Zweitens kommen viele Erzieher und Pädagogen, die in diesen Einrichtungen arbeiten, von staatlichen Universitäten. Ihnen fehlt der anthroposophische Hintergrund.“ (Peter Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, Hamburg 2005, 13)

Darin muss man sowohl Hopmann als auch Bierl zustimmen. Längsschnittstudien beispielsweise stehen in der Tat noch aus. Die in den vorhandenen Studien als waldorfspezifisch interpretierten Faktoren könnten darin sehr viel genauer untersucht und aufgeschlüsselt werden. Wie auch immer: Ein Dutzend wenn auch nicht repräsentativer Studien legt durchaus und sehr detailliert jene „anekdotischen Evidenzen“ nahe, die mir aus meiner eigenen Schulzeit und den Berichten zahlreicher Waldorfschüler gut vertraut sind: Gute Schüler-Lehrer-Beziehungen und angenehmes Schulklima an Waldorfschulen – überschattet von sozialen Klimakatastrophen. Auf der Unterrichtsebene stehen Künstlerische Fächer mit der Gelegenheit, jeweils „sein eigenes Ding zu machen“ neben Defiziten in Naturwissenschaften und Sprachen.

Natürlich haben die Waldorfschulen die jüngste Studie zu „Bildungserfahrungen“ gern akzeptiert und aktiv gefördert – die Pressekonferenz wurde zur regelrechten Werbeveranstaltung des Bundes der Freien Waldorfschulen. Anders als am Beispiel Hamburg-Wilhelmsburg wurden die von der Studie nahegelegten Waldorferfolge hier als reine Resultate der anthroposophischen Pädagogik gefeiert.

BdFWS-Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick betonte, die Studie zeige, dass die Waldorfpädagogik mit ihrer Berücksichtigung des Lernumfelds, der Lernatmosphäre und der aktiven Beteiligung der Schüler an der Gestaltung des Unterrichts auf dem richtigen Weg sei. Es komme – auch nach den Ergebnissen der modernen Hirnforschung – darauf an, Eigenaktivität und Kreativität der Schüler einzubeziehen und ihnen damit die Motivation zum lebenslangen Lernen zu vermitteln. Kullak-Ublick: „Wir freuen uns über die neue Studie, die mit empirischen Mitteln belegt, dass die Bildungserfahrungen an den Waldorfschulen genau diejenigen sind, die die Schüler in der heutigen Welt brauchen.“ (Pressemitteilung des Bundes der Freien Waldorfschulen)

Von links: Andreas Schleicher, Heiner Barz, Henning Kullak-Ublick

Von links: Andreas Schleicher, Heiner Barz, Henning Kullak-Ublick. Pressebild des Bundes der Freien Waldorfschulen.

„Anthroposophische“ Praxis der Waldorfschulen

So bleibt einmal mehr ein ambivalentes Bild: Die Waldorfschulen sind nach wie vor weit davon entfernt, sich der kritischen Aufarbeitung ihrer ideologischen Grundlagen zu stellen. Gleichzeitig scheinen sie bemüht, ihr spezifisches Profil zur besseren Variante des öffentlichen Schulsystems herabzuwirtschaften. Die Imagepolitik des Bundes der Freien Waldorfschulen scheint auf die Botschaft hinauszulaufen, man böte letztlich die bessere Regelschule. Die ’spirituelle‘ Selbsteinschätzung hält Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick nicht einmal davon ab, sich auf die biologistischen Hirngespinste der „modernen Hirnforschung“ zu berufen – wenigstens dem müsste die Ich-Philosophie Steiners doch vorbeugen (vgl. etwa GA 4, 31). Was auch immer diesem augenscheinlichen Opportunismus zugrundeliegt, er markiert das Ende der wenn auch diffusen Schulkritik, die Steiner durchaus noch artikulierte: „Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlußziele werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die denkbar schlechtesten, und man bildet sich das denkbar Höchste auf sie ein.“ (GA 300a, 61) Die Waldorfschulen verlieren durch Anbiederungen an PISA und Co, durch ihre Versuche, mit „alternativkulturellem“ Überbau doch nur die bessere öffentliche Schule zu sein, noch den letzten subversiven Zug. Dazu fand Christian Grauer die treffenden Worte:

„Und mein größter Argwohn gegenüber der Waldorfpädagogik ist, dass ihre zumindest ansatzweise interessanten und in eine bessere Richtung weisenden Ideen so sehr zu liebgewonnenen Traditionen verdorrt sind, dass sie den Fortbestand der Schwachsinnsinstitution Schule insgesamt sogar noch stärken, statt ihn aufzubrechen … Das bewegte Klassen-zimmer ist ein toller Ansatz, nur sollte man das Klassenzimmer endlich dorthin bewegen, wo es hingehört: in die Tonne.“ (Christian Grauer: in: Endstation Dornach, 254)

Allerdings fragt sich ohnehin, wie viel an den realen Erfolgen der Waldorfschulen noch auf anthroposophische Einflüsse zurückgeht:

„Mehr als die Hälfte des Nachwuchses hat keine Ahnung von Waldorfpädagogik und Anthroposophie, viele von ihnen arbeiten sich ein und werden dann gute Waldorflehrer, aber noch mehr verschwinden nach kurzer Zeit wieder.“ Nur 26 Prozent der Neueinstellungen verfügten „über eine Waldorf-Vollzeitausbildung von mindestens einjähriger Dauer.“ (Johannes Kiersch: Wir leben in einer Phase der Umstülpung, Interview, in: in: Novalis 52 / 1998, Heft 11, 42)

„Da die Waldorfschule aus Gründen der staatlichen Anerkennung auf Lehrer mit zweitem Staatsexamen, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern, angewiesen ist, diese aber nur selten eine waldorfpädagogische Ausrichtung haben, gibt es immer wieder deutliche Interessenkonflikte … Mit zunehmendem Alter der Schulen wird der Prozentsatz der waldorfpädagogisch ausgebildeten Lehrer immer kleiner, nicht zuletzt deswegen, weil offenbar zunehmend weniger Lehrer an einer waldorfpädagogischen Ausbildung Interesse haben. Das mag auch damit zusammenhängen, dass viele neugegründete Schulen für reformpädagogisch Interessierte eine größere Auswahl bedeuten … Außerdem braucht die Waldorfschule gerade durch das veränderte Klientel neben der anthroposophischen Weltsicht heute vor allem pädagogische, didaktische Erziehungskompetenz bei den Lehrern, um sich den besonderen Erfordernissen in der Arbeit mit der jetzigen Schülergeneration und ihren Eltern stellen zu können. Diese Kompetenzen werden offenbar in den Waldorf-Lehrerseminaren nicht oder nur unzureichend gelehrt … Dass die Beeinflussung eher von den heimischen Welten in die Schule geht und weniger in die andere Richtung, ist verständlich, denn die Zeit zu Hause und in den Weiten der Bildschirmwelten ist etwa doppelt so lang, wie die in der Schule verbrachte Zeit.“ (Gerhard Vilmer: Waldorfsalat. Zur Psychologie der Waldorfschulen, Norderstedt 2012, 26ff.)

Was die verbleibenden anthroposophisch überzeugten Lehrer angeht: Bereits 1991 konstatierte Heiner Barz auf Basis einer Stichprobenuntersuchung eine eher oberflächiche Reproduktion und Rezeption Steinerscher Theoreme.

„Die Temperamentenlehre konnte aus den Schilderungen des alltäglichen Unterrichts überhaupt nicht und bei den weiteren Themen nur in sehr vereinfachter Form identifiziert werden, etwa wenn es hieß, dass die eher ‚geistig-seelisch aktiven‘ Kinder (’schwärmerisch, verträumt‘) und die eher ‚leiblich-gebundenen‘ Kinder (‚essen immer unter der Bank‘) gezielt angesprochen würden. Für die Reinkarnations- und Karmalehre gilt ähnliches … Auch die Betonung des formalen bzw. rein prozeduralen Aspekts des anthroposophischen Erkenntnisweges, wie sie sich im ‚offiziellen‘ Waldorfsschrifttum findet, konnte nicht bestätigt werden. Soweit dieser Aspekt für die Praxis subjektive Relevanz hat, handelt es sich vor allem um Selbsterziehung im Sinner von Selbstbeherrschung (Affektkontrolle) und um den Erfahrungsnachvollzug des vorgegebenen ’spirituellen Realismus‘.“ (Barz: Zwischen lebendigem Goetheanismus und latenter Militanz? Eine Studie zur Alltagsorientierung von Waldorflehrern, in: Neue Sammlung 31/1991, 231f.)

Dies gilt selbstverständlich nicht für alle anthroposophischen Waldorflehrer, erst recht nicht für die offiziellen Repräsentanten dieser Pädagogik und sicher nicht für die Waldorflehrerseminare. Nichtsdestominder sind die anthroposophischen Überzeugungen an Waldorfschulen am Versickern. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass und warum Mathias Maurer, Chefredakteur der „Erziehungskunst“, sich sogar darüber freut, wenn Kritiker die Waldorfschulen des ungebrochenen Festhaltens an Steiners Lehren beschuldigen:

“Die sogenannte Temperamentenlehre Rudolf Steiners wird zwar an den Waldorflehrerseminaren und hochschulen gelehrt, findet aber im Unterricht der Waldorfschulen immer weniger praktische Anwendung. Insofern kann man es begrüßen, dass Erziehungswissenschaftler diese ‘spätantike hippokratische’ Persönlichkeitstypologie kritisch unter die Lupe nehmen und Waldorflehrern wieder ins Stammbuch schreiben, was eigentlich zu ihren pädagogischen Essentials gehört.” (vgl. Temperamente reloaded)

Hier geht letztlich ein Streit in eine neue Runde, der die Waldorfschule bereits seit ihrer Gründung beschäftigt. Mit Hans Rutz und Hannah Lang waren bereits 1919 zwei Nichtanthroposophen im Kollegium der Stuttgarter Pionierschule. „Das sage ich Ihnen aber gleich von vorneherein“, so Hans Rutz zu Steiner, „ich bin kein Anthroposoph; ich muss meine volle geistige Freiheit haben!“ (zit. n. Gisbert Husemann/Johannes Tautz: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977, 298) Rutz fand schließlich zur Anthroposophie und wird in der anthroposophischen Hagiolatrie bis heute als besonderer „Freigeist“ gefeiert (vgl. Forschungsstelle Kulturimpuls). Doch zu solchen Konversionen scheinen viele heutige Waldorflehrer nicht mehr bereit zu sein. Die Forderungen der Waldorforthodoxie lassen sich offenbar nicht durchsetzen, und derweil verlieren  die Waldorfschulen durch Anbiederungen an PISA und Co, durch ihre Versuche, mit „alternativkulturellem“ Überbau doch nur die bessere öffentliche Schule zu sein, noch den letzten subversiven und schulkritischen Zug. Dieser „garstig breiten Graben“ zwischen Theorie, Praxis und Selbstverständnis der Waldorfschulen wird durch Imagepflege und auch das kompetente Lächeln von Andreas Schleicher nicht aufgehoben.

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Der Christus im Sinkflug „Rassismus und Geschichtsmetaphysik“ erschienen

15 Kommentare Add your own

  • 1. Andrreas Lichte  |  28. September 2012 um 8:12 am

    Sehr geehrter Herr Martins,

    Sie zitieren – richtig – aus meinem Interview „Man kann nicht nur ein ‘bisschen’ Waldorf sein“ mit Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien, Zitat:

    „Mag sein, dass trotz der Waldorfpädagogik das Engagement im kulturellen und ästhetischen Bereich manchem Waldorfschüler geholfen hat, seine eigenen Ideen zu entwickeln. Mehr als „anekdotische Evidenz“, Berichte über mehr oder weniger erfolgreiche Waldorfschüler, gibt es da nicht, jedenfalls – wie auch für alle anderen Leistungsversprechen der Waldorfschulen – keine unabhängigen Längsschnittuntersuchungen, die so vollmundige Selbstbeschreibungen bestätigen könnten.“

    Quelle: http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-„man-kann-nicht-nur-ein-»bisschen«-waldorf-sein“/

    Sie schreiben dann weiter: „Längsschnittstudien beispielsweise stehen in der Tat noch aus.“

    Dabei haben Sie das „unabhängig“ vergessen, Prof. Hopmann spricht über „UNABHÄNGIGE Längsschnittuntersuchungen“.

    „Unabhängigkeit“ ist die Grundvorraussetzung für Glaubwürdigkeit: Studien, die von der ANTHROPOSOPHISCHEN Alanus-Hochschule durchgeführt werden, sind nicht unabhängig, also auch nicht glaubwürdig.

    Anmerkung AM

    Herzlichen Danke für den Hinweis. Da haben Sie recht – darum drehte sich im Artikel aber meine Argumentation nicht. Es gibt ja durchaus „unabhängige“ Studien, sofern Sie damit „Studien von Nichtanthroposophen“ meinen: Etwa die oben erwähnte von Till-Sebastian Idel: „…und ja, die wesentlichen Impulse kamen immer aus der Schule“. Rekonstruktion einer Waldorfschulbiographie, Opladen 2012. Aber auch das ist keine repräsentative Studie – und auf den Umstand, dass wir davon bisher keine haben, sondern ’nur‘ eine wenn auch gründliche Verbreiterung der von Hopmann so genannten „anekdotischen Evidenzen“, wollte ich abheben.

    Eine „unabhängige“ Studie ist allerdings ein Selbstwiderspruch, vgl. Christine Resch: Arbeitsbündnisse in der Sozialforschung, in: Heinz Steinert (Hg.): Zur Kritik der empirischen Sozialforschung, Frankfurt a.M. 1998, 36-66.

    Antwort
    • 2. Andreas Lichte  |  28. September 2012 um 12:05 pm

      @ Ansgar Martins

      Sie schreiben: „Eine “unabhängige” Studie ist allerdings ein Selbstwiderspruch …“

      Wenn Sie darauf hinweisen möchten, dass es keine „absolute“ Unabhängigkeit gibt, werde ich Ihnen nicht widersprechen.

      Der Umstand, dass Anthroposophen – oder ihnen Nahestehende – ihre eigene Arbeit bewerten, hat aber eine andere Qualität … die von „Propaganda“, oder „Werbung“, wie Sie selber schreiben, Zitat Martins:

      „Natürlich haben die Waldorfschulen die jüngste Studie zu “Bildungserfahrungen” gern akzeptiert und aktiv gefördert – die Pressekonferenz wurde zur regelrechten Werbeveranstaltung des Bundes der Freien Waldorfschulen.“

  • 3. WaldorfLeaks (@Waldorfbazar)  |  28. September 2012 um 1:07 pm

    Lesenswert, danke!!!

    Antwort
  • 4. Dirk Klose  |  28. September 2012 um 4:06 pm

    Es freut mich zu lesen, wie die Waldorf-Bewegung doch bereit ist, sich zu bewegen. Wenn es jetzt auch noch die Anhropopsophie schaffen würde! Ihr Beitrag enthält viele Zitate, die mich hoffnungsvoll stimmen.
    Es bleibt noch die Übereheblichkeit, „die bessere Regelschule zu sein“. Auch die Waldorfschule kann von der Staatsschule lernen und nicht nur umgekehrt. Wenn Sie dann Steiner zitieren, der vor hundert Jahren die Staatsschulen kritisiert hat, ist das lächerlich. Auch an den Staatsschulen arbeiten Menschen, die sich bemühen, den Kindern das Beste zu bieten! Nicht Rückwärtsgewandtheit ist von nöten, sich auf Steiner berufen, sondern Offenheit für das durchaus Positive der modernen Wissenschaft.
    Warum müssen Erfolge der Waldorfschulbewegung anthroposophisch sein? Es sind fleissige, bemühte und gute Menschen, die an der Waldorfschule ihr Bestes geben. Da ist es volliommen gleichgültig, ob sie Anthropsophen sind oder nicht.
    Wenn ich mich weiter entwickelen will, muss ich auch einmal einen Schritt ins Unbekannte wagen, ohne mich an Vertrautem festzuhalten. Vorher schon zu behaupten, ich befinde mich auf einen Abweg, zeugt von Mutlosigkeit. Auch Rudolf Steiner muss losgelassen werden.

    Anmerkung AM

    Vielen Dank für Ihren Kommentar, dem ich weitenteils zustimme. Allerdings: Den Wunsch, „die bessere Regelschule zu sein“, halte ich für überaus kritisierenswert, da die Waldorfschule somit den letzten subversiven Zug über Bord wirft, den sie hat. PISA etc. bedeuten den Aufzug eines ökonomisierten Subjekts.

    Derweil geht die postmoderne Beliebigkeit der Waldorf-Selbstpräsentation leider nicht mit Selbstkritik oder Neubesinnung einher, bedeutet also erstmal noch garnichts. Es fehlt nach wie vor ein klares Profil und die Signalisierung irgendeines Aufbruchs. Ich meine mitnichten, dass Lehrer an „Staatsschulen“ schlecht sind oder deren Resultate schlechter als die an Waldorfschulen: Ich meine, dass das SCHULSYSTEM als solches – von den Lernidealen zu den Abschlüssen – ein schlechtes ist. Ich bin mir sicher, dass Steiner vor hundert Jahren (sowie generell) durchaus andere ’schulkritische‘ Meinungen gehabt hat, als ich sie habe. Zitiert habe ich ihn, weil dies ein hoffnungserweckendes Moment war, dass im heutigen „kompetenzzentrierten“, „lebenslangen Lernen“, angesichts der integralen, rücksichtslosen, lückenlosen Durchmethodisierung und -pädagogisierung des Alltags, angebracht wäre. Die Waldorfschulen folgen hier aber nicht Steiners Minimalkritik, sondern machen sich mit banalen Bekenntnissen zum Teil des schlechten Bestehenden. Statt Steiner loszulassen, fallen sie sogar noch hinter ihn zurück. Dazu nochmal die eingangs zitierten Adorno-Worte:

    “Das Banale kann nicht wahr sein.
    Was, in einem falschen Zustand, von allen akzeptiert wird,
    hat, indem es diesen Zustand als den ihren bestätigt,
    vor jedem besonderen Inhalt schon sein ideologisches Unwesen.”

    Antwort
    • 5. Andreas Lichte  |  28. September 2012 um 5:38 pm

      @ Dirk Klose

      Sie fragen: „Warum müssen Erfolge der Waldorfschulbewegung anthroposophisch sein?“

      Weil die Anthroposophie die Basis der Waldorfpädagogik bildet.

      Das sagen die Verantwortlichen des Bundes der Freien Waldorfschulen selber, bzw. sie SAGTEN es … bis es politisch nicht mehr opportun erschien, und ein Artikel der „Erziehungskunst“ klammheimlich gelöscht wurde:

      http://www.erziehungskunst.de/nachrichten/inland/wilhelmsburg-waldorfschule-in-staatlicher-traegerschaft-startet/

      „Wilhelmsburg: Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft startet

      August 2012

      (…) Dieses Resultat heißt weder »Waldorfpädagogik light«, noch dass die Waldorfpädagogik zu einem beliebig austauschbaren Methodenbaustein innerhalb der Staatsschulpädagogik wird, wie die Schulinitiative in ihrer Pressemittelung vom 9. August erklärt (…)“

      Keine »Waldorfpädagogik light«, nein, wahre Anthroposophie … aber das sagen wir Senator Ties Rabe und der Öffentlichkeit natürlich nicht – nicht mehr.

      Anmerkung AM

      Und das eben neben einer postmodern-neoliberalen Selbstinterpretation. Allerdings: An der Hamburg-Wilhelmsburger Schule werden studierte Lehrer und Waldorffunktionäre nebeneinander arbeiten müssen – da werden Kompromisse an der Tagesordnung sein.

  • 6. Andreas Lichte  |  3. Oktober 2012 um 12:33 pm

    „STAATLICHE SCHULE MIT WALDORFPÄDAGOGIK

    Grundschule mit Astralleib

    taz, 01.10.2012, VON BERND KRAMER

    In Hamburg sollen erstmals Waldorflehrer an einer staatlichen Schule unterrichten. Kritiker verweisen auf die esoterischen Wurzeln der Pädagogik (…)

    Heiner Ullrich, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Mainz, verweist darauf, dass 90 Prozent der Waldorf-Pädagogen eine Befragung zufolge fest in der Anthroposophie Rudolf Steiners verhaftet sind: „Ein so hohes Maß an weltanschaulicher Geschlossenheit gibt es nicht einmal mehr an katholischen Privatschulen“, sagt Ullrich. Steiner glaube beispielsweise an Reinkarnation und ging davon aus, dass Kinder sich in Sieben-Jahres-Rhythmen entwickeln und mit der Pubertät einen farbig-leuchtenden Astralleib als Hülle um ihren Körper gebären – Erkenntnisse, die Steiner mittels Hellsicht gewonnen haben will und die der modernen Erziehungswissenschaft widersprechen. (…)

    Ursula Caberta, einst Sektenbeauftragte und jetzt Jugendschutzreferentin, kritisiert das Vorhaben ihrer Senatskollegen: „Was da passiert, ist völlig unmöglich. Da wird eine staatliche Schule für die abstrusen Lehren von Rudolf Steiner geöffnet.“ (…)

    An den Erfolg des Hamburger Schulversuchs glaubt Ullrich indes nicht: „Am Anfang mag es vielleicht ein paar Berührungspunkte geben“, sagt er. „Aber sobald die Waldorfkollegen bei der Schülerbeurteilung von astralischen Kräften oder von Reinkarnation sprechen, werden die staatlichen Lehrer wohl sagen: bitte nicht!““

    http://www.taz.de/Staatliche-Schule-mit-Waldorfpaedagogik/!102733/

    Antwort
    • 7. jungblog  |  3. Oktober 2012 um 2:29 pm

      Diese Kritik ist nachvollziehbar. Es war meiner Meinung nach ein Fehler von Steiner,die Lehre von Reinkarnation und Karma wissenschaftlich zu behandeln. Ich kann daran glauben oder nicht, aber nicht so tun, als wäre es eine Realität und karmische Gesichtspunkte in die praktische Arbeit einbeziehen.

  • 8. Peter Eben  |  4. Oktober 2012 um 3:49 pm

    Viel aufschlußreicher als den (übrigens ziemlich schlecht recherchierten) TAZ-Artikel, den Herr Lichte da verlinkt, sind die Kommentare, die in der großen Mehrheit eigene Waldorfschulerfahrungen entgegen stellen: In 13 Jahren kaum etwas von Astralleib, Karma und Temperamentenlehre gehört, dafür eine kreative und der inidviduellen Persönlichkeit Rechnung tragende Schulausbildung gehabt und (huch! trotzdem!) das Zentralabitur bestanden.
    Dass es meilenweit an einer Übersetzung der steiner’schen Thesen in die heutige Zeit fehlt (inklusive der Trennung von alten Zöpfen) steht dabei außer Frage, schmälert aber die pädagogische Leistung der Waldorfschulen keinesfalls.
    Wenn das Projekt in Wilhelmsburg gelingt (ich habe da allerdings meine Zweifel), wäre dies vielleicht ein erster Schritt hin zur Entsteinerung der Waldorfschulen und dem folgend einer größeren Akzeptanz der Pädagogik in der (meist unbedarften) Öffentlichkeit.

    Antwort
    • 9. Andreas Lichte  |  13. Oktober 2012 um 3:38 pm

      @ Peter Eben

      Sie schreiben: „In 13 Jahren kaum etwas von Astralleib, Karma und Temperamentenlehre gehört …“

      Sie haben’s nicht verstanden: Waldorfschüler sollen gar nichts von den anthroposophischen Hintergründen der Waldorfpädagogik erfahren – das sind Dinge, die der LEHRER zu berücksichtigen hat (sagt Ihnen der ausgebildete Waldorflehrer).

      Sie schreiben: „… dafür eine kreative und der inidviduellen Persönlichkeit Rechnung tragende Schulausbildung gehabt“

      „(…) Lichte: Die Waldorfschulen werben damit, Kinder „individuell“ zu fördern. Sehen Sie hier einen Widerspruch zu der in der Waldorfpädagogik verbindlichen „Jahrsiebtelehre“ (Rudolf Steiners esoterische Einteilung der Individualentwicklung des Menschen in Abschnitte von 7 Jahren)?

      Prof. Hopmann: Waldorfschulen wollen nicht im allgemein üblichen Sinne „individualisieren“, d.h. die je einzigartige Persönlichkeit eines Kindes achten. Vielmehr werden entsprechend den Waldorflehren die Kinder unterschiedlichen Charaktertypen, Entwicklungsstufen, Seeleneigenschaften usw. zugeordnet, denen sich dann die jeweilige pädagogische Behandlung unterordnen soll. Gehörst du zum Typ A, richtet sich die Behandlung nach Verfahren B usw. Man kann das recht gut kennenlernen, wenn man sich ansieht, wie Rudolf Steiner selbst in seinen Lehrerkonferenzen Einzelfälle analysierte. Es ging ihm nicht um konkrete Individuen, sondern darum, jedes Kind in eine anthroposophische Kategorie zu pressen (…)“

      Auszug aus: „Man kann nicht nur ein ‘bisschen’ Waldorf sein“, Interview mit Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien

  • 10. Andreas Lichte  |  10. Oktober 2012 um 6:16 pm

    „Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft – offener Brief an Senator Ties Rabe, Hamburg

    von Andreas Lichte, Berlin, 3. September 2012
    .

    an:

    Herrn Senator Ties Rabe

    Behörde für Schule und Berufsbildung

    Hamburger Straße 31

    22083 Hamburg
    .

    Kopie an:

    Prof. Dr. Stefan T. Hopmann

    Institut für Bildungswissenschaft

    Sensengasse 3a

    A-1090 Wien
    .

    Vorab per E-Mail an: Senator Ties Rabe / Prof. Dr. Stefan T. Hopmann

    .

    Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft – offener Brief
    .

    Sehr geehrter Herr Senator Rabe,

    die „erziehungsKUNST“, Publikation des „Bundes der freien Waldorfschulen“, berichtete im August 2012 über die erste deutsche „Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft“1, die zum Schuljahr 2013/14 in Hamburg entstehen soll.

    Die „erziehungsKUNST“ hebt in ihrem Artikel hervor, dass die “Interkulturelle Waldorfschule Hamburg-Wilhelmsburg“, Zitat, „weder ‘Waldorfpädagogik light’“ werde, „noch dass die Waldorfpädagogik zu einem beliebig austauschbaren Methodenbaustein innerhalb der Staatsschulpädagogik wird.“

    Als ausgebildeter Waldorflehrer2 möchte ich Sie fragen: Wie will die Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg sicherstellen, dass das Spezifische der Waldorfpädagogik – der anthroposophische Hintergrund – auch in einer Schule in staatlicher Trägerschaft erhalten bleibt? (…)“

    weiter: http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-in-staatlicher-traegerschaft-offener-brief-an-senator-ties-rabe-hamburg/

    Antwort
  • 11. Der große Waldorfschwindel | Endstation Dornach  |  13. Oktober 2012 um 2:08 pm

    […] Mehr lesen. This entry was posted in Allgemein by Christoph. Bookmark the permalink. […]

    Antwort
  • 12. A.M.  |  14. Oktober 2012 um 1:00 pm

    Dirk Randoll im Interview zu der Studie:

    „Andreas Schleicher war selber Waldorfschüler, das wissen nur die Wenigsten. Es war daher naheliegend, ihn um ein Vorwort zu bitten, was er dann auch gerne getan hat. Überzeugen mussten wir ihn nicht, weil er die Förderung dieser Kompetenzen ja am eigenen Leibe erfahren hat. Er hat sich aber sehr darüber gefreut, dass die Ergebnisse dieser Studie dies auch so deutlich zeigen.

    Die Alanus Hochschule verfolgt unter anderem das Ziel, Anthroposophie dialog- und damit gesellschaftsfähiger zu machen. Weil Waldorfschulen einen anthroposophischen Hintergrund haben lag es nahe, sie einmal durch die Brille des empirisch-wissenschaftlichen Paradigmas zu betrachten. So konnte u.a. herausgefunden werden, dass Waldorfschulen weltanschaulich offene Schulen sind, in denen die Lehre Rudolf Steiners im Unterricht so gut wie keine Rolle spielt. Zudem haben wir es uns am Institut für Erziehungswissenschaft und empirische Bildungs- und Sozialforschung unter anderem zum Ziel gesetzt, mehr über das Lehren und Lernen an Privatschulen in Erfahrung zu bringen. Davon können auch Regelschulen profitieren. Deshalb gibt es auch eine Studie zu den „Bildungserfahrungen an Montessori-Schulen“, die demnächst erscheinen wird.“

    http://www.alanus.edu/1495.html?&L=0&tx_ttnews%5Btt_news%5D=680&cHash=1f83010e78ce8039f8602aabbffa0c69

    Antwort
    • 13. Andreas Lichte  |  14. Oktober 2012 um 2:10 pm

      Dieser Interview habe ich kürzlich einer Journalistin geschickt. Mein an die Journalistin gerichteter Kommentar, Zitat:

      „Sehr geehrte Frau …,

      unten stellt die anthroposophische Alanus-Hochschule in einem Interview selber die eigene Studie vor (…)

      – was Sie sicher wissen, aber hier noch einmal wiederholt, um zu betonen, dass die Studie nicht unabhängig ist:

      »Der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher hat das Vorwort zur Studie verfasst. Er betont darin, dass Waldorfschüler zukunftsfähige Kompetenzen wie soziale Intelligenz, emotionale Sicherheit und Gründergeist in besonders hohem Maße mitbringen. Wie konnten Sie den PISA-Koordinator Schleicher überzeugen?

      Andreas Schleicher war selber Waldorfschüler, das wissen nur die Wenigsten. Es war daher naheliegend, ihn um ein Vorwort zu bitten, was er dann auch gerne getan hat. Überzeugen mussten wir ihn nicht, weil er die Förderung dieser Kompetenzen ja am eigenen Leibe erfahren hat. Er hat sich aber sehr darüber gefreut, dass die Ergebnisse dieser Studie dies auch so deutlich zeigen.« (…)“

  • 14. Andreas Lichte  |  17. Oktober 2012 um 5:12 pm

    „Esoterik an Waldorfschulen – Bildung dank „Bildekräften“: Lest Rudolf Steiner!

    Die aktuelle Debatte um die Gründung einer „staatlichen Waldorfschule“ in Hamburg wirft die Fragen auf: Soll Anthroposophie zum staatlichen Schulprogramm zählen? Wie esoterisch ist die Waldorfschule? Von unserer Gastautorin Jana Husmann.

    Wer sich ein wenig mit Waldorfpädagogik beschäftigt und die Schriften ihres Begründers Rudolf Steiner (1861-1925) studiert, wird leicht über die sprachlichen Besonderheiten stolpern, welche die anthroposophische Rhetorik ausmachen. Das Wort “Bildekräfte” etwa gehört in diese Kategorie, ebenso wie der Begriff des “lebendigen Denkens”, den Steiner seinerzeit vom “toten” abstrakten Denken abzugrenzen suchte. Der heute zentrale Oberbegriff zur Beschreibung von Anthroposophie und Waldorflehre ist “ganzheitlich”. Das klingt irgendwie nach östlicher Weisheit, dem Einklang von Leib und Seele, nach Ausgeglichenheit und Wellness-Oasen. Wer wollte sich nicht gerne “ganzheitlich” fühlen und die Aromen von Weleda im Entspannungsbad genießen?

    „Esoterisch“ und „okkultistisch“ hingegen sind Begriffe, die Waldorfschulen bisher eher ungern als Selbstcharakterisierung gelten ließen. Und dies, obwohl die Anthroposophie zweifelsohne den höheren Welten und geistigen Wesenheiten verpflichtet ist, die ihr Begründer Rudolf Steiner als selbsterklärter Hellseher und okkulter Meister beschrieb und verkündete. Doch, so die traditionelle Linie des Bundes der Freien Waldorfschulen, im Unterricht spielten die Inhalte der Anthroposophie keine Rolle. In der aktuellen Debatte um die Zusammenlegung einer öffentlichen Schule und einer Waldorfschule in Hamburg-Wilhelmsburg wird von Waldorfeltern und -schülern so auch immer wieder vehement beteuert, von „Astralleibern“ oder ähnlichem anthroposophischen Vokabular habe man im Unterricht noch nie etwas gehört.

    Steiner im Unterricht? (…)“

    weiter: http://www.ruhrbarone.de/esoterik-an-waldorfschulen-bildung-dank-bildekraeften-lest-rudolf-steiner/

    Antwort
  • […] auch noch die “erste” “staatliche Waldorfschule” gegründet werden (vgl. Waldorf weiter auf Abwegen), scheucht derzeit alle nur irgendwie Beteiligten auf: Funktionäre, Sympathisanten und Kritiker […]

    Antwort

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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