„Entwicklungsrichtung Anthroposophie“: Was Max Mustermann über Nazis und Neukantianer lernen sollte. Eine Intervention

17. August 2013 at 3:44 pm 2 Kommentare

„An der anthroposophischen Lehre vorüberzugehen, ist nicht gut möglich, da ehrliche Not und Sehnsucht zahlreicher Gläubigen an ihr hängt. Die große Gefolgschaft Steiners erklärt sich zum guten Teil daraus, dass Steiner auf Grund seiner Einsicht in die Unhaltbarkeit unserer geistigen Situation eine wissenschaftlich nachprüfbare Methode zu besitzen vorgibt, die zur Schau übersinnlicher Realitäten wie zur Erkundung menschlicher Bestimmung verhelfen soll und den trügerischen Anschein erweckt, als stelle sie gesicherte Beziehungen zum Absoluten her … Auch rührt das Anschwellen der Bewegung wohl mit daher, dass die Steiner-Gemeinde soziologisch an entscheidenden Punkten den Typus der Kirche repräsentiert, dass sie somit wohltuend den Vereinzelten umfängt und ihm das Gefühl des Geborgenseins verleiht.“
– Siegfried Kracauer: Die Wartenden (1922), in: ders.: Das Ornament der Masse
, Frankfurt a.M. 1951, S. 110.

„Initiative Entwicklungsrichtung Anthroposophie“

Nicht alle Anthroposophen fühlen sich im Internet wohl: „Die Technologien von heute sind immer die Probleme von morgen…“ Zur Angst vor den finsteren Mächten Ahrimans gesellt sich eine vor den „Intellektuellen, die den ganzen Tag von nichts als Papier und digitalen Zeichen umgeben sind“ (Lorenzo Ravagli: Prometheus und die heilige Erde, München 2013, S. 8f.) Zu den Exemplaren mit Internetanschluss und vor allem munterer Freude an dessen Benutzung gehört Michael Mentzel. Auf seiner Seite mit dem bezeichnenden Namen „Themen der Zeit“ veröffentlicht er gelegentlich, so meine ich jedenfalls, sogar informative Artikel, z.B. der oft exzellent informierten anthroposophischen Nachrichtenagentur NNA. Die „Themen der Zeit“ sind trotzdem eine Lektüre immer wert, m.E. besonders dann, wenn Mentzel seiner journalistischen Kreativität zu realen und/oder vermeintlichen Fehlern von sog. „Anthroposophiekritikern“ freien Lauf lässt (vgl. Die unendliche Geschichte; Mentzels Traum). Ob Mentzel sich tatsächlich gut mit Steiner auskennt und seine Ressentiments aus dessen Werk gezogen haben sollte, konnte ich bisher nicht feststellen. Zwar bekennt er stolz in einem „(Selbst-)Verständnis“, es sei „sicherlich nicht zu übersehen, dass es auf dieser Seite eine starke Ausrichtung zu anthroposophischen Themen gibt“. Aus seinen wenigen einschlägigen Blogs  konnte ich eine exzessive  Steinerlektüre bisher aber nicht ersehen (vgl. etwa Mentzel: Die richtige Seite der Geschichte).

Angenehm zurückhaltend gegenüber den „Themen der Zeit“ ist unfreiwilligerweise der Internetauftritt der „Initiative Entwicklungsrichtung Anthroposophie. Ein Nachrichtenblatt“. Der Leser erfährt hier (Stand: 17.8.2013) in der Spalte „über uns“, dass Max Mustermann am 28. März 1978 geborgen wurde und wird anschließend unter den Stichworten „Beruf“, „Qualifikationen“ und „Interessen“ jeweils belehrt: „Dies ist nur ein Beispieltext. Du kannst ihn löschen oder ändern.“

Wer denkt, hier habe endlich eine anthroposophische „Initiative“ Steiners 1894 proklamierte „Grundmaxime der freien Menschheit“ („Leben und leben lassen“) in einer für alle Beteiligten vorteilhaften, weil unaufdringlichen Weise verinnerlicht, hat leider bloß die Print- bzw. PDF-Ausgabe noch nicht gelesen. Die ist anscheinend stramm im Geiste Peter Selgs und Sergej Prokofieffs unterwegs. Die Zeitschrift hat m.E. das Zeug, das Stimmrohr der zahlenmäßig doch nicht gerade kleinen anthroposophischen Hardlinerfraktion zu werden. Das inzwischen im dritten Jahr von Roland Tüscher und Kirsten Juel betriebene Blättchen beansprucht mit seinem Untertitel „Ein Nachrichtenblatt für Mitglieder“ offenbar, in der Nachfolge des seit Beginn der anthroposophischen Bewegung herausgegebenen „Nachrichtenblatts“ zu stehen. Letzteres wird von der Verbandszeitschrift der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, „Das Goetheanum“, inzwischen nicht mehr betrieben und wird jetzt durch die neue private „Initiative“ ersetzt. Die Inhalte des neuen Mitglieder-Blatts sind interessanterweise z.T. explizit feindlich gegenüber dem „Goetheanum“, dem etwa Zensur und Verleumdung vorgeworfen wurde, weil es Selgs und Prokofieffs spirituelle Allkompetenz nicht genügend zum Ausdruck bringe bzw. den Abdruck entsprechender Artikel verweigere. Der liberale Anthroposoph Ramon Brüll spricht von einer inneranthroposophischen „Sekte“ (vgl. Ramon Brüll: Eine soziologische Betrachtung), ein Terminus, mit dem ich zugegebenermaßen weniger anfangen kann. Dieser Begriff sollte schon alles Mögliche von hinduistischen Gruppen über die Nonnen Mutter Theresas bis zu extremen politischen Parteien und den Zeugen Jehovas umgreifen. Er fasst dabei wohl weder diese noch die spezifischen ideologischen Puzzlestücke dieses anthroposophischen Forums. In der Juli-Ausgabe (14/2003) des „Nachrichtenblatts“ wurden etwa gleich auf der Titelseite Spekulationen über Edward Snowden als Kämpfer gegen die Weltherrschaftspläne Ahrimans ausgebreitet.

„Genügt es tatsächlich, ein ehemaliger Waldorfschüler zu sein…?“

Da das „Nachrichtenblatt“, soweit ich einen Einblick gewinnen konnte, von interessanten Artikeln bisher weitgehend verschont geblieben ist, hatte ich mittelfristig eigentlich nicht vor, darüber zu schreiben. Neulich aber fühlte sich eine heilige Allianz von Wolfgang Kilthau (Geschäftsführer der Anthroposophischen Gesellschaft Frankfurt), Klaus Schamell (Arzt für Allgemeinmedizin) und Georg Peuckert (Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit) im Dreiergespann berufen, im „Nachrichtenblatt“ über meine Person zu schreiben:

„Genügt es tatsächlich, ein ehemaliger Waldorfschüler zu sein und zu glauben, dass ein 22-jähriger (Martins) damit schon in der Lage sein wird, sachlich-seriöse Darstellungen wichtiger anthroposophischer Felder wie Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft vorzunehmen?“ (Kilthau/Schamell/Peuckert: „Rudolf Steiners langer Schatten“, in: Initiative Entwicklungsrichtung Anthroposophie, 14/2013, 7. Juli)

Offenbar sei ich also zu jung, um überhaupt etwas zur Anthroposophie zu sagen, obwohl die Autoren die Altersangabe „22“ (aus welchen Gründen auch immer) erfunden oder falsch berechnet haben. Die Botschaft, aufgrund meines Alters dürfe man meine Äußerungen entspannt übergehen, habe ich nirgendwo so oft gehört wie bei Anthroposophen, womit vielleicht ein wenig über den Ungeist gesagt ist, der hinter der dort proklamierten Wertschätzung „des Individuums“ gelegentlich steckt. Der Text erschien auch in „Anthroposophie weltweit. Mitteilungen Deutschland“ (Juli August 2013, S. 5f.).

Die Aussage dieses Triumvirats gefällt anscheinend sowohl Mentzel als auch seinem fanatischeren Glaubensbruder Michael Heinen-Anders, der seit Längerem meinen Eintrag auf wiki.anthroposophie.net betreibt. Beide zitieren die Herren Kilthau, Schamell und Peuckert zustimmend. Heinen-Anders gilt selbst vielen Anthroposophen als spleenig. Ein paar von Mentzels Lesern haben aber die (für mich) unangenehme Angewohnheit, dessen Auslassungen für meine tatsächliche Meinung zu halten und mir in hysterischen Mails vorzuwerfen: wenn meine Waldorfschulzeit so schrecklich gewesen sei, möge ich das doch nicht an der daran gänzlich unschuldigen Anthroposophie auslassen. Das Gegenteil ist der Fall: Trotz oder dank Anthroposophie darf ich auf eine äußerst angenehme Waldorfschulzeit zurückblicken. Ihr verdanke ich zwar keinen Deut meiner Steinerkenntnisse, wohl aber eine auch für die Aneigung selbiger bewährte Kulturtechnik, der sich vielleicht Mentzel, Heinen-Anders und scheinbar auch Kilthau, Schamell und Peuckert etwas intensiver widmen könnten: das Lesen.

Mentzel meint in seinem Beitrag, der ausschließlich auf dem seltsamen Veranstaltungs-„Bericht“ der drei letzteren basiert:

„Dass Martins auf seiner Facebookseite die Veranstaltung zwar angekündigt, dann aber offensichtlich den Mantel des Schweigens darüber gebreitet hatte, lässt zumindest die Hoffnung aufkeimen, dass es dem „Sternekoch“ (Info3 Chefredakteur Jens Heiserkamp über A. Martins) vielleicht selbst ein wenig peinlich sein könnte, wenn all zu viel Aufhebens von seinem Beitrag zu dieser Diskussion gemacht würde.“ (Mentzel: Nachlese. Einst im Mai…)

Warum ich für stattfindende oder fehlende Berichterstattungen über meine eigenen Veranstaltungen verantwortlich sein soll, behält Mentzel für sich. Vielleicht soll das anthroposophischer Enthüllungsjournalismus sein, vielleicht ist Mentzel auch beleidigt, weil Jens Heisterkamp ihn im gleichen Zusammenhang als „Kohlroulade“ bezeichnet hat, aber immerhin einen Punkt möchte ich klarstellen: Ich wäre natürlich im Gegenteil erfreut, wenn von meinen Beiträgen dieses Abends „Aufhebens“ gemacht worden wäre. Wurde es aber nicht und am wenigsten im von Mentzel zitierten Pamphletchen.

Anlass der Polemik im „Nachrichtenblatt“ war eine vor allem von pöbelnden Provinzanthroposophen besuchte Veranstaltung im Frankfurter „Haus am Dom“, bei der die Pädagogin Irene Wagner und meine Wenigkeit auf dem Podium saßen. Zumindest Kilthau und Schamell, denen ich das Attribut geistiger Provinzialität eigentlich nicht zuordnen würde, saßen im Publikum und haben sich auch in die Diskussion eingeschaltet. Außer Steiners ortsansässigem Fanclub schienen sich so viele nun wirklich nicht für diesen und seinen wie auch immer gearteten Schatten zu interessieren. Jedenfalls kam aus dem Publikum kaum ein Nichtanthroposoph zu Wort und eine kritische Diskussion war kaum führbar. Stattdessen war in Wortbeiträgen alles Mögliche bis hin zu Steiners überragenden hellsichtigen Beiträgen zur Erforschung des Bienensterbens zu hören. In der Wahrnehmung unseres Autorentrios war es dagegen „den vielen Interessierten nicht möglich …, sich der Anthroposophie sachlich und verstehend zu nähern. Der eigentliche Auftrag jeder Kultur – bzw. Bildungsanstalt.“

In der Tat würde mich Lob von Autoren, die anscheinend den „eigentlichen Autrag jeder Kultur- bzw. Bildungsanstalt“ in der Annäherung an die Anthroposophie sehen, eher verwundern. Verwunderlicher aber ist die Schilderung des Abends durch Kilthau/Schamell/Peuckert. Die selbstgerechte Meinungsstärke ihres Berichts entspricht dem Ausmaß ihrer Faktenschwäche und kann insofern m.E. durchaus mit Mentzels Seite und Dr. Irene Wagners Buch mithalten. Noch verwunderlicher ist der Umstand, dass die drei über das zuweilen schreiende Publikum dieses Abends nicht ein Wort schreiben. Dass (nicht nur) meine Wortbeiträge durch zunehmend aggressive Zwischenrufe („…von allen guten Geistern verlassen“) unterbrochen wurden, kommt so wenig vor wie meine Diskussion mit Frau Wagner selbst.

Stattdessen wird mit einer unter anthroposophischen Apologeten beliebten Technik gearbeitet und der Inhalt des Abends zu einer Aneinanderreihung von Stereotypen verballhornt, die man „Anthroposophiekritikern“ immer problemlos zuschreiben kann, weil ja irgendwie sowas auch gesagt oder mit dem Was-auch-immer-Gesagten zumindest gemeint worden sein könnte:

„Schon im ersten Thema wurden die Zuhörer von den beiden Referenten (insbesondere Ansgar Martins) mit einer Fülle von Halbwahrheiten, Einseitigkeiten und Entstellungen überschüttet: Der Lehrer müsse Anthroposoph sein, er bringe Reinkarnation und Karma mit in den Unterricht und die Waldorfpädagogen schnüren die Schüler in ein Korsett vorgegebener Inhalte. Die Kinder werden zudem nicht als kleine Persönlichkeiten, sondern eher als „Typen“ behandelt und die Pädagogik sei z.T. autoritär. Selbst ein harmloser Begriff wie Nachahmung, erhält plötzlich eine Umbewertung in eine negative Richtung.“

Einige Bemerkungen des Berichts hinterlassen mich tatsächlich ratlos, zum Beispiel folgender Vorwurf an Wagner und mich: „Oft wird in kleinlichen Verhaltensmerkmalen einzelner Waldorflehrer herumgemäkelt.“ Zu den Merkmalen des Abends, der hastig Waldorfpädagogik, anthroposophische Medizin und biodynamische Landwirtschaft durchging, gehörte nach meiner Erinnerung, dass über einzelne Beispiele leider so gut wie nicht gesprochen werden konnte. Am eben zitierten Satz fällt die für den ganzen Bericht typische sprachliche Merkwürdigkeit auf. Soll „in kleinlichen Verhaltensmerkmalen einzelner Waldorflehrer“ herummäkeln heißen, dass über solche Verhaltensmerkmale bei Waldorflehrern gemäkelt wurde? Oder aber, dass kleinlich über solche Verhaltensmerkmale gemäkelt worden sei?

„Neukantianisches Machwerk“

Nach den eben zitierten Sätzen versteigen sich die Autoren zu folgender Pointe:

„Bei der Nennung des philosophischen Hauptwerkes Rudolf Steiners – der Philosophie der Freiheit –, charakterisiert A. Martins diese als ein „neukantianisches Machwerk“, geschrieben noch vor dem 1. Weltkrieg…“

Tatsächlich wurde dieses philosophische Hauptwerk genannt, und zwar einmal mehr vom dafür eigens aufgestandenen Wolfgang Kilthau. Zuvor war über die anthroposophische Lehrerausbildung diskutiert worden – wie gewohnt vor allem im wütenden Publikum. Kilthau fühlte sich offenbar genötigt, einzuwenden, dass die „Philosophie der Freiheit“ auch zum Pflichtpensum für Waldorflehrer gehöre und einer weltanschaulichen Eingleisigkeit vorbeuge. Meine Antwort lautete, dass Steiners Freiheitsphilosophie von 1894 (wieso auch immer die Autoren daraus den Ersten Weltkrieg gemacht haben) kein Psychoratgeber für Lehrer, sondern neukantianische Philosophie sei, die man nicht zum pädagogischen Flexibilitätsgaranten umbiegen könne. Dass bei den Autoren des Berichts „neukantianisches Machwerk“ hängenblieb, daran kann ich wahrscheinlich nichts ändern. Es ist aber m.E. nachvollziehbar, da im Wort „neukantianisch“ Kant vorkommt, den schon Steiner  offenbar nicht leiden konnte. Bereits in seinem philosophischen Frühwerk hat er, vermutlich unter dem Einfluss Nietzsches, Kants Transzendentalphilosophie mit einer „hochproblematischen, ideologischen Verknüpfung von wissenschaftlicher und weltanschaulicher Betrachtungsweise unter den Kategorien ‚gesund – krank'“ abgefertigt (Hartmut Traub: Philosophie und Anthroposophie, S. 166; vgl. Steiner, GA 3, S. 4), während ihm die Nähe seiner eigenen Moralphilosophie zum Kantischen Sittengesetz verborgen blieb.

Zu den keineswegs neuen Ansätzen gehört jedoch der Versuch, sie philosophiegeschichtlich als Neukantianismus metaphysischer Prägung zu diskutieren (vgl. für eine frühe anthroposophische Stimme Hans Büchenbacher: Erfahrung und Denken, Basel 1978, S. 7f.; für eine systematische Deutung Jaap Sijmons: Phänomenologie und Idealismus. Struktur und Methode der Philosophie Rudolf Steiners, Basel 2008). In der neukantianischen Debatte um eine „voraussetzungslose Erkenntnistheorie“ liegt vielleicht auch einmal ein originärer innerphilosophischer Debattenbeitrag Steiners. Ausgangspunkt war der Wiener Philosoph Johannes Volkelt, mit dem Steiner vor allem die Apotheose des Denkens als Zugang zur Welt teilt, dem sich zunehmend aber auch die Frage nach dem „Ich“ in der Erkenntnistheorie stellte.

„Wahrscheinlich wurde Volkelt auch durch die vielfältige Kritik an seinem Subjektivitätskonzept darauf aufmerksam, dass dort eine Schwierigkeit verborgen liegt … Historisch war es vielleicht der Neukantianer Rudolf Steiner (1892), der als erster den Volkeltschen Ansatz in diesem Punkte korrigierte, an den er sich im übrigen weitgehend anlehnt.“ (Harald Schwaetzer: „Transsubjektivistischer Subjektivismus“, in: ders. (Hg.): Johannes Volkelt: Erfahrung und Denken (1886), Reihe Texte zum Neukantianismus, Bd. 3, Hildesheim 2002, S. XXXVII)

Sijmons und Schwaetzers Einschätzung muss man sicherlich nicht teilen. Sie machen aber deutlich, dass sich die philosophische Weltanschauung des frühen Rudolf Steiner in komplexen philosophischen Konstellationen bewegte – und dieser (eben neukantianische) Kontext macht die Entkernung und Dekontextualisierung seines Denkens zur Innovationssicherung für Waldorflehrer m.E. zu einem interpretativ verfälschenden Unternehmen. Auch Steiner selbst bestritt eine unbeschränkte Verallgemeinerung seiner Darlegungen in einem Brief zu seiner „Philosophie der Freiheit“ wie folgt:

„Man kann da nichts tun für jene, welche mit einem über Klippen und Abgründe wollen. Man muß selbst sehen, darüberzukommen … Willkürlich, ganz individuell ist bei mir manche Klippe übersprungen, durch Dickicht habe ich mich in meiner nur mir eigenen Weise durchgearbeitet … Vielleicht ist aber überhaupt die Zeit des Lehrens in Dingen, wie das meine, vorüber. Mich interessiert die Philosophie fast nur noch als Erlebnis des Einzelnen.“ (GA 39, 232f.)

Dieses Interesse degradiert zwar Philosophie (also das Abenteuer des Denkens) zum subjektivistischen „Erlebnis“. Aber für Anthroposophen wäre es im Sinne einer immanenten Kritik durchaus hilfreich, besonders wohl für die “stark an der Anthroposophie orientierten Waldorflehrer. Sie fürchten den Verlust der geisteswissenschaftlichen Grundlagen, nicht so sehr den Verlust ihrer Selbstbestimmung und individuellen Freiheit”, so Dirk Randoll, der einige empirische Studien zur Waldorfpädagogik (mit-)durchgeführt hat. Insofern sehe ich zwar keinen Grund, meine Aussage zu revidieren, sehr wohl aber die Darstellung von Kilthau/Schamell/Peuckert.

„There is a plan“

Zur Viertelstunde, die über die anthroposophische Medizin gesprochen wurde, haben Kilthau/Schamell/Peukert in ihrem Bericht nur zu sagen, es seien „Allgemeinplätze“ mit „oberflächlicher Kenntnis“ und einer „Fülle von Zerrbildern“ bedient und es sei ignoriert worden, dass die „Misteltherapie“ inzwischen auch von „Schulmedizinern“ angewendet werde. Die Verdrehtheit des letzten Vorwurfs ist schon bemerkenswert: An diesem Abend wurde die Misteltherapie als bekanntes Beispiel angesprochen und wurden gerade umgekehrt dessen Steinersche Ursprünge erwähnt (denn um Steiners angeblich „langen Schatten“ ging es ja). Dass Steiner die Misteltherapie keineswegs erfunden hat, kam im „Haus am Dom“ leider nicht zur Sprache, was das ritterliche Trio aber (wie zu erwarten) offenbar nicht stört. Nicht erwähnt wird außerdem die konkrete Kritik an der anthroposophischen Medizin, die sich um eine ihrer sichtbareren Folgen drehte: die Verbindung von Karma und Krankheit, die sich besonders beim Thema „Impfen“ zeigt. Seit 2001 und bis 2013 sind etliche Fälle von Masernausbrüchen an Waldorfschulen gut dokumentiert, die auch auf eine eher geringe Quote von geimpften Schülerinnen und Schülern und eine offiziell als „freie Impfentscheidung“ gelabelte Impfpolitik anthroposophischer (Schul-)Ärzte rückführbar sind.

„While many anthroposophists follow ordinary vaccine programmes“, so der Religionswissenschaftler Asbjørn Dyrendal, „others clearly do not and Waldorf schools seem to have been the fulcrum of vaccine-preventable deseases more often than schould be their due. Some are generally negative towards vaccines and vaccine programmes.“ Dyrandal erläutert eine beliebte Vorstellung anthroposophischer Impfgegner: „Okkulte Bruderschaften“ mit „materialistischen“ Absichten versuchen, inspiriert von finsteren Engeln, durch Impfprogramme die spirituelle Entwicklung von Kindern zu verhindern:

„There is a plan. It is secretive, destructive and directed against human agency by blocking children’s spiritual development, thus barring them from freedom … Thus the apparently random is made to make sense: secret ways of knowledge reveal secret brotherhoods, the evil spirits influencing them, the deeper tendencies of the time, and their connection to minute details of history. The topic of threats towards spiritual agency and human freedom, framed in Steiner’s anthroposophy, is an undercurrent through it all. But we may note that although ‚inoculations‘ are mentioned as part of the materialist conspiracy of evil powers, Steiner clearly differentiates between existing vaccines against deseases, and those to come, which will be against the spirit. The conflation … is produced by later interpretation.“ (Dyrendal: Hidden Knowledge, Hidden Powers. Esotericism and Conspiracy Culture, in: Egil Aspem/Olav Hammer: Contemporary Esotericism, Sheffield/Bristol 2013, S. 204ff.; vgl. GA 177, 13. Vortrag)

Dyrendals Ausgangsbeobachtung, dass das Waldorfmilieu einer impffreundlichen Einstellung nicht unbedingt offen gegenüberstehe, wird aber noch durch andere Faktoren mit bedingt. Etwa die Vorstellung von Karma, das durch Krankheiten abzutragen sei. Steiner: „Es erscheint durchaus im Karma begründet, dass die eine Krankheit ausgeht mit der Heilung, die andere mit dem Tod.“ (GA 120, 90) „Es ist ja vor allen Dingen zu betonen, daß selbstverständlich nicht gegen das Karma geheilt werden kann. … das muss im wesentlichen des Arztes Gesinnung sein“ (GA 316, 121) Aber: „der Wille zum Heilen … darf niemals eine Beeinträchtigung erfahren … selbst wenn man die Meinung hat, dass der Kranke unheilbar ist“ (ebd., 122) Damit steht der Wille zum Heilen nahezu unvermittelt gegen die „selbstverständlich“ unumgehbaren Bahnen des Karmas. Zweifellos beruht der Erfolg und gute Ruf der anthroposophischen Medizin wohl auf den Ärzten, die sich für Heilung entscheiden. Sogar der Einbezug der Krankheit als biographischer Station mag zu einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung und damit zu besseren Genesungsbedingungen führen. Mit der Einführung des Karmagedankens in die Medizin hat diese „Heilkunst“ sich jedoch selbst die größten Steine in den Weg gelegt.

Masern, Karma und anthroposophische Medizin waren an diesem Abend, nicht aber im Bericht unseres Trios ein Thema, obwohl Kilthau und Schamell aus dem Publikum meine Darstellung in der Tat, aber ohne wirkliche Gegenargumente, angriffen. Seit Mai sind übrigens zwei weitere Masernausbrüche vorgefallen: an der Waldorfschule Erftstadt und Langen am Lech. Beide wurden kurzzeitig geschlossen. In einer Pressemitteilung des Bundes der Freien Waldorfschulen meinte Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick: „Es ist immer eine Abwägung, die auch das Alter und die Gesamtkonstitution des Kindes berücksichtigen muss … Impfempfehlungen sollten den Fachleuten vorbehalten bleiben, die Entscheidung den Eltern.“ (Bund der Freien Waldorfschulen plädiert für freie Impfentscheidung)

Biodynamische Landwirtschaft: Grüne…

Kilthau/Schamell/Peuckert kommen dann zum letzten Teil, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft.

„Sehr negative Darstellungen gaben die Referenten schließlich von der Anwendung landwirtschaftlicher Präparate und anderer Methoden der bio-dynamischen Landwirtschaft. Wer nicht wusste, um was es sich bei dieser Wirtschaftsweise handelt, gewann den Eindruck, die Landwirte bedienten sich lächerlich-okkulter Praktiken. Es wurde unterschlagen, dass dies alles seit 80 Jahren sehr erfolgreich 2 [sic!] angewandt wird. Dies ist ganz besonders A. Martins anzulasten, der es besser wissen müsste, da er ja seine Schulzeit in diesem Umfeld verbracht hat. Unverständlich auch, dass A. Martins die bio-dynamische Entwicklung mit dem Nationalsozialismus in Verbindung brachte, was natürlich ein völlig unsinniger Zusammenhang ist. Nicht ein Wort fanden beide Referenten dazu, dass aus dem Steinerschen Geistesgut bedeutende Impulse für viele nachhaltige alternative Naturströmungen hervorgegangen sind, bis hin zur Begründung der Grünen, was ursprünglich ein anthroposophischer Impuls war.“

Glücklicherweise war ja der größte Teil des Publikums allem Anschein nach aus der Hügelstraße angereist und mit biologisch-dynamischen Präparaten bestens vertraut. Dass „dies alles“ seit 80 Jahren (eigentlich länger) existiert und weltweit unzählige Male gehandhabt wird, war natürlich Thema (und zwar fortgesetzt), ebenso wie meine vom Moderator eingangs erwähnte Waldorfschulzeit. Wieso ich nach dem Besuch einer Waldorfschule umfassend über die Wachstumsraten und -phasen der Anthroposophie informiert sein solle, haben die Autoren leider nicht mitgeteilt. Vielleicht stellen sich manche Anthroposophen vor, das mit der Waldorf-„Weltanschauungsschule“ wäre doch die bessere Idee gewesen, aber das gibt wohl der größere Teil dieser Schulen heutzutage nicht her. Anders als gewissen Autoren kann ich den Anthroposophen unter meinen Lehrern übrigens eine sachliche, gepflegte Streitkultur zugutehalten.

Man kann darüber streiten, ob „nachhaltige alternative Naturströmungen“ wirklich zu den positiven Auswüchsen oder nicht auch zum Schlimmsten gehören, das man mit der Anthroposophie in Verbindung bringen kann. Gerade der „anarchistische Aufbruch in die Freiheit“, den das philosophische Denken des jungen Steiners versprach, wurde mit der Begründung der Anthroposophie von ihm zugunsten organisatorischer und weltanschauungspolitischer Erfordernisse der neuen Gemeinde eskamotiert (vgl. Die „Optik des Geistes“ und der Geist des Okkulten). Er wurde zum allumfassenden Programm verwandelt, in dem nichts der Struktur des allverwaltenden Geistes widersprechen darf:  „Das Allernotwendigste für die Gegenwart und für die nächste Zukunft in bezug auf die Entwickelung der menschlichen Geschicke ist das Hereinholen gewisser Ideen von jenseits der Schwelle…“ (GA 185a, 198)

Das mag auch manchen Tendenzen der „Grünen“ entsprechen, für die dann „Natur“ und „Nachhaltigkeit“ anstelle der „geistigen Welt“ stehen, aber diese Partei war mitnichten „ursprünglich ein anthroposophischer Impuls“. Anthroposophen gehörten zu einer von vielen Strömungen (nicht selten auch rechten), die in diese Partei eingingen, haben sich aber (oder wurden, wie Beuys) mit der Erfolgsgeschichte der Ökopartei zunehmend verabschiedet. Allenfalls gilt die Aussage unseres Trios für den frühen „Achberger Kreis“.

Wahlplakat des anthroposophischen „Achberger Kreises“ der „Grünen“ (Quelle: egoisten.de)

Besonders lästig an den irreführenden Behauptungen des Trios ist wieder die verkürzte Wiedergabe meiner Aussage, die mir dann auch noch in der Verkürzung zum Vorwurf gemacht wird. Es ist keineswegs „unverständlich“, „die bio-dynamische Entwicklung mit dem Nationalsozialismus in Verbindung“ zu bringen. Unverständlich ist, warum heutige Anthroposophen anscheinend so wenig Ahnung von ihrer eigenen Geschichte haben. An dieser Stelle wären an die (seit Jahren vorliegenden) Arbeiten Arfst Wagners, Uwe Werners, Christoph Kopkes, Wolfgang Jacobeits, Peter Bierls, Nicolai Fuchs‘, Anna Bramwells, Christine Gerhards usw. usf. und deren ausführliche Vertiefung durch Peter Staudenmaier zu nennen – die folgenden Details verdanke ich diesen Autoren. Arfst Wagner ist übrigens der m.W. heute einzige Bundestagsabgeordnete mit anthroposophischem Hintergrund und tatsächlich bei den „Grünen“. Seine unersetzte fünfbändige Dokumentation zur Anthroposophie im Nationalsozialismus gehörte zu den frühesten Arbeiten zu diesem Thema.

… und Nazis

Die unselige Verbindung von Biodynamik und einem ökologisch interessierten Teil der Nazi-Elite halten Kilthau/Schamell/Peuckert zwar für einen „unsinnigen Zusammenhang“. Außerhalb des Mainstreams der anthroposophischen Selbstwahrnehmung ist er gleichwohl gut dokumentiert (s.o.) und ging wohl auch aus frühen Überschneidungen mit der völkischen Szene hervor. U.a. praktizierte man im „Artamanenbund“ in den späten Zwanzigern Steiners Landwirtschaft. Aus dessen Reihen kam auch der nationalsozialistische Lebensreformer Herman Polzer, erklärter Befürworter dieser Landwirtschaft. Ein weiterer Fall ist Max Karl Schwarz, der sich unter den Pionieren der Steinerschen Anbaumethode am intensivsten mit Garten- und Landschaftsgestaltung befasste. Er begeisterte bei einem Einführungskurs 1931 in Loheland den idealistisch-rassistischen Ganzheitlichkeitsnostaliger Alwin Seifert, der sich als Landschaftsgestalter (u.a. der „Reichsautobahn“) und „Reichslandschaftsanwalt“ nach 1933 entschieden für die biodynamische Landwirtschaft einsetzte, z.T. in Kooperation mit Schwarz. Seifert, der auch in Nachkriegsdeutschland Bestseller zu Themen wie „Gärtern ohne Gift“ verfasste, war kein Anthroposoph – was übrigens Irene Wagner behauptet, die von den genannten Autoren auch nur Arfst Wagner herangezogen hat (Rudolf Steiners langer Schatten, Aschaffenburg 2012, S. 373).

Doch diese Fehlinformation teilt Irene Wagner mit manchen Anthroposophen. Zu den merkwürdigen Folgen solcher Verbindungen gehört etwa, dass der rechte Historiker Reinhard Falter eine Kurzbiographie Seiferts für die biographische Dokumentation der Forschungsstelle Kulturimpuls verfasst hat (vgl. zu Falter und Seifert Christoph Kopke: Kompost und Konzentrationslager. Alwin Seifert und die „Plantage“ im KZ Dachau, in: Arnett Schulze/Thorsten Schäfer: Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft. Menschenfeindliche Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen, Aschaffenburg 2012, S. 188f.; Ulrich Linse: „Fundamentalistischer“ Heimatschutz. Die „Naturphilosophie“ Reinhard Falters, in: Puschner/Großmann: Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert, Darmstadt 2009, S. 156-178). Die Basis solcher Verbindungen legten u.a. die Biodynamiker Franz Dreidax und Erhard Bartsch. Letzterer bewirtschaftete das Hofgut „Marienhöhe“ und lud dahin dutzende hochstehende Nazibeamte ein – darunter Alfred Rosenberg, Innenminister Wilhelm Frick, den „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Hess oder den Minister für Ernährung und Landwirtschaft und „Reichsbauernführer“ Richard Walter Darré, der nicht umsonst Chefideologe von „Blut und Boden“ war. Das sind nur die prominenteren Namen aus einer Reihe von SS- und NSDAP-Funktionären an entscheidenden Stellen (darunter u.a. Rudi Peuckert, Otto Ohlendorf, Oswald Pohl, Hermann Reischle, Alfred Leitgen, Ernst Schulte-Strathaus und Robert Ley) die die anthroposophische Landwirtschaft zur wahrscheinlich erfolgreichsten alternativen Anbaumethode im „Dritten Reich“ machten.

demeter_mai_1939

Grasnarben des „Reichssportfeldes“ für die Olympischen Spiele 1936, Hitlers Garten am Obersalzberg und Fricks Landgut am Starnberger See  gehörten zu den prominenteren biodynamisch bewirtschafteten Flächen – neben Heilkräutergärten (nicht nur) in den KZs Ravensbrück und Dachau. Derlei kam zustande, obwohl der SD sowie Bormann und Heydrich aggressiv gegen die Anthroposophie vorgingen. Sie verhinderten etwa, dass Schwarz und sein Kollege Carl Rehmer ein biodynamisches Projekt in Auschwitz begleiten konnten. Indessen wurde unter Regie Rudi Peuckerts, kommissarischer Leiter des „Amtes Bauerntum und Ostland“, die biodynamische Methode in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten Osteuropas ausprobiert.

„Umfassendes Menschenbild“ ist das eine…

Das Interesse der meisten Nazifunktionäre an der biologisch-dynamischen Landwirtschaft war pragmatischer Natur, auch lässt sich Überzeugung und Opportunismus bei den Biodynamikern nicht immer sicher scheiden. Dem „Reichsverband“ der Landwirte traten einige Höfe nicht bei, die dann aber auch dessen Zerschlagung 1941 unbeschadet überstanden. Die Anthroposophie als alternativkulturelle Bewegung gehört zu den Opfern des NS-Regimes. In den KZs starben auch Steiner-Schüler jüdischer Herkunft, mit unglaublichem Hass kämpften rechte Steinergegner wie Jakob Wilhelm Hauer, Gregor Schwartz-Bostunitsch, die Ludendorffs und einige hochrangige Nazifunktionäre gegen die Anthroposophie. Anthroposophische Methoden fanden allerdings sehr wohl Interesse und einzelnen Anthroposophen und/oder Biodynamikern wie Georg Halbe (Unternehmer des „Blut und Boden-Verlags“) und Hans Merkel („Führer beim Stab des Rasse- und Siedlungshauptamts“) waren im „Dritten Reichs“ steile Karrieren möglich, während andere, wie Ernst von Hippel, die „Entjudung“ der Universitäten unterstützten oder (wie Jürgen von Grone oder die Zeitschrift „Demeter“) den Zweiten Weltkrieg enthusiastisch kommentierten. Es bleibt abwegig, im Stile Anna Bramwells durch eine „Steiner Connection“ schlicht Nazis zu Anthroposophen und Anthroposophen zu Nazis zu erklären (beides aber gab es): „Grüne“ Nazis und Biodynamiker rangen neben praktischen Fragen (wie der Knappeit von Kunstdünger nach dem Ersten Weltkrieg und während des Zweiten) eher beide um einen „ganzheitlichen“, integralen Ansatz, der Naturbelassenheit, kosmische und innere Harmonie förderte – für die Nazis war das essentiell mit der restlosen „Ausmerze“ der Juden verknüpft, während Anthroposophen die Evaluation „rassischer“ Defizite durch den Geist und eine spirituell-„christliche“ „Überwindung“ des Judentums postulierten.

Die Institutionalisierung, Professionalisierung und entsprechende Personenstärke des biodynamischen Landbaus verschwand weder 1941 mit dem offiziellen Verbot noch 1945. Die anthroposophischen Landwirte blieben ein gut aufgestelltes alternativkulturelles Segment und waren 1968 in den ersten Reihen zu finden (ob das ein Kompliment ist, darüber wäre ebenfalls zu streiten). Übrigens auch in den USA, wo biodynamische Kommunen zu den frühesten anthroposophischen Keimzellen gehörten. Diese Kontinuität ist aber in keiner Weise ein Zeugnis für ideologische Zusammenhanglosigkeit mit den Abgründen des 20. Jahrhunderts – wie bei keiner Partei, Ideologie, Gruppierung oder Weltanschauung: „Fascist ideals fostered research directions and lifestyle fashions that look strikingly like those we today might embrace.“ (Robert Proctor, The Nazi War on Cancer, Princeton 1999, S. 5). Das spricht offenbar nicht für die Nazis, sondern weist auf problematische Tendenzen grünlicher Ganzheitslehren damals wie heute hin. Hier ist auch für Anthroposophen – Vorsicht geboten. Auch die Anthroposophie muss sich am sog. „Zivilisationsbruch“ Auschwitz messen. (Vgl. Ralf Sonnenberg: Metahistorisches oder zeitunabhängiges Wissen?, in: ders.: Anthroposophie und Judentum, S. 24). Beide trafen sich in einem Punkt, dem Versuch, Menschen „ganzheitlich“ zu erfassen – ein Theorem, das heutige Vertreter der Anthroposophie, denen in  aller Regel freilich jede Apologie der Nazis fernliegt, heute gern als besonders „zeitgemäß“ vor sich her tragen. Bei unserem Trio heißt es zum Beispiel:

„Der zukunftsweisende Ansatz Rudolf Steiners, auf der Grundlage eines umfassenden Menschenbildes zu erziehen, welches in den heutigen Wissenschaften nicht mehr zu finden ist, kommt bei den Referenten nicht zur Sprache.“

…völkischer Idealismus das andere…

Wichtig an diesem Satz scheinen mir die zwei Worte „nicht mehr“: In der Tat ist dieser Anspruch in den heutigen Wissenschaften glücklicherweise meist als Ideologie enttarnt und „nicht mehr zu finden“ – zumindest idealiter:  Hirnforscher und frenetische Neoatheisten vom Geisteszustand eines Dawkins, übereifrige Kinderpädagogen und sonstige allzu „grüne“ „Wissenschaftler“ suchen in der Tat noch nach biologistischen oder ganzheitlichen Allerklärungsmodellen. Die integrale Erfassung des Menschen, zur der im Einzelfall auch Ökologie und Spiritualität gehören konnte, ist keine Neuerung Steiners, sondern eine der verbreitetsten Tendenzen esoterischer, (neu-)romantischer, lebensreformerischer und völkischer Systeme damals wie heute. Dies ist (und auch das muss gesagt werden) nicht allen heutigen Anthroposophen entgangen. In dieser Hinsicht lässt sich auch eine Äußerung Bodo von Platos (Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft) verstehen, aus der Erfahrung eines existenziellen „Bruchs“ der Moderne resultiere eine „anthropologische Disposition, die für die Anthroposophie wie auch für den Nationalsozialismus – ja für alle Systeme oder Versuche, die den Menschen als Ganzen ansprechen, beanspruchen oder verstehen wollen – von Bedeutung“ sei. (Bodo von Plato, in: Podiumsgespräch: Anthroposophie in der Zeit des Nationalsozialismus, Anthroposophie weltweit. Mitteilungen Deutschland, Sonderheft (2011), S. 18) „Die Anthroposophie“, so von Plato, der freilich den Nationalsozialismus für das nicht integrierbare Gegenbild der Anthroposophie hält, „fordert den ganzen Menschen, so wie auch totalitäre Systeme wie der Nationalsozialismus das tun.“ Dies trifft den Nagel auf den Kopf.

„Diese Komponenten einer Ideologie, die sich selbst ‚völkisch‘ nannte, stellten die Grundlage einer Denkweise und Lebenseinstellung dar, die dann in der Entwicklung des modernen Deutschland eine ungeheure Wichtigkeit erlangen sollte … Das romantische Gedankengut sollte eine Alternative zu Fortschritt und der sich entwickelnden industrialisierten, städtischen Gesellschaft sein, die den Menschen seines individuellen, kreativen Seins zu berauben drohten, da sie ihn von seiner alten sozialen Ordnung trennten … Völkisches Denken gab diesem sozialen Gerüst durch die Kraft des Volkes neues Leben. Gleichzeitig wurde die Möglichkeit der individuellen Selbstverwirklichung wiederbelebt, weil das Individuum zu einem Teil des kreativen Prozesses einer höheren Lebenskraft gemacht wurde … Diese Verbundenheit mit etwas größerem als dem eigenen Selbst wurde als notwendige Voraussetzung für das persönliche Wohlergehen verstanden. Die Verwurzelung in beidem, der Natur … und der geschichtlichen Entwicklung des Volkes, wurde als der regenierungsfähige natürliche Zustand des Menschen betrachtet, der das Individuum zu einem schöpferischen Wesen machte.“ (George L. Mosse: Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Die völkischen Ursprünge des Nationalsozialismus, München 1979, S. 25)

Zu den Eigenheiten völkischer Denker gehörte eine Legierung von Idealismus, Individualismus und Nationalismus, etwa bei Paul de Lagarde, für Steiner „einer der deutschesten Geister“, der „materialistische“ Bluts- Volkskonzepte überwunden habe und so „das Wesen der Deutschheit an seiner Wurzel“ greifen konnte. (GA 64, S. 224f.) Lagardes „Prophet“ (Mosse) Julius Langbehn schrieb in seinem immer wieder auch von Steiner empfohlenen Pamphlet „Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen“ (7. Auflage, 1888): „Die treibende Grund- und Urkraft alles Deutschthums heißt: Individualismus.“ Bei Steiner las sich das: „Darin besteht das konkret Nationale deutschen Wesens, dass es durch das Nationale über die Nation hinausgetrieben wird in das allgemeine Menschentum hinein.” (GA 174a, 72) Den kosmischen Platz des „Volkes“ für die Völkischen nahm für ihn freilich jenes „Allgemeine Menschentum“ ein, das die Anthroposophie darstellte:

„Heilsam ist nur, wenn
Im Spiegel der Menschenseele
Sich bildet die ganze Gemeinschaft
Und in der Gemeinschaft
Lebet der Einzelseele Kraft.“ (GA 40, 298)

Dieses „Wahrspruchwort“ ist für Anthroposophen m.W. nach wie vor eine der gängigen Vorstellung von idealer Gemeinschaftsbildung. Das sei ihnen unbenommen. Betrachtet man die historischen Kontexte solcher Vorstellungen und liest man Steiner im Wortlaut nach, ist diese „Forderung des ganzen Menschen“ ein Grund, autoritäre, dogmatische, „ganzheitliche“ Versuche aus anthroposophischen Reihen sehr genau zu beobachten.

… und Aufarbeitung ein drittes

Nimmt die Anthroposophie die kritische Reflexion auf diese Tendenz nicht auf, stellt sie sich der Beschäftigung mit ihren mannigfaltigen historischen Verwicklungen und Engagements nicht, ist eine ablehnende Position m.E. die einzig legitime. Steiner selbst, das ist ihm gegenüber seinen bewusstlos überzeugten Anhängern von heute zuzugestehen, hat dem Individuum letztlich ab einer bedeutenden und kaum berücksichtigten Stelle die Priorität zugesprochen. Der Eintritt in die Clairvoyance zerbrach jede Rückbindung an einen diffusen Abgrund der „Gemeinschaft“, weil die „Hüter der Schwelle“ radikale Eigenverantwortung verlangten (vgl. GA 10, 196). Mosse hat so an anderer Stelle durchaus zutreffend feststellen können, dass Steiners Theosophie einen „neuen Humanismus“ trug, „Spiritualismus mit Freiheit und Universalismus“ verband. (Mosse: Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a.M. 1990, S. 119) Anstelle dessen ist jedoch unter nicht wenigen Anthroposophen die Lektüre und immer-wieder-Lektüre von Steinertexten getreten. “Das kritische Verhalten erschöpft sich im andächtigen Deuten auf den [Steinerschen] Appell, nichts unkritisch hinzunehmen.” (Taja Gut: Wie hast du’s mit der Anthroposophie?, Dornach 2010, S. 22). Diese Haltung würde selbst an Steiners Konzeption „der Schwelle“ scheitern.

Michael Mentzel ist, um das klarzustellen, keineswegs an den Verlautbarungen unsers Autorentrios Schuld, die ihm wahrscheinlich einfach nur gut gefallen haben. Kilthau/Schamell/Peuckert haben in ihrer Lobpreisung des „umfassenden Menschenbildes“ sicher keine Rehabilitierung von Steiners individualistischen Kollektivismen und Nationalismen geplant (die sie als solche aber zweifellos auch nicht wahrnehmen wollen würden). Die Verbindungen von Biodynamik, Nationalsozialismus und völkischer Bewegung sind ihnen womöglich einfach unbekannt und der Verweis auf die „Grünen“ rührt aus einer postmaterialistisch-bürgerlichen Überzeugung, die genauso fern von faschistischer Agitation steht wie die jedes anderen braven deutschen Bürgers. Das Problem ist, dass sie die kritische Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit, die unter Anthroposophen weiterhin eine Rarität ist, den Kritikern vorwerfen, die sich ihrer annehmen. Ob die Falschdarstellung des Abends Absicht, selektive Empörung, schlichtes Unverständnis der gefallenen Argumente oder irgendetwas anderes zur Ursache hat, kann ich natürlich nicht feststellen. Feststellen durfte ich dafür, dass ich meine Aussagen an jenem Abend wohl viel schärfer, eindeutiger und kritischer hätte halten müssen. Wenn solche Verlautbarungen wie die zitierten dem Geschäftsführer der Frankfurter Anthroposophischen Gesellschaft und einem Zuständigen der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit unterlaufen, ist unter Feld-, Wald- und Wiesenanthroposophen wohl nicht viel mehr an historischer Besonnenheit zu erwarten.

Mehr als ein Silberstreif in diesem Zusammenhang ist übrigens eine unter anderem auch vom Frankfurter Arbeitszentrum der Anthroposophischen Gesellschaft finanzierte, aber unveröffentlichte „Geschichte der Wissenschaftsästhetik“, die wir der Historikerin Merle Ranft verdanken. Sie macht, und das könnten dann gewisse „Steinerkritiker“ lernen, deutlich, wie unnütz es wäre, die epistemischen Grundsätze der Anthroposophie pathologisierend, ridikülisierend, exotisierend oder sonstwie als schlechthin „irrational“ abzuspalten. Vielmehr seien, „die Geisteswissenschaften … aufgerufen und herausgefordert“, „die Aufklärung im Sinne einer reflexiven Aufklärung kritisch weiterzuentwickeln und auch ihre ästhetischen Gegenwelten zu bedenken.“ (Ranft: Die Geschichte der Wissenschaftsästhetik. Eine Analyse von Methode und Möglichkeit moderner Geisteswissenschaften, Manuskript, Frankfurt a.M., 2013, S. 65). Dass Historiker offenbar mehr mit der Anthroposophie als Anthroposophen mit der Geschichte anfangen können, gehört wohl zu den Mysterien der Geheimwissenschaft.

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Sinn und Sinnlichkeit: Sergej Prokofieff, Judith von Halle und das „Volkstümlich-Mondhafte“ Die Mystik im Aufgang: Christian Clement liest Steiners esoterische Konversionsbiographie neu

2 Kommentare Add your own

  • […] irgendeinen Unsinn herbeizuzerren, ist leider typisch für “Themen der Zeit” (vgl. Entwicklungsrichtung Anthroposophie, Mentzels Traum, Die unendliche Geschichte), aber längst nicht nur: Genauso läuft die […]

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  • […] EU und Ukraine, Friedrich Hiebel und die Waldorfschulen in der NS-Zeit, Michael Mentzel bestätigt, Entwicklungsrichtung Anthroposophie, Die unendliche Geschichte, Mentzels […]

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

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