Schwierigkeiten und Chancen einer Vermittlung von Philosophie und Anthroposophie im Werk Rudolf Steiners

22. Oktober 2013 at 10:01 pm 6 Kommentare

von Hartmut Traub

Am 7. Oktober 2013 fand an der Alanus-Hochschule Bonn/Alfter ein Kolloquium „Die Anthroposophie seit 1925. Entwicklung und Transformationen“ statt. Neben Marcelo da Veiga („Zum Verhältnis von Inhalt und Methode in der Anthroposophie“), Helmut Zander („Wie kann man mit Rudolf Steiner sprechen? Transformationsprozesse der Anthroposophie nach Steiners Tod“) und David Marc Hoffmann („Zur Problematik der Lagerbildung im Umgang mit der Anthroposophie“) sprach Hartmut Traub über die philosophischen Frühschriften Steiners, deren Überstrapazierung durch anthroposophische Interpreten und die Möglichkeiten, die Anthroposophie aus dem idealistischen und existenzialistischen Duktus des Steinerschen Frühwerks herzuleiten.

Einleitung: Das „Alleinstellungsmerkmal“ der Frühschriften

Am 27. März 1895 erhält Rudolf Steiner einen Brief von Ernst Haeckel, in dem ihm der berühmte Biologieprofessor aus Jena folgendes mitteilt:

„Hochgeehrter Herr Doktor, bevor sich Magnifizenz der hiesigen Universität sowie der zuständige Minister unseres Landes mit einem formalen Schreiben an Sie wenden, ergreife ich vorab die Gelegenheit einer Mitteilung an Sie und komme ohne weiter Erklärung der näheren Umstände sogleich zum Kern der Sache. Das Kollegium der philosophischen Fakultät der Universität Jena erwägt nach dem Abgange des Kollegen Julius Lange nach Kiel die Vakanz seiner Professur durch Sie zu ersetzten. Ihre kürzlich erschienene Philosophie der Freiheit sowie Ihre zahlreichen anderen Schriften philosophischen Inhalts haben die Fakultät von der Originalität Ihrer Philosophie überzeugt und diese Arbeiten als formale Erfüllung der Berufungsvoraussetzungen anerkannt. Dass ich – nach unseren Gesprächen während meines sechzigsten Geburtstags, bei dem Sie die Güte hatten, anwesend zu sein – an der Entscheidungsfindung der Fakultät nicht ganz unbeteiligt war, können Sie sich denken. Darüber aber, lieber Steiner, Stillschweigen. Rechnen Sie also in Kürze mit Ihrer Berufung nach Jena.

Ich beglückwünsche Sie zur Erfüllung dieses, Ihres Herzenswunsches. Endlich ist es Ihnen vergönnt, – wie Sie einmal so schön sagten – ‚im heiteren Himmel der reinen philosophischen Lehrtätigkeit fliegen zu können‘. Ich freue mich auf die gemeinsame Arbeit an der Sache des Monismus, die uns beiden ja so am Herzen liegt.

Hochachtungsvoll, Ihr ergebener Ernst Haeckel.

Jena, 27. März 1895“

Im Wintersemester 1895/96 tritt Steiner dann die Professur für Moderne Philosophie und Weltanschauungsfragen in Jena an und liest dort über die Grundlagen der Erkenntnistheorie sowie über das Thema Pessimismus und Optimismus. Steiner hat endlich das Ziel seiner schriftstellerischen Bemühungen erreicht.

So hätte es kommen können. Und ganz unwahrscheinlich wäre es nicht gewesen, wenn es so gekommen wäre. Jedoch: Haeckels Brief gab es nicht, und auch Steiners Berufung nach Jena erfolgte – zu seiner Enttäuschung – leider nicht. Der Flug „in den heiteren Himmel philosophischer Lehrtätigkeit“ fiel aus. Ob zu Steiners Glück oder Unglück, das war damals noch nicht abzusehen.

Was lehrt uns dieses Gedankenexperiment?

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Philosophie und Anthroposophie. Zu Hartmut Traubs Steiner-Exegese (Rezension)

Hartmut TraubDr. Hartmut Traub ist Studiendirektor am Seminar für schulpraktische Lehrerbildung in Essen und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft. Promotion über Fichtes Populärphilosophie und Herausgeber u.a. des Briefwechsels zwischen Schelling und Fichte, der Fichte-Studien und der Fichte-Studien Supplementa. Lehraufträge in Philosophie und Philosophie-Didaktik an der Mercator Universität Duisburg, der Universität Duisburg/Essen und der Alanus-Hochschule Alfter.

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6 Kommentare Add your own

  • 1. Hildrun Rolff  |  23. Oktober 2013 um 10:19 pm

    Danke, dass das hier noch einmal in Ruhe nachlesbar gemacht wird!

    Antwort
  • 2. Rainer Herzog  |  26. Oktober 2013 um 7:00 am

    Es gibt interessanterweise bereits einen (anthrop.) Autoren, der das philosophische Frühwerk Steiners kritisch erforscht und der (so wie ich es beurteilen kann) in „der Szene“ nie so richtig wahrgenommen und entsprechend gewürdigt wurde: Michael Muschalle.

    http://www.studienzuranthroposophie.de/Forsch.html

    Antwort
  • 3. In need of a bugfix release | feetonmiddleground  |  2. Dezember 2013 um 8:13 pm

    […] Hartmut Traub is a German philosopher who has worked very thoroughly with Steiner’s early books, before Steiner’s conversion to Theosophy, several entries at Martins’ blog provide an easy access to his work on Steiner, e.g. https://waldorfblog.wordpress.com/2012/10/23/steiner-und-spinoza/ and https://waldorfblog.wordpress.com/2013/10/22/traub3/ […]

    Antwort
  • […] Schwierigkeiten und Chancen einer Vermittlung von Philosophie und Anthroposophie im Werk Rudolf Stei… (Hartmut Traub) […]

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  • […] Kant, Fichte, Schelling und Hegel dabei eher genannt als konkret mit Steiner abgeglichen zu werden. Hartmut Traub, der Steiners philosophische “Frühwerke” überzeugend auf Fichte zurückgeführt hat, […]

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  • […] Hartmut Traub: Schwierigkeiten der Vermittlung von Philosophie und Anthroposophie im Werk Rudolf Steiners […]

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

Kommentare

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