Diesseits von Apartheid und Anthroposophie: Waldorf in Südafrika – eine Diskussion mit Eric Hurner

5. September 2016 at 9:59 pm 6 Kommentare

„Unsere Bewegung ging von Holländern und Engländern und nicht von Deutschen aus, zu einer Zeit wo man nicht gerade gut auf Deutschland zu sprechen war. Wir hatten während der ersten zwanzig Jahre ihres Aufbaus wenig Kontakt zu Deutschland und der Schweiz und fast gar nicht zu den Waldorfschulen. Ich habe einmal in unserem Kollegium während einer Sitzung erlebt wie jemand die Überlegenheit der deutschen Sprache und die Unmöglichkeit, Rudolf Steiner in einer anderen Sprache zu verstehen stark vertrat, und eine amerikanische Kollegin dazu nur laut ‚Sieg Heil‘, rief. Es gab keinen Einwand, denn der Auftritt des Deutschen schien uns völlig daneben. Ich habe mich immer als südafrikanischer Waldorflehrer, der für allgemeine demokratische Rechte eintrat, gehalten, und nie für den Träger einer ‚mitteleuropäischen Kulturmission‘. Ich kann mir kaum vorstellen welche Kollegen das anders empfunden hätten.“

Die Waldorfbewegung Südafrikas ist in Deutschland hauptsächlich für ihren Kampf gegen die Apartheid bekannt geworden – nicht nur diese Vorstellung entlarvt der Anthroposoph Eric Hurner, der in dieser Bewegung groß wurde, als europäischen Mythos. „Keine der Schulen stand jemals in gesetzlichem Konflikt mit der Apartheids-Regierung oder südafrikanischen Regierung.“ Dem Gerücht setzt er eine umsichtige Schilderung der höchst unterschiedlichen Einrichtungen und Strömungen nicht nur in der südafrikanischen Waldorfbewegung entgegen. Er hält dabei an der eindeutig rassismuskritischen Praxis ihrer Institutionen fest, schildert diese jedoch aus ungewöhnlicher Perspektive: Sie sei weniger im Kontext deutsch-anthroposophischer Weltmissions-Vorstellungen zu verstehen als aus dem pragmatischeren Geist einer englischsprachigen Waldorfpädagogik. „Der eigentliche Kampf war ein pädagogischer und kein politischer.“ Neben vielen anderen Einzelheiten ergänzt Hurner das Bild des wegen seiner vormaligen Unterstützung der Apartheid umstrittenen Waldorfpädagogen Max Stibbe, der später zu einer prägenden Gestalt der südafrikanischen Szene wurde. Das Gespräch zeigt einmal mehr, dass sich die komplizierte globale Geschichte der Anthroposophie höchstens eingeschränkt aus ihrem Gründungsimpuls verstehen lässt, weil sie konkret mit dem gesellschaftlichen, politischen und – in diesem Fall – pädagogischen Handgemenge vor Ort zusammenhängt.[1]


Zur Diskussion (PDF)


[1] Siehe dazu ausführlich Eric Hurner: Kultureller Rassismus und Anthroposophie. Die Integration der südafrikanischen Waldorfschulen, Rendsburg 2016.

hurner

Eric Hurner (Foto: Privat)

Zur außerdeutschen Entwicklung der Anthroposophie siehe auch:

Waldorf in Taiwan

Eklektik, Kitsch und Karma: Steiner-Ausstellung in Tokyo

Anthroposophie und Antisemitismus in Norwegen

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Entry filed under: Apartheid, Claartje Wijnbergh, Eric Hurner, Karl König, Literarisches, Max Stibbe, Südafrika.

Anthroposophie und Antisemitismus in Norwegen Vidars Gefolgschaft: Antisemitismus in der norwegischen Anthroposophie. Ein Interview mit Prof. Jan-Erik Ebbestad Hansen

6 Kommentare Add your own

  • 1. Andreas Lichte  |  6. September 2016 um 4:36 pm

    @ Ansgar Martins

    können Sie Eric Hurner vielleicht von mir eine Frage ausrichten? Diese:

    Bin ich ein „Neger“, weil ich das Gedicht, unten, in meiner Diplomarbeit zitiert habe?

    „Kind und Buch

    (…)

    Möchte gern spielen und springen herum,
    Und bleibst du immer so stumm und dumm?
    Geh, garstiges Buch, du ärgerst mich,
    Dort in die Ecke werf‘ ich dich.“

    Wilhelm Hey (1789-1854)

    Antwort
  • 2. Eric Hurner  |  16. September 2016 um 10:19 am

    Ich denk eher nicht. Dazu hätten Sie mir zumindest eine Morddrohung zukommen lassen müssen. 🙂

    Antwort
    • 3. Andreas Lichte  |  16. September 2016 um 9:18 pm

      Mein Kommentar, oben, bezieht sich auf folgende Textstelle in der Diskussion von Ansgar Martins mit Eric Hurner, Seite 8 und 9:

      „Ansgar Martins: (…) Ein Jahr früher konnte man im deutschsprachigen anthroposophischen Zentralblatt „Das Goetheanum“ über südafrikanische „Waldorfimpulse“ lesen: „Hoffen wir, daß es gelingt, die Herzenskräfte der schwarzen Rasse mit den Haupteskräften der weißen in unserem anthroposophischen, pädagogischen Impuls zu verbinden.“ Das stammte von Claartje Wijnbergh (…)

      Eric Hurner: (…) Die Ausdrucksweise von Claartje Wijnbergh, die liebste Kollegin mit der ich je gearbeitet habe, kenne ich gut und kann bestätigen, dass sie diese Formulierungen durchaus auch in Situationen brauchte, wo wir alle zusammen, Weiße und Schwarze, uns miteinander unterhielten. Ich glaube nicht, dass jemand sich vor den Kopf gestoßen fühlte. Praktisch sah das etwa so aus: Man kehrte von einer Lehrertagung zurück und eine rief in den Raum: „Wie könnt ihr Weißen stundenlang regungslos solche Vorträge anhören? Das ist doch voll anstrengend.

      „Nun ja, das ist eine Frage der Gewohnheit. Was meint ihr, sollten wir denn besser tun?“

      „Na, tanzen, singen, etwas lernen – ich weiß es nicht…“

      Wer ist denn da der Herzens- und wer der Kopfmensch? Versucht man es wissenschaftlich zu greifen, hinkt der Vergleich an allen Stellen. Es gibt selbstverständlich jede Menge Schwarze, die sich problemlos anderthalb Stunden Vorträge weltweit in Hörsälen anhören können, und solche die die ewige Tänzerei und Gospelsongs lästig finden. Auch ich habe mich aber ohne Vorbehalt an solchen Diskussionen beteiligt als Vergleichsmöglichkeit über unsere verschiedenen Kulturen. Es war die Art wie wir miteinander offen sprechen lernten und wurde niemals als Beleidigung oder Rassismus angesehen. (…)“

      Eric Hurner lebt in rassistischen Stereotypen.

      Wenn ich – durch das Gedicht von Wilhelm Hey – sage, dass ich gern spielen und herumspringen, und kein Buch lesen möchte, dann erkläre ich mich – mit den rassistischen Augen Eric Hurners gesehen – selber zum „Neger“ …

  • 4. Gertrud Kiefer-Volkert  |  28. September 2016 um 2:30 pm

    Auf der Südhalbkugel ist auch der Sternenhimmel ein anderer, ein Gedanke, der mich als Kind fasziniert hat – ein Himmel, den ich selber noch nicht gesehen habe und so bleibe ich notwendigerweise bei dem, was diejenigen berichten, die ihn erlebt haben.

    Zur globalen Waldorfdebatte ist sicher auch die Dissertation von Jonas Bach interessant: „Die Waldorfpädagogik als Erziehung zur Freiheit – ein Dialog zwischen Paolo Freire und Rudolf Steiner“

    Darin sind politische Positionen bewusst gegeneinander gestellt: Paolo Freire als Vertreter einer in Südamerika einflussreichen linken pädagogischen Bewegung und dem politisch rechts stehenden Rudolf Steiner mit seiner deutschen Mission.
    Beide, Freire und Steiner, reklamieren den Begriff „Freiheit“ für sich – sicher ein interessanter Aspekt für den internationalen Diskurs in der Pädagogik.

    Antwort
    • 5. Andreas Lichte  |  28. September 2016 um 4:34 pm

      @ Gertrud Kiefer-Volkert

      Sie schreiben: „Auf der Südhalbkugel ist auch der Sternenhimmel ein anderer …“

      Anders ist der Ausschnitt des Himmels, den man sieht. Die Sterne sind immer die gleichen Sterne, Sirius bleibt Sirius.

      Genauso sehe ich den Menschen: ein Mensch bleibt ein Mensch.

      Rassismus sucht nach Unterschieden, die nicht da sind, Zitat Eric Hurner: „Wer ist denn da der Herzens- und wer der Kopfmensch?“

      Das beste Statement, das ich zu vermeintlichen Unterschieden kenne:

      “There are many humorous things in the world, among them the white man’s notion that he is less savage than the other savages.”

      [ Es gibt viele spaßige Dinge in der Welt; eines davon ist die Vorstellung des weißen Mannes, daß er weniger wild ist als die anderen Wilden. ]

      Mark Twain, Zitat aus: “Following the Equator”, 1897

    • 6. Andreas Lichte  |  29. September 2016 um 8:58 am

      „Freiheit“

      woher soll die „Freiheit“ der Anthroposophie kommen, wenn sie Menschen in Schubladen sperrt?

      Die grösste und bösartigste Schublade ist der sich bei Eric Hurner ausdrückende anthroposophische Rassismus.

      Aber auch die Waldorfpädagogik schliesst Freiheit aus. Ein Auszug aus meinem Interview mit Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien:

      „Man kann nicht nur ein ‘bisschen’ Waldorf sein“

      (…)

      Lichte: Die Waldorfschulen werben damit, Kinder „individuell“ zu fördern. Sehen Sie hier einen Widerspruch zu der in der Waldorfpädagogik verbindlichen „Jahrsiebtelehre“ (Rudolf Steiners esoterische Einteilung der Individualentwicklung des Menschen in Abschnitte von 7 Jahren)?

      Hopmann: Waldorfschulen wollen nicht im allgemein üblichen Sinne „individualisieren“, d.h. die je einzigartige Persönlichkeit eines Kindes achten. Vielmehr werden entsprechend den Waldorflehren die Kinder unterschiedlichen Charaktertypen, Entwicklungsstufen, Seeleneigenschaften usw. zugeordnet, denen sich dann die jeweilige pädagogische Behandlung unterordnen soll. Gehörst du zum Typ A, richtet sich die Behandlung nach Verfahren B usw. Man kann das recht gut kennenlernen, wenn man sich ansieht, wie Rudolf Steiner selbst in seinen Lehrerkonferenzen Einzelfälle analysierte. Es ging ihm nicht um konkrete Individuen, sondern darum, jedes Kind in eine anthroposophische Kategorie zu pressen.

      (…)“

      zum vollständigen Interview mit Prof. Hopmann: http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-„man-kann-nicht-nur-ein-»bisschen«-waldorf-sein“/30117

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

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