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Hinter dem Mond hervor. Waldorfbund warnt die Schulen vor politischen Demagogen

Endlich: Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ hat sich in einem Schreiben an die Kollegien aller deutschen Schulen mit einer begrüßenswerten Klarheit gegen rechte Tendenzen ausgesprochen – Tendenzen im eigenen Umfeld. Der auf den 10. Juli 2015 datierte Brief wird auch von der Anthroposophie-nahen Nachrichtenagentur nna sowie auf der Seite der Waldorf-Verbandszeitschrift „Erziehungskunst“ paraphrasiert. Henning Kullak-Ublick, der die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Waldorfbundes leitet, schreibt unter anderem:

„Im vergangenen Schuljahr hat es mindestens fünf Vorfälle an deutschen Waldorfschulen gegeben, die es wegen ihrer Nähe zur rechtsextremen oder „reichsbürgerlichen“ Szene in die Presse geschafft haben. Das erfüllt uns mit Sorge und wir möchten Sie daher nachdrücklich bitten, unsere pädagogische und gesellschaftliche Verantwortung nicht im Namen eines vermeintlichen „freien Geisteslebens“ zu konterkarieren, das mit der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffes gar nichts, mit Demagogie aber sehr viel zu tun hat. Wenn Sie bezüglich eines Redners unsicher sind, hilft oft schon ein Blick ins Internet. Nicht alles, was man dort findet, stimmt, aber Quellenkritik gehört zu den Basiskompetenzen unserer Zeit – und sollte auch unseren Schülerinnen und Schülern beizeiten vermittelt werden.“

Hier schwingt ein sarkastischer Ton mit, wenn die Waldorfpädagogen etwa darauf hingewiesen werden, dass man sich auch im Internet informieren könne. Das Alarmierende ist, dass dieser Hinweis tatsächlich nötig zu sein scheint. Andreas Molau, inzwischen Aussteiger aus der rechten Szene, konnte etwa rückblickend berichten, wie leicht es war, als NPD-Kader an einer der Schulen unterzukommen: „Dann bin ich zur Waldorfschule gegangen, was nur funktioniert hat, weil die so herrlich hinter dem Mond gelebt haben. Die hatten überhaupt keine Ahnung. Ich bin da einfach hingefahren, habe gesagt, ich habe Deutsch und Geschichte studiert und möchte Lehrer werden und finde Waldorfschulen toll.“ Hinter dem Mond will Kullak-Ublick die Schulen hervorholen: Später im Schreiben wird explizit auf Mängel im Politik- und Wirtschaftsunterricht hingewiesen, der „Bund“ fordert hier Verbesserungen. Konkret an konspirationsideologischen Kontakten benannt werden Kilez More und Ken Jebsen, denen kürzlich die Schülermitverwaltung der Waldorfschule Filstal ein Forum bieten wollte. Dieses Ereignis dürfte auch den unmittelbaren Anlass für das Schreiben dargestellt haben. In dem Brief wird eine wichtige Schnittstelle rechts-anthroposophischer und mode-verschwörungstheoretischer Denkhaltung getroffen: Das „Freie Geistesleben“ Steiners lässt sich platt enthistorisiert als Gegensphäre zur „Lügenpresse“, den „Mainstream-Medien“ mit ihren „US-Lakaien“ und den ganzen anderen politisch simplifizierenden Paranoia deuten. In der Tat hat der „Bund“ derartigem schon vor einigen Monaten eine Absage erteilt, wie auch das Schreiben programmatisch anführt:

„Mit unserer Publikation zu der „Reichsbürger“-Bewegung haben wir vor einem halben Jahr bereits auf die Gefahr von Verschwörungstheorien hingewiesen, die gerade auf junge Menschen oft verführerisch wirken, weil sie einfache Antworten für komplexe Zusammenhänge bereithalten. Verschwörungstheorien leben von Zirkelschlüssen, denen man, wenn man ihnen einmal verfallen ist, nur schwer wieder entkommt. Dass sie oft dem rechten Spektrum angehören, zeigt das ebenso typische wie immer wiederkehrende Beispiel des so genannten „Weltjudentums“, dem über die Kontrolle der Finanzmärkte die heimliche Weltregierung zugeschrieben wird. Von dort bis zum Antisemitismus ist es nicht weit. Es gehört zu unserer pädagogischen Verantwortung, junge Menschen aufzuklären und urteilsfähig zu machen, nicht aber, unsere Schulen zu Plattformen für die Verbreitung solcher Ideologeme zu machen.“

Dem kann man sich weitgehend anschließen, und auch wenn die Verbindung von Antisemitismus und Verschwörungstheorie hier unklar bleibt, weist Kullak-Ublick zutreffend auf den alarmierenden Gleichklang dieser Denkmuster hin. Auf die historische Konvergenz beider Motive im anthroposophischen Umfeld  geht der Brief nicht ein. Waldorf-Kontakte nach rechts erscheinen bloß als Produkte von Desinformiertheit und politischer Verführung (was sie sicher auch sind). Den angeschriebenen LehrerInnen jedenfalls wird eine positive Grundhaltung bescheinigt:

„Beim Verfassen dieses Briefes ist uns wohl bewusst, dass er bei den meisten von Ihnen „Eulen nach Athen“ trägt. Dennoch ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass Waldorfschulen eine gewisse Anziehungskraft auf Menschen auszuüben scheinen, die dem rechten oder verschwörungstheoretischen Spektrum angehören. Das erfordert eine gesteigerte Wachheit und klare Begriffsbildung, weil die Grenzen oft fließend, die Protagonisten Sympathieträger und Teilwahrheiten schwerer zu durchschauen sind als offensichtliche Irrtümer oder Lügen. Insofern möchten wir auch am Ende dieses Briefes noch einmal auf die Notwendigkeit eines qualifizierten Gesellschafts- und Wirtschaftsunterrichtes hinweisen, der die Schülerinnen und Schüler befähigt, sich auf der Grundlage belastbarer Kenntnisse bewusst mit der Zeit, in der sie leben, auseinanderzusetzen.“

Dem andernorts beginnenden anthroposophischen Geschichtsbewusstsein (vgl. Die Scheidung der Geister) kann man die ideenpolitische Kehrtwende des „Bundes“ nur bedingt zuschreiben. „Seit einiger Zeit“ ist beispielsweise eine äußert euphemistische Betrachtung – bedenkt man, dass zu den Waldorfeltern erster Stunde Anthroposophen wie der Rassenkundler Richard Karutz gehörten. Letzterer forderte 1923 nach der Ruhrgebietsbesetzung die Abschaffung des Französischunterrichts, Steiner dagegen betonte, die überlebte, hohle Sprache der degenerierten Franzosen werde schon noch von allein verschwinden. Politisches Kontinuum der Anthroposophie – der ihre wechselnden Anbiederungen und Teilverschmelzungen mit Lebensreform, NS, 68ern oder der neuen völkischen Bewegung zu einem guten Teil mitprägt – ist der Hass auf „den Westen“, der von okkulten schwarzmagischen Logen beherrscht wird und für „den Materialismus“ steht, ein jüngeres Beispiel dafür wird unten diskutiert.

Es ist offensichtlich, dass die neue Haltung des Waldorfbundes kaum aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erwächst, sondern in erster Linie eine Reaktion auf die politische Gegenwart darstellt. „Reichsbürger“, Verschwörungsfans, Pegidisten, „besorgte Bürger“ aller Fraktionen sind in der deutschen Öffentlichkeit derzeit stark präsent und werden öfter kritisch thematisiert. Unter diesen Vorzeichen steht auch die waldorfinterne Debatte. Deren Kritiker haben freilich seit den 90er Jahren darauf hingewiesen, dass rechtslastige Neigungen von Waldorflehrern öfter vorkamen. „Lauter Einzelfälle“ nannte Peter Bierl die Einleitung seines Buches „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister“. In den letzten Jahrzehnten hat der „Bund“ aber anscheinend keine Probleme gesehen.

Trotz der weitgehend fehlenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist die neue Intention jedoch zweifellos unterstützenswert. Es geht in der Tat um Kinder und Jugendliche, die man vor Unsinn beschützen sollte. Dieses Ansinnen aber fällt fatal auf die Waldorfbewegung zurück, wie Andreas Lichte nach dem Vorfall in Minden kommentiert hat: „‚Rechter‘ Waldorflehrer muss gehen, Rudolf Steiner bleibt“. Lichte weist auf Steiners Rassetheorien hin – wie in allen seinen Artikeln, während die antiamerikanischen und verschwörungshysterischen Ideologeme kaum einmal und niemals mit der Wichtigkeit vorkommen, die sie auch im heutigen anthroposophischen Diskurs (im Gegensatz zu den Rassetheorien) faktisch haben.

„Medusenartige Tabus“, oder: „Ukraine, Israel, ISIS, TTIP“

Obwohl dieses Thema hier in letzter Zeit sehr oft zur Sprache kam, muss man festhalten: Es wird allgemein unterschätzt, welche Bedeutung konspirationstheoretische Motive in der anthroposophischen Geschichte hatten – Von Steiner zu Steffen, von Büchenbacher zu Beuys, von Wachsmuth zur Renate Riemeck usw. usf. In der Zeit des Nationalsozialismus waren auch die Waldorfschulen vielfach mit verschwörungstheoretischen Vorwürfen konfrontiert und reagierten darauf charakteristisch. Ein Beispiel hat die Historikerin Karen Priestman dokumentiert: Ende 1933 hielt ein NSDAP-Mitglied A. Schönthal in Stuttgart einen aggressiven Vortrag gegen die Waldorfschulen (mit den alten Vorwürfen: Nähe zum Marxismus, Steiner sei Jude, Freimaurerei) und bezog sich auf die mächtige Weltverschwörung. Ihm antwortete ein Stuttgarter Waldorflehrer Dr. Emmert aus anthroposophischer Perspektive: “While Emmert conceded that there were dangerous secret societies in existence, he rejected Schonthals claims that the Anthroposophy Society was one of them.” (vgl. Waldorfschulen 1933-1945) Das ist die Ironie der anthroposophischen Politik. Für die Hetze gegen Freimaurer, Jesuiten und Okkultisten stets aufgeschlossen, übernahmen Anthroposophen stets Muster, mit denen zugleich sie selbst diffamiert wurden.

Die anthroposophischen Verschwörungstheoretiker unserer Tage mögen jede Form des Faschismus für dämonisch inspiriert halten, bedienen sich aber nach wie vor politischer Denkmuster, die mit denen völkischer Strömungen unmittelbar korrespondieren. So ist es zwar begrüßenswert, wenn Kullak-Ublick sich für brauchbaren Politik- und Wirtschaftsunterricht ausspricht und schreibt: „Aus gegebenem Anlass möchten wir Sie allerdings mit einiger Sorge darauf hinweisen, dass bei der Einladung von Gästen, die mit den Schülerinnen und Schülern an diesen Themen arbeiten, darauf zu achten ist, dass man sich nicht irgendwelche Verschwörungstheoretiker ins Haus holt – oder Schülern unreflektiert gestattet, dies zu tun.“ Ein Programm der Nicht-Einladung solcher Gäste übersieht, dass die Themen, die im Waldorfumfeld politisch virulent sind (wie Direkte Demokratie oder Bedingungsloses Grundeinkommen), sich auch in der neuen Rechten großer Beliebtheit erfreuen.

Ein best of anthroposophischer Konspirationshysterie bringt in der jüngsten Ausgabe die rechtsanthroposophische Zeitschrift „Der Europäer“ auf den Punkt. Die erscheint im Basler Perseus-Verlag, der namengebende griechische Heros wird im Editorial der jüngsten Ausgabe als „Michaelkämpfer“ gedeutet:

„Im Sinne dieses Motivs versuchen Verlag und Zeitschrift seit mehr als drei Jahrsiebten, in vernunftgeleiteter Art aktuelle Gegenwartsfragen zu behandeln, die oft von einem Wall von irrationalen Emotionen oder medusaartigen Tabus umgeben sind – wie zum Beispiel die Ereignisse des Ersten Weltkriegs, des Nationalsozialismus, der westlichen Machtpolitik oder auch spirituelle Strömungen, die das Fundament der Geisteswissenschaft zu untergraben suchen usw.“

Der erste Weltkrieg wird dabei etwa stets verschwörungstheoretisch verhandelt. Michaels Gegner ist laut Rudolf Steiner Ahriman, dem man alle Grauen der Moderne zuschieben kann, ohne sich irgendeiner Analyse widmen zu müssen.  Ahriman wird sich leibhaftig inkarnieren – natürlich „im Westen“, wie die „Europäer“ nochmal eigens betonen. In der Ankündigung einer Veranstaltung mit Chefredakteur Thomas Meyer auf der „Perseus“-Webseite liest man:

„Ukraine, Israel, ISIS, TTIP, der «Krieg gegen den Terror» – alle diese Kriegs- und Krisenherde sind ohne geistige Gesichtspunkte letztlich nicht durchschaubar. Rudolf Steiners 8 Vortragsäußerungen über die nahende Inkarnation Ahrimans im Westen (GA 191 und 193) bieten den spirituellen Schlüssel zum Verständnis dieser Ereignisse und Entwicklungstendenzen. Die Inkarnation Ahrimans ist das wichtigste spirituelle Ereignis der Gegenwart. Sie vollendet, zusammen mit der Inkarnation Christi und derjenigen von Luzifer die Trinität von Inkarnationen spiritueller Wesen, die nur einmal stattfinden.“

Diese politisch-spirituelle Apokalyptik ist nur die okkultistisch verbrämte Variante jener Einkreisungsphantasien, die in ganz unterschiedlicher Weise auch die neuen Wutbürger-Bewegungen links und rechts zum Ausdruck bringen. Gegen die hier mitschwingende „Ablehnung der bestehenden politischen Strukturen Europas oder der transatlantischen Beziehungen“, richtet sich der Waldorfbund (freilich ohne auf den „Europäer“ zu verweisen). In Kullak-Ublicks Brief wird, zurecht (und wohl mit Blick auf die in Griechenland angerichteten Katastrophen), aber auch die Unverzichtbarkeit von Kritik an der EU betont. Derart tritt der „Bund“ in einen politischen Diskurs ein, der weit von den Spintisierereien der „Europäer“ entfernt ist und die okkulte Geschichtsmetaphysik hinter sich lässt. Insofern hat der zeitgenössische Transformations- und Diffusionsprozess der „anthroposophischen Bewegung“ (der andererseits beispielsweise zum „Reichsbürger“-Problem geführt haben dürfte), pragmatisch betrachtet, auch seine positiven Seiten. Zeit für Entwarnung ist es aber noch lange nicht.

 

17. Juli 2015 at 10:33 am 9 Kommentare

Waldorfschule Filstal: Schüler-Projekttage mit Ken Jebsen abgesagt

Im Juni forderte der Bund der Freien Waldorfschulen erfolglos die Entlassung eines Lehrers an der Waldorfschule Minden, der über 20 Jahre lang in extrem rechten Kreisen agierte. Der nächste Fall kommt aus Göppingen – hier haben offenbar Schülervertreter zwei neurechte Verschwörungstheoretiker zu „Projekttagen“ eingeladen. Die Schule ist nun eingeschritten und distanziert sich.  

Die Freie Waldorfschule Filstal ist gewiss ein friedvoller Ort. Von der Altpapiersammlung der „Elterninitiative für Religionsvielfalt“ (ReVie) zu den Projekttagen der Schülermitverwaltung (Thema: „Außerschulische Bildung“ bzw. „Politik – Medien – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur“) passt alles ins Bild des sich an solchen Schulen reproduzierenden Bildungsbürgertums mit Fimmel für leibliche, seelische und geistige Nachhaltigkeitsfragen. „Das breitgefächerte Angebot reicht von politischem Rap über Wirtschaftsfragen bis hin zur Ernährung (veganer Kochkurs)“, freut sich die SMV in der Ankündigung ihrer Projekttage, die vom 20. bis zum 22. Juli für Schüler der Klassen 9-12 stattfinden sollen. Als „großes Gemeinschaftsprojekt“ wird eine Diskussion über TTIP beworben, bei der u.a. ein linkes Bundestags- und ein grünes Landtagsmitglied sprechen sollen. Auf dem (inzwischen auf der Webseite der Schule nicht mehr aufrufbaren) Flyer erfährt man weitere Details:

Highlight am Montag sollte Ken Jebsen sein, mit gleich zwei Vorträgen: vormittags („Medien“) und abends („Krieg und Frieden“). Der erste Vortrag sollte im „Uditorium“ Uhingen, der letztere im nah gelegenen anthroposophischen „Insitut Eckwälden“ stattfinden. Jebsen ist selbst ehemaliger Waldorfschüler und vor allem – nachdem ihm antisemitische Äußerungen vorgeworfen wurden – entlassener RBB-Moderator. Inzwischen betreibt er sein eigenes dubioses Medienportal „KenFM“. Seine Affiliationen und Brüche reichen weit ins neurechte Lager: zu Elsässers „Compact-Magazin“ über den russischen Propagandasender RT-deutsch und Montagswahnmachen zum völkischen „Friedenswinter“. Jebsens Sprache ist deutlich, wenn er etwa vom Mossad erzählt, der natürlich die USA und die Massenmedien beherrscht, oder gleich auf  „altdeutsch“ raunt: Israel strebe „in Palästina die Endlösung“ an. Jebsen gehört zu den bekannteren Gesichtern der sich als „Systemkritiker“ aufspielenden Verschwörungstheoretiker, die nicht nur im weiteren anthroposophischen Umfeld auf stabile ideologische Ressourcen zählen können. An jedem der drei Projekttage sollte es vormittags überdies „Projektgruppen“ geben: Eine davon (Thema: „Pressefreiheit“) mit dem eher unbekannten Rapper Kilez More, ebenfalls ein Fan von NWO, Antiamerikanismus und Medienbashing.

Soweit der Flyer – „Da ist etwas an uns vorbei gegangen. Wir sind erst am Wochenende wach geworden“, gesteht Axel Dittus, Geschäftsführer der Schule. Bei ihm und seinen Kollegen sei die Idee der Schüler, Jebsen einzuladen, abgelehnt worden. Die sollen sich daraufhin an die externen Veranstalter gewandt haben, aber auch diese haben die Veranstaltungen inzwischen abgesagt. Hinterfragt wird nun die Rolle einer Lehrkraft, die die Schüler bei der Organisation beaufsichtigen sollte. In der Neuen Württembergischen Zeitung (Südwest Presse) schreibt dazu Holger Thielen:

„Dass die Auswahl einiger Referenten nicht die Alarmglocken schrillen ließen, liegt womöglich daran, dass das Zerrbild der angeblich manipulierten Medien und die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien an der Schule verbreiteter ist, als manche Eltern – und Lehrer – bisher glaubten. In den sozialen Medien fällt einer der Pädagogen mit besonderen Sympathiebekundungen auf: für Beiträge von Ken Jebsen und Daniele Ganser, einem weiteren Experten in Sachen Verschwörung.“

– und hat recht, bekanntlich über die Waldorfschule Filstal hinaus. Auf Facebook kommentiert dazu ein ehemaliger Waldorfschüler:

„In Gemeinschaftskunde wurde uns an der Waldorfschule unkritisch kommentiert aus „Die Insider“ von Garry Allen, einem antisemitischen und verschwörungstheoretischen Werk über die NWO, vorgelesen. Passt hervorragend zu Ken Jebsen. In seinen Reden fand ich mehrmals Sätze, wie ich sie aus dem Unterricht an der Walldorfschule kenne.“

Jebsen wurde im vergangenen Jahr an die Waldorfschule Überlingen geladen, auch hier distanzierte die Schule sich in letzter Minute. Der Vortrag fand trotzdem statt, weil Eltern der Schule einen externen Raum mieteten. Insbesondere der Schweizer Verschwörungstheoretiker Ganser erfreut sich einiger Beliebtheit im anthroposophischen Milieu. (vgl. Nachrichten bewältigen, Bald Nato-Panzer vorm Goetheanum?) Dieses Milieu freilich ist nur bedingt für den Geisteszustand von Waldorfschülern verantwortlich. Phänomene wie „Reichsbürger“ und „Davis-Methode“ im Waldorfumfeld werden wohl eher vom „alternativen“ Charme dieser Einrichtungen angezogen als von konkreten Lehren Rudolf Steiners. Für das Waldorfklientel trifft ein Satz der Steiner-Biographin Miriam Gebhardt zu: „Wir ‚Verbraucher‘ der Anthroposophie sind wie die Römer, die alle Götter in ihr Pantheon aufnahmen, man kann ja nie wissen.“ (Gebhardt: Rudolf Steiner, 345) Neoliberale Selbsttechnologien, grüne Lebenskunst und spirituelle Philosophie – solange sie nur nicht „intellektualistisch“ daherkommt – bilden hier eine wohlige Legierung mit allerlei esoterischen und esoterikkomatiblen Ideologemen. Das bedeutet keinen Abschied von der Anthroposophie, sondern zeigt deren sukzessive gesellschaftliche Diffusion und Differenzierung in ein breiteres „systemkritisch“-esoterisches Milieu an.

Einen Mikrokosmos dessen präsentiert der Flyer der SMV-Projekttage: Jebsen und Kilez More mögen sich für Kapitalismusgegner halten, die SMV indes scheint sich für ökonomisierte Bildung durchaus erwärmen zu können: Eine „Projektgruppe“ über „Widersprüche im Geldwesen“ als Ursache der Finanzkrise soll der FDPler Eckart Behrens leiten, der auch die Waldorfschule Mannheim und die dortige Waldorflehrer-Ausbildungsstätte mitgegründet hat. Er steht laut Lebenslauf dafür, „Autonomie und Wettbewerb auch im Schul- und Hochschulwesen durchzusetzen“.  Ein weiterer Referent ist laut Flyer Markus Buchmann, den man zur jüngeren anthroposopischen Meditationsbewegung zählen kann. Er bildet „Bildekräfteforscher“ aus und soll auch den Schülern „Die Wirklichkeit des Geistigen“ näherbringen: „Mittels einfacher Meditations- und Wahrnehmungsübungen werden die Hintergründe des anthroposophischen Menschenbildes erkundet“, „praktisch und konkret“, versteht sich. „Gehe durch alles hindurch bis alles durch dich hindurchgeht“, verkündet die Workshop-Beschreibung von Bruno Nagel, der über „Philosophie“ referiert: „Umgebungsbeobachtung und ihre Anforderung ans eigene Ich im Dialog mit der Welt“. „Von der Idee zum Plan das ist der Plan“, kündigt sich eine „Projektgruppe“ zur „Medien-Produktion“ an, nur für Schüler der 11. und 12. Klasse ist eine zu biologischen Grundlagen der Gentechnik vorgesehen. Neben dem waldorfüblichen Improvisationstheater, veganer Küche und Artensterben durch Klimawandel gehören Titel wie „was bewegt uns?“ oder Stressmanagement dazu und verleihen dem Programm den Charme eine esoterischen Coaching-Messe. „Man kann ja nie wissen“. Immerhin: Auf dem Flyer der Projekttage wird auch ein Raphael Schwaderer angekündigt, der erklären soll, warum „wir Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung in unserer Gesellschaft nicht dulden“ und was man „dagegen tun“ könne. Vielleicht ist das der aufschlussreichste Teil des Flyers, weil er die offenherzige politische Konfusion anzeigt. Man kann sich heute durchaus für Antidiskriminierung erwärmen und zugleich bei veganen Häppchen von Jebsen, More und Co über die Mossad-Medien beschwatzen lassen. Für Einheit wird spätestens in den Selbstfindungs-Workshops gesorgt.

Höheres Wissen über verborgene Daseinstiefen jedenfalls korrespondiert mit den geheimen Informationen, die Verschwörungstheorien versprechen. Die Korrespondenz ergibt sich aus der Form des reklamierten Wissens, das gegen einen vermeintlich unterwanderten „Mainstream“ gerichtet ist. Ein Beispiel dafür wäre die anthroposophische „Impf-Kritik“, in der esoterische Medizinvorstellungen und eine sachlich irregeleitete gesellschaftskritische Ambition verschränkt sind. (vgl. „Löffelchen voll Zucker“)

„Conspiracy theory works to present hidden knowledge about evil, but it also cements an audience as ‚in-group‘ and attempts ‚transformation‘ of the passive individual to social mobilization through presenting the negative, where lighter occulture focuses on the positive. Conspiracy theory may thus be a natural, sociological side of esoteric discourse, as well as a logical extension of it in constructing an ‚Other‘ that does not recognize esoteric discourse and attendant movements as legitimate.“ (Asbjorn Dyrendal: Hidden Knowledge, Hidden Powers, in: Asprem/Granholm: Contemporary Esotericism, Sheffield/Bristol 2013, 224f.)

Wollten sich die Waldorfschulen hiergegen immunisieren, wäre nicht nur die Auseinandersetzung mit den eigenen völkischen Theorieelementen, sondern vor allem eine zeitdiagnostisch-kritische Urteilsbildung unumgänglich. Insofern sprechen die SMV-Projekttage eine deutliche Sprache: Dass hier ein Antidiskriminierungsworkshop neben Jebsen steht, spricht Bände über die Defizite, denen ein kritischer Unterricht vorbeugen sollte.

10. Juli 2015 at 3:50 pm 21 Kommentare

„Dass er Individualität und Freiheit fördert“. Tücken im Verhältnis von Anthroposophie und völkischer Religiosität – noch einmal

„Darin besteht das konkret Nationale deutschen Wesens, dass es durch das Nationale über die Nation hinausgetrieben wird in das allgemeine Menschentum hinein.” – Rudolf Steiner, 1915 (GA 174a, 72)

Wolf-Dieter Schröppe, ein Lehrer der Waldorfschule Minden, hatte offenbar über Jahrzehnte Kontakte ins extrem rechte Milieu und hat sich dort fleißig umgetan: die „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ beehrte er ebenso mit seiner Gegenwart wie den Verlag „Hohe Warte“, der Ludendorff’schen Ideen verpflichtet ist. In der „Hohe Warte“-Zeitschrift „Mensch und Maß“ hat Schröppe publiziert und sitzt nach Medienberichten von 2014 dem Trägerverein der „Ahnenstätte Conneforde“ vor, wo sich gern Nazis bestatten lassen. Auch im „Bund der Unitarier“ soll der 1990 aus Argentinien nach Deutschland zurückgekehrte Schröppe bis 2005 Mitglied gewesen sein. Zwei Schülerinnen der Mindener Waldorfschule haben den Fall laut taz bekannt gemacht. Ein Gutachten der „Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold“ belegt die Kontakte zu völkischen Organisationen – gestritten wird erstaunlicherweise darüber, ob der Lehrer selbst deren Gedankengut vertrete oder vertreten habe. „Der Lehrer hat sich über Jahrzehnte ab Mitte der 90er Jahre bis Mitte 2000 in extrem rechten Strukturen und Netzwerken bewegt – nicht als Mitläufer, sondern Organisator“, so ein Mitarbeiter der Beratungsstelle. Der Bund der Freien Waldorfschulen distanziert sich eindeutig: Schröppe sei nicht mehr tragbar. Die „Schulversammlung“ der Mindener Waldorfeinrichtung soll sich am 24.6.2015 allerdings dafür ausgesprochen haben, dass Schröppe vorerst an der Schule verbleiben darf. Schon vorher stellte sich das Mindener Kollegium hinter den Lehrer, von verschiedenen Seiten war zu hören, dass er auf demokratischem Boden stehe. Schröppe versicherte das auch in einer persönlichen Erklärung. (vgl taz, PM des BdFWS, radio bremen, WDR, Osnabrücker Zeitung, Lippische Landeszeitung, Lotta-Magazin, Blick nach rechts)

Das Argument klingt seltsam bekannt, nicht nur, aber auch aus anthroposophischen Kreisen: Zwar habe Schröppe Kontakte zu rechten Organisationen gehabt, seine Publikationen zeigten allerdings keine entsprechende Gesinnung. Online findet man zum Beispiel einen „Mensch und Maß“-Beitrag Schröppes zu einem Relief an den Externsteinen – einer Pilgerstätte für Esoteriker, Neuheiden und Rechte. Der Artikel diskutiert in der Tat weder Rassentheorien noch offene Germanennostalgien, sondern widmet sich Details der Deutung des angegebenen Reliefs – das allerdings primär völkisch-religiöse Schreiberlinge zu interessieren scheint (so fing sich Schröppe etwa auch Kritik auf der Seite „GOD – Glaubensgemeinschaft – ODING – Deutschland“ ein). Einen Beitrag lieferte Schröppe auch für den Sammelband „1848 – Erbe und Auftrag“, im „Aula-Verlag“ herausgegeben von den rechten Politikern Otto Scrinzi und Jürgen Schwab. Schröppes Aufsatz dreht sich um Heinrich von Fallersleben und berichtet über die Macht der Rotschilds bzw. der „Hochfinanz“. In einem Eintrag über das Buch auf der Seite des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes wird Schröppe als deutscher Experte „in Sachen völkischer Okkultismus, Referent u. a. beim Kulturwerk Österreich“ vorgestellt.

Nach Michael Mentzel von der anthroposophischen Seite „Themen der Zeit“ sprachen sich auf der Schulversammlung „17 Schüler für eine Entlassung aus, 12 waren für eine Beurlaubung für 3 Monate, in denen ein Prozess der Aufarbeitung stattfinden soll und 31 plädierten für ein Weiterarbeiten des Pädagogen. Von den Lehrern waren 5 für die Entlassung, 16 für eine Beurlaubung und 5 für die Weiterbeschäftigung. Bei den Eltern waren es 28, die für eine Entlassung stimmten, 33, die für die Beurlaubung und 42, die für die Weiterbeschäftigung waren. Es obliegt jetzt der Schulführungskonferenz, am heutigen Nachmittag eine Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen.“ Mentzel sieht wohl zurecht bei einer Weiterbeschäftigung das Verbleiben der Mindener Waldorfschule im Waldorfbund gefährdet.

Der völkische Aktivist Schröppe wird nach einem gerade erschienenen taz-Artikel als einer der „besten Lehrer“ der Schule verteigt. „Der Lehrer ist in der Schule nie mit rechtsextremen Äußerungen aufgefallen. Im Gegenteil: Er war dafür bekannt, dass er die Individualität und Freiheit fördert“, sagte laut WDR der Sprecher der Mindener Waldorschule – und wird es wissen: Schröppe war dort immerhin 20 Jahre angestellt. Ähnliches wurde auch berichtet, nachdem 2004 der Waldorflehrer Andreas Molau sich als NPD-Kader entpuppte: An der Schule hatte man ihn für linksliberal gehalten. Wieder einmal deutet sich die gefährliche politische Naivität an, die große Teile der im weiteren Sinne anthroposophischen Szene seit deren Entstehen begleitet. 2014 präsentierte der neue Geschäftsführer der Waldorfschule Rendsburg „Reichsbürger“-Ideen auf einer Vorstandssitzung und musste die Schule verlassen, als seine Kontakte zu reichsideologischen Organisationen dokumentiert wurden. Nach seinem Weggang zerstritt sich die Rendsburger Schule: Eltern beklagten innere Machtkämpfe in einer hierarchisch organisierten Einrichtung. (vgl. SHZ) Arfst Wagner, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und langjähriger Rendsburger Eurythmielehrer, hat die Schule inzwischen als Teil des neuen Landesvorsitzes der Schleswig-Holsteinischen GRÜNEN verlassen. Zur öffentlich gewordenen „Krise“ seines alten Arbeitgebers hat Wagner sich nicht geäußert – nur so viel sei gesagt, dass er sich gegen die umtriebigen Reichsideologen in der Region Rendsburg-Eckenförde engagierte, 2014 aber die von ihm gegründete „Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen Schleswig-Holstein“ verließ, weil sie von „Reichsbürgern“ unterwandert sei. (vgl. Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung) Schröppe, der inzwischen aus der rechten Szene ausgestiegene Molau und der Rendsburger Ex-Mitarbeiter mögen wenig miteinander gemeinsam haben. Der erste jedoch, der im Waldorfmilieu sowohl völkische Verschwörungstheorien vertrat als auch enthusiastisch Individualität und Freiheit fördern wollte, war dessen Initiator Rudolf Steiner.

Heute erscheinen Artikel von Verschwörungstheoretikern wie Udo Ulfkotte oder Daniele Ganser in anthroposophischen Periodica und erfährt ein Buch wie Markus Osterrieders „Welt im Umbruch“ große Resonanz unter Steiner-Fans. Trotzdem irrt sich, wer derlei umstandslos als rechts einstuft. Vielmehr setzt sich in den politischen Auseinandersetzungen des weiteren zeitgenössischen anthroposophischen Diskurses ungebrochen das „left-right crossover“ fort, das Peter Staudenmaier diagnostiziert hat. Die Spuren der 68er-Bewegung tragen im anthroposophischen und Waldorf-Kontext viel zur Reproduktion verschwörungstheoretischer Kapitalismus“kritik“ bei. Die in anthroposophischen Kontexten artikulierten einseitigen Sympathien für die aggressive Politik Russlands spiegeln die gesamtgesellschaftlichen Schnittmengen zwischen links und rechts befindlichen Putin-Fans und US-Verächtern. Natürlich kann man die Vorfälle nicht umstandslos auf die anthroposophische Weltanschauung oder ihren pädagogischen Flügel schieben: Der „Hohe Warte“-Verlag etwa zählt zu den Verbreitern von Ideen Erich und Mathilde Ludendorffs, die Steiner energisch bekämpft hatten. Die Externsteine als vermeintlicher uralter ‚germanischer‘ Kultort wären für Steiner überdies weit weniger bedeutsam als die moderne geistige Mission des von Erzengel Michael betreuten, transnationalen deutschen Volksgeistes.

Während sich die dubiosen politischen Affiliationen im anthroposophischen Umfeld seit Steiners Zeiten halten und unter wechselnden politischen Voraussetzungen erneuern, bezieht der sonst eher zurückhaltende Bund der Freien Waldorfschulen in letzter Zeit deutlicher Position: Die Mindener Waldorfschule wird aufgefordert, sich von dem Kollegen zu trennen. Vor einem halben Jahr veröffentlichte der „Bund“ eine kritische Broschüre zu den alle möglichen alternativgesellschaftlichen Projekte unterwandernden „Reichsbürgern“. Das ist ein erster und freilich noch kein hinreichender Schritt: Durch beginnendes Problembewusstsein werden die Anschlussmöglichkeiten der Anthroposophie an eine völkische Ökumene nicht gebannt. Aber die fraglichen politischen Verbindungen scheinen sich eher an den einzelnen Schulen zu finden. Lokal kommt es immer wieder zu Streitigkeiten und Machtkämpfen zwischen Lehrern und Eltern an einzelnen Schulen. (Stichwort: Davis-Methode) Sieht man sich die Abschirmung Schröttes durch seine Schule an und vergleicht dies mit den Hierarchiekonflikten in der Waldorfschule Rendsburg, lässt sich das aber sicher auch auf generelle Waldorf-Strukturprobleme zurückführen, die der ehemalige Schülervertreter Valentin Hacken am prägnantesten ausformuliert hat:

„Die vielen, teils massiv ausgetragenen Streitigkeiten zeigen eben, dass fast alles persönlich ist in diesem Kontext und schnell existentiell – niemand macht hier nur einen Job. Was positiv sein kann, zeigt da seine Kehrseite. Das hat zum einen dazu geführt, dass sich eine geradezu parasitäre Beraterindustrie entwickelt hat, in der die Schulen und Verbände jedes Jahr hunderttausende Euro verbrennen und dazu, dass Feste wie Monatsfeiern eben dringend gebraucht werden für die Gemeinschaft, ein magischer Trick der Selbstvergewisserung, Umformung dessen, was man eigentlich nicht mehr glaubt. […] Entlasten könnte man die Kollegien, indem man die Kompetenzen des Bunds der Freien Waldorfschulen (BdFWS) massiv stärkt, eine verbindliche Qualitätskontrolle einführt, einen Blick von außen, eine Korrektur. Doch dagegen wehren sich die Schulen mit Händen und Füßen, weil sie ihre Freiheit in Gefahr sehen. Doch sie schützen damit Versagen, Überforderung, Ineffizienz, nicht die Freiheit, mit ihren Schülern zu arbeiten. […] Sobald eine Schule in den BdFWS aufgenommen ist, kann sie nahezu tun und lassen was sie will, solange sie ihre Beiträge zahlt, nicht gerade die Schüler geschlagen werden und die staatliche Schulaufsicht einschreitet.“ (Man kann doch nicht noch hundert Jahre davon leben, dass man irgendwie nicht allzu schlecht ist)

Andererseits wurde in Rendsburg von Eltern das Eingreifen des Bundes als Fortsetzung der hierarchischen Organisationspolitik wahrgenommen, wie die SHZ berichtet:

„Jetzt schaltet sich sogar der Bund der Freien Waldorfschulen (Bund) ein. Die Vereinigung, in der deutschlandweit 234 Waldorfschulen organisiert sind, schickt drei externe Mitarbeiter nach Rendsburg, um den Schulvorstand abzulösen und einen Neuanfang an der Nobiskrüger Allee möglich zu machen. […] der Bund will keinesfalls von einer Entmachtung sprechen. Hüttig: „Es geht darum, dass die Schule handlungsfähig bleibt. Ziel ist es, dass die Schule nach zwei Jahren wieder selber einen Vorstand bildet.“ Dieser soll auch wieder aus Eltern und Lehrern bestehen – ohne Nachhilfe von außen. Es sei ein grundlegender Waldorf-Gedanke, dass Eltern und Lehrer gemeinsam Schule machen, so Hüttig. Genau das sei aber schon in der Vergangenheit nicht der Fall gewesen, berichtet ein Vater, der anonym bleiben möchte. Über die Köpfe hinweg wurden Entscheidungen getroffen, die Einsicht in Unterlagen verwehrt, das Wort in der Öffentlichkeit verboten. „Hier herrschen hierarchische Strukturen und alles andere als Demokratie“, sagt er. All das entspräche nicht dem Sinn einer Waldorfschule. Viele Eltern überlegten bereits, ihre Kinder von der Schule zu nehmen, so auch der besorgte Familienvater. „Das ist nicht mehr die Schule, in die ich mein Kind gegeben habe.“ Mit der Einmischung des Bundes sieht er keine Chance, die Schule wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Ganz im Gegenteil: „Dadurch wird die hierarchische Struktur noch mehr unterstützt.“ (Freie Waldorfschule in tiefer Krise)

Offensichtlich kann man die Rendsburger Krise nicht verallgemeinern: In Minden scheint ja die Schule relativ geschlossen hinter Schröppe zu stehen. Andererseits wäre das wohl kaum zum öffentlichen Streitfall geworden, wenn die Reihen tatsächlich geschlossen wären. Viele im anthroposophischen Kontext kommentieren die immer wieder aufflammenden Verbindungen von Anthroposophen oder Waldorfianern nach rechts inzwischen nur noch genervt. Dazu passt der Ton, in dem Jens Heisterkamp, Chefredakteur der anthroposophischen Zeitschrift Info3, eine wenig spannende Ausstellung „Künstler und Propheten“ schilderte, die bis vor kurzem in der Frankfurter „Schirn“ zu sehen war:

„Barfuß oder auch ganz wie Gott uns schuf, in wallende Gewänder gekleidet und mit reichlich Pathos ausgestattet galt es (auch) damals, die Welt zu retten. Von einigen künstlerisch ernstzunehmenden Ausnahmen abgesehen bekommen es die Besucher mit einer geballten Ladung aus Selbstüberschätzung, Sendungsbewusstsein und Kitsch zu tun. Wie durch ein Wunder ist Rudolf Steiner diesem Ausstellungs-Panoptikum entgangen, dafür hat es aber Joseph Beuys („Die Revolution sind wir“) erwischt. Man verlässt die Ausstellung nachdenklich: Denn nicht nur da, wo die frühen Visionäre ganz offensichtlich ins nationalistische oder rassistische Fahrwasser kippten ist Vorsicht geboten, sondern ganz grundsätzlich gilt esoterischen Heilsversprechen gegenüber Zurückhaltung.“ (Stelldichein der schrägen Vögel)

Ebenso wie heute Michael Mentzel, der nicht unbedingt zu den kritischen Anthroposophen zählt, ohne weitere apologetische Ausfälle über Minden berichtet, steht auch Heisterkamps ernüchterte Berichterstattung dafür, dass die esoterischen Wege nach rechts sich kaum mehr verdrängen lassen. Unklar ist, wie Esoteriker mit gegenläufigen Absichten dem beikommen können. Dass in letzter Zeit über die vielfältigen politischen Verschränkungen anthroposophischer Milieus verstärkt diskutiert wird, aber auch die Kompetenzen des Waldorfbundes kritisch hinterfragt werden, zeigt, dass die oft benannten Waldorfprobleme keineswegs der Vergangenheit angehören. Es zeigt aber auch die nicht zu unterschätzenden aktuellen Transformationen des anthroposophischen Komplexes. Alte Selbstverständlichkeiten und Hierarchien werden disponibel. David-Marc Hoffmann etwa, der vormals den Basler Schwabe-Verlag und inzwischen die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung leitet, wird vom verschwörungsgläubig-orthodoxen Lager aufgrund seiner sauberen philologischen Arbeit angegriffen. Dass Steiners Schriften, auf die sein sakrales Charisma nach seinem Tod in gewisser Weise übergegangen ist, inzwischen in einer Kritischen Ausgabe beim renommierten Stuttgarter frommann-holzboog erscheinen, wird unter Steiner-Gläubigen als ernsthaftes Theologumenon erhitzt debattiert. Die Desintegrations- und Zerfallsbewegungen des ehemals nach außen eher geschlossenen (wenn auch schon immer streitfreudigen) anthroposophischen Milieus ins 21. Jahrhundert haben gerade erst angefangen. Für dieses Jahrhundert gilt allerdings ungebrochen, dass, wer Deutschen ganzheitliche Erziehung verspricht, früher oder später auch Parteigänger deutschtümelnder Dominationen anzieht.

25. Juni 2015 at 4:42 pm 6 Kommentare

„Man kann doch nicht noch hundert Jahre davon leben, dass man irgendwie nicht all zu schlecht ist“. Ein Gespräch mit Valentin Hacken

Lange geplant und längst überfällig ist das hier veröffentlichte Gespräch mit Valentin Hacken. Der ehemalige WaldorfSV-Vorstand hat sich mit seiner kritischen Arbeit im Bund der Freien Waldorfschulen nicht immer nur Freunde gemacht. Nun wünscht er sich ein scharfes Schwert – wir diskutieren über Strukturprobleme der Waldorfbewegung und die eigene Schulzeit.

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„Eine Stütze des Systems stelle ich mir anders vor“

Ansgar Martins Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir uns zum ersten Mal Ende 2008 eher flüchtig auf einer Tagung der „WaldorfSV“ in Berlin gesehen. Ich war damals noch auf einem illusionären „Man kann die Waldorfschule revolutionieren“-Trip, Du damals schon alteingesessener SV-Funktionär. In der Zwischenzeit haben wir beide unsere Schulzeit beendet, nicht aber unsere Beschäftigung mit deren eigenwilliger Pädagogik und vor allem ihren noch eigenwilligeren Repräsentanten. Was ist nach all den Jahren Dein Eindruck – im Guten wie im Schlechten – von dieser Szene?

Valentin Hacken Was für eine Begrüßung! Mein Selbstbild ist wirklich nicht, ein Funktionär gewesen zu sein. An meiner alten Schule hat man mir auch schon mal schreiend geraten, endlich zu gehen, bevor ich es muss. Und eine meiner letzten Amtshandlungen beim BdFWS wurde kommentiert als „Bauchschuss“ – eine Stütze des Systems stelle ich mir anders vor. Auf meiner Wechselwirkung-Visitenkarte stand „Wir lieben Waldorfschule“, das war auch so gemeint und nicht als Verteidigung der aktuellen Zustände zu lesen. Ich habe in meiner Schulzeit und auch darüber hinaus in der Waldorfbewegung viele frohe und gute Begegnungen und Erlebnisse machen dürfen. Gleichzeitig verstärkt sich der Eindruck, dass die Strukturen den konkreten Personen genauso wie der Idee Waldorfschule schaden, sie teils kaputt machen und das führt sicherlich zu einem Beleuchtungswechsel. Was mir noch vor fünf Jahren als liebenswerte Schrulligkeit erschien, sehe ich heute als Tendenz zum Sektierertum. Schon der Begriff Waldorfbewegung scheint mehr einer der Vergangenheit, als der Gegenwart zu sein.

AM Pardon, ich wollte Dich nicht in irgendeine Rolle stecken. Ich denke aber, zu den erstaunlichen Eigenarten dieser „Bewegung“ gehört gerade, dass sie diesen Status abstreitet. Natürlich gibt es Interessen- und Lobbyarbeit und man nimmt den eigenen Status wahr. Aber auf der ideologischen Ebene sieht sich doch seit Steiners Zeiten niemand als Anwalt einer partikularen Sonderströmung. Vielmehr nimmt die Waldorfschule sich als Vorreiterin jeder guten Schule wahr: „Antimaterialismus“, keine Noten, kein Sitzenbleiben, Achtung der heiligen Lehrer-Kind-Beziehung usw. Eine „Erziehung zur Freiheit“, die sich im Idealfall in Steiners Sphäre des „freien Geisteslebens“ tummelt. So gibt es zwar in der Regel kein Türschild „Direktor“, aber das ist ein Einfallstor für dezidiert nichtdemokratische Strukturen und allerlei nichtkommunizierte Hierarchien. Ich kann mich Deiner Einschätzung anschließen: Dass ich bei dem Thema geblieben bin, liegt zuallererst an einer sehr geglückten Schulzeit. Heißt: ich bin nicht wegen, sondern trotz meiner persönlichen Waldorferfahrungen ein Kritiker dieser Schulen. Aber wo Du die Stichworte fallen lässt: wie genau sehen die „Schrulligkeiten“ aus und was sind das für „Strukturen“?

„Anthroposophie hat an den Schulen auch die Funktion eines Machtmittels“

VH Schrullig ist hier vieles, oft kann man es erst mit ein bisschen Abstand wieder sehen. Besonders die teils furchtbar alberne Steiner-Apologie. Wer über keine Verwaltungsfrage ohne Impulsreferat zur Dreigliederung befinden kann und partout nicht einsehen, dass sich natürlich vieles überholt hat, was vor 100 Jahren noch wegweisend erschien, der macht sich zum Affen. Was erstmal schrullig aussieht, ist jedoch ein veritables Problem. Nicht nur die Unfähigkeit zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden – was ist zentral für die Waldorfpädagogik und was halt ein netter, alter Vortrag? –, sondern auch das Bemühen, eine Widerspruchsfreiheit von Welt und Anthroposophie, genauer Steiners Fassung der Anthroposophie, zu erzwingen, allerdings ohne eine einzige Aussage des Schrifttums aufzuheben, zu korrigieren, zu ergänzen. Damit eine widersprüchliche Gegenwart zutreffend zu beschreiben, ist unmöglich und weil es aus diversen Gründen den meisten Akteuren der Waldorfschulen nicht möglich ist, die Anthroposophie zu entwickeln, wird eben die Beobachtung unpräzise, die Analyse unscharf, die Abbildung der Wirklichkeit der Theorie angepasst. De facto hat die Anthroposophie an den Schulen auch die Funktion eines Machtmittels. Jedes Kollegium hat seine Despoten, die Kraft anthroposophischer Dogmatik erschlagen, was ihnen nicht passt, intellektuell grausam beengte Herrscher über das Schulgeschehen. Für die anderen Teilnehmer der Donnerstagskonferenz wird das „Lesen im Steiner“ entweder zur geduldeten Pflichtübung, oder zum heimeligen Lagerfeuer der Gruppe, zu der sie sich zugehörig fühlen. Abstruserweise wird die Anwendung der Anthroposophie so zum Hemmschuh, statt ein kreativer Weg zu sein, Erkenntnisse zu gewinnen. Aber das ist mehr Symptom struktureller Probleme, als deren Ursache, glaube ich.

AM Das ist sicher richtig. Der Vollständigkeit halber sei dem eine andere Beobachtung gegenübergestellt. Ich kenne Schulen, in denen sind die Steinerjünger längst in der Unterzahl, auf dem absteigenden Ast, und die anthroposophischen Vorstellungen, wie sich denn alles zu allem zu verhalten habe, vollends zum Phrasenhaften geworden. Natürlich glauben alle, dass sie diese irgendwie erfüllen, aber die Zielsicherheit, wie sich welche „menschenkundliche“ Angabe zur Praxis verhält, ist völlig erodiert. Auch sind die Steiner-Kenntnisse bei vielen sogenannten Anthroposophen im Kollegium zuweilen bemerkenswert dürftig und unsicher. Und da so dem Glauben das bestimmte Objekt abhanden gekommen ist, kämpft unter dem äußerlichen Schleier der Gläubigkeit pragmatisch Interessengruppe gegen Interessengruppe. Statt interner Konferenzen haben zuweilen Geschäftsführer die zentrale Überblicks- und Beraterfunktion und sitzen in jedem, ohne sie fast blinden, Schulgremium. Andernorts regiert der Elternrat in den Trägerverein der Schule durch. Pädagogische Konzepte werden Minimalkonsense, die für den Unterricht meistens irrelevant sind. Auch das würde ich für ein strukturelles Problem halten: Eine ideologisch bis in die Architektur durch-designte Schulform gerät in ein ideologisches Vakuum, so dass – mit Weber gesprochen – die charismatische Führung in eine traditionale Verwaltung bürokratischer Art übergeht. Aber was meinst Du mit „Symptom struktureller Probleme“?

Sozialstrukturen einer Parallelgesellschaft

VH Und gleichzeitig erleben wir Schulen, die es besser machen, das gehört zum Bild natürlich auch dazu. Letztendlich ist es gleichgültig, mit welcher Motivation die Anthroposophie zur Waffe gemacht wird, wer sich als ihr Hohepriester etabliert hat, kann mit ihr hinrichten. Das funktioniert aus verschiedenen Gründen so gut. Das Werk Steiners ist für nahezu jeden Lehrer unüberschaubar; der Trick des Hohepriesters liegt darin, einfach eine Schrift aus dem Ärmel zu schütteln, die seine Meinung wiederzugeben scheint. Zum anderen bietet die Anthroposophie die Möglichkeit, den Bezugsrahmen beliebig zu vergrößern, zu verschieben. Eine Einladung zu Ebenenverschiebungen und Kategorienfehlern jeder Spielart. Um es klarzustellen, das ist keine Anthroposophiekritik, sondern eine der Anwendung. Und hier greifen die strukturellen Probleme ein: Es gibt kaum ernsthaft eine unabhängige, wissenschaftliche Forschung zur anthroposophischen Waldorfpädagogik, die sich an die Schulen durchschlagen könnte. Es fehlt am Streit um Erkenntnisse und Analysen, an Vergleichen und Dialog mit anderen Erkenntnisverfahren – das muss natürlich einen Mangel in der Lehrerausbildung erzeugen. Letztendlich ist der Lehrer voll auf sich und die Hohepriester des Kollegiums zurückgeworfen, ohne Handwerkszeug zur kritischen Forschung, die ihn neben seinen Unterrichtsaufgaben auch schnell überfordern würde. Gleichzeitig kann er auch nicht an Forschung anderer partizipieren, da die Hochschulen und Seminare weitgehend genauso blank dastehen. So haben alle letztendlich nur Unmengen Steiner, Traditionen – teils auch sehr gute! – und ihr subjektives Wahrheitsgefühl zur Hand. Weiterhin erleben immer noch viele Lehrer ihren Eintritt in die Waldorfbewegung als re-birth-Phänomen. Böse gesagt, es speist sich ein nicht unerheblicher Teil der Lehrerschaft aus Menschen, die in ihrem vorherigen Leben gescheitert sind und nun in der Gegenwirklichkeit der Gruppe aufgefangen werden. Das stärkt nicht die Bereitschaft zu gesunder Kritik, denn wenn ich die Dogmen meines neuen Zuhauses einreiße, wo kann ich dann noch hin? Dabei haben sie oft ein Scheitern an Zuständen erlebt, die auch nicht menschenfreundlich sind, einer ökonomisierten Bildungslandschaft, einer brutalen Leistungsgesellschaft – und doch lässt sich eine Gesellschaft nur ändern, wenn ich noch ein Teil ihrer bin, in Resonanz bin. Hinter einem anthroposophischen Schutzschild kann ich für meine Wunden heilsame Geborgenheit suchen, aber eben auch nur noch ungenau beobachten. Allen Beteuerungen zum Trotz sind die Kollegien vieler Waldorfschulen in ihrer Sozialstruktur eine Parallelgesellschaft, Anthroposophen unter sich. Und so sind auch deren Schriften, harte Abgrenzung gegen die andere Welt, zwischen Verzweiflung und Überlegenheit, kognitive Dissonanz wie aus dem Lehrbuch. Es fehlt daran, in die Vollen zu gehen und sich mit den Sozial- und Bildungswissenschaften zu streiten, zu vergleichen.

AM Ich frage mich weiterhin, wie zentral die Hohepriester Steiners in diesem Geschehen sind. Mir scheinen die Lehrer oftmals fragmentiert nebeneinander her zu arbeiten, solange, bis es verlässlich wieder einmal zu Beschwerden oder Konflikten mit Schülern, Eltern und anderen Lehrern kommt. Dabei sind alle sich zwar einig, dass sie höheren Werten verpflichtet sind, aber ein kompetenter Steiner-Exeget, dessen Rat auch von allen akzeptiert würde, existiert nicht. Es ist schon erstaunlich, wie viele Anthroposophen der alten Schule mittlerweile schlicht dahinsterben, was ja die Mitgliederzahlen der Anthroposophischen Gesellschaft auch zeigen. Es kommt nicht mehr, oder immer seltener, zur Hinrichtung durch die Waffe, sondern zu Rangeleien, Machtkämpfen, Mobbing, gelegentlich auch mal zu juristischen Auseinandersetzungen. Und zwischendrin gibt es ja noch das Klassenspiel, die Hausbau-Epoche, den Erntetanz und eine Initiative für „gewaltfreie Kommunikation“. Das war dann wieder so schön, dass man der Klimakatstrophe eine Atempause gönnt. Die freilich noch immer als privilegiert gegenüber dem Rest der Welt gilt: Was für die von Dir geschilderten Lehrer gilt, trifft auch auf viele Eltern zu. Die Waldorfschule ist die Rettungsinsel, psychologische letzte Bastion, die auch manche, im staatlichen Schulsystem missratene Biographie korrigieren soll. „Draußen“ ist alles definitiv noch schlimmer, so jedenfalls die Unterstellung, da hält man eben zusammen, auch im tiefsten Schlamassel. Mir scheint das jedoch zutiefst mit dem Wesen anthroposophischer Pädagogik oder vielmehr: Pädagogik gewordener Anthroposophie zu tun zu haben. Es gab zu Steiners Zeiten dieses – in der Literatur mehrfach berichtete – Ritual, dass Steiner die versammelten Schulkinder auffordert, so laut wie möglich zu schreien: „Wir haben unsere Lehrer lieb!“ Und das tun sie. Eine durch Wiederholung eingeübte, auf Befehl abrufbare Verschwisterung von Autorität und Zuneigung, nur exemplarisch für die dressierte Solidarität in Anbetracht dessen, dass „die Schulgemeinschaft“ eben etwas menschlich, menschheitlich ganz besonderes sein und machen soll. Entsprechend tief kann die Enttäuschung sein, für die es aber schlicht kein Forum gibt: Denn dass es „bei uns“ funktioniert, ist ja das Fundament des gesamten Theaters, bei faktischen Konflikten würde man überall suchen, nur nicht bei dieser basalen Grundgewissheit. Auf der Semantikebene arbeitet man am „Streben“, an „Vertiefung“, nicht an der langwierigen und ach so unkonstruktiven Aufdröselung der psychosozialen Hexenküche, die man sich da geschaffen hat. Du hast betont, Du kritisiertest nicht die Anthroposophie, sondern ihre Anwendung. Wie unterscheidet sich Anthroposophie für Dich davon, wo kommt sie (realiter oder theoretisch) positiv zum tragen?

„Niemand macht hier nur einen Job“

VH Es gibt nicht den einen Papst, doch Priester gibt es viele und deren Einfluss ist nicht zu unterschätzen, wenn es darum geht, in welche Richtung sich eine Schule oder die Schulbewegung entwickeln soll. Die vielen, teils massiv ausgetragenen Streitigkeiten zeigen eben, dass fast alles persönlich ist in diesem Kontext und schnell existentiell – niemand macht hier nur einen Job. Was positiv sein kann, zeigt da seine Kehrseite. Das hat zum einen dazu geführt, dass sich eine geradezu parasitäre Beraterindustrie entwickelt hat, in der die Schulen und Verbände jedes Jahr hunderttausende Euro verbrennen und dazu, dass Feste wie Monatsfeiern eben dringend gebraucht werden für die Gemeinschaft, ein magischer Trick der Selbstvergewisserung, Umformung dessen, was man eigentlich nicht mehr glaubt. Dann kommt es zu Monatsfeiern, bei denen die Schüler ihre Aufführung nicht mehr als ihre erleben, sondern als Tanzbären für die wunden Seelen der Zuschauer gezeigt werden. Entlasten könnte man die Kollegien, indem man die Kompetenzen des Bunds der Freien Waldorfschulen (BdFWS) massiv stärkt, eine verbindliche Qualitätskontrolle einführt, einen Blick von außen, eine Korrektur. Doch dagegen wehren sich die Schulen mit Händen und Füßen, weil sie ihre Freiheit in Gefahr sehen. Doch sie schützen damit Versagen, Überforderung, Ineffizienz, nicht die Freiheit, mit ihren Schülern zu arbeiten. Und es bräuchte dringend eine andere Lehrerausbildung! Ich halte auch die Erwartung für völlig unrealistisch, dass jeder Lehrer auch noch Forscher sein kann. Das übersteigt die Kapazitäten, zeitlich, intellektuell. Eine positive Rolle der Anthroposophie liegt offensichtlich jetzt darin, dass sie überhaupt die Waldorfschulen hervorgebracht hat. Und darin, dass sie den Menschen als mehr denkt, mehr als ein Objekt der Ökonomie, mehr als ein zu befüllender Körper, mehr als eine gut einzustellende Lernmaschine. Und sie sieht ihn in einer belebten Welt, mit der er verbunden ist, in einem Kosmos, mit dem der Mensch zu tun hat. Ich glaube soweit kann man auch gut mit. Schwierig wird es im Detail, wenn Dr. Michaela Glöckler in Publikationen des BdFWS den Menschen des afrikanischen Kontinents dankt, dass sie mit der AIDS-Epedemie so toll eine karmische Aufgabe erledigen; wenn Seminaristen anthropologisch unhaltbarer Unfug über die Glieder des Menschen vermittelt wird – die Liste ist unendlich. Nötig, da wiederhole ich mich, ist eine tatsächliche Forschung zur Waldorfpädagogik, nicht eine, die sich damit genügt Studien zu zitieren, die belegen, wo sich waldorfpädagogische Praxis in empirischer Forschung bestätigt sehen kann. Von guter Forschung könnten die Schulen profitieren, Fortbildung statt hunderter unnützer Stunden Lesekreis, in denen letztendlich oft Ahnungslosigkeit mit Steinerlektüre bedeckt wird. Hier wäre heute die Möglichkeit einer positiven Rolle der Anthroposophie, als ein weiterer Zugang zur Wirklichkeit, in einem interdisziplinären Verbund. Wenn es möglich wird, zu verwerfen was nicht haltbar ist, zu vergleichen mit welchem Ansatz man zu welchem Ergebnis kommt, Optionen zu denken. Ein Vertreter des BdFWS hat mal auf einer Mitgliederversammlung gesagt, dass Waldorfschulen zuallererst mal gute Schulen sein müssen. Das sagt einiges über die Rolle der Anthroposophie. Sie wird dann zu einer Möglichkeit, Konzepte zu entwickeln. Wenn sich andere jedoch als besser erweisen, sind sie anzuwenden. Im Moment gibt es diverse Schulen, die lieber schlechte Schulen sind, als nicht anthroposophisch genug. Da wäre dann zu wünschen, dass keine Schüler mitmachen müssen.

AM Ich denke, meine von Dir immer noch deutlich abweichende Wahrnehmung der tatsächlichen Anthroposophie-Präsenz an Waldorfschulen kommt doch hier mit Deinen zweifellos breiteren Eindrücken zur Deckung: Monatsfeiern – ja, das ist meist schlicht Dressur. Dass das „Anthroposophische“ vielfach mit Steinerlektüre kompensierte Ahnungslosigkeit sei, scheint mir ganz ähnlich. Lehrerbildung: Soweit ich einen Eindruck gewinnen konnte, gibt es an der Alanus-Hochschule Strukturen, die jedenfalls Hoffnung machen. Eben wegen der genannten Interdisziplinärität – neben der Berufung nichtanthroposophischer Pädagogikprofessoren und einem Studium Generale wird auch versucht, das Anthroposophische auf entsprechendem Niveau zu diskutieren. Was die meisten anderen Standorte angeht, sehe ich das ähnlich finster wie Du – womit wir zur Anthroposophie als „weiterem Zugang“ kommen, „in einem interdisziplinären Verbund“. Ich frage mich, welche Eigenart anthroposophischer Pädagogik hier nicht schnell ersetzt werden müsste? Manches wird ja oft stillschweigend übergangen: Ich habe einen Lehrer gekannt, der Linkshänder noch „umerziehen“ wollte, aber das habe ich sonst nirgends gefunden. Jahrsiebente, die Stoff-Vermittlung nach vermeintlichen Entwicklungsschritten oder diese sich gnadenlos durch alle Fächer reproduzierenden „Vier Temperamente“. Die als Charaktertypologie trivial sind, aber überall, jeden Inhalt verkitschend, wieder erscheinen: mal zur Vermittlung der vier Grundrechenarten, mal in „Ackerbau“ als vier Getreidetypen den vier (!) Erdteilen zugeordnet, mal beim „Hausbau“ als vier Hüttentypen derselben, mal in der Chemie bei Gesteins- und „Feuerarten“ usw., mal in Französisch zu vier Landesflüssen und so fort ohne Sinn und Sinnigkeit. Das nur als ein Beispiel eines Lehrplans, der durch alle Fächer und Jahrgangsstufen und durch eine gewaltige Masse an Sekundärliteratur eben doch vieles „als Anregung“ mitgibt, das bis heute, teilweise ohne die anthroposophischen Hintergründe präsent zu haben, weiter tradiert wird. Die Entscheidung, diese traditionelle Existenzform aufzugeben, würde das Modell Waldorfschule so grundlegend und in eine begrüßenswerte Richtung verändern – man würde es nicht wiedererkennen. Ob da der „Bund der Freien Waldorfschulen“ eine stärkere Position habe sollte oder nicht – keine Ahnung. Gerade wenn Du mit Deiner Einschätzung der Anthroposophiepräsenz recht hast, könnte das auch der Rückschlag der Orthodoxen in einer disparaten und darin teilsäkularisierten Schullandschaft sein. Mir schien im Übrigen die Selbstverwaltung der Schulen, nein: meiner Schule zumindest auch eine Chance zu bieten. Auch als Schülervertretung konnte man in Einzelgremien oder an pädagogischen Konzeptionen mitarbeiten. Das wäre, würde es irgendwo im Ergebnis funktionieren, ein fruchtbares, gleichwohl, weil alles immer wieder von Neuem ausgehandelt wird, auch selbstausbeuterisches Konzept. Damit komme ich zu einem Thema, von dem ich von Dir auch gern mehr hören würde: Was waren denn nun Deine positiven Erfahrungen?

„Wir reden nicht darüber, dass Waldorfschüler pausenlos verwahrlosen“

VH Die Alanus-Hochschule macht auf jeden Fall Hoffnung, aber sie scheint mir manchmal der einsame Rufer zu sein. Denn aktuell werden ja selbstverwaltete Lehrerseminare direkt an den Schulen gefördert, noch mehr Lesekreis! Die von Dir genannten Beispiele lassen einen natürlich den Kopf schütteln, wie der Holzlöffel bei Rüdiger Iwan in „Die neue Waldorfschule“. Das könnte man eben mit einer richtigen Forschung anschauen und würde gegebenenfalls zu dem Ergebnis kommen, dass man es abräumen kann. Wiewohl es natürlich jetzt auch Schulen gibt, die gute Qualität bieten, bei aller Kritik reden wir nicht darüber, dass Waldorfschüler pausenlos verwahrlosen. Und natürlich, die Selbstverwaltung an den Schulen bietet Chancen, ich würde sie auch niemals abschaffen wollen. Dennoch ist sie aktuell in der Praxis oft eine furchtbare Lähmung und Quelle von Streit, Hass und Gerichtsprozessen, es bleibt spannend, ob hier die relativ neue Schiedsstelle des BdFWS etwas bewirken wird. Nur glaube ich nicht, dass eine grundlegende Veränderung der Waldorfschulbewegung in der Breite aus den einzelnen Schulen entstehen wird. Ich erinnere mich an eine Mitgliederversammlung des BdFWS, auf der über Qualitätssicherung gestritten wurde und es war unglaublich! Es haben sich Redner abgewechselt, die sich nur der geistigen Welt verpflichtet sahen und sich deswegen natürlich keinerlei Kontrolle unterwerfen wollten, die argumentierten, dass sich Qualität ja über den Markt ergebe – und offenbar kein Problem damit hatten, durch schlechte Schulen Bildungsbiographien von Schülern zu ruinieren, wenn die es dann merken, können sie ja wechseln – und dass Kontrolle einen von den anthroposophischen Wurzeln entferne. Diese arroganten und ignoranten Positionen haben sich vorerst durchgesetzt, da konnte ich für die Schüler so laut schreien wie ich wollte. Um die ging es in der Debatte ja auch kaum, sondern um die Lehrer und ihr Selbstverständnis. Sobald eine Schule in den BdFWS aufgenommen ist, kann sie nahezu tun und lassen was sie will, solange sie ihre Beiträge zahlt, nicht gerade die Schüler geschlagen werden und die staatliche Schulaufsicht einschreitet. Entgegen allen Schutzbehauptungen ist es natürlich möglich, Qualitätssicherungsverfahren zu implementieren, die den Schulen noch Freiraum lassen und dennoch dafür sorgen, dass ein Mindeststandard gehalten wird. In meiner Zeit beim BdFWS habe ich erlebt, dass den Verantwortlichen all diese Probleme durchaus bewusst sind. Ich wünsche mir da vor allem mehr Mut, mehr Radikalität. Man kann den Seminaren und Hochschulen durchaus diktieren, was sie leisten müssen, wenn sie weiter finanziert werden wollen. Man kann die Türen aufreißen, wissenschaftliche Beiräte gründen, Transparenz und Presse zulassen und damit die Schulen unter Druck setzen. Und man kann Schulen auszeichnen, die an Qualitätssicherungsverfahren teilnehmen. Ich finde es weniger tragisch, Mitglieder zu verlieren, als schlechten Schulen den Namen Waldorfschule zu geben. Ich denke, der Bundesvorstand muss hier absolut die Konfrontation wagen und aufzeigen, was eigentlich auf dem Spiel steht, um die Schulen auch zu entsprechenden Rechtsänderungen bei Satzungen etc. zu bewegen und inhaltlich zu überzeugen. Man kann doch nicht noch mal hundert Jahre davon leben, dass man irgendwie nicht all zu schlecht ist. Positive Erfahrungen gibt es natürlich, wenn ich an meine alte Schule denke, habe ich als erstes Bild im Kopf, wie ich in der Unterstufe im Englischunterricht saß und zu einer Geschichte etwas in mein Epochenheft gemalt habe. Mir war da wohl, ich war glücklich geborgen und zufrieden. Und die ganzen künstlerischen Angebote haben mir Freude gemacht, die ich nicht missen wollen würde. Genauso hatte ich Lehrer, die ich in der Unterstufe geliebt und später geschätzt habe. Ich mochte es, dass meine Schule ein schöner, ästhetischer Raum war. Und natürlich die Möglichkeit, die ich von der Schul- bis zur Bundesebene hatte, als Schülervertreter für Anliegen der Schüler einzutreten. Letztlich bleibt für mich, wie wohl für jeden Schüler, am stärksten der Eindruck der konkreten Personen. Vor einigen Tagen habe ich an meiner alten Schule den Satz gehört, dass ich dieser Schule ja so viel zu verdanken habe. Ehrlich gesagt, da muss ich dagegen halten, dass ich vieles trotz dieser Schule gelernt habe. Wäre sie mein einziger Wissenszugang gewesen, wären Wirtschaft, Politik, Gesellschaft für mich schwarze Löcher. Und irgendwann bin ich aus Loyalität zu den Personen, wegen meiner guten Erinnerungen an die Unterstufe aus Begeisterung für die potentiellen Möglichkeiten der Schulform geblieben und weil ich als Schülervertreter dem Irrsinn nicht weichen wollte, obwohl ich einen Platz auf einem Gymnasium sicher hatte. Ich habe meine Schule einfach furchtbar gemocht, mit allen offensichtlichen und korrigierbaren Fehlern. Was hat Dich denn gehalten?

„Antennenmenschen“ und Nischenhaftigkeit

AM So Manches, und ich bin mir bewusst, dass es eine gängige Variation der üblichen Ex-„Waldi“-Meinungen ist. Vieles passt genau zu Deinen Erlebnissen. Ich hatte ebenfalls eine sehr persönliche und gute Beziehung zu vielen Lehrern und das Künstlerische, von der ausführlichsten Behandlung der Architekturgeschichte zum vierstündigen Dali abmalen, habe ich auch nur in bester Erinnerung. Vor allem die beschauliche und verplante Unterrichtsatmosphäre entsprach – bis heute – genau meinem Geschmack. Diese Atmosphäre zahlte sich von der oftmals sehr freilassenden Unterrichtsgestaltung bis etwa zur Abiturvorbereitung aus, die besser nicht hätte organisiert sein können. Zweifellos sind genau die bei mir gelungenen Momente die lehrerabhängigen, die schrecklich schief gehen können, wie man aus der ganzen kritischen und Aussteigerliteratur ersieht. Der mir tief unsympathische Grundzug der Waldorfbewegung ist aber keineswegs Schrulligkeit und Entschleunigung unter der parapädagogischen Käseglocke – im Gegenteil. Ob es nun die Lebensreformer oder die Nazis waren, heute Biorythmus und die „Hirnforschung“, oder diese grässlichen Portfolios, um statt kalter Notenzeugnisse und standardisierter Lebensläufe gleich sich selbst als künstlerisches Biographieprojekt auf den Arbeitsmarkt zu tragen: Anthroposophie ist vielfach unfreiwillig und je mehr sie meint, ihn als spiritueller Avantgardismus zu überbieten, Opportunistin und Vollstreckerin des „Zeitgeistes“. Ihr Widersinn entspricht tatsächlich dem eines Peter Sloterdijk, der 2011 von Steiner als „Antennenmenschen“ sprach, der die „Fühler“ in den Äther ausgefahren habe. Zupackende Macher mit Transzendenzfimmel funktionieren auch als Parallelgesellschaft gut, weil sie der hegemonialen Gesellschaft dann doch in allen schlechten Punkten entsprechen und jede gesellschaftliche oder ökonomische Zumutung und Zurichtung als tolle neue „Aufgabe“, „Karma“ gar, rationalisieren – oder dahinter dämonische Mächte vermuten, sei es Ahriman, der Buddhismus, das Judentum oder die USA, denen man natürlich mit noch mehr Anthroposophie begegnen muss. Ihre Geistlosigkeit setzt schon da ein, diese Welt als Geisterreich auszugeben. Instrumentelle Vernunft und Irrationalismus sind keine Gegensätze, auch wenn man vor kulturchauvinistischen oder sexuell reaktionären Inhalten in heute noch aufgelegten Waldorflehrbüchern ebenso erschrocken steht, wie vor vielem im Werk Steiners. Aber dass ein hochengagierter Ethik-Lehrer seine Zeit damit zubringt, die 150-seitige Jahresarbeit eines Postpubertären unter dem abwegigen Titel „Dualismus als Kulturphänomen“ zu betreuen, zu korrigieren und zu besprechen; dass eine Eurythmielehrerin sich ein halbes Jahr mit Heine und seinen „Schlesischen Webern“ zu beschäftigen Anlass gibt, „…Deutschland, wir weben dein Leichentuch…“, genau diese sogenannte Schrulligkeit, Nischenhaftigkeit und Langsamkeit scheint mir, gegen den Sinnigkeitstotalitarismus der Anthroposophie, wie gegen deren postmoderne Markttauglichkeit, zu verteidigen zu sein. Statt mehr Zentralität und „Qualitätssicherung“ scheint mir eine universitäre Rückkopplung der Lehrerausbildung sowie eine größere bzw. kritischer informierte Öffentlichkeit jenseits des waldorfianischen Informationsmonopols sinnvoller. So. Ich hatte gedacht, wir würden uns hier heftigst streiten. Stattdessen scheinen wir auf unseren höchst unterschiedlichen Wegen durch das Waldorflabyrinth doch zu ziemlich ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt zu sein. Dazu eine letzte Frage. Wie erlebst oder erlebtest Du vor dem Hintergrund des Vorgebrachten im Waldorfkontext die Reaktion auf vorgebrachte Kritik – an Einzelheiten wie Grundsätzlichem? Und wie schätzt Du die Chancen ein, dass dieses verholzte System sich durch (sei es Selbst-)Kritik zu wenigstens schrittweiser Innovation durchringt?

„Mir persönlich sind nie Sprechverbote oder Repressionen begegnet“

VH Vorweg, nicht jedes Schweigen ist eine Zustimmung. Es ist sicher absehbar, dass am meisten die persönliche Begegnung mit den Lehrenden die Erinnerung an die Schulzeit prägt, gleich bei welcher Schulform. Hier liegen die großen Stärken der Waldorfschulen, weil sie hier viel Raum geben und Aufwand betreiben und wie immer, wenn es menschlich wird, die fatalen Fehler. Über die historische Rolle der Anthroposophie und die historische waldorfpädagogische Praxis will ich nicht sprechen, das war nie mein Bereich. Kritik ist ein schwieriges Feld im Waldorfbereich. Sie muss konstruktiv sein, Kritik um der Erkenntnis willen, um Missstände zu markieren, das gilt als wenig hilfreich, da es nicht unmittelbar Anleitungen für eine andere Praxis gibt. Wer also kritisiert, setzt sich dem Verdacht aus, nicht der gemeinsamen Sache dienen zu wollen und ungeheuer schnell greift die Unterscheidung in innen und außen, Freund und Feind, für uns und dagegen. Verlässt eine Familie im Zorn mit all ihren Kindern die Schulgemeinschaft, wird eher davon gesprochen, sie hätten halt zu große Erwartungen gehabt – im Einzelfall sicher manchmal zutreffend –, oder seien auf dem Schulungsweg noch nicht weit genug. Interne Kritik gibt es natürlich, die folgt jedoch regelmäßig den insgesamt schwierigen Debattenstrukturen. Kritik von externer Seite wird vor allem als eine Frage für die Öffentlichkeitsarbeit und die Juristen betrachtet, ein nicht völlig fernliegendes Muster, wenn man davon überzeugt ist, im Gegensatz zu den Externen mit der Anthroposophie über einen exklusiv guten Zugang zu Welt, Mensch und Wirklichkeit zu verfügen. Falsch wäre es allerdings, gerade dem BdFWS unterstellen zu wollen, dass es dort keinen Raum für interne Kritik gäbe, mir persönlich sind dort nie Sprechverbote oder Repressionen begegnet. Jedoch habe ich durchaus erlebt, dass Schülervertreter laufend rechtfertigen müssen, was sie, die sie kein pädagogisches Personal sind, dazu befähige, über Waldorfschule zu sprechen. Für die Zukunft der Waldorfbewegung wird vor allem spannend sein, welche Fraktionen sich intern durchsetzen, denn mit größerem Druck von außen oder drastisch sinkenden Schülerzahlen ist sicher nicht zu rechnen. Gute Aussichten haben die, welche den Stillstand verwalten, die Bestände sichern und das gut kaschieren wollen, durch minimale Korrekturen und einen freundlichen Anstrich. Weniger Chancen haben wohl diejenigen, welche radikal zurück zu den Wurzeln wollen, tiefere spirituelle Versenkung in die Anthroposophie. Doch die Waldorfschulen in Deutschland brauchen grundlegende Änderungen, nicht, weil sie sonst in ihrem Bestand gefährdet wären, sondern um die besten Schulen zu sein, die sie sein können. Die Graswurzeltheorien, dass sich das aus den Schulen heraus entwickeln wird, halte ich für Unfug, weil es über die Strukturen und ihre Schranken und Schwierigkeiten hinwegsieht. Ich hoffe, der BdFWS beginnt stärker, sich als Anwalt der Schüler zu begreifen und mit mehr Mut auch scharfe Schwerter zu schwingen, wo der Unsinn sich breit machen konnte und versucht, mehr Türen aufzumachen für gesellschaftliche Akteure und die Wissenschaft, für die Welt, in welche die Schulen ihre Schüler in Freiheit entlassen wollen. Das geht nicht, wenn man sich dem vermeintlich Gefährdenden angstvoll verweigert. Die Waldorfschulen haben ein gigantisches Potential an Personen, an gestaltbaren Optionen, an Liebe und Optimismus für Bildung und Erziehung, doch momentan verbrennen sie viel zu viel davon, starrköpfig und selbstzufrieden. So finden sie auch nicht die Lehrkräfte, die sie für ihre Schüler brauchen, sondern nur solche, welche diese Schulbewegung als Halt brauchen. Es wird also auch davon abhängen, was einem wichtiger ist, das Überleben aller Dogmen, oder die besten Konzepte für die Schüler. Es ist absolut möglich, die Waldorfschulen grundlegend zu verändern, doch dazu braucht man die Welt „da draußen“ so sehr, wie man Mut braucht um Neues zu entdecken. Wenn sich der entwickelt, wird das auch eine Einladung für jene klaren und kreativen Köpfe sein, welche jetzt lieber gehen.

Valentin Hacken, Jahrgang ’91, Abitur an der Freien Waldorfschule Offenburg, studierte Philosophie und Neue Deutsche Literatur in Freiburg, jetzt Studium der Rechtswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ehemals Schulsprecher und Mitglied diverser Gremien der Freien Waldorfschule Offenburg, 2007 bis 2013 Vorstand und dann Geschäftsführer der WaldorfSV – Bundesschülerrat der Freien Waldorfschulen im Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS), ehemaliger Vorstand des damaligen Landesschülerrats der Freien Waldorfschulen in Baden-Württemberg, stellv. Gastmitglied des Landesschülerbeirats des Kultusministeriums BW (LSBR) für die Schüler der freien Schulen der Arbeitsgemeinschaft der Freien Schulen Baden-Württemberg (AGFS), Vorstand des Vereins Wechselwirkung – waldorfpädagogisches Austauschprogramm e.V. Schreibt als freier Autor u.a. für das Magazin Erziehungskunst.

25. März 2014 at 5:11 pm 4 Kommentare

Die Bösartigkeit des Banalen. Weiter mit Waldorf in Wilhelmsburg

Die Nachricht, in Hamburg-Wilhelmsburg solle eine und auch noch die „erste“ „staatliche Waldorfschule“ gegründet werden (vgl. Waldorf weiter auf Abwegen), scheucht derzeit alle nur irgendwie Beteiligten auf: Funktionäre, Sympathisanten und Kritiker der Waldorfszene.

Wie üblich hört man von allen Fraktionen bestenfalls die halbe Wahrheit. Das beginnt schon beim Inhalt der Meldung: Die „erste“ staatliche Schule mit Waldorfprogramm wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der Lehrerin Erna Stahl gegründet, die aus dem Kontext der Widerstandsgruppe ‚Weiße Rose‘ bekannt ist. Stahl hatte sich mit Steiner und Waldorf auseinandergesetzt und wollte eine Waldorfschule explizit „ohne Anthroposophie“. Es entstand – ebenfalls in Hamburg – die bis heute florierende Albert-Schweitzer-Schule (vgl. Anthroposophie im Widerstand), deren waldorfpädagogisches Klientel inzwischen sehr übersichtlich ist. Der einzige, der in der Debatte um das Wilhelmsburger Projekt auf das Albert-Schweitzer-Gymnasium zu sprechen kam, war der Sprecher der Hamburger Schulbehörde, Peter Albrecht. Von Anthroposophen wird sie ausnahmslos verschwiegen: Für sie ist das Sakrileg einer nicht-anthroposophischen Waldorfschule ebenso frivol wie für Anthro-Gegner, in deren Vorstellung diese Schulen nur als heimliche Kaderschmiede der Anthroposophen Sinn machen.

De facto ist aber auch gar keine „staatliche Waldorfschule“ geplant: Eine schon bestehende Grundschule soll mit einer örtlichen Waldorfschul-Gründungsinitiative fusioniert und ein gemeinsames Konzept erarbeitet werden – weil Schulsenator Ties Rabe angeblich fürchtete, eine neue Privatschulgründung werde die meisten ‚bildungsnahen‘ Familien von der öffentlichen Grundschule abziehen. Der „Erziehungskunst“, Verbandszeitschrift des Stuttgarter „Bundes der Freien Waldorfschulen“, ist diese Sachlage natürlich zu profan. Dort würde man sich in der Tat staatliche Vollförderung für Waldorf wünschen und titelte stattdessen: „Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft startet“. Dass die Grundschul-Kollegen auch noch ein Wörtchen mitzureden haben, blendete der Bericht nahezu aus und verkündete, Wilhelmsburg werde weder „‚Waldorfpädagogik light“ noch „die Waldorfpädagogik zu einem beliebig austauschbaren Methodenbaustein innerhalb der Staatsschulpädagogik“.

Die zitierten Sätze verschwanden natürlich schnell von der „Erziehungskunst“-Webseite, als ‚Staatsschulpädagogen‘ von der betroffenen Grundschule sich anfangs vorsichtig bis skeptisch zum Vorschlag der Schulbehörde äußerten. Über den ursprünglichen Link http://www.erziehungskunst.de/nachrichten/inland/wilhelmsburg-waldorfschule-in-staatlicher-traegerschaft-startet/ gelangte man nun zu dem gegensinnigen Titel „Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft noch ungewiss“. Im neuen Artikel liest man: „Waldorfpädagogik kann man nicht von oben verordnen“ – und hätte gern gewusst, ob die Redaktion der „Erziehungskunst“ diesen Umstand gut oder doch eher bedauerlich fand. Nachdem sich die Komplikationen gelegt hatten, folgte dann ein realistischeres Portrait:

„Das Kollegium und die Waldorflehrer werden nach diesem positiven Votum gemeinsam ein Unterrichtskonzept erarbeiten. Schulleiterin Ulrike Klatt erklärte, man werde sich »in der Konzeptgruppe gemeinsam auf den Weg machen« und habe sich dafür zwei Jahren Zeit gegeben. »Es geht auch darum, dass wir uns menschlich näherkommen«, so Klatt. Das Projekt könne auch scheitern, wenn man nicht auf einen gemeinsamen Nenner komme.  Bislang besteht die Absicht, jede Klasse von einem Waldorfpädagogen und einem staatlichen Lehrer unterrichten zu lassen.“

„Das wird keine Eins-zu-eins-Waldorfschule“, meint laut taz auch Christiane Leiste, Sprecherin des Waldorf-Vereins: „Kein Lehrer wird gezwungen, Eurythmie zu machen“. Der Bund der Freien Waldorfschulen verfolgt eine andere Politik. Die „Erziehungskunst“ zitierte dessen Sprecher Henning Kullak-Ublick, der meint, die Schulbehörde dürfe sich bloß nicht zu sehr in die „inhaltliche Arbeit“ einmischen: „Wir sind neugierig, ob das Kollegium so autonom bleibt, dass wir das unterstützen können“, so Kullak-Ublick, alles andere sei „Etikettenschwindel“. Dass ‚Autonomie‘ hier Anbindung an den Waldorfbund heißt, mag das eine oder andere Licht auf Floskeln wie „Erziehung zur Freiheit“ werfen. Man sieht förmlich ein Tauziehen zwischen Schulbehörde und Waldorfbund vor sich – und ist in der Tat neugierig, wie autonom das Kollegium bleibt, auch gegenüber den waldorfianischen Gralshütern aus Stuttgart. Für den Mainzer Erziehungswissenschaftler, Steiner-Biographen und Waldorf-Experten Heiner Ullrich ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Anfangs werde es „vielleicht Berührungspunkte“ geben, „aber sobald die Waldorfkollegen bei der Schülerbeurteilung von astralischen Kräften oder von Reinkarnation sprechen, werden die staatlichen Lehrer wohl sagen: bitte nicht!“ (taz)

So weit will es der umtriebige Waldorfkritiker Andreas Lichte gar nicht kommen lassen. In einem offenen Brief an den zuständigen Schulsenator prangert er einmal mehr die so obskuren wie überholten Pädagogikvorstellungen Rudolf Steiners an – seine „Schlussfrage“: „Beabsichtigt die Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg als staatlicher Träger der ‚Interkulturellen Waldorfschule Hamburg-Wilhelmsburg‘ die Weltanschauung Anthroposophie weiter zu verbreiten?“ Zu diesbezüglichen Absichten der Schulbehörde hatte deren Pressesprecher Peter Albrecht  schon im Vorfeld klargestellt: „Es geht nicht darum, die Ideologie von Rudolf Steiner in staatliche Unterrichtspraxis zu überführen“. Man wolle nur „allseits“ akzeptierte, eben die reformpädagogischen Elemente der Waldorfpädagogik. Zuletzt hat sich die Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann (die 2010 mit ihrer Dissertation „Schwarz-Weiß-Symbolik“ ausführlich zu Steiners Rassenlehre publiziert hat) mit einem Beitrag gemeldet, dessen Lektüre ich dringend empfehlen möchte, auch wenn der Autorin leider einige geradezu klassische Fehler unterlaufen. Titel: „Esoterik an Waldorfschulen – Bildung dank ‚Bildekräften‘: Lest Rudolf Steiner!“ Husmann beginnt wie folgt:

„Wer sich ein wenig mit Waldorfpädagogik beschäftigt und die Schriften ihres Begründers Rudolf Steiner (1861-1925) studiert, wird leicht über die sprachlichen Besonderheiten stolpern, welche die anthroposophische Rhetorik ausmachen. Das Wort “Bildekräfte” etwa gehört in diese Kategorie, ebenso wie der Begriff des “lebendigen Denkens”, den Steiner seinerzeit vom “toten” abstrakten Denken abzugrenzen suchte. Der heute zentrale Oberbegriff zur Beschreibung von Anthroposophie und Waldorflehre ist “ganzheitlich”. Das klingt irgendwie nach östlicher Weisheit, dem Einklang von Leib und Seele, nach Ausgeglichenheit und Wellness-Oasen. Wer wollte sich nicht gerne “ganzheitlich” fühlen und die Aromen von Weleda im Entspannungsbad genießen?“

Eigenartigerweise werden hier zur Charakterisierung von Steiners Jargon die Worte „Bildekräfte“ und „lebendiges Denken“ angeführt, die gerade nicht spezifisch steinerianisch sind. Ersteres hat Steiner von dem Esoteriker Edward Bulwer-Lytton abgeschrieben, während seine Vorgeschichte bis zum paracelsischen ‚Archaeus‘ reicht. Das „lebendige Denken“ indes steht an nicht unwichtiger Stelle in der Religionsphilosophie Johann Gottlieb Fichtes, und ebendaher hat es auch Steiner, wie Hartmut Traub in seinem (Husmann sicher bekannten) Buch Philosophie und Anthroposophie belegt (vgl. dort etwa 582-587). Freilich vergisst Husmann nicht, zu erwähnen, dass diese Begriffe nur die Spitze des Eisbergs sind, sie findet: „Wer nur einen Bruchteil der über 6000 Vorträge Steiners zu diesen Themen geschafft hat, weiß sicherlich, was der Steiner-Kritiker Peter Bierl mit der Aussage meint: ‚Wer Steiner liest, verdient Schmerzensgeld.'“ Im Original ist das auf Steiners Fans bezogen und weitaus amüsanter illustriert:

„Auffallend an den Epigonen ist bis heute, dass ihre Beiträge gebetsmühlenhaft und exegetisch sind. Wer anthroposophische Schriften liest, hat Schmerzensgeld verdient. ‚Geisteswissenschaftliche Forschung‘ besteht in der Regel darin, anhand von Steiner-Zitaten abzuleiten, was der große Meister beispielsweise zu Techno-Musik oder Computern gemeint haben könnte. Das Ergebnis ist ein hoher Ausstoß an bedrucktem Papier, intellektuelle Substanz entspricht homöopathischen Dosen.“ (Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, Hamburg 2005, 18)

Am Schluss echauffiert sich Husmann nach einer pittoresken Auflistung von allerlei okkulten, rassistischen, kosmo- und anthropologischen Details der Steinerschen Esoterik: „Ob diese ganzheitlichen Ein-Bildekräfte Steiners noch unter dem Begriff ‚Esoterik‘ zu fassen sind, sei der Beurteilung der Leser überlassen.“ Die relevante Frage müsste vielmehr umgekehrt lauten, was von diesen „Ein-Bildekräften“ nicht unter dem Begriff ‚Esoterik‘ zu fassen ist, insbesondere, wenn man Steiner mit anderen esoterischen Zeitgenossen vergleicht.

Unverständlich ist mir auch, dass Husmann keine Kritik des esoterischen Schlüsselterminus „Ganzheitlichkeit“ formuliert, den der völkische Idealist und Antisemit Paul de Lagarde prägte (und den sie ja selbst auch nur ironisch gebraucht).

Wie kaum ein anderer Begriff bringt „Ganzheitlichkeit“ den Vorrang esoterischen Systembaus vor dem Einzelnen, des Totalen gegenüber dem Subjekt auf den Punkt. Es ist der „ganzheitliche“ Anspruch, mit dem die Esoterik die Schattenseiten des Spinozismus und Deutschen Idealismus beerbt und der ihre Attraktivität im Zeitalter der Postmoderne erklärt. Das Philosophen- und Literatentum eines Richard David Precht, Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk steht heute wie seinerzeit Steiner für ein Programm des schlechten ‚ganzheitlichen‘ Universalgelehrten, deren Stupidität sich nicht darin ausdrückt, zu wenig zu wissen, sondern zu allem eine beliebig dehnbare Meinung zu haben. Anthroposophische Schlagwörter wie „biodynamisch“ finden sich inzwischen sogar im sonntäglichen Tatort, mit Sätzen wie „Ordnungssinn ist abzulehnen“ und „Es handelte sich eher um so etwas wie Stand-up-Okkultismus, einen ultraspätromantischen Poetry Slam: Wissenschaft der Form nach, an sich aber Mysterienspiel und Gesamtkunstwerk“ (FAZ) wird Steiner heute nicht nur in den Feuilletons, sondern auch bei Anthroposophen imaginiert: als „genialer Dilettant im positiven Sinne“ (Taja Gut) oder „Laie par excellence“ (Wolfgang Vögele: Sie Mensch von einem Menschen, Basel 2012, 14). Gegen jede noch so explizite Äußerung des Gurus feiern Anthroposophen heute selbst Steiners deterministische Temperamentenlehre nicht mehr als „Klassifizierung von Menschen, sondern pädagogische Künstler-Kompetenz“, deren viergliedriges Zuordnungsschema gar keinen Selbstzweck habe, sondern dazu ermuntern solle, sich über „Gestaltungsmöglichkeiten phantasievoll Gedanken zu machen“ (Johannes Kiersch: Waldorfpädagogik als Erziehungskunst, in: Rahel Uhlenhoff: Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart, 456). Dieses bösartige Klima postmoderner Beliebigkeit beseelt und bewirkt gegenwärtig das Wachstum und die interne Plausibilisierung der Waldorfbewegung, zieht ‚ganzheitlich‘, ‚bewusst‘, ‚ökologisch‘ orientierte Interessenten an – und ermöglicht gleichzeitig etwa die wohlig-warme Atmosphäre zur Tradierung völkischer Theorieelemente bis in die Gegenwart. Auch der letzte rote Faden von Steiners Weltanschaungskosmos, der Anspruch auf eine letztlich okkult-positivistische ‚übersinnliche Schau‘, wird zugunsten der Selbstsuggestion aufgegeben, Steiner habe alles ‚ganz anders‘, heuristisch, aphoristisch gemeint. Selbst im Vergleich mit anderen esoterischen Strömungen der europäischen Geschichte stellt dies eine Regression von der theosophischen ‚Clairvoyance‘ zum dumpfen Gejammer des Spiritismus dar.

Diese allzu ‚zeitgemäße‘ Anthroposophie erschwert auch die Betrachtung der ideologischen Prägung von Waldorfschulen. Husmann folgt diesbezüglich dem von Anthroposophen seit Steiner apodiktisch verneinten (vgl. etwa GA 77, 94), aber bei Anthroposophiekritikern beliebten Narrativ, dass die anthroposophische Esoterik an Waldorfschulen ‚indirekt‘ vermittelt werden solle. Sie schreibt:

„Die Krux der Waldorfpädagogik liegt in eben dieser Form der Intransparenz und einer strukturell beförderten Willkür, die es letztlich den einzelnen Lehrkräften aufbürdet und überlässt, wie und wie viel anthroposophische Inhalte die Klassenzimmer erreichen … Autoren der anthroposophischen Zeitschrift Info-3 haben schon vor fünf Jahren dafür plädiert, endlich zur esoterischen Ausrichtung der Anthroposophie und damit der Waldorfschulen zu stehen anstatt diese zu verschleiern. Schließlich, so Sebastian Gronbach, beginnt bereits jeder Schultag mit einem Morgenspruch Rudolf Steiners.“

Sie zitiert anschließend eine ähnlich gelagerte Äußerung Jens Heisterkamps (eine ausführlichere Exegese findet sich in Schwarz-Weiß-Symbolik, 342ff.). Anschließend leitet sie aus einigen Bemerkungen in einer Broschüre des Bundes der Freien Waldorfschulen, nach denen Steiner „nicht nur ein genialer Lehrer und Erzieher, sondern auch ein bedeutender Esoteriker war“ die (falsche) Folgerung ab, die Waldorfschulen hätten sich inzwischen dazu bekannt, dass sie Weltanschauungsschulen seien und freut sich:

„Dieses Bekenntnis der Waldorfschulen zur esoterischen Weltanschauungsschule ist ein richtiger Schritt. Waldorfeltern und -schüler sollten diese Grundlagen nicht zuletzt vor dem Hintergrund zur Kenntnis nehmen, dass sich laut einer aktuellen Umfrage 90% der Waldorflehrer mit Steiners Weltbild identifizieren.“

Husmanns Forderung, Waldorfschüler und -eltern sollten sich mit den anthroposophischen Grundlagen beschäftigen, ist ihrerseits ein richtiger Schritt. Dass von seiten besagter Eltern und Schüler „immer wieder vehement beteuert [wird], von „Astralleibern“ oder ähnlichem anthroposophischen Vokabular habe man im Unterricht noch nie etwas gehört“, wird bei Husmann glücklicherweise auch nicht mehr als dreiste Lüge abgetan, sondern durchaus ernstgenommen. Für sie steht fest: „Was folgt daraus? Steiner lesen!“ Zu ergänzen wäre hier nur, dass dieser Imperativ nicht nur für Waldorfeltern und -schüler, sondern mindestens ebenso für die Lehrer gelten sollte. Husmann pocht zwar auf eine „aktuelle Umfrage“, nach der 90% aller Waldorflehrer sich mit Steiner identifizierten und auch ihr Intimus Andreas Lichte hat die Quelle für diese Information in gewohnter Manier munter verbreitet: Den oben zitierten Taz-Artikel zur Hamburg-Wilhelmsburger „staatlichen Waldorfschule“, in dem Heiner Ullrich zu Wort kommt.

Die „aktuelle Umfrage“ liegt scheinbar weder Lichte noch Husmann, sondern nur Ullrich vor. Bei näherem Hinsehen ergibt sich hier ein nicht unerhebliches Problem: Die einzige mehr oder weniger aktuelle „Umfrage“ zum Thema ist nämlich noch nicht publiziert. Sie wurde vom Bund der Freien Waldorfschulen co-finanziert und von der anthroposophischen Alanus-Hochschule in Kooperation mit Heiner-Barz von der Heine-Universität Düsseldorf durchgeführt. Den meisten Anthroposophiekritikern gelten die von diesem Duo produzierten Waldorfstudien als parteiisch und unseriös, allen voran Andreas Lichte. Anscheinend wird dieser erst einmal berechtigte Vorbehalt jedoch gern und schnell vergessen, sobald eine Information die eigene Meinung zu stützen scheint.

Dass 90% der Waldorflehrer Hardcore-Anthroposophen seien, in diesem Wunschtraum sind sich die Leitfiguren der Waldorfszene und ihre Gegner endlich einmal einig. Auch Andreas Lichte hat die Meldung der „Erziehungskunst“, in Hamburg-Wilhelmsburg werde keineswegs „Waldorfpädagogik light“ herrschen, dankbar in seinem Offenen Brief zitiert. Sowohl die Waldorfianer als auch ihre Kritiker verbreiten allzu oft die Propaganda ihrer Gegner. Hier fühlt man sich an den Esoterikforscher Michael Bergunder und seine These erinnert, dass „die Esoterik“ als diskursive Identitätsposition ebenso Eso-Gegner wie Anhänger umfasst. Und schon 2010 hat Christof Wiechert von der Pädagogischen Sektion am Goetheanum gefordert, durch entsprechende Nachqualifikation sollten wenigstens wieder 75% der Waldorflehrer anthroposophisch ausgebildet sein (Wiechert: Lust aufs Lehrersein? Eine Ermunterung zum (Waldorf-)Lehrerberuf, Dornach 2010). Schon der Titel von Wiecherts Buch liest sich wie eine der Kampagnen, Webseiten, Broschüren, Plakate und nicht zuletzt der Vorträge, die auf Initiative des Waldorfbundes inzwischen sogar vor Waldorfschülern der Oberstufe gehalten werden, um genügend Kunden für die stramm anthroposophisch ausgerichteten Waldorflehrerseminare zu gewinnen. Im Lehrkörper der Schulen ist die Lage längst komplizierter, da viele Neueinstellungen sich kein bisschen mit Anthroposophie auskennen und die einzelnen Schulen auch kaum eine Wahl haben: Lehrer mit zweitem Staatsexamen sind gefragt, um das Abitur abnehmen zu können, aber viele davon haben sich nie zu einer Waldorfausbildung herabgelassen, der anthroposophische Rest an Waldorfschulen folgt immer öfter den Imperativen der postmodern-seichten Steinerlesart (vgl. Waldorf weiter auf Abwegen, Abschnitt „‚Anthroposophische‘ Praxis an Waldorfschulen).

Umso mehr kann man sich hier Husmanns Forderung „Steiner lesen!“ anschließen:

„Was folgt daraus? Steiner lesen! Anstatt die anthroposophischen Inhalte vordergründig aus dem Unterricht auszublenden, wäre es entsprechend wünschenswert, nicht nur Lehrer, sondern auch (angehende) Waldorfeltern und Waldorfschüler zur Steiner-Lektüre zu verpflichten. D.h. Eltern und Schüler sollten sich zumindest in Teilen durch die 350-bändige Gesamtausgabe durcharbeiten und all die detailreichen Beschreibungen des anthroposophischen Evolutions- und Geschichtsmodell kennenlernen, das Grundvokabular „atlantischer Kulturepochen“ und „arischer Wurzelrassen“ beherrschen, von den gallertartigen Zuständen des Menschen in seinen früheren Bewusstseinsstadien zu berichten wissen, die endlosen Darstellungen zu höheren Welten und geistigen Wesenheiten, zu Äther- und Astralleibern, zur Dreigliederung von Physiologie und sozialem Organismus lesen, um die Zeitgeister und Geister der Form, die Jupiter- und Merkurrassen wissen, die Ausführungen zum verhassten Materialismus, dem bösen Geist des dunklen Ahriman, und zum „hohen Sonnengeist“ Christi verfolgen. … Die Steiner-Lektüre ist nicht zuletzt jenen Senatoren zuzumuten, die die Zusammenlegung von staatlicher Schule und Waldorfschule in Hamburg-Wilhelmsburg befürwortet haben. Aber lassen wir am Schluss den Meister selbst zu Sinn und Zweck der Anthroposophie als „geistiger Wissenschaft“ zu Wort kommen: „Sehen Sie, die Geschichte ist so ernst, daß man sagen kann: Es muß die Menschheit auf der Erde auf andere Weise als in alten Zeiten zu etwas kommen, was wiederum etwas hergibt. Denn es ist tatsächlich so, daß, je mehr die blonden Rassen aussterben, desto mehr auch die instinktive Weisheit der Menschen stirbt. Die Menschen werden dümmer. Und sie können nur wiederum gescheit werden, wenn sie nicht auf den Körper angewiesen sind, sondern wenn sie eine wirkliche geistige Wissenschaft haben. Das ist tatsächlich so. Und wenn die Leute darüber lachen, so mögen sie lachen. Aber sie haben ja über alles gelacht, was irgendwo aufgetreten ist und einen großen Umschwung hervorgebracht hat!“ (GA 348, 103)

20. Oktober 2012 at 6:23 pm 6 Kommentare

Waldorf weiter auf Abwegen

„Das Banale kann nicht wahr sein.
Was, in einem falschen Zustand, von allen akzeptiert wird,
hat, indem es diesen Zustand als den ihren bestätigt,
vor jedem besonderen Inhalt schon sein ideologisches Unwesen.“
– Theodor Adorno: Meinung, Wahn, Gesellschaft (Gesammelte Schriften 10.2)

Waldorf in Wilhelmsburg

Dieser Tage machen die Waldorfschulen wieder einmal mit positiven Schlagzeilen auf sich aufmerksam – Schlagzeilen zu zwei Themen: Eine weitere emprirische Studie bestätigt, was auch vorher nur die ideologischsten Waldorfgegner bestritten haben – dass Waldorfschüler sich im Allgemeinen an ihren Schulen wohlfühlen. In Hamburg-Wilhelmsburg fusioniert derweil auf Anregung von Schulsenator Ties Rabe (SPD) eine öffentliche Grundschule mit dem örtlichen „Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik“.

„Es gibt viele bei den Waldorfschulen, die wollen raus aus den bildungsbürgerlichen Stadtteilen“, berichtet Christiane Leiste vom Waldorf-Verein. Deshalb wollten Lehrer und Eltern bewusst in Wilhelmsburg eine Waldorfschule gründen, nach dem Vorbild der „Interkulturellen Waldorfschule Mannheim“ … „Wir waren sehr überrascht über dieses Angebot“, berichtet Leiste. Nach mehrmonatigen Konzeptgesprächen mit der Schulbehörde gab es nun eine gemeinsame Tagung mit den Lehrern der Fährstraße. Die Überschneidung der Wünsche, wie man Schule gern gestalten möchte, sei groß, berichtet Leiste. Beide Seiten wollten keine Noten, keine Lernstandserhebungen und mehr künstlerisch mit den Kindern arbeiten. Und sie würden die Kinder gern bis Klasse 8 oder länger behalten. All dies sind klassische Bestandteile der Waldorfpädagogik, neben den bekannten Elementen wie Eurythmie oder Epochenunterricht. „Das wird keine Eins-zu-eins-Waldorfschule“, sagt Leiste. „Kein Lehrer wird gezwungen, Eurythmie zu machen“ (taz)

Die Schule wird wohl 2014 ihre Tore öffnen. Natürlich sind alle Vertreter der Stadt Hamburg eilig bemüht, zu versichern, dass hier mitnichten ein öffentlicher Versuch unternommen werde, die esoterische Hausphilosophie der Waldorfschulen zu fördern: Rudolf Steiners Anthroposophie. „Es geht nicht darum, die Ideologie von Rudolf Steiner in staatliche Unterrichtspraxis zu überführen“, so ein Vertreter der Schulbehörde. Man wolle nur jene waldorfpädagogischen Unterrichtspraxen, die „allseits akzeptiert sind: Der ganzheitliche Ansatz, der sowohl die kognitiven als auch die emotionalen und handwerklich-künstlerischen Aktivitäten im Unterricht zusammenführt. Die künstlerisch-musische Ausrichtung soll im Mittelpunkt stehen.“

Man würde erwarten, dass diese Distanznahme zu Steiner in der anthroposophischen Szene mit Missfallen beobachtet wird. Die Trennung der Waldorfpädagogik von ihrem charismatischen Begründer, Steiner, wird dort im Allgemeinen als Todesurteil betrachtet. Exemplarisch dazu einige Zeilen aus der Waldorfzeitschrift „Erziehungskunst“:

„Wie ein Menschenleib in der ersten Zeit nach seinem Tode dem lebendigen Menschen noch sehr ähnlich sieht, so ist ihm doch das Leben entschwunden, und es wird nicht lange dauern, dann wird dieser Leib sich in den äußeren irdischen Elementen auflösen. So wäre es auch mit der Waldorfpädagogik: Sie kann lebendig sein, von Leben und Gefühl durchpulst; oder sie kann sich eine gewisse Zeit durch das bereits Erarbeitete erhalten, müsste dann aber zwangsläufig sich mit der Zeit auflösen und vielleicht gar in dem üblichen Schulsystem aufgehen.“ (Dieter Centmeyer: Waldorfschule ohne Steiner?, Erziehungskunst 10/2007, 1142f.)

Die Bindung an Steiner garantiert in dieser Perspektive das Leben der Waldorfschulen wie anderswo die Kreuzigung Jesu die Vergebung der Sünden. „Die Verbindung der Waldorfpädagogik mit Rudolf Steiner belebt, beseelt und begeistert den Schulorganismus in feiner, fast homöopathischer Weise, sie weckt die stärkenden und gesundenden Kräfte.“ (ebd., 1143)

Allerdings: Es ist ein unerklärliches Spezifikum der Anthroposophie, dass ihre Angehörigen die Grundzüge ihrer Überzeugung fröhlich von sich werfen, sobald jemand Steiner, Waldorf & Co auch nur mit einem einzigen positiven Wort erwähnt. Unvergleichlich war etwa der anthroposophische Jubel, als Peter Sloterdijk 2011 Steiner mit banalen Phrasen zum frühen Vertreter seiner eigenen mentalen Fitnessideologie ernannte (Vgl. Inhalte überwinden). Dankend übergangen wurde, dass Steiners Kosmologie wenig gemeinsam hat mit Sloterdijks Philosophie, deren Konzepte von „Anthropotechnik“ und „Menschenzucht“ selbst ein Jürgen Habermas 1999 als „genuin faschistisch“ bezeichnete (vgl. zum Thema Anthroposophie und Faschismus „…ja gewiss kam es zu Spannungen“)

Nach dem selben Muster gestaltet sich das anthroposophische Echo zu dem Schulversuch. So begrüßte die „Erziehungskunst“ den Hamburg-Wilhelmsburger Waldorfhybriden bedingungslos, Info3 freute sich über den „konstruktiven Mix aus Waldorfpädagogik und staatlichem Schulwesen“. Mit Blick auf den allzu dogmatischen Ruf der Anthroposophie könnte diese augenscheinliche ideologische Flexibilität durchaus beruhigen – zöge man dort die entsprechenden Konsequenzen. Die allmonatlichen Plattitüden der „Erziehungskunst“ gehen der kritischen Auseinandersetzung mit Steiners Weltanschauung fast ausnahmslos aus dem Weg. Für Info3 gilt das Gegenteil, aber gerade hier würde man deshalb eine Diskussion über die Selbstaufgabe der Anthroposophie um den Preis offiziöser Anerkennung erwarten.

Die esoterische Grundierung der Waldorfpädagogik enthält neben beunruhigenden Typologien und einer starren hebdomadologischen Entwicklungspsychologie auch humanistische Rückstände einer humboldtschen „Universalbildung“. Eben diese werden auch von ihren ‚kritischen Sympathisanten‘ wertgeschätzt: „Waldorf hat jedem Kind ein zwölfjähriges Curriculum zu bieten, vom Landbaupraktikum bis zur Faust-Aufführung ist da Spannendes drin.“ (taz) In der Resistenz der Waldorfpädagogik gegen das öffentliche Schulsystem, gegen Noten, Ökonomisierung, Methoden- und „Kompetenzzentrierung“ (vgl. Krautz: Bildung als Anpassung) lagen und liegen nicht nur ihre dogmatischen Gefahren, sondern auch die „unzeitgemäßen“ Stärken. So hat man es immerhin mit einer Alternative zum anderweitig schlechten öffentlichen Schulsystem zu tun – eine Differenz allerdings, die alle Beteiligten gern beseitigen möchten.

„Waldorfpädagogen verlieren die staatlich gültigen (Prüfungs-)Anforderungen an die Jugend nicht aus dem Blick … Moderne Vertreter dieser Erziehungskunst schaffen es in diesem Sinne durchaus, manches am Steinerschen Gesamtkunstwerk für verschroben, allzu mystisch und unzeitgemäß zu halten. Dann entrümpeln sie ein wenig, auf dass die jenseitige Botschaft verträglich sei mit den Anforderungen an eine moderne Volksbildung. So geht es am Ende in solchen Schulen doch wieder ziemlich normal zu, und die Vertreter der Staatsschule können zufrieden sein … Fortschrittliche Pädagogen entdecken auf diese Weise in der Waldorfschule immer auch ihre eigenen Erziehungsideale wieder. Das spricht gegen beide.“ (Freerk Huisken: Erziehung im Kapitalismus, Hamburg 2001, 457f.)

Postmoderne Waldorftheorie

Auch die grauen Eminenzen der Anthroposophie scheinen sich mit der Berufung auf ihren Anschluss an ‚höhere Welten‘ immer weniger sicher zu sein. Einer ‚geistigen Welt‘ versucht man sich durch die Beschwörung der herausragenden Integrität der Person Rudolf Steiners zu versichern. „Durch seine Mitwirkung war das unmittelbare Einströmen von Rat und Hilfe aus der Geisterwelt … gemeinsam erfahrene Realität gewesen. Seine durch sein Lebenswerk ebenso wie durch den seine Person und die Art seines Wirkens gerechtfertigte Autorität verlieh seinen Entscheidungen eine alle Widersprüche des Lebens versöhnende, beruhigende Sicherheit.“ (Johannes Kiersch: Steiners individualisierte Esoterik einst und jetzt. Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Dornach 2012, 80) Im Waldorfbereich zählt man ebenfalls mehr auf die mythopoietische Evidenz der Steinerschen Modelle denn auf den Glauben daran. So heißt es in den vom BdFW herausgegebenen „Leitlinien der Waldorfpädagogik” (Rainer Patzlaff und Wolfgang Saßmannshausen, Pädagogische Forschungsstelle des Bundes der Freien Waldorfschulen, 2005)  mit Bezug auf Steiners entwicklungspsychologischer Jahrsiebte-Lehre, es sei ein Irrtum, anzunehmen,

„es handle sich hier um einen natürlichen Rhythmus, der sich von selbst einstelle, genauso gesetzmäßig wie viele andere Rhythmen, die in unserem Organismus biologisch wirksam sind. Das ist nicht der Fall. Der Siebenjahres-Rhythmus ist nicht von der Natur vorgegeben, ebensowenig wie die Einteilung des Jahres in siebentägige Wochen. Dennoch handelt es sich nicht um mystische Zahlenspielerei, wie vielfach behauptet wird. Vielmehr kommt dem Siebenjahres-Rhythmus salutogenetische Bedeutung zu … Das Kind erhält für sein ganzes späteres Leben eine tragende Grundlage, wenn es sich auf diesen gesundenden Rhythmus einschwingen darf.” (ebd., 35)

Es wird also nicht mehr vorausgesetzt, bei Steiners „Schauungen“ von der sukzessiven Entfaltung übersinnlicher „Wesensglieder“ in Sieben-Jahres-Schritten handle es sich um geistige „Erkenntnis“. Stattdessen sieht man darin einen „pädagogisch-therapeutischen Richtwert” „salutogenetischer“ Natur, es sei “gesund” und “heilsam” für ein Kind, sich auf ihn “einschwingen” zu dürfen. Hier wird Steiners ‚hellseherischem‘ Postulat, das eben richtig oder falsch sein könnte, jeder Anspruch auf Wahrheit ausgetrieben. Zurück bleibt eine paternalistische Vorstellung von “Heilung” – die ihre einzige und sei sie noch so fragwürdige Begründung verloren hat. Egal, wieso, es sei nunmal einfach heilsam für das Kind, nach dem Sieben-Jahres-Rhythmus behandelt zu werden.

Die heutigen Verteter der Steinerschen Pädagogik scheinen sich dadurch auszuzeichnen, dass ihnen ihr eigener Glaubensgegenstand abhanden gekommen ist, ohne dass dies Anlass irgendeiner selbstkritischen Reflexion wäre. Letzterem darf hinzugefügt werden, dass es nicht für alle Waldorfpädagogen zu gelten scheint. Jost Schieren (Prof. für Waldorfpädagogik an der Alanushochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn) mahnt immerhin Vorsicht im Umgang mit Steiners ‚Geisteswissenschaft‘ an:

„Vieles, was mir bisher als sogenannte Reinkarnationsforschung begegnet ist, betrachte ich als Vermessenheit, die der Persönlichkeit des anderen Menschen nicht gerecht wird. Nochmals: Als Pä­dagoge habe ich es vor allem mit der Persönlichkeit des Kindes und Jugend­lichen zu tun, die noch gar nicht voll­ständig ausgebildet ist. Wir stehen ja, wenn wir es mit einem Menschen zu tun haben, vor einem gro­ßen Geheimnis, das Geheimnis des menschlichen Ich. Und es gibt eine Achtung vor dem Geheimnis. Auch wenn Rudolf Steiner manches Geheim­nis gelüftet hat, bedeutet dies nicht, dass wir damit einfach umgehen kön­nen. Auch dies ist eine wissenschaftli­che Haltung.“ (Schieren: Bewusstseinsethische Aufgabe, Interview, in: Das Goetheanum, 12/2010, 9)

„Bildungserfahrung an Waldorfschulen“

Im eben umrissenen ideologischen Kontext ist die kürzlich vorgestellte Studie „Bildungserfahrungen an Waldorfschulen“ zu sehen. Befragt wurden 800 SchülerInnen von zehn Waldorfschulen. Durchgeführt wurde das Projekt von Heiner Barz (Prof. für Bildungsforschung an der Universität Düsseldorf), Dirk Randoll (Prof. für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt empirische Sozialforschung an der Alanus-Hochschule) und Dr. Sylvia Liebenwein (ebenfalls Düsseldorf). Prof. Andreas Schleicher, Gallionsfigur der Schulökonomisierung im Zeichen der PISA-Studien, hat die Einleitung zu der im renommierten Wiesbadener VS-Verlag erschienenen Publikation geschrieben. Schleicher war auch auf der Pressekonferenz zu ihrer Vorstellung zugegen. „Es gibt ein hohes Maß an Kongruenz zwischen dem, was die Welt von Menschen fordert und dem, was an Waldorfschülern gefördert wird“, zitierte ihn Welt-Online.

Die Ergebnisse der Studie, wie sie die „Welt“ referiert, liegen durchaus im Bereich dessen, was auch vom Hörensagen über Waldorf bekannt ist. So sollen 13 Prozent der WaldorfschülerInnen mehr Spaß am Lernen haben als ihre LeidensgenossInnen an öffentlichen Schulen.

„Auch das Schulklima und die Lernatmosphäre wird vom weitaus größten Teil der Befragten, 85 Prozent, als angenehm und unterstützend beschrieben. An Regelschulen finden das nur 60 Prozent. Weiterhin wird die Beziehung zu den Lehrern deutlich besser beurteilt – 65 Prozent der Waldorfschüler stehen hier knapp 31 Prozent der Regelschüler gegenüber. Auch die Identifikation mit der Schule ist größer als bei anderen Schülern; und zudem leiden Kinder an Waldorfschulen bedeutend seltener an somatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen.“ (ebd.)

Waldorfkritiker stehen den inzwischen doch recht zahlreichen Studien in der Regel skeptisch gegenüber – vermutlich, weil noch keiner entdeckt hat, dass dort auch die Konversion von Waldorfschülern zur Anthroposophie rekonstruiert wird (vgl. Till-Sebastian Idel: „…und ja, die wesentlichen Impulse kamen aus der Schule“. Rekonstruktion einer Waldorfschulbiographie, Opladen u.a. 2012). Stefan Hopmann (Prof. für Schul- und Bildungsforschung in Wien), meinte etwa in einem Interview mit Andreas Lichte: „Mag sein, dass trotz der Waldorfpädagogik das Engagement im kulturellen und ästhetischen Bereich manchem Waldorfschüler geholfen hat, seine eigenen Ideen zu entwickeln. Mehr als „anekdotische Evidenz“, Berichte über mehr oder weniger erfolgreiche Waldorfschüler, gibt es da nicht, jedenfalls – wie auch für alle anderen Leistungsversprechen der Waldorfschulen – keine unabhängigen Längsschnittuntersuchungen, die so vollmundige Selbstbeschreibungen bestätigen könnten.“ Ähnlich hatte bereits 2005 Peter Bierl gemahnt: „Dennoch sollte man sich vor pauschalen Urteilen über die Praxis an Waldorfschulen hüten. Erstens gibt es keine breit angelegte empirische Studie von unabhängiger Seite über den Unterricht. Zweitens kommen viele Erzieher und Pädagogen, die in diesen Einrichtungen arbeiten, von staatlichen Universitäten. Ihnen fehlt der anthroposophische Hintergrund.“ (Peter Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, Hamburg 2005, 13)

Darin muss man sowohl Hopmann als auch Bierl zustimmen. Längsschnittstudien beispielsweise stehen in der Tat noch aus. Die in den vorhandenen Studien als waldorfspezifisch interpretierten Faktoren könnten darin sehr viel genauer untersucht und aufgeschlüsselt werden. Wie auch immer: Ein Dutzend wenn auch nicht repräsentativer Studien legt durchaus und sehr detailliert jene „anekdotischen Evidenzen“ nahe, die mir aus meiner eigenen Schulzeit und den Berichten zahlreicher Waldorfschüler gut vertraut sind: Gute Schüler-Lehrer-Beziehungen und angenehmes Schulklima an Waldorfschulen – überschattet von sozialen Klimakatastrophen. Auf der Unterrichtsebene stehen Künstlerische Fächer mit der Gelegenheit, jeweils „sein eigenes Ding zu machen“ neben Defiziten in Naturwissenschaften und Sprachen.

Natürlich haben die Waldorfschulen die jüngste Studie zu „Bildungserfahrungen“ gern akzeptiert und aktiv gefördert – die Pressekonferenz wurde zur regelrechten Werbeveranstaltung des Bundes der Freien Waldorfschulen. Anders als am Beispiel Hamburg-Wilhelmsburg wurden die von der Studie nahegelegten Waldorferfolge hier als reine Resultate der anthroposophischen Pädagogik gefeiert.

BdFWS-Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick betonte, die Studie zeige, dass die Waldorfpädagogik mit ihrer Berücksichtigung des Lernumfelds, der Lernatmosphäre und der aktiven Beteiligung der Schüler an der Gestaltung des Unterrichts auf dem richtigen Weg sei. Es komme – auch nach den Ergebnissen der modernen Hirnforschung – darauf an, Eigenaktivität und Kreativität der Schüler einzubeziehen und ihnen damit die Motivation zum lebenslangen Lernen zu vermitteln. Kullak-Ublick: „Wir freuen uns über die neue Studie, die mit empirischen Mitteln belegt, dass die Bildungserfahrungen an den Waldorfschulen genau diejenigen sind, die die Schüler in der heutigen Welt brauchen.“ (Pressemitteilung des Bundes der Freien Waldorfschulen)

Von links: Andreas Schleicher, Heiner Barz, Henning Kullak-Ublick

Von links: Andreas Schleicher, Heiner Barz, Henning Kullak-Ublick. Pressebild des Bundes der Freien Waldorfschulen.

„Anthroposophische“ Praxis der Waldorfschulen

So bleibt einmal mehr ein ambivalentes Bild: Die Waldorfschulen sind nach wie vor weit davon entfernt, sich der kritischen Aufarbeitung ihrer ideologischen Grundlagen zu stellen. Gleichzeitig scheinen sie bemüht, ihr spezifisches Profil zur besseren Variante des öffentlichen Schulsystems herabzuwirtschaften. Die Imagepolitik des Bundes der Freien Waldorfschulen scheint auf die Botschaft hinauszulaufen, man böte letztlich die bessere Regelschule. Die ’spirituelle‘ Selbsteinschätzung hält Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick nicht einmal davon ab, sich auf die biologistischen Hirngespinste der „modernen Hirnforschung“ zu berufen – wenigstens dem müsste die Ich-Philosophie Steiners doch vorbeugen (vgl. etwa GA 4, 31). Was auch immer diesem augenscheinlichen Opportunismus zugrundeliegt, er markiert das Ende der wenn auch diffusen Schulkritik, die Steiner durchaus noch artikulierte: „Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlußziele werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die denkbar schlechtesten, und man bildet sich das denkbar Höchste auf sie ein.“ (GA 300a, 61) Die Waldorfschulen verlieren durch Anbiederungen an PISA und Co, durch ihre Versuche, mit „alternativkulturellem“ Überbau doch nur die bessere öffentliche Schule zu sein, noch den letzten subversiven Zug. Dazu fand Christian Grauer die treffenden Worte:

„Und mein größter Argwohn gegenüber der Waldorfpädagogik ist, dass ihre zumindest ansatzweise interessanten und in eine bessere Richtung weisenden Ideen so sehr zu liebgewonnenen Traditionen verdorrt sind, dass sie den Fortbestand der Schwachsinnsinstitution Schule insgesamt sogar noch stärken, statt ihn aufzubrechen … Das bewegte Klassen-zimmer ist ein toller Ansatz, nur sollte man das Klassenzimmer endlich dorthin bewegen, wo es hingehört: in die Tonne.“ (Christian Grauer: in: Endstation Dornach, 254)

Allerdings fragt sich ohnehin, wie viel an den realen Erfolgen der Waldorfschulen noch auf anthroposophische Einflüsse zurückgeht:

„Mehr als die Hälfte des Nachwuchses hat keine Ahnung von Waldorfpädagogik und Anthroposophie, viele von ihnen arbeiten sich ein und werden dann gute Waldorflehrer, aber noch mehr verschwinden nach kurzer Zeit wieder.“ Nur 26 Prozent der Neueinstellungen verfügten „über eine Waldorf-Vollzeitausbildung von mindestens einjähriger Dauer.“ (Johannes Kiersch: Wir leben in einer Phase der Umstülpung, Interview, in: in: Novalis 52 / 1998, Heft 11, 42)

„Da die Waldorfschule aus Gründen der staatlichen Anerkennung auf Lehrer mit zweitem Staatsexamen, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern, angewiesen ist, diese aber nur selten eine waldorfpädagogische Ausrichtung haben, gibt es immer wieder deutliche Interessenkonflikte … Mit zunehmendem Alter der Schulen wird der Prozentsatz der waldorfpädagogisch ausgebildeten Lehrer immer kleiner, nicht zuletzt deswegen, weil offenbar zunehmend weniger Lehrer an einer waldorfpädagogischen Ausbildung Interesse haben. Das mag auch damit zusammenhängen, dass viele neugegründete Schulen für reformpädagogisch Interessierte eine größere Auswahl bedeuten … Außerdem braucht die Waldorfschule gerade durch das veränderte Klientel neben der anthroposophischen Weltsicht heute vor allem pädagogische, didaktische Erziehungskompetenz bei den Lehrern, um sich den besonderen Erfordernissen in der Arbeit mit der jetzigen Schülergeneration und ihren Eltern stellen zu können. Diese Kompetenzen werden offenbar in den Waldorf-Lehrerseminaren nicht oder nur unzureichend gelehrt … Dass die Beeinflussung eher von den heimischen Welten in die Schule geht und weniger in die andere Richtung, ist verständlich, denn die Zeit zu Hause und in den Weiten der Bildschirmwelten ist etwa doppelt so lang, wie die in der Schule verbrachte Zeit.“ (Gerhard Vilmer: Waldorfsalat. Zur Psychologie der Waldorfschulen, Norderstedt 2012, 26ff.)

Was die verbleibenden anthroposophisch überzeugten Lehrer angeht: Bereits 1991 konstatierte Heiner Barz auf Basis einer Stichprobenuntersuchung eine eher oberflächiche Reproduktion und Rezeption Steinerscher Theoreme.

„Die Temperamentenlehre konnte aus den Schilderungen des alltäglichen Unterrichts überhaupt nicht und bei den weiteren Themen nur in sehr vereinfachter Form identifiziert werden, etwa wenn es hieß, dass die eher ‚geistig-seelisch aktiven‘ Kinder (’schwärmerisch, verträumt‘) und die eher ‚leiblich-gebundenen‘ Kinder (‚essen immer unter der Bank‘) gezielt angesprochen würden. Für die Reinkarnations- und Karmalehre gilt ähnliches … Auch die Betonung des formalen bzw. rein prozeduralen Aspekts des anthroposophischen Erkenntnisweges, wie sie sich im ‚offiziellen‘ Waldorfsschrifttum findet, konnte nicht bestätigt werden. Soweit dieser Aspekt für die Praxis subjektive Relevanz hat, handelt es sich vor allem um Selbsterziehung im Sinner von Selbstbeherrschung (Affektkontrolle) und um den Erfahrungsnachvollzug des vorgegebenen ’spirituellen Realismus‘.“ (Barz: Zwischen lebendigem Goetheanismus und latenter Militanz? Eine Studie zur Alltagsorientierung von Waldorflehrern, in: Neue Sammlung 31/1991, 231f.)

Dies gilt selbstverständlich nicht für alle anthroposophischen Waldorflehrer, erst recht nicht für die offiziellen Repräsentanten dieser Pädagogik und sicher nicht für die Waldorflehrerseminare. Nichtsdestominder sind die anthroposophischen Überzeugungen an Waldorfschulen am Versickern. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass und warum Mathias Maurer, Chefredakteur der „Erziehungskunst“, sich sogar darüber freut, wenn Kritiker die Waldorfschulen des ungebrochenen Festhaltens an Steiners Lehren beschuldigen:

“Die sogenannte Temperamentenlehre Rudolf Steiners wird zwar an den Waldorflehrerseminaren und hochschulen gelehrt, findet aber im Unterricht der Waldorfschulen immer weniger praktische Anwendung. Insofern kann man es begrüßen, dass Erziehungswissenschaftler diese ‘spätantike hippokratische’ Persönlichkeitstypologie kritisch unter die Lupe nehmen und Waldorflehrern wieder ins Stammbuch schreiben, was eigentlich zu ihren pädagogischen Essentials gehört.” (vgl. Temperamente reloaded)

Hier geht letztlich ein Streit in eine neue Runde, der die Waldorfschule bereits seit ihrer Gründung beschäftigt. Mit Hans Rutz und Hannah Lang waren bereits 1919 zwei Nichtanthroposophen im Kollegium der Stuttgarter Pionierschule. „Das sage ich Ihnen aber gleich von vorneherein“, so Hans Rutz zu Steiner, „ich bin kein Anthroposoph; ich muss meine volle geistige Freiheit haben!“ (zit. n. Gisbert Husemann/Johannes Tautz: Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner, Stuttgart 1977, 298) Rutz fand schließlich zur Anthroposophie und wird in der anthroposophischen Hagiolatrie bis heute als besonderer „Freigeist“ gefeiert (vgl. Forschungsstelle Kulturimpuls). Doch zu solchen Konversionen scheinen viele heutige Waldorflehrer nicht mehr bereit zu sein. Die Forderungen der Waldorforthodoxie lassen sich offenbar nicht durchsetzen, und derweil verlieren  die Waldorfschulen durch Anbiederungen an PISA und Co, durch ihre Versuche, mit „alternativkulturellem“ Überbau doch nur die bessere öffentliche Schule zu sein, noch den letzten subversiven und schulkritischen Zug. Dieser „garstig breiten Graben“ zwischen Theorie, Praxis und Selbstverständnis der Waldorfschulen wird durch Imagepflege und auch das kompetente Lächeln von Andreas Schleicher nicht aufgehoben.

28. September 2012 at 1:17 am 15 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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