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Friedrich Hiebel und die Waldorfschulen in der NS-Zeit – oder: mehr Michael Mentzel

An den jüdisch-stämmigen Waldorflehrer Friedrich Hiebel (1903-1989) erinnerte kürzlich der Anthroposoph Michael Mentzel auf seiner Seite „Themen der Zeit“. Und zwar völlig zurecht: Hiebels Verhalten vor seiner Kündigung durch die Stuttgarter Waldorfschule im Zuge der „Gleichschaltung“ 1934 wäre eine nähere Analyse wert. Aber Mentzels Artikel mit dem großspurigen Titel „Spurensuche. Anthroposophie und Nationalsozialismus“ ist zugleich das beste Beispiel dafür, wie und warum vielen Anthroposophen der Umgang mit der Geschichte ihrer eigenen Bewegung offensichtlich noch schwerfällt.

Mentzel beginnt seinen Artikel so:

Wohl kaum jemand wird noch die Irrtümer und Fehleinschätzungen leugnen, vor denen auch Anthroposophen in der NS-Zeit – aus welchen Gründen auch immer – nicht gefeit waren. Gleichwohl ist die Tendenz einiger Historiker, den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner und seine geistigen Erben im völkisch-rassistischen Spektum zu verorten, mehr als bedenklich.

Und schreibt gleich im Anschluss:

Aktuell plant der Info3 Verlag die Herausgabe einer Biographie Hans Büchenbachers, der – im Gegensatz zu vielen damaligen anthroposophischen Zeitgenossen – eine klare Haltung zum Nationalsozialismus eingenommen hatte. Vielleicht darf bei dieser Gelegenheit auch an den 1903 geborenen Schriftsteller Friedrich Hiebel erinnert werden, der ebenso wie Hans Büchenbacher einen jüdischen Elternteil hatte.

Irrtümer

Mentzel erwähnt dankenswerterweise, dass der Info3-Verlag eine Biographie Hans Büchenbachers herausgebe (das Buch ist zwar keine Biographie, aber immerhin). So begrüßt er zwar einerseits (und wie gesagt: immerhin), dass Anthroposophen, die (wie Büchenbacher) die völkisch-rassistischen Umtriebe anderer Anthroposophen benennen, publiziert werden.

Aber das, was sie zu sagen hätten, hält er dabei kurioserweise für eine „bedenkliche“ „Tendenz einiger Historiker“. Der er offenbar inhaltlich nichts entgegenzusetzen hat. Wie auch, da die anscheinend begrüßten Quellen ja eben genau das hergeben, was die Historiker sagen? Stattdessen spricht Mentzel von „Irrtümern und Fehleinschätzungen“, was wohl ein Euphemismus für Anthroposophen sein soll, die Nazis waren. Für Mentzel unerklärlich („…aus welchen Gründen auch immer“). Aber „völkisch-rassistisch“ natürlich nicht. Dass kürzlich beispielsweise Holger Niederhausen die Rehabilitierung des Ersten Weltkriegs als „Rettung“ vor „dem Materialismus“ (ein locus classicus völkischer Theoretiker) und von Steiners Ansichten über „Rassen“ als „Tatsachen“ vornahm, erschien Mentzel ja keineswegs ‚bedenklich‘, sondern nur meine Kritik daran.

Vermutlich sollte man diese halbherzige Einleitung dennoch begrüßen und als Lernprozess Mentzels lesen. Der hatte auf Felix Haus und meine Feststellung, dass Marie Steiner-von Sivers (deren rassistische, verschwörungstheoretische und antisemitische Äußerungen Mentzel jedenfalls auszugsweise auch ganz bequem im Internet finden könnte) ein Exemplar von „Mein Kampf“ besaß, 2011 noch in üblicher Manier losspekuliert:

Dazu noch – in der Bibliothek Marie Steiner – die Entdeckung von Hitlers „Mein Kampf“ mit jeder Menge „Anstreichungen“ und „Ausrufezeichen“. Begleitet von einer wispernden und der zwischen den Zeilen unausgesprochenen Hoffnung, dereinst noch mehr davon zu finden. Ganz spontan kam mir bei den „Anstreichungen“ der Sarrazin-Wälzer in den Sinn, der vermutlich von meinen Nachkommen irgendwann in meinem Keller gefunden wird.

„Ganz spontan“ verglich nicht nur Mentzel Sarrazin mit Hitler, sondern gänzlich unspontan war er sich natürlich auch über die Irrelevanz von Marieleins mutmaßlicher Hitler-Lektüre für deren Ansichten sicher. Nun gesteht er immerhin „Irrtümer und Fehleinschätzungen“ zu, freilich nicht bei konkreten Personen, aber ganz allgemein bei „vielen damaligen anthroposophischen Zeitgenossen“. Was an der Erkenntnis, dass 1933 Anthroposophen wie die überwältigende Mehrheit der Deutschen Nazis waren und wurden, so schwer und unerklärlich sein soll, behält Mentzel für sich.

„Tendenz einiger Historiker“

Sehen wir uns die von Mentzel unterstellte „Tendenz einiger Historiker, den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner und seine geistigen Erben im völkisch-rassistischen Spektum zu verorten“, einmal genauer an. Helmut Zander beschreibt Steiners Rassismus in seinem Standardwerk „Anthroposophie in Deutschland“, auf 13 von knapp 2000 Seiten. Wohl kaum ein Anlass, zu sagen, er habe die Anthroposophie insgesamt dem völkisch-rassistischen Spektrum zugeschlagen. Was Zander in seiner Darstellung von Steiners Rassentheorie auch begründet:

„Andererseits: Ein scharfer Rassismus, wie ihn völkische Gruppen propagierten, ist daraus nicht geworden … Elemente rassischen Denkens implizieren nicht automatisch eine Zugehörigkeit zur völkischen Bewegung.“ (Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, I, 632)

Und Peter Staudenmaier, der die Völkischen unter den Anthroposophen und Anthroposophen unter den Völkischen am intensivsten untersucht hat, hält fest:

„During Steiner’s tenure as the leading representative of Theosophical thinking in German-speaking Europe, several of his students advocated a sort of synthesis between Anthroposophy and Ariosophy, an aggressively racist offshoot of Theosophy. While Steiner did not sympathize with such efforts, they continued among his followers, with Steiner’s tacit acceptance, even after the split from the Theosophical Society. The ideological legacy that Steiner inherited from classical Theosophy thus left an ambivalent imprint: on the one hand, a universalist thrust and a vision of a future beyond racial difference, and on the other hand a wide range of invidious assumptions about the spiritual significance of race. Both of these aspects established themselves within Steiner’s publicly proclaimed doctrines from the beginning of his Esoteric career.“ (Staudenmaier: Racial and Ethnic Evolution in Rudolf Steiner’s Anthroposophy, in: Nova Religio. The Journal of Alternative and Emergent Religions, 3/2008, 7)

In seiner Dissertation untersucht Staudenmaier dieses spannungsreiche Feld weiter, was natürlich trivialerweise heißt, dass neben völkisch-rassistischen Tendenzen auch deren Widerlager im anthroposophischen Denken betrachtet werden:

„The liberal and cosmopolitan strands within anthroposophy also served a braking function in this regard, and the very emphasis on its apolitical character constituted an obstacle to potential anthroposopical drift within a völkisch direction.“ (Staudenmaier: Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the politics of Race and Nation in Germany and Italy, 1900-1945, Diss., Cornell University 2010, 178f.)

Der Unterschied ist, dass die „einigen Historiker“ eben nicht nach „Irrtümern“ suchen, sondern nach den ideellen, politischen und gesellschaftlichen Gründen für und von Anthroposophen, sich mit völkischer Bewegung, Ariosophie und/oder Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Dies führt dann freilich zu komplexen und ambivalenten historischen Urteilen, die für viele Anthroposophen nicht befriedigend, weil eben ambivalent sind.

„Finden sich bei Steiner teilweise auch Aussagen gegen den (politisch motivierten, völkisch-rassistischen) Antisemitismus, so sind die antjüdischen Implikationen dennoch Bestandteil der anthroposophischen Krisen- und Erlösungsgeschichte, in welcher das Judentum als zu überwindendes Element erscheint.“ (Jana Husmann: Schwarz-Weiß-Symbolik, S. 258)

1935 und 2025

Selbstverständlich darf in diesem Zusammenhang, wie Mentzel ja nun plötzlich gern möchte,

…auch an den 1903 geborenen Schriftsteller Friedrich Hiebel erinnert werden, der ebenso wie Hans Büchenbacher einen jüdischen Elternteil hatte. Er wurde 1963 in den Vorstand des Goetheanum berufen. In seinen 1986 erschienenen Memoiren hebt er die Unvereinbarkeit, ja polare Gegensätzlichkeit von nationalsozialistischer und anthroposophischer Bewegung hervor.

Mentzel referiert drei längere Zitate, um Hiebels unglaublichen Antifaschismus zu unterstreichen: 1. Hiebel bemerkt, dass Hitler während der von Steiner durchgeführten „Weihnachtstagung“ 1923, in Festhungshaft saß. 2. findet Hiebel spirituell Bedeutsames in dem Umstand, dass in Steiners „Mein Lebensgang“ und Hitlers „Mein Kampf“ dasselbe Pronomen vorkommt – und schließlich daran, dass Steiner starb, als die Nazis zahlreicher wurden. 3. habe Steiner 1924 ‚die Jugend‘ gefragt, wie sie sich die Welt 1935 vorstelle. Und wenn Steiner – Steiner! – „1935“ gesagt hat, konnte der meisterliche Hellseher zweifellos absehen, dass bis dahin die Nazis an die Macht gekommen sein würden. Hiebel erhebt insignifikante Parallelen zu essentiellen Zusammenhängen, diese Passagen gehören nun nicht unbedingt zu den beeindruckenderen oder aufschlussreicheren seiner Autobiographie. Mentzel jedoch wittert Wegweisendes:

„Es wäre einmal interessant, wie wir uns heute angesichts der aktuellen Ereignisse weltweit – und insbesondere auch in Europa – die Welt im Jahre 2025 vorstellen. Kürzlich ist Ulrich Rösch gestorben. Ihn hätte ich jetzt gern danach gefragt. Denn ist das, was wir derzeit in der Welt erleben, nicht geradezu eine Aufforderung, die Welt mal wieder unter dem Aspekt: „Ursache Zukunft“ anzusehen? Und müssen wir uns nicht fragen, ob wir nicht schon zu lange an den – zugegebenermaßen oft auch attraktiven Fleischtöpfen – der Politik hängen und uns zu sehr an deren jeweilige Auffassung – oft genug auch beifallklatschend – in vorauseilendem Gehorsam anpassen? Sind unsere „freien Schulen“, unsere „freien Universitäten“, ist die „Freiheit“ des Herrn Gauck und dessen Auffassung von „Verantwortung in der Welt“ und nicht zuletzt die Freiheit des so genannten freien Westens wirklich frei? Zweifel sind angebracht.“

Vermutlich mag das in Anthroposophistan eine progressive und unerhörte Idee sein. In der restlichen Welt und auch der Politik ist es keineswegs neu, mal 10 Jahre in die Zukunft zu denken. Mentzel würde dafür natürlich lieber Ulrich Rösch um Rat fragen, kürzlich verstorbener Leiter der „Sozialwissenschaftlichen Sektion“ der „Freien Hochschule“ am Goetheanum. Na dann. Immerhin ist die Einsicht, dass diese geschundene Welt oder „unsere ‚freien [Waldorf-]Schulen'“ nicht unbedingt „wirklich frei“ sind, doch prinzipiell begrüßenswert.

Gefahr Amerika, Tragik Judentum, Rettung Deutschland

Friedrich Hiebel kommt Mentzel im eben zitierten Schlussabsatz irgendwie abhanden. Nazis sind natürlich geradezu unbedeutsam gegen Joachim Gauck und „die Freiheit des so genannten freien Westens“. Letzeren finden viele Anthroposophen ja schon immer verdächtig (worin übrigens ein häufiger Überschneidungspunkt mit völkischen Denkern lag). Einer davon war zufälligerweisen Friedrich Hiebel, der 1932 schrieb:

„Dieses Amerika – das Amerika als menschheitliche Gefahr, gibt es auch in – Europa. Ja, es ging sogar von da aus; dieses Amerika ist keineswegs ein geographischer Begriff. Dieses Amerika (auch in Europa) ist das Kind der materialistischen Denkerziehung der Menschheit. Nicht, was ist der Mensch, sondern was kostet der Mensch? Denn dieses von der Geld-Gold-Sensationsgier einer entarteten Gesellschaft ermordete Kind kann wohl das Experiment einer neuen Antwort auf die Frage „was kostet der Mensch?“ werden.“ (Hiebel: Umschau. Das Lindbergh-Baby, in: Erziehungskunst 1/2, 1932, 83)

Wie bei vielen braven Deutschen gestern und heute war auch bei Anthroposophen der renitente, „antimaterialistisch“ imprägnierte Anti-Amerikanismus eines der Felder, auf dem sich auch Nazis bewegten. Für solche Subtilitäten hat Mentzel anscheinend nichts übrig. Ob das nun an seiner eigenen Skepsis am „freien Westen“ liegt, daran, dass er von Hiebel nur dessen Autobiographie kennt. Oder einfach daran, dass ihm die Betitelung Amerikas als meta-kontinentaler „menschheitlicher Gefahr“ eben als einer dieser „Irrtümer und Fehleinschätzungen“ der Kategorie „aus welchen Gründen auch immer“ erscheint, von der er keinen Zusammenhang zu den Völkischen, zum Rassismus oder gar den Nazis aufzutun vermag. Hiebel  ist für Mentzel offensichtlich eine Person, die sich durch begrüßenswerte Eindeutigkeit auszeichnet:

„1939 war Hiebel in die USA emigriert, er passt also kaum zum Bild jener Anthroposophen, denen eine Affinität zum Nationalsozialismus zu Eigen war.“

Das hatte ja auch niemand behauptet. Hiebel hatte, wie Mentzel erwähnt, einen jüdischen Elternteil, und wird in Nazideutschland wenig Grund zur Freude gehabt haben. Unter anderem, weil er Lehrer an der Stuttgarter Waldorfschule war, als es dem „Bund der Freien Waldorfschulen“ einfiel, unter dem Gleichschaltungsdruck Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) zu werden. Jüdische Kollegen wie Hiebel (und eine weitere Kollegin, die nur versehentlich für ‚jüdisch‘ gehalten wurde) wurden deswegen, ganz „freiwillig“, versteht sich, 1934 vor die Tür gesetzt. (vgl. Karen Priestman: Illusion of Coexistence. The Waldorf Schools in the Third Reich, 1933-1941, Diss., Wilfried Lauer University 2009, 171f.; Ida Oberman: The Waldorf Movement in Education from European cradle to American crucible, 1919-2008, Lewiston/Queenston 2008, 128f.) Nach einer Erwähnung dessen sucht man bei Mentzel ebenso vergebens wie nach der Notiz, dass Hiebel vor seiner Emigration 1939 noch in England und Österreich gelebt hatte.

Hiebel schrieb 1933 aber keineswegs offen gegen die Nazis an, sondern etwa das Folgende:

„…der Zweifel des Moses offenbart die tragische Nichterkenntnis, was sich in Jahve als Christusgeist führend offenbaren wollte. Die Tragik des Moses, der nicht geglaubt hatte … ist zugleich nicht nur die Tragik des Judentums, sondern all derer, die heute ungläubig, kleinmütig und verzweifelt vor dem stehen, der der wahre Felsen ist … Glaubenskräfte, Stärke, Willenszuversicht können keimen, nimmt man in Ernst und Verantwortlichkeit auf, was hier von Rudolf Steiner gegeben worden ist … Es wird gleichsam in Fichtescher Methode versucht, den Zuhörer im Bewusstsein zu wecken, zu vertiefen, ihn innerhalb seines Volkstums erkraftet zu wissen. Wie das deutsche Wesen in Fichte in fortschreitender Harmonie mit dem Pulsschlag der deutsche Volksseele lebt und sich weiterentfaltet, zeigt Rudolf Steiner mit eindrücklichen Bildern aus der Charakterwelt des großen Philosophen…“ (Friedrich Hiebel: Buchhinweise (Rezension zu Rudolf Steiner: Christus und die menschliche Seele, 1933), in: Erziehungskunst, 4/1933, S. 479f.)

Illusion of Coexistence

Solche Sätze fanden sich in anthroposophischen Schriften bekanntlich nicht erst 1933. Zentral war für viele Erben Steiners ein „geistiges“ Deutschland, das einige bei den Nazis vermissten, andere bei ihnen verwirklicht sahen, während wieder andere hofften, das Hitler-Regime bräuchte nurnoch diese anthroposophische Ergänzung, um auf dem rechten Weg zu sein. Der Unterschied zur nazistischen Rassedoktrin war die Betitelung des Judentums als „Tragik“, das nicht etwa vernichtet, sondern qua Einsicht in die Mission Christi und Mitteleuropas ‚überwunden‘ werden müsse. Dies ist offensichtlich ein assimilatorischer Antijudaismus, war für viele Anthroposophen mit jüdischen Wurzeln angesichts der ubiquitären Präsenz des Antisemitismus eine äußerst attraktive Option. Und genau das war völkisch. Dass das Deutschtum „nicht im Geblüthe, sondern im Gemüthe“ liege, und wenn auch „gewiss“ die „Judenfrage auch eine Rassenfrage“ sei, „kein ideal gesinnter Mensch je leugnen, dass der Geist auch die Rasse überwinden“ könne, vertrat etwa die Gründerfigur dieser Bewegung, Paul de Lagarde (zit. n. Ina Ulrike Paul: Paul Anton de Lagarde, in: Uwe Puschner (Hg.): Handbuch zur Völkischen Bewegung 1871-1918, München 1996, S. 70)

Es war diese „Gemengelage“, die in der Tat zu Fehleinschätzungen des totalitären Regimes unter Anthroposophen führte. Karen Priestman spricht von einer „Illusion of Coexistence“: Die Waldorfschulen meinten, sich im „Dritten Reich“ halten zu können, dessen Rhetorik der „deutschen Erneuerung“ die anthroposophischen Verdienste um’s ‚Deutschtum‘ sicher anerkennen würde. Die Mehrzahl der Waldorfianer suchte nach Kompromissen mit dem Nazistaat, um die Schulen wie vorher weiterführen zu können, wobei man sich über das Ausmaß der Kompromisse und mit nationalsozialistischen Schuleltern stritt. Die amerikanische Waldorflehrerin Ida Oberman schreibt in ihrer Geschichte der „Waldorf Movement“, deren verantwortungsvolle Recherche und von Lobhudeleien freie Darstellung unter deutschen Anthroposophen selbstredend nahezu unbekannt ist:

„Despite the bitter struggle over succession, Waldorf’s story of the twenties and early thirties is truly one of international growth. And, sprawling new roots provided Waldorf with a degree of natural resistance to the National Socialist obsession with Germanic culture and race. Yet, on the other hand, stories of Siegfried, the Holy Grail and the Norse Gods along with Grimm’s fairy tales and Germanic myths of Siegfried and Brunhilde formed a common lingua franca of Waldorf and National Socialists. Waldorf was not alone in struggling with a political regime which used a language of reform dear to their hearts. German reform pedagogy nation-wide was caught off-guard by Nazi appeals to Goethe and Schiller. Reform-minded schools under National Socialism tended to go one of two ways: they adopted whole scale to National Socialist directives and dictates by April, 1934, or they went to exile … Rather, Waldorf followed a third path … All eight institutions engaged in long, painful negotiations and degrees of ‚arrangement‘ and ‚adaption‘ to the regime. Nevertheless, while prepared to negotiate, Waldorf would not surrender or alter its own vision of German culture … often struggling desperately to wrest the grail from the Fascist’s grip, attempting to claim it as its own.“ (Oberman, a.a.O., 107-111)

Wo genau hier Hiebel stand, bleibt zu untersuchen. Mir scheint, er gehörte zu den Waldorfianern, die die Nazis für zu undeutsch, weil unspirituell hielten. 1932 hatte er in einer Rezension zu Ernst Robert Curtius‘ Buch „Deutscher Geist in Gefahr“ (Erziehungskunst 2-3/1933, 91) die „Geistfeindschaft unseres Nationalismus“ beklagt, die zu Barbarei, Materialismus und Bolschewismus führe. Auch dies war charakteristisch für völkische Argumentationen – aber versuchte am Vorabend der nazistischen Gewaltherrschaft sozusagen, den ‚real existierenden‘ Nationalismus dem verachteten (marxistischen) Materialismus zuzuschlagen. „Bezeichnend ist, dass diese Rubrik“ in der Zeitschrift „Erziehungskunst“, für die Hiebel arbeitete, „bald wieder entfällt. Dies waren jedenfalls die letzten politischen Töne vor der Knebelung der Geistesfreiheit seit Januar 1933“, schreibt Wenzel Götte (Erfahrungen mit Schulautonomie. Das Beispiel der Freien Waldorfschulen, Diss., Bielefeld 2000, 384)

Am Beispiel Friedrich Hiebel lässt sich lernen, dass jede einfache Verortung „der Anthroposophen“ in „dem Nationalsozialismus“ dazu neigt, die Vielschichtigkeit von Motiven bei unterschiedlichen Akteuren zu unterschätzten. Weder ist verwunderlich, dass Hiebel, dem eben auch der Antisemitismus auf den Leib rückte, die Nazis eher kritisch betrachtete. Noch ist verwunderlich, dass er germanophile und antijüdische Vorurteile mit großer Selbstverständlichkeit teilte. So trugen Anthroposophen ihren Teil zur Erosion der Demokratie und zum Erstarken des völkisch-rassistischen Menschenhasses bei, wobei die Unterschiede mindestens der Mainstream-Anthroposophie zum Blutrausch und zur Gewaltbereitschaft der äußersten Rechten unübersehbar sind. Aus retrospektiver Zurechtrückung von Zahlen und Ereignissen zu spirituellen Symptomen lässt sich die Beziehungs- und Konfliktgeschichte von Nationalsozialismus und Anthroposophie nicht einmal im ersten Ansatz verstehen. Dazu müsste man sich (retrospektive ebenso wie zeitgenössische) Aussagen über Anthroposophen in der Nazizeit anschauen. Mentzel jedoch, wie Hiebel in seiner Autobiographie, geht es offenbar weniger darum als die Präsentation Steiners als hellsichtigem, feinfühligen kulturellen Mahner. Das ist das Vorrecht einer alternativreligiösen Subkultur, aber so bleiben tatsächliche, seriöse Recherchen zum Thema Anthroposophie und Nationalsozialismus für viele Waldorfrepräsentanten schlicht unverständlich und erscheinen ihnen als Diffamierung und ‚einseitige‘ Präsentation. Und wenn Mentzel eines kann, dann die normativen Limitierungen der eigenen Perspektive anderen zum Vorwurf zu machen.

23. März 2014 at 9:21 pm 3 Kommentare

„Die nazistischen Sünden der Dornacher“?

Hans Büchenbacher, seine „Erinnerungen 1933-1949“ und die Vorstände der Anthroposophischen Gesellschaft(en) in der Nazizeit

«…dass etwa zwei Drittel der deutschen Anthroposophen weniger oder mehr auf den Nationalsozialismus hereingefallen waren», behauptet in seinen Memoiren der Anthroposoph Hans Büchenbacher, 1931 bis 1934 Vorstandsvorsitzender der deutschen Landesgesellschaft. Nach dem Wahlsieg Hitlers wurde Büchenbacher wegen der jüdischen Herkunft seines Vaters nicht nur von den Nazis angefeindet, sondern bald auch anthroposophischerseits von seinem Posten gedrängt. Um die anthroposophische Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 historisch angemessen zu deuten, muss man die ideologische, personelle und organisatorische Kontinuität und Transformation der Anthroposophie im frühen 20. Jahrhundert analysieren – und diskutieren.

Hier zum Vortrag

In Kürze erscheinen im Frankfurter Info3/Mayer-Verlag die „Erinnerungen“ Büchenbachers. Der hier veröffentlichte Vortrag wurde auf Einladung von Philip Kovce am 1. März 2014 anlässlich der 19. Rudolf-Steiner-Forschungstage (Philosophicum Basel) gehalten.

Es handelt sich um eine Kurzzusammenfassung meiner für die Büchenbacher-Edition angestellten Recherchen im Dornacher Rudolf Steiner Archiv, dem Archiv der Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum und der „Forschungsstelle Kulturimpuls“.

10. März 2014 at 4:49 pm 5 Kommentare

Neues Buch. Hans Büchenbacher: Erinnerungen 1933-1949

„Die Goetheanumleitung wird sich doch immer mehr und mehr identisch erklären mit dem Nationalsozialismus … Der Dr. Rascher, der gute Beziehungen hat zu dieser Richtung, wird jetzt funktionieren als derjenige, der nun in Deutschland die Dinge zu tun hat … Da geht schon die Richtung der Machthaber in Deutschland und der Leitung hier in der gleichen Linie. Das sind schwerwiegende Dinge.“
– Ita Wegman an Fried Geuter und Michael Wilson, 14. Oktober 1933

Der Anthroposoph Hans Büchenbacher (1887-1977) hat an seinem Lebensabend „Erinnerungen“ verfasst, die eine immer wieder hysterisch erwähnte, aber erst anfänglich aufgearbeitete Beziehungsgeschichte thematisieren: Die Beziehung von Anthroposophie und Nationalsozialismus. Mit großer Verbitterung beschrieb der promovierte Philosoph und glühende Steiner-Anhänger, was er als ideologischen (Selbst-)“Verrat“ seiner geliebten Anthroposophischen Gesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland erlebte. Der als „Halbjude“ ab 1933 sukzessive aus dem Vorstand der deutschen Anthroposophen Gedrängte hatte ironischerweise bereits im Mai 1922 einen deutschnational motivierten Anschlag auf Rudolf vereiteln können.

Seine bewegte Biographie führt tief in den Untergrund des alternativkulturell-okkultistischen Labyrinths von Kaiserreich und Weimarer Republik – und in die abgründigen Positionen deutscher Anthroposophen im Hitler-Fieber, von denen manche gar das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft durch die Nazis 1935 begrüßten, so Büchenbacher: „Dass die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland verboten worden sei, wäre ja schliesslich nicht schade, denn sie sei doch imgrunde nur ein Verein von alten Tanten gewesen. Aber jetzt würde eben eine richtige Anthroposophische Gesellschaft entstehen.“ Aber Büchenbacher berichtet auch von antinazistischen Steiner-Schülern wie Johannes Hohlenberg, die sich, wie er selbst, 1933 oft nicht nur im Fadenkreuz des Judenhasses, sondern auch zunehmend im Konflikt mit ihren Glaubensgenossen wiederfanden. Schließlich warf Büchenbacher seinen Mitbrüdern Versagen vor dubiosen „okkulten Mächten“ im Nazismus vor, die die kosmische Mission der Anthroposophischen Gesellschaft unheilbar aus der Bahn geworfen hätten. Die Erkenntnis sei nach 1945 Verdrängung gewichen – „Sie müssen das doch nicht mehr wissen“, hatte ihm 1946 Ernst Aisenprais offiziös verlauten lassen.

Hans Büchenbacher: Erinnerungen. Die ersten Auszüge wurden bereits 1999 in „Info3“ abgedruckt

Büchenbachers Anschuldigungen und esoterische Spekulationen fordern eine historische und ideologiekritische Klärung heraus. Im Frankfurter Info3-Verlag werden 2014 Büchenbachers „Erinnerungen 1933-1949“ veröffentlicht (hier zum Spendenaufruf). In fünf umfangreichen Anhängen habe ich die Ehre und das Vergnügen, eine weitere historische Einordnung vorzunehmen – zunächst wird das Buch auch eine erste Biographie dieses wendigen Denkers enthalten. Sein Weg führte vom freistudentischen Kreis um Philipp Berlin und Karl Korsch ins Zentrum der „Dreigliederungsbewegung“, vom scharfen binnenanthroposophischen Kritiker zum Vorsitzenden der Dornach-treuen Anthroposophen 1931, von der psychologischen Ästhetik Theodor Lipps‘ zum Bemühen um eine philosophische Anthroposophie, die auch zu Schmuel Hugo Bergman, Herbert Witzenmann und Heinz Zimmermann ausstrahlte.

Büchenbachers Kontakte, etwa zu dem Mediziner und Nazi Hanns Rascher (Vater des berüchtigten KZ-Arztes Sigmund Rascher) werfen weiter die Frage nach Kontakt und Vernetzung zwischen anthroposophischen und völkisch-theosophischen Gruppen vor 1933 auf, die in einem weiteren Anhang angerissen werden. Anhang 3 und 4 gehen schließlich der anthroposophischen Geschichte in Deutschland und der Schweiz 1933-1945 nach. Büchenbachers Kommentare zu den sog. „nazistischen Sünden der Dornacher“ erweisen sich dabei großenteils als belastbare Hinweise auf die Dynamiken der Anthroposophen im Schatten des Nationalsozialismus.

Hierzu liegen bereits fundierte Publikationen (vor allem Arfst Wagner 1991ff., Uwe Werner 1999, Peter Bierl 2005, Ida Oberman 2008 und Peter Staudenmaier 2010) vor. Diese scheinen aber zumindest in zweierlei grundsätzlicher Hinsicht ergänzt werden zu müssen: Im Hinblick auf die faktische Vielfalt der anthroposophischen Positionen zum deutschen Faschismus und unter Beachtung der personellen und Machtstrukturen, die sich 1933 in der Anthroposophie etablierten. Hierbei kommt dem erwähnten Rascher sowie Roman Boos (1889-1952), manischer Fan der „deutschen Erneuerung“ in der Dornacher Zentrale, mehr als nur eine Schlüsselrolle im Herzen der organisierten Anthroposophie zu. Last but not least ist die Geschichte jüdischer Anthroposophen ungeschrieben: von kulturzionistischen Zirkeln und den kabbalistischen Interessen eines Albrecht Sellin, Adolf Arenson oder Ernst Müller (der im Sohar das „Geistige und Geistigste der Anthroposophie“ sah) über zerrissene Figuren jüdischen Selbsthasses wie Ludwig Thieben, Norbert Glas oder Karl König zu Flucht, Emigration und Ermordung jüdischer Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft.

An und mit Büchenbacher lässt sich über ein halbes Jahrhundert anthroposophischer und eben auch: deutscher Geistesgeschichte schreiben. An Einzelbiographien und in der historischen Analyse zeigt sich, dass sicher geglaubte Fronten von rechts und links, von Wissenschaft und religiöser Inbrunst, von bürgerlicher Sicherheit und okkultistischer Avantgarde, Politik und Geisterseherei und schließlich von Mystik und Massenmord weit weniger aufrecht erhalten lassen, als uns das allen lieb wäre.

Helfen Sie mit, dieses Buchprojekts zu realisieren! Für die Drucklegung des Manuskripts bitten wir noch um Spenden.

7. Januar 2014 at 7:02 pm 11 Kommentare

Mentzels Traum

oder: Schon wieder eine Polemik

„Eine Kritik, die sich an dem stört, was sie für unleserlich und eitel hält,
ist … zutiefst zu misstrauen, weil sie die Tatsache,
dass die Wahrheit einem nicht zufliegt, sondern kritisch begriffen sein will,
im Kokettieren mit der Dummheit leugnet und weil aus dem Affekt
gegen die Eitelkeit das Wissen über die Hässlichkeit der eigenen Gedanken spricht.“
– Tjark Kunstreich

Michael Mentzel („Themen der Zeit“) hat zwei Fehler in meinem Buch gefunden – und einen Trost, dass Steiner nämlich nicht den Nationalsozialismus verursacht habe. Da seine Rezension in den üblichen Bahnen kreist, überdies nicht an unbelegten oder schlicht unrichtigen Unterstellungen spart und ich besagtes Buch ernst meine, erlaube ich mir eine Antwort.

Idealismus vs Nationalsozialismus

George L. Mosse hat darauf hingewiesen, dass man die Geschichte des Rassismus „mit dem Ende und nicht mit dem Anfang beginnen“ muss: „Mit den sechs Millionen Juden, umgebracht von Erben europäischer Kultur … Zwar führten die Nazis das Verbrechen aus – aber überall glaubten Männer und Frauen, dass die Rassen sich unterscheiden, seien sie nun weiß, gelb, schwarz, jüdisch oder arisch.“ (Mosse: Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt/M 1990, 23) Michael Mentzel, Anthroposoph und Urheber der Seite „Themen der Zeit“, ist scheinbar anderer Auffassung. Dabei ist ihm nicht verborgen geblieben, dass es Rassismus im Werk des Anthroposophie-Gründers Rudolf Steiner gibt, schließlich seien „die in Rede stehenden Zitate und Aussagen tatsächlich in Steiners Werk vorhanden.“ Die Auseinandersetzung damit scheint für Mentzel keine notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit und auch kein Grund zu sein, anthroposophische Traditionen auf ihre Rolle im Nationalsozialismus hin zu befragen, im Gegenteil: Mentzel will Steiners Rassenlehre und dem darüber immerhin bei ihm aufkeimenden Zweifel anscheinend sogar ein Quäntchen spirituelles Kapital entlocken. Denn: Wer bereit sei, eine „- stellenweise tatsächlich vorhandene und auch nicht wegzuleugnende – Ambivalenz in Steiners Denken auszuhalten, wird belohnt durch die Erfahrung, dass es für die Entwicklung seiner eigenen Gedankenwelt nur mehr förderlich sein kann, wenn er bereit ist, den persönlichen Seelenkampf in die Wagschale zu werfen und die eigene Auseinandersetzung mit dem Zweifel als Möglichkeit zur erweiterten eigenen Erkenntnis zuzulassen.“ (siehe hier und im Folgenden Michael Mentzel: Steiner und der Rassismus)

Für diesen neuesten „Seelenkampf“ zur Erkenntnis-Erweiterung hat Mentzel sich netterweise mein Buch ausgesucht. Am Ende bleibt der Eindruck, dass dabei der „Seelenkampf“ und keineswegs die Erkenntnis im Zentrum steht. Kritische Bücher sind anstrengend, schon weil Mentzel „angesichts der vielen fußnoten die zeit fehlt, sich auch noch mit dem text zu beschäftigen. gleichwohl lese ich manches durchaus mit gewinn.“ Immerhin. Fußnoten sind vielmehr das Geschäft fieser Zeitgenossen wie der „Experten“: „Da steht es doch. Schwarz auf weiß“, rufen die „Experten“ und lehnen sich selbstzufrieden zurück, wohl wissend, dass es ihnen wieder einmal gelungen ist, beim geneigten Publikum eine gewisse Aufmerksamkeit zu erreichen und die Saat des Zweifels ein wenig mehr aufgehen zu lassen.“ (ebd.)

Entsprechend kommen Zweifel nur in Mentzels Fazit vor, im Rest des Artikels versucht er, einige meiner Darstellungen als „absurd“ und als falsche Vorwürfe an Rudolf Steiner zu lesen. Meine Bemühungen, Steiners Gratwanderung zwischen Chauvinismus und Humanismus (und Rassismus, und Antinationalismus usw. usf.) herauszuarbeiten, hinterlassen bei Mentzel wenigstens den folgenden positiven Eindruck:

„Eines scheint mir das Anliegen des Autors Ansgar Martins jedoch nicht zu sein: Der Versuch, nachzuweisen, dass der von ihm bei Steiner diagnostizierte Rassismus und Antisemitismus die von manchen Kritikern behauptete Klammer und die Kontinuität sind, die den Nationalsozialismus ermöglicht haben. Kritikern, die Steiner und seine – und zu einem Gutteil auch unsere – Anthroposophie als die Wegbereiter des Nationalsozialismus stilisieren wollen, dürfte es damit schwerfallen, das Buch als Beleg ihrer oft kruden Thesen heranzuziehen. Denn hin und wieder bemerkt Martins schon, dass Steiner auch darauf hingewiesen hat, dass sein Anliegen in einem idealistisch zu verstehenden Sinn zu werten ist und eben nicht ein national gefärbter Hurrapatriotismus deutscher Provinienz ist.“ (ebd.)

Offenbar schließen sich Hurrapatriotismus und Idealismus in Mentzels Augen aus. Das ist leider nicht überraschend und wahrscheinlich das tiefgreifendste und weit verbreitetste anthroposophische Missverständnis in der gesamten ‚Rassismus-Debatte‘, geradezu der Traum, dass Steiner sich vereindeutigend aus der Affäre ziehen lasse. In der Tat hat Steiner ‚rassische‘ Faktoren durch seine Ich-Philosophie, die Vorstellung von der zukünftigen Vergeistigung der Erde oder die Reinkarnationsidee stark relativiert, aber dadurch wurden auch seine eigenen rassistischen Stereotype nicht weniger und unter manchen Anhängern wurden gerade diese ’spirituellen‘ Teile der Rassenlehre umgekehrt interpretiert: Als Rechtfertigung des Rassismus. Ein prominentes Beispiel ist Richard Karutz, der 1934 in einem ebenfalls „idealistisch zu verstehenden Sinn“ und vom spirituellen Standpunkt der Anthroposophie aus den Nationalsozialismus begrüßte. Nur spirituell könne die „Rassenhygiene“ wahrhaft begründet werden, so Karutz:

„Eine Abkehr vom materialistischen Denken würde sofort die Empfindlichkeit der Rassenlehre beseitigen, denn die Wandlung vollzieht sich in jenem nicht-physischen Bild des Rassen-Urbildes, das dieselbe Rassenlehre als Quelle der überindividuellen Lebenseinheit, oder wie sie die Rasse sonst bestimmt anerkennt. Für die praktischen Forderungen eugenischer Lebenshaltung ändert sich damit nichts.“ (Richard Karutz: Rassenfragen, Stuttgart 1934, 35)

„Aus beiden, aus Rasse und Volk schält sich die Einzelpersönlichkeit heraus und beginnt von sich aus an den überkommenen seelischen und leiblichen Eigenschaften zu arbeiten. Ein Neues wird, zu dem Rasse und Volk die Stufen sind. Darum stellt Adolf Hitler immer wieder die frei schaffende Persönlichkeit als notwendig für die Gemeinschaft hin … Das Volkstum muss als eine notwendige Grundlage seelischer Entwicklung gewahrt, eugenisch gepflegt und wenn nicht anders möglich, kämpferisch verteidigt werden.“ (ebd., 62)

Dass die Anthroposophie nicht die Wegbereiterin des Nationalsozialismus war und sich in dieser Richtung auch nicht ernsthaft argumentieren lässt, darin ist Mentzel ausdrücklich zuzustimmen. Tatsächlich hat bisher auch noch kein ernstzunehmender Steinerkritiker die Anthroposophie zum Wegbereiter des Faschismus stilisiert. Das haben diesbezüglich interessierte Anthroposophen ganz allein geschafft. Ettore Martinoli, der sich nicht nur aktiv für die antisemitischen Rassegesetze im italienischen Faschismus, sondern vor allem für deren Synthese mit der Anthroposophie einsetze, riss Steiner aus seiner faktischen geistesgeschichtlichen Irrelevanz und stellte ihn in eine Reihe mit Mussolini und Hitler:

„Rudolf Steiner war ein wahrhaft idealer Vorläufer des neuen Europa von Mussolini und Hitler. Ziel dieser Schrift war es, den Geist und die Figur dieses grossen, modernen, deutschen Mystikers für die Bewegung zu beanspruchen – eine Bewegung, die nicht nur politisch, sondern auch spirituell ist – eingeführt in die Welt von den zwei parallelen Revolutionen, der Faschistischen und der Nationalsozialistischen Revolution, denen Rudolf Steiner als echter Vorläufer und spiritueller Pionier in idealer Weise angehört.“ (Martinoli: Un preannunziatore della nuova Europa: Rudolf Steiner, in: La Vita Italiana, Juni 1943, S. 566, übersetzt bei Andreas Lichte)

Es waren gerade die idealistischen Aspekte der Anthroposophie, mit denen solche Autoren ihren faschistischen Enthusiasmus rechtfertigten. Erhard Bartsch, Pionier der biodynamischen Landwirtschaft, belehrte den jüdischen Anthroposophen und Nazigegner Hans Büchenbacher: „Wissen Sie, Herr Dr. Büchenbacher, wenn man wirklich michaelischen Geist hat, dann tritt man an die Seite von Adolf Hitler.“ (zit. n. Büchenbacher: Erinnerungen 1933-1945, Archiv Info3, 8) Andere sahen in der Anthroposophie die ideale spirituelle Ergänzung zum ‚materialistischen‘ Nationalsozialismus: „Rudolf Steiner kommt von oben. Hitler kommt von unten, und so geben sie einander die Hand.“ (zit. n. Dieter Brüll: Ein Bewusstsein war nicht vorhanden, in: Info3, 4/1999, 20) Büchenbacher, der als Vorsitzender der deutschen Anthroposophen 1935 „freiwillig“ zurücktreten musste, schätzte rückblickend, „dass ungefähr 2/3 der Mitglieder mehr oder weniger positiv zum Nationalsozialismus sich orientierten.“ (Büchenbacher: Erinnerungen, a.a.O., 17) Im faschistischen Italien war das Spektrum breiter:

„A number of Italian anthroposophists were antifascists, and several leading members of the small anthroposophical community in Italy werde Jews who fell victim to the Fascist racial campaign. Other anthroposophists participated wholeheartly in the racist agitation, advocating an esoteric variant of anti-Semitism … While not representative of the anthroposophist movement as a whole, the actions of Martinoli, del Massa and Scaligero are a stark indication of ‚the distorting and harmfull effects of viewing political events through an occult prism.'“ (Peter Staudenmaier: Anthroposophy in Fascist Italy, in: Arthur Verluis u.a.: Esotericism, Religion, and Politics, Minneapolis 2012, 95f.)

Mentzels Artikel zieht die Anthroposophie letztlich in ein historisches Vakuum, „Zweifel“ dient nurmehr zur spirituellen Erbauung, geschichtliche Zusammenhänge werden nur als unheilvoller Schmutz erwähnt, der verwandt werde, um Steiner schlimme Dinge anzuhängen. „Wird – Zander lässt grüßen – schon etwas hängen bleiben?“ fragt sich Mentzel. Idealismus war mitnichten ein Gegensatz zum Nationalsozialismus und die spiritualistische Grundhaltung von Anthroposophen konnte sowohl pro- wie antifaschistisch ausgelegt werden. Aber eine solche Feststellung verträgt sich anscheinend schwer mit Erkenntnisgewinnung durch „Seelenkampf“. Letzterer scheint dunkle Kapitel der Geschichte nicht intellektuell, sondern nur moralisierend auffassen zu können. Helmut Zanders Geschichte der „Anthroposophie in Deutschland“, das in der Esoterikforschung als „the indispensable and almost inexhaustible foundation for all future scholarship about Anthroposophy“ gilt (Wouter Hanegraaff: Western Esotericism. A Guide for the Perplexed, London/New York 2013, 179) wird in Mentzels Darstellung zum „brachiale[n] Monumentalwerk“, mit dem Titel „Anthropsophie heute“ verballhornt, „das inzwischen als Zitat- und Stichworthalde, aus der man sich nach Belieben bedienen kann, nicht mehr wegzudenken“ sei.

„Ungereimtheiten“

Aber der Reihe nach. Mentzel meint, meine „Schlampigkeit, gepaart mit Überheblichkeit“ aufzeigen zu können und nennt einige Beispiele, von denen es noch mehr gebe. Das gehört zu den besseren Bestandteilen seiner Rezension und vielleicht ist es hilfreich, wenn ich diese „Ungereimtheiten“ hier aufliste und, soweit möglich, kommentiere.

1. Ich versuche angeblich, Steiner einen „Blutsnationalismus“ anzudichten.

Mentzel bezieht das auf folgende Bemerkung Steiners, die er aus irgendwelchen Gründen allerdings selbst nicht zitiert: „diejenigen, welche die äußeren Träger zum Beispiel jenes Blutes waren, aus dem ich stamme, sie stammten aus deutschen Gegenden Österreichs; da konnte ich nicht geboren werden. Ich selber bin in einer slawischen Gegend, in einer Gegend, die vollständig fremd war dem ganzen Milieu und der ganzen Eigentümlichkeit, aus der meine Vorfahren stammen, geboren.“ (GA 185,202) Mentzel kommentiert: „Hier einen Blutsnationalismus zu konstruieren, erscheint gewagt und dürfte tatsächlich einer umfassenden und genaueren Betrachtung nicht standhalten.“ In der Tat, denn Steiner begründete mit diesen Worten, dass die (mitteleuropäische) Theosophie jedes „Spezialinteresse“ überschreite und er selbst ein hervorragender Repräsentant dieses Umstands sei. Steiners Äußerung ist durchaus internationalistisch, aber das war – wie oben gesagt – für Steiner kein Gegensatz zu Blutsabstammung und dem Glauben an Volkscharaktere: Ihm schien beides kompatibel bzw. er erklärte das eine durch das andere. Hier hat Mentzel meine Darstellung anscheinend schlicht falsch verstanden. Das ist bedauerlich, denn Steiners Kombination von „Geist“ und „Blut“ war eben auch einer der Gründe, der Schulterschlüsse von Anthroposophie und völkischem Gedankengut den Weg ebnen konnte.

„…in diesem Nationalismus erwachte der früheren Zeit gegenüber, die der neuen Jugend kalt und hoffnungslos erschien wie der Romantik die Zeit der Aufklärung, das Gefühl eines neuen, drängenden, schwellenden, verbundenen Lebensgefühls, die Sehnsucht nach einem starken neuen Glauben. Zugleich wurde bewusst eine ethische und religiöse Verankerung des Nationalismus gesucht. Man knüpfte an Fichte an, der dem Nationalismus die Aufgabe zugeteilt hatte, die früher die Religion zu lösen hatte … Der Nationalismus wurde eine Frage der persönlichen Sittlichkeit, er wurde zur Vorbereitung einer messianischen Zeit.“ (Hans Kohn: Martin Buber, Köln 1961, 95)

2. „Martins“, so Mentzel, „konstatiert, dass ‚Grundlegend für Steiners Vorstellung von Nation‘ dessen ‚intellektuelle Sozialisation im Vielvölkerstaat Habsburg‘ gewesen sei. Da mag man fragen: wo anders als dort, wo ein Mensch lebt, findet seine – auch intellektuelle – Sozialisation statt?“

Na also: geht doch. Mentzel scheint diesen Umstand aber in der Folge wieder zu vergessen (siehe 4.)

3. Meine Darstellung, dass Steiners Vater „die Ungarn nicht mochte“, sei zu „dramatisch“.

Mentzel unterstellt, dass diese so „dramatische“ Feststellung meine sei, tatsächlich stammt sie von Steiner (vgl. GA 28, 50). Zum anderen gibt Mentzel ausführlich Steiners Begründung dieser Feststellung wieder, ohne sie selbst zu zitieren. Auch darin liegt kein wirkliches Gegenargument zu meiner Darstellung.

4. Steiner sei vom Nationalismus seines Vaters nicht angesteckt worden, Mentzel: „An den politischen Diskussionen in seinem Elternhaus war Steiner allerdings nur insoweit interessiert, als er es für wichtiger gehalten hatte, statt der politischen Inhalte der Diskussionen zwischen dem Vater und seinem Kollegen, der ihn als Bahnhofsvorsteher ablöste, ‚die Frage zu beantworten: inwiefern lässt sich beweisen, daß im menschlichen Denken realer Geist das Wirksame ist.'“

Letzteres Zitat stammt aus Steiners Autobiographie, die natürlich über jeden Zweifel erhaben ist. Denn “was Rudolf Steiner sagt, ist so“, wie es Mentzels Glaubensgenossin Mieke Mosmuller formuliert. Nimmt man Abstand von Steiners retrospektiver Selbstdarstellung, dann gibt es durchaus Belege dafür, dass Steiner früh und aus leicht erklärbaren Gründen (siehe 2.) nationalistische Standpunkte seines Vaters übernahm. So berichtete sein Mitschüler Albert Pliwa: „Als nun Rudolf Steiner einmal in Sauerbrunn ausstieg, wollte er seine Fahrkarte trotzig dem Portier nicht abgeben, weil auf dem Gebäude nicht der deutsche Name Sauerbrunn stünde, das ‚hunnische’ Savanyúkút verstände er nicht. Darauf holte der hinzukommende Stationschef als entrüsteter Magyar zu einer gewaltigen Ohrfeige aus, worauf Rudolf Steiner ihn mit ‚Hunne’ taktierte und sah, dass er aus dem Faustbereich des Schlagfertigen kam.“ (zit. n. Vögele: Der andere Rudolf Steiner, Dornach 2005, 23) Vögele kommentiert, die Stelle zeige, „wie sehr der Schüler Rudolf Steiner damals in den Gegensatz der Nationalitäten hineingestellt war und unter dem Einfluss der Stimmung seines Vaters gegen die magyarisierenden Ungarn, die seine Stellung bedrohten, den Anti-Ungarn herauskehrte…“ (ebd.)

5. „Steiner, so Martins,“ – so Mentzel – „hätte seine politische Haltung während seiner Studentenzeit als deutsch-national charakterisiert. Ärgerlich auch hier wieder ein Fehler, denn er nennt als Herkunft der Aussage GA31/361; es handelt sich aber um GA32.“

Das ist zutreffend und ein ärgerlicher Fehler meinerseits, ändert aber ebensowenig wie Mentzels folgendes Zitat aus dem nun richtig situierten Aufsatz auch nur das Mindeste an Steiners deutschnationaler Orientierung (und Steiners Bekenntnis dazu). Allerdings sieht Mentzel das anders:

6. „Ebenso eindeutig können die Worte Steiners aber auch stehen für eine nüchterne Betrachtung und eine selbstkritische Betrachtung seiner damaligen politischen Haltung.“

Nun findet sich in Steiners Worten aber nunmal keine Selbstkritik und Mentzel nennt auch keine Anhaltspunkte, wo und wie man eine solche auftreiben könne. Aus seiner unbelegten Behauptung leitet er allerdings auch schon den nächsten Vorwurf an mich ab:

7. „Für Martins aber reicht es, unter anderem aus diesen Aussagen abzuleiten, Steiner hätte seinen ‚Nationalismus allerdings zusehends‘ politisiert.“

Das ist im Grunde richtig, aber wesentlich eindringlichere Belege für diese Politisierung finden sich in denjenigen Aufsätzen, die Steiner in den fraglichen deutschnationalen Wiener Jahren geschrieben hat. Mentzel lässt diese unzitiert und beschränkt sich auf Steiners retrospektive Deutungen.

8. „Wer“, so bzw. so wie Mentzel, „die heutigen Debatten um Griechenland, Italien oder Spanien in Bezug auf die Euro-Frage oder die Frage von Zuwanderung etc., die damit verbundenen ‚politischen Kämpfe‘ [Steiner] und damit den Anteil, den politisch interessierte Zeitgenossen daran nehmen, aufmerksam verfolgt, kann die aufgeregten Kommentierungen von Steiners damaligen nationalen Aussagen eigentlich nur noch mit einem müden Lächeln quittieren.“

Ein Vergleich von EU und der Habsburger „Nationalitätenfrage“ wäre sicher aufschlussreich. Ich halte Mentzels Fokus dazu allerdings für ungeeignet: Es geht um die Auswirkungen des Nationalismus und nicht darum, welcher „müder“ sei als der andere.

9. Grund meiner angeblichen Ungereimtheiten sei wohl der Wunsch, „…eine Generalabrechnung mit denen zu führen, die Steiner nach Martins Meinung als Säulenheiligen verehren wollen und dies auch noch offensiv nach außen vertreten.“

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, a) zu erwähnen, dass Mentzel meine Mailadresse hat, heißt: mich nach meinen Intentionen auch selbst fragen könnte, b) mich einmal selbst zu zitieren, da ich die ominöse Intention meiner Darstellung im Buch selbstverständlich ausführe – und zwar wie folgt: „Mir scheint es … wichtig, die ambivalenten Züge seines [Steiners] Denkens kenntlich zu machen, und zu verstehen, wie Steiner zu rassistischen Äußerungen kam, ohne darüber den kritischen Blick zu verlieren.“ (S. 141) Dass sich dabei Differenzen zu anthroposophischen Hardlinern auftun, lässt sich nicht vermeiden, ist allerdings Folge und nicht Ursache meiner Darstellungen.

10. „Einer von Martins ärgsten Feinden“, berichtet Mentzel, „scheint der Publizist Lorenzo Ravagli zu sein, dem er in den vergangenen Jahren mehr als einmal ellenlange Pamphlete widmete, denen ein reichlich lockerer Umgang mit den Aussagen Steiners zu eigen war.“

Lorenzo Ravagli gehört bei aller Kritik sicher zu den klügsten und vornehmsten anthroposophischen Steiner-Deutern. Gerade weil Ravagli jedoch langjähriger Herausgeber eines „Jahrbuchs für anthroposophische Kritik“ und Co-Autor einer der besten anthroposophischen Studien über „Kontinuität und Wandel“ in Steiners Denken (Stuttgart 2003) ist, halte ich es für unmöglich, seine Verkürzungen, Verfälschungen und Affirmationen der Steinerschen Rassenlehre ernstzunehmen. Um nicht allzuweit vom Thema abzukommen, hier nur eines der offensichtlichsten Beispiele. Zu einem Steiner-Vortrag über Rassen und Hautfarben von 1923 bemerkt Ravagli: „Zwar bewegen sich die Ausführungen Steiners in diesem Vortrag insgesamt im Rahmen von Typenvorstellungen, diese beziehen sich aber, nach einer Bemerkung Steiners, ausdrücklich nur auf den Leib des Menschen, von dem das Geistig-Seelische mehr oder weniger unabhängig ist. ‚Sehen Sie meine Herren, alles dasjenige, was ich ihnen jetzt geschildert habe, das sind ja Dinge, die im Leibe des Menschen vor sich gehen. Die Seele und der Geist sind mehr oder weniger unabhängig davon.'“ (Ravagli: Zanders Erzählungen, 288) Das ist korrekt zitiert, aber aus dem Kontext gerissen. Steiner sagte (die von Ravagli ausgelassenen Sätze im Folgenden kursiv): „Sehen Sie, meine Herren, alles dasjenige, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, das sind ja die Dinge, die im Leibe des Menschen vor sich gehen. Die Seele und der Geist sind mehr oder weniger unabhängig davon. Daher kann der Europäer, weil ihn Seele und Geist am meisten in Anspruch nimmt, Seele und Geist am meisten verarbeiten. Der kann es am ehesten vertragen, in verschiedene Erdteile zu gehen.“ (GA 349, 62) Das sei anderen „Rassen“ versagt: Afrikaner in Amerika würden zu Indianern: „…sie gedeihen nicht, sie gehen zugrunde“ (ebd., 63) Von Asiaten, die in den Süden zögen, berichtete Steiner, dass sie körperlich zerbröckelten und an der Sonne stürben (ebd., 61)

11. „Eine weitere – nur als kurios zu bezeichnende – Schlussfolgerung“ findet Mentzel in meiner Darstellung von Steiners frühen theosophischen Jahren. Steiner deutete 1903 eine Reihe deutscher Mystiker, Dichter und Philosophen ebenfalls als Theosophen. Unter anderem den Idealisten Schelling (vgl. GA 34, 534). Im selben Zeitraum redete Steiner jedoch auch über „Schelling, der selbst kein Theosoph war“ (GA 52, 39). Offenbar widerspricht sich Steiner hier selbst. Meine Interpretationshypothese ist, dass Steiner auf verschiedenen Wegen versuchte, den deutschen Idealismus und damit weite Teile seiner frühen Schriften einer theosophischen Relektüre zu unterziehen. Für Mentzel ist das ein „Vorwurf“ an Steiner. „Auch hier“ sei es „ratsam, sich die in Rede stehenden Stellen genauer anzusehen.“ „Für Martins aber sind solche Aussagen einmal mehr ein Anlass, Steiner zu unterstellen: ’seine intellektuelle Biographie in ein Leben für diese ‚deutsche Theosophie‘ umzudeuten‘. Wird – Zander lässt grüßen – schon etwas hängen bleiben?“

Leider erläutert Mentzel mit keinem Wort, was an meiner Deutung vorwurfsvoll oder kurios sei. Wieder hat er kein Gegenargument. Wieder zitiert er Steiners (von mir angegebene) Aussagen ausführlicher als ich selbst und wieder bleibt Steiners Widerspruch dennoch bestehen. Wieder imaginiert Mentzel meine Darstellung anscheinand als böswollende ‚Unterstellung‘, von der – „Zander lässt grüßen“ – irgendetwas Schlechtes an Steiner hängenbleiben solle. Nicht Steiners Widersprüche scheinen für ihn ein Problem zu sein, sondern der Umstand, dass man diese interpretiert.

12. „Dass Martins“, so Mentzel, „es nicht so ganz genau mit den Worten nimmt, die er dem Gegenstand seiner ‚Studie‘ in den Mund legt, ist auch dort zu bemerken, wo es um den Dichter Ludwig Jacobowski geht, dessen Tod er im gleichen Absatz seines Textes ins Jahr 1901 und wenige Sätze später auf den 2. Dezember 1900 datiert, was man hier aber auch dem Lektorat anlasten könnte.“

Zwar hat Mentzel bisher nicht nachgewiesen, wo (oder auch nur: dass) ich Steiner etwas fälschlich „in den Mund“ legte und mit was davon ich es nicht so genau nähme. Aber hier glückt ihm eine zweite Trouvaille: Offenbar habe ich mich bei Jacobowskis Todestag vertippt, das ist ein wirklich bedauerlicher Schnitzer, der nicht erst auf das Lektorat zurückfällt.

13. Weiter zu Jacobowski: „Reichlich absurd allerdings wirkt Martins Vermutung, Steiners Artikel, in denen er eine klare Stellungnahme gegen den Antisemitismus erkennen lässt, könnten ein ‚posthumes Geschenk‘ [Zander] an den verstorbenen Freund Jacobowski sein.“

Erneut erläutert Mentzel nicht, was an der Vermutung absurd sei. Aus meiner Sicht ist sie die bisher plausibelste Deutung. Noch 1897 hatte Steiner die Antisemiten als „ungefährliche Leute“ verharmlost: „Viel schlimmer als die Antisemiten sind die herzlosen Führer der europamüden Juden, die Herren Herzl und Nordau.“ (GA 31, 199f.) Ein Jahr später lernte er Jacobowski kennen, der für den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ arbeitete. Jacobowski gehörte zu Steiners engeren Freunden – nach seinem Tod schrieb Steiner Artikel für den Verein.

14. Weiter möchte Mentzel „fragen, warum Martins der kurzen Begegnung Steiners mit dem Antisemiten Treitschke einen solch breiten Raum gibt (3 Seiten), die Freundschaft Steiners mit dem Juden Jacobowski aber in ein paar dürren Sätzen abhandelt…“

Die Begegnung Steiners mit „dem Antisemiten Treitschke“ nimmt im Buch keine drei Seiten ein, sondern genau sieben Zeilen. Die Begegnung mit Jacobowski umfasst zwölf Zeilen und eine der von Mentzel so gefürchteten Fußnoten. Möglicherweise hätte Mentzel seinen eigenen Rat, „sich die in Rede stehenden Stellen genauer anzusehen“, selbst besser befolgen können.

15. Ferner bildeten meine Darstellung der Freundschaft Steiner-Jacobowski „noch nicht einmal die Realität“ ab. Schließlich habe Steiner Jacobowski „einen ganzen Artikel gewidmet und darin gesagt, dass der Freund seine literarischen Tätigkeiten nicht zuletzt deshalb reduziert hatte, weil er seine Aufmerksamkeit stärker auf die politische Ebene – ‚in Verbindung mit der Kulturentwicklung‘ gerichtet hatte.“

Dass der Kolumnist, Journalist und Essayschreiber Steiner seinem Freund Jacobowski sage und schreibe „einen ganzen Artikel“ widmete, diese weltbewegende Fügung habe ich in der Tat nirgends so festgehalten, sondern von so etwas Profanem wie „gegenseitiger literarischer Wertschätzung“ gesprochen. De gustibus est disputandum. Um meine schlimme Verdrehung der Realität richtigzustellen, zitiert Mentzel wieder Steiner, ohne das Zitat zu kommentieren oder daraus abzuleiten, was denn nun mein Fehler gewesen sei. Bemerkenswert ist, dass er unter anderem auch folgende Sätze Steiners zitiert: „Er [der Antisemitismus] verletzte ihn [Jacobowski] tief in seinen persönlichsten Empfindungen. Nicht etwa deshalb, weil er mit diesen Empfindungen an dem Judentume hing. Das war durchaus nicht der Fall. Jacobowski gehörte vielmehr zu denen, die mit ihrer inneren Entwickelung längst über das Judentum hinausgewachsen waren.“ (GA 33, 191) In der Tat  geben diese Worte über Steiners Beziehung zu „dem Juden Jacobowski“ Auskunft: ‚Gute‘ Juden waren für Steiner seit dem Kommen Christi nur diejenigen, die „über das Judentum hinausgewachsen“ seien, die „frei“ seien von jener „konfessionellen oder Rassebeschränktheit“ (GA 28, 280), die Steiner der jüdischen Tradtion ohne Grund und Begründung unterstellte. Steiners Antisemitismus war assimilatorisch: Die Juden sollten weniger jüdisch sein und sich mit den restlichen „Völkern“ vermischen. Mentzel zitiert diese Äußerung zwar, aber makabererweise gerade als Beleg dafür, ich hätte Steiners Freundschaft zu Jacobowksi verkürzt dargestellt.

16. Nach Jacobowski springt Mentzel in den letzten Teil meines Buchs und ins Kapitel über Steiners Gesellschaftsutopie der „sozialen Dreigliederung“. „Auch“ dieses sei „wenig ergiebig“.

Auch hier liefert er keine Belege für Ungereimtheiten oder Fehler.

17. Anschließend spekuliert Mentzel über meine angeblich „immer etwas aufgeregt klingende Redeweise“. Als Beleg zitiert er folgenden Satz aus meinem Buch: „In Steiners pädagogischen, medizinischen oder nationalökonomischen Vorträgen kamen Rassenbegriffe auf hunderten von Seiten überhaupt nicht vor.“ Dieser Satz klinge „bedauernd“ oder eben „empört“.

18. Es folgt ein weiterer Sprung ins Jahr 1923. Mentzel: „Als Beleg seiner Ansicht, dass der Rassimus Steiners Werk durchziehe, bringt Martins – natürlich – auch das Beispiel von der Lehrerkonferenz der Stuttgarter Waldorfschule, auf der der damalige Waldorflehrer Karutz die Abschaffung des Französischunterrichts gefordert hatte.“

Ich vermute, das suggestive „natürlich“ soll eine Redundanz meiner Darstellung nahelegen. Auch diese Einschätzung seinerseits ist freilich legitim. Richard Karutz war allerdings kein Lehrer an der Stuttgarter Waldorfschule, diese wurde von seinen Kindern besucht. Auch hier hätte Michael Mentzel vielleicht seinen eigenen Rat, genau nachzulesen, selbst besser befolgen können (vgl. GA 300b, 276).

19. Die folgende Diskussion über die Abschaffung des dekadenten Französischunterrichts an der Waldorfschule empfiehlt Mentzel seinen Lesern wieder zur näheren Lektüre. Denn: „Steiner lehnte eine Diskussion über die Frage nach der Abschaffung des Französischunterrichts ab, nicht zuletzt weil er sich den Gegebenheiten der staatlichen Schulaufsicht bewusst war.“

Wie leider so oft in anthroposophischen Darstellungen reißt Mentzel diese Position Steiners aus dem Zusammenhang. Für Steiner hatte Französisch an der Waldorfschule „verschiedene Seiten. Die erste ist die geistig-kulturelle Seite.“ (ebd.) Geistig-kulturell sei Frankreich nämlich der erste „Vortrupp des untergehenden Römertums, der untergehenden romanischen Völker Europas“ (ebd., 277), die französische Sprache sei oberflächlich und im Gegensatz zum Deutschen dirigiere sie den Menschen, höhle ihn aus. Steiner hielt es für notwendig, „daß der französische Unterricht aus wirklich inneren Wesensgründen allmählich verschwinde. Es ist auch ganz selbstverständlich, daß er in der Zukunft wirklich aus dem Unterricht verschwindet. Nun, etwas anderes liegt in diesem Moment vor, wenn die Waldorfschule in radikaler Art den Anfang machen sollte … auf der anderen Seite ist es absolut ausgeschlossen, daß wir von der Waldorfschule den Anfang machen mit dem Kampfe für die Abschaffung der französischen Sprache. Das ist aus äußeren Gründen nicht möglich. Wir haben ja noch kein freies Geistesleben…“ (ebd., 278) Lediglich den letzten Punkt stellt Mentzel dar und erwähnt Steiners Hetze gegen Frankfreich nur in dem Halbsatz „Die Lehrer seien sich zwar darüber klar, so Steiner, dass die französische Sprache in der Dekadenz sei…“. Hier hätte Mentzel wenigstens den Unmut der Französischlehrer festhalten können, die ihre eigene spirituelle Erklärung ihres Fachs hatten. Lehrer(in?) „X“ brachte ein: „Ich möchte nur sagen, wie es mir persönlich geht, wenn ich Französisch gebe. Ich steigere mich, ich schwimme. Nichts ist so anstrengend wie das Französisch- Unterrichten.“ Steiners Antwort: „Wenn es im guten Sinne wäre, so würde ich Ihnen raten, steigern Sie sich bei den anderen Dingen mehr.“ (ebd., 283)

Wider die Eindeutigkeit

Von den angeblichen Ungereimtheiten meines Buchs, die Mentzel unterstellt, bleibt bei näherer Betrachtung zweierlei übrig: Ich habe darin Ludwig Jacobowskis Todesjahr einmal falsch datiert und eine Quellenangabe ist unrichtig – Ich schreibe GA 31, wo GA 32 stehen müsste. Ich bin auch von anderer Seite auf eine falsche Datierungen eines Steiner-Aufsatzes von 1906 hingewiesen worden. Und es wird sicher wirkliche Ungereimtheiten und Stellen geben, an denen das Buch zu kurz greift oder die man schlicht ausführlicher hätte behandeln können. Viel mehr ließe sich beispielsweise zur Dreigliederung und zu Steiners lebensreformerischen Ansätzen sagen.

Dennoch: In Mentzels Rezension kann ich dazu wenig Brauchbares finden. Zwar lässt er gegen Ende den Erkenntnis-Wert des Zweifels anklingen und meint, mein Buch werde der Anthroposophie nicht schaden:

„Wer den Versuch macht, das Werk Rudolf Steiners auch im Hinblick auf Martins Intentionen zu durchdringen und damit bereit ist, eine – stellenweise tatsächlich vorhandene und auch nicht wegzuleugnende – Ambivalenz in Steiners Denken auszuhalten, wird belohnt durch die Erfahrung, dass es für die Entwicklung seiner eigenen Gedankenwelt nur mehr förderlich sein kann, wenn er bereit ist, den persönlichen Seelenkampf in die Wagschale zu werfen und die eigene Auseinandersetzung mit dem Zweifel als Möglichkeit zur erweiterten eigenen Erkenntnis zuzulassen. Insofern wird Martins Buch der Anthroposophie keineswegs schaden, wie manche vermuten.“

Ich danke für die Einschätzung, doch der Rest des Artikels besteht aus Steiner-Zitaten und Vorwürfen an meine Darstellung, die entweder unbegründet sind oder von Mentzel zumindest nicht belegt, sondern nur als absurd betitelt werden. Vielleicht ist dieses Problem ihm selbst nicht verborgen geblieben, denn er fürchtet: „Die zarten Versuche der Beschreibung der Empfindungen, wie sie vor der Seele und den Augen eines – der heutigen Steiner-Kritik gegenüber – kritisch eingestellten Zeitgenossen auftauchen, werden als Versuche der Reinwaschung, als apologetische Irrfahrten durch eine Geschichte gebrandmarkt werden, deren Eindeutigkeit doch schließlich nicht mehr zu übersehen sei.“

Wenn es einen Beleg dafür gibt, dass Mentzel mein Buch nur flüchtig gelesen oder schlicht nicht verstanden haben könnte, dann diesen Satz. Es ist gerade die Eindeutigkeit, der Versuch, Steiner zum lichten Gegner allen Rassedenkens oder zum finsteren Gegenaufklärer zu stilisieren, gegen die das Buch geschrieben wurde. Mentzel selbst unterstellt diese fiktive Eindeutigkeit, wenn er meinem Buch ausgerechnet positiv anrechnet, „dass Steiner auch darauf hingewiesen hat, dass sein Anliegen in einem idealistisch zu verstehenden Sinn zu werten ist und eben nicht ein national gefärbter Hurrapatriotismus deutscher Provinienz ist.“ Dass Idealismus und Hurrapatriotismus, Individualismus und Nationalismus, Spiritualismus und Rassismus – leider – keine Gegensätze sind, das wenigstens hätten Leser aus meinem Buch lernen sollen. Das ist scheinbar zu viel verlangt, aber das war zu erwarten und deshalb kann ich immerhin zwei Sätzen Mentzels ungebrochen zustimmen:

„Es wird kommen, wie es immer kommt. Dessen ist sich der Verfasser der nachfolgenen Zeilen so gewiss, wie das ‚Es keimen die Pflanzen‘ am Mittagstisch aufrechter Anthroposophen.“

Das ist der Verfasser dieser Zeilen auch.

23. Januar 2013 at 10:20 pm 8 Kommentare

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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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