Posts filed under ‘Judith von Halle’

Sinn und Sinnlichkeit: Sergej Prokofieff, Judith von Halle und das „Volkstümlich-Mondhafte“

„Der Leser aber wird mit einiger Wehmut an die veralteten Broschüren zurückdenken, die für zehn Pfennig Glück im Spiele oder in der Liebe in Aussicht stellten und sich gestehen, wieviel lauterer sie erscheinen als ein Schrifttum, das Ophir und Atlantis, Buddha und Christus, Totenbuch und Sohar aufbietet, um die Barbarei an jenen Platz zu stellen, den vor hundert Jahren die Bildung einnahm.
– Walter Benjamin: Erleuchtung durch Dunkelmänner (1932), Gesammelte Schriften III, S. 360

Mindestens in einem Punkt ähnelt die anthroposophische Szene der radikalen Linken: Sie ist jederzeit spaltungsbereit. Die Interessenten, Sympathisanten, Rezipienten, Adepten, Schüler, Interpreten, Fans und Deuter von Rudolf Steiners 360-bändigem Gesamtwerk haben sehr unterschiedliche Zugänge zur „Geistigen Welt“ des Meisters. Im weltanschaulichen Sammelbecken der Anthroposophie müssen daher immer auch unterschiedliche religiöse Bedürfnisse und politische Ausrichtungen, verschiedene Umgangsformen und diverse klassische Steiner-Lesarten miteinander konkurrieren. Das führte schon zu Lebzeiten des Gurus zu allerlei Querelen. Aber zum Glück für sich und den Hausfrieden konnte Rudolf Steiner zaubern – und damit wie nebenbei seine herausragende kosmische Stellung sichern.

„Hofrat Seiling hatte einen sogenannten ‚Odmesser‘ mitgebracht, einem kleinen Kompass ähnlich sehend, dessen Nadel sich von links nach rechts im Sinne des Sonnenlaufes langsamer oder schneller drehte, je nach der Odkraft dessen, der den auf dem Tisch liegenden Odmesser mit beiden Händen umschloss. Das ‚Od‘ hängt, wie Dr. Steiner erklärte, mit gewissen ätherischen Wirkungen zusammen. Nachdem verschiedene ihre Odkraft gemessen hatten, wollte der Hofrat absolut, dass Dr. Steiner dies auch tue. Dr. Steiner setzte sich und tat wie die andern, aber der Zeiger –anstatt zu drehen, zitterte nur. ‚Er mus sich von links nach rechts drehen!‘ rief ungeduldig der Hofrat. – ‚Ich möchte aber, dass er sich von rechts nach links dreht‘, sagte Dr. Steiner, und gleich darauf begann der Zeiger sich im entgegengesetzten Sinne, so wie er es wollte, zu drehen.“ (Max Gümbel-Seiling: Mit Rudolf Steiner in München, Den Haag 1946, S. 27, zit. n. Wolfgang Vögele: „Sie Mensch von einem Menschen“. Rudolf Steiner in Anekdoten, Basel 2012, S. 34f.)

Das Charisma des „Eingeweihten“, die Integrationskraft der anthroposophischen Bewegung und das Erfolgsversprechen ihrer gesellschaftspolitischen Praxisfelder beruhten, jedenfalls in der Frühphase der Anthroposophie, zu einem bedeutenden Teil auf dem Glauben an Rudolf Steiners paranormale Fähigkeiten. Er persönlich repräsentierte, was seine Vorträge und Schriften weitschweifig verkündeten: den Einbruch „des Geistigen“ bis in die verstecktesten Winkel des Alltags. Nur deshalb konnten Lehrer Priester sein, konnten homöopathische Hochpotenzen die Physis ergreifen, konnten Kuhhörner zu Antennen kosmischer Strahlen werden, weil Steiner jedem bestimmten Sein seinen bestimmten Geist, eine konkrete Entsprechung unter den Wesen der „Höheren Welten“ zuordnete. Steiners Anthroposophie gipfelt in der restlosen Verdinglichung des Heiligen. Geist verliert alles Inkommensurable  – darf dafür aber restlos determinierend auf die Materie wirken.

Judith von Halle

Es folgt einer gewissen Logik, dass Steiner, der natürlich nicht immer und überall gleichzeitig kleine Wunder wirken konnte, Christus zur Gallionsfigur seiner Esoterik wählte. Das fleischgewordene Wort Gottes, zwischen die beiden Dämonen Luzifer (spirituelle Flüchtigkeit) und Ahriman (materialistische Pedanterie) gestellt, steht für die erhoffte Schnittstelle zwischen Stoff und Geisterwelt, die die Anthroposophie permanent umkreist.

Obwohl Anthroposophen ihre Weltanschauung gern als Wissenschaft verstehen, nähern sie sich dieser Schnittstelle doch meist im Modus des Glaubens. Zuweilen mit bemerkenswerten Nebeneffekten. So erfuhr in der Karwoche 2004 die Berliner Architektin und Anthroposophin Judith von Halle die Wundmale Jesu am eigenen Leibe. Seitdem trägt sie, wie man hört, weiße Handschuhe, um ihre blutigen Stigmata zu verhüllen, und ist nicht mehr auf physische Nahrung angewiesen, im Gegenteil: angeblich drohen Vergiftungssymptome sogar von kleinsten Mengen Zahnpasta. Die Story schaffte es bis in den „Spiegel“:

„Während im Rest der Republik Familien fröhlich ihren Karfreitagsfisch verzehrten, will sie am eigenen Leib den Leidensweg Jesu nach Golgatha nachempfunden haben – einschließlich „der stundenlangen Misshandlungen, Folterungen, schließlich der Kreuzigung und des Todeskampfes“. Seit dieser Zeit hat die Gebeutelte nach eigenem Bekunden keinen Bissen gegessen. Selbst Wasser vertrage ihr Körper nur in geringen Maßen. Alles nur Spinnereien einer Aufmerksamkeit heischenden Egozentrikerin? … Die polyglotte Akademikerin von Halle lebte zeitweilig in Tel Aviv und Houston, Texas, und arbeitet als Architektin. … Dem Bild einer christlichen Eiferin entspricht sie kaum: Sie wurde in eine jüdische Familie hineingeboren und fühlt sich den Lehren Rudolf Steiners verpflichtet. Mit dessen Ideen erklärt sie auch die verstörenden Vorgänge an sich selbst. Demnach müsse der stigmatisierte Körper „derjenige Leib sein, der den Menschen über die Erdentwicklung hinaus in das Jupiter-Dasein trägt“.“ (Frank Thadeusz: Vier Jahre Nulldiät)

Die Liste der Kuriositäten ließe sich (wie so oft) beliebig lang fortsetzen. Interessanter als die Details des Wunderberichts sind jedoch seine ideellen und sozialen Folgen in der anthroposophischen Szene. Eigentlich sollten von Halles ziemlich körperliche Christusreminszenzen gestandenen Anthroposophen nicht weiter verwunderlich erscheinen. Nach Steiner wohnt Christus immerhin seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in der Ätherwelt, heißt: dem spirituellen Pendant organischer Lebensprozesse. Dass die geistigen Wesen in der Materie und eben auch im menschlichen Körper unterwegs sind, war die Kernbotschaft Steiners – da könnten ein paar Stigmata sterbensnormal, eigentlich fast langweilig wirken.

So sollte man meinen, aber weit gefehlt: Dass eine Anthroposophin tatsächlich Spuren der Geistigen Welt vorzuweisen meint, stößt auf enorme Resonanz. Judith von Halle zeigt, wie tief die Suche nach Zeugnissen des Glaubens, die Sehnsucht nach post-spiritistischen Zeichen aus dem Jenseits in anthroposophischen Gemütern verankert ist: Sie fand glühende Fans, zärtliche Bewunderer und erzürnte Gegner. Das umfassend verwaltete „freie Geistesleben“ der Anthroposophen wusste sich zu helfen. 2007 sollte eine „Urteilsfindungskommission“ den Status der Vorfälle klären. Da die Pro-/Contra-Fraktionen innerhalb wie außerhalb der Kommission allerdings keinen Fuß breit von ihrer Position abwichen (Gutachterin Rahel Uhlenhoff ließ sich indes von der Authentizität der Wundmale überzeugen), endete dieser Schritt nur in einer noch breiter losgetretenen Debatte. In diesem Streit macht es von Halle ihren Gegnern und Bewunderern leicht. Sie behauptet, in ihrer spirituellen Entwicklung sensationelle Fähigkeiten freigelegt zu haben:

„Der sinnlich-optische Eindruck entsteht dann allein durch die physisch-gestaltenden Kräfte des Phantomleibes. Daher kann jede Sinneswahrnehmung über eine Entfernung von Tausenden von Kilometern stattfinden oder auch in einer anderen Zeit.“ (Judith von Halle: „Und wäre er nicht auferstanden…“, Dornach 2005, S. 51)

Der Erfolg dieser grenzenlosen Wahrnehmungen bleibt nicht aus: von Halle berichtet etwa über Details vom Tisch des letzten Abendmahls – und stößt damit auf spirituelle Neider und energische Opponenten. Deren Leidenschaftlichste ist zweifellos Mieke Mosmuller, die sich selbst gelegentlich zum Plausch mit Rudolf Steiner in die höheren Welten begibt und deshalb aus erster Hand berichtet, dass dieser das mit den Stigmata nicht gutheißen würde. In der Tat hatte Steiner dem Anthroposophen Richard Pollak-Karlin, der am Ersten Goetheanum arbeitete und ebenfalls Jesu Wundmale tragen wollte, Meditationen gegeben, die sie zum verschwinden bringen sollten.

Die davon unbeeindruckte Judith von Halle wirkt attraktiv, sympathisch und gewinnend: angeblich besonders für zahlungskräftige ältere Herren in der anthroposophischen Szene. Man gründete nach Anfeindungen gegen von Halle eine Freie Vereinigung für Anthroposophie, finanzierte im Schweizer Anthroposophenvatikan Dornach eine „Schreinerei“ (denn in einer solchen hatte schon Steiner Vorträge gehalten). Eine Präsenz vor Ort, die sich auszahlte. Die Anhänger Judith von Halles sind inzwischen weit verbreitet und gut aufgestellt. Verbreitet genug, um Sergej O. Prokofieff auf den Plan zu rufen.

Der „Repräsentant des Ostens“

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs (und um auf die globalen politischen Folgen zu reagieren) wurde unter Manfred Schmidt-Brabant der Vorstand der „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“ um drei Mitglieder erweitert: Cornelius Pietzner, Bodo von Plato und Sergej Prokofieff. Wie Hartwig Schiller (Vorstand der deutschen anthroposophischen Landesgesellschaft) kürzlich behauptete, stand dahinter auch der Glaube an Volks- und Kultur-„Missionen“:

„Die Berufung von Menschen aus dem nordamerikanischen Westen, dem russischen Osten und der Mitte Europas schien auf diese [die politische] Entwicklung einzugehen und machte einen Auftrag für die Zukunft sichtbar. Die Anthroposophische Gesellschaft hat eine menschheitliche Zielsetzung und insofern kann sie nur als Weltgesellschaft konzipiert sein. Dafür standen Cornelius Pietzner, Bodo von Plato und Sergej Prokofieff stellvertretend. Westen, Mitte und Osten galten da nicht bloß als geographische Ortsbestimmungen, sondern als geistige Qualitäten.“ (Schiller: Konferenz der europäischen Generalsekretäre in Amsterdam, in: Anthroposophie Weltweit. Mitteilungen Deutschland, Januar/Februar 2013, S. 3)

Prokofieff, der den „russischen Osten“ repräsentieren sollte, hat seinerseits einen einflussreichen und äußerst hemmungslosen Kreis von Anhängern. In Russland verortete Steiner die „sechste nachatlantische Kulturepoche“ – und ein Hauch dieser zukünftigen Evolutionsstufe wird Prokofieff von vielen seiner anthroposophischen Adepten zugeschrieben. Die „östlichen“ „Mysterien“ sind aber nur eines von vielen Kompetenzfeldern. In seinen Schriften werden alle geistigen Hierarchien, alle Wesenheiten und Potenzen bemüht, die Steiner ersann, allerdings auf durchaus eigene Weise. Prokofieffs Werk zeichnet sich durch die stupende Permanenz, Redundanz und Dichte aus, mit der der anthroposophische Wesenszoo rekombiniert, durch- und übereinandergeworfen wird. An Engeln und Elementarwesen wird zu keinem Anlass gespart, vor allem aber sind Steiner und Christus wichtig:

“Das, was der Christus für die ganze Menschheit tat, als er ihr Karma auf sich nahm, das tat Rudolf Steiner für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft als ein wahrer Schüler des Christus Jesus auf der Weihnachtstagung. … Dessen sollte sich jedes Mitglied der Gesellschaft bewusst sein.” (Prokofieff: Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien, Stuttgart 1986, S. 129)

Prokofieff ist ein Mensch, der „wirklich die ganze kosmisch-tellurische Dimension des Mysteriums, das auf dem Golgathahügel stattgefunden hat, durchschaut“, wie jetzt ein neues Buch nahelegt (Prokofieff: „Zeitreisen“. Ein Gegenbild anthroposophischer Geistesforschung, Dornach 2013, S. 30). Zumindest aber, so der Tenor des Pamphlets, besser durchschaut als Judith von Halle, der er schlicht die hellseherische Kompetenz abspricht. Die stille Konkurrenz anthroposophischer Christentümer wird in der eben zitierten Streitschrift immerhin unverhüllt ausgetragen. Mit allerlei Steinerzitaten bemüht sich Prokofieff, von Halle als Verräterin  an der Anthroposophie, und das heißt auch, an Christus selbst darzustellen.

Das Buch erscheint nicht zufällig 2013. Es ist Prokofieffs letzte Amtshandlung als Vorstandsmitglied. Seit Längerem stand fest, dass sein Gesundheitszustand nicht der beste war, wobei die genaue Diagnose bisher nicht bekannt geworden ist. Im Januar kündigte Prokofieff nun in einem Offenen Brief seinen Rücktritt an und bedauerte, künftig keine Kontakte mehr pflegen, Vorträge halten oder Aufgaben übernehmen zu können. Neben der Krankheit hatten auch Meinungsverschiedenheiten an seiner Position gezehrt. In Schillers eigentümlicher Völkerpsychologie des Dornacher Vorstands liest sich das so:

„Für das östliche Willensfeuer der Seele ist die Formkälte des Westens jedoch unerträglich und für die westliche Formkraft das lodernde Seelenfeuer des Ostens schwärmerisch religiöse Zumutung. Dem Verständnis des fremden Wollens treten individuelle, aber auch typologische Krafthindernisse entgegen. Zu den unverheilten Wunden und Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges gehört die aus dem Gleichgewicht gebrachte Menschheit. Was heute als osteuropäisch gilt, war Jahrhunderte zuvor Mitte und was sich heute Mitte dünkt, ist zumeist nur Appendix des Westens. Die ehemalige Mitte denkt, fühlt und lebt westlich. Da kann einem Repräsentanten des Ostens [also Prokofieff, AM] unbemerkt und ungewollt nicht nur der Platz eingeschränkt oder beeinträchtigt, – er kann ihm genommen werden. Da erscheinen als persönliche Mängel, was als Folgen eines Raumes- und Zeitenschicksals Nachsicht erforderte.“ (Schiller: Bericht, a.a.O., S. 6)

Hochverrat

Raumes- und Zeitenschicksal waren aber anscheinend wenigstens so gnädig, Prokofieff einen letzten 120-seitigen literarischen Kreuzzug gegen Judith von Halle zu gestatten. „Zeitreisen. Ein Gegenbild anthroposophischer Geistesforschung“, so der Titel. Auf der Innenseite findet sich ein einschränkender Zusatz: „Eine Darstellung für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft“. Prokofieffs Strategie ist einfach und wirkungsvoll: Erstens werden von Halles Wundmale als irrelevant marginalisiert, davon ausgehend wird zweitens der Fokus auf ihre Sinneserweiterungen in Raum und Zeit eingeschränkt, drittens soll gezeigt werden, dass letztere mit Anthroposophie nichts zu tun hätten.

Wer das Buch in der Hoffnung aufschlägt, ein Steinerianisches Zauberduell zu finden, wird enttäuscht: Prokofieff liefert einen immer beleidigt wirkenden Lehrgang in theosophischer Dogmatik. Das vermeintliche „Wunder“ der Stigmatisation wird dabei nur am Rande und beeindruckend verzerrt dargestellt. Prokofieff übersieht die Pointe, die von Halle für viele Anthroposophen so attraktiv macht: Die vermeintliche Kausalwirkung des Geistes auf die Materie. Er zielt auf das Glück im clairvoyanten Geist. „Alle leiblichen Manifestationen, welcher Art auch immer, gehören nicht dazu.“ (S. 8) Dies führt zu einer unerwarteten, fast überraschenden Position. Im Gegensatz zu früheren Verlautbarungen gipfeln Prokofieffs Polemiken in einer fast dualistischen Gegenüberstellung von Geist und Materie. Christus, der für die biblische Theologie ja nicht umsonst körperlich auferstand, muss dafür als „Geistleib“ herhalten, der „seinem Ursprung und Wesen nach nichts mit irdischer Materie zu tun“ habe. (S. 29) Aus dieser Figur leitet Prokofieff nur konsequent (aber wortreich) ab, dass auch von Halles vermeintliche Sinneserweiterungen dem Profanen angehörten und keinen „übersinnlichen“ Status einnehmen dürfen. Judith von Halle sei wie ihre katholische Leidensschwester Anna Katharina Emmerich nicht in der Lage, die Auferstehung zu erfassen. Sie sei zu „stark auf die Geschehnisse des Karfreitags“ konzentriert. Eine „ins Materialistische führende Richtung,“ (S. 75)

Selbstredend hat Prokofieff nicht das leiseste Verständnis, nicht einmal einen adäquaten Begriff von Materialismus. Das Schlagwort ist anthroposophisches Jargon mit der Bedeutung: Hochverrat. Nur an wenigen Stellen im Buch wird dessen eigentliche Botschaft offen ausgesprochen, die doch überall durchscheint: neben Steiner ist kein eigener Gedanke, erst recht kein neuer Prophet zugelassen. Prokofieff verlängert seinen alten Hass auf Valentin Tomberg (einen weiteren Anthroposophen mit dem Anspruch eigener Hellsichtigkeit) auf ein neues Opfer. Die Anthroposophie ist für Prokofieff kein „Erkenntnisweg“, sondern dessen Ziel. Seine Kritik an von Halle läuft auf die Mahnung hinaus, sich gefälligst devoter zu verhalten:

„Weil Anthroposophie ein Wesen in der geistigen Welt ist, gebührt ihr gegenüber ein selbstloses Dinenen und nicht der Versuch, sie als Mittel zum Zweck zu benutzen.“ (S. 31)

„Monden-Blutsopfer“

Neben seinen aufgewärmten Anti-Tomberg-Polemiken hat Prokofieff weitere Feindbilder, etwa von Halles berühmte Phantasien über „das jüdische Passahfest“. Sie hatte imaginiert, dass Jesus am Gründonnerstag ein Lamm geopfert und damit den Brauch des Pessachfestes erfüllt habe. Diese Anekdote (bei deren Kritik er sich einem Buch von Mosmuller anschließt) ruft in Prokofieff „Erschütterung und innere Abscheu“ hervor (S. 36). Denn, so heißt es im typischen Schreibstil:

„Der wahre Sonnen-Gott, der nach dem Zeugnis des Briefes an die Hebräer, sein ganzes Werk auf der Erde im Sinne der Priesterwürde der Sonnenmysterien des Melchisedek ausgerichtet hatte – das heißt nicht im Dienste der nationalen Gottheit Jahve, sondern im Sinne des höchsten Gottes El-eljôn, den Christus in seinen Abschiedsreden als seinen Vater bezeichnet – konnte niemals ein Monden-Blutopfer [Jahwe gilt in der Anthroposophie als Mondgottheit, AM], in welcher Form auch immer, durchführen.“ (S. 34)

Prokofieff reißt den biblischen Gott damit in zwei Stücke: erstens den wahren „Vater“ mit seinem Sohn, dem sonnenhaften Christus, zweitens der „nationalen Gottheit“ Jahwe. In seiner Schilderung Jahwes, dem er noch den Mond und das Blut zuordnet, bedient Prokofieff, ob unbewusst oder wissentlich, Steiners antijudaistische Geschichts- und Symbolkonstruktionen. Die Mond- und Blutsucht projeziert er anschließend auf Judith von Halle: Sie wolle das Abendmahl von den Sonnenkräften weg und in eine „einseitig volkstümlich-mondenhafte Richtung“ lenken. Der inhaltliche Haupteinwand gegen von Halle besteht schließlich darin, dass ihr, so Prokofieff, „nicht die wahren Bilder aus der Akasha-Chronik erscheinen, sondern deren in der Mondensphäre vielfach entstellte Widerspiegelungen“ (S. 36) An anderer Stelle heißt es:

„Dass sich Jahve von den Erdengeschicken des hebräischen Volkes schon viel früher getrennt hatte, das erfuhr Jesus von Nazareth noch vor der Jordantaufe, als er durch seine jahrelange Beschäftigung  mit der jüdischen Geistigkeit feststellen musste, dass Bath Kol, die noch die Propheten inspirierende geistige Stimme, nicht mehr im Volke wirkte.“ (S. 51)

Auch von Halles Jünger haben Prokofieff gern mit völkerpsychologischen Ausfällen attackiert. So meint Peter Tradowsky, Prokofieff sei Anhänger eines „gnostisch platonisierenden Christentums“.

Der Gegenvorwurf lautet nun: latenter Katholizismus. Prokofieff beschäftigt sich im Hauptteil des Buches mit Zitatabgleichen zwischen Steiner, von Halle und Anna Katharina Emmerich, die ebenfalls die Wundmale Jesu, Nahrungslosigkeit und göttliche Visionen beanspruchte. In der Tat kann er zahlreiche (im Einzelfall auch wirklich aufschlussreiche) Gemeinsamkeiten der Stigmata-Fraktion konstatieren. Die unterstellten Differenzen zu Steiner spielen sich derweil ausnahmslos auf der Ebene von Nichtigkeiten ab. Das Ergebnis ist eine Schlammschlacht in den verästeltsten Details anthroposophischer Obskuritäten. Judith von Halle hat beispielsweise ihre eigene Version von der Herkunft des Abendmalskelches Jesu. Der stamme vom „Alten Mond“, einer früheren Inkarnation des Planeten Erde. Nach Steiner handelte es sich um eine Schale aus Jaspis. Für Prokofieff sind die Irrtümer von Halles dabei ganz offensichtlich, da Steiners Forschungsergebnisse stets „vom gesunden Menschenverstand erkenntnismäßig nachvollzogen werden können.“ (S. 28) Dabei verwickelt er sich immer weiter im eigenen performativen Widerspruch: Prokofieff vertraut keineswegs auf einen „gesunden Menschenverstand“, was immer das sein soll, sondern muss seitenweise Steiner-Zitate anschleppen, um Judith von Halle des „Irrtums“ zu überführen. „Irrtum“ heißt freilich nicht mehr, als dass man Steiner auch anders lesen kann.

Natürlich sind Sergej Prokofieff und Judith von Halle sich in der Außenperspektive in allem Grundsätzlichen einig: Christus, die höheren Welten, das Golgathamysterium, die planetarische Evolution… Das scheint auch unser Pamphletist zu bemerken, jedenfalls hält er es für unverzichtbar, auch noch in die Schatzkiste anthroposophischer Dämonologie zu greifen. Zu Beginn seiner Ausführungen erzählt Prokofieff, er habe einen einzigen Vortrag von Halles besucht, der „interessant und zum Teil sogar anregend“ war. Aber plötzlich konstatierte der Erleuchtete, dass hier andere Kräfte am Werk waren:

„Dann jedoch machte die Vortragende beim weiteren Verlesen eine Pause und sprach plötzlich (nach meiner Wahrnehmung) mit einem veränderten Gesichtsausdruck und auch nicht mehr mit derselben Stimme weiter. Es war, als spräche jetzt ein anderer Mensch. Und nun folgte zu meiner völligen Überraschung eine schaurige Geschichte, die mit der ganzen vorhergehenden Betrachtung nichts zu tun hatte…“ (ebd.)

Spätestens auf Seite 28 weiß der treue Prokofieff-Fan, womit wir es zu tun haben. Der Meister lässt sich Zeit bis zur letzten Seite, um die Konsequenz zu ziehen, die bereits hier feststeht: In Judith von Halle, ihren Stigmata und ihren hellsichtigen Mitteilungen wirken böse Mächte.

„Es besteht kein Zweifel, dass hinter diesem visionären Element auch ganz konkrete geistige Mächte wirken. Dies kann aus der Anthroposophie mit Sicherheit geschlossen werden. Und dass diese Mächte Rudolf Steiner und seinem Werk gegenüber feindlich gesonnen sind, liegt ebenfalls auf der Hand. Denn alle raffinierten Angriffe auf die Anthroposophie, die zu ihrer Entstellung und sogar Aufhebung führen sollen, sind okkult intendiert, was den Sachverhalt, um den es in diesem Buch geht, so gravierend macht.“ (S. 114)

„Verleumdung“

Der Klappentext winkt dagegen mit dem Schleier objektiver Nüchternheit: „Die angeführten Tatsachen können die Grundlage für ein eigenständiges Urteil des Lesers bilden“. Die anthroposophischen Reaktionen sind gespalten. Unübersehbar ist, dass weniger über Judith von Halle als über Prokofieff gestritten wird, dessen Duktus man in der Szene seit über zwanzig Jahren debattiert. Michael Eggert wusste sich gleich nach dem Erscheinen über Prokofieff lustig zu machen: „Wenn er das sagt – Grundlage für ein eigenständiges Urteil des Lesers -, dann weiß man immer, was das Stündlein geschlagen hat, High Noon. Wenn Herr Prokofieff dieses sich herab läßt zu sagen – ’solche Strömungen‘, dann gefriert ja schon die Milch im Topf. Die Stunde der edlen Ritter, die Stunde des Tournamentes.“ (Eggert: Sergej Prokofieff schlägt zurück) Dagegen meint Michael Mentzel, das Buch biete „eine umfangreiche Materialsammlung“, die es dem Leser „ermöglicht, nachzuvollziehen, warum die Darstellungen Judith von Halles für Prokofieff ein solches Problem darstellen. Seine Sorge, die Anthroposophie könne sich durch die Mitteilungen über „Zeitreisen“ und die Gesichte Judith von Halles zu einer Glaubensgesellschaft statt zu einer Erkenntnisgesellschaft entwickeln, ist dabei – für mich – durchaus nachvollziehbar.“ (Mentzel: Sergej Prokofieff vs. Judith von Halle)

Andere Anthroposophen halten Judith von Halle für blanken Horror und dürften das Buch mehr als nur nachvollziehbar finden. Prokofieff zitiert „eine junge englische Zuhörerin“ eines von Halle-Vortrags:

„My own reaction was one of hurt and anger that anyone could describe Christ in this way. The scene that she described seemed so fundamentally un-Christian that I had to conclude, if this were indeed an accurate description of the last supper, that Christ was not the God I believed in and I was not a Christian.“ (Brief an Prokofieff, 1. Januar 2013, zit. n. S. 118)

Solche Briefe, ob für oder gegen Prokofieff, ob für oder gegen Judith von Halle, müssen auch den aktuellen Dornacher Vorstand in rauen Mengen erreicht haben. In Glaubenskrisen wenden sich empörte Anthroposophen gern an ihre (eben nicht nur organisatorische) Führungsebene. Die Vorstandsmitglieder erklärten deshalb höflich, aber vage, ihre Neutralität:

„Grundsätzlich betrachten es der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und das Hochschulkollegium als ihre Aufgabe, einen Freiraum der Erkenntnissuche und des vielschichtigen anthroposophischen Lebens zu ermöglichen. Dazu gehört selbstverständlich die Freiheit eines jeden Autors – auch als Mitglied des Vorstandes –, seine Einsichten und Erkenntnisse zu publizieren. Ebenso zieht jede Veröffentlichung die Möglichkeit der kritischen Stellungnahme oder Diskussion nach sich. Das gilt gleichermaßen für die Publikationen von Sergej Prokofieff und Judith von Halle.“ (Virginia Sease, Paul Mackay, Bodo von Plato, Seija Zimmermann, Justus Wittich, Joan Sleigh: Zum Buch ‹Zeitreisen› von Sergej Prokofieff, in: Anthroposophie weltweit Nr. 5/13, S. 18)

Derweil haben 38 prominente Anthroposophen, darunter etwa Götz Werner, Gründer und aktuell Aufsichtsratsmitglied der dm-Drogeriemarktkette, in einem Offenen Brief gegen das Buch protestiert. Die 38 anthroposophischen Wutbürger finden Prokofieffs „Anschuldigungen“ „weder nachvollziehbar noch haltbar noch akzeptabel. Sie sind Ihnen zu einer Verleumdung geraten. Noch gäbe es allerdings eine Möglichkeit zur Korrektur: Entschuldigen Sie sich bei Frau v. Halle, distanzieren Sie sich öffentlich von dem Buch und fordern Sie den Verlag auf, es zurückzuziehen.“

Beide Lager unterscheiden sich letztlich nur in Einzelheiten – der Geisteszustand der von Halle-Fans kann mit dem der Prokofieff-Jünger durchaus mithalten. Trotzdem sind gerade die Differenzen entscheidend: Es geht um nicht weniger als den Offenbarungsrang Steiners, darum, ob es gestattet sei, ihm gleich in die höheren Welten einzudringen. Ferner darum, was die Bühne anthroposophischer Frömmigkeit sein soll: Leib oder Geist, die Suche nach Manifestationen des Spirituellen oder die Versenkung in Steiners Texte.

Nicht zuletzt macht die Offenherzigkeit, mit der der Prokofieff/von Halle-Streit ausgetragen wird, gefährliche Tendenzen sichtbar. Offenbar prägen auch noch im Jahr 2013 verkappt antijüdische und manifest völkerpsychologische Themen den aktuellen anthroposophischen Diskurs. Das macht kritische Aufmerksamkeit von außerhalb der „Bewegung“ nötiger denn je.

25. Mai 2013 at 10:23 pm 9 Kommentare


Mehr Waldorfblog auf Facebook

Inhalt ( Auswahl - vgl. das Archiv )

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 163 Followern an

Kategorien

Archiv

Zum Autor

Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

Kommentare

Jeder Artikel kann kommentiert werden. Da ich aber bei Internetdiskussionen zu diesem Thema schon einiges an widerlichen Unterstellungen und Beleidigungen von pro- wie antianthroposophischen Seite gelesen habe, werden die Kommentare aber vor ihrer Veröffentlichung geprüft und ich behalte mir vor, sie ggf. zu kürzen oder nicht freizuschalten. Ich will damit niemanden "zensieren", sondern versuchen, eine faire und möglichst sachliche Diskussionskultur zu schaffen.

Haftungsausschluss für externe Verweise und Links

Mit Urteil vom 12.Mai 1998 hat das LG Hamburg entschieden, dass mensch durch die Ausbringung eines Links die Inhalte der verlinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann, so das LG, nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert.

Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

Blog Stats

  • 420,495 hits

Bild im Titel: Ita Wegman, Rudolf Steiner, Marie Steiner-von Sievers