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Georg Wahrmunds Vorzeit-Früchte

(Gastartikel von Maria S. Kleinem-Esel)
ACHTUNG: Dieser Artikel enthält Spuren von Humor und könnte daher ihre religiösen Gefühle verletzen.

Man wende doch den Blick zur Vorzeit hin

Und prüfe, was in Menschenseelen lebte,
Bevor die Wissenschaft, die jetzt erblüht,
Auch nur als Keim sich offenbaren konnte.
Man wird dann finden, daß der Mystenbund
In dieser Stunde eine Tat vollbringt,

Die vorgezeichnet ist im Weltenplane.

– Georg Wahrmund, aus:
Rudolf Steiner: „Der Hüter der Schwelle“ (GA 14)
———
Sie meinen’s gut; doch sitzt ihr Streben nur
In obern Schichten ihres Seelenlebens.
So werde ich, was sie in Geistesgründen
An großen Schätzen unbewußt noch bergen,
Für lange Zeiten kräftig nutzen können.
– Dämon „Ahriman“
über Georg Wahrmund

 

  

Früchte (© Luc Viatour – Wikipedia Commons)

Die Katholische Kirche erklärt im jüngst erschienen „Jugenkatechismus“ „youcat“, dass Engel geistige Wesen und „für gewöhnlich nicht sichtbar“ seien (vgl. Von Engeln und Steuertricks). Auch die „ErziehungsKUNST, das Verbandsmagazin des „Bundes der Freien Waldorfschulen“, das an alle Waldorf-Elternhäuser verteilt wird, widmet sich gerade gewöhnlichermaßen „unsichtbaren“ Entitäten und berichtet über das ausgefallene Thema Elementarwesen. Diverse Autoren schreiben über die Wirkungen unsichtbarer Geister in der Natur. Auf der letzten Seite findet sich ein Beitrag aus der Feder eines ominösen „Georg Wahrmund“, der ohne Namensnennung den Religionswissenschaftler Helmut Zander (Autor diverser anthroposophiekritischer Schriften) aufs Korn nimmt und – passend zum Titelthema – als Zwerg beschreibt:

„Diese Autoren [Wahrmund glaubt möglicherweise an eine ganze Zander-Population oder sieht doppelt – d. Verf.] erinnern mich an den Autor mit  dem Blechschaden im Ätherleib [!]. … Es gibt ganz drollige Zwerge in den Wissenschaften: kauzige, putzige Kerlchen, manche mit Schnauzer, manche mit Glatze. Manche kennen sich anscheinend in Steiners Gesamtausgabe so gut aus, wie nicht einmal Steiner … Mancher Hochstapler fällt da wegen seines roten Tarnkäppchens gar nicht auf. Es ist wirklich lustig: Mein Zwerg flüstert mir ins linke Ohr, das sei eben heute so – in einer Zeit, wo sich der menschliche Verstand verselbstständigt hat …, da kann man nicht erwarten, dass das, was die Leute sagen und schreiben, noch Ausdruck ihrer Urteilskraft ist. Die Urteile bilden sich heute quasi von selbst, so als würden die Zwergenfingerchen von selbst schreiben und ihre Mündchen von selbst plappern.“ („Georg Wahrmund“: Ich glaub mich juckt ein Zwerg, Glossalie, ErziehungsKUNST 04/2011, S. 90).

Religionswissenschaftler Zander. Glatze, Schnauzer, „putzig“: eindeutig ein Zwerg!

Ich hoffe, dass diese befremdlichen Zeilen in genau diesem Sinne der Urteilskraft ihres Urhebers entspringen. Die Such-Funktion der ErziehungsKUNST-Website bringt noch mehr seltsame Artikel zutage. „Wahrmund“ scheint Gegner der medikamentösen Behandlung von AD(H)S zu sein, die ihm aufgrund von manchen fehlerhaften Diagnosen als Symptom für die Falschheit der modernen Kultur gilt:

„Was verleitet Fachleute und auch Laien dazu, Menschen, die in Wahrheit gesund sind, als krank einzustufen? Vermutlich die Tatsache, dass ihnen eine Vorstellung davon, was gesund ist, völlig abhanden gekommen ist. Warum das? Weil sich die Urteilsbildung so sehr vom realen Leben entfernt hat, dass dieses Leben inzwischen als abnormal erscheint. … Erinnert uns dies an etwas? Richtig! Wir können diagnostizieren: was hier stattfindet, ist die Umformung der Realität nach Maßgabe einer Ideologie. Das Wesen einer Ideologie ist, dass sie die Wirklichkeit nicht so sieht, wie sie ist, sondern sie so umdeutet, dass sie als etwas anderes erscheint. »Lüge ist Wahrheit«, »Krieg ist Frieden«, – Gesundheit ist Krankheit, Krankheit Gesundheit.“ (Hyperaktive Diagnostiker)

Die Kehrseite, dass viele von AD(H)S Betroffene die nötigen Medikamente nicht von Krankenkassen erstattet bekommen bekommen, u.a. weil das fälschlich als „Lerndoping“ verunglimpft wird (und dass dies auch dank der Verlautbarungen von „hyperaktiven Diagnostikern“ aus den Reihen der antizivilisatorischen Wir-wollen-weg-von-der-bösen-Apparatmedizin-Fraktion so ist) scheint ihm dagegen so unwichtig, dass er es gar nicht erwähnt. Und  „Wahrmund“ tritt schließlich auch als Demokratiekritiker auf:

„Der eigentliche Skandal ist, dass eine der wichtigsten Fragen überhaupt: die Zukunft unserer Kinder, von wechselnden demokratischen Mehrheiten abhängt. Demokratie ist gut und schön, aber nur dort, wo sie am Platz ist. Und am Platz ist sie nicht, wenn es darum geht, zu entscheiden, wie unsere Kinder am besten erzogen werden, wie sie körperlich, seelisch und geistig gebildet werden. Das ist eine Frage der Menschenerkenntnis, der Entwicklungspsychologie, einer pädagogischen Einsicht, die den gesamten Menschen in den Blick nimmt.“ (Hamburger Schlachten – im Original keine Hervorhebung)

„Erkenntnis“ und „Einsicht“ werden hier mit jenem exklusiven anthroposophischen Anspruch, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, gebraucht, den Rudolf Steiner, bis heute praktisch unangefochtener Guru der Anthroposophie, in dem Sätzlein kurzfasste: „Ebenso wie man nicht diskutieren kann, ob die Winkelsumme eines Dreiecks so oder so viel Grade hat, ebensowenig kann man diskutieren über höhere Wahrheiten. … Wer erkannt hat, der kann nicht mehr verschiedener Meinung sein. Man hat erkannt, oder man hat nicht erkannt.“ (GA 93, 1991, S. 111) Es fragt sich freilich, wie dann mit faktisch konkurrierenden Wahrheitsansprüchen verschiedener Personen und Parteien umgegangen werden müsste. Gesetzt den Fall, Steiner wäre mit Montessori, Freinet, Götze und anderen esoterisch schicken Reformpädagogen an einen Tisch gesetzt worden, um das „wahre“ Wesen des Kindes zu bestimmen – eine Einigung hätte es nie gegeben, da alle die tiefste Einsicht zu besitzen glaubten. „Wahrmunds“ Artikel ist ein mustergültiges Beispiel für diese anthroposophische Politikauffassung, die ich und andere schon im Museum gewähnt hatten. Anders als heutige Propagandisten der Steinerschen Politutopie der „Sozialen Dreigliederung“, die eine Art Laizismus oder ein Bedingungsloses Grundeinkommen oder die Etablierung von Plebisziten zum Ziel haben, wird hier Dreigliederung scheinbar noch als „Alternative zur Demokratie“ (Peter Staudenmaier) verstanden.

Zuletzt war „Wahrmund“ mit einer positiven Rezension zu Uwe Werners neuem Buch „Rudolf Steiner zu Individuum und Rasse“ aufgefallen, in der er ebenfalls den Anthroposophiekritiker Helmut Zander im Visier hatte, der „seine eigene verdeckte Agenda“ verfolge, statt objektiv zu forschen. Dabei verwies „Wahrmund“ auf den umstrittenen anthroposophischen Publizisten und Lorenzo Ravagli (seit 2005 Redakteur der „Erziehungskunst“, in der auch „Wahrmunds“ Artikel erscheinen) und dessen Buch „Zanders Erzählungen“. Lustigerweise findet sich dort ebenfalls die Diagnose: „verdeckte Agenda“ (S. 24). Und es bleibt nicht bloß bei textlichen Parallelen.

Wer ist Wahrmund?

„Georg Wahrmunds“ Erziehungskunst-Artikeln sind interessanterweise und anders als bei sonstigen Gastautoren dieser Zeitschrift, keine Autorennotizen beigefügt. Es mag zudem verwundern, dass Anthroposophen nicht mehr nur höhere Einsichten beanspruchen, sondern auch noch so heißen („wahrer Mund“). Aber dem ist gar nicht so – der Name Georg Wahrmund bezeichnet keine reale Person (abgesehen von einem Freiburger Verleger Johann Georg Wahrmund, der allerdings im 17. Jahrhundert lebte), sondern ist ein Pseudonym und aus dem Werk des anthroposophischen „Obergurus“ Rudolf Steiner kopiert:

Wahrmund ist eine Figur aus Steiners „Mysteriendrama“ „Der Hüter der Schwelle“. In seinen Mysteriendramen, die zu schreiben Steiner von seiner zweiten Frau und dem französischen Theosophen Edouard Schuré angeregt wurde, sehen Anthroposophen die dramaturgisch-dichterische Umsetzung innerseelischer Prozesse auf dem Pfad der Erleuchtung. Interessant ist, dass einige Beziehungen und Geschehnisse in diesen Dramen autobiographische Momente Steiners wiederspiegeln (vgl. Wie durch eine dünne Wand). Die Figurenfolge ist komplex, (fast) alle aber streben den „Pfad der Einweihung“ an und kommen mehr oder minder vorwärts, worüber ellenlange Erkenntnisdialoge Auskunft geben. Überdies sind manche Figuren, die in späteren Dramen auftauchen, in Steiners Skript wiedergeborene Seelen (bzw. „Ich“e) aus früheren Dramen, was die Personenkonstellation freilich nicht übersichtlicher macht.

Die Nebenrolle „Georg Wahrmund“ ist beispielsweise die Reinkarnation eines Bauern oder einer Bäuerin aus einem anderen, zeitlich früher angesetzten Mysteriendrama, der „Prüfung der Seele“. Besagte Bäuerinnen und Bauern (insgesamt zwölf) sind in der „Prüfung der Seele“ nur durchnummeriert aufgetreten und lassen einige judeophobe Sentenzen über „den Juden Simon“ ab. Diesen lässt Steiner entgegen der „bäuerlichen“ Vorurteile, von denen er sich offenbar abgrenzt, allerdings gut wegkommen: Simon findet die spirituelle Erleuchtung und darf sich im chronologisch nächsten Mysteriendrama als der neuzeitlich-christliche Wissenschaftler „Dr. Strader“ (wohl auch eine Projektionsfigur Steiners selbst, was dann übrigens interessante psychologische Konsequenzen für den vielfach thematisierten Antijudaismus bei Steiner hätte) „verkörpern“.

Aber zurück zur ehemaligen Bauernseele. Die hat sich in ihrer Wiedergeburt als „Georg Wahrmund“ zum mystikbegeisterten Romantiker gewandelt. Wahrmund kommt im Drama „Der Hüter der Schwelle“ zweimal zu Wort und propagiert jedes Mal eine Rückkehr zur Mystik, welche tiefer reiche als die neumodische Wissenschaft. Steiner lässt sogar den bösen Dämonen „Ahriman“ über Wahrmunds Phrasen (bei dem als „Strader“ reinkarnierten vormaligen „Juden Simon“) lästern: der sei zwar ambitioniert, aber oberflächlich, und er, Ahriman, könne deshalb einstweilen die in seiner „Seele“ verborgenen „Schätze“ „kräftig nutzen“.

Die Wahl dieser Figur als Pseudonym mag wundern: Wer würde sich freiwillig mit dieser Figur identifizieren, die auch in Steiners Skript zweimal schlecht wegkommt, von der gar der mephistophelische „Ahriman“ sich nährt? Irritierenderweise steckt hinter dem „Wahrmund“ aus der „ErziehungsKunst“ kein geringerer als der erwähnte anthroposophische Publizist Lorenzo Ravagli – was die „ErziehungsKunst“-Redaktion scheinbar nicht gut genug für sich behielt. Wer Ravaglis jüngste Texte liest, wird sich mutmaßlich auch kaum mehr über dessen Identifizierung mit Wahrmunds Credo „Man wende doch den Blick zur Vorzeit hin“ (in der Einleitung zitiert) wundern:

„Was Steiner ins Leben rief, war eine Erkenntnisreligion, eine Religion der Erkenntnis. Die Kluft zwischen Wissenschaft und religiösem Bedürfnis kann nur überbrückt werden, wenn die Wissenschaft selbst das religiöse Element in sich aufnimmt: … Da die Wissenschaft der Neuzeit durch die Absonderung alles Mythischen entstanden war, hieß dies nichts anderes, als die Wissenschaft müsse wieder mythologisch werden. … Alle Begriffe werden revolutioniert, die Wissenschaft wird tatsächlich zur Mythologie, der Mythos zur Wissenschaft, die Religion durchdringt das alltägliche Handeln und die Kunst vermittelt religiöse Erfahrungen. Grenzüberschreitungen, wohin man sieht, Zertrümmerung der festen Kategorien des Verstandes, lebendig werdende Wissenschaft, lebendig werdende Kunst, lebendig werdende Religion: das ist Esoterik.“ (Lorenzo Ravagli: Rudolf Steiner als Esoteriker, ErziehungsKUNST 02/2011, S. 27)

Dieses enthusiastische Plädoyer für eine Regression in das Verschlungensein magisch-mythischen Einheitserlebens übertrifft Wahrmunds Mystizismus bei Weitem – und macht verständlich, warum Ravagli zu diesem Pseudonym griff.

Halbherzig

Ravagli ist öfter durch seltsame Projekte aufgefallen, und ich bin bei meiner Leidenschaft für prekäre anthroposophische Themen leider mit erstaunlicher Zuverlässigkeit bei seiner Person gelandet. 1998 interviewte er zusammen mit Rudolf Saacke den anthroposophischen Autoren Gennadij Bondarew, der den 2. Weltkrieg für einen Präventivkrieg und die Gaskammern der KZs für fragwürdige wissenschaftliche Postulate hielt. Nachdem die tombergianisch-anthroposophische Zeitschrift „Novalis“ das Interview abgelehnt hatte, stellte Bondarews Verleger Willi Lochman das Interview online (vgl. Hans-Jürgen Bracker: Schwarzbraun). 2007 gab es ein Buchprojekt mit dem damaligen NPDler (inzwischen Pro-NRW) und Ex-Waldorflehrer Andreas Molau, das Ravagli aber vor der Veröffentlichung zurückzog (Ravagli, die Rassen und die Rechten). Im Internet brach, wie üblich, eine hysterische Debatte über „rechte Anthroposophen“ aus.

Als „Georg Wahrmund“ veröffentlichte Ravagli natürlich keine „rechten“ Thesen, aber es zeigt sich hier wie bei dem eben Erwähnten scheinbar eine Lust auf wagemutige Projekte. Nur halbherzig hat er die Spuren, die von seinem Pseudonym zu ihm führen, verwischt. Nicht nur, dass er auch früher schon unter einem merkwürdigen Pseudonym mit Drachentöter-Vornamen, „Michael S. Schild“ publiziert hat, was seiner Betitelung als „Schild und Schwert der Anthroposophie“ durch Anthrogegner Futter gibt. Unter einem Bild in „Wahrmund“-Ravaglis Artikel „Hyperaktive Diagnostiker“ hatte verrätersicherweise sein realer Name gestanden. Außerdem sind aufwälligerweise Ravaglis unter dem Pseudonym „Wahrmund“ geschriebene Artikel meist auch gleichzeitig auf seinem „Anthroblog“ erschienen, ja: es finden sich sogar Artikel als „Wahrumund“ auf seinem Blog, die gar nicht in der „Erziehungskunst“ auftauchten (außerhalb dieser beiden Plattformen hat Ravagli m.W. aber nicht als Wahrmund publiziert). Noch nicht einmal an einem Stilwechsel hat Ravagli sich versucht, sogar Formulierungen wie die oben erwähnte „versteckte Agenda“ legte er auch in den Mund seines Pseudonyms. Als Kuriosum sei vermerkt, dass Ravagli seinen Lesern unter dem Pseudonym „Wahrmund“ auch gern seine eigene Literatur anpreist (in der Rezension zu Uwe Werner).

Früchte

Unter eigenem Namen hat Ravagli auf seinem Blog natürlich auch weitere Artikel veröffentlicht, so raunt er in einem Artikel über den Mainzer Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich und dessen jüngstes Buch über Steiner und die Waldorfpädagogik Verschwörerisches. Ullrich sei

„…Träger eines bestimmten, ritualisierten akademischen Selbstverständnisses über alternative Wissens- und Lebensformen. Und so tauchen die Leser seines Buches in eine Gespensterdebatte ein: sie haben es nicht nur mit dem Pädagogikprofessor Ullrich zu tun, sondern auch mit unterschiedlichen geistigen Mächten der Gegenwart, die um das Verständnis von Wissenschaft, Rationalität und Wirklichkeit ringen.“ (Obsolete Rituale – Hervorhebung von mir)

Klar ist den wahren „Eingewei(c)hten“ unter den Anthroposophen schon lange, dass Anthroposophiekritiker in Wahrheit dämonische Höllenwesen channeln (Gefährliche Wissenschaften). In dem gerade zitierten Artikel wird überdies versucht, durch einen sehr weiten Wissenschaftsbegriff Heiner Ullrichs Behauptung zu widerlegen, Anthroposophie sei keine „Wissenschaft“, sondern „in letzter Konsequenz deren Verabschiedung“ und „ein Versuch der Rehabilitierung mythischer Denk- und Lebensformen inmitten einer verwissenschaftlichten und säkularisierten Zivilisation.“ (Ullrich, S. 191). Dass Ravagli diese Behauptung widerlegen will, mutet seltsam an, hatte er doch selbst im Februar noch gefordert, Wissenschaft müsse zu religiösen Denkformen zurückkehren, Philosophie „wieder zur Mythologie werden“ (a.a.O., Rudolf Steiner als Esoteriker). Der Meinungswandel ist natürlich legitim, kommt aber für mich überraschend. Nun vertritt Ravagli nämlich die Position, Wissenschaftlichkeit werde nicht systematisch entschieden: „Eine pluralistische Gesellschaft benötigt keinen erkenntnistheoretischen Gesetzgeber und auch keine Diskurspolizei“, denn , „sie entscheidet selbst über das, was ihr frommt“ und erkenne „das Wahre an seinen Früchten“. Oder auch nicht. Ravaglis Polemik gegen objektivierbare Kriterien von Wissenschaftlichkeit übersieht nicht nur, dass Wissenschaft Methode, nicht „Wahrheit“ ist (es geht um Argumente, nicht die Akzeptanz statischer Erkenntnis-„Früchte“). Er verkennt auch, dass eben dieser gesellschaftliche Kommunikations- und Aushandlungsprozess darüber, was als „gesellschaftliches Problem“ oder als „Frucht“ angesehen wird, keineswegs geradlinig zu „wahren“ Ergebnissen führt. Ein Beispiel, das er kennen dürfte, ist die Waldorfpädagogik selbst: Längst liegen zahlreiche Studien vor, die ihre Leistungen belegen, aber das interessiert niemanden in der „postmodernen Gesellschaft“, solange jemand publizistisch Steiners abstruse Rassenspekulationen zum Thema macht, denn die erregen weit mehr Aufmerksamkeit.

Es wäre aber ein Zeichen der Fairness, wenn Lorenzo Ravagli alias Georg Wahrmund oder umgekehrt seine anstrengenden Verrisse auch durchgängig unter eigenem Namen veröffentlichen würde. Denn unter seinem realen Namen wirft er durchaus Argumente ein, während er als „Wahrmund“, wie oben gezeigt, ein bisschen zu oft „unter die Gürtellinie“ zielt. Und dass auch seine anonymen publizistischen Verlautbarungen letztlich auf ihn selbst zurückfallen, hätte er aus seinen eigenen Behauptungen dann doch durchaus folgern können:

„Eine pluralistische Gesellschaft … erkennt das Wahre an seinen Früchten.“ (Obsolete Rituale)

Auch wenn diese Behauptung falsch ist, er selbst ist durch die Früchte seiner eigenen „Wahrheiten“ zu erkennen.

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Maria S. Kleinem-Esel (geb. 1957) studierte Eurythmetik am Böhmianum, ist heute Erzengelbeauftragte bei diversen anthroposophischen Unternehmen und aktuell führend in Verhandlungen mit der westpazifischen Undinengewerkschaft involviert.

13. April 2011 at 12:35 pm 11 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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