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Steiners „Volksseelenzyklus“ in kommentierter Neuauflage erschienen

„…ohne einmal das Naturell der Amerikaner in Anschlag zu bringen, welches eine halb erloschene Lebenskraft verräth … Es gebricht den Eingebornen dieses Welttheils überhaupt an Vermögen und Dauerhaftigkeit.“
– Kant: Von den verschiedenen Racen der Menschen (1775)

Das sicher komplexeste und womöglich einflussreichste Buch aus dem Kanon anthroposophischer Völkerpsychologie und Rassenlehre ist nach zehnjähriger Überarbeitung wieder aufgelegt worden: Steiners sogenannter „Volksseelenzykus“. 2007 hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) das Buch unter Kommentarzwang gestellt, weil es „in Teilen als zum Rassenhass anreizend“ verstanden werden könne – worauf ich noch zurückkomme: Denn im neu aufgelegten Buch wird dieser Anlass der Neuauflage verschwiegen, der diskrimierende Charakter zurückgewiesen. Die Herausgeberschaft und Kommentierung für den Rudolf Steiner-Verlag übernahm Cornelius Bohlen. Der edierte Text basiert auf einer undurchgesehenen Vortragsmitschrift von 1910, die ein Jahr später veröffentlicht wurde. 1922 erschien eine von Steiner überarbeitete Neuauflage. So verfuhr der Hellseher nur mit ganz wenigen Mitschriften seiner zahlreichen Auftritte. Sie wurden anfangs überhaupt nur publiziert, weil unter den übereifrigen Steinerjüngern der Gründerzeit viele unautorisierte Fassungen kursierten. Steiner initiierte autorisierte Ausgaben, aber ihm fehlte schlicht die Zeit, sie vorher alle eigens durchzugehen. Nur ganz selten kam es, wie hier, tatsächlich zur nachträglichen Bearbeitung eines Vortragszyklus von seiner Hand. Die Auflage von 2017 macht erstmals die Unterschiede zwischen beiden Fassungen von 1910/11 und 1922 sichtbar und ist damit ein Unikat in der Edition des Anthroposophie-Gründers.

„Durchgehend unpolitisch“

Es geht um Steiners 1910 in Oslo gehaltene Vortragsreihe „Die Mission einzelner Volkseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie“ (im Folgenden: GA 121). Für die norwegischen Anthroposophen wurde dieser Vortragszyklus zu einer zentralen Quelle völkisch-mythologischer Inspiration. (vgl. Anthroposophie und Antisemitismus in Norwegen, Vidars Gefolgschaft) Im deutschsprachigen Raum übernahmen und expandierten zahlreiche anthroposophische Publizisten von Ernst Uehli zu Guenther Wachsmuth Steiners Ausführungen über kosmische Rassen-Geometrie. Diese Wirkungsgeschichte wird im Band weder bedacht noch dokumentiert. Das ist einerseits irritierend, weil die Herausgeberkommentare in der Neuauflage sich oft mit dem Thema auseinandersetzen, ob Steiner nun rassistisch zu verstehen sei. Die brisante Rezeptionsgeschichte hält dazu so eindrückliche wie eindeutige Lesarten parat, sie müssen in der heutigen Bewertung bedacht werden. Zweitens ist das Verschweigen der politischen Folgen auch deshalb irritierend, weil die Kenntlichmachung der zwei Auflagen den Blick auf diejenige von 1922 lenkt, die 1918 vorbereitet wurde: Der Anthroposophie-Gründer sprach dem Buch im Kontext seiner eigenen politischen Agitationen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Relevanz zu, die ohnehin völkerpsychologisch unterlegt waren. (vgl. Nationalist Cosmopolitanism) Dass die Vorträge tagespolitisch aktuell seien, betonte Steiner immer wieder. 1918 hatte ihm Prinz Max von Baden eine Audienz gewährt, Steiner sandte diesem danach den „Volksseelenzyklus“ mit einer eigens verfassten Vorrede zu. Das erfährt man zwar in den Herausgeber-Kommentaren (GA 121, S. 219, 229f.), eine weitere Interpretation aber unterbleibt. Steiner positionierte den „Volkseelenzyklus“ 1918 und in den 20er Jahren in einem explizit politisch-interventionistischen Kontext. Das ist vielen seiner jüngeren anthroposophischen Interpreten ebenso entgangen wie vielen kritischen Kommentatoren. In der vorliegenden Edition heißt es gar: „Gewiss, der Zyklus ist durchgehend unpolitisch.“ (S. 234)

Der späte Steiner wollte den „Volksseelenzyklus“ dagegen konkret politisch verstanden wissen. Gewiss, nicht seine Ausführungen über „Neger“ und „Indianer“ waren politisch gemeint, an denen die überwiegend Zitat-induktionistisch geführte heutige Debatte hängengeblieben ist. Vielmehr sind diese „Ureinwohner“ für seine „mitteleuropäische“ Zeitdiagnose völlig unerheblich: Er hielt sie für exotische, physisch unvorteilhafte – aber kosmisch durchaus sinnvoll herleitbare – Nebenereignisse der menschlichen Evolution. Sie kommen (wenn überhaupt einmal) nur am Rande seiner eigenen Argumentation vor und es wird gelegentlich hastig versichert, via Reinkarnation hätten sie sicherlich auch Anteil an den eigentlich interessanten menschheitsgeschichtlichen Ereignissen. Ihnen wollte er sicherlich kein Haar krümmen, aber „die Neger“ sollten auch nicht nach Europa hineinkommen, wie etwa im Jazz. (vgl. „hat was von Beuys“) Die verschiedenen europäischen Einzel- und „Volksseelen“ dagegen waren als Avantgarde der Rassenevolution Rudolf Steiners spirituell-politisches Zielpublikum.

Trotz des politischen blinden Flecks ist die neue „GA 121“ ein Fortschritt: Die Nachweise zu den unterschiedlichen Auflagen und vor allem die Herausgeber-Kommentare sind im Einzelnen sehr erhellend. Dankbar liest man die Bemerkungen Bohlens zur Stellung des „Zyklus“ in der Entwicklung der Steinerschen Hierarchien-Lehre. Und auch die wenigen, aber grundsätzlichen Bemerkungen zur Beschäftigung Steiners mit der Ethnologie seiner Zeit sind Pionier-Arbeit, die weitere Anknüpfung verdient. (vgl. S. 237f.)

In Bohlens Kommentaren wird Steiners menschheitsumspannende Mission beschrieben, sein Pathos des Allgemeinen Menschentums. Bei den problematischeren Details hält der Kommentar sich eher nebenbei oder mit ganz, ganz großen Perspektiven auf. Stattdessen wird beispielsweise versucht, Steiners Polemik gegen andere Theosophen, denen er ein „chaotisches“, archaisches Hellsehen zuschrieb, als Warnhinweis in Richtung des Ersten Weltkriegs zu deuten. (S. 239 mit Verweis auf S. 206) Dabei hatte Steiner seine Warnung vor solchen „materialistischen“ esoterischen Irrlehren ausgerechnet mit dem Beispiel der sabbatianischen Kabbala illustriert. (S. 203) Hier liegt folglich eher eine antisemitische als eine antinationale Warnung vor, die sich gegen Konkurrenten auf dem okkulten Marktplatz, konkret wohl (Kontext: falscher Messias) gegen Besants Krishnamurti-Kult richtete. Behauptungen wie diese geben den Herausgeber-Kommentaren erneut einen schönfärberischen Charakter. Es ist bedauerlich, das festhalten zu müssen. Denn den Texten sind zugleich Anzeichen einer offenen Haltung eingestreut, die sich wie mühsam, aber unaufhaltsam aus dem üblichen anthroposophischen Duktus hervorringt: So positionieren sich Steiner-Verlag und -Nachlassverwaltung unmissverständlich zugunsten einer kritischen wissenschaftlichen Diskussion. Ein „Sonderhinweis zu Äußerungen über ‚Rassen‘ in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe“ verweist dabei auf einen Text Ralf Sonnenbergs, die beste anthroposophische Stellungnahme zu Steiners Rassismus bislang. Zurecht heißt es in diesem „Sonderhinweis“ darüber hinaus, dass der editorische Apparat nicht der Ort für letzte Worte ist: „Eigentliche Forschungsdiskussionen sind außerhalb der Gesamtausgabe zu führen.“ (S. 282) Unbestreitbar. Das Problem ist vielmehr, dass die Kommentare im Band trotzdem eindeutige Wertungen vorgeben, die von den „eigentlichen Forschungsdiskussionen“ nahezu unberührt sind.

Das „Aussterben“ der „Indianer“: Zur verschleiernden Funktion des Rassebegriffs

Die entpolitisierende jüngere Interpretation ist – trotz der inneranthroposophischen Wirkungsgeschichte – mitnichten verwunderlich. Zum einen, weil rassistische Anthroposophen nach Steiner weit weniger bekannt sind und diskutiert werden als ihr allseits beliebter Stichwortgeber. Zum anderen und vor allem, weil die Blickrichtung des Vortragszyklus – trotz seiner unmittelbaren nationalistischen Folgen im norwegischen Kontext – tatsächlich weitenteils un- bzw. metapolitisch ist, wenn man an der Oberfläche der Aussagen bleibt. Steiner interessiert sich für die engelhafte Architektur „des“ Menschen bzw. der Rassewerdung und legt eine theosophische Interpretation der nordischen Mythologie vor, was erst einmal ganz andere Probleme verursacht. Politische Ereignisse und kulturelle Errungenschaften werden vor dem Hintergrundpanorama kosmischer Intentionen unsichtbar gemacht und gnadenlos naturalisiert: „Nicht etwa deshalb, weil es den Europäern gefallen hat, ist die indianische Bevölkerung ausgestorben, sondern weil die indianische Bevölkerung die Kräfte erwerben musste, die sie zum Aussterben führten.“ (GA 121, 87f.) Oder: „Dadurch, dass auf unserem Erdenplaneten“ – aus dem Zusammenwirken differenter Menschheits- und Rasse-erzeugender Engelwesen – „einmal eine kaukasische Rasse geschaffen wurde, dadurch wurde der Grund geschaffen, dass ein Plato überhaupt werden konnte.“ (ebd., 93f.) Einerseits steht das Geistige im Menschenwesen für Steiner weit über der banalen Physis, andererseits drücken sich in letzterer die geistigen Kräfte aus.

In der Neuauflage kann man nun etwa nachschlagen, dass die zweite zitierte Stelle vor Steiners Bearbeitung ein anderes Verb enthielt: „überhaupt hervorgehen konnte.“ (S. 256) Fast alle Textänderungen Steiners betreffen einzelne Satzglieder und Formulierungsdetails, große inhaltliche Erweiterungen finden sich kaum, sondern eher sprachliche Präzisierungen. Wer sich gefragt haben mag, ob Steiners Überarbeitung die rassistischen Spitzen seiner Entwicklungslehre eher betont oder relativiert, findet kaum signifikante Indizien. Zu den „Indianern“ etwa hieß es in der Übertragung des Stenographen: „Dahin musste die Menschheit, um zu sterben.“ Daraus machte Steiner: „Nach Westen musste die Menschheit gehen, um als Rasse zu sterben.“ (S. 254 bzw. 88) Eine weitere Neuerung der Auflage besteht darin, dass die Herausgeber-„Hinweise zum Text“ partiell kritisch Position beziehen, etwa im genannten Fall:

„Die Ausführungen enthalten […] Zuspitzungen, die als belastend und diskriminierend erfahren werden können. Die postulierte Zuordnung zu den Lebensaltern wird mit Ausrottungen der Indianer durch Europäer zusammengestellt. An anderen Stellen in seinem Werk stellt Steiner öfter die brutale Ausrottung und das Zurückdrängen der indianischen Bevölkerung dar, wobei er mehrfach zugleich auf die hohe, alte Geistigkeit der indianischen Kultur aufmerksam macht […]. Andere Belegstellen im Werk bestätigen zugleich, dass Steiner im Rahmen der Menschheitsentwicklung in den Indianern eine ‚Rasse‘ mit einer Entwicklungstendenz zum Niedergang und Aussterben sieht […] die Äußerung [kann] in dem Sinne als besonders diskriminierend aufgefasst werden, dass hier das ‚Absterben‘ betont wird und überspitzt als schon geschehene Tatsache der Vergangenheit dargestellt wird.“ (S. 289)

Wer bezweifeln wollte, dass diese Aussage inneranthroposophisch (und zumal in der Steiner-GA) einer kleinen Revolution gleichkommt, sollte sich die apologetischen Worte anschauen, mit denen Bohlen Steiners „Indianer“-Tiraden noch vor über zwanzig Jahren rechtfertigen wollte. In diesem Rahmen bezeichnete er die kritische Dokumentation rassistischer Steiner-Stellen durch die linksanthroposophischen „Flensburger Hefte“ als „einen teilweise bedenklichen Unsinn“. Man müsse diese Stellen spirituell vertiefen, statt sie oberflächlich abzulehnen. (vgl. Cornelius Bohlen: Zum Rassismus-Vorwurf gegenüber der Anthroposophie, in: Joachim Müller (Hg.): Anthroposophie und Christentum, Freiburg (CH) 1995, S. 208) Die kritischer gewordene Positionierung ist zu würdigen, dennoch geht der zitierte Herausgeber-Kommentar zum „Absterben“ nicht weit genug: Der „diskriminierende“ Gehalt wird hier zwar festgestellt, aber sogleich auf eine hypothetische subjektive Erlebnisdimension reduziert („kann“ „als“ „belastend“ [!] „erfahren“ oder „aufgefasst“ werden). Das heißt: Objektiv sei da nichts diskriminierend.

Dabei liegt Steiners Zusammenhang mit der Tradition des europäischen Rassismus gerade bei der Vorstellung von vergreisten „Indianern“ auf der Hand: Dieses Stereotyp lässt sich lückenlos auf rassentheoretische Vorstellungen seit Kant (siehe oben), Blumenbach oder Linné rückbeziehen. All diese humanistischen Geister waren weit davon entfernt, die Ausrottung von Menschen zu predigen, sie alle aber konstruierten, wie Steiner, nachträglich deren Plausibilität im Rahmen der eigenen Theorieästhetik. Nach der Dezimierung der indigenen Völker Nordamerikas durch Verfolgung und eingeschleppte Krankheiten wanderten diese historisch-politischen Ereignisse in die Begriffsbildung der „indianischen Rasse“ ein. In diesem Begriff, dem, was er beschreiben sollte, ist die historische Tat geronnen. So bewusstlos wie funktional entlasteten die europäischen Rassetheoretiker den Genozid im Rückblick, indem sie jene „Rasse“ als besonders sterblich und schwächlich imaginierten. In dieser Rationalisierungsleistung zeigt sich, was Rassismus als Ideologie bedeutet: Ideologische Diskurse sind solche Rechtfertigungsdiskurse, die das Angesprochene zugleich benennen und mit einem falschen Schein umgeben. Sie sind politisch wie geschichtlich so bewusstlos wie, bewegt man sich in ihrem Einflussfeld, ausweglos. Steiner reproduziert ohne große Umstände das selbstapologetische kulturelle Gedächtnis und verleiht dem nur eine theosophisch-anthroposophische Pointe. Die rassistische Teleologie der „Wissenschaft vom Menschen“ um 1800 findet dabei eine Verschärfung im esoterischen Versuch um 1900, alles, was sowieso passiert, noch zur Manifestation des galaktischen Fortschritts zu verklären. Um den Zusammenhang von Gesellschafts- und Begriffsgeschichte zu verstehen, wäre es wichtig, das weite Feld zwischen politischer Verfolgung und ideologisch-idealisierender Begriffsbildung abzustecken und Steiner als Symptom zu lesen. Das ist von den Gesichtspunkten des Herausgeber-Kommentars weit entfernt. Trotzdem bleibt dieser kritische Kommentar innerhalb der Steiner-GA, wie gesagt, revolutionär. Dass es allerdings zur partiell kritischen Kommentierung kam, geht, wie jeder Fortschritt der inneranthroposophischen Rassismusdebatte, auf einen Anstoß von außen zurück.

Warum die neue Auflage?

Vor zehn Jahren nahm die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) zwei Bände der Steiner-Gesamtausgabe in Augenschein: „GA“ 107 und eben 121. Das Bundesfamilienministerium hatte 2006 den Antrag gestellt, beide Bücher zu indizieren. Der enthusiastische Anti-Waldorflehrer Andreas Lichte und die Critical Whiteness-Theoretikerin Jana Husmann hatten diesen Vorgang wiederum mit zwei Gutachten angeregt. In anthroposophischen Kreisen wurde die institutionelle Ebene entsprechend ausgeblendet und das ganze Verfahren strikt als Agitation zweier „Gegner“ verharmlost. In der Tat ist es für das Verständnis von Steiners Zusammenhang mit dem europäischen Rassismus nahezu unerheblich, was irgendeine „Bundesprüfstelle“ (oder das vielzitierte Gutachten der niederländischen Anthroposophen) zum jugendgefährdenden Charakter bestimmter Textpassagen verlauten lässt. Rudolf Steiner-Archiv und Rudolf Steiner-Verlag nahmen jedoch mit einem ziemlich dummdreisten 51-seitigen Schreiben im Duktus eines Gegen-Antrags Stellung. Das ganze Verfahren sei missverständlich und unbegründet:

„Es wird daher beantragt, das Verfahren ohne weitere Prüfung einzustellen, auf eine Anhörung zu verzichten und den Antrag zurückzuweisen. […] Angesichts dessen, dass es ‚rassendiskriminierende Aussagen Rudolf Steiners‘ nicht gibt, kann keine Rede davon sein, dass – wie der Antragssteller behauptet – ‚Kinder und Jugendliche‘ damit in Berührung kommen, zumal dafür jeder Nachweis fehlt und auch nicht beigebracht werden kann.“ (Jonathan Stauffer und Walter Kugler für den Vorstand der Steiner-Nachlassverwaltung an die BPjM, 23. April 2007, Stellungnahme zu den Anträgen 782/06 u. 783/06, BMFSJ, 6.6.2006, S. 1, 3)

Dass Kinder und Jugendliche Steiner allen Ernstes lesen könnten, kam Stauffer und Kugler offensichtlich unwahrscheinlich vor. Dieses Urteil mag angesichts der seit Jahren rettungslos überalterten Anthroposophischen Gesellschaft überraschend realitätsgerecht sein. Dass eine Waldorfschullaufbahn dazu anregen kann, sich mit Steiner zu beschäftigen, ist dennoch evident. Obwohl im genannten Verfahren verschiedene weitere anthroposophische Institutionen ihren Einfluss geltend machten, Gutachter und Fürsprecher benannten, kam daher die BPjM zu folgendem Urteil:

„Der Inhalt des Buches ist nach Ansicht des 12er-Gremiums in Teilen als zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen. […] Nach Auffassung des Gremiums finden sich im Vierten Vortrag vom 10.6.1910 (S. 68-85) sowie im Sechsten Vortrag vom 12.6.1910 (S. 104-119) Textpassagen, die aus heutiger Sicht als Rassen diskriminierend einzustufen sind, weil der Autor darin Menschen verschiedener ethnischer Herkunft aufgrund körperlicher Merkmale in unterschiedliche Wertungsstufen einteilt. […] Diejenigen Jugendlichen, die an Waldorfschulen unterrichtet werden, können aber sehr wohl ein Interesse an den Werken des Begründers und Namensgebers ihrer Schule entwickeln. Das Gremium sieht daher durchaus die Gefahr, dass gerade diese Jugendlichen die in den Texten enthaltenen negativen Bewertungen der nicht-europäischen Ethnien nicht kritisch hinterfragen […].“ (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Entscheidung Nr. 5505 vom 6.9.2077, Pr. 782/06)

„Das Gremium“ sah allerdings von einer Indizierung ab, da der Rudolf Steiner-Verlag zusicherte, die Bücher „nicht mehr in der vorliegenden Form zu veröffentlichen“, sondern mit kommentierten Neuauflagen zu versehen, so dass es sich um einen Fall „von geringer Bedeutung“ handelte. (vgl. ebd.) 2011 lag die Neuauflage für Band 107 der Steiner-GA vor, in der ein Vortrag umbenannt und schwiemelige Ausflüchte über den vermeintlich humanistischen Charakter der Steinerschen Rassenlehre hinzugefügt worden waren. (vgl. Die Rache des Steiner-Verlags) Nicht nur gegenüber diesem Band ist die Neu-Auflage des „Volksseelenzyklus“ begrüßenswert, sondern auch hinsichtlich der 2007 noch verteidigten Positionen. Im Hinblick auf unser Beispiel von den „aussterbenden Indianern“ hatte die oben zitierte Stellungnahme der  Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung noch offenherzig verlauten lassen, dass man den Gesichtspunkten des „Geistesforschers“ eigentlich nichts hinzuzufügen hatte:

„Aber das Anliegen Steiners ist hier nicht, die verbrecherischen Handlungen der Europäer an den Indianern zu verurteilen, sondern darauf hinzuweisen, dass die Handlungen der Europäer nur einen Aspekt des Verschwindens  der indianischen Bevölkerung darstellen. Der andere Aspekt ist der, dass in der indianischen Bevölkerung selbst eine Disposition lag, die sie gegenüber den europäischen Eindringlingen auch in physischer Beziehung wehrlos machte, nicht nur in technologischer Hinsicht. Im Hintergrund von Steiners Bemerkung kann auch ein solcher Gedanke wie der an die mangelnden Resistenzen gestanden haben.“ (Stauffer/Kugler a.a.O., 32f.)

Demnach waren Steiners Ausführungen zum Alter und „Aussterben“ der „indianischen Bevölkerung“ auf ihr Immunsystem bezogen. Glücklicherweise liegt die Verantwortlichkeit für Steiners Schriften inzwischen in anderen Händen.

„Erziehungskunst“ und Rassentheorie: „Weiterführende Literatur“ der Waldorf-Bewegung von 2016

Für aktuelle mögliche Kontaktflächen von anthroposopischem Rassismus und Waldorfschülern sind nicht die Steiner-Herausgeber in Dornach, sondern die Akteure der anthroposophischen Schulbewegung verantwortlich: Weit tendenziösere Literatur zu Steiners Rassebegriff wurde zuletzt im November 2016 in der Waldorf-Verbandszeitschrift „Erziehungskunst“ empfohlen. Dazu ist an Bohlens zitierte Feststellung zu erinnern, dass eine der problematischen Dimensionen von Steiners Rassebild darin liegt, „dass hier das ‚Absterben‘ […] als schon geschehene Tatsache der Vergangeheit dargestellt wird.“ (a.a.O.) Dagegen führte in der „Erziehungskunst“ Hans-Jürgen Bader ironischerweise die letztere Tatsache als apologetisches Argument an: „…dass Steiner nicht von der Gegenwart sprach, sondern von einer urfernen Vergangenheit…“, um über diese Zeiten anzudeuten:

„…als eine vorsintflutliche ‚weiße Rasse‘ den Übergang in die Zeit nach der Sintflut einleitete, indem sie sich mit anderen vermischte und aufhörte, zu existieren. Und ‚arisch‘ bedeutete bei Steiner nicht ‚weiß, blond, blauäugig, europäisch‘, sondern den gesamten nachatlantischen Zeitraum einschließlich der kommenden 6. und 7. Kulturepoche.“ (Bader: Rasse kann vieles bedeuten)

Der von Bader betonte Arier-Begriff entstammt der Indogermanen-Diskussion des 19. Jahrhunderts. „Arier“ sind für Steiner „die Weißen“ plus Iran, Indien und Naher Osten. Sie entwickeln über die bloße „Rasse“ hinaus „Kulturepochen“ und gelangen dadurch während der „nachatlantischen“ Zeit zu differenzierten Seelenqualitäten und Ich-Bewusstsein. Im Anschluss wird die Menschheit ohnehin wieder in leibfreie Daseinsformen übergehen. Steiner ging durchaus davon aus, dass die transparenten Weißen als erste aus dem physischen Dasein ausscheiden könnten, aber davon, dass diese in der Vergangenheit „aufhörte[n], zu existieren“, kann bei ihm keine Rede sein. Auch bei Bader wird Textdeuterei bloß zur Entpolitisierung und Entkonkretisierung von Steiners Konzept der „kaukasischen“ oder „weißen Rasse“ benutzt.

Die merkwürdige „geistige“ Einbettung der rassebiologischen Vorstellungen nimmt ihrem rassistischen Charakter nur in den Augen anthroposophischer Hofgeschichtsschreiber die Schärfe. Baders Text ist die Rezension zu einem Buch des US-Anthroposophen Robert Rose, der 2016 eine weitere hymnische Apologie der Steinerschen Mixtur von Individualismus und Ethnopluralismus vorgelegt hat. Als Übersetzer aus dem Englischen fungierte Lorenzo Ravagli, der mit Bader 2002 zwei Bücher mit dem gleichen Ziel und Inhalt publizierte. Roses Buch ist, wie inzwischen einige anthroposophische Versuche, wissenschaftliche Diskussionen zu beeinflussen, in einem „Berliner Wissenschaftsverlag“ erschienen. Es richtet sich gegen den Historiker Peter Staudenmaier, der 2010 eine Dissertation zur Rezeption der rassen- und völkerpsychologischen anthroposophischen Theorien 1933-1945 in Deutschland und Italien vorgelegt hatte. Davon liest man bei Rose allerdings kein einziges Wort, der bloß Steiners Rassebegriff vor Staudenmaier retten will – also die historische Problematik einmal wieder auf die Person des geliebten Gurus verkürzt. Gegen solche Versuche, diesen Rassebegriff in der Waldorf-Community lebendig und seinen Ruf unbeflekt zu halten, muss einem der knappe editorische Stil des neuaufgelegten „Volksseelenzyklus“ regelrecht sympathisch werden. Im reflexiven Problembewusstsein lässt Bohlens Kommentar die prominenter platzierten Äußerungen von Bader und Rose weit hinter sich. Bedauerlicherweise werden Kinder und Jugendliche wohl eher die letzteren beiden Texte zu Gesicht bekommen. Das Buch von Bader und Ravagli wird auf der Seite des Waldorf-Bundes nach wie vor offiziell empfohlen. In den (ausschließlich anthroposophischen) Literaturempfehlungen des Waldorflehrplans findet man 2017 kein einziges Lehrbuch zum Nationalsozialismus, dafür aber in der Liste „Weiterführende Literatur – Geschichte“ (Abruf am 21.3.2017) Karl Heyers „Studienmaterialien zur Geschichte des Abendlandes“, deren erster Band („Von der Atlantis bis Rom“) selbstverständlich mit der arischen Rasse beginnt. Viel haarsträubender ist die Liste „Weiterführende Literatur – Geographie“ (Abruf am 21.3.2017), wo unter anderen Herbert Hahns vier Bände „Vom Genius Europas. Wesensbilder von zwölf europäischen Völkern. Skizze einer anthroposophischen Völkerpsychologie“ empfohlen werden. Oder Christoph Göpferts „Das lebendige Wesen der Erde“. (vgl. dazu Jana Husmann: Schwarz-Weiß-Symbolik. Dualistische Denktraditionen und die Imagination von „Rasse“, Bielefeld 2011, S. 345-353) Schon diese beiden Publikationen zeigen die Bedeutung von Steiners „Volksseelenzyklus“ für den offiziellen waldorfpädagogischen Kanon der Gegenwart. Dass das nicht öfter in die Praxis einsickert, ist ein glücklicher historischer Zufall, auf den man sich aber nicht verlassen kann, so lange diese Bücher von den Intellektuellen der „Bewegung“ beworben werden. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Steiner-Verlag im jüngeren Katalysationsprozess dieser munteren Religionsgemeinschaft eine progressivere Entwicklung nehmen würde als die Literatur der Waldorf-Schulbewegung. Aber an beiden Stellen ist man offenbar ungeneigt, Steiners Rassentheorie den letzten Stoß zu versetzen.

21. März 2017 at 5:24 pm 14 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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