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Zwischen Anthroposophie und Scientology? Streit um die „Davis-Methode“ im Waldorfmilieu

Nach meinem jüngsten Hinweis auf die Korrelation von „Impfkritik“ und Masern-Vorfällen an Waldorfschulen wies mich eine Leserin dieses Blogs zu Recht auf einen Umstand hin, den man nicht genug unterstreichen kann: In der anthroposophischen Medizin gibt es zwar die Akzeptanz von Krankheiten, wenn diese „Karma“ oder „notwendige“ „Krisen“ sein sollen, an denen etwa das Kind sich positiv weiterentwickle. Trotzdem sind freilich nicht alle Anthroposophen Impfgegner und sind vor allem diejenigen Waldorf-Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, nicht zwingend Anthroposophen. Waldorfschulen heute sind keine anthroposophischen Kaderschmieden. In der Elternschaft findet sich viel eher ein alternativkulturelles Milieu zusammen, das kaum aus Steiner-Experten besteht, sondern aus Menschen, die mit unterschiedlichen esoterisch-„alternativen“ medizinischen (Un-)Methoden sympathisieren, und so ja z.T. auch auf die „sanfte“ Waldorferziehung verfallen sind. Die Folge ist, dass im Umfeld von Waldorfschulen oftmals potenziert alle möglichen angeblich naturnahen und jedenfalls zivilisations-„kritischen“ Therapien, Verfahren und Ansichten zu finden sind. Darunter sind solche, die von dogmatischen Anthroposophen (und entsprechenden Medizinern) abgelehnt würden, auch wenn sie für den Außenbeobachter ähnliche Inhalte haben, beispielsweise eine strukturelle Abneigung gegen Schutzimpfungen.

Wie an Waldorfschulen heutzutage unterschiedliche spirituelle Konzepte herumgeistern, bei denen es zu Synergieeffekten mit anthroposophischen Ideologemen kommen kann, zeigt das sog. „Davis®“-Training, auf das auch als „Davis-Methode“ oder „Davis-Beratung“ referiert wird. Entwickelt wurde die Methode von einem gewissen Ronald D. Davis. Zunächst möchte ich deren Verbreitung bzw. Bewertung im anthroposophischen Milieu umreißen.

Anthroposophie pro und contra „Davis-Methode“

Schon 2000/2001 wurden zum Thema Legasthenie in der Waldorf-Zeitschrift „Erziehungskunst“ mehrere Pro-/Contra-Artikel zur „Davis-Methode“ veröffentlicht. Die Pädagogische Sektion am Goetheanum empfiehlt unter anderem Davis‘ Buch „Legasthenie als Talentsignal“ und Cornelia Jantzens „Rätsel Legasthenie“. Auch der Internethandel „Waldorf Books“ vertreibt Davis und Jantzen. Mir wurde vor allem von einer bestimmten bayrischen Waldorfschule berichtet, in deren Umfeld Davis‘ Legasthenie-Therapie verbreitet sein soll (dazu unten mehr). Im Internet findet man schnell weitere Kombinationen. Zum Beispiel bei Beate Tiletzek („Trigon. Lerntherapeutische Praxis“), sie gibt eine „anthroposophisch orientierte Therapeuten-Ausbildung“ an, um dann auszuführen:

„Unsere Familie erlebte über Jahre das Leid, das mit Leistungsproblemen eines Kindes in der Schule verbunden ist, aber auch die Lösung und den unaufhaltsamen Erfolg nach einem Davis®-Training. Ich konnte nicht anders und ließ mich in dieser Methode ausbilden. Seit 2004 bin ich lizenzierte und zertifizierte Davis®-Beraterin…“

Auch bei der Alanus-Hochschule Bonn/Alfter, deren Profil gleichermaßen anthroposophische Inhalte und wissenschaftliche Forschung beinhaltet, gibt es ein Projekt, das sich mit dem Therapie-Ansatz befasst. Jürgen Peters und Dirk Randoll, der auch empirische Befragungsstudien zu bzw. in Waldorfschulen vorgelegt hat, nehmen eine „Evaluation der Hofschule Gaisberg“ (Innsbruck) vor. Verantwortlich für letztere ist laut Alanus-Webseite die „Akademie für Entwicklungsbegleitung von Menschen und Organisationen e.V., Michael Harslem“. Harslem ist auch als Konfliktberater an Waldorfschulen bekannt, die „Hofschule Gaisberg“ ist eine zur Förderung sog. „bilddenkender Kinder“. [Aktualisierung vom 28.04.2015: Michael Harslem hat die Meldung der Alanus-Hoschule inzwischen dementiert (siehe Kommentar unter diesem Artikel): „Dies beruht auf einem grundlegenden Irrtum, der durch Darstellung in der Zusammenfassung der Alanus Hochschule über den Evaluationsbericht für die Freie Hofschule Gaisberg bewirkt worden ist. Die Freie Hofschule Gaisberg hat sich mit der Davis Methode und entsprechenden Therapeuten auseinandergesetzt und beschlossen, diese Methode nicht einzusetzen. Insofern ist eine Verbindung der Freien Hofschule Gaisberg, der Akademie für Entwicklungsbegleitung und meines Namens mit der Davis Methode schlichtweg falsch. Ich habe bei der Alanus Hochschule eine Richtigstellung veranlasst.“] In der Projektbeschreibung liest man weiter:

„Ron Davis, ein amerikanischer Psychologe, hat in den 70-er Jahren eine Therapiemethode für bilddenkende Kinder entwickelt, bei der es lernen soll, sich mittig oben hinter dem Kopf einen Punkt vorzustellen, um dadurch während des Lesevorgangs eine Orientierungssicherheit zu erlangen. Dazu finden sich auch Hinweise bei R. Steiner, der solche Phänomene als imaginatives Denken beschreibt, das im Astralleib (zu lokalisieren mittig oben hinter dem Kopf) stattfindet und nicht wie das „normale“ Denken im Ätherleib. Dadurch erklärt sich auch die Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit (siehe GA 161, S. 242). Bei dieser Form des Denkens können die Spuren des Gedachten in dem flüchtigen Ätherleib nicht „gehalten“ werden, so wie es z.B. bei Träumen der Fall ist. Demnach ist nicht das Abrufen das Problem, sondern das Einprägen. Es bleibt in dem flüchtigen Ätherischen und verliert sich wieder. In der Davis-Therapie lernt das Kind darüber hinaus, aufkommende neue Verwirrung selbst zu bemerken und durch Entspannungsübungen aufzulösen.“ 

Ein bestimmter Schlag orthodoxer Anthroposophen lehnt das Konzept zur gleichen Zeit heftig ab. Die rechtsanthroposophische Zeitschrift „Der Europäer“ druckte 2014 einen Artikel „Die Davis-Methode und der Doppelgänger. Zur drohenden Unterwanderung der Waldorfschule“ von Wilfried Kessler. Rechts des „Europäer“ stehen „Reichsbürger“-nahe anthroposophische Webseiten  wie „Pelagius. Seminar für Anthroposophie und anthroposophische Heilpädagogik“. Der Pelagius-Betreiber Rüdiger Keuler hat 2015 beispielsweise von seiner Teilnahme an „Legida“ berichtet und auch schon einen offenen Brief an Putin verfasst, in dem er, genau wie die neurechten „Reichsbürger“, die Souveränität der BRD bestreitet u.ä. (vgl. Pelagius aktuell) Keuler sieht die Gefahr des „Davis-Trainings“ in der Verwässerung der reinen Lehre Steiners: „Waldorfpädagogik ohne Anthroposophie“:

„…ahrimanische Wesen nehmen Einfluss auf den Menschen, wir gestatten ihnen, einen unterbewussten Zugriff auf unser Ich. Die Auswirkungen auf ihre Wesenheit und ihr Karma erfahren die Betroffenen erst im Nachtodlichen … Da finden wir zum Beispiel die Davis-Methode, die an zunehmend mehr Waldorfschulen Anwendung findet. Diese ‚Therapie‘ findet Anwendung bei der Legasthenie. Auch da wird den Widersachermächten der Zugriff auf das Ich durch das Unterbewusste gestattet.“

Keuler beruft sich auf einen weiteren „Reichsbürger“-nahen Anthroposophen, Herwig Duschek, der ebenfalls ausführlich die Unvereinbarkeit von Anthroposophie und Davis-Methode belegt habe. Duschek verbreitet eine Mischung aus UFO- bzw. Vril-Mythologie, Verschwörungstheorie und Anthroposophie auf seiner Webseite „Gralsmacht“. (vgl. Anthroposophie und „Reichsbürger“-Bewegung)

Wenn Keuler oder „Der Europäer“ von „Unterwanderung“ sprechen, kann man das durchaus als Hinweis darauf nehmen, dass Ron Davis‘ Therapieform eine gewisse Verbreitung im Waldorfmilieu hat. Andererseits wähnen Anthroposophen dieses verschwörungstheoretischen Lagers ständig und überall Unterwanderungen und versteckte Pläne. „Der Europäer“ argumentiert dabei stärker anti-imperialistisch und antiamerikanistisch im Geiste der anthroposophischen Einkreisungsvorstellungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, Webseiten „Pelagius“, „Gralsmacht“ oder Willy Lochmann greifen z.T. auf weit umfangreichere Weltverschwörungs-Modelle zurück, die gar keine anthroposophischen Wurzeln haben. (vgl. auch Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus, EU und Ukraine, Willy, Thomas und der Wolf im Schafspelz) Sowohl die Akzeptanz und selbstverständliche Rezeption der Davis’schen Praktiken als auch deren Zurückweisung als dämonische Manipulation sind typisch für die ideologische Fluktuation in esoterischen Subkulturen, in denen sich die Anhänger unterschiedlicher „spiritueller“ Praktiken sowohl gegenseitig bekämpfen als auch (und gleichzeitig) rezipieren können. (vgl. Esoterische Alternativen im deutschen Kaiserreich)

Selbstkontrolle mit dem geistigen Auge

Worum aber geht es in der Therapieform, die in der anthroposophischen Welt so kontrovers aufgenommen wird? Sie stammt von einem gewissen Ronald Dell Davis, der sie als eigenständige (Selbst-)Heilung seiner eigenen Legasthenie entwickelt haben will. Zusammen mit seiner Ehefrau leitet er das Firmennetzwerk „Davis Dyslexia Association“, das die Methode nach dem Frenchisesystem vermarktet. Mir sind keine unabhängigen Studien bekannt, die irgendeinen Wert dieses Konzepts belegen würden, obwohl die entsprechenden Therapeuten behaupten, sie sei wissenschaftlich überprüft und überprüfbar. Legasthenie-Verbände und -Organisationen lehnen die Methode im Allgemeinen ab (vgl. Die Davis-Methode ist nicht wissenschaftlich belegt), 1999 hat auch das Bayrische Landesjugendamt vor ihr gewarnt.

Davis geht davon aus, dass Legastheniker übersinnlich begabte Menschen sind, die sich von ihren Mitmenschen in ganz besonderem Maße unterscheiden. Sie sind „bilddenkende“ Menschen mit starker Vorstellungskraft – zur Erinnerung: Auf der Webseite der Alanus-Hochschule wurde das mit Steiners „imaginativem Denken“ verglichen. Eine Nebenwirkung des plastischen Imaginationsvermögens sei es, dass die Legastheniker die eigenen Gedanken für reales Geschehen hielten, was wiederum zu einer „Desorientierung“ führe, die sich unter anderem, aber eben längst nicht nur beim Lesen oder Schreiben bemerkbar macht. Legasthenie ist in diesem System also nichts, das eigenständig zu therapieren wäre, sondern nur Symptom und Nebeneffekt einer bestimmten geistigen Veranlagung. Das dahinterstehende Konzept geht, keineswegs nur metaphorisch, von einem „geistigen Auge“ aus, dessen geistiger Blick die Welt aus anderen Dimensionen sieht, aber bei den Hypersensiblen wegen ihrer Imaginationskraft außer Kontrolle geraten kann:

„Das geistige Auge hat keinen Standort … Es befindet sich dort, wo sein Besitzer es jeweils plaziert, hinwünscht oder wahrnimmt. Wem dies wie ein übernatürlicher oder metaphysischer Begriff erscheint, der möge sich bitte daran erinnern, daß Legastheniker die Fähigkeit besitzen, ihre geistigen Bilder als reelle Wahrnehmungen zu erleben. Wenn sie also das geistige Auge an einem bestimmten Ort ansiedeln, erlangen sie die Fähigkeit, ihre Wahrnehmungen von diesem Blickwinkel aus zu erleben.“ (Davis: Legasthenie als Talentsignal, München 2001, S. 141f.)

In aller Regel wird die Davis-Methode in einem 5-tägigen Block (ca. 30 Stunden) angewandt, der im Jahr 2000 nach einem Bericht 3000 € teuer war. Die in dieser einen Woche erlernten Techniken soll der Therapierte danach selbst vollumfänglich anwenden können, auf individueller Basis können danach aber trotzdem Termine für die Nachsorge ausgemacht werden – das erfährt man unter anderem auf der Webseite „anders lernen“ bzw. legasthenie-adhs-dyskalkulie.com. Die „Therapie“ wird längst nicht mehr nur auf Legasthenie angewandt, sondern eben z.B.  auch auf Dyskalkulie und AD(H)S, neuerdings auch Autismus: das spirituelle Universalrezept empfiehlt sich aufgrund seiner universellen Anthropologie des „geistigen Auges“ als gnostische Lösung aller möglichen Arten von Störungen. Entsprechend einfach sind die zwei Praktiken, die zum Einsatz kommen:

Der erste Schritt heißt Orientierungstraining: Der Patient/Klient soll hier lernen, einen „Orientierungspunkt“ zu finden, dabei wird das „geistige Auge“, dessen Unfixiertheit den Hypersensiblen desorientiere, am Hinterkopf fixiert. Man muss kontrollieren, dass es dort verbleibt. Dabei sortiert sich der Blick neu: „Wir haben dokumentierte Fallgeschichten in unserem Archiv, die belegen, daß die sichtbare Lesefertigkeit mancher Teenager allein durch das Orientierungstraining binnen einer Woche auf ein Niveau angestiegen ist, das bis zu acht Klassen höher lag als vorher.“ (Davis: Legasthenie als Talentsignal, S. 165) Hier kann man wohl von einer Psychotechnik sprechen, jedenfalls von einer psychoinvasiven Form von Meditation: Der Geheilte muss sich selbst minutiös durch das am festgelegten Punkt angebrachte „geistige Auge“ ‚orientieren‘. Nicht umsonst sitzt es am Hinterkopf, worin scheinbar ein von sich selbst distanziertes sich selbst über die Schulter schauen angedeutet wird. Zum Zweiten folgt die sogenannte Symbolbeherrschung. Der Patient/Klient muss hier ihm unbekannte Wörter in einem Lexikon nachschlagen und anschließend aus Knetmasse nachbilden, dabei sind sowohl die Buchstaben als auch eine passende Situation darzustellen. So soll dem „Bilddenken“ Rechenschaft getragen werden, das sich so mit den Worten verbinde – auch dies soll nach einmaliger Anwendung zum Verschwinden der Probleme führen.

Die esoterische Logik dieses Modells ist unübersehbar: Übersinnliche Organe werden geöffnet und ermöglichen auch im Physischen Heilung. Besonders fällt der blitzartige Erfolg auf, den die Davis-Methode verspricht, und der mehr an Wunderheilungen erinnert als an Therapie. Analytisch diffus ist sowohl die Diagnose („Desorientierung“) als auch das Ziel („Orientierung“), fragwürdig sind die ausgewählten Praktiken ebenso wie die Annahme der bloß einmal nötigen Behandlung.

Ein umstrittener Kontext: Davis-Methode und Scientology

In fast keiner Kritik an der Davis-Methode fehlt der Hinweis auf Ronald Davis‘ Scientology-Hintergrund, der auch hier erwähnt werden muss. Wie üblich, und das muss ebenfalls erwähnt werden, ist der Hinweis auf diese prominenteste aller sog. „Sekten“ ein beliebter Anlass für Verschwörungs- und Unterwanderungsängste. In der Tat sind die Scientology-Schulungskurse nur (zahlenden) Mitgliedern zugänglich, gibt es also eine „geheime“ Lehre, in der Tat gibt es entsetzliche Aussteigerberichte, nichtsdestominder haben in den letzten Jahren vornehmlich Religionswissenschaftler darauf hingewiesen, dass man die kritische Erforschung des religiösen Systems Scientology von den öffentlichen Anschuldigungen trennen muss, die vielfach von irrationalen Vorstellungen angeheizt werden:

„Im Widerspruch zu gängigen Devianztheorien hat Gerald Willms in einer grundlegenden Studie gezeigt, dass Scientology deutlich im Wertgefüge der amerikanischen Mittelstandsgesellschaft verortet werden kann, ja geradezu deren Potenzierung darstellt. Weiterführend lässt sich plausibel machen, dass der gesellschaftliche Streit um Scientology zumindest auch ein Projektionsphänomen ist. Die Gesellschaft meint an Scientology gerade jene Eigenschaften wahrzunehmen, die sie selbst zwar faktisch lebt, die aber mit Ambivalenzgefühlen bzw. mit Scham und Schuld besetzt sind: Technologische, zweckrationale Durchdringung aller Lebensbereiche, Orientierung an messbaren Statistiken, auch in Bereichen des seelischen und kulturellen Lebens, Professinalität und Kreativität, expansive Werbung, Wachstum als klares Ziel, zugleich eine heftige Polemik gegen Kritiker. V.a. wird Scientology von vielen Deutschen als dezidiert ‚amerikanisch‘ wahrgenommen. Die Diskussion über Scientology potenziert die ambivalente Wahrnehmung der USA durch viele Deutsche.“ (Marco Frenschkowski: Die Geheimbünde. Eine kulturgeschichtliche Analyse, Wiesbaden 2009, S. 213)

Einmal mehr muss man hier also vorsichtig gegenüber den landläufigen Vorurteilen sein, gerade um die reale Gefährlichkeit eines Forschungsgegenstands einschätzen zu können. Nichtsdestominder ist Davis‘ Scientology-Affiliation dokumentiert. Offenbar hat er sich um 1980,  also in den Jahren, in denen er auch seine Therapieform entdeckt bzw. an sich selbst erfolgreich angewandt haben will, in Scientologen-Kreisen umgetan. 1984 berichtete er, dass er mit seiner Frau für viel Geld das ganze zu ihrer Zeit vorhandene Scientology-Schulungsprogramm bis zu den höchsten Kursstufen absolviert habe. Als sie aber dieselben Kurse nochmals in überarbeiteter Form (und wie gewohnt kostenintensiv) wiederholen sollten, hätten er und seine Frau sich von der Scientology Church abgewandt. Die Juristin und „Sektenberaterin“ Helga Lerchenmüller weist zwar darauf hin, dass Scientologen in Deutschland immer wieder auf dem Nachhilfemarkt aktiv waren, bestätigt aber Davis‘ Distanzierung:

„Die Schilderung ist glaubwürdig und deckt sich mit Erkenntnissen aus anderen Quellen. Obwohl kein Zweifel besteht, dass Ron Davis selbst und sein Unternehmen während der letzten beiden Jahrzehnte keine Verbindung zur Scientology-Organisation hatten, können die Davis-Kurse nicht empfohlen werden. Einer der Gründe liegt in der mangelnden Qualifikation von Ron Davis, der selbst angibt, keine nennenswerte Schulbildung und keine pädagogische Ausbildung genossen zu haben. Er selbst leitet seine vermeintliche Qualifikation aus seiner (nicht überprüfbaren) Erfahrung als Legastheniker und seinen daraus gewonnenen Erkenntnissen ab. Trainer und Franchisenehmer müssen keine anerkannte Mindestqualifikation nachweisen, sie müssen lediglich die einschlägigen Davis-Kurse absolviert haben. Die Davis-Methode weist nicht nur Parallelen zu Scientology auf, sie enthält auch Praktiken aus der Kinesiologie, einer ebenfalls höchst umstrittenen, unter Esoterikern häufig angewandten Methode.“ (Lerchenmüller: Nachhilfe – Ein boomender Markt, in: Katholische Bildung, Mai 2014, S. 202)

Lafayette Ron Hubbard schuf in seiner Scientology-Kirche eine moderne gnostisch-dualistische Erlösungsreligion, es geht um die Befreiung des innersten Menschenwesens, des „Thetans“, der sich wie der lichtvolle Urmensch der Gnostiker an und in die niedere, dämonische Welt der Materie verlor und aus ihr wieder erhoben werden muss. Dabei werden in einem komplizierten, modularisierten Kurs-Programm die sinnlichen Wahrnehmungen erweitert und wird der Thetan in jedem Menschen geschult. Dass sich Scientologen auf dem Nachhilfemarkt versuchen, ist nur aus der Außenperspektive der Versuch einer „Unterwanderung“, ergibt sich aber aus der Binnenperspektive ganz logisch: Hubbard pries seine eigene „Studiertechnologie“, die einige Ähnlichkeiten zu der von Davis aufweist.

Augenfälligster Hinweis darauf ist das Nachschlagen von einfachen Wörtern und deren Nachbildung durch Knetmasse – eine Methode, die auch bei Scientologen zum Standardprogramm gehört –, wobei offen bleiben muss, wie weit am Ende heutige Scientologen wiederum von Davis‘ Adaption beeinflusst sein mögen. Auch Hubbard hat zunächst ein sog. therapeutisch-seelsorgerisches Modell entwickelt, die „Dianetik“. Sein Grundlagenwerk (Dianets: The Modern Science of Mental Health, New York 1950) wurde schnell zum Bestseller, aber auch ebensoschnell und gründlich kritisiert, während Hubbard das Programm in den folgenden Jahren zu der bekannten neognostischen Mysterienreligion ausarbeitete. In deren Zentrum stehen aber weiterhin „Technologien“, die dem Adepten „Kontrolle“ über alle möglichen Lebensbereiche ermöglichen sollen. Ein fundamental pragmatistischer Grundzug also, der sich zur enzyklopädischen Darstellung einer übersichtlich geordneten Welt erweitert und selbst zahlreiche Strukturparallelen zu esoterischen Weltanschauungen aufweist. Der Religionswissenschaftler Hugh B. Urban deutet die Entwicklung des scientologischen Systems von den 50ern in die 80er als die einer „Cold War Religion“: dominant sind Vorstellungen von Überwachung, Sicherheit und Geheimhaltung, gar (dämonischer) Spionage. (Urban: The Secrets of Scientology, in: Egil Asprem/Kenneth Granholm: Contemporary Esotericism, Sheffield/Bristol 2013, v.a. S. 187-192) Ohne dies und die weitere Entwicklung bis ins Internetzeitalter hier im Detail nachzeichnen zu können, kann man aus diesem Geist auch Davis‘ sog. „Orientierungspunkt“ verstehen: der Beobachterpunkt des „geistigen Auges“, das am Hinterkopf fixiert werden soll, impliziert ebenfalls eine technizistische Anthropologie, Übersinnliches wird durch Selbstdisziplin und Kontrolle erreicht und stabilisiert.

Diesseits von Waldorf und Scientology

Das hat zweifellos gewisse Parallelen zu manchen anthroposophischen Meditationstechniken, etwa aus dem Bereich der „Nebenübungen“. Trotzdem liegen nicht gerade detaillierte Übereinstimmungen mit der anthroposophischen Pädagogik oder Meditationspraxis vor. Die Vereinbarkeit von Davis-Methode und Anthroposophie resultiert aus den entsprechenden Bedürfnissen der Rezipienten und sollte weder verschwörungstheoretische Anthroposophen noch Anthroposophiekritiker zu dem Schluss verleiten, hier habe man es mit einer substanziellen Gemeinsamkeit von Anthroposophie und Scientology oder einer gezielten „Unterwanderung“ zu tun. Dass „alternative“ Therapeuten aller Strömungen beieinander auf offene Ohren stoßen und ein ähnliches Publikum bedienen, ist hinreichend bekannt – selbstverständlich versuchen sie dabei durchaus gezielt, ihre Methoden zu verkaufen. Trotzdem kann man schon irritiert sein, dass die Davis’sche Psychomethode Waldorfpädagogen gefällt. Beide gehen nicht so unmittelbar ineinander auf, wie etwa die anthroposophische „Impfkritik“ und ein alternativ-„impfkritisches“ Waldorfklientel. Die anthroposophische Pädagogik soll das Kind nach „menschenkundlichen Erkenntnissen“ Steiners erziehen, keinesfalls aber werden die Inhalte des Steinerschen „Schulungsweges“ gelehrt oder gar erübt, die nach der anthroposophischen Entwicklungslehre ohnehin erst bei Erwachsenen funktionieren würden (deren übersinnliche „Leiber“ im Gegensatz zum Kind voll entfaltet sein sollen).

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Kombination von anthroposophischen Vorstellungen und Praktiken mit solchen, die aus dem Scientology-Fundus stammen dürften, erlaubt weniger Erkenntnisse über Anthroposophie und/oder Scientolgy als solche. Sie erlaubt vielmehr Erkenntnisse über den Kontext, in dem beides kombinierbar und dann faktisch kombiniert wird: Wo „konventionelle Therapien“ und medizinische Einsichten prinzipiell hinter allem, das irgendwie „geistig“ klingt, zurückgestellt werden, kann sich jede mögliche Quacksalberei verbreiten, weil die Möglichkeiten zu ihrer wissenschaftlichen Überprüfung schon abgetan sind. Die Frage drängt sich auf, welche sonstigen dubiosen Therapien und Konzepte im Waldorfumfeld sonst noch gedeihen mögen, wenn selbst ein Forschungsprojekt der Alanus-Hochschule sich unkritisch auf eine Vereinbarkeit von Steiner und Davis bezieht. Die bipolare Logik der Davis’schen Methode (von der „Desorientierung“ zur vom geistigen Auge überwachten „Orientierung“) spricht absolute Kriterien an, die über Therapie hinaus und in den Bereich religiöser Heilssuche führen. Zugleich herrscht eine Effizienzideologie vor: Legastheniker sollen zu geistiger Wahrnehmungs- und Gedankenkontrolle befähigt und binnen einer Woche zu Hochbegabten werden. Die „sanften“ „Alternativen“ verfolgen und propagieren also genau die Logik, gegen die sie oberflächlich gerichtet sind.

Mir wurde von einer bayrischen Waldorfschule berichtet, an der ein regelrechter Kampf um die Davis-Methode ausgefochten worden sein soll, mit den Cliquenbildungen, Mobbingstrukturen und gegenseitigen Denunziationen, die man von so vielen Waldorfschulen kennt. In diesem Fall setzte sich, so hört man, eine Pro-Davis-Fraktion durch, kritische Eltern und Lehrer sollten zum Schweigen gebracht werden und wurden als Nestbeschmutzer denunziert. Inzwischen befindet sich der entstandene Streit wohl vor Gericht – da ich die genauen Abläufe nicht kenne, bleibt die Schule hier unbenannt.

An diesem Vorfall kombiniert sich aber allem Anschein nach das Klammern an eine neue Methode mit der waldorfpädagogischen Klimakatastrophe: Mit dem Selbstbewusstsein einer praktisch unfehlbaren Pädagogik ausgestattet, werden die Schwächen der Waldorfschulen an ihnen selbst gern verdrängt, ineffiziente Abläufe gar nicht wahrgenommen. Lehrer arbeiten bis zur Grenze der Selbstausbeutung, die zahlenden Eltern haben aber nicht nur höchste Ansprüche, sondern auch immer wieder Grund zur Kritik an schlechten schulischen Zuständen. Gerhard Vilmar beschrieb Elternabende, an denen sich “sich Lehrer und Eltern … erbitterte Auseinandersetzungen mit wechselseitigen Schuldzuschreibungen” liefern, während an der basalen Struktur der vorliegenden Probleme nicht gearbeitet wird. Vielmehr bilden sich unterschiedliche Parteien unter und zwischen Lehrern und Eltern, die einander Schutz gewähren oder ausgrenzen, immer wieder enden die Machtkämpfe vor Gericht. Es sind autoritäre, entmündigende Strukturen, die sich hier bilden und aussprechen können, in denen zuweilen jedes formale Regelwerk zur Interessendurchsetzung ausgehebelt wird. Fast jeder mir bekannte Waldorfabsolvent erinnert sich an solche Szenen, prägnant hat sie der ehemalige Waldorf-SVler Valentin Hacken beschrieben:

„Es gibt nicht den einen Papst, doch Priester gibt es viele und deren Einfluss ist nicht zu unterschätzen, wenn es darum geht, in welche Richtung sich eine Schule oder die Schulbewegung entwickeln soll. Die vielen, teils massiv ausgetragenen Streitigkeiten zeigen eben, dass fast alles persönlich ist in diesem Kontext und schnell existentiell – niemand macht hier nur einen Job. Was positiv sein kann, zeigt da seine Kehrseite. Das hat zum einen dazu geführt, dass sich eine geradezu parasitäre Beraterindustrie entwickelt hat, in der die Schulen und Verbände jedes Jahr hunderttausende Euro verbrennen…“ (Valentin Hacken: Man kann doch nicht noch hundert Jahre davon leben, dass man irgendwie nicht allzu schlecht ist)

In diese „Beraterindustrie“ fügt sich die Davis-Methode trefflich ein, Teil des Problems statt der Lösung. Man kann sie als einen von vielen systemimmanenten Versuchen sehen, die Waldorf-Defizite irgendwie zu kompensieren, statt sie aufzulösen.

29. März 2015 at 6:14 pm 5 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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