Posts filed under ‘Temperamentenlehrer’

Temperamente reloaded – „Erziehungskünstler“ mit steinernen Perspektiven

Ausführlich habe ich mich auf diesem Blog bereits mit einem der heikelsten Aspekte der Waldorfpädagogik beschäftigt: Der Lehre von den Vier Temperamenten, die in der pädagogischen Psychologie dieser Schulen fest verankert ist. Die aktuelle Ausgabe (Juni/August 2011) der (waldorf)pädagogischen ZeitschriftErziehungsKUNST – Waldorfpädagogik heute, herausgegeben vom Bund der Freien Waldorfschulen,  der Dachorganisation dieser Schulen in Deutschland, widmet dieser zweifelhaften pädagogischen Typologie jetzt mehrere Artikel.

Es gibt freilich genug Gründe, sich diesem unangenehmen Thema zuzuwenden: Das aus der Spätantike stammende Temperamentenschema, das Menschen in vier Gruppen – träge Phlegmatiker, sprunghaft-heitere Sanguiniker, tranig-depressive Melancholiker und energiegeladen-reizbare Choleriker – einteilt, scheint wissenschaftlich sehr zweifelhaft und als Handwerkszeug für angewandte Pädagogik schlicht nur banal und nutzlos. Einen langen Überblick über einzelne Anwendungsmöglichkeiten sowie rassistische und völkerpsychologische Begleiterscheinungen der Temperamentenlehre in und außerhalb der Waldorfpädagogik habe ich im schon erwähnten Artikel (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) zusammengetragen. Die Temperamentenlehre wird an Waldorfschulen de facto kaum noch angewandt. Das finden die Redakteure der „ErziehungsKUNST“ aber offenbar kein bisschen begrüßenswert: Chefredakteur Mathias Maurer alarmiert:

„Die sogenannte Temperamentenlehre Rudolf Steiners wird zwar an den Waldorflehrerseminaren und hochschulen gelehrt, findet aber im Unterricht der Waldorfschulen immer weniger praktische Anwendung. Insofern kann man es begrüßen, dass Erziehungswissenschaftler diese ’spätantike hippokratische‘ Persönlichkeitstypologie kritisch unter die Lupe nehmen und Waldorflehrern wieder ins Stammbuch schreiben, was eigentlich zu ihren pädagogischen Essentials gehört.“ (Maurer: Temperamente ad acta?, S. 17)

Diese Logik scheint eigen: Während Waldorflehrer_innen feststellen, dass sie die Temperamentenlehre für ihren Unterricht schlicht nicht brauchen (und dem ist tatsächlich so, vgl. die empirischen Umfragen des Düsseldorfer Pädagogikprofessors Heiner BarzZwischen lebendigem Goetheanismus und latenter Militanz? Eine Studie zur Alltagsorientierung von Waldorflehrern. In: Neue Sammlung 31. Jg. Heft 2/1991, offenbar weigern sich an einigen Stellen inzwischen sogar Waldorflehrer, die „ErziehungsKUNST“ auszuteilen: Ich lese was, was du nicht siehst), freuen sich die „Erziehungskünstler“ umgekehrt, dass Kritiker_innen der Waldorfpädagogik die „psychophysische Totaltypologie“ (Heiner Ullrich) unter die Lupe nähmen und dadurch bei Waldorfs wieder ins Gedächtnis riefen. Diese Diskussion wird gern angenommen – Falsifikation aber gar nicht erst in Betracht gezogen. Dieses anthroposophische Vorgehen nannte der Religionswissenschaftler Helmut Zander „Die Herrschaft der Theorie über die Empirie“ (Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, S. 955ff.).

Kant als Lieferant für Typologien

Die Autoren dieser „ErziehungsKUNST“-Ausgabe haben also ein Doppeltes zu leisten: Das von den Waldorf-Kritiker_innen ausgegrabene Thema aufgreifen, dabei die kritisch aufgezählten Defizite der pädagogischen Typologie umgehen und stattdessen darstellen, warum sie das Konzept aktuell für wichtig und richtig halten. Dabei geht die „ErziehungsKUNST“ sogar historisch einmalige Allianzen ein. Auf Seite 4 wird (pittoresk eingerahmt von lustigen Clown-Bildern, auf denen wahrscheinlich die vier Temperamente dargestellt werden sollen) gar der Philosoph Immanuel Kant zitiert. Die meisten Anthroposoph_innen halten Kants idealistische Philosophie aufgrund seiner Erkenntniskritik für den großen Irrläufer der Philosophiegeschichte. „Man kann Steiners Biographie als einen lebenslangen Versuch lesen, die von Kant in die Wege geleitete Vertreibung aus dem Paradies eines unmittelbaren Zugangs zur Welt wieder rückgängig zu machen.“ (Zander: Rudolf Steiner, S. 22). Doch das scheint hier vergeben und vergessen, da auch Kant sich 1798 („Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“) zu den Temperamenten geäußert hat. Die „ErziehungsKUNST“ zitiert in großen, roten Lettern:

„Also gibt es keine zusammengesetzten Temperamente …, sondern es sind in allem deren nur vier, und jedes derselben einfach, und man weiß nicht, was aus dem Menschen gemacht werden soll, der sich ein gemischtes zueignet.“

Eine zweifellos gruselige Aussicht: Zwanghafte Festlegung der Menschen auf vier Charakterzüge. Nun ist gerade Kant kein seriöser Lieferant für Vierer-Typologien. Mit derselben Unbefangenheit, wie er „nur“ und ausschließlich vier menschliche „Temperamente“ gelten ließ, sortierte der Philosoph die Menschheit der Erde in vier strukturgleich behauptete „Rassen“:

„Wir haben vier menschliche Racen gezählt, worunter alle Mannigfaltigkeiten dieser Gattung sollen begriffen sein.
Erste Race, Hochblonde (Nordl. Eur.) von feuchter Kälte.
Zweite Race, Kupferrothe (Amerik.) von trockner Kälte.
Dritte Race, Schwarze (Senegambia) von feuchter Hitze.
Vierte Race, Olivengelbe (Indianer) von trockner Hitze.“ (Kant, S. 440f.)

Exakt diese Ordungen finden sich auch für die Temperamente, nicht nur in der Anthroposophischen Pädagogik, sondern bereits seit der Antike (siehe im Innenraum des Kreises der folgenden Grafik):

Kant schloss aus diesen Zugehörigkeiten phantasievoll auf spezielle „Rassencharaktere“, etwa bei „den Negers“:

„Der Wuchs der schwammichten Theile des Körpers mußte in einem heißen und feuchten Klima zunehmen; daher eine dicke Stülpnase und Wurstlippen. Die Haut mußte geölt sein, nicht bloß um die zu starke Ausdünstung zu mäßigen, sondern die schädliche Einsaugung der fäulichten Feuchtigkeiten der Luft zu verhüten. Der Überfluß der Eisentheilchen, die sonst in jedem Menschenblute angetroffen werden und hier durch die Ausdünstung des phosphorischen Sauren (wornach alle Neger stinken) in der netzförmigen Substanz gefällt worden, verursacht die durch das Oberhäutchen durchscheinende Schwärze, und der starke Eisengehalt im Blute scheint auch nöthig zu sein, um der Erschlaffung aller Theile vorzubeugen. Das Öl der Haut, welches den zum Haareswuchs erforderlichen Nahrungsschleim schwächt, verstattete kaum die Erzeugung einer den Kopf bedeckenden Wolle. Übrigens ist feuchte Wärme dem starken Wuchs der Thiere überhaupt beförderlich, und kurz, es entspringt der Neger, der seinem Klima wohl angemessen, nämlich stark, fleischig, gelenk, aber unter der reichlichen Versorgung seines Mutterlandes faul, weichlich und tändelnd ist.“ (ebd., S. 442)

Es mag übertrieben erscheinen, von Kants Temperamentenlehre auf seine Rassenlehre zu schließen. Aber die Verwandtschaft zwischen beiden Kategorien besteht sowohl formal als auch inhaltlich. Beide Vorstellungen stammen aus der antiken Viersäfte-Lehre Galens, nach denen der Charakter bzw. die Temperamente ebenso wie der Körper von bestimmten Mischverhältnissen der Körpersäfte herrührten. Rudolf Steiner, Gründervater der Waldorfpädagogik, legte nicht nur eine Rassentheorie vor, deren Annahmen über die Eigenschaften bestimmter „Rasseneigentümlichkeiten“ mit denjenigen Kants praktisch identisch sind, er malte einem Kurs angehender Waldorflehrer auch auf, wie die charakteristischen Körperformen von Temperamenten zu erkennen seien:

Steiner: „Die melancholischen Kinder sind in der Regel schlank und dünn; die sanguinischen sind die normalsten; die, welche die Schultern mehr heraus haben, sind die phlegmatischen Kinder; die den untersetzten Bau haben, so dass der Kopf beinah untersinkt im Körper, sind die cholerischen Kinder.“ (GA 295, 1985, S. 28)

Anders als für Kant gelten die Temperamente in der Waldorfpädagogik immerhin als „flexibel“: Es könnten „Mischformen“ auftreten. Steiners physiognomische Vorstellungen über die Körperformen von Sanguinikern, Cholerikern und Co werden in der „ErziehungsKUNST“ übrigens vollständig unterschlagen – ohne, dass diese selektive Rezeption der Temperamentenlehre  eigens begründet wird. Trotzdem sind auch die Aspekte, die behandelt werden, erstaunlich bis peinlich:

Familienidylle

Einen erneuten Geniestreich landet beispielsweise der umstrittene anthroposophische Journalist Lorenzo Ravagli, der in dem Artikel „Mit Temperament in den Urlaub“ (S. 19-21) einen (hoffentlich) fiktiven Familienurlaub beschreibt. Die einzelnen Personen aus Ravaglis Kurzgeschichte legen grotesk überzeichnete Züge der Temperamente an den Tag, so brüllt der Familienvater am Steuer über den miesen Fahrstil der italienischen Autofahrer, die treusorgende Mutter heult sich darüber aus, dass die Welt so ungerecht sein soll und ein weiterer Familienurlaub deshalb unethisch (S. 21). Offenbar sollen die beiden (Geschlechterklischees, hurra!) einen Choleriker und eine Melancholikerin darstellen. Wer das nicht durchschaut, findet auf S. 98 eine Auflösung mit hilfreichen Tipps wie: „Der nervtötende Zappelphilipp ist natürlich ein Sanguiniker.“ Ravaglis Beitrag eignet sich exemplarisch, um zu zeigen, warum die Temperamentenlehre für jede pädagogische Praxis irrelevant ist: Es wird nichts aus der Zuschreibung gewonnen, da „die Zuordnung eines Menschen zu einem der vier Temperamente uns von diesem nichts weiter verrät, als was für die Zuordnung bereits erforderlich ist.“ (Hofstätter: Psychologie, Frankfurt a. M. 1957, zit. bei Fritz Beckmannshagen: Rudolf Steiner und die Waldorfschulen, Wuppertal 1984, S. 19 – kursiv A.M.).

Das gilt auch für eine kurze und erneut von Ravagli verfasste „Glossolalie“ auf S. 98, „Alles eine Frage des Temperaments“, in der er Philosophen und Religionen in die Temperamentenschubladen sortiert: Fichte – Choleriker, Kant – Melancholiker, Hegel – Phlegmatiker, Nietzsche – Sanguiniker („auch wenn die Sanguinik seines Stils nur eine Verkleidung seiner abgründigen Urmelancholie ist.“). Buddhismus: „melancholischer Weltschmerz“; Judentum, „das bis ans Ende aller Tage auf den Messias wartet“: Phlegma; Christentum: „sanguinische Flatterhaftigkeit“; Islam: „gewisse cholerische Neigungen“. Ravagli raunt mit nornengleicher Gewissheit:

„Dieses Apercu birgt vielleicht sogar mehr Tiefsinn, als es auf den ersten – sanguinischen – Blick erscheint. Seine Abgründe mögen die Melancholiker unter den Lesern ausloten.“ (ebd.)

„Tiefsinnig“ lässt sich diese stupend oberflächliche Religionstypologie jedenfalls anwenden, um erneut zu zeigen, dass sie auch über die Religionen nichts aussagt, sondern diese im Gegenteil auf diejenigen Aspekte reduziert, die ins Temperamentenschema einsortierbar sind. Ebenso die aufgezählten Philosophen. Das einzige, was einem diese Zuordnungen nützen mögen, ist vielleicht ein gewisser „Sortierspaß“: „Wer passt am ehesten wo und wie rein?“ Erkenntnisgewinn wird verstellt. Lässt sich der Buddhismus (von den asketischen Zügen des Theravadabuddhismus über den breit-lachenden Dickbauchbuddha des Chan-Buddhismus zum Buddha Amithaba, der einen schon bei einmaliger Anrufung ins „Reine Land“ des Westens führt ) überhaupt homogen darstellen, und dann noch als „melancholischer Weltschmerz“? Ist im Islam (von Mohammeds Prophetentum über die gewaltigen Visionen eines Avicenna oder Suhrawardi zur Mystik Henry Corbins oder die bis zum Erbrechen repetierten fundamentalistischen Ausläufer der Gegenwart) so platt ein Hang zu „gewissen cholerischen Neigungen“ auffindbar? Wo bleiben in dem Viererschema die hinuistischen Religionen, wo Daoismus, Konfuzianismus, die antiken Religionen, gar der Neopaganismus, zu dem Ravagli sich (laut Facebook) selbst bekennt?
Und besteht eine Aussicht, dass die Temperamenten-Typologie, auf Menschen angewandt, ergiebiger ist?

Der Meinung sind natürlich unsere „Erziehungskünstler“ Eine systematische oder ausführliche Darstellung des Steinerschen Temperamentenkonzepts fehlt in der „ErziehungsKUNST“. Stattdessen behandeln fast alle Artikel „Praxisberichte“. Vier Waldorfpädagog_innen berichten darin, warum sie Temperamente toll finden.

Temperamente im Friseursalon

Zum Beispiel Helmut Eller, dessen aufschlussreichen Text zur Anwendung von Temperament-Diagnosen auf soziemlich alles (von Himmelsrichtungen über Pflanzensorten zu Kunststilen) ich ebenfalls im früheren Artikel zur Temperamentenlehre widergegeben habe. Er wird in der „ErziehungsKUNST“ interviewt:

Erziehungskunst | Herr Eller, warum meinen Friseusen und Friseure in Japan, dass ihnen die Temperamente beruflich weiterhelfen?

Helmut Eller | Die Einladung, vor einer Gruppe von etwa 60 jungen Friseuren und Friseusen in Tokio über die Temperamente zu sprechen, verdankte ich Eltern der im Werden begriffenen Waldorfschule im Westen der Stadt. Diesen war in meinen Seminaren über die Grundlagen der Waldorfpädagogik wohl klar geworden, dass diese Kenntnisse nicht nur in der Schule und häuslichen Erziehung, sondern auch im beruflichen Leben wichtig sein können.
Die Friseure und Friseusen, lauter junge Leute, waren jedenfalls begeistert, als sie erkannten, dass das Temperament des Sanguinikers sich für ihren Beruf besonders eignet. Gilt es doch, mit einem Kunden, der vor einem im Stuhl sitzt, über das zu reden, was ihn interessiert. Da ist schnelles Interesse angesagt! Schon nach kurzer Zeit kommt ein neuer, will auch plaudern, aber über ganz andere Dinge … (Warum Rechtsanwälte und Frisöre sich für die Temperamente interessieren, S. 5)

Die Strategie, Interesse für die eigenen Kund_innen zu zeigen, scheint im Dienstleistungsgewerbe nicht unklug, braucht dafür aber die Temperamente nicht. An diesem Beispiel zeigt sich aber auch ein versteckter Nutzen: Wenn mensch offenbar erst durch eine grobanschaulische Persönlichkeitstypologie wie die vier Temperamente darauf gebracht wird, sich motivationstheoretische Überlegungen zu machen, kann die Suche nach solchen Diagnosen wohl gelegentlich zu einem ehrlichen Versuch führen, das Gegenüber zu verstehen. Dann aber rücken die Temperamentenschubladen ausnahmslos und sofort in den Hintergrund – was Eller selbst zugesteht:

„Bei der Vereinigung deutscher Mediatoren in Hamburg habe ich einen Vortrag gehalten. Dieser erste Vortrag bei Kaffee und Kuchen wurde zunächst amüsiert aufgenommen. Doch die Mediatoren erkannten schnell, dass sich mit Hilfe der Temperamente Konflikte besser verstehen und leichter lösen lassen. … Mir wurde im Nachhinein davon berichtet, dass die Mediatoren immer wieder »geübt« hätten, den anderen und sich selbst nach seinen auffallenden Temperamentsanlagen zu bestimmen. Dabei wurde anscheinend viel gelacht. Inzwischen arbeiten die Mediatoren mit den Temperamenten, ohne diese »Lehre« – als Schablone zu betrachten. Denn jeder Mensch trägt alle vier Temperamente in sich. Einige auffallende Eigenschaften kann man relativ schnell finden, aber es dauert länger, unter Umständen sehr lange, bis man auch die verborgenen Seiten entdeckt. Sie gehören aber auch dazu.“ (ebd.)

Eine zwanglose Atmosphäre, bei der „viel gelacht“ wird, fördert sicherlich Persönlichkeitsstrukturen zutage, nicht aber die dieser Situation übergestulpte Typenlehre (das wäre auch zum Artikel von Birgit Olayiwola-Olosun: Wenn Temperamente nicht zu bremsen sind, zu sagen). Und so zieht Eller sich gemütlich auf den Allgemeinplatz zurück, dass irgendwie ja auch alle vier Temperamente bei jedem auffindbar seien – und die Persönlichkeit sich letztlich ohnehin entziehe:

„Jeder Mensch aber färbt seine Temperamente mit seiner individuellen Persönlichkeit ein, so dass nicht ein einziger Mensch wie der andere ist.“ (ebd.)

Das ist aber lediglich ein Argument dafür, die Temperamentenschubladen fallenzulassen und sich von vorneherein mit der „individuellen Persönlichkeit“ zu beschräftigen! Ähnlich wie Eller äußert sich Mathias Maurer in seinem einleitenden Redaktionsbericht für die Zeitschrift, der das Ganze auf die beliebte anthroposophische Formel bringt, die Temperamentenlehre sei „keine Lehre“, sondern „eine Kunst“ (S. 3):

„… Es zeigt sich schnell, dass man genau hinschauen muss, dass nicht immer ein Temperament vorherrscht, und nicht zuletzt, dass die Dominanz eines Temperaments alters-, ja sogar situationsabhängig wechseln kann. Was so einfach und schlicht anfing, wird zunehmend kompliziert. Der Lehrer macht deutlich, dass ein schematisches Vorgehen nicht weiterführt, sondern in jedem Kind die Temperamente individuell gemischt sind. Es sei eine Kunst, keine Lehre, die Temperamentsmischungen in ihrer lebendigen Dynamik und Differenziertheit zu erkennen. Die künstlerische Methode sei die angemessenste, um sich von diesen »Farben der Seele« ein Bild machen zu können.“ (Die Temperamente – keine Lehre, eine Kunst)

Auch hier zerbröckelt die LehreKunst zuverlässig am konkreten Beispiel und Maurer gesteht „Dynamik und Differenziertheit“, dass sich (vermeintliche) Temperamentszüge „situationsabhängig“ verändern und überhaupt „individuell gemischt“ seien. Den letzten Schritt dieser partiellen Einsicht, nämlich: diese angebliche „Kunst“ über Bord zu werfen, und zur wahren pädagogischen „Kunst“, der Schaffung einer Bildungsstätte nicht für Typen, sondern individuelle Subjekte, weiterzuschreiten, vollziehen aber weder Maurer noch Eller. Letzterer fordert kurz nach der zuletzt zitierten Zeile:

„Man muss sich die Mühe machen und die Temperamente »sehen« lernen. Wenn ich irgendwo über die Temperamente spreche, erlebe ich, dass die Menschen anfangen, die entsprechenden Eigenschaften an sich selbst, ihren Kindern oder Mitmenschen wahrzunehmen. Es gehen ihnen die Augen auf.“ (Eller, S. 7)

Was hier auftritt, wird zuweilen „Brunneneffekt“ genannt und tritt üblicherweise auch bei Zeitungshoroskopen mit ihren selten hilfreichen Ratschlägen (in Richtung „Sie verfügen über einige Schwächen, die Sie aber im Allgemeinen durch Ihre Stärken ausgleichen können“) auf: Die Schubladen, Aussagen und Diagnosen sind so allgemein, dass sie überall an irgendeiner Stelle passen – bloß zum Erkenntnisgewinn taugt das, wie beschrieben, nicht wirklich. Und auch Eller muss das irgendwie geahnt haben, da auf diese Sätze bereits die nächste diplomatische Zurücknahme folgt:

„Das Thema ist in Misskredit geraten, da man sich gegen Schablonen sträubt – und das mit Recht. Man spricht zum Beispiel von einem Choleriker. Damit kann nur jemand gemeint sein, der verhältnismäßig viel von diesem Temperament hat. Alle anderen Temperamente sind ja auch vorhanden und müssen entdeckt werden. Es gibt niemanden, der in jeder Situation gleich reagiert. Wenn man im Alltag vom Choleriker oder Phlegmatiker spricht, dann blendet man die Vielschichtigkeit des Themas aus. „ (ebd., S. 7f.)

„Kinder, Lehrer, Temperamente“ – Das Cover der „ErziehungsKUNST 07/08, 2011.

„Pädagogisch Kontraproduktiv“

Auf S. 14-16 kommt eine Waldorf-Kindergärtnerin, Elke Leipold, zu Wort, die in eine ähnliche Richtung argumentiert und an einigen Beispielen demonstriert:

„Jedes Kind muss individuell angeschaut werden. Festlegungen sind – zumindest im Kindergartenalter – pädagogisch kontraproduktiv. Sie verbauen den Blick auf das ganze Wesen des Kindergartenkindes, sind Temperamentsäußerungen doch oft auch situationsgebunden und dementsprechend vielfältig.“ (Die Temperamente sind die Farben der Seele, S. 14)

Auch Leipold hält allerdings an Steiners Temperamentenlehre fest und glaubt sogar, die Temperamente fänden sich im „Ätherleib“ (s. 16), einer uns profanen Menschen für gewöhnlich unsichtbaren Aura subtiler Lebenskräfte, die Hellseher Rudolf Steiner jedem lebenden Organismus zusprach (wobei er, wie üblich, theosophische Ideen verarbeitete). Freilich wäre Leipolds Einsicht, Temperamentenfestlegungen im Kindergartenalter seien „pädagogisch kontraproduktiv“, auch und erst recht auf jedes spätere Lebensalter anzuwenden. Zu dieser Erkenntnis konnte sich „der langjährige Klassenlehrer“ Martin Schnabel nicht durchringen, der vor Leipolds Artikel auf 2 Seiten zusammenfasst, wie er das mit den Temperamenten so handhabt, denn deren tatsächliche Existenz setzt auch er wie selbstverständlich voraus. Er greift sogar eine Weiterentwicklung des Temperamentenschemas durch den Waldorflehrer Rudolf Grosse auf, der seine Schüler_innen in einer nach Temperamenten sortierten Sitzordnung im Klassenraum platzierte. So entstehen Passagen wie:

„Die Temperamente? Mal vergesse ich sie völlig, mal klappt die intensive Zuwendung zu einer Gruppe instinktiv. Die Schüler sitzen nach Temperamenten geordnet in Gruppen, die natürlich verschieden groß sind. … Bei der Geschichte ist es am einfachsten, mit den Temperamenten zu »spielen«. Auch beim »Stoffteil« geht es gut, und wenn man die Unruhe bei den Sanguinikern bemerkt, wird man sich ihnen besonders zuwenden und die Geschwindigkeit so anziehen, dass sie bald wieder dabei sind. Oder man wendet sich mit gründlichen, genauen Schilderungen vorwiegend den Phlegmatikern zu. Dann darf man auch mal poltern oder schimpfen. Brauchen die Choleriker ein Gewitter, so versuche ich, nicht über sie, sondern über irgendetwas loszudonnern, das mit dem Unterrichtsinhalt zusammenhängt, vielleicht über die Ungerechtigkeit der Welt, die es einem Kolumbus so schwer macht, sein Lebensziel zu verfolgen. Dabei ist darauf zu achten, nicht unmotiviert herumzubrüllen, sondern dass sich die Lautstärke langsam steigert, sonst werden womöglich die dahinter sitzenden Melancholiker zu sehr verschreckt.“ (Temperamente im Klassenzimmer, S. 12)

Wenn unter Berufung auf die Temperamentenlehre das „Rumbrüllen“ vom ungewollten Ausraster zur wohl dosierten Unterrichtsmethode wird, ist das ein weiterer Grund, diese Lehre aus den Klassenzimmern zu verbannen! Auch Schnabel hält die Temperamentenlehre freilich für ein Erziehungsmittel, das aber nicht in der Dressur von Kindern zu vier standartisierten Menschentypen, sondern im Gegenteil der „Erziehung zur Freiheit“ diene:

„Ich denke »von sich aus« ist das Zauberwort. Nicht dadurch, dass der Lehrer seine Schüler dressiert, wirkt er grundlegend und dauerhaft. Vielmehr lautet die Frage: Wie schaffe ich eine Umgebung, in der der junge Mensch sich selber ändert?“ (ebd., S. 13)

Ist das ein schubladendenkerischer Individualismus oder ein individualistisches Schubladendenken? Dieses zutiefst widersprüchliche Muster von typologischen Diagnosen und individualistischem Ziel ist charakteristisch für Steiners Anthroposophie: Verflechtungen aus Rassismus und Ich-Philosophie oder die Forderung, durch Annahme des „wahren, esoterischen Christentums“ werde religiöser Separatismus beendet.

Auch aus praxispädagogischer Sicht werden die Leser_innen der „ErziehungsKUNST“ mit der Temperamentenlehre vertraut gemacht: Theaterpädagoge Ulrich Maiwald erzählt von einer Inszenierung des Theaterklassikers von Johann Nestroy: Das Haus der Temperamente, mit einer Waldorfschulklasse. Nestroy karikiert in seiner „Posse“ ebenjene Eigenschaften, die die Waldorfpädagogik in den vier Temperamenten sieht. Es gibt vier Familien,  sämtliche Angehörige einer Familie verkörpern eines der klassischen vier Temperamente in Reinform. Entgegen der elterlichen Intentionen heiraten aber die Sprösslinge der vier Temperamentenfamilien untereinander und durchbrechen damit das tradierte Schema.

Die Theaterprojekte an Waldorfschulen gehören für gewöhnlich zu den klaren Highlights eines „Waldorfschülerdaseins“. Bühnenbilder gestalten, Text kürzen oder neu dazu schreiben, Programmhefte schreiben, dafür Geld durch Werbung auftreiben, Kostüme zusammenstellen, nicht zuletzt: Das Theaterspielen selbst, machen nicht nur schlicht Spaß, sondern sind auch weit lehrreicher als verschiedene Schulfächer. Zweifellos ist Nestroys Komödie auch ein sehr unterhaltsames Stück. Grundsätzlich unterschreiben lässt sich auch Maiwalds gestelzt formulierte Einleitung: „Das Schauspiel bietet den Schülern wie kaum ein anderes Fach die Möglichkeit, das eigene Seelenleben in seiner Vielfalt zu erkunden. Dabei können sie wesentliche Einsichten über sich und ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen gewinnen. … Durch die Begegnung mit den verschiedenen Rollen erweitert und differenziert sich der persönliche Ausdruck des Schülers.“ (Im Haus der Temperamente, S. 9). Doch fällt in dem Artikel die zu erwartende Behauptung, dass die schauspielerische Darstellung der vier Temperamente pädagogisch besonders wertvoll sei. Und auch in diesem Artikel wird diese Argumentation allenfalls rudimentär begründet. Es scheint plausibel, dass, wer ein „fremdes Temperament“ darstellt, „neue Möglichkeiten des Ausdrucks und des Erlebens kennen“lerne (S. 11), aber warum soll das nur bei den vier Temperamenten der Fall sein?

Weder Maibach noch eine_r der anderen Autor_innen hat einleuchtend für die Existenz der vier Temperamente argumentiert, keine_r hat einen spezifischen und direkten Nutzen der Theorie aufzeigen können. Im Gegenteil haben Eller, Maurer und Leipold sogar mehr oder weniger direkt zugestanden, dass die konkrete Persönlichkeitsdiagnose jenseits der Temperamente stehe.

„Weitere Forschungen wären wünschenswert“

findet auch „ErziehungsKUNST“-Chefredakteur Mathias Maurer (Temperamente ad acta?, S. 17f.). Damit bezieht er sich auf die aktuelle wissenschaftliche Diskussion der waldorfpädagogischen Temperamentenlehre, die insgesamt übersichtlich ausfällt. Maurer präsentiert zwei Beiträge: Aus der Feder des Mainzer Pädagogikprofessors Heiner Ullrich und des emeritierten Göttinger Erziehungswissenschaftlers Christian Rittelmeyer. Ullrich ist als einer der profunderen Kritiker der Waldorfpädagogik bekannt, Rittelmeyers Auseinandersetzung mit der Waldorfpädagogik hat wohl biographische Wurzeln: sein Großvater Friedrich Rittelmeyer war in den Zwanzigern Gründer der anthroposophienahen Christengemeinschaft.
Zu Ullrich hat Maurer im Grunde nur zu sagen, dass er „die Ausführungen Steiners zu den Temperamenten als ‚psychophysische Totaltypologie'“ ablehne, „von der sich ‚die moderne Wissenschaft‘ schon längst verabschiedet habe“. Dagegen habe Steiner, so Maurer, in Wahrheit alles  – natürlich – ganz, ganz anders gemeint: „Man kann den Gegenbeweis nicht erbringen, solange man den geistigen Durchblick nicht hat.“ (S. 17)

Wenn Maurer aus Ullrichs Darstellung etwas hätte lernen können, dann, dass auch Steiner beim Aufgreifen der Temperamentenlehre keineswegs „geistigen Durchblick“an den Tag legte:

„Die psychologische Charakterisierung der Temperamente und die pädagogischen Maximen zu ihrer ‚Behandlung‘ hat Steiner nicht selbst entwickelt, sondern zum allergrößten Teil mit nur geringfügigen Modifikationen der populären Ratgeberliteratur seiner Zeit, insbesondere den Schriften des Pfarrers Bernhard Hellwig, entnommen.
Im Hinblick auf begriffliche Klarheit und deskriptive Differenzierung bleibt Steiners Lehre von den vier kosmischen Temperamenten noch hinter der romantisch-spekulativen Seelenlehre eines Carl Gustav Carus zurück. … Damit überschreitet sie aber keineswegs das begrifflich-abstrakte Denken und die empirisch-quantitaive Erkenntnisform der neuzeitlichen Wissenschaft. Sie begibt sich vielmehr in die bildhaft-analogisierenden Denkweise des Mythos zurück und tradiert so von der modernen Wissenschaft längst verabschiedetes antiquiertes Wissen.“ (Heiner Ullrich: Rudolf Steiner – Leben und Lehre, S. 182f.)

Maurers Anspruch auf „den geistigen Durchblick“ zur Entdeckung der Temperamente ist überdies ein erneutes Glanzstück anthroposophischer „Herschaft der Theorie über die Empirie“: Völlig unabhängig davon, ob sich in der Realität Phänomene zeigen, die den Temperamenteneigenschaften entsprechen oder nicht, kann in Maurers Darstellung scheinbar nur derjenige, der den „geistigen“ (d.h. anthroposophisch-hellseherischen?) „Durchblick“ hat, über die Existenz von Temperamenten entscheiden. Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine unplausible dogmatische Setzung. Maurer schlägt vor, da „quantitativ-empirische Erkenntnisformen“ (Ullrich) keine Belege für Temperamente lieferten, den „Begriff der Empirie“ zu erweitern oder zu spezifizieren. Was soll da im Klartext heißen: Was nicht passt, wird passend gemacht? Wo keine Temperamente beobachtbar sind, muss so lange geschaut werden, bis sie da sind?

Glücklich verweist Maurer anschließend auf den emeritierten Pädagogen Rittelmeyer: für diesen, immerhin…

„…auch er ein Erziehungswissenschaftler, sind die Temperamente nicht Schnee von gestern. … Er hält, im Gegensatz zu Ullrich, die Temperamente für durchaus vereinbar mit der modernen Persönlichkeitspsychologie.“ (Maurer: Temperamente)


Es ist, nebenbei, immer wieder erstaunlich, dass sowohl Anthroposoph_innen wie ihre erbittertsten Gegner_innen danach lechzen, akademische Zeugen für ihre Thesen zu bekommen. Der Verweis, Rittelmeyer sei „auch ein Erziehungswissenschaftler“, passt perfekt zur hoffnungsfrohen Betitelung eines Anti-Waldorf-Artikels durch die Seite „Esowatch“. Als sei der Artikel eines weiteren emeritierten Pädagogikprofessors, Klaus Prange, der akademischen Weisheit letzter Schluss und Konsens, titelte die Seite „Esowatch“: „Waldorfpädagogik aus Sicht DER Erziehungswissenschaft“ (auch hier: Herrschaft der (eigenen) Theorie über die Empirie). Während sich Prange aber immerhin tatsächlich als sehr waldorfkritisch erweist, scheint Maurers Berufung auf Rittelmeyers angebliche „wissenschaftliche“ Verifizierung der Temperamentenlehre nur bedingt begründet. Schreibt Rittelmeyer doch:

„Diese Menschenkunde [die waldorfpädagogische – AM] wirft ihrerseits Fragen im Hinblick auf ihre Wissenschaftlichkeit auf (unter anderem betrifft das ihre intersubjektive Überprüfbarkeit). … Die Frage kann hier nicht hinreichend umfassend beantwortet werden, da der Korpus entsprechender Untersuchungen inzwischen weit über tausend Titel umfassen dürfte. An einer solchen methodischen Anforderung gemessen, hat es nach meiner Kenntnis bisher keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den vier klassischen Temperamenten gegeben. Selbst in historischen Übersichten der Persönlichkeitspsychologie tauchen sie häufig überhaupt nicht oder nur rudimentär auf.“ (Rittelmeyer: Die Temperamente in der Waldorfpädagogik. Ein Modell zur Überprüfung ihrer Wissenschaftlichkeit, in: Harm Paschen (Hg.): Erziehungswissenschaftliche Zugänge zur Waldorfpädagogik, Wiesbaden 2010, S. 78)

In dieser Hinsicht wäre Ullrichs Darstellung von den „längst verabschiedeten“ Temperamenten in der Tat  partiell zu widersprechen: Die Temperamente wurden, so Rittelmeyer, in der pädagogischen Psychologie niemals so umfassend rezipiert, als dass eine „Verabschiedung“  überhaupt notwendig gewesen wäre. Sie sind schlicht irrelevant. Eine Ausnahme stellt der romantische Mediziner und Naturphilosoph Carl Gustav Carus dar, der aber als Gewährsmann für psychophysische Typologien aus denselben Gründen wie Kant ausgesprochen fragwürdig ist: Auch Carus ist Schöpfer einer ziemlich ekelhaften Rassenlehre (vgl. ausführlich Jana Husmann: Schwarz-Weiß-Symbolik, Bielefeld 2010,  S. 183-228; Heiner Ullrich: Waldorfpädagogik und okkulte Weltanschauung, München 1991, S. 173). Sogar der Psychologe Hans J. Eysenck, dessen Theorien zum Teil mit Steiners Ausführungen zu den vier Temperamenten kompatibel wären (vgl. Typen, Themen, Temperamente, Absatz „Typologien in der Psychologie“), hat sich von der antiken Persönlichkeitstypologie überdeutlich distanziert, wie Christian Rittelmeyer selbst nachweist (vgl. Rittelmeyer: Die Temperamente…, S. 93f.). Welche Lösung also bietet Rittelmeyer? Er stellt zunächst dar, dass, wo in der modernen Psychologie die Rede von Temperamenten ist, verschiedenste Themen und Theorien behandelt werden, die oft weder untereinander noch mit der klassischen Lehre der vier Temperamente etwas zu tun haben. Trotzdem experimentiert er damit, wie sich ebenjene spätantiken Vier in das bekannte EAS-Schema der Temperamente einfügen lassen. Dieses kennt drei Temperament- Eigenschaften: E = Emotionalität, A = Aktivität, S = Soziabilität. Und – oh wunder – natürlich passt alles auch hier und da zusammen:

„Hohe Aktivität und geringe Soziabilität sind typisch für das Bild der Choleriker, geringe Soziabilität und geringe Aktivität werden typischerweise für Melancholiker beschrieben, ein hohes Aktivitätsniveau und eine ausgeprägte Soziabilität sind Merkmale, die Sanguiniker kennzeichen, und schließlich dürfte für Phlegmatiker ein eher niedriger Aktivitätslevel, aber mindestens häufig eine Neigung zu Geselligkeit charakteristisch sein.“ (ebd., S. 89f.)

Es fragt sich wieder, was aus diesen rudimentären und skizzenhaften Charakterisierungen für irgendein pädagogisches Handeln gewonnen wird: Natürlich lassen sich Kombinationen von Eigenschaften irgendwie schematisch anordnen, doch das Ergebnis ist beliebig und sagt nichts über Individuen. Entsprechend folgert Rittelmeyer auch keinesfalls, dass die Temperamentenlehre durch „einige neuere Forschungen“ „bestätigt“ würde: „Vorgeführt wurden hier nur einige methodische Schritte, die Beachtung finden müssten, wenn man sich ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzen will.“ (S. 94). Mit diesem Fazit weist Rittelmeyer in der Tat Ullrich zurück: es habe keine wissenschaftliche Widerlegung der Temperamente gegeben, da sich (außer Waldorfpädagogen) schlicht niemand darum gekümmert habe. Ullrichs Darstellungen zu diesem Thema seien also nicht mehr als „Meinungsäußerungen“. Aber auch die Waldorfpädagogen werden von Rittelmeyer nicht als fundierter präsentiert. Er rät, bei Temperamentendiagnosen „sehr vorsichtig“ zu sein.

Mathias Maurers Fazit: „Weitere Forschungen [zu den Temperamenten] wären wünschenswert“ ist gerade vor diesem Hintergrund allerdings wiederum zuzustimmen. Allerdings mit dem Vorbehalt, dass auch Waldorfpädagog_innen sich daran beteiligen und zu einer Falsifizierung bereit sein müssten. Maurer zieht das natürlich nicht in Betracht: Letztendlich kann über die Existenz der Temperamente ohnehin nur entscheiden, der sie durch „höhere Schau“ schon „erkannt“ hat:

„Dagegen wirken Psychologie und Psychoanalyse wie ausgehirnte anämische Spekulationskonstrukte. … Diese übersinnliche Welt, die hinter unserer sinnlich wahrnehmbaren Welt existiert und wirkungsvoll, ja erziehend in unserem Schicksal mitmischt, ist überhaupt die größte Zumutung für den heutigen Zeitgenossen. Ebenfalls eine Zumutung – für »Uneingeweihte« bloße Annahmen, für Steiner Gewissheit: Es wirken in unserer Seele objektiv geistige Weltenkräfte, die man kennenlernen muss, will man ihnen nicht unterliegen oder sich von ihnen beherrschen lassen.“ (Maurer: „‚O Mensch, erkenne dich'“)

Diese „geistige Welt“ ist für Menschen nicht Entwicklungsraum, sondern ins Außerweltliche projizierte Herrschaft. Wem das esoterische Wissen der Anthroposophie fehlt, droht kosmisches Unheil, denn Dummheit schützt vor Strafe nicht. Mathias Maurer:

„Man kann es bedauern, dass diese Bildungsinhalte nicht Allgemeingut sind, weil sie, wie die Naturgesetze auch, bei Nichtberücksichtung voraussehbare Folgen zeitigen und im gegenteiligen Fall manches Lebensrätsel lösen könnten.“ (ebd.)

Aus der Behandlung der vier Temperamente in der „ErziehungsKUNST“ lässt sich für die Praxis der Waldorfschulen immerhin Positives schließen. Wenn es sogar dem Verbandsmagazin des Waldorf-Dachverbands notwendig scheint, Waldorflehrer_innen an die pädagogische Typologie zu erinnern, ist diese Typologie offenbar noch weniger weit verbreitet, als ich bisher gehofft hatte. Statt kritische Stimmen zu berücksichtigen oder die Frage zu stellen, warum Waldorflehrer_innen diese Lehre zunehmend fallen lassen (und dass das der Fall ist, hat ja sogar Maurer eingestanden), werden im Wesentlichen bekannte Stereotypen wiederholt: Die „ErziehungsKUNST“ zieht es damit vor, sich von der Praxis abzuwenden und die vorhandene Spaltung zwischen ideologischer Grundlage und schulischer Realität der Waldorfpädagogik noch weiter voranzutreiben. Es spricht  für die Zähigkeit des Waldorfsystems, dass es an dieser selbstzerstörerischen Tendenz immernoch nicht zerbrochen ist.

7. Juli 2011 at 5:00 pm 8 Kommentare


Mehr Waldorfblog auf Facebook

Inhalt ( Auswahl - vgl. das Archiv )

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 162 Followern an

Kategorien

Archiv

Zum Autor

Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

Kommentare

Jeder Artikel kann kommentiert werden. Da ich aber bei Internetdiskussionen zu diesem Thema schon einiges an widerlichen Unterstellungen und Beleidigungen von pro- wie antianthroposophischen Seite gelesen habe, werden die Kommentare aber vor ihrer Veröffentlichung geprüft und ich behalte mir vor, sie ggf. zu kürzen oder nicht freizuschalten. Ich will damit niemanden "zensieren", sondern versuchen, eine faire und möglichst sachliche Diskussionskultur zu schaffen.

Haftungsausschluss für externe Verweise und Links

Mit Urteil vom 12.Mai 1998 hat das LG Hamburg entschieden, dass mensch durch die Ausbringung eines Links die Inhalte der verlinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann, so das LG, nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert.

Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

Blog Stats

  • 415,848 hits

Bild im Titel: Ita Wegman, Rudolf Steiner, Marie Steiner-von Sievers