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„Hat was von Beuys“: Anthroposophie, AfD und die degenerierten Astralleiber der Asiaten

„Steiner hätte den NS-Rassismus mit Bestimmtheit in aller Schärfe abgelehnt, für eine multikulturelle Gesellschaft kann er sich aber ebenfalls nicht erwärmen. Das Kulturkreismodell heutiger europäischer Rechtsparteien kommt den Steinerschen Vorstellungen sehr nahe: Schwarzafrikaner und ihre Kultur gehören nicht nach Europa, ebensowenig chinesische oder heutige indische Kultur. In der Fluchtlinie von Steiners Vorstellungen liegt – das ist das äußerste – gar ein Apartheit-artiges Modell, das die Ungleichbehandlung der Menschen aus ihren je verschiedenen Möglichkeiten und Entwicklungsnotwendigkeiten begründet.“
– Georg Otto Schmid: Die Anthroposophie und die Rassenlehre Rudolf Steiners, in: Joachim Müller (Hg.): Anthroposophie und Christentum, Freiburg (CH) 1995, 191

Überlegungen (naja: Quellen) zu politischen Ausprägungen der jüngeren Anthroposophie, Überschneidungen mit der neuen Rechten und zum Fortleben alter Steinerscher Grundannahmen.

Die ‚rechtspopulistische‘, in weiten Teilen rechtsradikale „Alternative für Deutschland“ ist nicht nur ein Flügel der neueren Explosion irrationaler Ideologien, sondern eines ihrer Sammelbecken. Der viel zitierte AfD-Abgeordnete Franz-Josef Wiese echauffierte sich über die Mitgliederbasis seiner Partei: „Von ehemaligen SED-Genossen über spinnerte Weltverbesserer bis zu Leuten mit Verfolgungswahn war alles dabei“. Ein ehemaliges Vorstandsmitglied glaube an Chemtrails, andere vertrauten „Leuten, die auf heilende Steine, Handauflegen und andere seltsame Heilmethoden schwören“ – „Ich glaube, die meisten AfD-Wähler wissen gar nicht, was für Leute bei uns sind.“ (so Wiese gegenüber der „Bild“) Manche Wähler könnten von Nachrichten über die spirituelle Basis der AfD jedoch erfreut sein. Martin Barkhoff vielleicht, ehemaliger Chefredakteur des anthroposophischen Zentralblatts „Das Goetheanum“, der mittlerweile in Peking lebt. Nachdem Jens Heisterkamp, Chefredakteur der liberalen anthroposophischen Zeitschrift „Info3“, sich jüngst von neurechten „Wut-Denkern“ abgrenzte, schrieb Barkhoff einen empörten Leserbrief. Die in Info3 abgedruckten Zeilen beginnen mit einem Lob der eigenen gelungenen Integration in China:

„…mein Freundeskreis ist weitgehend chinesisch und meine Anthroposophie verwandelt sich in Taoismus. Meine Nachbargemeinde, das Garnisonsdorf Yangfang, ist islamisch … Leuchtende, dem Himmel zugewendete Halbmonde können in mir die Begeisterung für die Hingabe (Islam) an den Willen Gottes wecken. ‚Angst vor dem Fremden‘ ist bei mir nicht das Hauptmerkmal. Aber ich bin AfD-Wähler. Alexander Gauland macht großen Eindruck auf mich. Allein wie freundlich der bleiben kann … Geduld wie die des alten Rabbi Hillel, und die hebt real das Wut-Denken auf. Wenn alle um ihn herum erregt bis voll wütig sind, bleibt er nicht nur kühl, sondern spürbar freundlich … Hat was von Beuys und den Grünen, früher. Der stand auch konsequent gegen die Parteienherrschaft.“ (Martin Barkoff, Leserbrief zu Jens Heisterkamp, in: Info3, Juni 2016, 5)

Nach dieser wirren Begründung passen Taoismus, Anthroposophie, Islam und AfD irgendwie wunderbar zusammen und Gauland als charismatischer, friedlicher Geist verkörpert offenbar mustergültiges Menschentum. Epigonentum ist eben eine anthroposophische Schlüsselkompetenz. Der Künstlerprophet Joseph Beuys, der seine Jugend in Nazideutschland romantisierte, Antiamerikanismus für Antikapitalismus hielt und einen spirituellen Deutschnationalismus vertrat, passt allerdings hervorragend zu Barkhoffs neuem Kurs. (vgl. Kunst und Boden, Bad Beuys) Das bestätigen auch Rechte, die von Beuys wie Steiner fasziniert bleiben. Das NPD-Organ „Deutsche Stimme“ entdeckte in der März-Ausgabe 2016 in der Tat Beuys‘ politische Visionen. In der Online-Ankündigung liest man:

„…nicht nur dessen Biographie weist interessante Details auf. Man muß sich mit seiner Kunst nicht anfreunden, aber man sollte mit diesem Mann, der eine ‚organische Demokratie‘ anstrebte, sich an Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie orientierte und von der ‚Auferstehungskraft des Volkes‘ überzeugt war, ruhig mal näher beschäftigen.“

 

Steiners Werke stehen derweil auch in der Bibliothek des „Instituts für Staatspolitik“. (vgl. Deutschlandfunk) Um das klarzustellen: Eine Mehrheit der Anthroposophen fände das sicher unbehaglich und dürfte eindeutig für die Aufnahme von Flüchtlingen votieren, wie zahlreiche einschlägige Waldorf-Projekte nahelegen. Zu kritischer Reflexion auf die reaktionären Potenziale führt das natürlich auch diesmal nicht. Hier gilt wohl nach wie vor die Vogel-Strauß-Haltung Steiners, der auf Hans Büchenbachers Kritik an anthroposophischen Antisemiten dekretierte: „Das gibt es nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft.“ Ausnahmen, wie Michael Eggerts „Egoistenblog“ oder eben „Info3“, stellen nicht gerade einen Trend dar.

Martin Barkhoffs Ausführungen zu China und Gauland wirken auch deshalb so kryptisch, weil er außer Bewunderung für Gauland keine eigentlich politische Begründung für sein AfD-Bekenntnis abgibt. Ein weiterer Leserbrief, verfasst von einem Michael Köhler aus Gödenroth, passt mehr zu den Aussagen, die man aus dem AfD-Dunstkreis kennt: „Seit 9/11“ werde der „Meinungskorridor immer enger“, selbst „im Bekanntenkreis“ gelte er als „neu-rechts“, wenn er „ausgewiesene Antifaschisten“ wie Brandt und Thälmann (!) „zum Thema souveräner Nationalstaat nenne“, so Köhler (ebd.). Hier lässt die neonazistische Reichsideologie grüßen, mit der sich längst andere Anthroposophen eingelassen haben. (vgl. Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung, Waldorf Schools and the German Right) Steiner griff im Ersten Weltkrieg die völkische Mär von „okkulten Logen“ hinter dem „Angloamerikanertum“ auf, die „Mitteleuropas“ „Weltmission“ behindern wollen. Bis heute bestimmt sie viele anthroposophische Politikbetrachtungen. (vgl. Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus, Nationalist Cosmopolitanism, Ein kosmisches Komplott) 9/11 kann man sich da freilich nicht entgehen lassen.

Wer Steiner sät, wird heute Neurechte ernten. Das legen zumindest die berüchtigten „Einzelfälle“ nahe. (vgl. dazu Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, Hamburg 2005, Einleitung) So hetzte vor einiger Zeit der anthroposophische Heilpädagoge und Faschist Rüdiger Keuler (vgl. Eggert: Volksverhetzung auf anthroposophisch, Liebe deinen Nächsten) gegen  triebhaft-lebensstarke Afrikaner, die von amerikanischen Geheimlogen gesandt würden, um die christusgefärbten Weißen Europas herabzuzüchten. In konstruktiv-kritischen Austausch mit Keuler trat der Anthroposoph Herbert Ludwig (vgl. Eggert: Demokratie in anthroposophischen Gänsefüßchen). Der erregte schon vor Jahren im Rahmen der dubiosen „Freien Anthroposophischen Vereinigung Pforzheim“ Aufsehen, bei der rechte Redner eingeladen wurden. Holger Niederhausen, einer der fundamentalisitischeren Steinerianer, verteidigte Ludwig derweil als „links“, ohne näher auf Keuler einzugehen. (vgl. Niederhausen: Michael Eggerts Rundumschläge) An Steiners Rassismus und Völkerpsychologie hat Niederhausen ohnehin nichts auszusetzen. (vgl. Unwahrheit versus Wissenschaft) Seine gleichzeitige Sympathie für die Partei „Die Linke“ passt zur sog. „Querfront“, man denke an den national-sozialen Kurs Sahra Wagenknechts oder die Phantasien Dieter Dehms. Breiter betrachtet: Linke und rechte Anti-Globalisierer ziehen dem unentrinnbaren Bann des wahrlich kalten Kapitals die falsche Wärme ethnischer oder kultureller Kollektive vor und damit den „Volksorganismus“ (mag er auch diskurstheoretisch artikuliert sein) der prekären bürgerlichen Existenz. Darin kommen auch rechte Ethnopluralisten und linke „Identitäts“-Fanatiker, die Religionskritik für „Islamophobie“ halten, zusammen: Statt Selbstbestimmung für die Individuen und reflexive Freiheit gegenüber allen traditionalen Verhaltensregeln zu fordern, soll je „das Eigene“ oder „das Fremde“ qua Dasein als unbedingt erhaltenswert gelten (anthroposophisch würde das noch durch die Ontologie der „Volksseelen“-Missionen unterfüttert). Die Apologeten des Islamismus und die Fans der AfD argumentieren von einem vergleichbaren Kulturbegriff aus. Am Ende würden demnach vermutlich die Menschen in homogene kulturelle, religiöse und/oder „Volksgemeinschaften“ getrennt sein, die einander inkommensurabel seien, und damit wäre das böse globale „System“ zerstört.  Einmal mehr brachte dies kürzlich Herbert Ludwig auf den Punkt, der im April zum „Widerstand“ gegen die trans- und internationalistische Verschwörung aufrief:

„Aber Kraft und Widerstandspotential der Staaten sind wesentlich in den Nationen, den Völkern und ihren spezifischen Kulturen begründet, in denen die Menschen weitgehend ihre seelische Verankerung finden. Für einen Globalisierer muss daher neben die politische Entmachtung und Aushöhlung der Nationalstaaten als zweites Ziel die Auflösung der Völker treten, die sie umfassen. Nur eine „enthomogenisierte“, durchmischte Bevölkerung, in der sich keine innere Gemeinsamkeit einer Fremdsteuerung widersetzen kann, ist leicht zentral lenkbar.“ (Herbert Ludwig: Globale Planung der Massenmigration, Ein Nachrichtenblatt Nr.8/10. April 2016, S. 3)

Diese eigene Ansicht unterstellt Ludwig auch den okkulten Geheimlogen, die derart die Weltmission Mitteleuropas via Flüchtlings-„Krise“ zerstören wollten. Unter vielen Anthroposophen gilt noch immer die These, „dass nicht nur die ‚Neger‘ nicht nach Europa, sondern auch die Europäer nicht nach Afrika oder Asien gehören…“ (Bader/Ravagli: Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit, Stuttgart 2002, 175) Das ist nicht nur, wie die zitierten behaupten, gegen den Kolonialismus gerichtet. Der noch so indirekte Kontakt unterschiedlicher „Rassen“ kann aus anthroposophischer Perspektive massive physisch-geistige Nachwirkungen haben. Einer vielzitierten Idee Steiners zufolge kann bereits die Lektüre von sog. „Negerromanen“ die Kinder weißer Frauen „grau“ (!) machen. (vgl. GA 348, 189) Direkte Präsenz ist noch folgenreicher. So erklärte Steiner „den Aussatz im Mittelalter“ durch den „Hunnensturm“, da hier „zurückgebliebene“, übersinnlich verwesende „Mongolen“ die europäischen Evolutionsprotagonisten in Angst versetzten:

„Und nun mischte sich der faule Astralstoff der Hunnen mit den von Angst und Furcht und Grauen durchwühlten Astralleibern der überfallenen Völker. Die degenerierten Astralleiber der asiatischen Stämme luden ihre schlechten Stoffe auf diese furchtdurchwühlten Astralleiber der Europäer ab, und diese Fäulnisstoffe bewirkten eben, daß später die physische Wirkung der Krankheit auftrat. Das ist in Wahrheit die tiefe geistige Ursache des Aussatzes im Mittelalter.“ (GA 100, 88, vgl. GA 94, 156, GA 95, 69, GA 97, 254, GA 99, 59)

So viel zu den okkulten Hintergründen. Herbert Ludwigs Artikel erschien in der Online-Zeitschrift „Ein Nachrichtenblatt. Nachrichten für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und Freunde der Anthroposophie“, die ein fanatischeres anthroposophisches Publikum bedient. Ein weiterer Artikel in derselben Nummer des „Nachrichtenblatts“ raunte ebenfalls über „Pläne okkulter Bruderschaften“, anschließend wurde ein Text des britischen Schriftstellers Antony Sutton gedruckt – ihm verdanken wir Titel wie „Wall Street und der Aufstieg Hitlers“ oder Thesen über „Skull and Bones“, wo man die Weltherrschaft mittels Hegelscher Dialektik einübe (man denke einen Moment über diesen Quatsch nach: Charakter und Gegenstandsbereiche philosophischer Theorien scheinen hier schlechterdings jenseits des Vorstellbaren zu sein – die vorliegende Einschätzung von Dialektik gleicht der Behauptung, das Keplersche Gesetz eigne sich als Tiernahrung oder das epistemologische Konzept des „Dings an sich“ könne für den effizienten Ausbau von Verkehrswegen von Nutzen sein) Irrational kann aber eben alles in Beziehung gesetzt werden.

Das „Nachrichtenblatt“ ist, wie hinzugefügt werden muss, skeptisch, teilweise feindlich gegenüber der Entwicklung der „Anthroposophischen Gesellschaft“ oder der Steiner-Nachlassverwaltung. Das heutige Dornach ist die Berliner Republik solcher anthroposophischer Wutbürger: Charismatisch schwach, uneins, halb zum eigenen Museumsshop verkommen. Die dogmatische Binde- und Integrationskraft der gegenwärtigen institutionalisierten Anthroposophie nimmt ab. Während die Anthroposophische Gesellschaft schrumpft (vgl. Sergej, du hast dich selbst gegeben) und die Praxisfelder zögerlich ins weitere esoterische Milieu zu diffundieren beginnen (vgl. exemplarisch Zwischen Anthroposophie und Scientology?), suchen auch rechts-anthroposophische Interessenten neue Wege und begründen eigene Foren. Dass der anthroposophische Mainstream sich selbst eher links verorten dürfte, wird durch die ungebrochene Zustimmung zu Steiners nationalistischen Einkreisungsparanoia aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und das organizistische Denken der „Sozialen Dreigliederung“ konterkariert.

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6. Juni 2016 at 3:21 pm 24 Kommentare

Hinter dem Mond hervor. Waldorfbund warnt die Schulen vor politischen Demagogen

Endlich: Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ hat sich in einem Schreiben an die Kollegien aller deutschen Schulen mit einer begrüßenswerten Klarheit gegen rechte Tendenzen ausgesprochen – Tendenzen im eigenen Umfeld. Der auf den 10. Juli 2015 datierte Brief wird auch von der Anthroposophie-nahen Nachrichtenagentur nna sowie auf der Seite der Waldorf-Verbandszeitschrift „Erziehungskunst“ paraphrasiert. Henning Kullak-Ublick, der die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Waldorfbundes leitet, schreibt unter anderem:

„Im vergangenen Schuljahr hat es mindestens fünf Vorfälle an deutschen Waldorfschulen gegeben, die es wegen ihrer Nähe zur rechtsextremen oder „reichsbürgerlichen“ Szene in die Presse geschafft haben. Das erfüllt uns mit Sorge und wir möchten Sie daher nachdrücklich bitten, unsere pädagogische und gesellschaftliche Verantwortung nicht im Namen eines vermeintlichen „freien Geisteslebens“ zu konterkarieren, das mit der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffes gar nichts, mit Demagogie aber sehr viel zu tun hat. Wenn Sie bezüglich eines Redners unsicher sind, hilft oft schon ein Blick ins Internet. Nicht alles, was man dort findet, stimmt, aber Quellenkritik gehört zu den Basiskompetenzen unserer Zeit – und sollte auch unseren Schülerinnen und Schülern beizeiten vermittelt werden.“

Hier schwingt ein sarkastischer Ton mit, wenn die Waldorfpädagogen etwa darauf hingewiesen werden, dass man sich auch im Internet informieren könne. Das Alarmierende ist, dass dieser Hinweis tatsächlich nötig zu sein scheint. Andreas Molau, inzwischen Aussteiger aus der rechten Szene, konnte etwa rückblickend berichten, wie leicht es war, als NPD-Kader an einer der Schulen unterzukommen: „Dann bin ich zur Waldorfschule gegangen, was nur funktioniert hat, weil die so herrlich hinter dem Mond gelebt haben. Die hatten überhaupt keine Ahnung. Ich bin da einfach hingefahren, habe gesagt, ich habe Deutsch und Geschichte studiert und möchte Lehrer werden und finde Waldorfschulen toll.“ Hinter dem Mond will Kullak-Ublick die Schulen hervorholen: Später im Schreiben wird explizit auf Mängel im Politik- und Wirtschaftsunterricht hingewiesen, der „Bund“ fordert hier Verbesserungen. Konkret an konspirationsideologischen Kontakten benannt werden Kilez More und Ken Jebsen, denen kürzlich die Schülermitverwaltung der Waldorfschule Filstal ein Forum bieten wollte. Dieses Ereignis dürfte auch den unmittelbaren Anlass für das Schreiben dargestellt haben. In dem Brief wird eine wichtige Schnittstelle rechts-anthroposophischer und mode-verschwörungstheoretischer Denkhaltung getroffen: Das „Freie Geistesleben“ Steiners lässt sich platt enthistorisiert als Gegensphäre zur „Lügenpresse“, den „Mainstream-Medien“ mit ihren „US-Lakaien“ und den ganzen anderen politisch simplifizierenden Paranoia deuten. In der Tat hat der „Bund“ derartigem schon vor einigen Monaten eine Absage erteilt, wie auch das Schreiben programmatisch anführt:

„Mit unserer Publikation zu der „Reichsbürger“-Bewegung haben wir vor einem halben Jahr bereits auf die Gefahr von Verschwörungstheorien hingewiesen, die gerade auf junge Menschen oft verführerisch wirken, weil sie einfache Antworten für komplexe Zusammenhänge bereithalten. Verschwörungstheorien leben von Zirkelschlüssen, denen man, wenn man ihnen einmal verfallen ist, nur schwer wieder entkommt. Dass sie oft dem rechten Spektrum angehören, zeigt das ebenso typische wie immer wiederkehrende Beispiel des so genannten „Weltjudentums“, dem über die Kontrolle der Finanzmärkte die heimliche Weltregierung zugeschrieben wird. Von dort bis zum Antisemitismus ist es nicht weit. Es gehört zu unserer pädagogischen Verantwortung, junge Menschen aufzuklären und urteilsfähig zu machen, nicht aber, unsere Schulen zu Plattformen für die Verbreitung solcher Ideologeme zu machen.“

Dem kann man sich weitgehend anschließen, und auch wenn die Verbindung von Antisemitismus und Verschwörungstheorie hier unklar bleibt, weist Kullak-Ublick zutreffend auf den alarmierenden Gleichklang dieser Denkmuster hin. Auf die historische Konvergenz beider Motive im anthroposophischen Umfeld  geht der Brief nicht ein. Waldorf-Kontakte nach rechts erscheinen bloß als Produkte von Desinformiertheit und politischer Verführung (was sie sicher auch sind). Den angeschriebenen LehrerInnen jedenfalls wird eine positive Grundhaltung bescheinigt:

„Beim Verfassen dieses Briefes ist uns wohl bewusst, dass er bei den meisten von Ihnen „Eulen nach Athen“ trägt. Dennoch ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass Waldorfschulen eine gewisse Anziehungskraft auf Menschen auszuüben scheinen, die dem rechten oder verschwörungstheoretischen Spektrum angehören. Das erfordert eine gesteigerte Wachheit und klare Begriffsbildung, weil die Grenzen oft fließend, die Protagonisten Sympathieträger und Teilwahrheiten schwerer zu durchschauen sind als offensichtliche Irrtümer oder Lügen. Insofern möchten wir auch am Ende dieses Briefes noch einmal auf die Notwendigkeit eines qualifizierten Gesellschafts- und Wirtschaftsunterrichtes hinweisen, der die Schülerinnen und Schüler befähigt, sich auf der Grundlage belastbarer Kenntnisse bewusst mit der Zeit, in der sie leben, auseinanderzusetzen.“

Dem andernorts beginnenden anthroposophischen Geschichtsbewusstsein (vgl. Die Scheidung der Geister) kann man die ideenpolitische Kehrtwende des „Bundes“ nur bedingt zuschreiben. „Seit einiger Zeit“ ist beispielsweise eine äußert euphemistische Betrachtung – bedenkt man, dass zu den Waldorfeltern erster Stunde Anthroposophen wie der Rassenkundler Richard Karutz gehörten. Letzterer forderte 1923 nach der Ruhrgebietsbesetzung die Abschaffung des Französischunterrichts, Steiner dagegen betonte, die überlebte, hohle Sprache der degenerierten Franzosen werde schon noch von allein verschwinden. Politisches Kontinuum der Anthroposophie – der ihre wechselnden Anbiederungen und Teilverschmelzungen mit Lebensreform, NS, 68ern oder der neuen völkischen Bewegung zu einem guten Teil mitprägt – ist der Hass auf „den Westen“, der von okkulten schwarzmagischen Logen beherrscht wird und für „den Materialismus“ steht, ein jüngeres Beispiel dafür wird unten diskutiert.

Es ist offensichtlich, dass die neue Haltung des Waldorfbundes kaum aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erwächst, sondern in erster Linie eine Reaktion auf die politische Gegenwart darstellt. „Reichsbürger“, Verschwörungsfans, Pegidisten, „besorgte Bürger“ aller Fraktionen sind in der deutschen Öffentlichkeit derzeit stark präsent und werden öfter kritisch thematisiert. Unter diesen Vorzeichen steht auch die waldorfinterne Debatte. Deren Kritiker haben freilich seit den 90er Jahren darauf hingewiesen, dass rechtslastige Neigungen von Waldorflehrern öfter vorkamen. „Lauter Einzelfälle“ nannte Peter Bierl die Einleitung seines Buches „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister“. In den letzten Jahrzehnten hat der „Bund“ aber anscheinend keine Probleme gesehen.

Trotz der weitgehend fehlenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist die neue Intention jedoch zweifellos unterstützenswert. Es geht in der Tat um Kinder und Jugendliche, die man vor Unsinn beschützen sollte. Dieses Ansinnen aber fällt fatal auf die Waldorfbewegung zurück, wie Andreas Lichte nach dem Vorfall in Minden kommentiert hat: „‚Rechter‘ Waldorflehrer muss gehen, Rudolf Steiner bleibt“. Lichte weist auf Steiners Rassetheorien hin – wie in allen seinen Artikeln, während die antiamerikanischen und verschwörungshysterischen Ideologeme kaum einmal und niemals mit der Wichtigkeit vorkommen, die sie auch im heutigen anthroposophischen Diskurs (im Gegensatz zu den Rassetheorien) faktisch haben.

„Medusenartige Tabus“, oder: „Ukraine, Israel, ISIS, TTIP“

Obwohl dieses Thema hier in letzter Zeit sehr oft zur Sprache kam, muss man festhalten: Es wird allgemein unterschätzt, welche Bedeutung konspirationstheoretische Motive in der anthroposophischen Geschichte hatten – Von Steiner zu Steffen, von Büchenbacher zu Beuys, von Wachsmuth zur Renate Riemeck usw. usf. In der Zeit des Nationalsozialismus waren auch die Waldorfschulen vielfach mit verschwörungstheoretischen Vorwürfen konfrontiert und reagierten darauf charakteristisch. Ein Beispiel hat die Historikerin Karen Priestman dokumentiert: Ende 1933 hielt ein NSDAP-Mitglied A. Schönthal in Stuttgart einen aggressiven Vortrag gegen die Waldorfschulen (mit den alten Vorwürfen: Nähe zum Marxismus, Steiner sei Jude, Freimaurerei) und bezog sich auf die mächtige Weltverschwörung. Ihm antwortete ein Stuttgarter Waldorflehrer Dr. Emmert aus anthroposophischer Perspektive: “While Emmert conceded that there were dangerous secret societies in existence, he rejected Schonthals claims that the Anthroposophy Society was one of them.” (vgl. Waldorfschulen 1933-1945) Das ist die Ironie der anthroposophischen Politik. Für die Hetze gegen Freimaurer, Jesuiten und Okkultisten stets aufgeschlossen, übernahmen Anthroposophen stets Muster, mit denen zugleich sie selbst diffamiert wurden.

Die anthroposophischen Verschwörungstheoretiker unserer Tage mögen jede Form des Faschismus für dämonisch inspiriert halten, bedienen sich aber nach wie vor politischer Denkmuster, die mit denen völkischer Strömungen unmittelbar korrespondieren. So ist es zwar begrüßenswert, wenn Kullak-Ublick sich für brauchbaren Politik- und Wirtschaftsunterricht ausspricht und schreibt: „Aus gegebenem Anlass möchten wir Sie allerdings mit einiger Sorge darauf hinweisen, dass bei der Einladung von Gästen, die mit den Schülerinnen und Schülern an diesen Themen arbeiten, darauf zu achten ist, dass man sich nicht irgendwelche Verschwörungstheoretiker ins Haus holt – oder Schülern unreflektiert gestattet, dies zu tun.“ Ein Programm der Nicht-Einladung solcher Gäste übersieht, dass die Themen, die im Waldorfumfeld politisch virulent sind (wie Direkte Demokratie oder Bedingungsloses Grundeinkommen), sich auch in der neuen Rechten großer Beliebtheit erfreuen.

Ein best of anthroposophischer Konspirationshysterie bringt in der jüngsten Ausgabe die rechtsanthroposophische Zeitschrift „Der Europäer“ auf den Punkt. Die erscheint im Basler Perseus-Verlag, der namengebende griechische Heros wird im Editorial der jüngsten Ausgabe als „Michaelkämpfer“ gedeutet:

„Im Sinne dieses Motivs versuchen Verlag und Zeitschrift seit mehr als drei Jahrsiebten, in vernunftgeleiteter Art aktuelle Gegenwartsfragen zu behandeln, die oft von einem Wall von irrationalen Emotionen oder medusaartigen Tabus umgeben sind – wie zum Beispiel die Ereignisse des Ersten Weltkriegs, des Nationalsozialismus, der westlichen Machtpolitik oder auch spirituelle Strömungen, die das Fundament der Geisteswissenschaft zu untergraben suchen usw.“

Der erste Weltkrieg wird dabei etwa stets verschwörungstheoretisch verhandelt. Michaels Gegner ist laut Rudolf Steiner Ahriman, dem man alle Grauen der Moderne zuschieben kann, ohne sich irgendeiner Analyse widmen zu müssen.  Ahriman wird sich leibhaftig inkarnieren – natürlich „im Westen“, wie die „Europäer“ nochmal eigens betonen. In der Ankündigung einer Veranstaltung mit Chefredakteur Thomas Meyer auf der „Perseus“-Webseite liest man:

„Ukraine, Israel, ISIS, TTIP, der «Krieg gegen den Terror» – alle diese Kriegs- und Krisenherde sind ohne geistige Gesichtspunkte letztlich nicht durchschaubar. Rudolf Steiners 8 Vortragsäußerungen über die nahende Inkarnation Ahrimans im Westen (GA 191 und 193) bieten den spirituellen Schlüssel zum Verständnis dieser Ereignisse und Entwicklungstendenzen. Die Inkarnation Ahrimans ist das wichtigste spirituelle Ereignis der Gegenwart. Sie vollendet, zusammen mit der Inkarnation Christi und derjenigen von Luzifer die Trinität von Inkarnationen spiritueller Wesen, die nur einmal stattfinden.“

Diese politisch-spirituelle Apokalyptik ist nur die okkultistisch verbrämte Variante jener Einkreisungsphantasien, die in ganz unterschiedlicher Weise auch die neuen Wutbürger-Bewegungen links und rechts zum Ausdruck bringen. Gegen die hier mitschwingende „Ablehnung der bestehenden politischen Strukturen Europas oder der transatlantischen Beziehungen“, richtet sich der Waldorfbund (freilich ohne auf den „Europäer“ zu verweisen). In Kullak-Ublicks Brief wird, zurecht (und wohl mit Blick auf die in Griechenland angerichteten Katastrophen), aber auch die Unverzichtbarkeit von Kritik an der EU betont. Derart tritt der „Bund“ in einen politischen Diskurs ein, der weit von den Spintisierereien der „Europäer“ entfernt ist und die okkulte Geschichtsmetaphysik hinter sich lässt. Insofern hat der zeitgenössische Transformations- und Diffusionsprozess der „anthroposophischen Bewegung“ (der andererseits beispielsweise zum „Reichsbürger“-Problem geführt haben dürfte), pragmatisch betrachtet, auch seine positiven Seiten. Zeit für Entwarnung ist es aber noch lange nicht.

 

17. Juli 2015 at 10:33 am 9 Kommentare

Waldorfschule Filstal: Schüler-Projekttage mit Ken Jebsen abgesagt

Im Juni forderte der Bund der Freien Waldorfschulen erfolglos die Entlassung eines Lehrers an der Waldorfschule Minden, der über 20 Jahre lang in extrem rechten Kreisen agierte. Der nächste Fall kommt aus Göppingen – hier haben offenbar Schülervertreter zwei neurechte Verschwörungstheoretiker zu „Projekttagen“ eingeladen. Die Schule ist nun eingeschritten und distanziert sich.  

Die Freie Waldorfschule Filstal ist gewiss ein friedvoller Ort. Von der Altpapiersammlung der „Elterninitiative für Religionsvielfalt“ (ReVie) zu den Projekttagen der Schülermitverwaltung (Thema: „Außerschulische Bildung“ bzw. „Politik – Medien – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur“) passt alles ins Bild des sich an solchen Schulen reproduzierenden Bildungsbürgertums mit Fimmel für leibliche, seelische und geistige Nachhaltigkeitsfragen. „Das breitgefächerte Angebot reicht von politischem Rap über Wirtschaftsfragen bis hin zur Ernährung (veganer Kochkurs)“, freut sich die SMV in der Ankündigung ihrer Projekttage, die vom 20. bis zum 22. Juli für Schüler der Klassen 9-12 stattfinden sollen. Als „großes Gemeinschaftsprojekt“ wird eine Diskussion über TTIP beworben, bei der u.a. ein linkes Bundestags- und ein grünes Landtagsmitglied sprechen sollen. Auf dem (inzwischen auf der Webseite der Schule nicht mehr aufrufbaren) Flyer erfährt man weitere Details:

Highlight am Montag sollte Ken Jebsen sein, mit gleich zwei Vorträgen: vormittags („Medien“) und abends („Krieg und Frieden“). Der erste Vortrag sollte im „Uditorium“ Uhingen, der letztere im nah gelegenen anthroposophischen „Insitut Eckwälden“ stattfinden. Jebsen ist selbst ehemaliger Waldorfschüler und vor allem – nachdem ihm antisemitische Äußerungen vorgeworfen wurden – entlassener RBB-Moderator. Inzwischen betreibt er sein eigenes dubioses Medienportal „KenFM“. Seine Affiliationen und Brüche reichen weit ins neurechte Lager: zu Elsässers „Compact-Magazin“ über den russischen Propagandasender RT-deutsch und Montagswahnmachen zum völkischen „Friedenswinter“. Jebsens Sprache ist deutlich, wenn er etwa vom Mossad erzählt, der natürlich die USA und die Massenmedien beherrscht, oder gleich auf  „altdeutsch“ raunt: Israel strebe „in Palästina die Endlösung“ an. Jebsen gehört zu den bekannteren Gesichtern der sich als „Systemkritiker“ aufspielenden Verschwörungstheoretiker, die nicht nur im weiteren anthroposophischen Umfeld auf stabile ideologische Ressourcen zählen können. An jedem der drei Projekttage sollte es vormittags überdies „Projektgruppen“ geben: Eine davon (Thema: „Pressefreiheit“) mit dem eher unbekannten Rapper Kilez More, ebenfalls ein Fan von NWO, Antiamerikanismus und Medienbashing.

Soweit der Flyer – „Da ist etwas an uns vorbei gegangen. Wir sind erst am Wochenende wach geworden“, gesteht Axel Dittus, Geschäftsführer der Schule. Bei ihm und seinen Kollegen sei die Idee der Schüler, Jebsen einzuladen, abgelehnt worden. Die sollen sich daraufhin an die externen Veranstalter gewandt haben, aber auch diese haben die Veranstaltungen inzwischen abgesagt. Hinterfragt wird nun die Rolle einer Lehrkraft, die die Schüler bei der Organisation beaufsichtigen sollte. In der Neuen Württembergischen Zeitung (Südwest Presse) schreibt dazu Holger Thielen:

„Dass die Auswahl einiger Referenten nicht die Alarmglocken schrillen ließen, liegt womöglich daran, dass das Zerrbild der angeblich manipulierten Medien und die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien an der Schule verbreiteter ist, als manche Eltern – und Lehrer – bisher glaubten. In den sozialen Medien fällt einer der Pädagogen mit besonderen Sympathiebekundungen auf: für Beiträge von Ken Jebsen und Daniele Ganser, einem weiteren Experten in Sachen Verschwörung.“

– und hat recht, bekanntlich über die Waldorfschule Filstal hinaus. Auf Facebook kommentiert dazu ein ehemaliger Waldorfschüler:

„In Gemeinschaftskunde wurde uns an der Waldorfschule unkritisch kommentiert aus „Die Insider“ von Garry Allen, einem antisemitischen und verschwörungstheoretischen Werk über die NWO, vorgelesen. Passt hervorragend zu Ken Jebsen. In seinen Reden fand ich mehrmals Sätze, wie ich sie aus dem Unterricht an der Walldorfschule kenne.“

Jebsen wurde im vergangenen Jahr an die Waldorfschule Überlingen geladen, auch hier distanzierte die Schule sich in letzter Minute. Der Vortrag fand trotzdem statt, weil Eltern der Schule einen externen Raum mieteten. Insbesondere der Schweizer Verschwörungstheoretiker Ganser erfreut sich einiger Beliebtheit im anthroposophischen Milieu. (vgl. Nachrichten bewältigen, Bald Nato-Panzer vorm Goetheanum?) Dieses Milieu freilich ist nur bedingt für den Geisteszustand von Waldorfschülern verantwortlich. Phänomene wie „Reichsbürger“ und „Davis-Methode“ im Waldorfumfeld werden wohl eher vom „alternativen“ Charme dieser Einrichtungen angezogen als von konkreten Lehren Rudolf Steiners. Für das Waldorfklientel trifft ein Satz der Steiner-Biographin Miriam Gebhardt zu: „Wir ‚Verbraucher‘ der Anthroposophie sind wie die Römer, die alle Götter in ihr Pantheon aufnahmen, man kann ja nie wissen.“ (Gebhardt: Rudolf Steiner, 345) Neoliberale Selbsttechnologien, grüne Lebenskunst und spirituelle Philosophie – solange sie nur nicht „intellektualistisch“ daherkommt – bilden hier eine wohlige Legierung mit allerlei esoterischen und esoterikkomatiblen Ideologemen. Das bedeutet keinen Abschied von der Anthroposophie, sondern zeigt deren sukzessive gesellschaftliche Diffusion und Differenzierung in ein breiteres „systemkritisch“-esoterisches Milieu an.

Einen Mikrokosmos dessen präsentiert der Flyer der SMV-Projekttage: Jebsen und Kilez More mögen sich für Kapitalismusgegner halten, die SMV indes scheint sich für ökonomisierte Bildung durchaus erwärmen zu können: Eine „Projektgruppe“ über „Widersprüche im Geldwesen“ als Ursache der Finanzkrise soll der FDPler Eckart Behrens leiten, der auch die Waldorfschule Mannheim und die dortige Waldorflehrer-Ausbildungsstätte mitgegründet hat. Er steht laut Lebenslauf dafür, „Autonomie und Wettbewerb auch im Schul- und Hochschulwesen durchzusetzen“.  Ein weiterer Referent ist laut Flyer Markus Buchmann, den man zur jüngeren anthroposopischen Meditationsbewegung zählen kann. Er bildet „Bildekräfteforscher“ aus und soll auch den Schülern „Die Wirklichkeit des Geistigen“ näherbringen: „Mittels einfacher Meditations- und Wahrnehmungsübungen werden die Hintergründe des anthroposophischen Menschenbildes erkundet“, „praktisch und konkret“, versteht sich. „Gehe durch alles hindurch bis alles durch dich hindurchgeht“, verkündet die Workshop-Beschreibung von Bruno Nagel, der über „Philosophie“ referiert: „Umgebungsbeobachtung und ihre Anforderung ans eigene Ich im Dialog mit der Welt“. „Von der Idee zum Plan das ist der Plan“, kündigt sich eine „Projektgruppe“ zur „Medien-Produktion“ an, nur für Schüler der 11. und 12. Klasse ist eine zu biologischen Grundlagen der Gentechnik vorgesehen. Neben dem waldorfüblichen Improvisationstheater, veganer Küche und Artensterben durch Klimawandel gehören Titel wie „was bewegt uns?“ oder Stressmanagement dazu und verleihen dem Programm den Charme eine esoterischen Coaching-Messe. „Man kann ja nie wissen“. Immerhin: Auf dem Flyer der Projekttage wird auch ein Raphael Schwaderer angekündigt, der erklären soll, warum „wir Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung in unserer Gesellschaft nicht dulden“ und was man „dagegen tun“ könne. Vielleicht ist das der aufschlussreichste Teil des Flyers, weil er die offenherzige politische Konfusion anzeigt. Man kann sich heute durchaus für Antidiskriminierung erwärmen und zugleich bei veganen Häppchen von Jebsen, More und Co über die Mossad-Medien beschwatzen lassen. Für Einheit wird spätestens in den Selbstfindungs-Workshops gesorgt.

Höheres Wissen über verborgene Daseinstiefen jedenfalls korrespondiert mit den geheimen Informationen, die Verschwörungstheorien versprechen. Die Korrespondenz ergibt sich aus der Form des reklamierten Wissens, das gegen einen vermeintlich unterwanderten „Mainstream“ gerichtet ist. Ein Beispiel dafür wäre die anthroposophische „Impf-Kritik“, in der esoterische Medizinvorstellungen und eine sachlich irregeleitete gesellschaftskritische Ambition verschränkt sind. (vgl. „Löffelchen voll Zucker“)

„Conspiracy theory works to present hidden knowledge about evil, but it also cements an audience as ‚in-group‘ and attempts ‚transformation‘ of the passive individual to social mobilization through presenting the negative, where lighter occulture focuses on the positive. Conspiracy theory may thus be a natural, sociological side of esoteric discourse, as well as a logical extension of it in constructing an ‚Other‘ that does not recognize esoteric discourse and attendant movements as legitimate.“ (Asbjorn Dyrendal: Hidden Knowledge, Hidden Powers, in: Asprem/Granholm: Contemporary Esotericism, Sheffield/Bristol 2013, 224f.)

Wollten sich die Waldorfschulen hiergegen immunisieren, wäre nicht nur die Auseinandersetzung mit den eigenen völkischen Theorieelementen, sondern vor allem eine zeitdiagnostisch-kritische Urteilsbildung unumgänglich. Insofern sprechen die SMV-Projekttage eine deutliche Sprache: Dass hier ein Antidiskriminierungsworkshop neben Jebsen steht, spricht Bände über die Defizite, denen ein kritischer Unterricht vorbeugen sollte.

10. Juli 2015 at 3:50 pm 21 Kommentare

„Dass er Individualität und Freiheit fördert“. Tücken im Verhältnis von Anthroposophie und völkischer Religiosität – noch einmal

„Darin besteht das konkret Nationale deutschen Wesens, dass es durch das Nationale über die Nation hinausgetrieben wird in das allgemeine Menschentum hinein.” – Rudolf Steiner, 1915 (GA 174a, 72)

Wolf-Dieter Schröppe, ein Lehrer der Waldorfschule Minden, hatte offenbar über Jahrzehnte Kontakte ins extrem rechte Milieu und hat sich dort fleißig umgetan: die „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ beehrte er ebenso mit seiner Gegenwart wie den Verlag „Hohe Warte“, der Ludendorff’schen Ideen verpflichtet ist. In der „Hohe Warte“-Zeitschrift „Mensch und Maß“ hat Schröppe publiziert und sitzt nach Medienberichten von 2014 dem Trägerverein der „Ahnenstätte Conneforde“ vor, wo sich gern Nazis bestatten lassen. Auch im „Bund der Unitarier“ soll der 1990 aus Argentinien nach Deutschland zurückgekehrte Schröppe bis 2005 Mitglied gewesen sein. Zwei Schülerinnen der Mindener Waldorfschule haben den Fall laut taz bekannt gemacht. Ein Gutachten der „Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold“ belegt die Kontakte zu völkischen Organisationen – gestritten wird erstaunlicherweise darüber, ob der Lehrer selbst deren Gedankengut vertrete oder vertreten habe. „Der Lehrer hat sich über Jahrzehnte ab Mitte der 90er Jahre bis Mitte 2000 in extrem rechten Strukturen und Netzwerken bewegt – nicht als Mitläufer, sondern Organisator“, so ein Mitarbeiter der Beratungsstelle. Der Bund der Freien Waldorfschulen distanziert sich eindeutig: Schröppe sei nicht mehr tragbar. Die „Schulversammlung“ der Mindener Waldorfeinrichtung soll sich am 24.6.2015 allerdings dafür ausgesprochen haben, dass Schröppe vorerst an der Schule verbleiben darf. Schon vorher stellte sich das Mindener Kollegium hinter den Lehrer, von verschiedenen Seiten war zu hören, dass er auf demokratischem Boden stehe. Schröppe versicherte das auch in einer persönlichen Erklärung. (vgl taz, PM des BdFWS, radio bremen, WDR, Osnabrücker Zeitung, Lippische Landeszeitung, Lotta-Magazin, Blick nach rechts)

Das Argument klingt seltsam bekannt, nicht nur, aber auch aus anthroposophischen Kreisen: Zwar habe Schröppe Kontakte zu rechten Organisationen gehabt, seine Publikationen zeigten allerdings keine entsprechende Gesinnung. Online findet man zum Beispiel einen „Mensch und Maß“-Beitrag Schröppes zu einem Relief an den Externsteinen – einer Pilgerstätte für Esoteriker, Neuheiden und Rechte. Der Artikel diskutiert in der Tat weder Rassentheorien noch offene Germanennostalgien, sondern widmet sich Details der Deutung des angegebenen Reliefs – das allerdings primär völkisch-religiöse Schreiberlinge zu interessieren scheint (so fing sich Schröppe etwa auch Kritik auf der Seite „GOD – Glaubensgemeinschaft – ODING – Deutschland“ ein). Einen Beitrag lieferte Schröppe auch für den Sammelband „1848 – Erbe und Auftrag“, im „Aula-Verlag“ herausgegeben von den rechten Politikern Otto Scrinzi und Jürgen Schwab. Schröppes Aufsatz dreht sich um Heinrich von Fallersleben und berichtet über die Macht der Rotschilds bzw. der „Hochfinanz“. In einem Eintrag über das Buch auf der Seite des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes wird Schröppe als deutscher Experte „in Sachen völkischer Okkultismus, Referent u. a. beim Kulturwerk Österreich“ vorgestellt.

Nach Michael Mentzel von der anthroposophischen Seite „Themen der Zeit“ sprachen sich auf der Schulversammlung „17 Schüler für eine Entlassung aus, 12 waren für eine Beurlaubung für 3 Monate, in denen ein Prozess der Aufarbeitung stattfinden soll und 31 plädierten für ein Weiterarbeiten des Pädagogen. Von den Lehrern waren 5 für die Entlassung, 16 für eine Beurlaubung und 5 für die Weiterbeschäftigung. Bei den Eltern waren es 28, die für eine Entlassung stimmten, 33, die für die Beurlaubung und 42, die für die Weiterbeschäftigung waren. Es obliegt jetzt der Schulführungskonferenz, am heutigen Nachmittag eine Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen.“ Mentzel sieht wohl zurecht bei einer Weiterbeschäftigung das Verbleiben der Mindener Waldorfschule im Waldorfbund gefährdet.

Der völkische Aktivist Schröppe wird nach einem gerade erschienenen taz-Artikel als einer der „besten Lehrer“ der Schule verteigt. „Der Lehrer ist in der Schule nie mit rechtsextremen Äußerungen aufgefallen. Im Gegenteil: Er war dafür bekannt, dass er die Individualität und Freiheit fördert“, sagte laut WDR der Sprecher der Mindener Waldorschule – und wird es wissen: Schröppe war dort immerhin 20 Jahre angestellt. Ähnliches wurde auch berichtet, nachdem 2004 der Waldorflehrer Andreas Molau sich als NPD-Kader entpuppte: An der Schule hatte man ihn für linksliberal gehalten. Wieder einmal deutet sich die gefährliche politische Naivität an, die große Teile der im weiteren Sinne anthroposophischen Szene seit deren Entstehen begleitet. 2014 präsentierte der neue Geschäftsführer der Waldorfschule Rendsburg „Reichsbürger“-Ideen auf einer Vorstandssitzung und musste die Schule verlassen, als seine Kontakte zu reichsideologischen Organisationen dokumentiert wurden. Nach seinem Weggang zerstritt sich die Rendsburger Schule: Eltern beklagten innere Machtkämpfe in einer hierarchisch organisierten Einrichtung. (vgl. SHZ) Arfst Wagner, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und langjähriger Rendsburger Eurythmielehrer, hat die Schule inzwischen als Teil des neuen Landesvorsitzes der Schleswig-Holsteinischen GRÜNEN verlassen. Zur öffentlich gewordenen „Krise“ seines alten Arbeitgebers hat Wagner sich nicht geäußert – nur so viel sei gesagt, dass er sich gegen die umtriebigen Reichsideologen in der Region Rendsburg-Eckenförde engagierte, 2014 aber die von ihm gegründete „Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen Schleswig-Holstein“ verließ, weil sie von „Reichsbürgern“ unterwandert sei. (vgl. Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung) Schröppe, der inzwischen aus der rechten Szene ausgestiegene Molau und der Rendsburger Ex-Mitarbeiter mögen wenig miteinander gemeinsam haben. Der erste jedoch, der im Waldorfmilieu sowohl völkische Verschwörungstheorien vertrat als auch enthusiastisch Individualität und Freiheit fördern wollte, war dessen Initiator Rudolf Steiner.

Heute erscheinen Artikel von Verschwörungstheoretikern wie Udo Ulfkotte oder Daniele Ganser in anthroposophischen Periodica und erfährt ein Buch wie Markus Osterrieders „Welt im Umbruch“ große Resonanz unter Steiner-Fans. Trotzdem irrt sich, wer derlei umstandslos als rechts einstuft. Vielmehr setzt sich in den politischen Auseinandersetzungen des weiteren zeitgenössischen anthroposophischen Diskurses ungebrochen das „left-right crossover“ fort, das Peter Staudenmaier diagnostiziert hat. Die Spuren der 68er-Bewegung tragen im anthroposophischen und Waldorf-Kontext viel zur Reproduktion verschwörungstheoretischer Kapitalismus“kritik“ bei. Die in anthroposophischen Kontexten artikulierten einseitigen Sympathien für die aggressive Politik Russlands spiegeln die gesamtgesellschaftlichen Schnittmengen zwischen links und rechts befindlichen Putin-Fans und US-Verächtern. Natürlich kann man die Vorfälle nicht umstandslos auf die anthroposophische Weltanschauung oder ihren pädagogischen Flügel schieben: Der „Hohe Warte“-Verlag etwa zählt zu den Verbreitern von Ideen Erich und Mathilde Ludendorffs, die Steiner energisch bekämpft hatten. Die Externsteine als vermeintlicher uralter ‚germanischer‘ Kultort wären für Steiner überdies weit weniger bedeutsam als die moderne geistige Mission des von Erzengel Michael betreuten, transnationalen deutschen Volksgeistes.

Während sich die dubiosen politischen Affiliationen im anthroposophischen Umfeld seit Steiners Zeiten halten und unter wechselnden politischen Voraussetzungen erneuern, bezieht der sonst eher zurückhaltende Bund der Freien Waldorfschulen in letzter Zeit deutlicher Position: Die Mindener Waldorfschule wird aufgefordert, sich von dem Kollegen zu trennen. Vor einem halben Jahr veröffentlichte der „Bund“ eine kritische Broschüre zu den alle möglichen alternativgesellschaftlichen Projekte unterwandernden „Reichsbürgern“. Das ist ein erster und freilich noch kein hinreichender Schritt: Durch beginnendes Problembewusstsein werden die Anschlussmöglichkeiten der Anthroposophie an eine völkische Ökumene nicht gebannt. Aber die fraglichen politischen Verbindungen scheinen sich eher an den einzelnen Schulen zu finden. Lokal kommt es immer wieder zu Streitigkeiten und Machtkämpfen zwischen Lehrern und Eltern an einzelnen Schulen. (Stichwort: Davis-Methode) Sieht man sich die Abschirmung Schröttes durch seine Schule an und vergleicht dies mit den Hierarchiekonflikten in der Waldorfschule Rendsburg, lässt sich das aber sicher auch auf generelle Waldorf-Strukturprobleme zurückführen, die der ehemalige Schülervertreter Valentin Hacken am prägnantesten ausformuliert hat:

„Die vielen, teils massiv ausgetragenen Streitigkeiten zeigen eben, dass fast alles persönlich ist in diesem Kontext und schnell existentiell – niemand macht hier nur einen Job. Was positiv sein kann, zeigt da seine Kehrseite. Das hat zum einen dazu geführt, dass sich eine geradezu parasitäre Beraterindustrie entwickelt hat, in der die Schulen und Verbände jedes Jahr hunderttausende Euro verbrennen und dazu, dass Feste wie Monatsfeiern eben dringend gebraucht werden für die Gemeinschaft, ein magischer Trick der Selbstvergewisserung, Umformung dessen, was man eigentlich nicht mehr glaubt. […] Entlasten könnte man die Kollegien, indem man die Kompetenzen des Bunds der Freien Waldorfschulen (BdFWS) massiv stärkt, eine verbindliche Qualitätskontrolle einführt, einen Blick von außen, eine Korrektur. Doch dagegen wehren sich die Schulen mit Händen und Füßen, weil sie ihre Freiheit in Gefahr sehen. Doch sie schützen damit Versagen, Überforderung, Ineffizienz, nicht die Freiheit, mit ihren Schülern zu arbeiten. […] Sobald eine Schule in den BdFWS aufgenommen ist, kann sie nahezu tun und lassen was sie will, solange sie ihre Beiträge zahlt, nicht gerade die Schüler geschlagen werden und die staatliche Schulaufsicht einschreitet.“ (Man kann doch nicht noch hundert Jahre davon leben, dass man irgendwie nicht allzu schlecht ist)

Andererseits wurde in Rendsburg von Eltern das Eingreifen des Bundes als Fortsetzung der hierarchischen Organisationspolitik wahrgenommen, wie die SHZ berichtet:

„Jetzt schaltet sich sogar der Bund der Freien Waldorfschulen (Bund) ein. Die Vereinigung, in der deutschlandweit 234 Waldorfschulen organisiert sind, schickt drei externe Mitarbeiter nach Rendsburg, um den Schulvorstand abzulösen und einen Neuanfang an der Nobiskrüger Allee möglich zu machen. […] der Bund will keinesfalls von einer Entmachtung sprechen. Hüttig: „Es geht darum, dass die Schule handlungsfähig bleibt. Ziel ist es, dass die Schule nach zwei Jahren wieder selber einen Vorstand bildet.“ Dieser soll auch wieder aus Eltern und Lehrern bestehen – ohne Nachhilfe von außen. Es sei ein grundlegender Waldorf-Gedanke, dass Eltern und Lehrer gemeinsam Schule machen, so Hüttig. Genau das sei aber schon in der Vergangenheit nicht der Fall gewesen, berichtet ein Vater, der anonym bleiben möchte. Über die Köpfe hinweg wurden Entscheidungen getroffen, die Einsicht in Unterlagen verwehrt, das Wort in der Öffentlichkeit verboten. „Hier herrschen hierarchische Strukturen und alles andere als Demokratie“, sagt er. All das entspräche nicht dem Sinn einer Waldorfschule. Viele Eltern überlegten bereits, ihre Kinder von der Schule zu nehmen, so auch der besorgte Familienvater. „Das ist nicht mehr die Schule, in die ich mein Kind gegeben habe.“ Mit der Einmischung des Bundes sieht er keine Chance, die Schule wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Ganz im Gegenteil: „Dadurch wird die hierarchische Struktur noch mehr unterstützt.“ (Freie Waldorfschule in tiefer Krise)

Offensichtlich kann man die Rendsburger Krise nicht verallgemeinern: In Minden scheint ja die Schule relativ geschlossen hinter Schröppe zu stehen. Andererseits wäre das wohl kaum zum öffentlichen Streitfall geworden, wenn die Reihen tatsächlich geschlossen wären. Viele im anthroposophischen Kontext kommentieren die immer wieder aufflammenden Verbindungen von Anthroposophen oder Waldorfianern nach rechts inzwischen nur noch genervt. Dazu passt der Ton, in dem Jens Heisterkamp, Chefredakteur der anthroposophischen Zeitschrift Info3, eine wenig spannende Ausstellung „Künstler und Propheten“ schilderte, die bis vor kurzem in der Frankfurter „Schirn“ zu sehen war:

„Barfuß oder auch ganz wie Gott uns schuf, in wallende Gewänder gekleidet und mit reichlich Pathos ausgestattet galt es (auch) damals, die Welt zu retten. Von einigen künstlerisch ernstzunehmenden Ausnahmen abgesehen bekommen es die Besucher mit einer geballten Ladung aus Selbstüberschätzung, Sendungsbewusstsein und Kitsch zu tun. Wie durch ein Wunder ist Rudolf Steiner diesem Ausstellungs-Panoptikum entgangen, dafür hat es aber Joseph Beuys („Die Revolution sind wir“) erwischt. Man verlässt die Ausstellung nachdenklich: Denn nicht nur da, wo die frühen Visionäre ganz offensichtlich ins nationalistische oder rassistische Fahrwasser kippten ist Vorsicht geboten, sondern ganz grundsätzlich gilt esoterischen Heilsversprechen gegenüber Zurückhaltung.“ (Stelldichein der schrägen Vögel)

Ebenso wie heute Michael Mentzel, der nicht unbedingt zu den kritischen Anthroposophen zählt, ohne weitere apologetische Ausfälle über Minden berichtet, steht auch Heisterkamps ernüchterte Berichterstattung dafür, dass die esoterischen Wege nach rechts sich kaum mehr verdrängen lassen. Unklar ist, wie Esoteriker mit gegenläufigen Absichten dem beikommen können. Dass in letzter Zeit über die vielfältigen politischen Verschränkungen anthroposophischer Milieus verstärkt diskutiert wird, aber auch die Kompetenzen des Waldorfbundes kritisch hinterfragt werden, zeigt, dass die oft benannten Waldorfprobleme keineswegs der Vergangenheit angehören. Es zeigt aber auch die nicht zu unterschätzenden aktuellen Transformationen des anthroposophischen Komplexes. Alte Selbstverständlichkeiten und Hierarchien werden disponibel. David-Marc Hoffmann etwa, der vormals den Basler Schwabe-Verlag und inzwischen die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung leitet, wird vom verschwörungsgläubig-orthodoxen Lager aufgrund seiner sauberen philologischen Arbeit angegriffen. Dass Steiners Schriften, auf die sein sakrales Charisma nach seinem Tod in gewisser Weise übergegangen ist, inzwischen in einer Kritischen Ausgabe beim renommierten Stuttgarter frommann-holzboog erscheinen, wird unter Steiner-Gläubigen als ernsthaftes Theologumenon erhitzt debattiert. Die Desintegrations- und Zerfallsbewegungen des ehemals nach außen eher geschlossenen (wenn auch schon immer streitfreudigen) anthroposophischen Milieus ins 21. Jahrhundert haben gerade erst angefangen. Für dieses Jahrhundert gilt allerdings ungebrochen, dass, wer Deutschen ganzheitliche Erziehung verspricht, früher oder später auch Parteigänger deutschtümelnder Dominationen anzieht.

25. Juni 2015 at 4:42 pm 6 Kommentare

„Reichsbürger“ – Waldorf Schools and the German Right: Past and Present

by Peter Staudenmaier

Twenty years ago, in an interview with the German newspaper die tageszeitung, anthroposophist Arfst Wagner warned against the influx of far-right currents within the anthroposophical movement. Though his comments raised some eyebrows among Rudolf Steiner’s followers, there was little noticeable effect on anthroposophy and its institutions or worldview. Two decades later, in January 2015, the official leadership of the German federation of Waldorf schools seems to have suddenly started paying attention. A new brochure has appeared offering an analysis of the appeal that Waldorf education, biodynamic agriculture, and other anthroposophist endeavors continue to have for segments of the far right. Although it is a welcome step in the right direction, it is a small step, and there is a long way still to go.


The twenty-four page brochure has already attracted attention from Der Spiegel and other media; a number of sarcastic commentaries have appeared online. Its focus is on the so-called Reichsbürgerbewegung or “Reich citizens movement,” an amorphous collection of disaffected Germans who claim that the old empire or Reich – dismantled in 1918 and destroyed in 1945 – still exists. Thus the current German state, in the eyes of these would-be “Reich citizens,” is illegitimate. In this old-new ideology of the Reich, as the brochure points out, esoteric beliefs and right-wing radicalism go hand in hand.

Why would Waldorf officials care? A few months ago there was a minor media scandal when the principal of a Waldorf school in northern Germany was fired because of his involvement in the Reich citizens movement. The incident led to headlines announcing “Nazi suspicions at Waldorf school.” This is by no means the first such case at a Steiner school, but this time Waldorf leaders have responded differently: They have offered a substantive critical engagement with the ideological roots of the affair, attempting at last to discern the latent affinities between anthroposophy and the far right. From this perspective, the brochure is an encouraging if overdue departure from previous practice.

Delineating the Reich citizen ideology is no simple task. The newspaper Die Zeit has captured it aptly as a mixture of “conspiracy theory and antisemitism in the name of peace.” The new brochure provides the following description: “a marketplace of mismatched ideological components” combining “antisemitism, vegetarianism, belief in UFOs, conspiracy theories, and feel-good esotericism,” in which “proclamations of humanist sentiment and populist nationalism can merge together.” This is not a uniquely German phenomenon. In a US context, the movement is comparable in some ways to the “sovereign citizens” subculture with its anti-government resentments, who dream of “freedom from taxes, unlimited wealth, and life without licenses, fees or laws,” in the words of the Southern Poverty Law Center. Its more extreme versions, such as Posse Comitatus organizations or the notion that Americans live under a “Zionist Occupation Government,” are often intertwined with regional and ethnic-racial separatism.

In Germany, beliefs like these fit readily with anti-American antipathy. The historical reasons for this are important to keep in mind. Purveyors of Reich ideology mix these elements with Nordic mythology and invocations of Atlantis, with enthusiasm for alternative currencies, skepticism toward globalization, and a longing for peace and harmony in a world marked by violence and upheaval. It is an unsurprisingly inconsistent worldview. While much of the Reich citizens’ literature is obsessed with the Allies (above all the US) as supposed occupying powers in Germany, their ire is largely reserved for the European Union. Nebulous denunciations of the evils of global capitalism rub elbows with hymns to the inviolability of private property.

Like its counterparts elsewhere, the Reich citizens movement is a classic instance of left-right crossover and a symptom of profound political confusion. Its adherents recycle hoary antisemitic legends and even anti-Masonic conspiracy myths from the era after the First World War. There are numerous esoteric connections. Waldorf schooling as well as biodynamic farming remain especially attractive within this segment of the far-right milieu. Perhaps the most important part of the brochure is thus the section on Waldorf, anthroposophy, and Nazism.

Here the brochure makes a clear call for taking history seriously, for understanding the past in order to understand the present. Even if this is framed self-interestedly as the far right posing a danger to the Waldorf movement, it represents a notable advance over the usual anthroposophist strategy of avoiding the issue. Still, the brochure’s version of the history of Waldorf schooling in Nazi Germany continues the familiar line, strongly emphasizing Nazi persecution of Waldorf while neglecting the many points of collusion between Waldorf leaders and the Nazi regime. Though the brochure cites the important research of Karen Priestman, Ida Oberman, and Wenzel Götte on Waldorf education in the Nazi era, it fails to include the critical findings these studies helped bring to light. And when the brochure does mention Waldorf cooperation with Nazi officials, it is solely under the rubric of “compromise”; there is no mention whatsoever of the enthusiasm within the Waldorf movement for Nazism’s new order.

Beyond these historical inadequacies, the brochure suffers from a myopic perspective on the current salience of right-wing themes within the Waldorf world. As a striking example, it does not mention former Waldorf teacher and neo-Nazi leader Andreas Molau by name (though it does refer to him obliquely and defensively), despite the fact that Molau’s career as a Waldorf teacher who was simultaneously active in the radical right – for eight full years, from 1996 to 2004 – perfectly embodies the very problem the brochure is meant to confront. Nor is there any mention of the role of Lorenzo Ravagli, a current prominent Waldorf leader and editor of the major Waldorf journal, in nursing such links to the far right, whether in the case of Molau or of anthroposophist Holocaust denier Gennadij Bondarew.

Needless to say, there is no examination anywhere in the brochure of Steiner’s own considerable contributions to the same myths propagated by the Reich ideology. Conspiracy narratives loom large in Steiner’s works, as well as in the publications of his follower such as Karl Heise, and there is a lengthy and unfortunate history of anthroposophist antisemitism. Although the brochure makes appreciable strides toward a more historically informed and politically aware treatment of the topic, the aversion to a full and honest reckoning persists, reflecting the longstanding Waldorf allergy against tracing these dynamics back to Steiner himself.

These failings are hardly peculiar to anthroposophy. Similar critiques have been lodged, with reason, against followers of Silvio Gesell and of C. H. Douglas and social credit. Steiner was not the only would-be world savior to draw on dubious sources, and his latter-day disciples are not the only ones to ignore their own troubled legacy and blithely disregard its ongoing repercussions. But the standing of Waldorf schools within the broader field of alternative education indicates why such concerns arouse greater attention. The problem is not one of potential embarrassment. The problem is not that Waldorf’s carefully cultivated image might be damaged. It is not a matter of image at all. The problem is that the underlying partial compatibility between Waldorf values and the ideals of the far right has gone unnoticed and unaddressed for far too long.

However fitfully, that has begun to change. A younger generation of anthroposophists and Waldorf supporters is starting to challenge the traditional historical complacency of their forebears. New perspectives are opening up in which a sober assessment of anthroposophy’s unsettled past no longer induces anxiety and hostility. The new approach faces intense opposition, and a lot of difficult work lies ahead if the Waldorf movement is ever going to deal straightforwardly with its own history. A brochure like this one demonstrates that such an approach is possible, while also showing how much more still needs to be done.


staudenmaier
Peter Staudenmaier  (Foto: privat) ist Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University (Milwaukee, Wisconsin). 2010 promovierte er an der Cornell University zum Thema “Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the Politics of Race and Nation in Germany and Italy, 1900-1945.”, erschienen bei Brill.


Siehe auch:

Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung. Annäherungen und Abgrenzungen

Die Scheidung der Geister. Zwischenbilanz zur anthroposophischen Erinnerungskultur

Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus. Wie England den deutschen Volksgeist besiegte

„Ja, gewiss kam es zu Spannungen“ – Interview mit Peter Staudenmaier zu Rassismus, Nazismus und Anthroposophie

28. Januar 2015 at 12:00 pm 7 Kommentare

Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung. Abgrenzungen und Annäherungen

„Immer häufiger flattern Mitarbeitern von Kommunalverwaltungen, Bürgermeistern, Schulleitern, Polizeidienststellen und Landtagsabgeordneten Schreiben von „Reichsregierungen“ oder „Reichsbürgern“ auf den Tisch. Dahinter können sich Querulanten oder anderweitig Verhaltensauffällige verbergen, aber auch Rechtsextremisten könnten hinter den Versandaktionen stecken … Verlautbarungen und Aktivitäten von „Reichregierungen“ und „Reichsbürgern“ muten oftmals komisch und realitätsfern an. Bei Spinnereien bar jeder Vernunft ist man schnell geneigt, zu schmunzeln, zumal auf den ersten Blick nicht immer ein rechtsextremistischer Hintergrund offen erkennbar sein muss. Trotz allem versuchen „Reichsregierungen“, einen gesellschaftlichen Resonanzboden für rechtsextremistisches Gedankengut zu schaffen und zu bedienen. „Reichsregierungen“ sind teilweise tief in der rechtextremistischen Szene verankert. Volksverhetzende Äußerungen, Holocaust-Leugnung, Werbung für rechtsextremistische Parteien sowie Aufrufe für rechtsextremistische Demonstrationen sind keine Seltenheit.“
– Verfassungsschutz Brandenburg, 12. April 2014

An der Freien Waldorfschule Rendsburg wurde kürzlich ein Mitarbeiter der Schulverwaltung (Name und vormalige Funktion sind mir bekannt) entlassen. Der Grund: „er habe nicht überzeugend ausräumen“ können, mit gewissen „rechten“ Vereinigungen in Kontakt zu stehen, wie die Schleswig-Holsteinische Landeszeitung (SHZ) berichtete. Konkret werden die als verfassungswidrig eingestuften Organisationen „NeuDeutschland“, das „Deutsche Polizeihilfswerk“ (DPHW) sowie „Reichsbürger“ genannt, was auf schlechte Recherche schließen lässt, bei den ersten beiden handelt es sich nämlich um nichts anderes als „reichsbürgerliche“ Ideologien bzw. Gruppen. [Nachtrag, 24.9.14: Ein weiterer SHZ-Artikel holt auf und berichtet, dass der „Mitarbeiter“ sogar bei der Krönung Peter Fitzeks („NeuDeutschland“) 2012 anwesend war].

Der bekannteste „Reichsbürger“ dürfte Horst Mahler sein. „NeuDeutschland“ ist das auf einem ehemaligen Wittenberger Krankenhausgelände gegründete „Königreich“ Peter Fitzeks. „Reichsbürger“ halten die BRD für „besetzt“ und glauben meist an ein Deutschland in den Grenzen von 1937 oder früher, was dann die „Reichsregierung“ des jeweiligen Vereins legitimieren soll. „Neu Deutschland“ versucht sich u.a. an Versicherungen, einer Bank, stellt Führerscheine aus und hat eine eigene Währung, das „Engel-Geld“.  Die Geschichte der „Reichsbürger“-Ideologie reicht bis in die 80er zurück, aber sie kommt in der letzten Zeit erst stärker in Mode, auch unter manchen „Anarchisten“ und antiimperialistischen Linken.

Da die deutsche Polizei nach der „Reichsbürger“-Logik als Bestandteil der inexistenten Bundesrepublik illegal ist, kommt es zu Gründungen wie dem „Deutschen Polizeihilfswerk“. Das DPHW führte im März gar eine Veranstaltung an der Rendsburger Waldorfschule durch, was besagtem Mitarbeiter zu verdanken war.

Der Vorfall in Rendsburg könnte Wellen schlagen. Nun distanziert sich freilich der Bund der Freien Waldorschulen und die Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen in Schleswig-Holstein: „Verfassungsfeindliches und rechtsradikales Gedankengut haben an einer Waldorfschule keinen Platz“, werden Henning Kullak-Ublick (BdFWS) und Thomas Felmy (LAG) im SHZ-Artikel zitiert (siehe auch Info3). Das sehen Rechte zwar immer wieder anders (Stichwort: Andreas Molau), aber mit der Distanzierung von einem (Ex-)Mitarbeiter aus der „Reichsbürger“-Szene wären die Waldorfschulen eine der ersten betroffenen „alternativen“ Strömungen, die sich in diese spezielle Richtung deutlich abgrenzt. Das lässt sich andernorts (siehe unten) nicht feststellen. Öffentliche Aufmerksamkeit für den Fall dürfte auch mit Blick auf die teilweise gewaltbereite „Reichsbürger“-Szene nicht das Schlechteste sein.

Fliegende Händler und wechsellaunige Kunden

Denn die floriert munter, in Schleswig-Holstein und anderswo. Arfst Wagner beispielsweise, Grünes Ex-Bundestagsmitglied und just an der Waldorfschule Rendsburg Eurythmielehrer, ist neulich aus der (von ihm gegründeten) „Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen Schleswig-Holstein“ ausgetreten. Er benannte den Grund auf Twitter: „massive Reichsbürger-Unterwanderung“. Zu den laut Selbstauskunft 742 Stellen, bei denen man mit dem „Engel“ bezahlen kann, werden zehn im Kreis Rendsburg-Eckenförde online benannt. Darunter auch eine „Gesundheitsschule Neubeginn“, in die die (kürzlich von der Webseite verschwundene) Tochter des besagten Schulverwaltungsmitarbeiters involviert ist. Nonchalant heißt es auf der Webseite der „Gesundheitsschule“: „Der Engel ist ein Zahlungsmittel des Vereins Neu Deutschland. Wir halten den Ansatz und die Grundidee dahinter für sinnig, wenn wir auch vielleicht hier und da andere Ansichten haben.“ Vielleicht hier und da – aha. Auf derselben Seite wird der Film „Fabian der Goldschmied“ empfohlen, produziert von Jan Udo Holey, der auch unter dem Pseudonym Jan van Helsing publiziert. In van Helsings Werk und  besagtem Film sind antisemitische und verschwörungstheoretische Ideologeme unverhüllt: Fabian hat einen Bund der „Erleuchteten“ gegründet, der heimlich das Weltgeschehen lenkt.

Illuminaten, Freimaurer usf. als alles steuernde Mächte des Weltgeschehens gibt es nicht nur in der Phantasiewelt von rechten Spinnern und n-tv-Dokus. Ähnliche Theoreme erfreuten sich schon während des Ersten und Zweiten Weltkriegs großer Beliebtheit unter Anthroposophen – und bis heute, wie hier verschiedentlich dokumentiert. (vgl. EU und Ukraine, Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus) Natürlich ist anthroposophischerseits von „Brüdern des Schattens“, „okkulten“ oder schwarzmagischen Logen die Rede, doch die sollen das deutsche „Geistesleben“ vernichten und hinter der „angloamerikanischen“ Welt stecken. Hier ließen sich leicht Brücken zu den „Reichsdeutschen“ schlagen. Aber dies ist nur für Außenstehende die naheliegendste Schnittstelle: Schon immer waren esoterische Milieus personell und ideologisch fluide, voller fliegender Händler und wechsellauniger Kunden. Die phantasievolle Fitzek-Gemeinde, in der sich zahllose Heilpraktiker und Esoteriker tummeln, ist nur eine Spielart der „Reichsbürger“, es existieren verschiedene kommissarische Reichsregierungen und Verbände, mitunter verbündet, mitunter verfeindet, die oft neben der Grundidee die Begeisterung für ein völkisch-ökologisches Deutschland teilen. Ein Forum für „Reichsdeutsche“ bieten viele der neurechten „Montagsdemos“. Nicht zuletzt in der AfD versuchen immer wieder „Reichsbürger“ ihr Glück. (vgl. Reichsdeppenrundschau) Noch eines der vielen Felder sind heutige Rezipienten Silvio Gesells und seiner „Freiwirtschaftslehre“ (vgl. Peter Bierl: Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell, Hamburg 2012), die ebenfalls in Anthroposophen- wie „Reichsbürger“-Kreise ausfranst. Von den „Violetten“ ganz zu schweigen.

Namentlich zwei von Anthroposophen gern frequentierte Politthemen stehen auch ganz oben auf der Agenda vieler (längst nicht aller) „Reichsbürger“: Direkte Demokratie und Bedingungsloses Grundeinkommen. Beides soll es dann im neuen alten deutschen Reich geben. Nicht zuletzt sogenannte „Regionalwährungen“, die den kalten Euro ersetzen sollen und auch auf einigen biologisch-dynamischen Höfen angenommen werden, passen Reichsbürgern gut ins Konzept, werden von ihnen unterstützt und gelegentlich mitinitiiert – nicht nur der „Engel“. So wenig jedoch wie Anthroposophen in entsprechenden Foren offensiv mit Steiner hausieren gehen, so wenig müssen das „Reichsbürger“ mit ihrer Ideologie tun. An dem bekannten und mit dem anthroposophischen Milieu gut vernetzten Grundeinkommensaktivisten Ralph Boes lässt sich die selbst Beteiligten unbewusste (und ebenso oft: verdrängte) Konvergenz der Szenen und Interessen deutlich machen. Boes (der Hitler zu einem einzigartig kreativen Impuls des Bösen verklärt) ist mehrmals und allem Anschein nach naiv in Verbindung mit Rechten geraten, weist aber „Nazikeulen“ weit von sich – über die verstörenden und blamablen Auftritte macht sich „Sonnenstaatland“ (eine Anti-Reichsbürger-Webseite) lustig.

Andere wissen sehr wohl, wo sie auftreten: Auf der „NeuDeutschland-Messe“ 2011 hielt ein Gerhard Schröder einen Vortrag über die biologisch-dynamische Anbauweise und ein „Eco-Dyn-Bearbeitungsgerät“, das sein biodynamischer Kollege Friedrich Wenz entwickelt hat. „NeuDeutschland“ betreibt selbst ein alternativ bewirtschaftetes „Gartenprojekt in Apollensheim“, das den „Beginn autarker Selbstversorgung“ darstellen soll und verkündet dazu auf seiner Webseite: „Nach biologisch dynamischer Ganzheitslehre und Sichtweise sind wir auf dem richtigen Weg.“

Anderes bewegt sich in verschieden schattierten Grauzonen. Ebenfalls von der Webseite der „Gesundheitsschule Neubeginn“ ist Martin Matzat verschwunden, Diplom-Wirtschaftsingenieur, der sich laut nun fehlender Personenbeschreibung entschieden hat, „der Börse als Broker den Rücken zu kehren, um Menschen mit ganzheitlichen Finanzkonzepten vertraut zu machen, die weder Menschenleben noch Umwelt zerstören.“ Er habe sich auf Regionalwährungen spezialisiert, eine „gute Grundlage für eine stabile Wirtschaftslage“. Der junge Mann winkte auf seinem Bild lächelnd mit „Engel“-Scheinen. Auf der Seite der Rendsburger Regionalwährung „Rends“, die sich in Regenbogenfarben und als „eine Burg für eine neue Gemeinschaft“ vorstellt, steht Matzat als technisch und inhaltlich Verantwortlicher. „Für uns ist die Bildung neuer Gemeinschaften in unserem Zeitalter einer der wichtigsten Eckpfeiler der menschlichen Evolution“, heißt es auf der Seite. Der „Rends“ will sogar ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ auf die Beine stellen, wozu „Die Violetten“ Hamburg 2013 eine Veranstaltung Matzats in der „Gesundheitsschule“ empfahlen.

Anthroposophie und „Reichsbürgertum“ gehen bei ihm Hand in Hand: Sogar bei Fitzeks obskurer „Krönung“ trat er auf, gleichzeitig wird er als Ansprechpartner für „Artabana Rendsburg“ auf der Seite der Solidargemeinschaft „Artabana“ genannt. „Artabana“ beruft sich offiziell auf Steiners „Soziale Dreigliederung“ und wird auch sonst gern anthroposophisch frequentiert und beworben. Auch Boes bedankt sich auf seiner Webseite bei Matzat. In der Kommentarspalte eines inhaltsarmen, aber offenbar „reichsbürgerlichen“ Blogs „Deine Rechte – unsere Rechte!“ kommentierte der Wirtschaftsingenieur am 21. November 2012: „Hallo und herzlich willkommen in der Zeit der Veränderung“ und empfahl sich als Mitglied von „FreiWIND – Initiative freier und eigenverantwortlicher Menschen“, die er verlinkte und „an dieser Stelle kurz bekanntmachen“ wolle: „Wir werden demnächst die ersten Gemeinden gründen, die sich nicht auf BRD-Gesetze berufen. Das wird echt spannend.“ Auf der verlinkten „FreiWIND“-Seite wird tatsächlich empfohlen, Parallel-„Gemeinden“ an jedem Ort zu gründen, denn: „Wir erkennen, daß die Krise gewollt ist und dies so lange mit uns gemacht wird, bis uns der Kragen platzt. Dies wollen wir jedoch unter allen Umständen vermeiden – denn auch in jenem Falle, wären wir die größten Verlierer. Wir wollen den entstandenen politischen Stau einfach, friedlich und effizient auflösen.“ Im Raum Rendsburg hat Matzat über „FreiWIND“ und viele andere Themen in alternativen Einrichtungen Vorträge gehalten.

„Freie“ Schule

Neben „Engel“-Geld, eigenem Banken- und Gesundheitswesen stößt man auf der Verbandsseite von „NeuDeutschland“ auch auf ein Schulkonzept. Darin werden Goethe, Tolstoi, Montessori und Pestalozzi, nicht aber Rudolf Steiner zitiert,vieles scheint tatsächlich von Montessori inspiriert zu sein. Der klebrige Ton des „Pädagogischen Konzepts“ fügt sich aber gut ein in den Grundduktus der Reformpädagogik: Freie Entfaltung der Individualität wird da beschworen und der pädagogische Wert des „Vorbilds“, überhaupt setzt man auf eine „freie Schule“, auf lebenslanges Lernen, auf natürliche Materialien oder auf Lehrer, die Erziehung auch als eine an sich selbst begreifen. Das im „Pädagogischen Konzept“ der NeuDeutschen formulierte Lehrer-Schüler-Verhältnis wird deutlich weniger steil formuliert als in der Steiner-Pädagogik: Zeitabläufe und Regeln sollen beispielsweise zwischen Kindern und Lehrern vereinbart werden. Am vagen Wohlfühljargon dieses „Pädagogischen Konzepts“ zeigt sich wieder, wie anschlussfähig derlei für viele Seiten sein muss.

Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ täte gut daran, sich davon deutlich abzugrenzen. Ganz abgesehen von allen angebrachten ideologiekritischen Analysen zu Reform- und Waldorfpädagogik. Anknüpfungspunkte für interessierte Rechte finden sich wie Sand am Meer, die von den Verantwortlichen bisher entweder nicht oder verharmlosend kommentiert werden.

Nach wie vor empfiehlt der BdFWS auf seiner Webseite die Bücher von Lorenzo Ravagli und Hans-Jürgen Bader, die noch die hässlichsten rassistischen Vorträge Steiners explizit bejahen und als missverstandene humanistische Menschheitsversöhnung anpreisen. Nach wie vor liegt keine Auseinandersetzung des Waldorf-Bundes mit der teils zwielichtigen Geschichte der Waldorfschulen im Nationalsozialismus vor. Auch in der 3., „erweiterten und aktualisierten“ Auflage von Tobias Richters „Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule“ (2010) wird nicht ein einziges Buch zum Nationalsozialismus empfohlen – dafür Bücher von Karl Heyer, Herbert Hahn, Hans Erhard Lauer, Andreas Suchantke und anderen, in denen sich unverhüllt germanozentrische Völkertypologien und Rassenlehren finden. In Caroline von Heydebrands erstem „Lehrplan der Freien Waldorfschulen“ wurde „Völker- und Rassenkunde“ für den Lektüreplan der Achten Klasse empfohlen, dieser Hinweis verschwand in einer Neuauflage von 2009 – ohne jeden Kommentar, versteht sich. Wollte der BdFWS angesichts der „Reichsbürger“-Epidemie hier ein glaubwürdiges Zeichen setzen, all das gehörte mit auf die Agenda. Aber davon kann man wohl nur träumen. Mal abwarten, ob nach der Erklärung von Kullak-Ublick und Felmy gegenüber der SHZ noch etwas folgen wird.

Am rechten Rand

Die dokumentierten Fälle faktischer Konvergenz von krudesten rechten und anthroposophischen Vorstellungen lassen sich wahrlich nicht als zufällige „Einzelfälle“ abspalten, so randständig die Akteure in der anthroposophischen Bewegung zuweilen tatsächlich sind: Um mit „Der Europäer“ garnicht erst anzufangen wäre da etwa Willy Lochmann, der sein Universum auf der Seite seines „Lochmann-Verlags“ übersichtlich dokumentiert. (vgl. auch Willy, Thomas und der Wolf im Schafspelz) Auch Lochmann hat freilich seine ganz eigene Version der Gründung der BRD zu bieten, die mir zugegeben zu wirr scheint, um ihre Übereinstimmung mit den „Reichsdeutschen“ auszuloten. Von rechten Vortragsrednern bei diversen autonomen anthroposophischen Vereinigungen hört man hier und da. 2013 empörte sich etwa die „Junge Freiheit“: Pforzheimer Antifas hatten eine Veranstaltung „Wege zur Einbindung Europas in Amerikas Geo-Strategie“ des rechten Historikers Stefan Scheil bei der „Freien Anthroposophischen Vereinigung Pforzheim“ (FAV) vereitelt. (vgl. deren Offenen Brief und die Reaktion darauf) Das verantwortliche Antifa-Recherche-Team hatte noch weitere Verflechtungen der FAV mit rechten Kreisen benannt.

Auch der Waldorflehrer Herwig Duschek, der an Reichs-Flugscheiben und die „Gralsmacht“ „Vril“ glaubt, die Anfang der Vierziger in „Mitteleuropa“ entwickelt worden sei und zur Gründung von Millionen-Kolonien auf der ganzen Erde geführt habe, stellt auf seiner Seite Vortragsvideos zur Verfügung. Da Duschek bereits das deutsche Kaiserreich für einen Teil der Verschwörung gegen den Deutschen Geist hält (siehe den Vortrag hier), würde er die „Reichsbürger“ möglicherweise auch als Teil davon betrachten und deshalb ablehnen – möglicherweise. Die Liste ließe sich fortsetzen. Aber schon ein Blick auf die Veranstaltungen zum Ersten Weltkrieg, die diesen Herbst im Rudolf Steiner-Haus Frankfurt stattfinden, zeigt, was anthroposophischerseits in solche völkischen Legierungen eingehen kann, sich aber auch antiimperialistisch-links und anders wenden ließe: In den Ankündigungen liest man unter anderem über die „Zerstörungskraft“ des Materialismus, „die Einflüsse okkulter Logen“, die „Exstirpation des Deutschen Geistes zu Gunsten des Deutschen Reiches“ (Nietzsche) und „Mitteleuropa“, das zum „Problemfall“ wurde, weil „es immer mehr das angelsächsische Geistesleben kopierte und die eigenen Wurzeln verleugnete.“ Derlei könnte von rechten Esoterikern ebenso besucht werden wie deren Veranstaltungen von Anthroposophen mit diesem Interessengebiet.

Von den Anthroposophen enttäuscht ist Bernhard Schaub. Der Schweizer Holocaustleugner betreibt mit Rigolf Hennig und anderen seit 2010 die „Europäische Aktion“, die am 24. Oktober 2012 „Ein Wort an den Verfassungsschutz der BRD“ richtete. Im von Schaub, Hennig und Hans Berger unterzeichneten Schreiben heißt es, dass es den Verfassungsschutz „streng genommen“ natürlich gar nicht gebe, denn die Bundesrepublik sei „kein souveräner Staat, sondern ein Selbstverwaltungsprovisorium unter alliierter Vormundschaft“.

Schaub hatte 1992 das Buch „Adler und Rose“ veröffentlicht, in dem von Hitlers „Präventivkrieg“ oder der Shoa als „angloamerikanisch-zionistischer Propaganda“ die Rede war. Daraufhin wurde er als Geschichts- und Deutschlehrer der Rudolf-Steiner-Schule Adliswil fristlos entlassen. Jens Heisterkamp kommentierte in der liberalen anthroposophischen Zeitschrift Info3 (12/1992): „Wundert man sich, dass ein solches Buch im anthroposophischen Umfeld auftaucht? … Die neue Rechte marschiert, in die gleiche Richtung wie vor 60 Jahren, und wieder laufen einige Anthroposophen mit.“ Im November 2010 sorgte Schaub noch einmal für Aufmerksamkeit im Waldorfland, diesmal im Schwarzwald: Damals wurden seine Kinder Sigurd und Solveig von der Waldorfschule Schopfheim geworfen, nachdem an der Schule die politische Ausrichtung des Vaters bekannt geworden war.

Im „Leitbrief 5“ („zum Julmond/Dezember 2012“) der „Europäischen Aktion“ zitierte Schaub Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung“, schrieb über den Sonnengott, neue Formen des Geisteslebens, deren komplizierte Beziehung zum Christentum – und über die Anthroposophie. Sein Versuch, Anthroposophen „die Augen zu öffnen“, sei missglückt: „Alles vergeblich!“ „Mit Ausnahme von einigen Wissenden“, die er aber nicht nennen dürfe, seien Anthroposophen „linksgrüne Idioten“, die sich „von den ‚rassistischen‘ und ‚antisemitischen‘ Äußerungen“ Steiners angeblich distanziert hätten. An der Haltung der Anthroposophen sei Steiner aber „nicht ganz unschuldig“, schränkte Schaub ein, weshalb er im „Leitbrief“ nur Julius Evola wirklich empfehlen wolle. So sieht der Versuch anthroposophischer Verbände, Steiners Rassenlehre abwiegelnd zum Humanismus verpuffen zu lassen, also für heutige Faschisten aus. Möge Schaub doch eines Tages realen Anlass für seine Behauptung über die sich von diesem Rassismus distanzierenden Anthroposophen haben!

23. September 2014 at 2:48 pm 22 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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