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Die reformpädagogischen Wurzeln der Waldorfschulen

„Ich habe einen ausgezeichneten Lehrer von einem Landerziehungsheim nach Stuttgart berufen. Ihm gefiel es hier besser, er muss doch hier etwas finden, was über das hinaus geht; der Mann muss doch beides vergleichen können. Daran sehen Sie gleichzeitig, dass man nicht einseitig ist, denn sonst hätte ich den Lehrer nicht berufen.“
– Rudolf Steiner, GA 217a, 79

Die Entstehung der anthroposophischen Praxisfelder ist einerseits gut dokumentiert, weil jeder Fitzel aus dem Leben Steiners aufbewahrt und/oder niedergeschrieben wurde. Andererseits überdeckt das strahlende Bild des Übervaters die Erinnerung an die konkrete Etablierung der Praxis und ihrer Genealogie. Nach der Vorstellung vieler seiner Anhänger und vieler Kritiker setzte der Prophet Steiner seine entsprechenden Anweisungen in die Welt, wo sie von den Schülern dankbar aufgenommen wurden und bis heute versteinerten. Zumindest in den ersten Anfängen war jedoch eher das Gegenteil der Fall: Viele Praxisvorschläge wurden an Steiner herangetragen oder er verlieh schon bestehenden Konzepten und Anwendungen im Nachhinein seine eigene religiöse Handschrift. Diese Variante einer Genealogie anthroposophischer Institutionen legte im Prinzip schon Helmut Zanders umfangreiche Rekonstruktion der „Anthroposophie in Deutschland“ (Stuttgart 2007, Bd. II) nahe. Verbindungen zwischen Waldorf- und Reformpädagogik, die viel kolportiert werden, konnte Zander jedoch höchstens ansatzweise ausmachen. Er stellte vielmehr zutreffend fest, dass sich zwar einige Ähnlichkeiten finden, Steiner aber die großen Reformpädagogen kaum kannte und meist ablehnte. In Landerziehungsheimen würden, so eine Polemik, bloß falsche Individualisten erzogen: „furchtbare Kritiker, schreckliche Kritikaster, denen nichts in der Welt recht ist“, während das Universum für ihn stets wahr, schön und gut war. (GA 217a, 79) Genau das ist aber eine Parallele zu den Weltbildern vieler Reformpädagogen.

„Welche Rolle in diesem Prozeß einige der von Steiner an die Stuttgarter Waldorfschule berufene[n] Lehrer spielten, die von [Hermann] Lietz’ Landerziehungsheim oder aus der Odenwaldschule Paul Geheebs kamen, ist augenblicklich unklar … Adalbert Graf von Keyserlingk, in: Koberwitz 1924, 129, berichtet, daß die Lehrer Christoph Boy und Herr Kilian aus Lietz’ Landerziehungsheim abgeworben wurden, ein dritter, Pfarrer Seusing, nur aus familiären Gründen nicht nach Stuttgart ziehen konnte.“ (Zander, a.a.O., 1389)

Die bei Zander nicht weiter recherchierte Verbindung wurde kürzlich von Matthias Fechner neu ausgegraben, Lehrbeauftragter an der jungen anthroposophisch inspirierten „Cusanus“-Hochschule in Bernkastel-Kues. Zuvor arbeitete Fechner sowohl an einer Waldorf- als auch an der legendären Odenwaldschule, deren Archiven er seine Hinweise verdankt. Ausblicke auf eine ganze Reihe von Funden gewährt ein Artikel in der liberal-anthroposophischen Zeitschrift Info3 (Juni 2016, S. 10-15). Man hofft auf eine ausführlichere Präsentation, aber Fechners Funde scheinen bestechend. Bereits 1913 war an der Odenwaldschule ein großer Teil der heute aus Waldorfschulen bekannten Methoden zusammen, vor allem der Epochenunterricht:

„Jeweils zwei Fächer wurden nun epochal über vier Wochen unterrichtet, für die Dauer eines ‚Arbeitsmonats‘. Mit dem zweistündigen Frühkurs begann der Schltag; eine einstündige Pause folgte, danach fanden sich die Schüler zum Spätkurs in ihrem Fachraum ein. Der Nachmittag blieb offen für die „praktischen Fächer“, womit vermutlich „Schreinerei, Schlosserei, Gartenbau, Landwirtschaft, Papparbeiten und Buchbinderei, Nähen, Kochen“ gemeint sind. Zum Abschluss eines Arbeitsmonates erfolgte eine Präsentation des Geschaffenen…“ (Fechner, S. 13)

Das Konzept entstand im Austausch mit dem Landerziehungsheim Wickersdorf. Hier war laut Fechner ein Mario Jonas ausschlaggebend, Schüler von Geheeb und Gustav Wyneken. Auch scheinbar stärker esoterische Postulate der Steinerpädagogik wurden von Jonas vorgedacht: „An mehreren Beispielen erklärt er, wie der Stoff des Vortages in die Nacht genommen werden könne, damit der Unterricht am folgenden Tag desto fruchtbarer ablaufe.“ (ebd.)

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Freie Schulgemeinde Wickersdorf, Saalfelder Höhe (2014), Foto: Aschroet, Wikipedia Commons

Neben Odenwaldschule und dem Landerziehungsheim Wickersdorf steht in der reformpädagogischen Waldorf-Ahnengalerie auch das Erziehungsheim Haubinda. In einem benachbarten Klosterheim Haubinda wohnte Steiner wahrscheinlich 1905, um ungestört an Texten für seine Zeitschrift Lucifer-Gnosis zu arbeiten. Dabei interessierte er sich wohl auch für das Landerziehungsheim, den dort führenden völkischen Pädagogen Hermann Lietz jedoch kritisierte er später. Dies darf nach Fechner „als kalkulierte Abgrenzung gegen den Konkurrenten Lietz gesehen werden“, obwohl beider Gemeinsamkeiten auch nicht so tiefgreifend sind, dass man hier eine weitere verdrängte Abhängigkeits- und Abspaltungsgeschichte erzählen müsse. Haubinda verdankt die Waldorfpädagogik jedoch zumindest die „ausführlichen Textzeugnisse“ – so Fechner. (S. 12)

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Hermann Lietz-Schule Haubinda (2016), Foto: Presse03, Wikipedia Commons.

Christoph Boy und Robert Killian kamen in der Tat aus Haubinda an die erste Waldorfschule – so weit war auch Zander unter Berufung auf Keyserling, ohne jedoch den Biographien weiter nachzugehen oder die Parallelen als Kontexte der Steinerschen Ideogenese einzubeziehen. Steiners eingangs zitierte Lobesworte beziehen sich wohl auf Killian, der laut Fechner als maßgeblicher Vermittler von reformpädagogischen Praktiken an der Waldorfschule anzusehen ist. „Keiner hat wie er den Schulorganismus durchdrungen“, schrieb sein Kollege Ernst Weißert in einem Nachruf. Killian hatte nämlich Kontakte zur Odenwaldschule, wo er auch nach der Schließung der Stuttgarter Schule durch den nationalsozialistischen Württembergischen Kultusminister Mergenthaler arbeitete. (vgl. Waldorfschulen 1933-1945) Elisabeth Sachs, Ehefrau des damaligen Leiters der Odenwaldorfschule, arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum in einem „Camphill“-Dorf in New York. Für Fechner schließt sich hier ein „Schicksalskreis“. (S. 14) Diese entspannte, ja zu Schicksal esoterisierte Akzeptanz der historischen Verbindungen zeigt: Anthroposophen sind in der Lage, den Hinweis auf die Genesis ihrer Konzepte reflexiv zu integrieren. Das hatte nach dem Erscheinen von Zanders Studie von 2007 anders ausgesehen: damals galt das Aufzeigen historischer Kontexte noch als ehrenrührige Polemik. Für Anthroposophiekritik heißt diese Verschiebung vor allem, dass sie ein offenes Auge für die Veränderungen ihres Gegenstands (auch durch äußere Einwirkung) bewahren muss.

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17. Juni 2016 at 4:00 pm 4 Kommentare

Hinter dem Mond hervor. Waldorfbund warnt die Schulen vor politischen Demagogen

Endlich: Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ hat sich in einem Schreiben an die Kollegien aller deutschen Schulen mit einer begrüßenswerten Klarheit gegen rechte Tendenzen ausgesprochen – Tendenzen im eigenen Umfeld. Der auf den 10. Juli 2015 datierte Brief wird auch von der Anthroposophie-nahen Nachrichtenagentur nna sowie auf der Seite der Waldorf-Verbandszeitschrift „Erziehungskunst“ paraphrasiert. Henning Kullak-Ublick, der die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Waldorfbundes leitet, schreibt unter anderem:

„Im vergangenen Schuljahr hat es mindestens fünf Vorfälle an deutschen Waldorfschulen gegeben, die es wegen ihrer Nähe zur rechtsextremen oder „reichsbürgerlichen“ Szene in die Presse geschafft haben. Das erfüllt uns mit Sorge und wir möchten Sie daher nachdrücklich bitten, unsere pädagogische und gesellschaftliche Verantwortung nicht im Namen eines vermeintlichen „freien Geisteslebens“ zu konterkarieren, das mit der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffes gar nichts, mit Demagogie aber sehr viel zu tun hat. Wenn Sie bezüglich eines Redners unsicher sind, hilft oft schon ein Blick ins Internet. Nicht alles, was man dort findet, stimmt, aber Quellenkritik gehört zu den Basiskompetenzen unserer Zeit – und sollte auch unseren Schülerinnen und Schülern beizeiten vermittelt werden.“

Hier schwingt ein sarkastischer Ton mit, wenn die Waldorfpädagogen etwa darauf hingewiesen werden, dass man sich auch im Internet informieren könne. Das Alarmierende ist, dass dieser Hinweis tatsächlich nötig zu sein scheint. Andreas Molau, inzwischen Aussteiger aus der rechten Szene, konnte etwa rückblickend berichten, wie leicht es war, als NPD-Kader an einer der Schulen unterzukommen: „Dann bin ich zur Waldorfschule gegangen, was nur funktioniert hat, weil die so herrlich hinter dem Mond gelebt haben. Die hatten überhaupt keine Ahnung. Ich bin da einfach hingefahren, habe gesagt, ich habe Deutsch und Geschichte studiert und möchte Lehrer werden und finde Waldorfschulen toll.“ Hinter dem Mond will Kullak-Ublick die Schulen hervorholen: Später im Schreiben wird explizit auf Mängel im Politik- und Wirtschaftsunterricht hingewiesen, der „Bund“ fordert hier Verbesserungen. Konkret an konspirationsideologischen Kontakten benannt werden Kilez More und Ken Jebsen, denen kürzlich die Schülermitverwaltung der Waldorfschule Filstal ein Forum bieten wollte. Dieses Ereignis dürfte auch den unmittelbaren Anlass für das Schreiben dargestellt haben. In dem Brief wird eine wichtige Schnittstelle rechts-anthroposophischer und mode-verschwörungstheoretischer Denkhaltung getroffen: Das „Freie Geistesleben“ Steiners lässt sich platt enthistorisiert als Gegensphäre zur „Lügenpresse“, den „Mainstream-Medien“ mit ihren „US-Lakaien“ und den ganzen anderen politisch simplifizierenden Paranoia deuten. In der Tat hat der „Bund“ derartigem schon vor einigen Monaten eine Absage erteilt, wie auch das Schreiben programmatisch anführt:

„Mit unserer Publikation zu der „Reichsbürger“-Bewegung haben wir vor einem halben Jahr bereits auf die Gefahr von Verschwörungstheorien hingewiesen, die gerade auf junge Menschen oft verführerisch wirken, weil sie einfache Antworten für komplexe Zusammenhänge bereithalten. Verschwörungstheorien leben von Zirkelschlüssen, denen man, wenn man ihnen einmal verfallen ist, nur schwer wieder entkommt. Dass sie oft dem rechten Spektrum angehören, zeigt das ebenso typische wie immer wiederkehrende Beispiel des so genannten „Weltjudentums“, dem über die Kontrolle der Finanzmärkte die heimliche Weltregierung zugeschrieben wird. Von dort bis zum Antisemitismus ist es nicht weit. Es gehört zu unserer pädagogischen Verantwortung, junge Menschen aufzuklären und urteilsfähig zu machen, nicht aber, unsere Schulen zu Plattformen für die Verbreitung solcher Ideologeme zu machen.“

Dem kann man sich weitgehend anschließen, und auch wenn die Verbindung von Antisemitismus und Verschwörungstheorie hier unklar bleibt, weist Kullak-Ublick zutreffend auf den alarmierenden Gleichklang dieser Denkmuster hin. Auf die historische Konvergenz beider Motive im anthroposophischen Umfeld  geht der Brief nicht ein. Waldorf-Kontakte nach rechts erscheinen bloß als Produkte von Desinformiertheit und politischer Verführung (was sie sicher auch sind). Den angeschriebenen LehrerInnen jedenfalls wird eine positive Grundhaltung bescheinigt:

„Beim Verfassen dieses Briefes ist uns wohl bewusst, dass er bei den meisten von Ihnen „Eulen nach Athen“ trägt. Dennoch ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass Waldorfschulen eine gewisse Anziehungskraft auf Menschen auszuüben scheinen, die dem rechten oder verschwörungstheoretischen Spektrum angehören. Das erfordert eine gesteigerte Wachheit und klare Begriffsbildung, weil die Grenzen oft fließend, die Protagonisten Sympathieträger und Teilwahrheiten schwerer zu durchschauen sind als offensichtliche Irrtümer oder Lügen. Insofern möchten wir auch am Ende dieses Briefes noch einmal auf die Notwendigkeit eines qualifizierten Gesellschafts- und Wirtschaftsunterrichtes hinweisen, der die Schülerinnen und Schüler befähigt, sich auf der Grundlage belastbarer Kenntnisse bewusst mit der Zeit, in der sie leben, auseinanderzusetzen.“

Dem andernorts beginnenden anthroposophischen Geschichtsbewusstsein (vgl. Die Scheidung der Geister) kann man die ideenpolitische Kehrtwende des „Bundes“ nur bedingt zuschreiben. „Seit einiger Zeit“ ist beispielsweise eine äußert euphemistische Betrachtung – bedenkt man, dass zu den Waldorfeltern erster Stunde Anthroposophen wie der Rassenkundler Richard Karutz gehörten. Letzterer forderte 1923 nach der Ruhrgebietsbesetzung die Abschaffung des Französischunterrichts, Steiner dagegen betonte, die überlebte, hohle Sprache der degenerierten Franzosen werde schon noch von allein verschwinden. Politisches Kontinuum der Anthroposophie – der ihre wechselnden Anbiederungen und Teilverschmelzungen mit Lebensreform, NS, 68ern oder der neuen völkischen Bewegung zu einem guten Teil mitprägt – ist der Hass auf „den Westen“, der von okkulten schwarzmagischen Logen beherrscht wird und für „den Materialismus“ steht, ein jüngeres Beispiel dafür wird unten diskutiert.

Es ist offensichtlich, dass die neue Haltung des Waldorfbundes kaum aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte erwächst, sondern in erster Linie eine Reaktion auf die politische Gegenwart darstellt. „Reichsbürger“, Verschwörungsfans, Pegidisten, „besorgte Bürger“ aller Fraktionen sind in der deutschen Öffentlichkeit derzeit stark präsent und werden öfter kritisch thematisiert. Unter diesen Vorzeichen steht auch die waldorfinterne Debatte. Deren Kritiker haben freilich seit den 90er Jahren darauf hingewiesen, dass rechtslastige Neigungen von Waldorflehrern öfter vorkamen. „Lauter Einzelfälle“ nannte Peter Bierl die Einleitung seines Buches „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister“. In den letzten Jahrzehnten hat der „Bund“ aber anscheinend keine Probleme gesehen.

Trotz der weitgehend fehlenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist die neue Intention jedoch zweifellos unterstützenswert. Es geht in der Tat um Kinder und Jugendliche, die man vor Unsinn beschützen sollte. Dieses Ansinnen aber fällt fatal auf die Waldorfbewegung zurück, wie Andreas Lichte nach dem Vorfall in Minden kommentiert hat: „‚Rechter‘ Waldorflehrer muss gehen, Rudolf Steiner bleibt“. Lichte weist auf Steiners Rassetheorien hin – wie in allen seinen Artikeln, während die antiamerikanischen und verschwörungshysterischen Ideologeme kaum einmal und niemals mit der Wichtigkeit vorkommen, die sie auch im heutigen anthroposophischen Diskurs (im Gegensatz zu den Rassetheorien) faktisch haben.

„Medusenartige Tabus“, oder: „Ukraine, Israel, ISIS, TTIP“

Obwohl dieses Thema hier in letzter Zeit sehr oft zur Sprache kam, muss man festhalten: Es wird allgemein unterschätzt, welche Bedeutung konspirationstheoretische Motive in der anthroposophischen Geschichte hatten – Von Steiner zu Steffen, von Büchenbacher zu Beuys, von Wachsmuth zur Renate Riemeck usw. usf. In der Zeit des Nationalsozialismus waren auch die Waldorfschulen vielfach mit verschwörungstheoretischen Vorwürfen konfrontiert und reagierten darauf charakteristisch. Ein Beispiel hat die Historikerin Karen Priestman dokumentiert: Ende 1933 hielt ein NSDAP-Mitglied A. Schönthal in Stuttgart einen aggressiven Vortrag gegen die Waldorfschulen (mit den alten Vorwürfen: Nähe zum Marxismus, Steiner sei Jude, Freimaurerei) und bezog sich auf die mächtige Weltverschwörung. Ihm antwortete ein Stuttgarter Waldorflehrer Dr. Emmert aus anthroposophischer Perspektive: “While Emmert conceded that there were dangerous secret societies in existence, he rejected Schonthals claims that the Anthroposophy Society was one of them.” (vgl. Waldorfschulen 1933-1945) Das ist die Ironie der anthroposophischen Politik. Für die Hetze gegen Freimaurer, Jesuiten und Okkultisten stets aufgeschlossen, übernahmen Anthroposophen stets Muster, mit denen zugleich sie selbst diffamiert wurden.

Die anthroposophischen Verschwörungstheoretiker unserer Tage mögen jede Form des Faschismus für dämonisch inspiriert halten, bedienen sich aber nach wie vor politischer Denkmuster, die mit denen völkischer Strömungen unmittelbar korrespondieren. So ist es zwar begrüßenswert, wenn Kullak-Ublick sich für brauchbaren Politik- und Wirtschaftsunterricht ausspricht und schreibt: „Aus gegebenem Anlass möchten wir Sie allerdings mit einiger Sorge darauf hinweisen, dass bei der Einladung von Gästen, die mit den Schülerinnen und Schülern an diesen Themen arbeiten, darauf zu achten ist, dass man sich nicht irgendwelche Verschwörungstheoretiker ins Haus holt – oder Schülern unreflektiert gestattet, dies zu tun.“ Ein Programm der Nicht-Einladung solcher Gäste übersieht, dass die Themen, die im Waldorfumfeld politisch virulent sind (wie Direkte Demokratie oder Bedingungsloses Grundeinkommen), sich auch in der neuen Rechten großer Beliebtheit erfreuen.

Ein best of anthroposophischer Konspirationshysterie bringt in der jüngsten Ausgabe die rechtsanthroposophische Zeitschrift „Der Europäer“ auf den Punkt. Die erscheint im Basler Perseus-Verlag, der namengebende griechische Heros wird im Editorial der jüngsten Ausgabe als „Michaelkämpfer“ gedeutet:

„Im Sinne dieses Motivs versuchen Verlag und Zeitschrift seit mehr als drei Jahrsiebten, in vernunftgeleiteter Art aktuelle Gegenwartsfragen zu behandeln, die oft von einem Wall von irrationalen Emotionen oder medusaartigen Tabus umgeben sind – wie zum Beispiel die Ereignisse des Ersten Weltkriegs, des Nationalsozialismus, der westlichen Machtpolitik oder auch spirituelle Strömungen, die das Fundament der Geisteswissenschaft zu untergraben suchen usw.“

Der erste Weltkrieg wird dabei etwa stets verschwörungstheoretisch verhandelt. Michaels Gegner ist laut Rudolf Steiner Ahriman, dem man alle Grauen der Moderne zuschieben kann, ohne sich irgendeiner Analyse widmen zu müssen.  Ahriman wird sich leibhaftig inkarnieren – natürlich „im Westen“, wie die „Europäer“ nochmal eigens betonen. In der Ankündigung einer Veranstaltung mit Chefredakteur Thomas Meyer auf der „Perseus“-Webseite liest man:

„Ukraine, Israel, ISIS, TTIP, der «Krieg gegen den Terror» – alle diese Kriegs- und Krisenherde sind ohne geistige Gesichtspunkte letztlich nicht durchschaubar. Rudolf Steiners 8 Vortragsäußerungen über die nahende Inkarnation Ahrimans im Westen (GA 191 und 193) bieten den spirituellen Schlüssel zum Verständnis dieser Ereignisse und Entwicklungstendenzen. Die Inkarnation Ahrimans ist das wichtigste spirituelle Ereignis der Gegenwart. Sie vollendet, zusammen mit der Inkarnation Christi und derjenigen von Luzifer die Trinität von Inkarnationen spiritueller Wesen, die nur einmal stattfinden.“

Diese politisch-spirituelle Apokalyptik ist nur die okkultistisch verbrämte Variante jener Einkreisungsphantasien, die in ganz unterschiedlicher Weise auch die neuen Wutbürger-Bewegungen links und rechts zum Ausdruck bringen. Gegen die hier mitschwingende „Ablehnung der bestehenden politischen Strukturen Europas oder der transatlantischen Beziehungen“, richtet sich der Waldorfbund (freilich ohne auf den „Europäer“ zu verweisen). In Kullak-Ublicks Brief wird, zurecht (und wohl mit Blick auf die in Griechenland angerichteten Katastrophen), aber auch die Unverzichtbarkeit von Kritik an der EU betont. Derart tritt der „Bund“ in einen politischen Diskurs ein, der weit von den Spintisierereien der „Europäer“ entfernt ist und die okkulte Geschichtsmetaphysik hinter sich lässt. Insofern hat der zeitgenössische Transformations- und Diffusionsprozess der „anthroposophischen Bewegung“ (der andererseits beispielsweise zum „Reichsbürger“-Problem geführt haben dürfte), pragmatisch betrachtet, auch seine positiven Seiten. Zeit für Entwarnung ist es aber noch lange nicht.

 

17. Juli 2015 at 10:33 am 9 Kommentare

„Reichsbürger“ – Waldorf Schools and the German Right: Past and Present

by Peter Staudenmaier

Twenty years ago, in an interview with the German newspaper die tageszeitung, anthroposophist Arfst Wagner warned against the influx of far-right currents within the anthroposophical movement. Though his comments raised some eyebrows among Rudolf Steiner’s followers, there was little noticeable effect on anthroposophy and its institutions or worldview. Two decades later, in January 2015, the official leadership of the German federation of Waldorf schools seems to have suddenly started paying attention. A new brochure has appeared offering an analysis of the appeal that Waldorf education, biodynamic agriculture, and other anthroposophist endeavors continue to have for segments of the far right. Although it is a welcome step in the right direction, it is a small step, and there is a long way still to go.


The twenty-four page brochure has already attracted attention from Der Spiegel and other media; a number of sarcastic commentaries have appeared online. Its focus is on the so-called Reichsbürgerbewegung or “Reich citizens movement,” an amorphous collection of disaffected Germans who claim that the old empire or Reich – dismantled in 1918 and destroyed in 1945 – still exists. Thus the current German state, in the eyes of these would-be “Reich citizens,” is illegitimate. In this old-new ideology of the Reich, as the brochure points out, esoteric beliefs and right-wing radicalism go hand in hand.

Why would Waldorf officials care? A few months ago there was a minor media scandal when the principal of a Waldorf school in northern Germany was fired because of his involvement in the Reich citizens movement. The incident led to headlines announcing “Nazi suspicions at Waldorf school.” This is by no means the first such case at a Steiner school, but this time Waldorf leaders have responded differently: They have offered a substantive critical engagement with the ideological roots of the affair, attempting at last to discern the latent affinities between anthroposophy and the far right. From this perspective, the brochure is an encouraging if overdue departure from previous practice.

Delineating the Reich citizen ideology is no simple task. The newspaper Die Zeit has captured it aptly as a mixture of “conspiracy theory and antisemitism in the name of peace.” The new brochure provides the following description: “a marketplace of mismatched ideological components” combining “antisemitism, vegetarianism, belief in UFOs, conspiracy theories, and feel-good esotericism,” in which “proclamations of humanist sentiment and populist nationalism can merge together.” This is not a uniquely German phenomenon. In a US context, the movement is comparable in some ways to the “sovereign citizens” subculture with its anti-government resentments, who dream of “freedom from taxes, unlimited wealth, and life without licenses, fees or laws,” in the words of the Southern Poverty Law Center. Its more extreme versions, such as Posse Comitatus organizations or the notion that Americans live under a “Zionist Occupation Government,” are often intertwined with regional and ethnic-racial separatism.

In Germany, beliefs like these fit readily with anti-American antipathy. The historical reasons for this are important to keep in mind. Purveyors of Reich ideology mix these elements with Nordic mythology and invocations of Atlantis, with enthusiasm for alternative currencies, skepticism toward globalization, and a longing for peace and harmony in a world marked by violence and upheaval. It is an unsurprisingly inconsistent worldview. While much of the Reich citizens’ literature is obsessed with the Allies (above all the US) as supposed occupying powers in Germany, their ire is largely reserved for the European Union. Nebulous denunciations of the evils of global capitalism rub elbows with hymns to the inviolability of private property.

Like its counterparts elsewhere, the Reich citizens movement is a classic instance of left-right crossover and a symptom of profound political confusion. Its adherents recycle hoary antisemitic legends and even anti-Masonic conspiracy myths from the era after the First World War. There are numerous esoteric connections. Waldorf schooling as well as biodynamic farming remain especially attractive within this segment of the far-right milieu. Perhaps the most important part of the brochure is thus the section on Waldorf, anthroposophy, and Nazism.

Here the brochure makes a clear call for taking history seriously, for understanding the past in order to understand the present. Even if this is framed self-interestedly as the far right posing a danger to the Waldorf movement, it represents a notable advance over the usual anthroposophist strategy of avoiding the issue. Still, the brochure’s version of the history of Waldorf schooling in Nazi Germany continues the familiar line, strongly emphasizing Nazi persecution of Waldorf while neglecting the many points of collusion between Waldorf leaders and the Nazi regime. Though the brochure cites the important research of Karen Priestman, Ida Oberman, and Wenzel Götte on Waldorf education in the Nazi era, it fails to include the critical findings these studies helped bring to light. And when the brochure does mention Waldorf cooperation with Nazi officials, it is solely under the rubric of “compromise”; there is no mention whatsoever of the enthusiasm within the Waldorf movement for Nazism’s new order.

Beyond these historical inadequacies, the brochure suffers from a myopic perspective on the current salience of right-wing themes within the Waldorf world. As a striking example, it does not mention former Waldorf teacher and neo-Nazi leader Andreas Molau by name (though it does refer to him obliquely and defensively), despite the fact that Molau’s career as a Waldorf teacher who was simultaneously active in the radical right – for eight full years, from 1996 to 2004 – perfectly embodies the very problem the brochure is meant to confront. Nor is there any mention of the role of Lorenzo Ravagli, a current prominent Waldorf leader and editor of the major Waldorf journal, in nursing such links to the far right, whether in the case of Molau or of anthroposophist Holocaust denier Gennadij Bondarew.

Needless to say, there is no examination anywhere in the brochure of Steiner’s own considerable contributions to the same myths propagated by the Reich ideology. Conspiracy narratives loom large in Steiner’s works, as well as in the publications of his follower such as Karl Heise, and there is a lengthy and unfortunate history of anthroposophist antisemitism. Although the brochure makes appreciable strides toward a more historically informed and politically aware treatment of the topic, the aversion to a full and honest reckoning persists, reflecting the longstanding Waldorf allergy against tracing these dynamics back to Steiner himself.

These failings are hardly peculiar to anthroposophy. Similar critiques have been lodged, with reason, against followers of Silvio Gesell and of C. H. Douglas and social credit. Steiner was not the only would-be world savior to draw on dubious sources, and his latter-day disciples are not the only ones to ignore their own troubled legacy and blithely disregard its ongoing repercussions. But the standing of Waldorf schools within the broader field of alternative education indicates why such concerns arouse greater attention. The problem is not one of potential embarrassment. The problem is not that Waldorf’s carefully cultivated image might be damaged. It is not a matter of image at all. The problem is that the underlying partial compatibility between Waldorf values and the ideals of the far right has gone unnoticed and unaddressed for far too long.

However fitfully, that has begun to change. A younger generation of anthroposophists and Waldorf supporters is starting to challenge the traditional historical complacency of their forebears. New perspectives are opening up in which a sober assessment of anthroposophy’s unsettled past no longer induces anxiety and hostility. The new approach faces intense opposition, and a lot of difficult work lies ahead if the Waldorf movement is ever going to deal straightforwardly with its own history. A brochure like this one demonstrates that such an approach is possible, while also showing how much more still needs to be done.


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Peter Staudenmaier  (Foto: privat) ist Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University (Milwaukee, Wisconsin). 2010 promovierte er an der Cornell University zum Thema “Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the Politics of Race and Nation in Germany and Italy, 1900-1945.”, erschienen bei Brill.


Siehe auch:

Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung. Annäherungen und Abgrenzungen

Die Scheidung der Geister. Zwischenbilanz zur anthroposophischen Erinnerungskultur

Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus. Wie England den deutschen Volksgeist besiegte

„Ja, gewiss kam es zu Spannungen“ – Interview mit Peter Staudenmaier zu Rassismus, Nazismus und Anthroposophie

28. Januar 2015 at 12:00 pm 7 Kommentare

Alle Jahre wieder: Waldorf und Oberuferer Weihnachtsspiele

„Wenn Weihnachtspiele aufgeführt wurden in Gegenden Oberungarns, da sammelte, wenn der Oktober oder November herannahte, der, welcher die früher nie aufgeschrieben überlieferten Weihnachtspiele hatte – denn das Aufschreiben wurde als eine Profanierung angesehen -, diejenigen Menschen, die er für geeignet hielt. Und geeignet waren in dieser Weihnachtszeit wirklich Menschen, von denen man es vielleicht sonst nicht vorausgesetzt hatte: lose, nichtsnutzige Buben, die schon ihr gut Teil an allem möglichen Allotria während des Jahres getrieben hatten. Während dieser Zeit aber senkte sich in diese Seelen die nötige Stimmung … Klingt Ihnen nicht in dieser Gepflogenheit etwas nach von jenem Bewußtsein, das da war an heiligen Stätten in den alten Mysterien, wo man auch nicht gedacht hat, daß man zur Weisheit kommen kann durch eine gewöhnliche Schulung?“
– Rudolf Steiner, GA 125, 237

Eine der besser bekannten geistigen Vaterfiguren Rudolf Steiners war der Wiener Germanistikprofessor und Goetheverehrer Karl Julius Schröer. Der hat Steiner nicht nur dessen Position als Herausgeber der Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes eingebracht. Neben vielem anderen begeisterte Schröer Steiner bedauerlicherweise für die sog. „Oberuferer Weihnachtsspiele“, die wohl im 16. Jahrhundert nach Oberufer im heutigen Ungarn gelangten und mit denen Waldorflehrer ihre Schüler alle Jahre wieder zu Weihnachten quälen, weil der Guru hier in deutschen Sprachinseln bewahrte Mysterienkultur erblickte. Von versteinerter Tradition zu antisemitischen Inhalten zeigt sich in den drei Weihnachtsspielen, wo auch immer ihre frühesten Wurzeln liegen mögen, heutzutage Waldorfpädagogik in a nutshell.

Karl Julius Schröer (1825-1900)

Oberuferer Weihnachtsspiele und Waldorf-Folklore

Viele Waldorfschulen führen bis heute diese drei ländlich-traditionellen Weihnachtsspiele auf, die Steiner an der ersten Schule in Stuttgart etablierte und vorher längst im theosophisch-anthroposophischen Kontext institutionalisiert hatte. Im „Paradeis“-, „Christgeburt“- und „Dreikönigsspiel“ werden nacheinander Sündenfall, Jesu Geburt sowie die Ankunft der drei Weisen aus dem Morgenland beschrieben. Schröer hat sie entdeckt und nach dem Dialekt ihres donauschwäbischen Fundortes (bei Pressburg) benannt. Die Historikerin und ausgebildete Waldorflehrerin Ida Oberman notiert in ihrer Geschichte der „Waldorf Movement“ über die drei Stücke:

„…and, come Christmas time, they are still performed by the faculty at the Stuttgart mother school in their old German and in the precise form in which Schröer discovered them. The plays are one of the Waldorf traditions that has been consistently maintained over the years, through all the changing cultural settings. Whether in Los Altos, California or The Haag, Holland, Waldorf faculty in December still practice and perform these Oberuferer pieces. … 1994 on the Internet’s „Steiner“ list server, a message was sent out from a newly-founded Waldorf charter in Arizona, with an urgent call for advice on „how to perform the Christmas plays.“ This task was being taken on a beginning faculty, none of whom had ever performed the piece. It is interesting that, though none had ever done it before or knew how, it was taken granted that the plays should be performed.“ (Ida Oberman: The Waldorf Movement in Education from European Cradle to American Crucible, Lewiston/Queenston 2008, 26)

Wer ein aktuelleres Zeugnis sucht, findet im Verbandsmagazin des Waldorfbundes, „Erziehungskunst“, Ausgabe 12/2014, die Festansprache zur Aufführung des Christgeburts- und Paradeisspiels im Dezember 2014 auf der Stuttgarter Uhlandshöhe. In blödsinniger Abwandlung eines sehr viel größeren chassidischen Verses wird da verkündet, längst wisse zwar keiner mehr, was nun der genaue Zweck und was die wirklich kanonische Fassung sei, aber das sei ja auch irgendwie schön so:

„Und wir schweigen und hören und schauen – wie gut das heutzutage tut! – , und begegnen ihnen wieder den altbekannten Gestalten, Sternsinger, Engel, Teufel, Adam, Eva, Maria, Joseph den Hirten und Wirten, all diesen Gestalten die wir lieben oder die wir mit Misstrauen betrachten … Diese unerschöpflichen Bilder bewegen uns als kleine und große »alte« Kinder, und manchmal leuchtet der Goldgrund des Verstehens aus dem rätselvollen Dunkel auf. Denn dieser Goldgrund, der früher gefühlt wurde, kann heute bewusst aufgesucht werden.“ (Siegmund Baldszun: Bis’d hikumscht)

Ein anderer Artikel im selben Heft verkündete, die Stücke seien „relativ alt, aber trotzdem höchst aktuell. Sie sind Urbilder des menschlichen Lebens…“ (Martin-Ingbert Heigl: Von Hirten und Wirten) An den Schulen hört man die Stücke nach wie vor im Oberuferer Dialekt und mit einer kanonisch festgelegten Kleider- und Farbensymbolordnung – auch der anthroposophisch geprägte Holzspielzeug-Hersteller „Ostheimer“ bietet Weihnachts-Krippenfiguren an, die dieser fixierten Darstellung folgt. Mir sind allerdings Varianten in der Melodie der gesungenen Lieder oder sonstige Detailvariationen an unterschiedlichen Orten aufgefallen.

Sinnigerweise wird in der letzten Schulwoche das Christgeburtsspiel und nach Schulanfang im frühen Januar das Dreikönigsspiel aufgeführt. Der Besuch ist oft bis zur achten Klasse (und zuweilen länger) obligatorisch, wobei den zarten Kinderseelen das Paradeisspiel erst ab der 3. Klasse (in der der Lehrplan ohnehin Erzählungen aus dem Alten Testament vorsieht) zugemutet wird und der bildgewaltig ausgetragene Kampf zwischen himmlischen und höllischen Mächten im Dreikönigsspiel nicht selten erst ab der 5. Klasse besucht wird. Wer sich eine Aufführung geben möchte, findet Mitschnitte von Aufführungen mindestens des Christgeburtsspiels bei Youtube.

Historische Darstellung des Oberuferer Christgeburtsspiels – noch ohne dogmatisierte anthroposophische Farb- und Kostümordnung

Was gern als „Geschenk“ der Lehrer für die Schüler vorgestellt wird, beeindruckt freilich Erstklässler, wird von Pubertierenden unendlich verachtet und gehört dann später zu den unverwechselbaren, liebevoll augendrehend erinnerten Anekdoten von Waldorfschülern. Christian Grauer meinte in „Endstation Dornach“: „…Gott im Himmel, es ist nunmal Tradition geworden. Ist doch auch nett, wenn sich die Lehrer am Jahresende vor den Schülern zum Affen machen. Solange man da keine metaphysische Bedeutung hineininterpretiert, habe ich kein Problem damit.“ Das wird bei enthusiastischen Anthroposophen aber sehr wohl der Fall sein. Wie Kung-Pei Tang in seiner Dissertation über die taiwanesischen Waldorfschulen (S. 76) berichtet, werden die Stücke selbst vor Schülern mit einem ganz und gar nicht christlichen oder auch nur europäischen religiös-kulturellen Hintergrund aufgeführt. (vgl. Waldorf in Taiwan)

„…von den Schülern nicht mehr akzeptiert“

Wie auch immer die Transfer- und Kanonisierungsprozesse international aussehen und schwanken mögen: In Deutschland indes schlägt sich auch bei der Aufführungspraxis der Spiele nieder, dass nur noch ein alterndes Drittel der Waldorflehrer sich selbst unter die Anthroposophen rechnet. (vgl. dazu „Die richtige Gesinnung“) An manchen Schulen wird aus verschiedenen Gründen (man versteht Lehrer, die sich zum Ende des Halbjahres auf anderes als Gesangs- und Kostümproben konzentrieren) höchstens noch das Christgeburtsspiel allein eingeübt. An anderen führt der örtliche „Zweig“ der Anthroposophischen Gesellschaft oder die Gemeinde der „Christengemeinschaft“ die Spiele stattdessen auf – gern auch für die Waldorfschüler. Gelegentlich entfallen die Stücke ganz.

Die so faktenschwache wie meinungsstarke Waldorfkritikerin Irene Wagner berichtete, ohne dies eigens zu intendieren, von einem Fall, in dem eine Schule offenbar keine Besuchspflicht für Schülerinnen und Schüler hatte. Da Wagner fälschlich davon ausging, die Stücke müssten ja wohl von Schülern ausfgeführt werden, schließlich höre man so viel vom Theaterunterricht der Waldorfschulen, echauffierte sie sich über den Mangel an jungen Zuschauern, statt eine der halbjährlichen „Achtklassstücke“ oder „Zwölftklassstücke“ zu besuchen:

„…Auch das Vortragen des Zeugnisspruches und das tägliche Rezitieren des Morgenspruchs bewirken vermutlich ein zunehmend sicheres Auftreten vor Publikum. Umso erstaunlicher ist es, dass bei dem alljährlichen Weihnachtsspektakel anscheinend nicht genügend Schüler zur Verfügung stehen, um das Oberuferer Weihnachtsspiel aufzuführen … Nach meiner Beobachtung waren an der Aufführung kaum Schüler beteiligt. Auch im Publikum waren nur wenige Schüler anwesend. Insgesamt waren es mehr ältere Menschen und unter diesen mehr Frauen als Männer, die sich das Mysterienspiel ansehen wollten. Ein paar Familien mit Kindern waren auch da.“ (Wagner: Rudolf Steiners langer Schatten, 140f.)

Auch in der restlichen Waldorfwelt ist angekommen, dass die Stücke an einigen Schulen niemandem mehr so richtig sinnvoll vorkommen. 2009 las man einen aufgeregten Artikel in der „Erziehungskunst“: „Immer wieder hört man aus den verschiedenen Schulen, die Weihnachtspiele würden von den Schülern nicht mehr akzeptiert. Den Lehrern fehle deshalb auch die Motivation. Hinzu kommt die zeitliche Überlastung“. Doch Autor Wilfried Ogilvie wusste: Das Aussterben der Spiele an den Schulen wäre Sieg des „Intellektualismus“ über die „Aufnahmefähigkeit für Geistiges“. Die trockenen Schülerseelen, denen Geist selbstredend nur durch Anthroposophie zugeführt werden kann, haben für Ogilvie geradezu ein Recht darauf, die Stücke zu erleben:

„Die Jugend wächst heute in einem rudimentären Kulturleben auf. Nehmen wir ihr nicht noch diese Urbilder menschlicher Substanz, die wir aus ihrem Unterbewusstsein aufrufen können! Ihr ganzes Leben lang werden sie ihnen dann latent erreichbar bleiben: Das Bewusstsein von unserem Ursprung – der Ruf aus der Zukunft; die Sehnsucht nach dem reinen Gemüt der Hirten; das Streben nach dem Geistbewusstsein der Könige.“ (Ogilvie: Rettet die Weihnachtsspiele)

Servile Juden

Die Texte im rekonstruierten mutmaßlichen Original (der sog. „Berliner Fassung“) gibt es hier, Steiner selbst edierte eine leicht veränderte Fassung, in der auch Regieanweisungen enthalten sind. Im Dreikönigsspiel treten drei jüdische Hohepriester, Kaifas, Pilatus und Jonas auf, die den teuflischen Kindermörder Herodes beraten. In den Regieanweisungen der von Steiner edierten Version heißt es über sie:

„Kaifas, Pilatus und Jonas springen herein. Ihre Aussprache ist jüdisch, ihre Gebärden ungemein lebhaft; alle drei sind in steter Bewegung, küssen sich, nach rechts und links springend, in gebeugter Stellung auf die Schultern, küssen einander gegenseitig, schlagen die Hände zusammen und sprechen dem König mit karikierter, dem Gesagten immer entsprechender Gebärde das letzte Wort im Chore nach.“ (zit. n. Rudolf Steiner: Weihnachtsspiele aus altem Volkstum, Dornach 1965, 81)

Die Stelle zeigt den friedlichen Einklang zwischen mittelalterlichem Antijudaismus und hundert Jahre alter anthroposophischer Folklore. Die Darstellung zu kritisieren, blieb wie üblich der einzigen letztlich liberal-anthroposophischen Zeitschrift, Info3, überlassen. Dort erinnerte sich 2006 der ehemalige Waldorschüler und „spirituelle Dienstleister“ Sebastian Gronbach, der inzwischen aus dem anthroposophischen ins weitere New Age-Milieu diffundiert ist, an „diese grausligen Karikaturen“, die jährlich auf Waldorfbühnen gezeigt würden. Eine Darstellungspraxis, so Gronbach, „wie sie außerhalb des anthroposophischen Zusammenhangs höchstens noch Applaus im Lande von Ahmadinedschad bekommen hätte.“ (Gronbach: „Unheimlich grauslig war das Sprechen der Juden“, Info3 10/2006, 46ff.)

2009 legte Gronbach in einem Interview mit Hansjörg Hofrichter von der „Pädagogischen Forschungsstelle“ des Bundes der Freien Waldorfschulen nach: „Warum wird an vielen Waldorfschulen das Dreikönigsspiel aufgeführt, das in seiner Darstellung der Juden an sämtliche antisemitischen Klischees anknüpft, die spätestens seit dem Holocaust als unerträglich gelten?“ (vgl. Drei Fragen an Hansjörg Hofrichter, Facebook) Hofrichter verneinte den antisemitischen Gehalt und freute sich, überhaupt veränderten sich die Stücke, weil immer mehr und öfter Schüler in die Aufführungen eingebunden würden. Überdies habe die – nach 2006 tatsächlich breiter diskutierte – Kritik an den judenfeindlichen Karikaturen auch Konsequenzen für manche Schulen gehabt:

„Das Dreikönigsspiel wird an manchen Schulstandorten nicht mehr aufgeführt. So hat man das Problem dann auch los. Andererseits haben Schulen sachgerecht sich auch klar gemacht, dass es sich um „Schriftgelehrte“, also Sachverständige handelt, die den König Herodes beraten. Das müssen ja zwangsläufig nicht „Juden“ sein – obwohl das historisch wohl so war -, sondern können, wie bei neuzeitlichen Regierungen auch zum Beispiel Professoren sein. Die kann man dann auch entsprechend kostümieren. Ich habe auch schon Aufführungen gesehen mit einer Kostümierung, die mich an griechisch-orthodoxe Priester erinnerte.“ (ebd.)

Das Gerücht über die Juden lässt sich, das wissen auch Waldorfpädagogen zu nutzen, freilich jederzeit in Ressentiment gegen moderne Regierungen oder Intellektuelle transformieren. Aber kreativ ist Waldorf eben darin, auch mit der verstaubtesten Tradition nicht Schluss zu machen. So werden die Stücke dann lieber doch zuweilen abgewandelt und „modern“ inszeniert, zum Beispiel an der Waldorfschule Trier. (vgl. Anna-Katharina Dehmelt: Weihnachtsspiel mit Video, Erziehungskunst 12/2010) Jedenfalls lieber, wie’s scheint, als anstelle von Unsinn irgendetwas Sinniges zu etablieren.

31. Dezember 2014 at 2:34 am 9 Kommentare


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