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Die Rache des Steiner-Verlags

Still und leise ist die lang erwartete Neuauflage von Rudolf Steiners Buch „Geisteswissenschaftliche Menschenkunde“ erschienen. 2007 hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien dieses Buch (und ein weiteres aus Steiners Feder) unter Kommentarzwang gestellt, weil sich darin diskriminierende Aussagen über vermeintliche „Rassen“ finden. Doch die Kommentierung des nun neu erschienenen Buchs irritiert mehr, als sie erklärt: Es werden Entlastungsargumente bemüht, die altbekannt und längst widerlegt sind, es werden Zitate angeführt, um Steiners „Antirassismus“ zu beweisen, die sinnentstellend aus dem ursprünglichen Aussagekontext gerissen sind – überdies wurde der Vortrag umbenannt, ohne, dass dies kenntlich gemacht wurde.
Neu Interessierte Leser_innen finden in den folgenden zwei Abschnitten alle nötigen Informationen – wer die Vorgeschichte schon kennt, kann ab der Überschrift „Sonderhinweis zum Vortrag vom 9. Mai 1909“ weiterlesen.

Ein Urteil…

„Man mag dazu stehen, wie man will – die Anthroposophen gehören zur Sorte jener Idealisten, für die das Allgemein-Menschliche und die Überwindung jedweder Form des Nationalismus zu den höchsten Maximen gehört, für deren Realisierung de facto unendliche Opfern gebracht werden.“, schrieb 2001 Dr. Walter Kugler, Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach (Feindbild Steiner, Stuttgart 2001, S. 54). Für eine gesellschaftliche Bewegung mit diesem Selbstbild – und verständnis, egal, ob zurecht oder zu Unrecht, ist es schockierend, mit dem Vorwurf des Rassismus und Nationalismus belegt zu werden, und der Vorwurf wird mit allen Mitteln abgeblockt. Und dennoch: 2007 beriet die BPjM, die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“, zwei Bücher aus dem stupend umfangreichen Vortagswerk des berühmten Esoterikers Rudolf Steiner (1861-1925) auf den Index zu setzen.

Walter Kugler (Foto von Barbara Klemm)

Walter Kugler, Leiter des Rudolf Steiner Archivs: „Zweifellos, es gibt Äußerungen im dreihundertbändigen Werk Steiners, die treiben uns Veteranen der Anti-Vietnam-Generation den Schweiß aus allen Poren und mitten auf die Stirn … Und dennoch … dürfte deutlich werden, dass Steiner nicht nur dem Rassenbegriff einfach ausgewichen ist, sondern dessen Anachronismus erkannt und ihm seinen Platz in der Geschichte zugewiesen hat.“ (Feindbild Steiner, a.a.O., S. 15, 27). (Auch) das ist im Folgenden zu diskutieren. (Das Foto verdanke ich dem Steiner-Archiv, Fotografin ist Barbara Klemm, FAZ)

Rudolf Steiner, Begründer des esoterischen Weltanschauungskosmos‘ der „Anthroposophie“, Ideengeber der Waldorfpädagogik sowie diverser anderer alternativkultureller Konzepte und Unternehmen, hat heute begeisterte Epigonen und überwiegend minder begeisterte Kritiker_innen. Zwei davon, die Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann, sowie der Grafik-Designer mit Waldorflehrer-Fortbildung Andreas Lichte hatten 2006 zwei Gutachten beim Familienministerium eingereicht, um eine Indizierung der Bücher anzuregen. Das Ministerum seinerseits stellte auf deren Grundlage einen Antrag an die BPjM. Gegenstand waren die seit den 90ern in jeder Diskussion um die Anthroposophie obligatorisch diskutierten Äußerungen Steiners über „Rassen“. Steiner, wissenschaftlich sozialisiert im Zeitalter von Eugenik und Sozialdarwinismus, breitete ab 1902 in seinen zahlreichen  esoterischen Schriften und Vorträgen die Vision einer allumfassenden, „kosmischen“ Evolution aus, die auch verschiedene Menschen“rassen“ hervorgebracht habe:

„Unter Theosophen stritt man sich allenfalls noch – aber das nach Kräften -, ob nun der deutschen oder britischen oder amerikanischen Rasse die Zukunft gehöre … In diesem Evolutionsrahmen hat er [Steiner] dann wie beiläufig, aber ohne Augenzwinkern, Äußerungen getätigt, die bis heute als Erbstücke des Rassismus aus dem 19. Jahrhundert gallig aufstoßen: Indianer als ‚degenerierte Menschenrasse‘ ‚im Hinsterben‘, schwarze Afrikaner mit dem Stigma der ‚zurückgebliebenen‘ Rasse, das ‚alte jüdische Volk‘ mit einem kollektiven ‚Gruppen-Volks-Ich‘. So brachte Steiner eine Top-down-Ordnung in die Geschichte von Völkern und Rassen … Mit seiner Konsequenz hat Steiner der Anthroposophie ein bitteres Erbe aufgebürdet, dessen Schlagschatten bis in die Gegenwart reichen.“ (Helmut Zander: Rudolf Steiner – die Biographie, S. 185f.)

In der Tat: Die BPjM hörte den Bund der Freien Waldorfschulen, die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung und den (eben zitierten) Religionswissenschaftler Helmut Zander an – und kam bei beiden zur Diskussion stehenden Büchern zu folgendem Urteil:

„Der Inhalt des Buches ist nach Ansicht des 12er-Gremiums in Teilen als zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen … Das 12er-Gremium hat jedoch aufgrund der Erklärung desVerlages, zukünftig das benannte Buch nicht mehr in der vorliegenden Form zu veröffentlichen, gemäß  18 Abs. 4 JuSchG, und damit wegen Annahme eines Falls von geringer Bedeutung, von einer Listenaufnahme abgesehen … Die in Vorbereitung befindliche Neuauflage wird, in Anlehnung an die Verfahrensweise bei den niederländischen Ausgaben [von Steiners Werken: die niederländische Anthroposophische Gesellschaft hat bereits Ende der Neunziger reagiert – A.M.], eine kommentierte Ausgabe sein. Damit ist nach Auffassung des Gremiums gewährleistet, dass die Rassen diskriminierenden Äußerungen auch von Jugendlichen eingeordnet und kritisch betrachtet werden können.“ (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Pr. 783/06, Entscheidung Nr. 5506 vom 6.9.2007, S. 5-8)

Unter Kommentarzwang gestellt und jetzt wieder aufgelegt: Band 107 der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe

…und seine Folgen

Damit wären die Essentials geklärt: Der Rudolf-Steiner-Verlag sicherte eine kommentierte Neuauflage zu, durch die sichergestellt würde, dass auch für so naiv-dumme Jugendliche wie mich verständlich wird, dass Steiners Rassismus Rassismus ist.

Bevor ich das kürzlich erschienene Resultat bespreche, will ich noch einige Reaktionen innerhalb der Anthroposophischen Szene auf das BPjM-Verfahren schildern, wo im Folgenden Stellung zum Verfahren und zu Steiners Rassentheorie genommen wurde.

Die Redaktion der „Flensburger Hefte“  hatte bereits 1993 zugestanden: „Es gibt sie wirklich, jene angeblichen Äußerungen Rudolf Steiners … im Dickicht der über dreihundert Bände“ (Thomas Höfer: Der Hammer kreist, Flensburger Hefte, 41, Nr. 6/1993, S. 4). Auch eine eigens zusammengerufene „Kommission“ der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden hatte in den Neunzigern immerhin zugestanden, dass sich nach heutigem Recht strafbare Äußerungen über „Rassen“ in Steiners Oeuvre finden – eine systematische Rassenlehre jedoch abgestritten. Ende 2007, nach dem Urteil der BPjM, wich nun der „Bund der Freien Waldorfschulen“ einer Distanzierung aus und postulierte, es gebe „Formulierungen“, die, allerdings nur „aus heutiger Sicht … diskriminierend wirken“ (Stuttgarter Erklärung). Auch inneranthroposophisch wurde diese Auffassung widerlegt: Anfang 2008 legte die Zeitschrift „Info3 – Anthroposophie im Dialog“ ein „Frankfurter Memorandum“ vor. Dessen Unterzeichner  bestritten zwar weiterhin die Existenz einer expliziten Rassentheorie in Steiners Werk (vgl. dazu kritisch Peter Staudenmaier sowie Stephan Geuenich, in der Fußnote 2), aber sie kamen überein:

„Die niederländische Kommission identifizierte 16 ernsthaft diskriminierende oder rassistische Äußerungen; die Verfasser dieses Memorandums neigen dazu, einige weitere Zitate zu der schwerwiegenderen Kategorie I. zu zählen. …

Auf diese Äußerungen trifft eine der maßgeblichen Rassismus-Definitionen zu, wonach Rassismus durch die „verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers entsteht, mit der seine Privilegien oder Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“ (Albert Memmi). Belege für eine Rechtfertigung von rassistischen Aggressionen finden sich bei Steiner zwar nicht. Dennoch ist es sehr bedauerlich, dass solche im weiteren Sinne (A. Memmi folgend lässt sich ein Rassismus im engeren und im weiteren Sinne differenzieren) rassistischen Äußerungen von Steiner gemacht wurden. Auch der zuweilen unternommene Versuch, diese Zitate kontextuell einzuordnen, macht sie nicht annehmbarer. Das dritte Zitat [Steiner: „Die Negerrasse gehört nicht zu Europa und es ist natürlich nur ein Unfug, dass sie jetzt in Europa eine so große Rolle spielt.“] ist z.B. auch dann nicht hinnehmbar, wenn man annimmt, Steiner habe mit dem abschätzig klingenden Wort „Negerrasse“ die schwarz-afrikanische Kultur gemeint. Bei den Zitaten dieser Kategorie handelt es sich auch nicht mehr um ein bloß sprachhistorisches Problem, dem mit einer „Übersetzung“ des Gemeinten in eine „zeitgemäße“ Sprache beizukommen wäre. …“ (Ramon Brüll/Jens Heisterkamp: Frankfurter Memorandum, S. 9)

Keine weitere anthroposophische Zeitschrift oder Organisation legte Vergleichbares vor, im Gegenteil wurde das Memorandum von der waldorfpädagogischen Zeitschrift „ErziehungsKUNST“ empört zurückgewiesen, die rechtsanthroposophische Zeitschrift „der Europäer“ witterte geheimen Steiner-Hass in der Steiner-Nachlassverwaltung, weil sie die inkriminierten Bücher zurückhielt (Marcel Frei: Rudolf Steiner am Dornacher Pranger, in: Der Europäer, September 2010, S. 9, vgl. Bilder und Sachen, Abschnitt „Grabenkämpfe“), die Wochenschrift „Das Goetheanum“ drehte die Aussage der BPjM um und behauptete fälschlich: „Gerade erst gelang es den Vertretern des Dornacher Rudolf-Steiner-Verlages die deutsche ‚Bundesstelle für jugendgefährdete Medien‘ zu überzeugen, dass Steiner in der Tat kein Rassist war.“ (Das Goetheanum). Von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung wissen wir, dass sie sich immerhin zu den Ergebnissen der Niederländischen Kommission bekannte. Seit 2005 sei man ohnehin dabei, Neuauflagen von Steiners Werken mit entsprechenden Kommentaren zu versehen, hieß es im Oktober 2007 (ebd.).

„Sonderhinweis zum Vortrag vom 3. Mai 1909“

Die kommentierte Neuauflage, die sicherstellen sollte, „dass die Rassen diskriminierenden Äußerungen auch von Jugendlichen eingeordnet und kritisch betrachtet werden können“ (BPjM, a.a.O.) liegt nun seit Kurzem vor. In der „Einführung“ zu dem Band schreibt Urs Dietler:

„Einer besonderen Erwähnung bedarf der Vortrag vom 3. Mai 1909 … Steiners gelegentliche Ausführung zum Thema der Rassen, das auch in diesem Vortrag erörtert wird, haben verschiedentlich zu Irritationen und der Frage geführt, ob hier eine Form des Rassismus vorliege.“ (Urs Dietler: Zur Einführung, in: Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Menschenkunde. Neunzehn Vorträge (1908-1909), GA 107, Dornach 2011, S. 16)

…mit keinem Wort erwähnt Dietler, dass die BPjM letzteres sehr wohl bejahte, er verschweigt auch, dass nur deswegen Neuauflage und Kommentar nötig waren, und fährt fort:

„Dass dies in keiner Weise der Fall ist, zeigen der Gesamtduktus seines Denkens und Wirkens und eine Kontextualisierung der in Frage stehenden Ausführungen. In einem Sonderhinweis wird auf diesen Fragenkomplex näher eingegangen (siehe dort Seite 340).“ (ebd.)

Aber auch auf Seite 340 fällt kein Wort über das BPjM-Verfahren, es wird nichts gesagt über die genauen Vorwürfe, die Aufforderung an Jugendliche (oder irgendwen sonst), Steiners Ausführungen zum Rassenthema „kritisch“ zu betrachten, fehlt ebenso. Die Leser_innen erfahren nur: „Dieser Vortrag bedarf in Bezug auf die darin angesprochene Thematik der sogenannten ‚Rassen‘ einer Erläuterung.“ (ebd., S. 340).

… die auf den Fuß folgt, nachdem festgestellt wurde, dass „sich der Herausgeber“ von Steiners Aussagen über „Rassen“ „distanziert“, „insoweit sie heute in irgendeiner diskriminieren [sic!] Art verstanden oder verbeitet werden sollen.“ (ebd.). Dass eine Diskriminierung nicht nur durch Instrumentalisierung von Steiners „Rassen“-Passagen, sondern durchaus in diesen Passagen selbst vorhanden sein könnte, wird nicht eigens erwähnt.

Reichlich schwammige Positionierungen also. Zu dem eben zitierten „Sonderhinweis“ ist überdies negativ anzumerken, dass er nur eine einzige Seite lang ist – und auf dieser einen Seite Text sahen die Herausgeber_innen  sich offensichtlich nicht in der Lage, auf die Inhalte des Vortrags zum 9. Mai 1909 näher einzugehen. Das ist bemerkenswert, da doch der Kommentar bei Einordnung und kritischer Orientierung helfen sollte. Stattdessen legen die Herausgeber zwei vorgeblich anti-rassistische Zitate Steiners und einige relativierende Bemerkungen zum gesamten Stellenwert des „Rassen“-Themas in Steiners Werk vor und erwecken den Eindruck, sie wüssten selbst nicht genau, warum sie all das schreiben (müssen).

Der umbenannte Vortrag und sein Inhalt

Ich gebe im Folgenden kurz die Darstellungen Steiners im inkriminierten Vortrag vom 3. Mai 1909 wieder, diskutiere anschließend die von den GA-Herausgeber vorgebrachten Ausführungen, die den Rassismusvorwurf zurückweisen sollen, um schließlich die mitgelieferten „antirassistischen“ Zitate zu besprechen. Aber nun endlich zum konkreten Inhalt des entsprechenden Vortrags. Im ausführlichen Inhaltsverzeichnis ist der stichwortartig zusammengefasst:

„Verschiedenheiten der Menschenrassen im Zusammenhang mit der Erdentwicklung. Der Zusammenhang zwischen der Sonneneinwirkung auf die Erde und der Menschheitsentwicklung. … Die Auswanderung der besseren Teile der lemurischen Bevölkerung nach Atlantis. Unterschiedlich entwickelte Menschen in der atlantischen Zeit: «Riesen» und «Zwerge». Die Normalmenschen als das entwicklungsfähigste Volk. Die anderen, ausgewanderten Völker und die Auswirkung ihres Ich-Gefühls auf ihre Hautfarbe: Das nach Westen ausgewanderte Volk mit zu stark entwickeltem Ich-Trieb und seine letzten Reste in der roten indianischen Bevölkerung Amerikas. Das nach Osten ausgewanderte Volk mit zu schwach entwickeltem Ich-Gefühl und seine letzten Reste in der schwarzen Negerbevölkerung Afrikas. Der Zug des Manu und seines kleinen um ihn versammelten Häufleins der für die Weiterentwicklung der Erde ausersehenen Normalmenschen. Die Bevölkerung Europas mit einem stärkeren Ich-Gefühl und die asiatische Bevölkerung mit einer passiven, hingebenden Natur. Die verschiedenen Gottesvorstellungen. (Hervorhebungen – A.M)“ (GA 107, 2011, S. 13)

Steiner schildert also die Entstehung der angeblichen „Rassen“, wobei die „Normalmenschen“ zwischen falsch entwickelten „Negern“ und „Indianern“ stünden. In concreto schildert Steiner das so:

„Diejenigen Völker, bei denen der Ich-Trieb zu stark entwickelt war und von innen heraus den ganzen Menschen durchdrang und ihm die Ichheit, die Egoität aufprägte, die wanderten allmählich nach Westen, und das wurde die Bevölkerung, die in ihren letzten Resten auftritt als die indianische Bevölkerung Amerikas.
Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten, und die übriggebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden. Bis in die körperlichen Eigenschaften hinein tritt das zutage, wenn man die Dinge wirklich geisteswissenschaftlich betrachtet.“ (ebd., S. 304)

Und daraufhin begründet Steiner nochmals, warum das Bewusstsein der verschiedenen „Rassen“ zur Bildung unterschiedlicher Hautfarben geführt habe:

„Wenn der Mensch sein Inneres ganz ausprägt in seiner Physiognomie, in seiner Körperoberfläche, dann durchdringt das gleichsam mit der Farbe der Innerlichkeit sein Äußeres. Die Farbe der Egoität ist aber die rote, die kupferrote oder auch die gelblichbraune Farbe. Daher kann tatsächlich eine zu starke Egoität, die von irgendeinem gekränkten Ehrgefühl herrührt, auch heute noch den Menschen von innen heraus sozusagen gelb vor Ärger machen. Das sind Erscheinungen, die durchaus miteinander zusammenhängen: die Kupferfarbe derjenigen Völker, die nach Westen hinübergewandert waren, und das Gelb bei dem Menschen, dem die „Galle überläuft“, wie man sagt, dessen Inneres sich daher bis in seine Haut ausprägt.
Diejenigen Menschen aber, die ihre Ich-Wesenheit zu schwach entwickelt hatten, die den Sonneneinwirkungen zu sehr ausgesetzt waren, sie waren wie Pflanzen: sie setzten unter ihrer Haut zuviel kohlenstoffartige Bestandteile ab und wurden schwarz. Daher sind die Neger schwarz.

– So haben wir auf der einen Seite östlich von Atlantis in der schwarzen Negerbevölkerung, auf der andern Seite westlich von Atlantis in den kupferroten Völkern Überreste von solchen Menschen, die nicht in einem normalen Maße das Ich-Gefühl entwickelt hatten. Mit den Normalmenschen war am meisten zu machen. Sie wurden daher auch dazu ausersehen, von dem bekannten Orte in Asien aus die verschiedenen anderen Gebiete zu durchsetzen.“ (ebd.)

Diese „Normalmenschen“ werden im Folgenden als „Grundstock der weißen Bevölkerung“ identifiziert (S. 306).

Rudolf Steiner (1861-1925), „Doktor“ der „Geheimwissenschaft“

Es ist inzwischen geklärt, woher diese Motive in Steiners Denken kommen. Die Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann, Mit-Initiandin und Gutachterin im BPjM-Verfahren, schlug beispielsweise eine historische Einordnung der von Steiner aufgegriffenen Rassenklischees vor:

„In dieser Struktur von ‘Balance’ und ‘Extremen’ klingen die Traditionen von ‘extremos’ und ‘medios’ an, wie sie Leibniz’ frühe Rassenspekulationen beispielhaft kennzeichnen. Der Dreiklang als solcher korrespondiert wiederum mit Steiners Struktur der ‘Dreigliederung’ …

In seinen weiteren Erläuterungen aktiviert Steiner zudem die ‘chemischen‘ Erklärungsmuster zur schwarzen Haut, wie sie schon bei Kant zu finden sind und von [Carl Gustav] Carus modifiziert werden. Auch hier schreibt Steiner Carus buchstäblich um, wenn es heißt: „Diejenigen Menschen aber, die ihre Ich-Wesenheit zu schwach entwickelt hatten, die den Sonneneinwirkungen zu sehr ausgesetzt waren, sie waren wie Pflanzen: sie setzten unter ihrer Haut zuviel kohlenstoffartige Bestandteile ab und wurden schwarz. Daher sind die Neger schwarz.”

Sowohl Carus’ Erklärung der schwarzen Haut über den Kohlenstoff als auch das von ihm angeführte Sinnbild des ‘Aushauchens’ der Pflanzen von Kohlenstoff bei Nacht, wird demnach von Steiner verarbeitet … ‘Erklärt’ in Carus’ Rassensystematik die schwarze Haut der Nachtvölker ihren Mangel an Bewusstsein (als einen Mangel an Licht), so erscheint Steiner der Mangel am (Licht-)Ich und zu viel Sonne die schwarze Haut zu erklären.“ (Jana Husmann: Schwarz-Weiß-Symbolik, S. 302)

Auf eine historische Kontextualisierung lassen die GA-Herausgeber sich allerdings nicht ein (obwohl Urs Dietler genau das gefordert hat, um Steiners angebliche Unschuld zu beweisen, vgl. GA 107, S. 16), sondern bemühen (überdies bekannte) Strategien, um eine explizite Distanzierung von jeder noch so rassistischen Äußerung Steiners zu umgehen. Das beginnt beim Titel des Vortrags:

Wer den Vortrag vom 3. Mai 1909 in einer älteren Ausgabe der GA 107 nachschlägt, findet ihn unter dem Titel „Die Ausprägung des Ichs bei den verschiedenen Menschenrassen“ (vgl. GA 107,  5. Auflage 1988, S.  7, S. 335). In der Neuausgabe ist der Vortrag umbenannt und heißt jetzt „Die Ausprägung des Ich-Gefühls bei den verschiedenen Menschenrassen“. In beiden Ausgaben aber wird behauptet, dass die Titel der Vorträge von Steiner selbst stammten (sowohl GA 107, 1988, S. 319 als auch in der Neuauflage von 2011, S. 340). Die Umbenennung ist nicht kommentiert oder als solche kenntlich gemacht. Die Stoßrichtung der Änderung ist allerdings  auch so offensichtlich: Das „Ich“ als Sanktissimum der Persönlichkeit schilderte Steiner meist als unabhängig von angeblichen „Rassenmerkmalen“. Hätte Steiner also nur von Selbstwahrnehmung und „Ich-Gefühl“, aber nicht vom „Ich“ selbst gesprochen,  so ließe sich argumentieren, Steiner habe mit seinen Rassentypologien niemals „das Ich“ angreifen und Personen diskriminieren wollen. Dass Steiner also im vorliegenden Vortrag das Gegenteil tut und von der „Ausprägung des Ichs bei verschiedenen Menschenrassen“ spricht, passt den Herausgebern folglich nicht ins Konzept. Ähnlich argumentierte die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung gegenüber der BPjM 2007 in einer Stellungnahme zum Indiziderungsverfahren:

„Das ‚Ichgefühl‘ darf nicht mit dem ‚Ich‘ verwechselt werden. Das ‚Ich‘ ist der geistige Wesenskern, der jedem Menschen eignet. Dieses ‚Ich‘ konnte nach den Ausführungen des Vortrags in der atlantischen Zeit unterschiedlichen stark ‚empfunden‘ werden. Die unterschiedlich starke ‚Ichempfindung‘ prägte sich in der atlantischen Zeit wegen der damals noch bestehenden Plastizität oder Formbarkeit der Menschenleiber in unterschiedlichen körperlichen Formen (Hautfarben) aus. … Die Seele ist der Ort, wo die ‚Ichempfindung‘, das ‚Persönlichkeitsgefühl‘, das ‚Bewusstsein vom Ich‘ seinen Sitz hat, während das Ich selbst geistiger Natur ist.“ (Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, Stellungnahme zum BPjM-Verfahren, Az.: 504-2334-01/804, Schreiben vom 23.04.2007, S. 41)

Diese Argumentation ist falsch: Steiner spricht im Vortrag durchaus vom fehlentwickelten „Ich“ der „Roten“ und „Schwarzen“ „Rasse“, und „Aus allen Völkern, die das Ich in irgendeinem Grade zu stark oder zu schwach entwickelt hatten, konnte nichts besonderes werden.“ (GA 107, 2011, S. 309). Die Umbenennung des Vortrags erweist sich als vergeblicher Versuch, den rassentheoretischen Äußerungen Steiners über 100 Jahre später die Spitze abzubrechen. Dazu werden noch ein paar weitere argumentative Figuren bemüht:

Entlastungsargumente

Die Entlastungsargumente der GA-Herausgeber_innen lauten wie folgt (sie stammen ebenfalls von S. 341f.):

1. Steiners Vorträge seien „von ihm nicht durchgesehen oder autorisiert worden“, die Textstellen stammten also eventuell gar nicht „wortwörtlich“ von ihm. Das ist zwar grundsätzlich richtig: Bei den inkriminierten Texten handelt es sich um Vortragsmitschriften. Und bei den Vortragsmitschriften handelt es sich um Stenogramme, die in Einzelheiten oder Wortwahl  möglicherweise nicht immer zur Gänze mit dem übereinstimmen mögen, was Steiner „wortwörtlich“ noch so gesagt haben könnte. Aber das ändert nichts an dem offensichtlichen und überdeutlichen Gesamtduktus des Vortrags: Es ging Steiner deutlich um Ausführungen zu „Rassen“ und „Ich“ bzw. „Ich-Gefühl“ – was die Herausgeber auch keineswegs ernsthaft bestreiten. Auch die BPjM hat in ihrer Entscheidung zu dem Indizierungsverfahren festgestellt:

„Dass es sich bei den Vortragstexten, wie von den Verfahrensbeteiligten ausgeführt, um so genannte unsichere Textquellen handelt, weil diese möglicherweise nicht wörtlich die von Rudolf Steiner gehaltenen Vorträge wiedergegeben, ist für die Annahme einer Jugendgefährdung unerheblich. Das Buch ist Teil der Gesamtausgabe der Werke von Rudolf Steiner; die Vortragsnachschriften sind von ihm, zumindest kursorisch, autorisiert worden.“ (BPjM-Entscheidung Nr. 5506 vom 6.9.2007, a.a.O, S. 8)

2. Steiner habe zwischen 1905 und 1909 in vier Einzelvorträgen „eine Gliederung der fünf menschlichen ‚Hauptrassen‘ entworfen, die sich alle mit der Frage nach der Entstehung der physischen Rassenunterschiede beschäftigen. Der vorliegende Vortrag stellt einen dieser Entwürfe dar.“ Davon stimmt lediglich der letzte Satz: Es zielt am Kern des Problems vorbei, lediglich zu sagen, dass Steiner die Entstehung von sogenannten „physischen Unterschieden“ beschreibt – problematisch ist, wie er sie beschreibt. Wenn das angebliche schwache Ich der „Neger“ zu schwarzer Haut und das angebliche zu starke Ich der Indianer zu roter Haut, in beiden Fällen aber zu evolutionärer Dekadenz geführt haben soll, sind das eben nicht nur Beschreibungen von physischen Zuständen: Es sind auch Beschreibungen und Wertungen von (vermeintlichen) psychisch-spirituellen Verfasstheiten. Zu behaupten, Steiner habe am 3. Mai 1909 lediglich über „physische Unterschiede“ gesprochen, ist schlicht irreführend.
Übrigens ist in dem besagten Vortrag keineswegs die Rede von „fünf Hauptrassen“, sondern von drei (möglicherweise vier, da kurz „passive“ „Asiaten“ erwähnt werden): Nämlich von „Schwarzer“ und „Roter“ „Rasse“ als fehlentwickelten Extremen und europäischen „Normalmenschen“.

3. „Die hier von Rudolf Steiner angewandten Gesichtspunkte sind im Zusammenhang mit Aspekten der Entwicklungslehre seiner Zeit zu sehen, in der die Anpassung an unterschiedliche Umweltbedingungen und anschließende Vererbung der entstandenen ‚Rassen’unterschiede diente.“
Anpassung und Vererbung sind auch heute noch Basis der Evolutionstheorie, ohne, dass daraus „Rassentheorien“ entstehen. Dennoch: Tatsächlich stammen Steiners Rassismen aus dem Evolutionskonzept des 19. Jahrhunderts, speziell in seiner Modifikation durch Ernst Haeckels „biogenetisches Grundgesetz“ und dessen esoterischer Form in der evolutionären Spiritualität von Helena Petrowna Blavatskys Theosophie: „Blavatsky showed how esotericism could assimilate evolution. She acepted the idea of evolution, but only in the spiritual terms of an emanationist cosmology, which informed and effected all the varied material forms of creation. … Blavatsky effectively subsumed the material and physical aspects of evolution into a grand, overcharging, divine plan.“ (Nicholas Goodrick-Clarke: Helena Blavatsky, Berkeley, California 2004, S. 175).  Doch der Verweis auf diese Vorbilder für Steiners Evolutions- und Rassentheorie ist keine Salvierung, sondern das beste Argument dafür, zu bekennen: Steiner übernahm mit seinem Evolutionskonzept auch die Rassentheorien des 19. Jahrhunderts, und das war ein schlichter Irrtum. Die Tatsache, dass sich die Herkunft von Steiners Rassenlehre historisch erklären lässt, lässt sich nicht als Entlastung instrumentalisieren. Das haben auch Ramon Brüll und Jens Heisterkamp festgestellt:

„Das mitunter bemühte Argument, jene Zitate seien in einer anderen Zeit geäußert worden, gilt auch dann nicht, wenn es sich um Auffassungen handelt, die zwar vor etwa 100 Jahren in unserem Kulturkreis verbreitet, aber deshalb nicht weniger diskriminierend waren. Grobe absichtliche oder fahrlässige Diskriminierungen waren bereits verletzend, bevor das Diskriminierungsverbot etwa durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 kodifiziert wurde.“ (Ramon Brüll/Jens Heisterkamp: Frankfurter Memorandum, S. 9)

4. Steiner habe das alles nicht so richtig ernst gemeint und durchdacht (oder so), denn: „Die vorliegenden Ausführungen besitzen durchaus einen aphoristischen und vorläufigen Charakter.“
Tatsächlich hat Steiner seine Vorträge fast immer frei gehalten, sich allenfalls im Vorfeld Notizen gemacht und herausgerissene Buchseiten auf das Vortragspult gelegt, deren Inhalte er in das von ihm Gesagte einflocht. Insofern waren seine Vorträge tatsächlich „vorläufig“ und unverbindlich. Aber hier gilt dasselbe wie zum 1. Punkt: Steiner hat das Rassenthema im vorliegenden Vortrag zu ausführlich und systematisch erörtert, als dass die diskriminierenden Äußerungen als missverständliches Geplapper eingeordnet werden könnten. Und auch hier gilt: Die anti-rassistischen Aussagen Steiners sowie das gros der von ihm angeregten „Praxisfelder“ basieren dann ebenfalls auf solchen „aphoristischen und vorläufigen“ Vorträgen – die Grundlagen von Waldorfpädagogik, biodynamischer Landwirtschaft, anthroposophischer Medizin, Heilpädagogik, Eurythmie oder Architektur würden, wenn ihnen plötzlich nurmehr „vorläufiger Charakter“ zugestanden würde, zusammengeschnippt wie ein Kartenhaus.

5. Äußerungen Steiners nach dem Jahr 1909 präsentierten keine evolutionär hierarchisierte Rassentheorie mehr, denn „er änderte in späteren Jahren die Darstellung dieses Themas, insbesondere ist im Jahre 1910 (siehe GA 121) der weißen oder kaukasischen ‚Rasse‘ keine Sonderstellung mehr eingeräumt (Hervorhebung – A.M.).“
Auch dieses Argument eignet sich schlecht für eine Entkräftung von Steiners rassentheoretischer Argumentation im Mai 1909. Richtig ist, dass Steiner ab 1910, tatsächlich u.a. in den Vorträgen, die in Nummer 121 seiner Gesamtausgabe (GA) veröffentlicht sind, die „Rassen“ nicht mehr in Stufen anordnete. Früher hatte Steiner etwa „die Neger“ als Überbleibsel der „lemurischen Wurzelrasse“, „die Gelben“ als Überreste der „Atlantier“ und die „Weißen“ als Akteure der gegenwärtigen „Arischen Wurzelrasse“ eingeführt (vgl. BGA 60, d.h. Band 60 der „Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe“). Er parallelisierte sie dadurch mit verschiedenen Bewusstseinsstufen in seiner evolutionären, teleologisch konzipierten Geschichtsphilosophie. 1910 dann hatte Steiner „Rassen“ und Bewusstseinsstufen auseinandergespalten: Laut den Ausführungen in GA 121 entstanden die „Rassen“ nicht mehr nacheinander, sondern parallel, sie waren keine einander beerbenden Stufenordnungen der Weltgeschichte mehr, sondern im Prozess dieser Weltgeschichte wie nebenbei entstandene „Typen“. Nichtsdestominder stellte die „kaukasische“ oder „Weiße“ „Rasse“ den privilegiertesten, „geistigsten“ dieser „Typen“ dar. Noch 1923 spitzte er zu: „Die weiße ist die zukünftige, die am Geist schaffende Rasse.“
Und wenn die GA-Herausgeber formulieren, 1910 werde der „weißen Rasse“ „keine Sonderstellung mehr eingeräumt“, gestehen sie implizit zu, dass diese Sonderstellung zumindest bis dahin behauptet wurde. Somit müssten sie sich immernoch von Steiners Rassentheorie bis 1910 distanzieren – auch das allerdings unterbleibt.

Die Argumente der Herausgeber sind somit schlecht begründet und wurden bereits an früherer Stelle angeführt und kritisiert (vgl. Jana Husmann-Kastein: Schwarz-Weiß-Konstruktionen im Werk Rudolf Steiners, in: Berliner Dialog 29, Juli 2006, S. 23; Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung, gesellschaftliche Praxis, Göttingen 2007, S. 633 ff.; Ders.: Rudolf Steiners Rassenlehre. Plädoyer, über die Regeln der Deutung von Steiners Werk zu reden, in: Uwe Puschner/ G. Ulrich Großmann (Hg.): Völkisch und National – Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert, Darmstadt 2009, S. 148).
Mehr ins Eingefleischte geht es bei zwei weiteren Entlastungsversuchen der GA-Herausgeber, zwei dem Anschein nach anti-rassistische Zitate Steiners gegen den Rassismusvorwurf ins Feld zu führen:

„Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit“

„Wie fern Rudolf Steiner jegliche Art rassistischer oder nationalistischer Denkungsweisen stand, verdeutlicht u.a. die folgende Passage aus seinem Vortrag vom 26. Oktober 1917:

‚Ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszusammengehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. Und wenn er in diesen sogenannten Idealen glaubt, fortschrittliche Ideale vor die Menschheit hinzustellen, so ist das die Unwahrheit. Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.‘ (GA 177, S. 220)“ (Kommentar in GA 107, 2011, S. 341).

Hier hält Steiner die Berufung auf „Rassen-, Volks- und Blutsideale“ offenbar nicht nur für illusionär, sondern gar für außerordentlich schädlich. Dieses Zitat ist ein altbekanntes in der Debatte um Steiners Rassismus. Nach ihm hatten Hans-Jürgen Bader, Manfred Leist und Lorenzo Ravagli ihr zweibändiges Machwerk „Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit“ (Stuttgart 2000f.vgl. dazu kritisch: Ravagli, die Rassen und die Rechten; Rudolf Steiners Rassenlehre sowie Ralf Sonnenberg: Vergangenheit, die nicht vergehen will) benannt, das nicht nur jeden Rassismus bei Steiner leugnete, sondern auch seine Rassentheorie als progressiv und humanistisch interpretierte.

Das vollständige Zitat aus Steiners Vortrag lautet allerdings (die vom GA-Herausgeber ausgelassenen Satzteile grün markiert):

Ein Mensch noch des 14. Jahrhunderts, der gesprochen hat von dem Ideal der Rassen, von dem Ideal der Nationen, der hat gesprochen aus den fortschreitenden Eigenschaften der menschlichen Entwickelung heraus; ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszusammengehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. Und wenn er in diesen sogenannten Idealen glaubt, fortschrittliche Ideale vor die Menschheit hinzustellen, so ist das die Unwahrheit. Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.“ (GA 177, Dornach 1999, S. 220)

Im Original ist’s also scheinbar komplizierter: Steiner meint, zwar sei es „heute“ unwahr und destruktiv, sich auf „Rassenunterschiede“ zu berufen, im 14. Jahrhundert sei dies aber noch Ausdruck der „fortschreitenden Eigenschaften der menschlichen Entwicklung gewesen“. Nur eine ausführlichere Lektüre des zitierten Vortrags kann diese paradoxe Aussage aufdröseln:

Steiner schildert hier, wie so oft, seine Vorstellungen von spiritueller Evolution. Ziel des Ganzen sei die Entwicklung des menschlichen Geistes. Zu dessen Förderung ließen sich göttliche Geister, Engel, Überengel und kosmische Hierarschien – ein ganzer Reigen an „Geistern des Lichts“ herab. Und natürlich versuchten böse „Geister der Finsternis“ nach Kräften, diesen übersinnlichen Evolutionsweg zu blockieren. Die Erschaffung von Menschen“rassen“ sei, so Steiner, eine Erfindung der „Geister des Lichts“ gewesen: Da der Mensch in archaischen Epochen der Weltgeschichte (Lemuria und „Atlantis“) noch nicht individuierungsfähig war, mussten die guten Geister ihn offensichtlich in praktische „Rassen“-Gruppen einteilen:

„Dem Menschen ist gewissermaßen ein Gewicht angehängt worden, durch das er verbunden wurde mit dem Erdendasein … In diesen Zeiten, in denen also sozusagen die Geister des Lichtes sich haben angelegen sein lassen, die Menschenzusammenhänge nach den Blutsbanden zu ordnen, haben es sich die mit den Menschen vom Himmel zur Erde verstoßenen Geister der Finsternis angelegen sein lassen, gegen alles, was Blutsvererbung ist, zu arbeiten. Und alles … was da pocht auf die individuelle Freiheit, was Gesetze geben will aus der individuellen Freiheit des Menschen heraus, das rührt eben von den herabgestoßenen Geistern her.“ (GA 177, 1999, S. 215f.)

Insofern bestreitet Steiner also keineswegs die Existenz von „Rasse, Volk und Blut“, er hält sie für reale Potenzen der Weltgeschichte, einst erschaffen von „den Guten“ und bekämpft nur von den irgendwie „Bösen“. Mit dem Ende des Mittelalters und dem Heraufdämmern der Neuzeit sieht Steiner allerdings eine Zäsur: Nun sei der Mensch in den Augen der „Geister des Lichts“ reif genug, um individuelle Freiheit zu erlangen:

„…in der Entwickelung hat alles seine bestimmte Zeit. Dasjenige, was gefestigt worden ist in der Menschheit durch die Blutsbande, dem ist genug geschehen in der allgemeinen gerechten Weltenordnung. So daß seit dieser neueren Zeit die Geister des Lichtes sich so wandeln, daß sie jetzt den Menschen inspirieren, freie Ideen, Empfindungen, Impulse der Freiheit zu entwickeln, daß sie es sind, die den Menschen auf die Grundlage seiner Individualität stellen wollen.“ (ebd., S. 218)

Umgekehrt versuchten jetzt die „Geister der Finsternis“, dies zu verhindern und den Menschen in den „Blutsbanden“ festzuhalten:

„Das, was gut war in alten Zeiten, oder besser gesagt, was in der Sphäre der guten Geister des Lichtes war, das wird abgegeben im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an die Geister der Finsternis.“  (ebd.)

Und damit macht auch die oben zitierte Aussage Sinn: Im 14. Jahrhundert, so Steiner, sei die Bildung von „Rassen“ noch im Sinne der übersinnlichen Weltlenkung gewesen, mittlerweile sei aber die Entwicklung von „Freiheit“ an der Reihe. Wer sich auf „Rassen-, Volks- und Blutsideale“ berufe, opponiere demnach gegen den spirituellen „Weltenplan“ bzw. arbeite für die „Geister der Finsternis“. Dementsprechend fällt ein fahles Licht auf diesen Steinerschen „Anti-Rassismus“: Offenbar distanzierte er sich von den völkischen Kreisen seiner Zeit und wollte keine „Rassenpolitik“, hielt diese im Gegenteil für ein „Niedergang“ssymptom (und das unterscheidet ihn von der völkischen Rechten). Aber er ging davon aus, dass es „Rassen“, „Rassenunterschiede“, und damit, seinem eigenen Rassenbegriff gemäß: auch evolutionär höher- und minderpriveligierte „Rassen“ gebe. Und folglich klingt der Kommentar in der GA 107 durch ein weiteres „antirassistisches“ Steiner-Zitat ähnlicher Couleur aus, in dem sich wieder eine Auslassung findet (die von den GA-Herausgebern weggelassenen Zeilen markiere ich grün):

„Es hat zum Beispiel schon gegenüber der heutigen Menschheit keinen rechten Sinn mehr, von einer bloßen Rassenentwickelung zu sprechen. Von einer solchen Rassenentwickelung im wahren Sinne des Wortes können wir nur während der atlantischen Entwickelung sprechen. Da waren wirklich in den sieben entsprechenden Perioden die Menschen nach äußeren Physiognomien so sehr voneinander verschieden, daß man von anderen Gestalten sprechen konnte. Aber während es richtig ist, daß sich daraus die Rassen herausgebildet haben, ist es schon für die rückliegende lemurische Zeit nicht mehr richtig, von Rassen zu sprechen, und in unserer Zeit wird der Rassenbegriff in einer gewissen Weise verschwinden, da wird aller von früher her gebliebene Unterschied nach und nach verwischt. So daß alles, was in bezug auf Menschenrassen heute existiert, Überbleibsel aus der Differenzierung sind, die sich in der atlantischen Zeit herausgebildet hat. Wir können noch von Rassen sprechen, aber nur in einem solchen Sinne, daß der eigentliche Rassenbegriff seine Bedeutung verliert.“ (GA 105, Dornach 1983, S. 183f.)

Hier ist die Aussage noch eindeutiger. Steiner spricht davon, dass die „Rassen“ als Medium der Evolution überholt seien, aller Unterschied werde „allmählich verwischt“ – aber es bleibt die falsche Annahme, es habe überhaupt jemals „Rassen“ gegeben (vgl. Wichtige Hinweise – falsche Prämissen)! Und mit der Behauptung, dass der Rassenbegriff seine Bedeutung „verliert“, impliziert Steiner auch, dass seine – rassistischen – Charakterisierungen von „Roten“, „Schwarzen“ und „Weißen“ auch in der Gegenwart eine (wenn auch schwindende) Geltung besäßen: „In Steiners These der zukünftigen Auslöschung der ‚Rassen‘ liegt zugleich die These ihrer Existenz und Bedeutsamkeit bis dahin begründet.“ (Jana Husmann: Schwarz-Weiß-Symbolik, S. 276). Hier hätte nur ein klärendes Wort im Sinne einer unzweideutigen Distanzierung seitens der Steiner-Herausgeber geholfen: Steiners Rassismen sind im Prinzip lächerlich simpel: von „triebgesteuerten“ Schwarzen, dekadenten Indianern und kulturschöpferischen „Weißen“ fabulierten zu seiner Zeit nicht Wenige. Es wäre auch leicht zu erklären, warum Steiner, der diese Ressentiments teilte, sich genötigt sah, „esoterische“ Erklärungen für deren Entstehung zu finden. Und schließlich könnte, daran anknüpfend, ausgeführt werden, dass und warum Steiner fand, dass „der Rassenbegriff seine Bedeutung verliert“ und daher andere Ziele anpeilte. Aber diese klärende Darstellung unterbleibt, wie ausgeführt.

Positiv ist den Kommentator_innen vom Steiner-Verlag an dieser Stelle immerhin zugute zu halten, dass sie nicht versuchen, Steiners rassentheoretische Aussagen selbst als philanthrop und antirassistisch zurechtzudeuten (wie die Autoren der Schriften „Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit“ das taten). Aber stattdessen bleiben die genauen Theoreme Steiners schlicht unkommentiert.

Max Heindel, Rudolf Steiner und warum eine Indizierung trotz allem falsch gewesen wäre

Es ist, auch in der Esoterikszene, keineswegs schimpflich, solche offenbar zeitbedingten, aber nichtsdestominder diskrimierenden Äußerungen eben auch als zeitbedingt zu erklären und aktuell zurückzuweisen. Zwar sind hier selten Leistungen erbracht worden, die die Anforderungen einer kritischen Edition erfüllen, aber es ist doch bemerkenswert, dass sich bei Anthroposoph_innen so lange nichts in diese Richtung bewegt hat.
Da wäre beispielsweise Steiners zeitweiliger Schüler und späterer Konkurrent Max Heindel (d.i. Carl Louis-Grasshoff; 1865-1919). Er übernahm um 1908 Steiners Ideengebäude ebenso, wie Steiners seines aus den theosophischen Handbüchern. Entsprechend finden sich in Heindels Oeuvre Rassentheorien, die auf dem Stand der Rassenlehre Steiners aus dem Jahre 1908 sind. Diese Rassentheorien wurden nirgens öffentlich diskutiert, es gab an keiner Stelle Rügen von Behörden und keinerlei wissenschaftliche Literatur, die Heindel Rassismus vorwarf. Auch Anthroposophiekritiker_innen haben Heindel übergangen oder allenfalls am Rande erwähnt. Nichtsdestominder gab es innerhalb der von Heindel gegründeten „Rosicrucian Fellowship“ offenbar genügend Diskurse, dass die Herausgeber seines Werks von selbst einen Kommentar beifügten, der dem der Steiner-Nachlassverwalter ähnelt – mit einem Unterschied: Die Heindel-„Rosenkreuzer“ waren sogar bereit, zeitbedingte „Formulierungsschwächen“ zuzugestehen, und das tun im anthroposophischen Lager allenfalls „liberale“ Geister. Da heißt es:

„Die Rosenkreuzer-Philosophie wurde 1909 veröffentlicht. Die von Max Heindel angeführte Beispiele [sic!] wurden aus dieser Ära entnommen. Die im Text benutzten Worte und dort angeführten Definitionen stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Aus diesem Grund riefen Aussagen aus diesem Kapitel XIII Unbehagen hervor (und stießen sogar auf Ablehnung). Als ein Resultat der Entstehungszeit sollten uns diese Formulierungsschwächen aus heutiger Sicht jedoch nicht von der eigentlichen Botschaft ablenken…“ (Addendum C, Fußnote zu Kapitel XIII, in: Max Heindel: Die Weltanschauung der Rosenkreuzer oder Mystisches Christentum (1909), Sils-Maria 2003, S. 704ff.)

Max Heindel (1865-1919)

…die freilich humanistisch sei und sich ähnlich liest wie diejenige Steiners. In den deutschen Neuausgaben der Werke Helena Blavatskys, der bedeutendsten Gestalt der modernen Esoterik überhaupt, finden sich ebenfalls solche Anmerkungen, sogar in sehr ausführlicher Form (vgl. Hank Troemel: „Zur Sprache der Theosophie: Missverständnis und Missbrauch“, in: Helena Petrowna Blavatsky: „Die Geheimlehre“, Neuübersetzung, Adyar Theosophische Verlags-GmbH, Satteldorf 1999 – auch dieser Aufsatz trägt aber unübersehbar apologetische Züge).

Ein solch erlösendes Wort fehlt von seiten der GA-Herausgeber, es fehlt von seiten der Verantwortlichen in den Anthroposophischen Landesgesellschaften ebenso wie von Seiten des „Bundes der Freien Waldorfschulen“. Einzig von seiten der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden, der „Flensburger Hefte“ und der Zeitschrift „Info3“ liegt wenigstens irgendeine Distanzierung vor.  Stattdessen finden sich in dem  besprochenen Kommentar bekannte Formen anthroposophischen Personenkults: Es fällt auf, dass im Kommentar kein einziges Mal die Rede von „Steiner“ ist, es wird durchgängig der volle Name „Rudolf Steiner“ genannt. Dazu hat sich auch Taja Gut, selbst Mitarbeiter des Rudolf-Steiner-Verlags, in seiner epochalen Streitschrift geäußert, und eine religiös inbrünstige Steiner-Ehrfurcht vermutet:

„Eine bestimmte, zeitbedingte Art von Ehrfurcht. Ich meine das keineswegs sarkastisch … Die sich beispielsweise in solchen Absurditäten äußert, dass selbst weltoffene Anthroposophen es nicht übers Herz bringen, einfach Steiner zu sagen oder zu schreiben. Stets: Rudolf Steiner, Rudolf Steiner – und wenn der Name zehnmal hintereinander genannt wird.“ (Taja Gut: Wie hast du’s mit der Anthroposophie?, Dornach 2010, S. 52)

Ein zusammenfassendes Urteil der Kommentierung kann leider nicht anders lauten als: unzureichend. Vereinbart mit der BPjM war ein Kommentar, der sicherstellt, „dass die Rassen diskriminierenden Äußerungen auch von Jugendlichen eingeordnet und kritisch betrachtet werden können.“ (BPjM, a.a.O.). Ich persönlich halte es, nebenbei gesagt, entweder für beleidigend oder albern, zu glauben, Jugendliche seien für eine so hochgradig verstiegene und auf über hundert Jahre alten okkultistischen Prämissen gebaute Rassenlehre besonders empfänglich. Ich würde auch im Gegenteil fordern, solche Stellen keineswegs von Waldorfschulen fernzuhalten, ganz im Gegenteil: Waldorfschulen sollten sich mit diesen Rassentheorien auseinandersetzen und dies durchaus auch im Geschichtsunterricht o.ä. diskutieren. Anders lässt sich ein kritischer Umgang in meinen Augen nicht herstellen. An meine (damaligen) 11.-Klässler-Ohren gelangte das Indizierungsverfahren 2007 übrigens, als ein Lehrer (der offenbar kein Anthroposoph war) am Ende seiner Stunde Kopien des (im Grunde schlechten) Spiegelartikels „Die Lehre von Atlantis“ austeilte. Auf meine Bitte hin besprachen wir diesen Artikel und die beiden von der BPjM unter die Lupe genommenen Bücher daraufhin immerhin eine Stunde lang im Ethik-Unterricht. Das war für mich eine der ersten kritischen Auseinandersetzungen mit Steiners Rassenlehre, die ausführlicher 2008 stattfanden. Von diesem Standpunkt aus hielte ich ein eventuelles Verbot der BPjM für destruktiv,  es würde eine solche Auseinandersetzung im Waldorf-Umfeld blockieren bis verhindern. An Waldorflehrer_innen und -eltern in der Leserschaft kann ich nur apellieren, diese Texte wahrzunehmen und zum Thema zu machen!

Nichtsdestominder ist die Kommentierung der neu erschienenen GA 107 inhaltlich (leider!) schlicht falsch und gewährleistet keineswegs, dass Jugendliche oder irgendjemand anderes Steiners Rassentheorien auf ihrer Basis einordnen oder gar „kritisch“ betrachten können oder werden.
Noch steht das Erscheinen des zweiten von der BPjM unter Kommentarzwang gestellten Buchs, Band 121 der Steiner-Gesamtausgabe, aus. Von dessen Kommentierung erhoffe ich mir inzwischen reichlich wenig, jedoch wäre es förderlich, wenn die Verantwortlichen wenigstens nicht dieselben offensichtlichen Fehler machen: Die fünf oben angeführten „Entlastungsargumente“ sind seit Jahren bekannt (und problematisiert worden), Vortragstitel sollten nicht ohne Begründung umbenannt werden, wenn nebenan überdies steht, dass dieser Titel von Steiner stamme.

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21. Juli 2011 at 7:53 pm 11 Kommentare

„Kreative Fundgrube“? – Der „neue“ Steiner und die Kunst

„Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Steiner, weil wir überzeugt sind, dass seine Ideenwelt eine noch lange nicht ausgeschöpfte, kreative Fundgrube für die Kunst ist und gerade für das kreative Denken im 21. Jahrhundert akut wird.“ Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg

„Steiner wäre heute ein Star in den Talkshows und auf Diskussions-Podien“, erklärte dazu der Wolfsburger Museumschef Professor Markus Brüderlin bei der überfüllten Eröffnungs-Pressekonferenz. Und Mateo Kries, Leiter des beteiligten Vitra Design-Museums, ergänzte: „Welche andere Figur hat eine solche Spanne von der Goethezeit über Nietzsche, den beginnenden Expressionismus bis hin zur Postmoderne?“ (zit. nach Jens Heisterkamp: Sternstunde für Steiner)

In den letzten Wochen wurde Rudolf Steiner (1861-1925), Begründer der esoterischen Ideenlehre Anthroposophie, die „das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltenall führen will“, mal wieder in allerlei Medien prächtig gefeiert. Die Ereignisse und Einstellungen im Umkreis dieser Neuinszenierung sind in vieler Hinsicht symptomatisch, weshalb ich sie in diesem Artikel behandeln möchte. Anlass des Ganzen ist eine Doppelausstellung in Wolfsburg: Unter dem Titel Rudolf Steiner – die Alchemie des Alltags wird Steiners Vita und Werk unter besonderer Rücksicht auf künstlerische und gestalterische Aspekte präsentiert, während in der Parallelausstellung Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart 15 moderne und zeitgenössische KünstlerInnen Bezüge dazu herstellen (zur Veranschaulichung der buchstäblichen Presseflut habe ich im Anschluss an diesen Artikel eine Reihe von Artikeln und Essays zur Wolfsburger Ausstellung zusammengestellt).

Ich habe die Ausstellung übrigens noch nicht besucht, werde das aber wahrscheinlich noch tun und bei danach geänderten Eindrücken oder Einstellungen darüber berichten.

Das ist zwar die erste Ausstellung, auf der Steiner so stark im Mittelpunkt steht, Steiners Architektur und Malerei, besonders seine zu illustrativen Zwecken während diverser Vorträge entstandenen Wandetafelzeichnungen waren schon erstaunlich oft irgendwo ausgestellt:

„…1992 (…) stellte die bekannte Kölner Galerie Monika Sprüth erstmals (außerhalb Dornachs) zahlreiche jener großformatigen Wandtafelzeichnungen aus (…) Die Werkbezüge zum ‚Vortragskünstler‘ Beuys wurden nun augenfällig.

Die Resonanz in der Kunstwelt darf erstaunen: anschließende Ausstellungen im Verlauf nur eines Jahres wurden realisiert im Frankfurter Portikus, im Lenbachhaus München, in der Albertina Wien, im Kunstmuseum Bern und im Fridericianum Kassel. Mit den Wandtafelzeichnungen geriet Steiner neu in das Blickfeld der Kunstkritiker, Kunsthistoriker und der Kunstöffentlichkeit (…) und nicht nur innerhalb eines relativ kleinen Fachpublikums, sondern mittlerweile innerhalb der western art Weltkunstszene (durch weitere Ausstellungen in Venedig, Prag, Berkely, New York, und Tokyo). Mehrere begleitende Kataloge erschienen, in den Feuilletons würdigten renommierte Kunstkritiker Steiners Zeichnungen. (…) Teilweise wurden in den Publikationen neben den Wandtafelzeichnungen auch weitere, vordem unbekannte, grafisch-malerische und skulpturale Werke des Künstlers Steiner abgebildet. Davon waren außerhalb des Goetheanums erstmals 1995 zahlreiche Originale innerhalb der großen Ausstellung Okkultismus und Avantgarde in der Frankfurter Schirn zu besichtigen.“ (Johann Fäth: Rudolf Steiner Design, Dissertation, Konstanz 2004, S. 23)

Joseph Beuys: Basisraum Nasse Wäsche 1979 (Detail) - Steiners Wandtafelzeichnungen (s.u.) zum Verwechseln ähnlich...

Joseph Beuys: Basisraum Nasse Wäsche 1979 (Detail) – Steiners Wandtafelzeichnungen (s.u.) zum Verwechseln ähnlich…

Anthroposophie und

Kunst

Die Verbindung von Anthroposophie und Kunst ist intentional ohnehin keine neue Sache, sondern gehört vielmehr zum anthroposophischen Standardrepertoire. Durch das Künstlerische, die Ästhetik in allen Dingen werde Soziales, Wissenschaft und Spiritualität verschmolzen, behauptete Steiner (wie wohl vor ihm schon eine unaufzählbar lange Liste von PhilosophInnen und DichterInnen seit der Wirkungsästhetik der griechischen Antike):

„Das Goethesche Wort [wahrscheinlich Goethe: „Zahme Xenien“ IX (Gedichte aus dem Nachlass) – AM] wird wahr: Die Kunst ist eine Art von Erkenntnis, – weil die andere Erkenntnis keine vollständige Welterkenntnis ist. Kunst muß erst hinzutreten zu dem abstrakt Erkannten, wenn wirkliche Welterkenntnis eintreten soll. Es bleibt doch wahr, daß dann, wenn solche Erkenntnis eintritt, die bis zum Gestalten vordringt, auch das so tief in die Menschenseele hereingeht, daß diese Vereinigung von Kunst und Wissenschaft auch die religiöse Stimmung abgibt.“ (Steiner: Anthroposophie und Kunst (1923) in: GA 276 „Das Künstlerische in seiner Weltmission“, Steiner Verlag, Dornach 2002, S. 276)

Goethe: Farbkreis (1810)

Goethe: Farbkreis (1810)

Folglich hieß seine Pädagogik „Erziehungskunst“, seine Medizin war eine „anthroposophisch erweiterte Heilkunst“, die Eurythmie besteht bis heute auf den Namen „Bewegungskunst“ (statt Tanz), die in Dornach bei Basel um Steiners „Goetheanum“ genannten Tempelbau entstandene Wohn-, Arbeits- und Geistesgemeinschaft ließe sich als Excellence-Beispiel für das Jugendstilideal vom allumspannenden „Gesamtkunstwerk“ bezeichnen. Anthroposophischen Hochschulgründungen wie der FH Ottersberg, die als eine der ersten Einrichtungen Kunsttherapie-Ausrichtungen anbot, fiel es schwer, sich von der Überlast anthroposophischer Kunstbegriffe und -ansprüche zu befreien, wie Rektor Peer de Smit in einem bemerkenswerten Vortrag zum Thema festhielt:

„Der Gründungsvorgang und auch die Entwicklung der FH, das lässt sich schwer wegreden, ist nicht frei von Tendenzen, die man als ahistorisch und konservativ bezeichnen könnte. Die FH ist über 30 Jahre weitgehend insular und isoliert aufgewachsen. Bis in die 90er Jahre hinein hat sie kaum Beziehungen zu anderen aufgenommen, hat in Theorie und Praxis keinen Dialog eröffnet (…) Es blieb bei der stereotyp vorgetragenen und auch leicht anzweifelbaren Feststellung: ‚Wir sind die ersten, die in Kunsttherapie ausbilden, die ersten, die diesen Begriff geprägt haben, ein Berufsbild formuliert haben.‘ (…) Dies alles gab der FH einen unwissenschaftlich anmutenden Zug. Ich sehe in der Abschottung gegen außen ein Kennzeichen, das für anthroposophische Einrichtungen und die anthroposophische Bewegung insgesamt typisch ist. (…) Die Geschichte der FH begleitet der Versuch, sich vom Vorwurf des Anthroposophischen reinzuwaschen, zumindest aber das Verhältnis zu normalisieren, verträglich zu gestalten.“ (Peer de Smit: Rückblicke für die Zukunft, Vortragsmanuskript, abgedruckt in: Seitenweise – 40 Jahre Fachhochschule Ottersberg, 2008, S. 70-75)

Dazu ist zu sagen, dass wenige genuin anthroposophische Einrichtungen diesen Weg von Konfrontation, Reflexion und Neuorientierung gegangen sind, dass die FH Ottersberg aber nach meinem bisherigen Eindruck eine der wenigen dieser Einrichtungen darstellt, die dabei zu tieferen Gedanken und erfolgreichenn Konzepten kamen – wenngleich der Prozess noch verbesserungswürdig und unabgeschlossen scheint (ebd., S. 83f.).

Und damit wären wir auch schon beim sehr umfangreichen und ausgestalteten Kunstunterricht an Waldorfschulen (vgl. dazu v.a. Michael Martin (Hg.): Der künstlerisch-handwerkliche Unterricht in der Waldorfschule, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1991), der in der ersten Klasse mit Aquarellmalen und Plastizieren bis zum Umfallen beginnt und oft (zB in Mainz) mit einer spektakulären mehrwöchigen „Kunstfahrt“ durch historisch bedeutende Orte endet (in meinem Fall von Paestum über Rom, die Toskana und der Tarotgarten von de St Phalle zur Bienale nach Venedig). Viele WaldorfschülerInnen blicken gerne und dankbar auf die kreativen Freiräume und interessanten Projekte zurück, die Waldorfschulen im Bereich der Kunst durchaus bieten. Dazu kann auch ich mich wie gesagt zählen. Andere erleb(t)en auch in diesen Bereichen anthroposophische Versteinerungsritualien, die v.a. in den erwähnten obligatorischen Aquarellmalstunden der „Unterstufe“ (Klasse 1-4) zuschlägt. Etwa der Info3-Redakteur und Blogger Sebastian Gronbach (vgl. Steiner = Jesus):

„Als hätte die Welt zwischen 1919 und 2010 still gestanden. (…) In keiner Schulform wird so viel von der Tafel abgeschrieben wie in der Waldorfschule. Für Neulinge wirkt alles farbig, kreativ und sehr lebendig. Für Kenner ist dagegen überall die anthroposophische Kreativitätsschablone sichtbar.“ (Anthroposophie und ihr Schatten)

Anthroposophisch inspiriert?

Diverse KünstlerInnen und ihre Verbindungen zu Steiner

Erstaunlicherweise wurde Steiner aber wohl in keinem der gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche, in der er seine Alternativkonzepte aufbaute, so viel und so vielseitig diskutiert wie in der „Kunstszene“ im weitesten Sinne – von SchriftstellerInnen über MusikerInnen zu MalerInnen. Unter diesen zu den „Kreativen“ gehörenden Kommentatoren wurde Steiner vielfach abgelehnt, etwa von Kurt Tucholsky, der einen sarkastischen und sehr ablehnenden Bericht über einen Vortrag Steiners in Paris verfasste (Tucholsky: Rudolf Steiner in Paris). Hermann Hesse, der spirituellen Weltdeutungen insbesondere fernöstlicher Herkunft wahrlich nicht abgeneigt und ein Freund des Waldorfschulgründers Emil Molt war, veröffentlichte einige seiner Texte in den „Waldorf-Nachrichten“ sowie der anthroposophischen Zeitschrift „Individualität“. Er war aber auch der erste, der (als inniger Verehrer des großen, großen Tao Te King) Steiners Eurozentrismus bzw. seine „Parolen gegen die Gedankenwelt des Alten Asien“ kritisierte. 1935 schrieb er:

Ich kenne sehr liebe Leute, die Steinerverehrer sind, aber für mich hat dieser krampfhafte Magier und überanstrengte Willensmensch nie einen Moment von etwas Begnadeten gehabt (…) Was bei Euch [in Nazideutschland] an Geschichtsfälschung betrieben wird, bedurfte, um möglich zu sein, einer langen Auflockerung und vorbereitenden Hypnotisierung, sie geschah von vielen Seiten, seit Jahrzehnten, und Steiner war tüchtig mittätig.“ (Hesse in einem Brief an Otto Hartmann, 22.03.1935, abgedruckt in: Wolfgang Vögele (Hg.): Der andere Rudolf Steiner, Pforte Verlag, Dornach 2005, S. 243 – Hervorhebungen AM)

Hermann Hesse (1905), kritisierte als erster Steiners "Parolen gegen die Gedankenwelt des Alten Asien"

Hermann Hesse (1905), kritisierte als erster Steiners „Parolen gegen die Gedankenwelt des Alten Asien“

Dagegen ist aber auch die Reihe der KünstlerInnen auf vielen Gebieten lang, die sich zu VerehrerInnen und Inspirierten Steiners rechneten: Die Regisseure Alexander Kluge und Andrej Tarkowsky (Sünner: Eine Reise ins innere Atlantis); KomponistInnen wie Viktor Ullmann (wikipedia) und Bruno Walter; ArchitektInnen wie Frank Gehry;   SchriftstellerInnen wie Selma Lagerlöf, Gabriele Reuter, Stefan Zweig, Saul Bellow, Christian Morgenstern (Belege bei Walter Kugler: Feindbild Steiner, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2001, S. 37f., 61ff.), sowie kurzzeitig Max Brod und nicht zu vergessen Michael Ende, zum dem ich noch ausführlicher komme; MalerInnen wie Andrej Belyj (ebd., S. 36), Piet Mondrian (S. 47ff.), Jackson Pollock (S. 52) und Franz Marc (wikipedia). Zitate und Würdigungen der genannten ließen sich zusammentragen wie Sand am Meer, ich verzichte auf beides und beschränke mich auf zwei interessante Beispiel.

Auf Steiner berief sich auch gelegentlich Wassily Kandinsky, der auf eine konstruktivistische Neuinspiration der Kunst als Wegweiser für eine im Entstehen begriffenen spirituelleren Welt hoffte:

„Zum Schluss möchte ich anmerken, dass meiner Ansicht nach wir der Zeit des bewussten, vernünftigen Kompositionellen immer näher rücken, dass der Maler bald stolz sein wird, seine Werke konstruktiv erklären zu können (im Gegensatz zu den reinen Impressionisten, die darauf stolz waren, dass sie nichts erklären konnten), dass wir schon jetzt die Zeit des zweckmäßigen Schaffens vor uns haben, und endlich, dass dieser Geist in der Malerei im organischen direkten Zusammenhang mit dem schon begonnenen Neubau des neuen geistigen Reiches steht, da dieser Geist die Seele ist der Epoche des großen Geistigen.“ (Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst, Benteli Verlag, Bern 1952, S. 142f.)

Die Frage ist natürlich, ob diese sicher ganzheitliche und esoterisch angehauchte Ansicht als genuin anthroposophisch eingestuft werden kann oder muss (explizte Bezugnahmen auf Steiner und mehr noch die theosophische Ikone Helena Blavatsky gibt es in „Über das Geistige in der Kunst“ nur auf S. 42f.). Weniger Steiners Person und konkrete Inhalte seiner Weltsicht können als Inspiration für eine solche Weltsicht herhalten als vielmehr der „ganzheitliche“, „freigeistige“, „unkonventionelle“ „Geist“, der ihm zugeschrieben wird (s.u.) und ja auch gern das KünstlerInnenmilieu umgibt. Die Übereinstimmungen und Anregungen bleiben also auf einer oft sehr formalen, oberflächlichen Ebene. Historische Verbindungen und ideengeschichtliche Kontinuitäten zwischen Steiner und Kandinsky etwa zeigen sich bei historischer Überprüfung denn auch als dünn:

„Den neueren Versuchen, Esoterik nicht nur als schlechtes Gewissen der rationalisierten Welt abzuhandeln, sondern als Triebfeder künstlerischer Bewegungen zu nobilitieren, trat der Wiener Kunsthistoriker Raphael Rosenberg entgegen. Rosenberg untersuchte den Einfluss der aufklärerischen Wirkungsästhetik auf moderne Kunst und auf die Anthroposophie, wo die Kunsterfahrung auch als Ersatz für ausbleibende übersinnliche Erleuchtungen herhalten musste. Entschieden verwarf Rosenberg die These von der Geburt der abstrakten Kunst aus dem Geist der Esoterik, die daran kranke, dass die Wendung zum Abstrakten schon im 19. Jahrhundert bei Gustav Moreau erfolgt und nur nicht als solche ausgewiesen worden sei. Die Rezeption esoterischer Schriften bei abstrakten Künstlern wie Kandinsky oder Mondrian bedeute nicht notwendig einen zentralen Einfluss dieser Gedanken auf ihr Werk. Ähnlichkeiten zwischen Kandinsky und dem Esoteriker und Aurakartographen Charles Leadbeater resultierten aus ihrem gemeinsamen Interesse an der aufklärerischen Wirkungsästhetik, nicht aus einer primären esoterischen Inspiration Kandinskys.“ (Thomas Thiel: Zwischen Vernunft und Geisterseherei; Bericht von einer EsoterikforscherInnentagung im März 2010 in Halle; in: FAZ vom 17.03.10. Die Beschäftigung von EsoterikerInnen mit der Kunst als Kompensation ausbleibender „geistiger“ Erfahrung zeigt überdies, dass die von den Ikonen der Esoterik aufgespannten Visionen zwar sicher deren eigene, „private Wirklichkeit“ waren, aber für Normalsterbliche in der Regel wenn auch faszinierende Irrlichter bleiben.)

Wassily Kandinsky (1913)

Dasselbe trifft bei den GegenwartskünstlerInnen zu, die in der aktuellen Wolfsburger Ausstellung zu sehen sind:

„Trotz sinnfälliger visueller Parallelen, was etwa die organischen Formen von Tony Craggs Wulstskulpturen angeht (früher anthroposophischer Steiner) oder die kristallinen Formen Helmut Federles (später anthroposophischer Steiner), eine inhaltliche Verbindung jenseits von Allgemeinplätzen (Tony Cragg: ‚Was uns fehlt, ist der Gesamtsinn‘) lässt sich selten erkennen. (…) Viele der Künstler nutzen denn auch die Kataloginterviews, um vage auf formale Parallelen hinzuweisen, sich von der Anthroposophie selbst aber zu distanzieren. Selbst Katharina Grosse, deren farbige Raumskulpturen noch am ehesten an Waldorf-Fenstermalereien erinnern, sieht sich von Yoga und Hinduismus beeinflusst, nicht von Steiner.“ (Jungen: Ordnungssinn ist abzulehnen)

Manche der von AnthroposophInnen gern und stolz aufgezählten Personen haben sich auch wieder von Steiner abgewandt, etwa Andrej Belyj, der zwar bei der Gestaltung von Steiners Erstem Goethenaum (Der Europäer) mitgewirkt hatte, in den Zwanzigern aber der anthroposophischen Gesellschaft eine „Verquickung von falscher Esoterik und von Vereinsmalerei“ vorwarf (wikipedia). Max Brod interessierte sich nur 1910/11 für Steiners „Schulungsweg“ und Mondrian war erst in den letzten Jahren Anhänger Steiners, vorher beschäftigte er sich mit Blavatskys Theosophie. Freilich gibt es auch ganz explizite Anhänger der Steinerschen Weltanschauung, die ihre Inspirationen und konkreten Konzepte tatsächlich aus der Anthroposophie gewonnen zu haben angaben.

„Obwohl es mehr von der Anthroposophie inspirierte Künstler gibt, als man vielleicht allgemein annimmt, ist es doch auch nicht zu leugnen, dass es oft über Schichtenmalerei und ein diffuses „Malen aus der Farbe“ nicht hinausreicht. (…) In Ausstellungen weiß man oft nicht, ob man sich gerade in einer solchen befindet, oder in einem Therapeutikum. Alles, was nicht in diese Sehgewohnheiten passt, gehört in die Abteilung: Beuys. Beuys ist auf anthroposophisch gelegentlich so eine Art Synonym für alles Experimentelle, Schockierende und auf jeden Fall nciht ‚Anthroposophische‘.“ (Vera Koppehel: Work in progress – Rudolf Steiner und die Kunst, in: info3 – Sondernummer Frühjahr 2009, S. 37)

Joseph Beuys im Foyer der Kunstakademie während eines Ringgesprächs mit Studenten am 6.5.1969

Joseph Beuys im Foyer der Kunstakademie während eines Ringgesprächs mit Studenten am 6.5.1969

Joseph Beuys (der sich auch in der deutschen Plebiszitbewegung und im anthroposophischen „Achberger Kreis“ bei der Gründung der „Grünen“ engagierte und dort schließlich an einer Gegenkandidatur des ebenfalls anthroposophisch orientierten Otto Schily scheiterte) und sein von Steiners „Sozialer Dreigliederung“ inspiriertes Konzept der „Sozialen Plastik“, das seinerzeit eine revolutionäre Kunstauffassung darstellte, sind denn auch das prominenteste Beispiel eines „bekennend“ anthroposophischen Künstlers, der zu Weltruhm gelangte.

„Andererseits findet das Werk von Beuys seine Anerkennung nicht aufgrund dieser Symbiose [von „künstlerischer Praxis und anthroposophischer Konzeption“], sondern, weil namhafte Kunsthistoriker ihr Placet gaben. Seinen Marktwert bezieht das Beuyssche Werk nicht aus dem Fundus der Anthroposophie und doch ist das Werk durch anthroposophische Sichtweisen inspiriert.“ (Peer de Smit: Rückblicke für die Zukunft, a.a.O., S. 77)

Ein weiteres und sehr interessantes Beispiel wäre der Autor Michael Ende, der in seinem unschätzbaren Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ nicht nur mit seiner Schulzeit im „Dritten Reich“ abrechnete, sondern anthroposophische Grundsatzthemen erörterte, wie die Vom „Bund der Freien Waldorfschulen“ herausgegebene Zeitschrift „Erziehungskunst“ jüngst wieder betonte und freilich nicht vergaß, allerlei glorreiches und völlig ahistorisches zu Anthroposophie und Nationalsozialismus zusammenzutragen (Ulrich Kaiser: Jim Knopf besiegt die Nazis).

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer brechen von der winzigen Insel Lummerland auf und retten schließlich die Prinzessin Li Si vor dem Drachen „Frau Mahlzahn“, den sie aber aus Barmherzigkeit nicht töten, woraufhin er sich zum „goldenen Drachen der Weisheit“ verwandeln kann. Im Haus des Drachen in der Vulkanstadt „Kummerland“ entsprang auch der „gelbe Fluss“, der Retter und Gerettete bis in Li Sis esoterisch-luftiges Heimtland Mandala zurückbringt. Am Ende erweist sich die Insel Lummerland als oberster Gipfel des (wie Atlantis) versunkenen Landes Schamballa. Das ist ein fernöstliches (und theosophisches) Sagenland, das auch Steiner gelegentlich im Zusammenhang mit seinem „Ätherischen Christus“ als verlorenes und einst wiederzugewinnendes „Land“ anführte. Jim, stellt sich heraus, ist Nachfahre und Erbe von Kaspar, einem der biblischen „Weisen aus dem Orient“, den Steiner in seiner Rassentheorie mit dem wie Atlantis im Meer versunkenen „Lemuria“ verknüpfte. Vor langer Zeit hatte der Drache Mahlzahn Schamballa im Kampf mit Kaspar irgendwie versenkt und stattdessen das sturmumtoste „Land, das nicht sein darf“ aufsteigen lassen. Das wiederum wird von der „Wilden 13“ bewohnt, einer Piratentruppe, die am Ende feststellt, dass sie doch nur aus zwölf Personen besteht und sich dann Jim Knopf anschließt – eine Christusmetapher.

Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Cover) - eine Parabel auf anthroposophisches Gedankengut

Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (Cover) – eine Parabel auf anthroposophisches Gedankengut

All das liest sich grotesk in einer solchen Zusammenfassung, wunderbar als Kinderbuch und enthält zahllose Parallelen zur Konfrontation mit den zwei „Hütern der Schwelle“ in Steiners meditativem „Schulungsweg“, vor allem seinen Evolutionstheorien und verwendeten Symbolen zu Michael, Christus und (wie gesagt) Schamballa. Dieses eine Beispiel von vielen (das Werk „Momo“ und die „Unendliche Geschichte“ ließen sich ähnlich interpretieren und das Werk von Christian Morgenstern und Stefan Zweig wohl noch viel gewinnbringender auf anthroposophische Themen untersuchen) muss hier erstmal genügen.

Der „neue“ Steiner:

Poetry-Slammer und Stand-Up-Okkultist

Und damit schon wieder zurück zur Gegenwart. Wenn schon in der Vergangenheit eher Bruchstücke des Steinerschen Werkes inspirierend auf KünstlerInnen wirkten, selten dessen Gesamtvision, so geschieht das heute umso mehr – wie wir schon bei den KünstlerInnen der Wolfsburger Ausstellung gesehen haben (Ordungssinn ist abzulehnen). Damit einher geht eine seltsame, aber logische Wende der Wahrnehmung und Darstellung von Steiners Person. Dieser wird vom verehrungswürigen (bzw. für GegnerInnen verachtenswürdigen) „Doktor“ des Okkulten zu einer dynamischen, spontanen Querdenkerfigur, die ihre Ideen und Konzepte nur zur Anregung und um des Spiels, der Inspiration willen formuliert, verworfen und neu formuliert habe. Dieser „neue“ Steiner hat sicher seine Wurzeln beim „tatsächlichen“ (vgl. Christian Grauer: Genie und Dilettant), ist aber auch eine arg idealisierte und beschönigte Figur. Auch der originellste und interessanteste der zur Wolfsburger Ausstellung erschienenen Artikel stimmt da mit ein. Da wird zunächst Steiners kruder Dogmatismus und „totalitärer Gestaltungswille“ thematisiert. Dann heißt es:

„Wo er Kunst wollte, kam schrecklicher Unsinn heraus. Man werfe nur einen Blick auf seine Skulptur „Der Menschheitsrepräsentant“ oder seine Gemälde. Umso frappierender ist der Reiz seiner Wandtafelzeichnungen. Sie sind etwa ein mal eineinhalb Meter groß. Sie haben Joseph Beuys noch stärker beeinflusst, als Steiner selbst ihn beeindruckt hat. Steiner hatte die Wandtafelzeichnungen als erläuternde Skizzen zu seinen Vorträgen gedacht. Sie waren keine Sekunde als Kunst geplant. Die ausgearbeiteten Vorträge mögen gewesen sein, wie Tucholsky sie beschrieb [d.h. unauthentisch, s.o. – A.M.]. Die Wandtafelzeichnungen dagegen scheinen spontan. Selbst das „In mir ist Gott. Ich bin in Gott“, das am Rande einer der schwarzen Tafeln steht, wirkt – krakelig hingeworfen – wie selbstverständlich wahr..“ (Widmann: Buchhalter des Universums)

Tafelzeichnung Steiners. Für einige "groteske Selbstvergötterung", für manche inspirierender Pantheismus, bei Steiner zu erklären aus komplizierten "Wesensglieder"lehren

Tafelzeichnung Steiners. Für einige „groteske Selbstvergötterung“, für manche inspirierender Pantheismus, bei Steiner zu erklären aus komplizierten „Wesensglieder“lehren

Ein anderer Artikel bringt das auf den Punkt, indem er die Wahrnehmung Steiners als Okkultisten bedauert, da sie den Blick auf das Bedeutungsvolle verstelle:

„Welch eine Ironie, dass ihn die Nachwelt vor allem als Begründer einer Lehre voll mystisch-wirren Ordnungssinns kennt. (…) Ihn selbst jedoch haben seine Texte über den Augenblick hinaus nicht interessiert; Mitschriften mochte er nicht einmal durchsehen. Die vielen tausend Vorträge, die eklektisch zugreifen auf Spiritismus, Gnosis, Idealismus und auf alle damals – wie heute wieder – beliebten esoterischen Abkürzungen am mühsamen Denken vorbei, waren nie als jenes Werk gedacht, das die Beschäftigung mit Steiner heute bleischwer bedrückt. Es handelte sich eher um so etwas wie Stand-up-Okkultismus, einen ultraspätromantischen Poetry Slam: Wissenschaft der Form nach, an sich aber Mysterienspiel und Gesamtkunstwerk. (…) ‚Steiner gehört nicht den Anthroposophen allein‘, sagt Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg und Kurator der Ausstellung ‚Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart‘. Mateo Kries pflichtet bei, schätzt Steiners Werk als Phantasmagorie.“ (Jungen: Ordnungssinn ist abzulehnen)

Auch dieser Steiner ist künstlich. Aber geschaffen von einem (post-)modernen, postmaterialistischen Publikum, das Steiners hierarchisch gegliederte Geisterreiche gern zu Versinnbildlichungen, rein illustrativen Skizzen, „Poetry Slam“ (Jungen) im Sinne seiner Tafelzeichnungen umdeutet. Es ist der schlampige Schöngeist Steiner, kindlich, egozentrisch, provokant, und findig. Er reiht sich problemlos an Alternative, Ökologen, mentale Fitnesstrainer und Selbsthilfegurus des 20. Jahrhunderts. Ein sympathischer, ein „postmoderner“ Steiner. Jeder kann sich beliebig aus seinem buchstäblich unerschöpflichen Werk bedienen. Dieser Steiner ist bei Weitem netter – und natürlich auch viel verwertbarer – als der „andere“, der „unauthentische“, verknöcherte okkulte Prediger. Frohlocken kann über diese öffentliche Wahrnehmung und Darstellung Steiners nun endlich auch mal diejenige Fraktion der AnthroposophInnen, die sich schon seit Jahren um eine liberale und kosmopolitische Präsentation und Interpretation des anthroposophischen Gedankenguts bemüht: Der „Dunstkreis“ der Zeitschrift info3.

„Soviel Offenheit, Wertschätzung und Kompetenz in Sachen Anthroposophie war bei Vertretern des kulturellen Lebens selten zu spüren. Manche sprechen schon von einer Trendwende in der öffentlichen Wahrnehmung -Steiner reloaded eben. Wir von info3 haben den Eindruck, dass das auch derjenige Steiner ist, den wir seit vielen Jahren in unserem Magazin der Welt zeigen möchten. Man darf gespannt sein, welche Wirkungen von diesem Ereignis noch ausgehen.“ (Jens Heisterkamp, Redaktionstagebuch, in: info3 06/10, S.1)

Vielleicht ist dieser Umgang mit seiner Person der einzig vorerst mögliche auf dem Weg zu einem allmählichen anthroposophischen „Emanzipations-„, und das hieße auch Auflösungsprozess – ähnlich geht es in manchen entsprechenden „linken“ oder „christlichen“ Kreisen zu mit den Auslegungen der Werke von Marx oder der Bibel zu (ein Beispiel etwa bei Erich Fromm: Haben oder Sein (1976), dtv, München 2010, zur Marx-Interpretation S. 189-199, zur Bibel S. 66-75), – ohne diese drei jetzt in Relevanz, Inhalt und Wirkungsgeschichte miteinander vergleichen zu wollen, die Differenzen kann sich wohl jedeR denken. Aber so begrüßenswert und interessant ich die spirituelle „Degradierung“ Steiners vom okkulten „Menschheitsführer“ zum schöngeistig-spätromantischen „Schlamper“ mit Museumstauglichkeit innerhalb dieses Prozesses auch finde – legitim und möglich ist diese Steinerinterpretation nur und einzig, wenn mensch 1. vorher den Dogmatiker  Steiner und die irrlichtelierenden Unmöglichkeiten seines Oeuvres realisiert, so benennt und sich von ihnen distanziert – und wenn mensch 2. bereit ist, Steiners „Leistungen“, gerade seines „künstlerischen Werkes“, im Licht der Kunstströmungen und -theorien seiner Zeit zu betrachten. Sonst bleibt diese Präsentation Steiners nicht mehr als (Selbst-)betrug.

Ignorierte Kontexte

Von diesen interpretatorischen Problemen abgesehen fragt sich nämlich auch, wie originell viele von Steiners oder seiner MitarbeiterInnen Beiträge, in ihren historischen Kontext gestellt, wirklich waren. Ich möchte das (um beim Thema „Anthroposophie in der Kunst“ zu bleiben) am Beispiel der anthroposophischen Weltanschauungsarchitektur beschreiben, die heute noch vor allem aus Gebäuden der anthroposophienahen „Christengemeinschaft“ oder Waldorfschulbauten bekannt ist und in ihrer bekannten, sehr auffälligen „organischen“ Ästhetik wie zu erwarten „Geistiges“ darstellen soll.

Seit den Sechzigern haben ArchitektInnen und ArchitekturhistorikerInnen pro- wie antianthroposophischer Einstellungen über anthroposophische Bauten und Bauweisen geschrieben und gestritten, wie Johann Fäth in aller Ausführlichkeit recherchiert und dargestellt hat. Das breite Spektrum der Meinungen insbesondere der großen ArchitektInnen ist äußerst lehrreich und interessant, würde aber selbst den Rahmen meiner Blogeinträge sprengen  (deshalb Fäth: Rudolf Steiner Design, v.a. S. 11, 19-22).

Manche KritikerInnen, die auf die Präsentation Steiners als geistesgestörten Wahnsinnigen ebenso versessen sind, wie die meisten AnthroposophInnen auf seine Darstellung als keuschen Heiligen, entwickeln bei der Beschreibung von Steiners Architektur ihrerseits eine an die Rhetorik mystisch-„höherer Wahrnehmung“ erinnernde Phantasie:

„Das zweite Goetheanum (…) Gigantisch gemeinter und so ungefähr auch wirkender Betonbau. (…) Jedermann kann an dem merkwürdigen Gebäude ein Inversionserlebnis ästhetischen Empfindens an sich selbst erproben. Der Schauder des Erhabenen, das Gefühl anthroposophischer Geborgenheit unter Steiners zu Beton geronnener ‚ätherischer Schädeldecke‘ kippt um in das Gänsehaut erzeugende Erlebnis des eisigen Anhauchs einer anderen Welt. Wegen seiner Einäugigkeit taufte ich das zyklopische Horrormonster ‚Totenschädel des Polyphem'“ (Wolfgang Treher: Hitler, Steiner, Schreber: Gäste aus einer anderen Welt – die seelischen Strukturen des schizophrenen Prophetenwahns, Oknos Verlag, Emmendingen 1990, S. 304)

Das "Zweite Goetheanum" (fertiggestellt 1928), nach Entwürfen von Rudolf Steiner

„Totenschädel des Polyphem“? Das „Zweite Goetheanum“ (fertiggestellt 1928), nach Entwürfen von Rudolf Steiner

Die meisten AnthroposophInnen – sowie einige KünstlerInnen der Wolfsburger Steiner-Ausstellung – sehen das natürlich anders. Auch sie halten an der beeindruckenden Einzigartigkeit von „Steiners“ Baustil fest:

„Auch wenn ich nicht den anthroposophischen Ideen nicht folgen kann, zeigt das ganze Phänomen Steiner doch, was für eigenartige Formen generiert werden, wenn sie sich innerhalb eines eigenständigen Ideengebäudes entwickeln.“ (Hilma af Klint laut dem Katalog zur Ausstellung, zit. nach Angelika Wiehl: Durchbruch: Zeitgenossenschaft, in: info3, 06/10, S. 58; vgl. die Aussagen von Helmut Federle im ORF-Beitrag zur Wolfsburger Ausstellung).

Psychologisch ist das natürlich verständlich:

„Das entscheidende Problem scheint mir die Furcht der Anthroposophie vor einem legitimationsgefährdenden Domino-Effekt zu sein: Wenn ein Teil von Steiners Weltanschauung fällt, weiß niemand, was am Ende noch stehen bleibt.“ (Helmut Zander: Anthroposophische Rassentheorie, in: Stefanie Schnurbein/Justus Ulbricht: Völkische Religion und Krisen der Moderne, Königshausen & Neumann, Würzburg 2001, S. 340)

Aber so poetisch es auch wirkt, die Gestaltungen aus „anthroposophischem Geist“ auch als Gestaltungen höherer Wirkmächte (oder vom gegnerischen Standpunkt nach Belieben Ausformungen einer größenwahnsinnigen schizoiden Psyche) zu interpretieren: Die Wahrheit sieht wie üblich im anthroposophischen Zusammenhang weit ernüchternder aus, als BefürworterInnen und GegnerInnen es gerne hätten. Die anthroposophische Architektur mit ihren stereometrisch-kristallinen Verwinkelungen und schwer lastenden Dachbauten erweist sich – in den historischen Kontext gestellt – als Devirat der expressionistischen Architektur des frühen 20. Jhdts vor und nach dem 1. Weltkrieg:

Fritz Kaldenbach: Große Villa (Entwurf), 1914

Fritz Kaldenbach: Große Villa (Entwurf), 1914

Ein Beispiel, das Steiner bekannt gewesen sein muss, ist die „Große Villa“ von Kaldenbach, der bis 1913 (also vor der Begründung „anthroposophischer“ Architektur) auch mit der Theosophical Society, deren Leiter Steiner in diesen Jahren war, zu tun hatte. Die Vermeidung rechter Winkel zugunsten kristalliner Verwinkelungen, die massive Gebäudefront „zwischen Jugendstil und Bunker“ (Peter Brügge), das lastende Dach, die strenge Symmetrie, deren Mittelachse durch ein großes Fenster betont und aufgebrochen wird – all das sind Parallelen zwischen dem „Goetheanum“ bzw. vielen Anthrogebäuden und diesem oder anderen expressionistischen Bauten. Und auch die konkav-konvexen Wölbungen und Spannungen, die das „Goetheanum“ von der „Villa“ Kaldenbachs noch unterscheiden, erweisen sich als Gestaltungsmerkmale expressionistischer Architektur:

Erich Mendelsohn: Einsteinturm, Potsdam, 1919-1921 (Foto von Wolf Rabe)

Erich Mendelsohn: Einsteinturm, Potsdam, 1919-1921 (Foto von Wolf Rabe)

Genau wie der „organische“ „Schwung“ des Gebäudes:

Mendelsohn: Einsteinturm (s.o.)

Mendelsohn: Einsteinturm (s.o.)

Aus dieser historisch-kritischen Perspektive erweisen sich viele Konzepte Steiners als lediglich mit einer esoterischen Kunsttheorie überformte Gedanken oder Ideen seiner Zeit – und das auf den allermeisten Gebieten (siehe das Mammutwerk von Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, 2 Bde, der überdies zeigt, dass auch die esoterische Kunsttheorie zu großen Teilen aus der Theosophie übernommen wurde). Mensch kann das positiv deuten:

„Die anthroposophischen Architekten partizipierten an einem kunsttheoretischen Diskurs, den sie kaum steuern konnten, aber mit wachen Augen wahrnahmen. Sie standen mit ihren Bauten zwar nicht in der ersten Reihe der Avantgarde, waren aber ganz nahe am Puls der Zeit.“ (ebd., II, S. 1177)

Oder die trotzdem existenten Einflüsse des „Goetheanums“ auf ArchitektInnen wie Frank Gehry (s.o.),  Le Corbusier, Hans Scharoun (der das Zweite Goetheanum für den bedeutendsten Bau in der ersten Hälfte des 20. Jhdtss hielt) und Frank Lloyd Wright herausstellen (ebd., siehe auch und schon wieder Rudolf Steiner Design).

Gehry: Das Guggenheim-Museum in Bilbao, Spanien (1991–1997)

Gehry: Das Guggenheim-Museum in Bilbao, Spanien (1991–1997)

Aber mensch muss auch negativ darauf hinweisen, dass die „Entwicklung“ der anthroposophischen Kunst- und auch Architekturonzepte offenbar seit den 20ern bei ihrer expressionistischen Formensprache stehengeblieben, „versteinert“ ist – im architektonischen Bereich ausgenommen von denjenigen anthroposophischen ArchitektInnen, die eine „zeitgemäße“ Anknüpfung an Steiner in der Tradition des „Ökologischen Bauens“ sehen. Das führte zu Hässlichkeiten wie dem folgenden von Karlheinz Flauentworfenen anthroposophischen „Auto“:

Auto in "anthroposophischer" Formensprache von Karlheinz Flau

Auto in „anthroposophischer“ Formensprache von Karlheinz Flau

Oder klobig-kubistischen Klötzen aus Rudolf Steiners Entwürfen für Thronsockel (im „Ersten Goetheanum“):

"Thronsessel" im Ersten Goetheanum

„Thronsessel“ im Ersten Goetheanum

Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ fühlte sich offenbar sogar zu einer Presseerklärung mit vielen großformatigen bunten Bildern nicht-typisch-„unrechtwinkliger“ Waldorfschulbauten aufgelegt, um dem Klischee der Anthroarchitektur zu entkommen (PM: Nicht nur abgerundete Ecken und sanfte Linien).

Es ist legitim, bestimmt auch in manchem bereichernd, sich den sicher faszinierenden architektonischen oder sonstwie künstlerischen Umsetzungen von Esoterik und Anthroposophie zu nähern – ungenügend erforscht sind heute noch etwa die Einflüsse okkulter Lebenskonzepte auf die Bauhausarchitektur oder das Ökologische Bauen. Aber all das wird zum peinlichen Selbstbetrug, wenn unangenehme umliegende Fakten ausgeblendet, ja: geleugnet werden.

Anhang – Berichte und Artikel zur Wolfsburger Ausstellung

  • Das innere Schauen: „Künstler, Philosoph und Guru: Wolfsburg entdeckt Rudolf Steiner. Es geht ihm um die Zusammenführung der wissenschaftlichen und der künstlerischen Erkenntnis und zugleich um beider „Verwirklichung“ in einem ganz wörtlichen Sinne. (…)“ (Tagesspiegel, 19.05.2010)
  • Steiner reloaded: „Rudolf Steiner? Man denkt an Waldorfschulen, Eurythmie, esoterische Zirkel. Dass der Begründer der Anthroposophie nicht nur Pädagoge war, sondern auch Einfluss auf die Kunst hatte, geriet in Vergessenheit. Nun zeigen Ausstellungen in Wolfsburg und Weil am Rhein Steiner als ak tuellen Denker und Künstler. (…)“(Art – das Kunstmagazin, 26.05.2010)
  • „Jesus der kleinen Mannes“: „Ob Waldorfpädagogik oder anthroposophische Medizin, ob biologisch-dynamische Landwirtschaft oder organische Architektur – Rudolf Steiner war einflussreich und umstritten zugleich. (…)“ (Deutsche Welle, 19.05.2010)
  • Missionar der Gestaltung: „Stuttgart – Mit farbiger Kreide sind schwungvolle Linien auf eine schwarze Wandtafel gemalt. „Das Äußere wird Inneres. Das Innere wird Äußeres“, steht in krakelig-markanter Handschrift daneben. Handelt es sich um eine der berühmten Wandtafelzeichnungen von Joseph Beuys? Nein, auch der charismatische Vortragsredner Rudolf Steiner hat seine Gedanken der Zuhörerschaft gern bildlich vor Augen geführt (…)“ (Stuttgarter Zeitung, 18.05.2010)
  • Ordnungssinn ist abzulehnen: „Wissenschaft als Mysterienspiel und Gesamtkunstwerk: Zwei Wolfsburger Ausstellungen weisen Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, einen neuen Ort in der Kulturgeschichte zu. (…)“ (FAZ, 18.05.2010)
  • Buchhalter des Universums – Rudolf Steiner-Ausstellung in Wolfsburg: „Die Moderne war nicht modern. Sie ist auch kein Projekt, das darauf wartet abgeschlossen zu werden. Die Aufklärung gibt es nicht. Allenfalls die Aufklärung über etwas. Der Prozess, in dem man sich klar wird über das Eine, verdunkelt den Blick auf das Andere. Je schärfer man etwas sieht, desto mehr verwischen die Konturen der anderen Dinge. (…)“ (Frankfurter Rundschau, 20.05.2010)
  • Lichtwolken und Kuhhörner: „Steiner (1861 bis 1925), der Begründer der Anthroposophie, war nicht nur einer der großen Irren der deutschen Kultur – geschichte. Aus ihm wurde auch ein mainstreamtauglicher Wellness-Philosoph, dessen Goetheanum in Dornach heute ein Wallfahrtsort ist. Nicht einfach, beides unter einen Hut zu kriegen.“ (Spiegel, 10.05.2010)
  • Die Werkstatt des Rudolf Steiner: „Im Kunstmuseum Wolfsburg ist zurzeit die erste umfassende Ausstellung über den Universalisten zu sehen. Steiner (1861–1925) ersann die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik, doch hinterließ er Spuren auch in Medizin und Theologie, Landwirtschaft, Kunst und Architektur. (…)“ (Rheinische Post, 19.05.2010)
  • Rudolf Steiner wird „entsteinert“: „Die vom Vitra Design Museum konzipierte Ausstellung „Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags“ stellt die Vielfältigkeit des umstrittenen Künstlers Rudolf Steiner dar. Deutlich wird in dieser Ausstellung, welche Quellen Steiner für seine Arbeit und sein Weltbild hatte und in welcher Art und Weise sie sich in seinem Tun widerspiegeln. (…)“(Öffentliche, 17.05.2010)
  • Seele ohne Menschen: „Wie schon in seiner Pädagogik und seiner Medizin verarbeitete der Spiritist Rudolf Steiner (1861–1925) auch in seiner Kunst nichts, was über die eklektizistische Deutung zeitgenössischer irrational-esoterischer Tendenzen hinaus ging. (…)“ (Junge Welt, 02.06.2010)
  • Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart: „Das zweiteilige Großprojekt zum Thema ‚Rudolf Steiner‘ greift ein Phänomen auf, das zu einem der spannendsten Kapitel der modernen Kunst und Geistesgeschichte gehört. (…)“ (Monopol Magazin, 20.05.2010)

Radio- und Fernsehbeiträge

  • Impulsgeber für Kunst, Design und Architektur: „Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg: ‚Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart‘ – Ein Gespräch mit Walter Kugler, Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs in Dornach.“ (Radiobeitrag auf WDR3, 14.05.2010)
  • Rudolf Steiner und die Alchemie des Alltags: „Rudolf Steiner gilt als einer der einflussreichsten Reformer des frühen 20. Jahrhunderts. Eine Doppelausstellung in Wolfsburg widmet sich seiner Philosophie und der Resonanz bis in die Gegenwart.“ (Radiobeitrag auf WDR 5, Sendung vom 14.05.2010)
  • Wo ist der Geist heute? (Radiobeitrag auf Bayern 2, 14.05.2010)
  • Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart: “ (…) Doch Steiner hat auch Künstler wie Piet Mondrian, Wassily Kandinsky oder Joseph Beuys inspiriert. Sein eigenes künstlerisches Werk umfasst zahlreiche Kunstmappen,1.100 „Wandtafelzeichnungen“ und viele Skizzen, darunter allein etwa 1.500 zur Eurythmie, einer expressiven Tanzkunst, die Steiner erfand.“ (NDR- Kulturjournal, 10.05.2010)
  • Rudolf Steiner und sein Einfluss auf die Kunst: „Umfassend wie nie zuvor erforscht die Doppelausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg den Kosmos Steiner und seinen Einfluss auf die Kunst. Mit einer Performance übersetzt Ansih Kapoor Steiners Gedanken: ein Massageraum, in dem sich Körper und Seele verbinden sollen.“ (3-Sat-Kulturtipp, 18.05.2010)
  • Ideen-Welt: Kosmos Rudolf Steiner: „Esoteriker, Denker, Künstler – zwei Ausstellungen in Wolfsburg Nietzsche donnerte „Gott ist tot“, das klang Rudolf Steiner ebenso in den Ohren wie der der Lärm der Granateneinschläge des ersten Weltkrieges. (…)“ (ORF Kulturmontag, 17.05.2010)

16. Juni 2010 at 7:21 am 35 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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