Waldorfschulen 1933-1945: Eine Chronik

Die Waldorfschule Stuttgart 1936 beim vorgeschriebenen Appell zu Schuljahresbeginn und -ende (aus Deuchert 2012: 222. Verwendung mit freundlicher genehmigung des Info3/Mayer-Verlags)

Waldorf und „Gleichschaltung“: Die 1919 von Rudolf Steiner gegründete Stuttgarter Schule im Jahr 1936 bei einem der vorgeschriebenen Appelle (Bild aus: Esterl 2012: 222, Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Info3/Mayer-Verlags)

Vorab: Über die Geschichte der Waldorfschulen im Nationalsozialismus wird immer wieder gestritten. Einerseits verkündeten sie lautstark Kollaborationsbereitschaft und setzten jüdische Lehrer ohne ein Wort des Bedauerns vor die Tür. Gleichzeitig haben sie den Ernst ihrer Lage allenfalls realisiert, als es zu spät war. Konzessionen blieben auf der Vereinsebene, sie wollten buchstäblich alle Eigenheiten ihrer Pädagogik bewahren und im Zweifelsfall die Nazis davon überzeugen, gerade das leiste das beste für die „Volksgemeinschaft“. Zahlreiche Nazigutachter kamen so auch zu dem Schluss, Nationalsozialistisches habe an den Schulen keinen Einzug gehalten. Streit gab es stets über das Ausmaß der Kompromisse. Unter den Lehrern, mit Nazi-Eltern an den Schulen, vor allem aber untereinander: Zwei Schulen versicherten vor ihrer Selbstschließung, in einem Staat, in dem die Anthroposophie verboten sei, gebe es auch für sie keinen Platz mehr. Sie warfen dem Rest der „Bewegung“ faule Kompromisse vor. Andere glaubten, den Nazis die Ideale ihrer Pädagogik plausibel machen zu können. Schließlich ging es um den Geist der Jugend und die Mission Deutschlands, und auf beides hatte in ihren Augen selbstverständlich die Anthroposophie das Monopol: Ideologische Anfeindungen seitens der Nazis konnten also nur auf Missverständnissen beruhen. Die allermeisten verstanden vom NS so wenig wie die allermeisten Nazis von Rudolf Steiner.

Die Waldorfschulen überlebten länger als viele andere Privatschulen, begeisterten sogar eine Hand voll hochrangiger Nazi-Funktionäre und erfuhren doch enormen politischen Druck. 1936 schloss eine Waldorfschule sofort, als es offizielle Schüleraufnahmesperren für die Schulen gab. Andere konnten sich (nicht nur) aufgrund der durch die Sperre verursachten finanziellen Schäden nicht mehr lange halten. Sie mussten sich in den nächsten Jahren nach und nach auflösen. Die erste Waldorfschule in Stuttgart dagegen wurde vom Kultusminister Württembergs ganz persönlich bekämpft und (1938) geschlossen. Zwei weitere wurden schließlich mit Hess‘ Zuspruch als staatliche „Versuchsschulen“ genehmigt. Die erste erholte sich aber nicht von den finanziellen und Schülerverlusten und sah sich gezwungen, 1940 zu schließen. Die zweite wurde (1941) im Zuge der Nazi-„Aktion gegen Geheimlehren“ zugemacht. Die verwirrten und verwirrenden Waldorf-Wege zwischen Kollaboration, Verweigerung und „Selbstverwaltung“, behördlichen Duldungen, Schikanen und Vorschriften, konkurrierenden Nazigrößen, ideologischen Binnenkonflikten und ökonomischen Nöten sind ein Lehrstück zur Polykratie des Nazi-Unstaats und zur naiven politischen Heillosigkeit der Anthroposophie.

Heute zitieren Waldorf-Kritiker gern Schreiben, in denen damalige Waldorffunktionäre den Behörden mit großem Pathos ihre Treue zum NS versicherten – und Waldorf-Apologeten Nazis, die die Schulen als unvereinbar mit dem Nationalsozialismus verachteten. Die Wahrheit liegt wie üblich nicht in der Mitte, sondern quer durch beide heute herbeizitierten Extreme: Das Schicksal der Waldorfschulen 1933-1945 wurde nicht durch retrospektive Pointen entschieden, sondern in einem verwickelten tagespolitischen Handgemenge. Das soll die folgende ereignisgeschichtliche Chronik einfangen.


„…Their enthusiasm reveals their own misconceptions about National Socialism. They believed that inspections would reveal to Nazi officials that, even though they did not teach Rassenkunde or hang a picture of Hitler in every classroom, they still did not pose a threat to Nazism because both systems worked towards the same goals. To put it another way, the schools believed that even though the means were not the same, the similarity of the ends would be justification enough. This attitude in fact reveals two fundamental misconceptions; first, that their ultimate educational goals were the same, and second, that the Nazis were capable of allowing the schools to exist in the Third Reich as non-conformists …  the schools were misguided and perhaps naive in their belief that inspections would convince Nazi officials to reconsider their opinions about Waldorf schools. To be more precise, the schools were not entirely wrong in this assumption, as the inspectors did in fact concede that there were worthy elements in the schools. However, their mistake was to assume that there was room in the Nazi mindset to accommodate those elements. In short, they did not understand that, no matter how much value Nazi officials saw in the schools, they could not admit to it because it contradicted National Socialism. The reports reveal how the inspectors struggled with this situation to varying degrees. They all agreed that the discipline of the students and the ability of the teachers could not be questioned.“ (Priestman 2009: 144f., 150)


 

1933

Gleich 1933 besteht für die Nazis das Ziel, „konkurrierende Erziehungsmächte“ zu eliminieren, es werden verschiedene Privatschulen geschlossen. Für das Wachstum der Schulbewegung ist der Wahlsieg des Nationalsozialismus aber zunächst kein Hindernis. In Zeist und Amsterdam (Holland) werden neue Waldorfschulen eröffnet. (Oberman 2008: 94) Die Waldorfschule Berlin expandiert in den folgenden Jahren (Hardorp 1998: 61, Staudenmaier 2014: 183) und auch andere Schulen bis 1936 (Dresden bis 1940). Die neun Waldorfschulen in Stuttgart, Berlin, Breslau, Hannover, Dresden, Kassel, Essen, Hamburg-Altona und Hamburg-Wandsbek werden in diesem Jahr zusammen von etwa 3200 Schülern besucht, 1000 davon gehen auf die 1919 in Stuttgart gegründete ‚Mutterschule‘, an der auch die Lehrerbildung stattfindet. Sie gilt als „erste unter gleichen“, sonst gibt es keine Waldorf-Dachorganisation. Die zweitgrößte Waldorfschule in Hamburg-Wandsbek leiten Friedrich Kübler und Hans Pohlmann, ein Nazi-Sympathisant, der Ende 1933 NSDAP-Mitglied wird. Sie hat 388 Schüler und 20 Lehrer (Werner 1999: 94ff., Götte 2000: 419, Bierl 2005: 187, Priestman 2009: 1, 45, 99f., Staudenmaier 2014: 183, 189) An den Schulen arbeiten ca. 159 Lehrer, fast die Hälfte davon in Stuttgart. Die einzelnen Lehrkräfte wechseln nicht selten zwischen den Schulen, wenn Bedarf besteht. (Götte 2000: 450, Priestman 2009: 84, 90) Unklar ist derzeit die Lage Waldorfschule Wien. Schon aus der Weimarer Zeit gibt es Auflagen: Nur staatlich geprüfte Lehrer dürfen an den Schulen eingestellt werden, es staatliche Leistungsanforderungen werden überprüft. (Götte 2000: 419)

Januar 1933:
– Einen Tag nach der Bestätigung Adolf Hitlers als Reichskanzler nimmt eine Frau Dr. Oberstein, NSDAP-Mitglied, ihre Tochter von der Waldorfschule Breslau: Sie beschwert sich über einen jüdisch-stämmigen Lehrer Ernst Lehrs (eigentlich Lehrer an der Stuttgarter Waldorfschule seit 1920 und keineswegs jüdisch erzogen) und wirft der Schulleitung vor, nicht hinter dem Nationalsozialismus zu stehen. Der Breslauer NSDAP-Ortsgruppenleiter beschwert sich daraufhin ebenfalls bei der Schule und denunziert sie als jüdische Verschwörung. Klassenlehrer Heinrich Wollborn verteidigt Lehrs brieflich und betont, die Anthroposophie hebe das Individuum über die Rasse hinaus. (Staudenmaier 2014: 179) Wollborn ist zusammen mit Hans Eberhard Kimmich Leiter der Breslauer Schule. (Priestman 2009: 46)

Februar 1933:
– Die Stuttgarter Waldorfschule schreibt an Goebbels und Hitler und betont, die Waldorfschulen stellten keine Gefahr für das nationalsozialistische Deutschland dar. (Oberman 2008: 123)
Bernhard Rust wird Preussischer Erziehungsminister. (Priestman 2009: 59)

März 1933:
Elisabeth Klein, Leiterin der Dresdner Waldorfschule, tritt für eine einheitliche Informationspolitik gegenüber den Behörden und für die Gründung eines zentralen Zusammenschlusses der Waldorfschulen ein. (Werner 1999: 98f., Priestman 2009: 113) Sie setzt sich bei der angesehen Stuttgarter ‚Mutterschule‘ dafür ein, man solle versuchen, in persönlichen Kontakt mit nationalsozialischen Entscheidungsträgern zu kommen. Dies stößt beim Leiter der Berliner Schule, Herbert Schiele auf Kritik, in Hannover bei Günther Beindorff auf Zustimmung. Beinhoff wendet sich daraufhin an René Maikowski, Leiter der Waldorfschule Hannover und Bruder des SA-Offiziers Hans Eberhard Maikowski, einem im Januar ermordeten Nazi-„Märyterer“. (Götte 2000: 425f., Bierl 2005: 189, Oberman 2008: 117ff., 148, Staudenmaier 2014: 190) „Als Bruder des gefallenen Sturmbannführers öffneten sich Maikowski manche Türen.“ (Werner 1999: 100) Die Idee findet schließlich auch an der Stuttgarter Schule Resonanz. (Priestman 2009: 91)
Günther Beindorff von der Hannoveraner Schule tritt außerdem (seit März) in Kontakt zu seinem Bekannten Helmut Bojunga, Ministerialdirektor im Preussischen Erziehungsministerium. Beindorff versichert die Kooperations- und „Umbau“-Bereitschaft der Waldorfschulen, Bojunga sieht keine Probleme auf diese zukommen und beruhigt ihn. (Götte 2000: 438, Priestman 2009: 113f.)

Mai 1933:
Erziehungsminister Bernhard Rust fordert von der Waldorfschule Hannover, sie möge sich innerhalb dreier Wochen auf das Ziel einer „nationalpolitischen Bildung“ ausrichten, sonst könne ihr Weiterbestand nicht garantiert werden. (Werner 1999: 102f., Götte 2000: 451) Grund dafür ist ein negativer Inspektionsbericht. Die Lehrer wenden sich daraufhin an Ministerialdirektor Bojunga. (Priestman 2009: 163) Der Vorfall führt zu starken Reaktionen in der Waldorfbewegung:
Eine Vertreter-Konferenz aller Waldorfschulen tagt angesichts der politischen Ereignisse und auf Anregung von Karl Ege (Lehrer in Stuttgart) in Berlin. (Oberman 2008: 114ff., 121) Acht der deutschen Waldorfschulen schließen sich von jetzt an im „Reichsverband der Freien Waldorfschulen“ zusammen, der bald darauf in „Bund der Waldorfschulen“ umbenannt wird. Ernst Uehli richtet in dessen Namen eine „Denkschrift der Freien Waldorfschulen“ an Nazibehörden, die betont, die Waldorfschulen seien „gleichgeschaltet“ und zugleich Mitglied im neuen Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB), außerdem aller internationalen Reformpädagogik abhold. Sie arbeiteten in der Überzeugung einer deutschen Kulturmission. Tatsächlich beantragen die Waldorfschulen eine NSLB-Mitgliedschaft. (Werner 1999: 101ff., Götte 2000: 452f., Bierl 2005: 187f., Oberman 2008: 123, Priestman 2009: 91ff., Staudenmaier 2014: 187) „Leiter“ des Bundes ist der hoch angesehene aber bereits sehr alte Stuttgarter Lehrer Christoph Boy. (Deuchert 1991: 114, 117) Boy soll zunächst nach Berlin reisen und dort die Kooperationsbereitschaft der Schulen erklären. (Priestman 2009: 93) Sprecher des Waldorfbundes wird René Maikowski als Leiter der Hannoveraner Schule und aufgrund seines bekannten Nazi-Helden-Bruders. (Deuchert 1991: 97, 117, Staudenmaier 2014: 190) Maikowski erfährt vor allem aus Dresden, Hannover und Altona Unterstützung. Die anthroposophisch-pädagogische Zeitschrift „Erziehungskunst“ soll nicht (mehr) offizielles Organ der Waldorfschulen sein. (Esterl 2012: 211) Der Verein versteht sich als nur politisch, laut der internen Korrespondenz ist man sich sicher, durch „Gleichschaltung“ und NSLB-Beitritt nun außer jeder Gefahr zu sein. Allerdings soll auch das Verhältnis von Anthroposophischer Gesellschaft und Waldorfschule einer Klärung unterzogen werden. (Priestman 2009: 91f., 98f.) Boy instruiert die Waldorfschulen, dass nach NSLB-Richtlinien Juden und Freimaurer entlassen werden müssen. (Priestman 2009: 171) Von Beginn an herrscht zwischen den Schulen Uneinigkeit über das Vorgehen gegenüber dem Nationalsozialismus, noch wirken diese sich aber nicht auf das gemeinsame Vorgehen aus. (Oberman 2008: 116f.) Außen vor bleibt nur die Waldorfschule Essen, die schon schlicht zu viele interne Probleme hat und mit den anderen Schulen in schwierigem Verhältnis steht. (Götte 2000: 322ff., Lauten 2008)
– Eine Vereinigung namens „Nationalsozialistische Eltern an der Waldorfschule Dresden“ teilt an Ministerpräsidenten von Killinger und dem sächsichen Kultusminister Hartnacke mit, Waldorferziehung seine praktisch ausgerichtet, geschehe im „deutschen Geist“ und habe nichts Jüdisches an sich. Es folgen weitere Schreiben von Dresdner Eltern. Von den 304 Schülern ihrer Schule seien drei „Volljuden“ und sieben „juristisch“. Es gebe auch nur wenige Anthroposophenkinder. Die NS-Elterngruppe schreibt auch an Christoph Boy und berichtet, 11-12% der Dresdner Waldorfeltern seien NSDAP-Mitglieder. (Götte 2000: 459f., Priestman 2009: 85f., 119f.)
– Der sächsische NSLB verweigert jedoch Lehrern, die keine Parteimitglieder sind, die Aufnahme, und weist das Dresdner Kollegium ab.  Hier wird schließlich der Bayrische Kultusminister und NSLB-„Reichsleiter“ Hans Schemm einschreiten. (Priestman 2009: 94, 115)
– Das Kultusministerium Sachsen verlangt außerdem, an der Dresdner Schule dürfe nur unterrichten, wer sein Examen in Sachsen gemacht habe. (Priestman 2009: 189) Überhaupt wird die Dresdner Schule schikaniert, so soll es keinen freien Religionsunterricht mehr geben, keine „Doppelverdiener“, sie solle entweder Volks- oder höhere Schule sein und nicht (wie beansprucht) beides. In Sachsen werden 1933 die NS-Maßnahmen gegen politisch Unerwünschte im Schulsystem am schärfsten durchgeführt. (Götte 2000: 435)
– Von den vierzehn Lehrern der Hannoveraner Schule werden nur vier als Mitglieder des NSLB bestätigt, darunter Schulleiter René Maikowski. (Priestman 2009: 163)
– Acht Lehrer der Hamburg-Altonaer Schule (die Mehrheit der Lehrer), darunter deren Leiter Franz Brumberg, werden auf persönliche Anfrage Mitglied des NSLB. (Priestman 2009: 159)
– An der Waldorfschule Hamburg-Wandsbek wird auf Verlangen des lokalen NSLB ein Herr Schümann Schulleiter, was die übliche „Selbstverwaltung“ der Schule durch das Lehrerkollegium abschafft. Schümann weist Boy darauf hin, dass eine NSLB-Mitgliedschaft möglicherweise nicht genug sei, um die Bedingungen der Gleichschaltung zu erfüllen. (Priestman 2009: 94)

Juni 1933:
Herbert Schiele, Leiter der Berliner Schule, wird nervös. In einem Brief an Christoph Boy schreibt er, die Waldorfschulen müssten sich so schnell wie möglich eindeutig positionieren, um die Schikanen und Repressionen abzuwenden. Einer seiner Vorschläge lautet, die Lehrer sollten einzeln versuchen, Mitglieder des NSLB zu werden, aber nur, wenn es wirklich nötig sei (an seiner eigenen Schule seien die Unterschriften „keineswegs hemmungslos“ gegeben worden). Auf jeden Fall aber müsse man möglichst schnell in Aktion treten. Da der nazi-affine führende Anthroposoph Roman Boos gerade Vorträge in Berlin gehalten hat, hält Schiele den Zeitpunkt für günstig. Schieles Vorschlag wird zumindest von einigen Lehrern in die Tat umgesetzt. Boy korrespondiert mit dem NSLB-Koordinator Gottfried Schiele, der zunächst zusagt, es werde keine Probleme mehr geben. Eine Woche später jedoch verweigert Schiele die Aufnahme prinzipiell: Die Waldorfprinzipien seien mit denen des NSLB unvereinbar. Das führt zu mehr individuellen Beitrittsanfragen einzelner Lehrer, an den Schulen Stuttgart, Kassel und Hamburg-Wandsbek geschlossen. (Götte 2000: 416, 455, Priestman 2009: 94f., 169)
– Der Stuttgarter Waldorflehrer Paul Baumann schreibt nach Auseinandersetzung mit dem Bayrischen Kultusminister und NSLB-„Reichsleiter“ Hans Schemm (und auf dessen Anregung hin) einen Artikel in der Monatsschrift „Nationalsozialistische Erziehung“ und darin: „Vieles, was heute durch den Nationalsozialismus in bedeutenden Wörtern von dem Führer Adolf Hitler und seinen Mitkämpfern gesprochen wird, das lebte seit mehr als einem Jahrzehnt in diesen Schulen, oft gegen den Strom der öffentlichen Meinung…“ Die Berliner Lehrer äußern sich kritisch zum dem Beitrag. (Werner 1999: 104, Bierl 2005: 188, Götte 2000: 426)
– Ein Lehrer der Dresdner Schule wird auf Befehl des sächsischen Kultusministeriums vor die Tür gesetzt, weil er nicht qualifiziert sei. (Priestman 2009: 190)
– In der Waldorfzeitschrift „Erziehungskunst“ wird eine leicht veränderte Fassung von Uehlis für den Waldorfbund verfasster „Denkschrift“ gedruckt (hier liest man etwa „angemeldet“ statt „gleichgeschaltet“, Werner 1999: 102, Staudenmaier 2014: 187), außerdem erscheint in der Zeitschrift eine „Ansprache anlässlich einer nationalen Feier in der Waldorfschule“ (372-376) von dem Stuttgarter Lehrer Erich Gabert, die in der Tat eine idealistisch-nationalistisch-antiintellektualistisch-antimaterialistische Lesart der Waldorfpädagogik präsentiert (aber auch die Fichte-Lagardsche Formel, das man nicht deutsch sein, sondern nur deutsch werden könne) und ein ganz ähnlich gehaltener „Bericht aus der Schulbewegung“ (383-384)
– Die Stadt Stuttgart stellt ihren finanziellen Zuschuss an die örtliche Waldorfschule (jährlich 15 000 Reichsmark) ein. (Werner 1999: 125, Götte 2000: 436)
– die von Erziehungsminister Bernhard Rust für die Hannoveraner Schule gesetzte Frist für eine „nationalpolitische“ Umorientierung läuft ab, ohne dass weitere Schritte zum Verbot der Schule erfolgen. (Werner 1999: 106)

Juli 1933:
– Die Lehrer der Waldorfschulen Stuttgart, Hamburg-Wandsbek und Kassel werden auf individuelle Anfrage geschlossen Mitglieder des NSLB. Der hat vorher klargestellt, dass der Waldorfbund als solcher nicht als Mitglied akzeptiert wird. (Priestman 2009: 95, 164)
„Einige orientierende Bemerkungen über die Waldorfschulen“, in denen Hitler zitiert, Versailles denunziert, „Opferbereitschaft“ und „Volksgeschehen“ betont und die „Erziehung des deutschen Menschen“ (so Hitler am 1. Juli) beschworen wird, gehen vom Waldorfbund an den NSLB-„Reichsleiter“ Hans Schemm. Die Waldorfschulen stellten ihre „Arbeit, die sie in diesem Sinne schon seit ihrer Gründung leisten, der nationalen Erhebung zur Verfügung, gleichsam als Musterschulen“. Ausführlich werden Lehrplan, besonders irgendwie „deutsche“ Inhalte, sowie Selbstverständnis dargelegt. Paul Baumann von der Stuttgarter Schule, der Verfasser, lädt Schemm ein, die Stuttgarter Schule zu besichtigen. (Götte 2000: 424f., 444f., Priestman 2009: 117)
– Der Berliner Schulleiter Herbert Schiele korrespondiert ebenfalls mit Hans Schemm: Die Waldorfschulen seien keine Weltanschauungsschulen. Schemm fordert ihn auf, die „Missverständnisse“ aufzuklären. Die daraufhin entstehenden „Angaben über die Freien Waldorfschulen“ erklären, mit Judentum und Marxismus habe Waldorf nichts gemein, außerdem wird die Kooperationsbereitschaft der Schulen gegenüber dem NS hervorgehoben. Der taktische Stil von Schieles Aktion ist in diesem Fall durchschaubar, obwohl Schemm sich überzeugen lässt. (Priestman 2009: 97)
– Nur drei der Dresdner Lehrer sind als Mitglieder des NSLB bestätigt worden (Elisabeth Klein gehört nicht dazu). (Priestman 2009: 189)
– Die Waldorfschule Stuttgart berichtet, von den 964 Schülern seien 14 „nicht-arisch“, die Zahl ist aber ungenau, weil die Kinder von „Kriegsveteranen“ nicht mitgezählt wurden. (Priestman 2009: 85)
Albert Steffen, Vorsitzender der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, tritt vom Vorsitz des Stuttgarter Waldorfschulvereins zurück, nachdem es diverse Differenzen mit den politischen Ambitionen der Schulen in Nazideutschland gegeben hat. Auch vorher hatte Steffen aber nie an Vereinssitzungen teilgenommen. Der Vorfall zieht jedoch schulinterne Konflikte und Hektik im Waldorf-Bund nach sich. (Götte 2000: 520)

August 1933:
Die Waldorfschulen werden als Mitglied des „Reichsverbands deutscher freier (privater) Unterrichts- und Erziehungsanstalten„, einer NSLB-Suborganisation, bestätigt. (Priestman 2009: 97) Diese Mitgliedschaft ist vorgeschrieben. (Götte 2000: 432)
Die Waldorfschule Berlin unter Führung von Herbert Schiele und Ernst Weißert verkündet plötzlich eigene Wege, man glaubt nicht an das Wohlwollen des Nazistaats und distanziert sich von der (relativen) Kooperationsbereitschaft des Waldorfbundes und der Stuttgarter Schule. (Oberman 2008: 148f., Priestman 2009: 168) „Indeed, … Schiele … came closest to a realization of the true nature of the Nazi Gleichschaltung. In a letter to the Dresden school, he remarked that although Gleichschaltung had been officially accomplished, it was a deed in words only; a deed that was yet become reality.“ (Priestman 2009: 98) Schiele schreibt beispielsweise an die Waldorfschule Dresden, man soll nicht zu viel Zeit in Bemühungen bzgl. „Gleichschaltung“ stecken, da auch dann eine staatliche Akzeptanz noch nicht sicher sei, vielmehr gehe es darum den Geist Rudolf Steiners zu verteidigen. (Priestman 2009: 170)

September 1933:
Zweite Tagung des Bundes der Waldorfschulen. (Oberman 2008: 122)
Mathilde Heuer und Maikowski reichen den im Mai von Reichsminister Rust geforderten „Organisationsplan“ für die Hannoveraner Schule bei den Behörden (auch bei Bojunga) ein, darin wird auf Uehlis „Denkschrift“ zurückgegriffen. Marxismus und Materialismus werden abgelehnt. „Die Lehrerschaft steht voll auf dem Boden des nationalsozialistischen Staates.“ Der Plan enthält eine detaillierte Beschreibung des Schullebens mit allerlei Daten und Erläuterungen. (Werner 1999: 106, Götte 2000: 498-501, Bierl 2005: 188, Priestman 2009: 164)
– Der sächsische Kultusminister Hartnacke versucht, den „freien Religionsunterricht“ an der Waldorfschule Dresden zu unterbinden. Der den Waldorfschulen freundlich gesonnene „Reichsleiter“ des NSLB, Hans Schemm, greift aber ein und verhindert dies. (Priestman 2009: 115)
Christoph Boy hat einen Kontakt der Dresdner Waldorfschule zum NSLB-„Reichsleiter“ Hans Schemm hergestellt, der hilft, die Konflikte der Schule mit dem NSLB Dresden beizulegen und so den Beitritt der Dresdner Lehrer zum Nazi-Lehrerbund ermöglicht. (Priestman 2009: 115)
Eugen Link, Waldorfvater an der Stuttgarter Schule, NSDAP-Mitglied, Luftwaffen-Offizier und ein alter Bekannter von Rudolf Hess, hält einen Vortrag mit „positiven Gedanken zur Nürnberger Proklamation Adolf Hitlers„, deren politische „Kernpunkte“ er mit Steiner vergleicht. Hitler habe die „Wurzeln“ des deutschen „Volkstums“ „wieder einmal herausgehämmert“. (Werner 1999: 120f.)
– In Berlin werden Annoncen der Waldorfschule in der „Allgemeinen Deutschen Lehrerzeitung“ abgelehnt. (Götte 2000: 435)
– Die Stuttgarter Waldorfschule feiert ihren 14. Geburtstag. (Esterl 2012: 211)

Oktober 1933:
Hans Schemm, Bayrischer Kultusminister und NSLB-„Reichsleiter“, empfiehlt sich dem Waldorfbund als Fürsprecher. Die Schulen vertrauen nach seiner Hilfe für die Dresdner Schule auf Schemms Verständnis ihrer Pädagogik, dieser selbst sieht eher eine Gelegenheit gekommen, seinen eigenen Einflussbereich im Nazi-Machtapparat zu stärken. Ein seit Juli erhoffter Besuch von Schemm wird jedoch abgesagt. (Priestman 2009: 116, 118)
Herbert Grohmann von der Dresdner Schule wird informiert und berichtet an Boy, dass ein neues Kommittee unter Ministerialdirektor Buttmann im Innenministerium für Privatschulen zuständig ist. Die Waldorfschulen ändern in Windeseile ihre Strategie und versuchen, Buttmann zu treffen, noch bevor das Kommittee offiziell zusammentritt. (Priestman 2009: 118)
Heinrich Wollborn, Waldorfschulleiter aus Breslau erklärt gegenüber der Schulbehörde, er habe in der Auseinandersetzung vom Januar keine prinzipielle Stellung zur „Rassenfrage“ beziehen, sondern seinen Kollegen schützen wollen, er selbst stehe freilich auf dem Boden des NS-Staates. Ein offizielles Schreiben der Breslauer Schule verkündet, man habe keinen Platz für Juden, alle deutschen Waldorfschulen hätten den Prozess der „Gleichschaltung“ vollzogen. Ein BreslauerSchulrat Jakob“ inspiziert die Schule und bestätigt deren Angaben gegenüber dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) Tatsächlich war zumindest der Breslauer Waldorflehrer Werner May NSDAP-Mitglied und ein Autor völkischer Jugendliteratur. (Staudenmaier 2014: 180f.)
Die Waldorfzeitschrift Erziehungskunst (457-468) druckt einen Artikel Ernst Uehlis über „Germanische Sagenstoffe als erzieherische Aufgabe in den Oberklassen“, der eine völkische Auslegung der anthroposophischen Germanophilie enthält, weil „die Schüler in die Weltbilder des eigenen Volkstums untertauchen sollen“.
– Die NSDAP-Kreisleitung Altenkirchen fragt nach, ob die Waldorfschule zwei Holzwerken-Lehrer zur Verfügung stellen würde, um arbeitslose Personen zu unterrichten. (Priestman 2009: 143)
– Die Lehrerin Hanna Helene Merian muss die Dresdner Schule auf Verlangen der „Kommission für die höheren Privatlehranstalten“ verlassen, weil sie nicht qualifiziert sei. (Priestman 2009: 190)

November 1933:
– Der extrem negative Inspektionsbericht eines Oberschulrats Frommann über die Waldorfschule Stuttgart liegt vor, der kinderfeindliche „jüdische“ und okkulte Einflüsse am Werk sieht. Sein Report bestätigt insbesondere den Württembergischen Ministerpräsidenten und Kultusminister Christian Mergenthaler, der Privatschulen ablehnt und insbesondere gegen kirchliche Schulen und die erfolgreiche Stuttgarter Schule einen persönlichen Feldzug führen wird. (Wagner 1992: 56ff., Werner 1999: 107f., Oberman 2008: 127, Priestman 2009: 66f.)
Grohmann von der Dresdner Schule versucht auf verschiedenen Wegen, die ständigen Repressionen von seiner Schule abzuwenden, bleibt aber erfolglos, bis die charismatische Elisabeth Klein einsteigt. (Priestman 2009: 191)

Dezember 1933:
Franz Brumberg, Leiter der Waldorfschule Hamburg-Altona, trifft einen Ministerialrat aus Rusts Erziehungsministerium, der sich mehrere Stunden mit ihm unterhält. Er ist daraufhin vorsichtig optimistisch, was das Schicksal der Waldorfschulen angeht. (Priestman 2009: 119)
– In einem Rundschreiben des Stuttgarter Waldorfschulvereins werden Vorträge von Dr. Erich Schwebsch angekündigt darunter „1. Das Erziehungsideal der Freien Waldorfschulen und das deutsche Geistesleben“ und „3. R. Wagners Ring des Nibelungen, ein Mysterium des germanischen Volkstums“. An die zahlreichen „Ortsgruppen“ des Vereins werden Hilfen zur (angesichts immer neuer Anfeindungen notwendigen) Verteidigung Steiners mitgeteilt. (Götte 2000: 441, 534)
Caroline von Heydebrand nimmt in der Waldorf-Zeitschrift Erziehungskunst Stellung zum Thema „Waldorfschule und Anthroposophische Gesellschaft“ (499-501) und betont darin eher nebenbei die Treue der Steinerschulen zu Staat und Nation.

1934

Es wird immer schwieriger, Treffen des Waldorfbundes zu organisieren, Maikowski reist stattdessen oft von Schule zu Schule. (Priestman 2009: 94) Elisabeth Klein wird eine (inoffizielle, aber umso erfolgreichere) weitere Sprecherin des Bundes der Waldorfschulen und kann Ostern sogar einen Kontakt zu Rudolf Hess herstellen, der den Schulen empfohlen wird. (vgl. Deuchert 1991: 97, Priestman 2009: 121) „Nicht-Arische“ Kollegen müssen die Stuttgarter und Berliner Schule verlassen. (Hardorp 1998: 62, Oberman 2008: 128) In Stuttgart versucht unter der Leitung des Christengemeinschafts– und NSDAP-Mitglieds Hermann Mahle eine „Nationalsozialistische Elterngruppe“ mit 53 Parteimitgliedern und 22 Mitgliedern anderer Nazi-Organisationen, durch NS-Elternversammlungen, Einladungen von Nazirepräsentanten und im Schulvorstand eine nationalsozialistische Schule durchzusetzen und gerät dabei verschiedentlich in offene Konflikte mit dem Lehrerkollegium. Die entschieden nationalsozialistische Lehrerin Else Moll wird Ende 1934 beispielsweise entlassen. (Deuchert 1991: 98, Oberman 2008: 137, Deuchert 2012: 217ff., Staudenmaier 2014: 188f.) Viele Lehrer verlassen die Schulen, besonders Stuttgart, 1934-35 in Folge von Richtungsstreitigkeiten in der Führungsebene der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Eine neue Waldorfschule wird in Ilkeston, England, gegründet. (Oberman 2008: 89ff., 94)

Januar 1934:
– In einem Brief an die Stuttgarter Waldorfschule werden Anthroposophen wüst diffamiert und es wird verlangt, das Waldorfcurriculum müsse sich hinter den neuen Staat stellen. (Priestman 2009: 143)
– Der langjährige Musiklehrer Paul Baulmann, der von erster Sekunde an in die Verhandlungen der Stuttgarter Schule mit den Nazibehörden involviert war, übernimmt die Leitung dieser Schule, um nach Vorschrift des Kultusministeriums das „Führer-Prinzip“ dort zu etablieren. (Deuchert 1991: 98, Staudenmaier 2014: 190)
– Der Württembergische Minister Mergenthaler beschwert sich bei Erziehungsminster Bernhard Rust über die Stuttgarter Schule, die dubiose anthroposophische Lehren verbreite. (Staudenmaier 2014: 194)
Leo Tölke, Waldorfvater, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und der SA schreibt einen „Bericht über die Freie Waldorfschule Stuttgart“ an den SD-Oberabschnitt Süd-West und darin, dass man bloß sechs bis acht Lehrer austauschen müsse, um die Schule auf einen voll nationalsozialistischen Kurs zu bringen. Er stattet dafür auch der Erziehungsbehörde einen Besuch ab. (Werner 1999: 118, Staudenmaier 2014: 188, 210)
– Das Nachrichtenblatt der Waldorfschule Kassel polemisiert gegen den „Intellektualismus des Westens“ und fordert eine Erneuerung des deutschen „Volkes“ durch den deutschen „Geist“. (Staudenmaier 2014: 192)

Februar 1934:
Die Stuttgarter Waldorfschule unterrichtet das Württembergische Kultusministerium, dass die Schule den „Arierparagraph … zur Durchführung gebracht“ habe: vier ‚jüdische‘ Lehrer waren ausgeschieden. (Götte 2000: 453, Priestman 2009: 172) Einer der betroffenen Lehrer, Ernst Lehrs, beharrt als ehemaliger Frontkämpfer darauf, dass er nicht ausscheiden müsse, bleibt damit aber allein. „Es findet sich in der erhaltenen Korrespondenz – mit einer Ausnahme – kein Wort des Bedauerns oder der Hinweis auf einen Verteidigungsversuch.“ (Götte 2000: 453f., 455f.
Der Württembergische Kultusminister Mergenthaler bestellt Paul Baumann, Leiter der Stuttgarter Schule, zu sich, eröffnet ihm, er wolle die Schule schließen, und zwar nicht „wegen mangelhaften Unterichts“, sondern wegen der Anthroposophie. Es dürften keine weiteren Schüler aufgenommen und keine neue Erste Klasse eingeschult werden. (Deuchert 1991: 97, Werner 1999: 107f., Götte 2000: 494ff., Oberman 2008: 127f., Priestman 2009: 121, Hardorp 2012: 141) Das Stuttgarter Kollegium will daraufhin ein Bild des Nazi-„Märtyrers“ Hans Eberhard Maikowski aufhängen, den Baumann schon im Gespräch mit Mergenthaler als Vorzeigeschüler präsentieren wollte. (Wagner 1992: 16, Götte 2000: 426, Oberman 2008: 120) Für die Schule entsteht pro Monat ohne Erste Klasse ein Schaden von 600 Reichsmark. (Priestman 2009: 174)
Baumann notiert zur bei den Nazis (inklusive Hitler) beliebten Formel „Erziehung zum deutschen Menschen“: „Was ist deutsch? Das kann doch nur an den größten Geistern gefunden werden, die das deutsche Volk hervorgebracht hat. Und diese wieder können nicht im Widerspruch stehen, zu dem Höchsten, was im Nat. Soz. angestrebt wird.“ (Götte 2000: 442f.)
– Es gibt zwei längere „Denkschriften“, die die üblichen Nazi-Vorwürfe gegen Waldorf und Anthroposophie kontern und dabei reichlich völkisch argumentieren. (Götte 2000: 500ff.)
– Der schwer kranke Christoph Boy und René Maikowski versuchen bei verschiedenen Nazistellen in Berlin und Stuttgart, gegen die Schüleraufnahmesperre der Stuttgarter Schule zu protestierten. Maikowski richtet zwei linientreue Briefe an Goebbels und Hitler. (Wagner 1992: 13ff., Deuchert 1991: 114f.) Aber Maikowski erfährt von einem Herrn Dill im Württembergischen Kultusministerium, Rudolf Hess könne ein guter Ansprechpartner für die Belange der Waldorfschulen sein, Maikowski schreibt diesem einen längeren Brief, um die „Missverständnisse aufzuklären“. Rudolf Steiner sei „arisch“ gewesen, aus einem österreichischen „Bauerngeschlecht“, schon während des Ersten Weltkriegs sei er für den „deutschen Geist“ eingetreten. (Priestman 2009: 121f.)
Baumann (Stuttgart) schreibt an den führenden nationalsozialistischen Anthroposophen Hanns Rascher und bittet ihn, sich irgendwie für eine Aufhebung der Aufnahmesperre einzusetzen. Der Stuttgarter Lehrer Karl Ege schreibt mit demselben Ziel an den führenden pro-nazistischen biodynamischen Landwirt Erhard Bartsch. Christoph Boy und Ege besprachen sich mit Rascher und dessen Vorgesetzten, dem SD-Obersturmbannführer Hauschild in München. Gemeinsam werden Schreiben an Goebbels und Hitler verfasst. Rascher vermittelt weitere Treffen mit Nazis im Mittelbau, an denen auch andere Waldorflehrer teilnehmen. (Werner 1999: 108f.)
– Die Berliner Waldorfschule, die sich stetig vergrößert, zieht in ein neues Gebäude in Charlottenburg um. (Hardorp 1998: 62)
Emil Molt, der Industrielle, der die erste Waldorfschule in Stuttgart initiiert und seither in jeder Hinsicht unterstützt hat, kommt aus einem Kuraufenthalt im Engadin wieder. (Esterl 2012: 211)
– Ein NSDAP-Mitglied A. Schönthal hält einen aggressiven Vortrag gegen die Waldorfschulen (mit den alten Vorwürfen: Marxismus, Steiner sei Jude, Freimaurerei, Marxismus), ein Stuttgarter Dr. Emmert widerspricht aus anthroposophischer Perspektive. „While Emmert conceded that there were dangerous secret societies in existence, he rejected Schonthals claims that the Anthroposophy Society was one of them.“ (Priestman 2009: 143f.)
– In der Waldorfzeitschrift Erziehungskunst (537-547) wird über „Rudolf Steiners Pädagogik und die Forderungen der Gegenwart“ verhandelt, freilich soll die erstere die letzteren erfüllen.

März 1934:
– Der Bund der Waldorfschulen schreibt in einem langen Memorandum über „Wesen und Aufgaben der Waldorfschulen„, diese erzögen „zur Volksgemeinschaft“ und seien in Harmonie mit dem neuen Staat. (Staudenmaier 2014: 192)
René Maikowski erklärt im Namen des Bundes der Freien Waldorfschulen eine Woche später gegenüber dem Erziehungsministerium, eigentlich seien die Waldorfschulen mit ihrer Volkspädagogik gar keine richtigen Privatschulen, sondern Teil der nationalen Erneuerung. (Staudenmaier 2014: 192)
Die Freie Waldorfschule Kassel sendet ein Schreiben an „Eltern und Freunde der Schule“, in dem eine Konferenz angekündigt wird: Die deutschen Verdienste der Waldorfschule, ihr Kampf gegen westlichen Intellektualismus und östlichen Bolschewismus werden beschworen. (Staudenmaier 2014: 191)
Auf der Versammlung des Schulvereins Stuttgart wird eine von dem anthroposophischen Rassenkundler Prof. Richard Karutz (der im Auftrag der Schule auch schon mit dem Kultusministerium verhandelt hat im selben Jahr sein Buch „Rassenfragen“ publiziert) verfasste „Erklärung aus dem Kreise der Elternschaft der Freien Waldorfschule Stuttgart“ verteilt. Darin wird mehrfach Hitler zitiert, das deutsche Wesen der Waldorfschulen sowie ihre autoritäre Methodik betont. Auch das nationalsozialistische Engagement von Waldorfschülern wird in dem Text hervorgehoben und vieles mehr, um die Pionierleistung der Waldorfschulen für den NS zu unterstreichen. Karutz‘ Entwurf sieht eine inhaltlich und in der Organisation durchaus nationalsozialistische Waldorfschule vor. (Götte 2000: 511f.,  Staudenmaier 2014: 203f.)
– Außerdem wird an der Stuttgarter Schule ein Elternbeirat gegründet, in dem Schulvater und NSDAP-Mitglied Hermann Mahle eine „NS-Elterngruppe“ zur Seite stellen will. Diese organisiert er unter ausdrücklichem Ausschluss der Lehrer. (Götte 2000: 522)
– Der Stuttgarter Nazi-Waldorfvater Leo Tölke, der schon 1933 beim SD über seine Schule berichtet hat, schreibt über die Fehler einiger Waldorflehrer und fordert größere Nähe zum Nationalsozialismus. (Götte 2000: 508f.)

April 1934:
Elisabeth Klein hat erfolgreich Kontakte zu Nazibehörden geknüpft, so zu dem für Privatschulen zuständigen Ministerialdirektor Buttmann im Reichsinnenministerium, aber vor allem zu Alfred Leitgen (Berliner Zweigstelle des Amtes Hess), der sich in der folgenden Zeit als einer der wichtigsten Fürsprecher der Waldorfschulen erweisen wird. Sie unterrichtet Christoph Boy, will aber eigenständig handeln. (Werner 1999: 111f.) Namentlich hat Klein über Buttmann den sächsischen Minister Hartnacke erreicht, der der Waldorfschule Dresden nun keine weiteren Steine in den Weg legt. (Priestman 2009: 192)
Bernhard Rust wird Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Er ist nun „Reichsleiter“ wie Rosenberg, Hess oder Bormann. (Werner 1999: 112, Priestman 2009: 59)
Ernst Schulte-Strathaus (Astrologe und vorheriger Buchhändler, den Klein und Maikowski rasch kontaktierten) wird Mitarbeiter im Stab Hess. (Werner 1999: 112)
Hermann Mahle plant umfangreiche Um-Organisationen der Stuttgarter Waldorfschule. (Götte 2000: 522f.)
Karl Schubert, einer der entlassenen jüdischen Waldorflehrer in Stuttgart, erhält eine Ausnahmegenehmigung, die „Hilfsklasse“ in Stuttgart zu unterrichten. (Götte 2000: 456)

Mai 1934:
– Weiteres Treffen des Bundes der Waldorfschulen. René Maikowski wird neben dem nur noch formal amtierenden, todkranken Christoph Boy neuer „Bundesleiter“ des Bundes der Waldorfschulen. Elisabeth Klein geht ihm dabei inoffiziell, aber stetig zur Hand (Deuchert 1991: 117, Oberman 2008: 122, 136ff.) Mit Maikowskis Position wird die vorher unangefochtene Führungsposition der Waldorfschule Stuttgart in Frage gestellt, was auch die (partielle) Auflehnung der anderen gegen deren Dominanz zeigt. (Priestman 2009: 103)
Elisabeth Klein trifft (vermittelt durch Alwin Seifert) Rudolf  und Ilse Hess, bei denen sie „günstige Aufnahme“ gefunden haben will. (Deuchert 1991: 116)
Rudolf Hess‚ Mitarbeiter Ernst Schulte-Strathaus schreibt einen hymnisch lobenden „Bericht an den Stellvertreter des Führers über die Waldorfschulen“, der auch Rust zugeht. Er betont, die Waldorfpädagogik vollbringe nationalsozialistische Ziele, müsse aber „nutzbar“ gemacht werden. (Wagner 1992: 80f., Werner 1999: 113, Staudenmaier 2014: 202f.)
Eugen Link und seine Frau Margarete Link, Waldorfvater, NSDAP-Mitglied und Luftwaffen-Offizier (der sich schon länger ideologisch für eine nationalsozialistische Waldorfschule eingesetzt hat) sowie das NSDAP-Mitglied Hermann Mahle, der Kontakte ins Erziehungsministerium hat, werden auf Einladung von Emil Molt in den Vorstand der Waldorfschule Stuttgart aufgenommen. (Werner 1999: 119f., Götte 2000: 509, Oberman 2008: 136f., Staudenmaier 2014: 188) Molt selbst wird zum 1. Vorsitzenden des Schulvereins gewählt. Darauf folgt eine Treueerklärung von ihm und den Lehrern gegenüber der Anthroposophischen Gesellschaft. (Esterl 2012: 211, 215)
Reichsleiter Philipp Bouhler (Stab Hess), mit dem Elisabeth Klein Kontakt aufgenommen hat, fordert Erziehungsminister Rust auf, einheitlich zum Fall der Waldorfschulen Stellung zu nehmen, er selbst spricht sich für diese aus. Bouhler teilt schließlich Klein mit, dass „gegen eine Weiterarbeit der Waldorfschule in Dresden seitens der NSDAP nichts eingewendet wird“. Das war für die Dresdner Waldorfschule wichtig, weil sie in Räumlichkeiten untergebracht ist, die der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) vermietet. (Wagner 1992: 82, Werner 1999: 112, Götte 2000, 452, Priestman 2009: 123f., 193)
Paul Baumann (Stuttgart) bittet Klein eindringlich darum, eine Inspektion der Stuttgarter Waldorfschule zu erwirken, um zu zeigen, wie gut die Schule funktioniere. (Priestman 2009: 145)

Juni 1934:
Erziehungsminister Rust untersagt nach dem Einsatz von Reichsleiter Bouhler dem Württembergischen Kultusminister Mergenthaler, die Waldorfschule Stuttgart zu schikanieren und hebt dessen über die Einrichtung verhängte Schüleraufnahmesperre auf. (Deuchert 1991: 116, Bierl 2005: 189, Staudenmaier 2014: 194f.) Faktisch wird aber erst 1935 eine neue Erste Klasse eingeschult und eine im Jahr 1934 nicht eröffnete 2. Klasse aufgemacht. (Werner 1999: 123) Elisabeth Klein misstraut der Lösung, weil Mergenthaler nicht zugestimmt und weiterhin Entscheidungsgewalt habe. (Priestman 2009: 124)
René Maikowski und Karl Ege richten mehrere Schreiben in Waldorf-Angelegenheiten an Nazi-Größen, unter anderem Reichsinnenminister Wilhelm Frick, Alfred Bäumler oder Alfred Rosenberg. (Oberman 2008: 124f.)
Maikowski fordert in einem Schreiben an alle Waldorfschulen Verständnis für die „Erziehungsaufgaben des heutigen Staates“, man möge sich mit diesem also besser stellen. (Werner 1999: 117)
– Die leitende Berliner Lehrerin Anni Heuser fordert gemeinsam mit Franz Brumberg, Leiter der Hamburg-Altonaer Schule, die Waldorfschulen sollten auf größere Distanz zur Anthroposophischen Gesellschaft gehen. Überhaupt wird die Frage, wie genau organisierte Anthroposophie und Waldorfbund offiziell und inoffiziell zueinander stehen sollen, innerhalb der Schulen und zwischen ihnen heftig debattiert. (Priestman 2009: 101f.)
– Die Waldorfzeitschrift Erziehungskunst druckt in der Juni-Ausgabe (89-91) Auszüge von Houston Stewart Chamberlain. Außerdem erscheint ein Artikel von Richard Karutz, „Durch die Sprache zum Volk“ (103-122), der Dinge verkündet wie „Liebe und Treue zu Rasse und Volk, Blut und Heimat, in die unser höheres Ich, unser geistiger Führer, uns gesandt hat.“ (122)

Juli 1934:
– Nach den pro-/contra-Waldorf-Auseinandersetzungen in/bei verschiedenen Nazibehörden fordert der Württembergische Ministerpräsident Mergenthaler Erziehungsminister Rust auf, seine Akten zur Stuttgarter Waldorfschule zu sichten. Dies passiert und der in Rusts Ministerium tätige Schul- bzw. Regierungsrat Thies wird beauftragt, die einzelnen Waldorfschulen zu besuchen. Rust lässt Mergenthalers Aufnahmesperre letztlich doch intakt. (Wagner 1992: 45, Werner 1999: 114) Maikowski hält Thies zunächst für freundlich und den Waldorfschulen wohlgesonnen. (Priestman 2009: 124) Das Land Brandenburg hat jedoch eigene Regelungen, dies betrifft auch die Inspektionen an der Berliner Waldorfschule. (Priestman 2009: 168)
– Es kommt zu einem kleinen Konflikt zwischen der Waldorfschule Hamburg-Altona und dem Waldorfbund, weil die Schule seit Bestehen des Bundes keine Mitgliedsbeiträge gezahlt hat. René Maikowski übernimmt daraufhin die Aufsicht über die finanziellen Verhältnisse des Bundes. (Priestman 2009: 159)

August 1934:
Ernst Schulte-Strathaus (Stab Hess) schreibt Elisabeth Klein enthusiastisch, Reichminister Rust habe „die Frage der Waldorschulen in dem angestrengten Sinne geregelt.“ Gemeint ist auch die Schüleraufnahmesperre der Stuttgarter Waldorfschule. Als Hermann Mahle, Mitglied der NSDAP wie des Stuttgarter Vorstands, daraufhin das Württemberger Kultusministerium aufsucht, wird ihm mitgeteilt, die Sperre bestehe ungemindert. Mahle verhandelt mehrmals mit einem Dr. Drück im Württemberger Kultusministerium. (Werner 1999: 113, 120)
Emil Molt fährt wieder für mehrer Monate in Kur und schreibt im Bericht an die Mitglieder des Stuttgarter Waldorfschulvereins: „Es ist bei uns in schönster Weise das erste Prinzip des Nationalsozialismus ‚Gemeinnutz geht vor Eigennutz‘ verwirklicht … Dass eine solche Schule den neuen Staat und seinen Führer bejaht, ist selbstverständlich.“ (Esterl 2012: 211f.)

September 1934:
Hans Eberhard Schiller, Leiter der Breslauer Waldorfschule, informiert die Stuttgarter Schule, Schulrat Thies habe seine Schule untersucht und habe versprochen, spätestens im Februar werde eine Anfrage der Schule, die sich vergrößern wolle, beantwortet werden. Thies sei von der Schule beeindruckt gewesen, schreibt Schiller. Thies‘ Gutachten wird aber auf sich warten lassen. (Priestman 2009: 125, 178)
Franz Brumberg, Leiter der Hamburg-Altonaer Schule, findet die Haltung der Waldorfschulen gegenüber dem Nazistaat zu wenig selbstbewusst. Er befürchtet, man werde unbedachte Kompromisse eingehen, die auf die Schulen selbst zurückfielen. (Götte 2000: 443)

Oktober 1934:
Christoph Boy, Leiter des Bundes der Waldorfschulen, stirbt. (Oberman 2008: 122, Priestamn 2009: 103)
Drück im Württembergischen Kultusministerium fordert NSDAP-Mitglieder im Stuttgarter Waldorfvorstand und wird von Mahle auf deren Existenz hingewiesen (er selbst sowie das Ehepaar Link). (Werner 1999: 120)
– Der Stuttgarter Waldorflehrer Erich Gabert schreibt an den Nazi-Vater Eugen Link: „Ich glaube, sehr geehrter Herr Link, in allen diesen Dingen können und werden Sie als Nationalsozialist und ich völlig mit einander einig sein. Dass ich in manchen Dingen anderer Meinung bin als der Nationalsozialismus ist, wissen Sie, und ich brauche das vor niemandem zu verbergen.“ (Götte 2000: 516)

November 1934:
Schulrat Thies, der in Rusts Auftrag die Waldorfschulen inspiziert hat, empfiehlt, sie „aus grundsätzlichen und praktischen Erwägungen abzubauen.“ Gegen die Anthroposophie müsse der Staat ein „Veto“ einlegen. Er weist dabei auf Mergenthalers Schüleraufnahmesperre für die Stuttgarter Schule hin. Rust nimmt allerdings schnell (und vorläufig) von einer auch von ihm ins Auge gefassten Schüleraufnahmesperre für alle Waldorfschulen Abstand. Er beschließt, die Schulen „wie alle Privatschulen“ langsam abzubauen. (Werner 1999: 122)
Eugen Link will vom SD erfahren haben, man habe dort positive Meldungen über die Stuttgarter Schule nach Berlin weitergegeben und befürworte die Einrichtung einer neuen ersten Klasse. (Götte 2000: 524)

Dezember 1934:
Eugen und Margarete Link als Vertreter der Stuttgarter Schule werden im Braunen Haus in München zwar nicht von ihrem Bekannten Hess, aber von Schulte-Strathaus empfangen. Hess fordert daraufhin Mergenthaler brieflich auf, die Beschränkung für die Stuttgarter Schule aufzuheben. (Werner 1999: 121)

1935

Im Frühjahr darf die Waldorfschule Stuttgart wieder Schüler aufnehmen, ein Verdienst von Maikowski und Klein. Dem skeptischen Württembergischen Kultusminister Mergenthaler werden dafür nationalsozialistische Konzessionen zugesagt. Ein NSLB-Bericht desselben Jahres beschreibt den angeblich 6-7000 Menschen umfassenden Dunstkreis der Schule als gegenüber dem NS feindlich eingestellt. (Deuchert 1991: 98, Oberman 2008: 146) Der Konflikt zwischen Dornach- und Wegman-treuen Anthroposophen eskaliert in diesem Jahr, letztere unterliegen. Viele Anhänger Wegmans verlassen die Einrichtungen (besonders Stuttgart) oder emigrieren, was im Übrigen Wegmans nazikritischem Kurs entspricht. (Deuchert 1991: 118, Oberman 2008: 90ff.) Maikowski und Klein stellen zu verschiedenen Nazis positiven Kontakt her.

Januar 1935:
Eugen Link teilt der Waldorfschule Stuttgart mit, was wenig später ein Schreiben Mergenthalers verkündet: Die Erste Klasse der Waldorfschule sei zwar wiedereröffnet, dürfe aber nicht mehr als 40 Kinder aufnehmen. Stillschweigend wird auch eine zweite Klasse aufgenommen (die aufgrund des Verbots 1934 nicht eingeschult worden war), dafür hat man aber nur eine „mündliche Zusage“ aus dem Kultusministerium. (Werner 1999: 121, Priestman 2009: 173)
– Die Waldorfschule Stuttgart muss für die finanziellen Beiträge der Eltern plötzlich Umsatzsteuer zahlen: jährlich 3000 Reichsmark. (Werner 1999: 125, Götte 2000: 436)

Februar 1935:
– Die Waldorfschulen werden informiert, dass Erziehungsminister Rust Mergenthalers Aufnahmesperre für die Stuttgarter Schule keineswegs aufheben wolle, sondern auf alle Schulen ausweiten werde. (Priestman 2009: 125, 130)
Jakob Wilhelm Hauer, Tübinger Religionswissenschaftler, alter Steiner-Hasser und völkischer Religionsgründer, verfasst für den Stuttgarter Kultusminister Mergenthaler ein verächtliches Gutachten über die Waldorfschulen als „schwere Gefahr für das deutsche Erziehungswesen“, das dieser auch an Rust schickt. (Werner 1999: 122, Priestman 2009: 173)
Rudolf Hess lässt das Reichserziehungsministerium (Rust) über Schulte-Strathaus wissen, es sei durchaus vorstellbar, „dass die Schulen im nationalsozialistischen Sinne arbeiteten und auch Ersprießliches leisteten“, vielleicht könne man die Waldorfmethoden an einigen staatlichen Schulen als alternative Erziehungsmethode für das „Reich“ fruchtbar machen. (Werner 1999: 123, Oberman 2008: 147)
– Nach den widersprüchlichen Äußerungen von Hess/Schulte-Strathaus bzw. Mergenthaler/Hauer will Rust seinen Schulinspektor Regierungsrat Thies am 30. April und 2. Mai des Jahres an die Stuttgarter Schule schicken. (Priestman 2009: 174)
– Ein Hannoveraner Schulrat Klußmann legt einen Bericht über die örtliche Schule vor, der den Unterricht als befremdlich beschreibt, dessen Beziehung zu Steiner betont und ein „Verschwinden der Waldorffschulen“ [sic] nicht für bedauerlich hält. (Götte 2000: 484f.)

März 1935:
René Maikowski beschließt, den Waldorfbund aus organisatorischen Gründen formal zu verkleinern, es sollen nur noch die Schulen in Kassel, Hannover, Dresden, Hamburg-Altona und -Wandsbek Mitglied bleiben. (Priestman 2009: 104) Die Idee scheint aber nicht umgesetzt worden zu sein.
Hanns Schemm, Bayrischer Kultusminister Gründungsmitglied und Leiter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB), stirbt. Zuvor war er ein Fürsprecher und Unterstützer der Waldorfschulen gewesen, zu dem Christoph Boy gleich 1933 Kontakt aufgenommen hatte. (Oberman 2008: 122, Staudenmaier 2014: 200)
Eugen und Margarete Link besuchen Emil Molt, der wieder in Kur ist (Brissago) und danach einen schweren Rückfall hat. Sie versuchen, ihn von ihrer nationalsozialistischen Waldorfschule zu überzeugen und berufen sich in seiner Abwesenheit in den folgenden Konflikten auf ihn. Der Schulvorstand fordert etwa, auf der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach solle nicht wie sonst üblich über die Angelegenheiten der Waldorfschule gesprochen werden. Dafür sind auch einige Lehrer. Molt und daraufhin erst das Kollegium protestieren. (Esterl 2012: 219f.)
Paul Baumann tritt vom Stuttgarter Schulvorsitz zurück, nachdem es aufgrund der Schüleraufnahmesperre schwere interne Dispute gegeben hat. Sein Nachfolger wird der Graf Fritz von Bothmer, der allerdings durch Hermann von Baravalle, Erich Gabert und Erich Schwebsch unterstützt wird. In einem Schreiben an den Schulvorstand schreibt das Lehrerkollegium, es wolle sich „seine Autonomie mit allem Ernste wahren.“ Vorausgegangen waren intensive Streitigkeiten mit den organisierten Nazi-Eltern unter Hermann Mahle. Letztere versuchen (erfolglos), die Schule unter ihre sehr weitgehende Kontrolle zu bringen. (Deuchert 1991: 98f., Werner 1999: 125, Götte 2000: 524ff., Oberman 2008: 140f.)
René Maikowski richtet nach Rücksprache mit Schulte-Strathaus und im Namen des Waldorfbundes ein Schreiben an Rudolf Hess, protestiert gegen die von Rust geplante Schüleraufnahmesperre für sämtliche Waldorfschulen. Schulte-Strathaus sendet die mit einem Unterstützungsschreiben und Verweis auf das „vertrauenswürdige“ Ehepaar Link an Rust weiter. Er meint, „dass das von den Waldorfschulen geschaffene Gut im Sinne und zum Wohle der nationalsozialistischen Bewegung weiter entwickelt wird.“ (Wagner 1992: 77ff., 83ff.). Die Hannoveraner Schule (sie leitet Maikowski) wird daraufhin benachrichtigt, eine solche Verordnung gebe es nicht und Schulrat Thies werde bald Stuttgart untersuchen. (Werner 1999: 125f.) Ministerialdirektor Bojunga im Erziehungsministerium versichert Maikowski, die Waldorfschulen seien von einer generellen Schüleraufnahmesperre für Privatschulen nicht betroffen. Maikowski schreibt Thies und Bojunga über den idealistisch-antiindividualistisch-„völkischen“ Geist der Waldorfschulen. Sie hätten kaum jüdische Schüler und seien nicht mit der Anthroposophischen Gesellschaft verbunden. (Götte 2000: 428, Priestman 2009: 126f.)
Maikowski fordert die Stuttgarter auf, Thies ausführliche Zahlen und Daten vorzulegen und über ihre Lehre zu unterrichten, insbesondere die vier Temperamente, damit Thies sie wirklich verstehen möge. Auch den Epochenunterricht müsse man gut erklären, denn es gebe die Anschuldigung, dass Waldorfschüler nicht genug lernten und zu schnell vergäßen. (Priestman 2009: 146)
Adolf Karcher, ein NSDAP-Mitglied aus der Elternschaft der Stuttgarter Schule schreibt am 16. März an den „Verbindungsstab der NSDAP“, protestiert gegen Mergenthalers Waldorf-feindlichen Kurs und betont, Waldorf strebe genau das an, wonach auch die Nazis strebten. Er sendet einen Aufsatz des anthroposophischen Rassenkundlers Richard Karutz mit. (Staudenmaier 2014: 200f.)

April 1935:
Schulrat Thies besichtigt die Stuttgarter Waldorfschule. Mergenthaler erfährt so von der Aufnahme der zweiten Klasse, fordert deren Auflösung und verhängt eine allgemeine Schüleraufnahmesperre für das Schuljahr 1935/36, ausgenommen wurden nur Schüler anderer Waldorfschulen. Das Ehepaar Link unternimmt nichts. (Werner 1999: 123f., Priestman 2009: 173)
– Die Stadt Stuttgart fordert plötzlich für ein 1927 gewährtes zinsfreies Darlehen (105 000 Reichsmark) von der Waldorfschule Zinsen an, und zwar jährlich 5000 RM. (Werner 1999: 125, Götte 2000: 436)

Mai 1935:
– Der Waldorfschule Breslau wird (mit der Begründung: „schlechte Leistungen“) die Einrichtung einer neunten Klasse verwehrt. (Priestman 2009: 178)
Regierungsrat Thies bezeichnet in seinem sehr negativen Inspektionsbericht von der Stuttgarter Waldorfschule deren Schülerschaft als „kümmerlich“ durchschnittlich, „rassisch hat man zuweilen den Eindruck einer Gegenauslese.“ Das Führerprinzip werde nicht umgesetzt, kollegialer Zusammenhalt sei zu wenig vorhanden. (Werner 1999: 124, Götte 2000: 486f.) Thies betont, die allgemeine Schüleraufnahmesperre für Privatschulen schließe selbstverständlich auch die Waldorfschulen ein. Thies versichert den Waldorf-Verantwortlichen aber auch, es werde sicherlich ein Weg gefunden, die Aufnahmesperre für die Waldorfschulen zu umgehen. (Priestman 2009: 128)
– Die entlassene Stuttgarter Nazi-Lehrerin Else Moll trifft sich mit dem NS-Schulberichterstatter der Stadt namens Cuhorst. Beide sind sich über die „geistige Verknöcherung“ des Lehrerkollegiums einig, die Waldorfschule müsse deshalb aus pragmatischen Gründen aufgelöst oder aber in öffentlicher Hand weitergeführt werden. Bothmer besucht Cuhorst ebenfalls. (Wagner 1992: 48ff., Werner 1999: 126f.)
Mahle will mit den Stuttgarter Lehrern sprechen, liebäugelt mit dem Vorsitz des Schulvorstands (an Emil Molts Stelle), Elisabeth Klein schlägt dagegen vor, Maikowski solle die Leitung der Stuttgarter Schule übernehmen. (Werner 1999: 127)
– Der Stuttgarter Waldorflehrer Hermann von Baravalle wird gerügt, weil er offen anthroposophische Vorträge an der Schule hält. (Götte 2000: 423)
Emil Molt kehrt aus seiner Kur nach Stuttgart zurück. (Esterl 2012: 220, 224)

Juni 1935:
Else Link besucht Schulberichterstatter Cuhorst und berichtet, dass sie und ihr Mann gemeinsam mit Else Moll und Leo Tölke „erbittert gegen die noch sehr starke Dornacher Richtung unter den Lehrern der Waldorschule kämpft.“Auch Bothmer spricht nochmals im Kultusministerium für die Schule vor. Cuhorsts Berichte gehen an Drück im Württembergischen Kultusministerium, der sie an das Berliner Erziehungsministerium weiterleitet. (Wagner 1992: 48ff., 71f., Werner 1999: 127)
Hess‘ Stabsmitarbeiter Schulte-Strathaus meint zu der entlassenen nationalsozialistischen Stuttgarter Waldorflehrerin Else Moll, die Stuttgarter „Waldorfschule taugt nichts, die jüngeren Schulen sind besser zu gebrauchen.“ (Deuchert 1991: 120)
Else Moll schreibt an das Stuttgarter Waldorfkollegium eine enthusiastische Skizze, wie die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik sich verändern müssen damit „die michaelischen Kräfte der Jugend“ für den Nationalsozialismus fruchtbar werden. Sie beruft sich ebenso auf Hitler wie auf Steiners kanonische „Karma-Vorträge“ (Götte 2000: 512f.)
Reichserziehungsminister Rust teilt dem Stuttgarter Kultusminister Mergenthaler über die dortige Waldorfschule mit, dass „die unter Vorbehalt zugelassene 1. Klasse wieder aufzulösen“ sei. (Hardorp 2012: 142)

Juli 1935:
Fritz Bothmer beruft die Berliner Waldorflehrerin Lotte Bröge (die Caroline von Heydebrand ersetzen soll) nach Stuttgart ab, ohne dies mit der (inzwischen relativ isolierten) Berliner Schule im Vorfeld abzuklären. (Priestman 2009: 170)
Schulgründer und -vereinsvorsitzender Emil Molt betont unterstützt durch Bothmer bei der Generalversammlung der Stuttgarter Schule, diese dürfe „nicht durch unsere Schuld zugrunde gehen“, „alles andere ist Schicksal“. Er betont zusammen mit Bothmer, dass die geistigen Grundlagen der Pädagogik rein gehalten werden müssten, aber gerade so seien „wir“ der „Verpflichtung gegenüber unserem Volk“ verbunden. Die geistigen Grundlagen der Waldorfpädagogik zu verleugnen, würde die Schule „zerstören“: Zweifellos auch eine Stellungnahme zum Streit zwischen Nazi-Eltern und Lehrerkollegium. Es wird ein 14-köpfiger Vorstandsbeirat gegründet, in dem beide Fraktionen vertreten sind, daunter Link und Mahle, aber etwa auch Stuttgarter Industrielle wie Hans Voith und Emil Kühn oder der namhafte „Christengemeinschafts“-Repräsentant Friedrich Rittelmeyer. (Deuchert 1991: 98, 100, Werner 1999: 128, Oberman 2008: 141f.)
Emil Molt berichtet an Albert Steffen im Goetheanum-Vorstand, die Verhältnisse an der Stuttgarter Schule seien wieder ruhig.  Zum Monatsende fährt er wieder in Kur, und zwar bis Oktober und nach München. (Esterl 2012: 222ff.)

August 1935:
Die aktuelle Ausgabe der Waldorfzeitschrift Erziehungskunst zitiert hymnische Presseberichte über die Stuttgarter Waldorfschule, auch aus dem Stuttgarter NS-Kurier und dem Völkischen Beobachter.

Oktober-November 1935:
Erziehungsminister Rust ist aufgrund von Krankheit nur sporadisch erreichbar. Kontaktversuche Maikowskis scheitern deswegen. (Werner 1999: 129f.)

Oktober 1935:
– Die Gestapo benachrichtigt Rust, dass die Anthroposophische Gesellschaft verbieten wird: Rust möge die Waldorfschulen verstaatlichen, denn im Reich sei so kein Platz mehr für sie. (Werner 1999: 129)
Kreisschulrat Stegemann und Regierungsdirektor Petersen (Schleswig) teilen der Waldorfschule Hamburg-Altona mit, ab Ostern 1936 würden die Waldorfschulen systematisch „abgebaut“ werden, sie seien nicht in Einklang mit dem Nazistaat. Franz Brumberg, Leiter der Altonaer Schule, wendet sich an den Waldorfbund. Er sowie Elisabeth Klein sprechen in Rusts Ministerium vor. Maikowski protestiert brieflich. (Werner 1999: 129f., Priestman 2009: 160f.)
– Der Schulvorstand der Stuttgarter Schule stellt sich im Streit mit den Nazi-Eltern hinter das Kollegium und informiert die Eltern der Schule. Die Nazi-Engagierten sollen ihre Tätigkeiten einstellen, auch Mahle stellt sich trotz allem treu zur Schule. (Götte 2000: 526f.)

November 1935:
Reinhard Heydrich lässt die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland auflösen. Im Schreiben kritisierte er auch die „individualistische“ Steinerpädagogik, ging aber nicht gegen die Schulen selbst vor. Nichtsdestominder war dies eine eindeutige Bedrohung für die Schulen. (Götte 2000: 428, Staudenmaier 2014: 194) Molt schreibt an die Mitglieder des Bundes der Waldorfschulen, dass diese vom Verbot der Gesellschaft nicht betroffen seien. (Oberman 2008: 142)
– Der Regierungspräsident Breslau schreibt nach dem Verbot der Gesellschaft an das Erziehungsministerium und erkundigt sich nach einer Schließung der örtlichen Waldorfschule (und der heilpädagogischen Einrichtung „Schloss Pilgrimshain“). (Wagner 1992: 66f.)
Erziehungsminister Rust lässt dem Amt Hess, dem Gestapa und den betroffenen Unterrichtsverwaltungen seinen Entwurf für eine geplante Schüleraufnahme für die Waldorfschulen zugehen. (Werner 1999: 136) Auch der Waldorfbund wird benachrichtigt, dass ab Ostern 1936 ein generelles Verbot für die Waldorfschulen besteht, neue erste Klassen aufzunehmen. Maikowski schreibt daraufhin wieder Protest-Briefe an Nazi-Behörden, betont den deutschen, antijüdischen und antimarxistischen Charakter der Waldorfschulen. Schließlich erfährt er, dass Rust sich eine letzte Entscheidung vorbehalte und Hess den Waldorfschulen positiv gegenüberstehe. Es sollen ausführliche Statistiken zu den einzelnen Schulen an Hess geschickt werden. Maikowski ist einmal mehr optimistisch, einmal mehr erklären die Schulen ihre Kompatibilität mit dem NS. (Wagner 1992: 60ff., Priestman 2009: 129f., 131f.)
– Der Bund der Waldorfschulen legt ein enthusiastisch nationalistisches Memorandum „Vom Wesen und der Arbeitsweise der Waldorfschulen“ vor und lobt darin „Volksgemeinschaft“ und Deutschlands Mission, denen ihre Pädagogik verpflichtet bleibe. Außerdem setzt man sich ausführlich von „internationalen“ und „jüdischen“ Tendenzen ab. Maikowski sendet das Memorandum auch an die Gestapo. (Wagner 1992: 103-113, Staudenmaier 2014: 207)
Mergenthaler verbietet der Waldorfschule Stuttgart einmal mehr die Aufnahme einer ersten Klasse für das kommende Schuljahr. (Werner 1999: 128f.)
Klein und Maikowski nehmen den Kontakt zu Alfred Leitgen im Stab Hess wieder auf, was die Lage (vor allem aber sie) etwas beruhigt. (Werner 1999: 130)
– Es kommt zu Feindseligkeiten zwischen Elisabeth Klein und Margarete Link, die sich beide als Vertreter der Waldorfschulen bei Hess etabliert sehen wollen. Bothmer versucht, zu vermitteln. (Werner 1999: 135)
– An der Waldorfschule Stuttgart sind 1060 Eltern, davon sind 256 Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und 67 Mitglieder der NSDAP. (Werner 1999: 119, Oberman 2008: 139, Priestman 2009: 86) Von den 800 Schülern sind 163 (20%) bei der HJ bzw. beim „Jungvolk“ und 136 (17%) bei „Jungmädels“ bzw. BDM. Die Angaben über „nicht-arische“ Schüler lauten in unterschiedlichen Schreiben der Schule an die Behörden unterschiedlich und schwanken zwischen 26 und 35 Schülern. (Götte 2000: 464ff., Priestman 2009: 79, 85)
– Der Stuttgarter Waldorflehrer Hermann von Baravalle wird von Nazi-Eltern wie Leo Tölke, den Links und Mahle attackiert, weil er in zu engem Kontakt zur Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft stehe. Die Diskussion reicht bis in den Schulvorstand. (Werner 1999: 131f., Götte 2000: 423)

Dezember 1935:
Hess‘ Adjudant Alfred Leitgen teilt dem Waldorfbund mit, Hess habe seine Entscheidung über die Waldorfschulen vertagt. Maikowski ist sicher, ohne Hess‘ Entscheidung werde auch Rust nichts weiter unternehmen können. Tatsächlich wird den Waldorfschulen durch diese vermeintliche „Protektion“ durch Hess aber Zeit verschafft. (Priestman 2009: 133, 175)
Die Staatspolizeistelle Kiel warnt nach einer Untersuchung der Schule Hamburg-Altona vor der Vergiftung von Jugendlichen durch Okkultismus. (Staudenmaier 2014: 212)
– Die Unterrichtsverwaltung Hannover zieht in einem Schreiben an Reichsminister Rust die sofortige Auflösung einer Schüleraufnahme für die örtliche Waldorfschule vor. (Werner 1999: 136)
Schulrevisor Dr. Heilig berichtet über die Waldorfschule in Kassel, vor allem über methodisch-didaktische Probleme, Schüler, die nicht folgen könnten usw. „Schwerer“ seien aber „die weltanschaulich-pädagogischen Grundbedingungen“. Wenn schon nicht die Auflösung, müsse „besondere staatliche Überwachung“ beschlossen werden. (Götte 2000: 488f.)
– Die Reemtsma AG kündigt ihre Zahlungen an den Waldorfschulverein Stuttgart, die eigentlich bis zum April 1939 weiterlaufen sollten. Die Kündigung wird nach zähen Verhandlungen wieder rückgängig gemacht. (Werner 1999: 129)

1936

In diesem Jahr folgt von Erziehungsminister Rust eine Schüleraufnahmesperre für alle Waldorfschulen, was sie ökonomisch stark schädigt und einen wesentlichen Grund für die späteren Schließungen darstellt. Hamburg-Altona schließt direkt. Die Dresdner Waldorfschule ist die einzige, die nach diesem Jahr noch expandiert. Ein neuer Ausweg scheint jedoch der Status als staatliche „Versuchsschule“ zu sein. (Priestman 2009: 157f., 181) „By 1936 the emphatically pro-Nazi Waldorf tendency had effectively lost the internal struggle to their more moderate colleagues, as compromise prevailed over collaboration.“ (Staudenmaier 2014: 190) Diese interne Machtprobe bleibt nicht folgenlos: Der Bund der Waldorfschulen zerbricht. In diesem Jahr werden viele Privatschulen, etwa die Wittmann- oder Montessorischulen, geschlossen. (Staudenmaier 2014: 196f.) Auch die nicht organisierte Waldorfschule Essen wird von den Behörden zugemacht, es gab vorher schwere interne Konflikte, die die Schule gefährdeten. Schon in den vorangehenden Jahren war ihr Verhältnis zu den übrigen deutschen Waldorfschulen konfliktuös. (Götte 2000: 322f., Lauten 2008, Staudenmaier 2014: 183) Der Gründer der ersten Waldorfschule, Emil Molt, stirbt in diesem Jahr. Ihm folgt als Vorsitzender des Schulvereins Stuttgart Emil Kühn nach, den Molt 1934 in den Beirat des Schulvorstands geholt hatte. (Deuchert 1991: 121)

Januar 1936:
Der Württemberger Kultusminister
Mergenthaler untersagt den durch die Lehrer gehaltenen „freien“ Religionsunterricht an der Stuttgarter Waldorfschule. (Wagner 1992: 51, Werner 1999: 128)
– Die Unterrichtsverwaltung Kassel zieht in einem Schreiben an Reichsminister Rust die sofortige Auflösung einer Schüleraufnahme für die örtliche Waldorfschule vor. (Werner 1999: 136)

Februar 1936:
Erziehungsminister Rust hindert die Gestapo an einer Hausdurchsuchung bei der Dresdner Waldorfschule. Wahrscheinlich war dies kein Einsatz für die Waldorfschule speziell, weil Rust die Waldorfschulen durchaus ablehnte, sondern ein Machtkampf mit der Gestapo. (Priestman 2009: 133f.)
– Nach einer Aktion gegen „Kommunisten“ berichten Regierungs- und Schulrat Brinkmann und Regierungsassesor Grande aus Kassel an das Erziehungsministerium über zwei Verdächtige, die mit der örtlichen Waldorfschule vernetzt seien: „Unter diesen Umständen halte ich die endgültige Auflösung der Schule nicht mehr für aufschiebbar.“ (Wagner 1992: 52f.)
– In der „Reichssturmfahne“, „Kampfblatt“ der Schwäbischen HJ erscheint unter dem Titel „Vorwärz, vorwärts, die neueste Tanzplatte der Waldorfschule in Stuttgart“ ein gegen Hermann von Baravalle gerichteter Schmähartikel. (Werner 1999: 132)
Eugen und Margarete Link schreiben an Emil Molt „Zur Aufrechterhaltung der Pädagogik Rudolf Steiner[s]“, Frau Link will „als Nationalsozialistin“ Schulleiterin in Stuttgart werden, Mahle solle Molt als Vorsitzenden des Schulvereins ersetzen und die Stuttgarter Schule sich vom Bund der Waldorfschulen lösen. Das soll ihre Umwandlung zur Nazi-„Versuchsschule“ sicherstellen. Tölke fordert eine Unterredung mit Molt, der sich Bothmer zur Unterstützung dazu holt. Molt pocht im Gespräch auf die Autonomie der Schule, Tölke will sie „erneuern“, „aber nur im Sinne der nationalsozialistischen Bewegung.“ Die Lehrer der Stuttgarter Waldorfschule lehnen das entschieden ab und fürchten nun eine Schließung. (Werner 1999: 133ff., Götte 2000: 527ff., Esterl 2012: 227ff.)
Emil Molt beschließt seine Autobiographie mit den Worten: „In dem Augenblick, da ich dies schreibe, sind die Sorgen um die Erhaltung der Schule größer denn je; aber ich kann mir nicht denken, dass verantwortliche Menschen so blind sein können, diesen weithin über die Welt verstandenen Kulturfaktor, der so Wesentliches für das deutsche Geistesleben enthält, auszulöschen.“ (Molt 1972: 210)

März 1936:
Erziehungsminister Rust verbietet im Rahmen einer Nazikampagne gegen Privatschulen auch allen Waldorfschulen in Deutschland, neue Schüler aufzunehmen. (Deuchert 1991: 119, Priestman 2009: 2, 17, Staudenmaier 2014: 195) Er behält sich aber eine letzte Entscheidung vor, was Maikowski einmal mehr als positives Zeichen aufnimmt. (Priestman 2009: 134)
Reichsinnenminister Frick sowie Heydrich antworten auf Rust und wollen keinen zwingendenn Zusammenhang zwischen Anthroposophischer Gesellschaft und Waldorfschule erkennen, Heydrich spricht sich dafür aus, die Schulen bestehen zu lassen, aber alle Lehrer durch treue Nazis auszuwechseln. (Werner 1999: 136)
– Der Waldorfschule Breslau wird überdies der Eurythmie-Unterricht verboten. (Priestman 2009: 178)
– Die Lehrer der Waldorfschule Hannover werden zum Treueeid auf Hitler aufgefordert. (Oberman 2008: 151)
– Der Leiter der Waldorfschule in Hamburg-Altona, Franz Brumberg, schreibt an das Erziehungsministerium und betont die Dienste der Waldorfpädagogik zur Erneuerung der deutschen Pädagogik. (Staudenmaier 2014: 201)
Fräulein Blass, Leiterin der Essener Schule, besucht Stuttgart, und will ihre Schule wieder mit den anderen Schulen in Einklang bringen. Im selben Monat wird ihre Schule jedoch von den Behörden geschlossen. (Götte 2000: 325f.)

April 1936:
Rust lässt nach Rücksprache mit Hess noch einmal mitteilen, dass die Waldorfschulen keine neuen Schüler aufnehmen dürfen, auch nicht in schon bestehenden Klassen. (Priestman 2009: 134)
– Die Waldorfschule Hamburg-Altona, die derzeit von 360 Schülern besucht wird und über zwölf Lehrer hat, hat erst kürzlich von der Schüleraufnahmesperre erfahren und wird ebenfalls zum Treueeid auf Hitler aufgefordert. Sie beschließt daraufhin, sofort zu schließen. Das geschieht am 4. April, zehn Tage nach der Benachrichtigung. In seiner Schlussrede sagt Leiter Franz Brumberg, er habe anfangs einen Weg der Kooperation gesucht, aber nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft sei ihm vieles klar geworden. Waldorfpädagogik und NS würden niemals zueinanderfinden. Es gibt in der Folge (nicht mehr waldorfpädagogische) „Umschulungskurse“ für die Schüler, die auf öffentliche Schulen gehen werden. Diese dauern bis 1938. (Werner 1999: 96, 137f., Priestman 2009: 158, 161f.)
– Der Waldorfschulverein Stuttgart hat für das Schuljahr 35/36 ein Defizit von 9000 Reichsmark und erwartet ein weiteres von 2400 RM monatlich. (Götte 2000: 530)
– Ein von 230 Eltern  der Hamburg-Wandsbeker Waldorfschule unterzeichneter Brief geht an das Erziehungsministerium und betont die Treue der Waldorfschulen zum „Führer“. Es wird versucht, die Schule als „Einheitliche Volks- und Höhere Schule“ aus dem Privatschulverband herauszulösen. (Deuchert 1991: 101, Götte 2000: 434, Staudenmaier 2014: 201)
Maikowski schreibt an Hess und schlägt eine Umwandlung der Waldorfschulen in „Versuchsschulen innerhalb des neu zu gestaltenden Schulwesens“ vor. Bothmer aus Stuttgart äußert sich skeptisch, weshalb Maikowski eine ‚weichere‘ zweite Fassung nachschickt. Der Status als „Versuchsschule“ wird jedoch zum festen Ziel. Auch Klein wird diesbezüglich aktiv. (Deuchert 1991: 119, Werner 1999: 207f., 138, Priestman 2009: 135)
Bothmer von der Stuttgarter Schule beschwert sich bei Maikowski über die wichtige Rolle Kleins, die den Waldorfbund umgehe. Er leitet den Brief auch an die übrigen Waldorfschulen weiter. (Priestman 2009: 103)
Emil Molt feiert seinen 60. Geburtstag in Brissago, vom Lehrerkollegium kommt kein Geschenk, nur Bothmer überreicht einen Blumenstrauß. (Esterl 2012: 232)

Mai 1936:
– Die enthusiastischen Nazi-Eltern Eugen und Margarete Link sowie Hermann Mahle treten aus dem Vorstand der Stuttgarter Waldorfschule zurück. Vorher hatten sie mit ministerieller Rückendeckung versucht, M. Link als nationalsozialistische Schulleiterin und Mahle als Vorsitzenden des Schulvereins gegen das Stuttgarter Lehrerkollegium durchzusetzen. Das Lehrerkollegium hat die Auseinandersetzung gewonnen, fürchtet aber von nun an die Schließung der Schule, die Mahle und die Links angedroht hatten. (Deuchert 1991: 100)
Elisabeth Klein fährt nach Dornach, um sich Rückendeckung durch den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft zu holen. Steffen betonte, man dürfe im Hinblick auf Steiners Lehre bei „Versuchsschulen“ „keine Kompromisse machen.“ (Werner 1999: 208f.)

Juni 1936:
– Ein Schreiben des Erziehungsministeriums an Klein und Maikowski eröffnet diesen, „ein oder zwei“ Schulen könnten in der Tat als „Versuchsschulen“ weitergeführt werden. (Deuchert 1991: 120)
Anni Heuser aus der Leitung der Berliner Schule attackiert Elisabeth Klein, deren inoffizielle Führungsposition in der Waldorfbewegung den „Bund“ schwäche. (Priestman 2009: 109)
– Das Kassler Kollegium schlägt die Stuttgarter ‚Mutterschule‘ als primäre Kandidatin für den „Versuchsschul“-Status vor. (Werner 1999: 209, Priestman 2009: 106)
– Der Gründer der ersten Waldorfschule und Vorsitzende des Stuttgarter Waldorfschulvereins, Emil Molt, stirbt. (Oberman 2008: 146, Esterl 2012: 233) Emil Kühn übernimmt seine Geschäfte im Schulverein Stuttgart. (Götte 2000: 531)
– Ein Überwachungsbericht konstatiert der Stuttgarter Schule eine Haltung „passiven Widerstands“. (Deuchert 1991: 110f.)
– Die Stuttgarter Schule hat 49 Lehrer und wird von 684 Schülern besucht. 218% bzw. 83% der Jungen sind bei HJ/Jungvolk und 268 bzw. 72% der Mädchen bei BDM/Jungmädels. (Priestman 2009: 80, 84)
– Von den 184 Waldorflehrern sind 20 Mitglieder des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) (Oberman 2008: 78)
– Ein SD-Bericht betont den „anti-völkischen, antinationalen, überstaatlichen, pazifistischen und insbesondere jüdischen“ Geist der Anthroposophie, der „am unbemerktesten, aber wirksamsten“ über die Pädagogik verbreitet werden. (Deuchert 1991: 109, Priestman 2009: 146f.)

Juli/August 1936:
Franz
Brumberg, Leiter der Altonaer Schule, schreibt im Namen seiner Schule und der Berliner an die übrigen Mitglieder des Waldorfbundes, man wolle keine weiteren staatlichen Kompromisse mehr eingehen, bis Rudolf Steiners Name rehabilitiert, anthroposophische Arbeit und freie Pädagogik wieder möglich seien. Seine Schule habe ihren Betrieb eingestellt und ihren Namen abgelegt, man sei „im Abbau“ und versuche nur noch, durch „Angleichung“ des Lehrplans an staatliche Vorgaben den Schülern den Übergang zur Nachfolgeschule zu erleichtern. Diese „Umschulungskurse“ laufen bis 1938.  (Werner 1999: 138, Oberman 2008: 150)

Juli 1936:
– Das Erziehungsministerium informiert den Waldorfbund (Maikowski) offiziell über die Möglichkeit des „Versuchsschul“-Status‘. (Priestman 2009: 105)

September 1936:
– Eine Vertreter-Konferenz der Waldorfschulen kommt auf Drängen Initiative der Schulen aus Stuttgart und Hamburg-Altona in Kassel zusammen. Dort wird kontrovers darüber gestritten, wie stark man mit dem Nazistaat kooperieren bzw. ob man einen „Versuchsschul“-Status einnehmen solle. Eine neue fünfköpfigeBundesleitung“ wird gewählt, darin sind Bothmer und Uehli (Stuttgart, nazikritischer) sowie Martin Schmidt (Kassel), aber auch der vormalige „Bundesleiter“ Maikowski. Elisabeth Klein ist das fünfte Mitglied und hat damit erstmals ein offizielles Amt beim Waldorfbund inne. Debattiert und wahrscheinlich abgelehnt wird die „Versuchsschul“-Idee, doch das bleibt wirkungslos: während Bothmer und Uehli in der Folge dagegen vorgehen, streben vie andere Schulen diesen Status an. (Deuchert 1991: 121f., Oberman 2008: 152f.)
Maikowski hebt in einem Schreiben an das Reichserziehungsministerium den Sonderstatus der Stuttgarter Schule hervor und beschwert sich über deren Unterdrückung durch Mergenthaler. (Priestman 2009: 107)

Oktober 1936:
– Das im vorigen Monat zusammengetretene fünfköpfige Waldorf-Bundesgremium tagt in Berlin und legt eine ablehnende Antwort zum „Versuchsschul“-Programm vor. Maikowski hat aber längst andere Schritte eingeleitet, von denen Bothmer und Uehli nichts wissen. (Deuchert 1991: 122f., Werner 1999: 210) Er verteidigt sich dabei noch lautstark gegen das Stuttgarter Misstrauen über seine und Kleins Verhandlungserfolge und versichert, ohne die Stuttgarter Schule werde keine Entscheidung getroffen. (Priestman 2009: 105)
Anni Heuser von der Berliner Schule kritisiert weiterhin Elisabeth Klein, die den Waldorfschulen schade. (Priestman 2009: 109)
– Die Waldorfschulen Hannover, Dresden und Hamburg-Wandsbek beantragen währenddessen nacheinander, als offizielle „Versuchsschulen“ akzeptiert zu werden. Alle vier Schulen bekennen sich in ihren Begründungsschreiben zum „neuen Staat“ und zur „Volksgemeinschaft“ (Priestman 2009: 106ff., 184, Staudenmaier 2014: 197f.) Die Schulen in Stuttgart, Hamburg-Wandsbek und Berlin weigern sich auch auf Kleins und Maikowskis Drängen, das zu tun, allerdings in unterschiedlicher Schärfe. Sie sehen sich hintergangen. (Deuchert 1991: 121-125, Oberman 2008: 151ff., Priestman 2009: 108) Damit ist die Waldorfschul-Bewegung gespalten.
Klein schreibt an Thies über die „Lebensbedingungen einer Rudolf Steiner-Schule“, zu denen freie Mitarbeiterwahl, freie Lehrplangestaltung, Kunst, Epochenunterricht und solcher nach Altersklassen gehörten. (Götte 2000: 462)

November 1936:
Die Waldorfschule Kassel, die im September noch unentschieden war, beantragt ebenfalls den „Versuchsschul“-Status. Im Hintergrund steht auch, dass die Schule sich durch die Folgen der Schüleraufnahmesperre nicht mehr finanzieren kann. Sie wird nurnoch durch sehr großzügige Spenden der Eltern einigermaßen am Leben gehalten. (Priestman 2009: 177)
– Bothmer und Uehli schreiben, dieses nicht abgesprochene Verhalten von Kassel, Dresden, Hannover und Wandsbek habe den vorliegenden „Bruch offensichtlich gemacht.“ (Deuchert 1991: 126)
Maikowski schreibt im Auftrag seiner (der Hannoveraner) Schule an das Erziehungsministerium: Die Ziele der Stuttgarter Waldorfschule seien nicht mit denen des Bundes der Waldorfschulen identisch, er beschwört einmal mehr den besonderen deutschen Wert der Waldorferziehung. Gegenüber dem Stuttgarter Bothmer verteidigt er den Schritt seiner Schule: Auch sie sei schließlich von Repressionen betroffen, tatsächlich war sie das seit 1933 nur in geringem Maß und definitiv weniger als Stuttgart. (Priestman 2009: 107, 137)
– Am 10. November wird der Waldorfschule Hannover eine Ablehnung des Gesuchs der Genehmigung als „Versuchsschule“ erteilt. (Deuchert 1991: 126, Oberman 2008: 153f.) Maikowski erfährt, dass nur die Schulen Dresden und Hamburg-Wandsbek genehmigt werden sollen. (Priestman 2009: 135)
Fritz Kübler, Leiter der Hamburg-Wandsbeker Waldorfschule, schreibt an Rust über den schweren Aufbau seiner Schule, die nun endlich 420 Schüler habe. (Priestman 2009: 137)

Dezember 1936:
Maikowski protestiert gegen die Unterdrückung der Waldorfschulen bei Göring und unterschreibt als „Leiter des Bundes der Waldorfschulen“, Klein überbringt den Brief. Uehli und Bothmer protestieren, nachdem sie eine Abschrift erhalten haben, und treten aus der Bundesleitung zurück, wenig später auch Martin Schmidt. Berlin und Altona schließen sich dem Stuttgarter Protest an. (Deuchert 1991: 126f.) Das Stuttgarter Kollegium teilt Maikowski mit: „Wir verzichten darauf, uns von Ihnen und Frau Dr. Klein weiterhin offiziell vertreten zu lassen.“ (Werner 1999: 211) Das wiederum kritisiert der Hannoveraner Lehrer Robert Zimmer. (Priestman 2009: 105)
Anni Heuser erklärt für das Berliner Kollegium gegenüber Maikowski den Austritt ihrer Schule aus dem Bund der Waldorfschulen. Sie gibt keine finanziellen Gründe an, sondern interne. Schon seit Mitte 1933 war man an der Schule skeptisch gegenüber der Politik des Waldorfbundes gewesen. (Priestman 2009: 109, 170f., 210)
Bothmer hält eine Ansprache vor den Eltern der Stuttgarter Schule. Er äußert sein Unverständnis darüber, dass unter dem NS zwar die Erziehung im Geist der Jugend und der Gemeinschaft sowie der deutschen Kunst und Sprache erneuert, aber die Waldorfschulen unterdrückt worden seien. Schließlich seien die Waldorfschulen in derselben „welthistorischen Stunde“ geboren worden wie die Nazibewegung. (Priestman 2009: 136)

1937

Der „Bund der Waldorfschulen“ hat zunächst keine anerkannte Leitung mehr und fristet ein Schattendasein. (Deuchert 1991: 127) Elisabeth Klein indessen hat gute Kontakte zu dem Nazipädagogen und -philosophen Alfred Bäumler geknüpft, in den folgenden vier Jahren korrespondieren sie intensiv. (Priestman 2009: 188) In der Waldorfbewegung bleibt die Spannung zwischen einer moderateren „Richtung Stuttgart“ und einer nazi-affineren „Richtung Dresden“. (Deuchert 1991: 97) Die Schulen in Dresden, Hannover (schon 1936 abgelehnt), Wandsbek und Kassel werden Ende 1936/Anfang 1937 auf Anordnung des Erziehungsministeriums untersucht, um den „Versuchsschul“-Antrag zu prüfen. Die Schulen begrüßen die Inspektionen enthusiastisch. Die Berichte fallen durchweg kritisch aus. (Werner 1999: 218, Priestman 2009: 147ff.) Durchgängig wird von den Inspektoren ein „weiblicher“ Erziehungsstil kritisiert und das Fehlen nationalsozialistischer Inhalte beklagt. Für Hannover, Wandsbek und Kassel heißt es, zwar gebe es Steiner- und Madonnen-, aber keine „Führer“-Bilder. In Dresden und Hannover werde im Fach „Rassenkunde“ eine geistig-universale Auffassung von „Rasse“ statt einer auf „Blut und Boden“ gegründeten gepflegt. Durchgehend anerkannt wird allerdings eine vorbildliche „Schulgemeinschaft“ voll Kameradschaft und Verbundenheit, mit engagierten Lehrern und Schülern. (Deuchert 1991: 101ff., Götte 2000: 490ff., Bierl 2005: 189f.) Eine neue Waldorfschule wird in Vanceboro, Maine, USA, gegründet. (Oberman 2008: 94)

Januar 1937:
– Die Waldorfschule Hamburg-Wandsbek wird von den durch Rust beauftragten Regierungsrat Thies untersucht und positiv, als Ort mit guter Atmosphäre etwa, beschrieben, der allerdings vom Nationalsozialismus „unberührt“ geblieben sei. Hess sympathisiert ohnehin längst mit der von Elisabeth Klein geführten Schule in Dresden. (Wagner 1992: 17ff., Werner 1999: 212, Götte 2000: 492f., Oberman 2008: 154, Priestman 2009: 148) Auf Einsatz des Wandsbeker Schulrats Scheer erhält die dortige Waldorfschule jedoch eine „Gnadenfrist“. (Götte 2000: 490, Werner 1999: 217)
– Die Dresdner Waldorfschule wird von Annemarie Pahl inspiziert, sie empört sich über „Mystisches“, über die die Koedukation, insbesondere über Stricken für die Jungen und Holzwerken für Mädchen. Nationalsozialistisches sei nicht vorzufinden. (Wagner 1992: 24ff., Priestman 2009: 81, 194)

Februar 1937:
Erziehungsminister Rust bestimmt neue Auflagen für „Versuchsschulen“ und will deren Anzahl „auf ein notwendiges Minimum“ begrenzen. (Staudenmaier 2014: 196)
– Auf Einladung der Stuttgarter Waldorfschule kommen anlässlich von Steiners 76. Geburtstag Vertreter aller Waldorfschulen bis auf Hannover und Dresden nach Stuttgart. (Deuchert 1991: 127)

März 1937:
Lotar Eickhoff im Innenministerium, der sich auch um eine Wiederzulassung der Anthroposophischen Gesellschaft bemüht, versucht, beim Erziehungsministerium zu intervenieren: man möge den Waldorfschulen keine weiteren Hindernisse in den Weg legen. (Staudenmaier 2014: 200)
– Ein Gutachten über die Waldorfschule Hamburg-Wandsbek liegt vor, das die Fertigkeiten der Lehrer, die Disziplin der Schüler und deren musische Fähigkeiten lobt. Insgesamt sei jedoch die nationalsozialistische Weltanschauung nicht vorzufinden, stattdessen „Theosophie“, aber das Gutachten kam trotz scharfer Kritik doch zu einem wohlwollenden Schluss: sehr wohl könne hier der Nationalsozialismus Eingang halten. (Wagner 1992: 27ff., Priestman 2009: 149)

April 1937:
– Die Stuttgarter Waldorfschule wird der „Ministerialabteilung für die höheren Schulen in Württemberg“ unterstellt. Das heißt, dass nun Mergenthaler alleinige Entscheidungsgewalt über sie hat. (Priestman 2009: 175)
Elisabeth Klein berichtet in den Räumen der Christengemeinschaft Düsseldorf über die laufenden politischen Anstrengungen und zeigt sich optimistisch. (Werner 1999: 217)

Mai 1937:
– Der Bund der Waldorfschulen tagt wieder, allerdings ohne die Schulen Altona und Berlin. Eine neue Bundesebene wird gegründet: mit Maikowski als Leiter und neben ihm gleichberechtigt Emil Kühn, Vorsitzender des Stuttgarter Schulvereins. „Unverbindlich“, aber leitend involviert bleibt Elisabeth Klein. (Deuchert 1991: 127, Werner 1999: 222f.)
Oberschulrat Frommann legt (nicht zum ersten Mal) einen vernichtenden Bericht zur Stuttgarter Waldorfschule vor: Dort habe sich ein sehr nazikritischer, ja widerständlerischer „Kreis“ eingefunden, jüdisch, marxistisch, individualistisch. Auch, dass acht von zehn Schülern durch das Abitur gefallen seien, wurde kritisiert. (Wagner 1992: 30f., Priestman 2009: 154)

Juli 1937:
– Das Hannoveraner Kollegium entschließt sich, nachdem die Bemühungen um einen „Versuchsschul“-Status gescheitert sind, die Schule zu schließen. Es finden jedoch von den Waldorflehrern gehaltene „Umschulungskurse“ zur Erleichterung des Übergangs an öffentliche Schulen für die Schüler statt (bis 1939). (Werner 1999: 213) Die Schule hat zum Zeitpunkt ihrer Schließung neun Klassen, 15 Lehrer und 238 Schüler. Maikowski beschwert sich in einem sehr persönlichen Brief bei Rust über die Unterdrückung, die seine Schule erfahren habe, obwohl sie stets guten Willens gewesen sei und er doch wiederholt erklärt habe, wie wichtig die Waldorfpädagogik für den deutschen Geist sei. Außerdem benennt Maikowski die Schule sofort in „Umschulungskurs der früheren Waldorfschule Hannover“. Auch das schreibt er Rust und begründet es diesem gegenüber damit, dass sie nun nicht fälschlich die hohen Ideale seiner Pädagogik im Titel trage. Es gelingt ihm schlussendlich, die meisten Schüler schließlich an eine benachbarte Schule zu vermitteln. (Priestman 2009: 162, 165ff.)
– Mit Maikowskis Schule endet für längere Zeit die Tätigkeit des Bunds der Waldorfschulen. (Priestman 2009: 110)
Hitler verbietet Anthroposophen, eine leitende Position in Wehrmacht oder Partei einzunehmen. Sie seien wie Freimauerer zu behandeln. (Deuchert 1991: 109)

August 1937:
– Das Berliner Kollegium beschließt, die Schule zu schließen, kündigt aber ebenfalls „Umschulungskurse“ für die Schüler bis Ostern 1938 an. „Eine wirtschaftliche Nötigung“, heißt es in einem Schreiben an die Stuttgarter Schule, „liegt nicht vor, sondern aus inneren Gründen fühlen wir uns verpflichtet … um wahr zu bleiben dem Werk Rudolf Steiners gegenüber.“ So kann auch der Berliner Lehrer Ernst Weißert 40 Jahre später berichten: „Das Schuljahr 1937/38 begann trotz des Ernstes der Zeit mit einem erfreulich blühenden Leben in der Schule. Sie umfasste nun 400 Schüler.“ Der „Umschulungskurs“ umfasst schließlich 70-80 Schüler, er findet in einer alten Nervenheilanstalt statt. (Hardorp 1998: 62f., Werner 1999: 213, Oberman 2008: 154ff., Hardorp 2012: 144ff.) Die Schule hatte vorher siebzehn Lehrer, zehn Klassen und 335 Schüler (1935 waren es noch 397 gewesen). (Priestman 2009: 168)
Rust spricht dem Waldorfschulverein Stuttgart den Status der Gemeinnützigkeit ab. (Werner 1999: 237, Priestman 2009: 175)

Oktober 1937:
– In den „Mitteilungen an die Mitglieder des Waldorfvereins Stuttgart“ erscheint eine lange Erklärung zur Staatskonformität der Waldorfschulen, man hoffe auf dessen breite Anerkennung. (Staudenmaier 2014: 193)
– Der Stuttgarter Oberbürgermeister bittet Mergenthaler, die Stuttgarter Schule rasch zu schließen, weil er die Räumlichkeiten gut gebrauchen könne. (Wagner 1992: 122, Werner 1999: 237)
Ein Verein „Hilfskasse für die ehemalige Lehrerschaft der Waldorfschule Stuttgart“ wird gegründet. (Werner 1999: 238)

November 1937:
– Die Waldorfschule Dresden wird von Lotar Eickhoff (Innenministerium), Alfred Leitgen (Stab Hess), Alfred Bäumler (Nazipädagoge und -philosoph im Amt Rosenberg) und Otto Ohlendorf (Reichssicherheitshauptamt, Untersützer der biodynamischen Landwirtschaft) besucht. (Werner 1999: 218f., Götte 2000: 548)

Dezember 1937:
Alfred Bäumlers berühmtes erstes „Gutachten über die Waldorfschulen“ liegt vor, eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit Steiner, der den Waldorflehrplan würdigt, vor allem seine Ästhetik und seinen harmonischen Anti-Intellektualismus, aber auch klare Differenzen zur Nazi-Ideologie kritisiert. In der gegenwärtigen Gestalt sei der Waldorflehrplan trotz aller Vorzüge ungeignet, den „Versuchsschul“-Status müsse man jedoch ernsthaft prüfen. (Leschinsky 1983: 279ff., Werner 1999: 220f., Hardorp 2012: 139f.)
Regierungsrat Thies empfiehlt gegenüber Eickhoff die Hamburg-Wandsbeker Schule als die „geeignetste“ für den „Versuchsschul“-Status. (Werner 1999: 212)

1938

Mergenthaler schließt die Stuttgarter Schule. Die Rudolf Steiner-Schule Berlin löst sich um Ostern auf, weil sie keine weiteren Kompromisse mit dem Nazistaat eingehen will. Zu dem Schritt hatte sich das Berliner Kollegium schon im Herbst 1937 entschieden. Auch der „Umschulungskurs“ in Hamburg-Altona endet 1938. (Leschinsky 1983: 265, Deuchert 1991: 127, Oberman 2008: 153f., Staudenmaier 2014: 195) Elisabeth Klein (1978: 98) datiert in dieses Jahr ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach, Albert Steffen, der auf die Frage, ob man die deutschen Waldorfschulen schließen solle, geantwortet habe: „Nein … Vor der Geschichte muss stehen, dass der Nationalsozialismus die Waldorfschulen geschlossen hat.“

Januar 1938:
Rudolf Hess ist zu der Überzeugung gekommen, aufgrund ihrer anthroposophischen Wurzeln seien die Waldorfschulen an sich nicht tragbar, allerdings hält er ihre pädagogischen Methoden für vorteilhaft. In nationalsozialistischer Hand sei das vielleicht nützlich. Er macht Erziehungsminister Rust den Vorschlag, „zwei oder drei“ Waldorfschulen sollten als „Versuchsschulen“ staatlich weitergeführt werden. Dabei sollten pädagogische Eingenheiten erhalten, aber alle Widersprüche zu Nazi-Ideologie ausradiert werden. (Wagner 1992: 128ff., Werner 1999: 221f.) „In this way, Hess was trying to reconcile the schools‘ ideological incompatibility with National Socialism with the value of their educational principles, which Hess could not deny. On a personal level, he was struggling to reconcile his own devotion to National Socialism with his undeniable attraction to the schools. Essentially, the ‚hybrid‘ schools that Hess envisioned were what members of the schools themselves hoped for. The two camps – Nazis and Waldorfists – simply disagreed on what aspects were essential to the nature of Waldorf pedagogy.“ (Priestman 2009: 152) René Maikowski erfährt von dem Brief und schöpft einmal mehr neue Hoffnung. (Priestman 2009: 167)
J.A. Fischer, neuer Mitarbeiter im Amt Hess, sieht in einem Schreiben an Mergenthaler keine Schwierigkeiten, die einer „Aufhebung“ der Stuttgarter Schule im Wege stünden. Wahrscheinlich hat er dies zuvor nicht mit interessierten Mitarbeitern wie Leitgen abgesprochen. (Werner 1999: 223)

Februar-Juni 1938:
Im Innenministerium versucht Lotar Eickhoff, der den Waldorfschulen geneigt gegenübersteht, die Zuständigkeit für Anthroposophica in seinen Zuständigkeitsbereich zu bringen und Himmler und Heydrich zu entziehen. (Werner 1999: 217)

Februar 1938:
Rust signalisiert Mergenthaler, dass er einer „Aufhebung“ der Stuttgarter Waldorfschule zustimme. (Werner 1999: 223)

März 1938:
– Zum 31. März 1938 schließt Mergenthaler schließt die Stuttgarter Waldorfschule endgültig, angeblich auch, weil sich Rudolf Hess sich in Österreich befindet und nicht intervenieren könnte. Am 30. März wird noch eine feierlich-traurige Festansprache gehalten. (Deuchert 1991: 100, Werner 1999: 225f., Bierl 2005: 190, Oberman 2008: 157ff., Esterl 2012: 237, Staudenmaier 2014: 195).
Der Berliner „Umschulungskurs“ geht weiter  und zwar bis April 1939, geführt von den Waldorflehrern Lotte Ahr, Maria Schröfel, Erich Weismann, Ernst Pönisch und Ernst Weißert (Werner 1999: 227), die „unverwüstlichen von der alten Garde“. Sie finden in diversen Wohnungen statt, es dürfen nur fünf-sechs Schüler auf einen Lehrer kommen, außer bei staatlichen Kontrollen sind aber doppelt so viele Kinder da, die im Zweifelsfall über die Hintertreppe entkommen. (Bäuerle 1998)
Thies plädiert nochmals für die Hamburg-Wandsbeker Schule als „Versuchssuchule“. (Priestman 2009: 153)
– In einer von 363 Personen unterzeichneten „Eingabe der Elternschaft der Stuttgarter Waldorfschule“ an Erziehungsminister Rust wird gegen Mergenthaler protestiert. Einmal mehr wird die völkische Treue der Waldorfschulen beschworen. (Staudenmaier 2014: 201)
– Ein Telegramm ehemaliger Stuttgarter Waldorfschüler geht wegen der Schließung an den als wohlwollend bekannten Alfred Bäumler: „Durch diese Maßnahme wird eine Schule vernichtet, die uns zu deutschen Menschen erzogen hat.“ Auch andere Protestschreiben von Alt- und gegenwärtigen Schülern werden verschickt, so an Goebbels. (Wagner 1992: 32, 114-117.)
Maikowski schreibt im Namen des Waldorfbundes an das Erziehungsministerium und verspricht „Versuchssuchulen“ „im nationalsozialistischen Geist“. (Staudenmaier 2014: 202)
–  Emil Kühn als Vorsitzender des Waldorfbundes (mit Maikowski) und gleichzeitig des Stuttgarter Schulvereins sichert den zwei noch geöffneten Schulen in Wandsbek und Dresden finanzielle Unterstützung zu. (Deuchert 1991: 127)
Maikowski fährt nach dem „Anschluss“ Österreichs zur Wiener Waldorfschule, um über deren weiteres Schicksal zu beraten. (Staudenmaier 2014: 198) Sein Plan ist dabei, aus der Wiener Schule die dritte eventuell von Hess angedeutete „Versuchsschule“ zu machen. (Werner 1999: 230)
– Ein Antrag der Berliner Waldorfschule, als „Vorbereitungsanstalt für höhere Schulen“ genehmigt zu werden, wird abgelehnt. (Werner 1999: 214)
– In einem Schreiben des Regierungspräsidenten Hannover wird sich gegen die Umwandlung der örtlichen Waldorfschule in eine Versuchsschule ausgesprochen: Kein Lehrer sei Mitglied der NSDAP. (Götte 2000: 461)
– Ein Dr. Sommer aus dem Stab Hess schreibt an Prof. Holfelder, Erziehungsministerium: „Für einen endgültigen Bescheid wegen der Walddorfschulen [sic] wäre ich Ihnen nun sehr dankbar. Stuttgart ist erledigt. Dafür müssen aber Dresden und Hamburg umgestellt werden. Insbesondere muss die Schüleraufnahme dort wieder gestattet werden.“ (Wagner 1992: 118)

April 1938:
Erziehungsminster Rust bestätigt die Schulen in Dresden und Hamburg-Wandsbek als „Versuchsschulen“ und hebt die Schüleraufnahmesperre auch für die restlichen zwei Schulen auf. Für die Schulen in Kassel und Hannover kommt diese Intervention jedoch zu spät, die Schulen bereiten sich auf ihre Schließung vor. (Werner 1999: 224, Staudenmaier 2014: 198) Die Wandsbeker Schule wird jedoch versehentlich nicht über die Aufhebung der Aufnahmesperre informiert. (Werner 1999: 228) Elisabeth Klein verspricht, die Lehrpläne ihrer Schulen für die Klassen 4, 8 und 12 auf das Niveau der staatlichen Schulen zu bringen. Sie korrespondiert und trifft sich mit Bäumler und Bouhler, die beide auf gutem Fuß mit ihr stehen. (Priestman 2009: 194, 197)
– Die Stuttgarter ‚Mutterschule‘ schließt, zuletzt hatte sie 43 Lehrer und 555 Schüler. (Priestman 2009: 171)
– Die an der Stuttgarter Schule herausgegebene Zeitschrift „Erziehungskunst“ wird durch die Gestapo verboten und beschlagnahmt. (Götte 2000: 469)

Juni 1938:
Das Kollegium der Waldorfschule Kassel entscheidet sich zur Schließung. (Werner 1999: 226)

August 1938:
– Das Gebäude der Waldorfschule Stuttgart wird an das Grundbuchamt verkauft. (Esterl 2012: 240)
– Der Brief des Dresdner Waldorflehrers Theodor Leupold gibt Einblick in die Unsicherheiten der noch laufenden Schulbetriebe: „Denn wir sind arg ausgepumpt und überlastet. So fühle ich mich trotz vier Wochen Seeaufenthalt noch nicht wieder voll arbeitsfähig und dies hat seinen Grund in einer jahrelangen Überlastung mit Verwaltungsangelegenheiten…“ (Götte 2000: 560)

September 1938:
– Die Berliner Schule bzw. deren „Umschulungs“-Kurs hat 5 laufende Schulklassen. (Werner 1999: 227)

Oktober 1938:
Die Waldorfschule Kassel schließt offiziell, es gibt aber ebenfalls „Umschulungskurse“ weiter. (Werner 1999: 226f., Priestman 2009: 176)
– Ein Schreiben des Waldorfbundes, verfasst von Maikowski, „Wesentliche Gesichtspunkte für die Weiterführung der Schulen in Dresden, Hamburg-Wandsbek und Hannover bei der Wahrung ihres Charakters als Waldorfschulen“, betont, man wolle sich sowohl auf Steiners Anthropologie stützen als auch der Forderung entgegenkommen, mehr Rassenkunde und Genetik im Unterricht zu behandeln. Das Schreiben führt Elemente wie Klassenlehrerprinzip, Eurythmie, Epochenunterricht als unverzichtbar an. (Wagner 1992: 33f., Priestman 2009: 140, Staudenmaier 2014: 209)
– Der Nazipädagoge Alfred Bäumler legt Rudolf Hess ein Gutachten über „Rudolf Steiner und die Philosophie“ vor, das die Waldorfpädagogik weitenteils lobt, auch wenn sie hinsichtlich vieler nationalsozialistischer Anforderungen zu kurz greife. (Werner 1999: 394-404, Bierl 2005: 190, Priestman 2009: 199, Hardorp 2012: 140f., Staudenmaier 2014: 210)

1939

Die Waldorfschulen Breslau schließt, ebenfalls unter dem Druck der Behörden aber durch freiwilligen Beschluss. Erst ganz zum Jahresende muss auch die Schule Hamburg-Wandsbek schließen. (Oberman 2008: 153, 160) Der Nazi-Pädagoge Alfred Bäumler bespricht die Waldorfpädagogik in seiner Vorlesung im Wintersemester 1938/39. (Werner 1999: 220)

Januar 1939:
– Ein Artikel mit dem Titel „Wissenschaftliche Arbeit am nationalsozialistischen Gedankengut“ erscheint im Völkischen Beobachter (19.1.39: 5f.). Darin wird die Waldorfpädagogik gelobt.

Februar 1939:
– 
Ein SD-Report berichtet über den weiterlaufenden Betrieb der Wiener Waldorfschule. Bald darauf soll diese jedoch geschlossen worden sein. (Staudenmaier 2014: 198)

März-Dezember 1939:
– Der führende Waldorfpädagoge E.A. Karl Stockmeyer führt einen ausführlichen und sehr positiven Briefwechsel mit dem Nazipädagogen Alfred Bäumler. Darin sind eher national-spirituell-pädagogische Fragen als solche der Tagespolitik Thema. In seinen Entwürfen zitiert Stockmeyer ausführlich die pädagogischen Entwürfe Steiners und Bäumlers Hand in Hand, spekuliert über Volksmissionen, englische Verschwörungen gegen den deutschen Geist und verweist verschiedentlich auf den nationalsozialistischen Ideologen Alfred Rosenberg. (Staudenmaier 2014: 205f.)

März 1939:
– Die Waldorfschule Breslau schließt am 24. des Monats, nachdem ihr Antrag auf den Status als „Versuchsschule“ abgelehnt worden ist. Weiterhin existiert an dieser Stelle allerdings eine sog. heilpädagogische „Familienschule“, an der etwa 100 Kinder weiter unterrichtet werden, der zuständige Schulrat „drückte ein Auge zu“. (Werner 1999: 227f., Priestman 2009: 176, 178)
– Die Umschulungskurse für die Schüler der Waldorfschule Kassel sind um, der Schulbetrieb wird endgültig eingestellt. (Werner 1999: 227)
Der „Entwurf einer Konstitution der Rudolf Steiner-Schule Dresden (gleichzeitig als Entwurf für andere Waldorfschulen)“, unterzeichnet von Elisabeth Klein, liegt vor, der erste Satz betont, dass die ‚Versuchsschule‘ auf den Fundamenten des NS-Staates steht. Klein sendet die regimetreue Konstitution an Bäumler. (Staudenmaier 2014: 202, Priestman 1009: 197f.) Inzwischen arbeit aber auch ehemalige Stuttgarter Kollegen in Dresden, die das ganz anders sehen: Martin Tittmann schreibt einen Gegenentwurf und betont darin die pädagogische Autonomie, Karl Stockmeyer versucht in einem „neuen Entwurf“ zwischen beiden zu vermitteln. Erich Schwebsch fordert in einem vierten Entwurf, die Lehren Steiners „so rein als möglich“ zu erhalten. (Deuchert 1991: 105f., Werner 1999: 232ff.)
Eltern der Hannoveraner Waldorfschule schreiben an Rutz, um das Ende ihrer Schule (die nur, aber immerhin noch in Form von „Umschulungskursen“ bestand) zu verhindern. (Staudenmaier 2014: 201) Hannover beantragt einmal mehr, sich als „Versuchsschule“ neu aufbauen zu dürfen. (Werner 1999: 230)

April 1939:
– Die Umschulungskurse an den Schulen Stuttgart, Hannover und Berlin sind ebenfalls beendet, der letzte Schulbetrieb wird eingestellt. (Werner 1999: 227)
– In Berlin allerdings wird auch weiterhin privater Waldorfunterricht „für Attest-Kinder“ in zum Abbruch bestimmten Privatwohnungen von Waldorflehrern gegeben. (Bäuerle 1998, Hardorp 1998: 63)
– Der noch existierende Waldorfschulverein Stuttgart zahlt der Hamburg-Wandsbeker Schule 1000 und der Dresdner Schule 2000 Reichsmark im Monat. (Priestman 2009: 185)
– Die Waldorfschule Hamburg-Wandsbek wird über die im Jahr zuvor erfolgte Aufhebung ihrer Schüleraufnahmesperre informiert. Das kommt aber spät, die Schule hat schon massive Schüler- und finanzielle Verluste hinnehmen müssen. (Werner 1999: 228, Priestman 2009: 185)

Juli 1939:
Der Sitz des Vereins „Hilfskasse für die ehemalige Lehrerschaft der Stuttgarter Waldorfschule“ wird von Stuttgart nach Berlin verlegt, um Mergenthaler zu entgehen, auch wegen der größeren Nähe zu Wandsbek und Dresden, aber dies führt zu seiner polizeilichen Überprüfung und letztendlichen Auflösung, die Mittel können an bedürftige Lehrerfamilien verteilt werden. (Werner 1999: 238f.)
Elisabeth Klein betont in einer Ansprache, trotz aller Differenzen zwischen Dresden und Hamburg-Wandsbek hätten diese beiden Schulen die Pflicht, Steiners Werk fortzuführen. (Priestman 2009: 182)

September 1939:
Die Leitung der Hamburg-Wandsbeker Schule wird von der „Schulverwaltung der Gemeindeverwaltung“ informiert, dass die Schule schließen soll, das Verfahren zieht sich jedoch bis ins nächste Jahr. Man protestiert und Schulleiter Kübler kann die Schließung rückgängig machen, doch die Schule ist finanziell und mit den Schülerzahlen weitgehend am Boden. (Werner 1999: 228ff., Priestman 2009: 186f.)

Oktober 1939:
Maikowski übernimmt, noch immer im Namen des Bundes der Freien Waldorschulen, einen weiteren Versuch vor, eine dritte „Versuchsschule“ anzumelden, diesmal soll es seine eigene Schule in Hannover werden. (Werner 1999: 230)

November 1939:
Bothmer distanziert sich nochmals von Maikowski und Klein. (Werner 1999: 230)

Dezember 1939:
Emil Kühn, Vorsitzender des Schulvereins Stuttgart, schreibt an Elisabeth Klein und charakterisiert zwei Gruppen in der Waldorfbewegung, von denen die eine in Dresden „Aktivisten einer Schulbewegung im heutigen Staat“ seien, während die anderen in Stuttgart die stille „Vertiefung und Bewahrung“ der Steinerpädagogik für die Zukunft anstrebten. Beide Gruppen sollten einander anerkennend koexistieren. (Deuchert 1991: 105)

1940

Zu Anfang des Jahres gibt es noch die Schulen in Hamburg-Wandsbek und Dresden, die unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht haben: Erstere ist seit 1937 von 420 auf 200 Schüler geschrumpft. Die Waldorfschule Dresden, die einzige, die Ende 1940 noch weiterläuft, ist 1938 und 1939 stark gewachsen. 1940 sind es 450 Schüler, nachdem es 1937 noch 220 gewesen waren. Acht renommierte ehemalige Stuttgarter Kollegen arbeiten nun in Dresden – die Betreiber der Schule, allen voran Elisabeth Klein, sind optimistisch. (Deuchert 1991: 105, Priestman 2009: 16, 186, Staudenmaier 2014: 198) In Berlin läuft nach dem Ende des „Umschulungskurses“ der private Waldorfunterricht auf Attest-Basis weiter, es dürfen bis zu 5 Kinder pro Lehrer sein. (Bäuerle 1998, Hardorp 1998: 63, Noack-Delius 1998) Außerdem existiert auch noch mit etwa 100 Schülern die „Familienschule“ in Breslau. (Werner 1999: 228) Nach 1940 schrumpft die Zahl von deutschen Privatschulen auf 57. (Götte 2000: 432)

Februar 1940:
– Ein Nazibeamter Bahr will den Trägerverein der Stuttgarter Schule, der monatlich 3000 Reichsmark an Dresden zahlt, auflösen und wendet sich dazu an Bäumler. Aufgrund von dessen guten (und andauernden) Beziehungen zu Elisabeth Klein bietet er an, Bäumlers Name müsse ja offiziell nicht auftauchen. Unterdessen versuchen die Verantwortlichen des Vereins einen Umzug nach Berlin zu organisieren. (Götte 2000: 542, Priestman 2009: 201)

März 1940:
– Die Waldorfschule Hamburg-Wandsbek schließt. (Werner 1999: 229) Jede weitere Tätigkeit wird dadurch verhindert, dass alle Lehrer auf Veranlassung Himmlers beim „Ernährungsdienst“ arbeiten müssen. (Hardorp 2012: 147) Das kann Schulleiter Kübler zwar offiziell rückgängig machen, aber die Schule bereitet sich schon auf die Schließung vor. Zuletzt war die Schule auf 100 Schüler  geschrumpft. Auf dem Höhepunkt wurden hier 1934 13 Klassen mit 421 Schülern von neunzehn Lehrern unterrichtet. (Priestman 2009: 183, 187) Auch hier gibt es zunächst „Umschulungskurse“.
Der noch existente Trägerverein der Stuttgarter Waldorfschule wird aufgelöst. Vergeblich hat im Februar Stockmeyer versucht, bei Bäumler zu untervenieren. (Werner 1999: 240f., Götte 2000: 542)

Mai 1940:
– Die Mitglieder des Stuttgarter Waldorfschulvereins erhalten die Nachricht von der Vereinsauflösung. (Werner 1999: 241)

September 1940:
– Die Dresdner Waldorfschule hat 400 Schüler. (Werner 1999: 234)

Oktober 1940:
– Elisabeth Klein korresponidert mit einem Prof. O. Kroh, Münchener Kinderpsychologe, der ein Steiner sehr ähnliches entwicklungspsychologisches Modell vorgelegt hat. Auch wenn er beteuert, Steiner nicht zu kennen, freut sich Kroh über den Hinweis. (Wagner 1992: 37, Priestman 2009: 203)

1941

Eine neue Waldorfschule in Kimberton, Pennsylvania, USA, öffnet ihre Türen. Mit dabei ist der vormalige Stuttgarter Waldorflehrer Hermann von Baravalle. (Oberman 2008: 94, 98)

Februar 1941:
– Nach einem Bericht Elisabeth Kleins an Alfred Bäumler gibt es positive Ergebnisse von den letzten Inspektionen der Dresdner Schule. (Priestman 2009: 204)

März 1941:
– Die letzten 15 Abiturienten der Dresdner Waldorfschule bestehen ihre Prüfungen. (Werner 1999: 236) Die Schule erhält einen Besuch des hochdekorierten Marineoffiziers Hans Erdmenger. (Priestman 2009: 203)

Mai 1941:
– Die Dresdner Schule wird von dem Münchener Kinderpsychologie-Professor O. Kroh besucht. (Priestman 2009: 203)
Rudolf Hess‘ „Englandflug“ (am 10.).

Juni 1941:
– Die Waldorfschule Dresden wird nach Hess‘ Abtritt im Rahmen der „Sonderaktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften“ geschlossen. (Deuchert 1991: 111) Bormann, der Hess‘ Platz einnimmt, hat das schon im vorigen Monat beschlossen. (Priestman 2009: 204) Kleins weiteres Schicksal in der Nazizeit wird in ihren 1978 erschienen „Erinnerungen“ nicht beschrieben: Tatsächlich wird sie monatelang inhaftiert, erhält Schreib- und Berufsverbot und lebt mit ihrer Familie bis 1945 in einem Schwarzwalddorf. 1951 tauchte sie als Lehrerin an der Hannoveraner Schule wieder auf, nie wieder wird sie in eine leitende Funktion gelassen.
–  Aus der Berliner Waldorf-„Gemeinschaft“ zieht parallel zu Fliegerangriffen der Lehrer Erich Weismann mit zwölf Schülern nach Hiddensee. Dort findet Unterricht im Sommerhaus von Martha und Konrad Delius in Vitte statt. Weismann wird zwei Wochen später aus dem Unterricht heraus verhaftet. Dahinter steht die Hess-„Sonderaktion“, auch die Berliner Lehrer Ernst Weißert und Lotte Ahr werden deshalb vorübergehend wegen „Fortführung einer verbotenen Pädagogik“ inhaftiert. (Bäuerle 1998, Hardorp 1998: 63, Noack-Delius 1998, Hardorp 2012: 144)

Juli 1941:
– Der Schulverein Stuttgart wird von Gestapo und Schulverwaltung aufgelöst. (Werner 1999: 236, Hardorp 2012: 149)

1944

Zum Jahresende werden alle Kinder aus Breslau evakuiert. Deshalb schließt die anthroposophisch-heilpädagogische „Familienschule“ Breslau, ein Überbleibsel der vormaligen dortigen Waldorfschule. (Werner 1999: 228)

1945

Mai 1945:
– Der vormalige Dresdner Waldorflehrer Oskar Salzmann wird noch am 8. erschossen, weil er den Krieg als verloren bezeichnet hat. (Werner 1999: 236)

Sommer:
– Die Waldorfschule Stuttgart nimmt die Lehrerausbildung wieder auf. (Obermann 2008: 93) Gleich nach dem Einmarsch der Alliierten haben Waldorflehrer Vorträge gehalten und nahm man das alte Schulgebäude wieder unter die Lupe. (Götte 2000: 595)

Oktober 1945:
– Die Waldorfschule Stuttgart beginnt mit den Klassen 1-8 wieder mit ihrem Lehrbetrieb. (Oberman 2008: 112)

November 1945:
– Klassen 9-12 in Stuttgart werden wieder aufgenommen. Inzwischen arbeiten sechs Schulen mit insgesamt 1474 Kindern wieder, darunter aber nur drei in Städten, die vor 1945 eine Waldorfschule hatten: außer Stuttgart Hamburg (Wandsbek) und Hannover (Maschsee). Im nächsten Jahr eröffnen sieben neue ihre Türen, 1949 sind es 22… (Götte 2000: 595, Oberman 2008: 112)


Verwendete Literatur

Bäuerle, Anna-Sophia (1998): Das Samenkorn, in: 70 Jahre Waldorfpädagogik in Berlin, 58.

Bierl, Peter (2005): Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister. Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Hamburg.

Deuchert, Norbert (1991): Zur Geschichte der Waldorfschule im Nationalsozialismus/Der Kampf um die Waldorfschule im Nationalsozialismus, in: Flensburger Hefte, Sonderheft 8, 95-108/109-130.

Erziehungskunst (Online-Archiv)

Esterl, Dietrich (2012): Emil Molt 1876-1936. Tun, was gefordert ist, Stuttgart.

Götte, Wenzel (2000): Erfahrungen mit Schulautonomie. Das Beispiel der Freien Waldorfschulen, Diss., Universität Bielefeld. (Online)

Hardorp, Detlef (1998): Die erste Rudolf Steiner Schule Berlin 1928-1938 (oder auch 1924 bis 1941), in: 70 Jahre Waldorfpädagogik in Berlin, 61-63.

Hardorp, Detlef (2012): Die deutsche Waldorfschulbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus. Rassebegriffe im Denken Rudolf Steiners, in: Inge Hansen-Scharenberg (Hg.): Waldorfpädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte, Band 6, Baltmannsweiler, 138-180.

Klein, Elisabeth (1978): Begegnungen. Mitteilenswertes aus meinem Leben, Freiburg.

Lauten, Helga (2008): Waldorfpädagogik in Essen. Die erste Waldorfschule 1922-1936, Essen.

Leschinsky, Achim (1983): Waldorfschulen im Nationalsozialismus, in: Neue Sammlung. Zeitschrift für Erziehung und Gesellschaft, 23/1983, 255-278.

Molt, Emil (1972): Entwurf meiner Lebensbeschreibung, Stuttgart.

Noack-Delius, Christine (1998): Erinnerungen an den „Umschulungskurs“ 1938-1941, in: 70 Jahre Waldorfpädagogik in Berlin, 57.

Oberman, Ida (2008): The Waldorf Movement in Education from European Cradle to American Crucible, 1919-2008, Lewiston.

Priestman, Karen (2009): Illusion of Coexistence. The Waldorf Schools in the Third Reich 1933-1941, Diss. Wilfried Lauer University. (Online)

Staudenmaier, Peter (2014): Between Occultism and Nazism. Anthroposophy and the Politics of Race in the Fascist Era, Leiden. (Kapitel zu Waldorf Online, Google Books)

Wagner, Arfst (1992): Dokumente und Briefe zur Geschichte der Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Band 2: Waldorfschulen, Rendsburg.

Werner, Uwe (1999): Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München. (Google Books)


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9 Kommentare Add your own

  • 1. Andreas Lichte  |  11. Februar 2015 um 9:06 am

    Zitat aus „Waldorfschulen 1933-1945: Eine Chronik“:

    „Die Waldorfschulen überlebten länger als viele andere Privatschulen, begeisterten sogar eine Hand voll hochrangiger Nazi-Funktionäre und erfuhren doch enormen politischen Druck.“

    Die wichtige Aussage ist, dass Waldorfschulen im NS-Staat LÄNGER ÜBERLEBTEN als andere Privatschulen – „Privat“-Schulen stehen einem totalitären Staat immer im Wege:

    „Leitbild der nationalsozialistischen Pädagogik war die „totale Erziehung“, die die „arische“ Jugend zu rassebewussten Volksgenossen formen, ihre jugendlichen Körper stählen13, und zu überzeugten Nationalsozialisten erziehen sollte. Privatschulen mit eigenem Lehrplan und eigenen Zielen standen diesem Vorhaben im Wege, wurden von den Nationalsozialisten im Laufe der Zeit immer weiter zurückgedrängt und verboten.14

    Vor diesem Hintergrund einer allgemeinen Ablehnung von Privatschulen ist zu bewerten, dass Rudolf Heß’ Adjutant Ernst Schulte-Strathaus den Erziehungsminister um eine Ausnahmeregelung für die Waldorfschulen ersuchte …“

    Quelle: „Anthroposophie und Nationalsozialismus: ‘Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft’, http://www.ruhrbarone.de/anthroposophie-und-nationalsozialismus-die-waldorfschulen-erziehen-zur-volksgemeinschaft/44449

    Antwort
    • 2. Gregor  |  12. Februar 2015 um 11:18 pm

      Die wichtigste Feststellung ist und bleibt, dass nicht ein gewisser A. Lichte bestimmt was wichtig ist.
      Die Aussage, ob eine Privatschule länger oder kürzer im Nationalsozialismus überlebt hat ist ohne weitere Bezüge“ relatiiv nichtssagend.

      Abgesehen von den Denkfehlern die Herr Lichte immer wieder so schön und offensichtlich „durchscheinen“ lässt, kommt er dann mit unvollständigen Zitaten von irgendwelchen Adjutanten, die einen Minister um irgendwas ersuchten. Wie gesagt: sehr schwammig, unvollständig zitiert. Über das Ergebnis dieses Ersuchens lässt uns ichte dann wieder im Dunkenl.
      Ich nehme mal an, das hätte Lichtes dunkles Weltbild zu sehr aufgehellt. 🙂

    • 3. A.M.  |  17. Februar 2015 um 1:12 am

      Dieser Wortwitz, dieser Wortwitz, Sie sind ja echt ein Poet.

  • 4. Karl  |  13. Februar 2015 um 1:23 pm

    Zitat:

    Heute zitieren Waldorf-Kritiker gern Schreiben, in denen damalige Waldorffunktionäre den Behörden mit großem Pathos ihre Treue zum NS versicherten – und Waldorf-Apologeten Nazis, die die Schulen als unvereinbar mit dem Nationalsozialismus verachteten. Die Wahrheit liegt wie üblich nicht in der Mitte, sondern quer durch beide heute herbeizitierten Extreme: Das Schicksal der Waldorfschulen 1933-1945 wurde nicht durch retrospektive Pointen entschieden, sondern in einem verwickelten tagespolitischen Handgemenge. Das soll die folgende ereignisgeschichtliche Chronik einfangen, die ich demnächst auch als PDF zur Verfügung stelle.“

    Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
    Ich könnte jetzt natürlich “ Beweise “ dafür anbringen, dass diese oder jene Schule mehr oder schneller verboten wurde oder Madame Montessori besonderen Kontakt zum Duce hatte, aber wem nutzt das? Es geht darum, dass man die Lehren aus der Vergangenheit zieht.

    Man kann aber auch fortfahren mit inquisatorsichen Maßnahmen und zu irgendwelchen Sektenbeauftragten laufen ( was für ein Armutszeugnis) und sich beschweren. …..wem es Spaß macht und wenn es denn der Wahrheitsfindung dient.
    Nun ist es aber so, dass diese Sektenbeauftragen und ihre Institutionen eine eigene Geschichte haben, die von ihnen auch nicht bei jeder Gelegenheit presentiert wird.

    Antwort
    • 5. A.M.  |  17. Februar 2015 um 1:35 am

      Ich halte das für den falschen Ansatz, es geht nicht darum, Kritik mit dem Hinweis darauf, dass auch die Kirchen und Montessori sich mit dem Faschismus einließen, abzutun, vielmehr muss man alle drei und sehr viel mehr kritisch betrachten.

    • 6. Andreas Lichte  |  20. Februar 2015 um 9:21 am

      @ A.M.

      ist es nicht unfair, die Kommentare von „Gregor“ & „Karl“ zu veröffentlichen?

      müsste man diese Anthroposophen nicht vor sich selbst schützen?

  • 7. Matthias Killian  |  19. Februar 2015 um 10:21 pm

    Vielen Dank für diese Arbeit! Von mir nur ein kleiner korrigierender Hinweis bezüglich der Angabe über Christoph Boy im Abschnitt „Mai 1933“ („der hoch angesehene aber bereits sehr alte Stuttgarter Lehrer Christoph Boy“). In seiner Biografie des „Kulturimpulses“ heißt es: „Ab Ostern 1933 ist er durch ein schweres, schmerzvolles Leiden ans Bett gefesselt, bis zu seinem Tod 1934. Er wurde 47 Jahre alt.“

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  • […] Waldorfschulen 1933-1945: Eine Chronik […]

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