Waldorf heute: Vom „Eingeweihtenwissen“ zum „akademischen Diskurs“? Ein Interview mit Jost Schieren

21. März 2016 at 11:07 am 26 Kommentare

Die „Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft“ (Alfter) ist eine akkreditierte Hochschuleinrichtung mit anthroposophischen Wurzeln. Keineswegs alle Professuren sind mit Anthroposophen besetzt. Andererseits gibt es einen Studiengang Eurythmie sowie eigene Lehrstühle für Anthroposophie oder Waldorfpädagogik, durchaus mit dem Ziel, diese akademisch anschlussfähig zu machen. Derzeit läuft beispielsweise ein Graduiertenkolleg Waldorfpädagogik an, federführend ist hier Prof. Jost Schieren. Letzterer widersprach neulich dem Mainzer Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich, der in einer neuen Waldorf-Einführung ausführte, die Anthroposophie sei die dogmatische Grundlage der Waldorferziehung. Gegen diese kaum überraschende These verwahrte sich Schieren mit Nachdruck – Grund genug, einmal nachzufragen, wie man das Verhältnis von Anthroposophie und Pädagogik in Alfter versteht. Jost Schieren war so freundlich, ausführlich zu antworten.

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Logo der Alanus-Hochschule (Quelle: Wikipedia)

Ansgar Martins: Herr Schieren, Sie sind Professor für Waldorfpädagogik. Ich unterstelle mal, Ihr Amt wird von dogmatischen Anthroposophen als akademische Verwässerung der Lehre Steiners und von Anthroposophiekritikern als Versuch verdächtigt werden, ebendiese Lehren unter dem Mantel des Akademischen zu vermarkten. Welche Probleme sehen Sie hinsichtlich der Vermittelbarkeit von Waldorfpädagogik und akademischen Wissenschaften?

Jost Schieren: Ihre Frage beinhaltet zwei Teile. Der eine Teil bezieht sich auf die inneranthroposophische Kritik an dem Bemühen, die Waldorfpädagogik wissenschaftlich zu verankern und zu etablieren. Solche Kritiken wurden vor zehn Jahren und mehr zu Beginn meiner Tätigkeit an der Alanus Hochschuleteils vehement vorgetragen, sind aber meines Erachtens inzwischen verstummt oder werden nur von einigen wenigen, vermutlich recht dogmatisch gesinnten Persönlichkeiten vorgetragen. Insgesamt ist in der Waldorfbewegung und auch innerhalb der anthroposophischen Szene eine viel größere Bereitschaft gewachsen, in einen Dialog und in eine Diskussion mit den akademischen Wissenschaften zu treten, so dass die genannte Kritik an diesem Weg aus meiner Sicht als eher marginal zu bewerten ist.

Der zweite Teil der Frage, nämlich wie Waldorfpädagogik und akademische Wissenschaften vermittelbar sind, hat tatsächlich eine hohe Relevanz. Den Weg, den meine Kollegen und ich beschreiten, ist derjenige, dass wir einen auch nach heutigen Standards vertretbaren wissenschaftlichen Umgang mit der Waldorfpädagogik und mit den entsprechenden Aussagen Rudolf Steiners einfordern. Dies schließt zum einen die quantitativen und qualitativen methodischen Verfahren der empirischen Sozialforschung im Umgang mit der Praxis der Waldorfpädagogik ein und zum anderen geht es auch um eine hermeneutische Erschließung zentraler Aussagen Rudolf Steiners zur Waldorfpädagogik im Sinne einer Grundlagenarbeit. Bei Letzterem geht es darum, Steiner aus der Ecke einer nebulosen Esoterik herauszuholen und zu zeigen, wie zentrale Thesen beispielsweise der pädagogischen Anthropologie, der Entwicklungspsychologie und der Didaktik der Waldorfpädagogik tatsächlich zeitgemäß formuliert und diskutiert werden können. Das heißt natürlich nicht, dass diese Thesen dann überall Akzeptanz finden, damit kann man nicht rechnen. Aber es wird eine Möglichkeit geschaffen, dass ein Diskurs mit der akademischen Wissenschaft auf Augenhöhe geführt wird. Allerdings liegt hier noch ein weiter Weg vor uns.

AM In einer Rezension haben Sie kürzlich Heiner Ullrichs Bewertung der Waldorfschulen als massiv anthroposophische Institutionen zurückgewiesen. Ich zitiere: „Eine gegenwärtige Waldorfpädagogik begreift die Anthroposophie als Methode und nicht als Inhalt. Das wissenschaftliche Ideal dieser Methode ist die Phänomenologie. Eine kritische Distanznahme zu allen anthroposophischen Inhalten und Aussagen Steiners ist unabdingbar. Die Anthroposophie wird durchgängig auf ihre pädagogische Relevanz und Anwendbarkeit überprüft. Es geht ferner um eine lediglich heuristisch zu erprobende und in einem hohen Maße selbstreflexive Art, mit Steiners Aussagen umzugehen.“ Was genau heißt das für den Umgang mit den einzelnen „menschenkundlichen“ bzw. inhaltlichen Äußerungen Steiners? Was bedeutet in diesem Rahmen Heuristik oder Phänomenologie? Und was „Distanznahme“?

JS Viele der Aussagen Rudolf Steiners beruhen seinem eigenen Anspruch gemäß auf so genanntem Eingeweihtenwissen. Ob das, was Steiner auf dieser Basis behauptet, stimmt oder nicht, entzieht sich damit unserer Beurteilung. Die gängige akademische Wissenschaft fällt daher das Diktum, dass es sich bei diesem Wissen um Mystik, Gnosis oder schlichtweg Spinnerei handele. Der Wissenschaftsrat bezeichnet dementsprechend die Waldorfpädagogik als eine „außerwissenschaftliche Erziehungslehre“. Viele Anthroposophen gehen mit den Aussagen Steiner umgekehrt so um, als handele es sich um „geoffenbarte Wahrheiten“ und meinen dann, darüber verfügen zu können bzw. sie schlimmstenfalls operativ einsetzen zu dürfen. Wenn ich von „Distanznahme“ spreche, so meine ich, dass wir uns des realen Erkenntnisabstandes zu Rudolf Steiners Aussagen bewusst sein müssen. Wir können in der Waldorfpädagogik nicht einfach über Steiners „esoterische“ Aussagen verfügen und sie operational einsetzen. Damit würden wir unser individuelles Einsichtsvermögen korrumpieren. Wir können die Aussagen Steiner, mögen sie richtig sein oder nicht, lediglich als Erweiterung unseres Beobachtungshorizontes, als Annahmen und als Denkmöglichkeiten verwenden. Konkret heißt dies beispielsweise bezogen auf das Konzept der Reinkarnation, dass es schlichtweg offen ist, ob Reinkarnation stattfindet oder nicht, denn das wissen wir nicht. Hier stoßen wir an unsere Erkenntnisgrenzen. Aber man kann sich fragen, welche Sichtweise auf den Menschen bietet das Konzept der Reinkarnation. Und da ist es nun interessant, dass der Gedanke der Reinkarnation ein bestimmtes Individualitätsverständnis beinhaltet, das es erlaubt, den Menschen nicht als irgendwie allein fremdbestimmtes Wesen (Gene, Sozialisation, Gehirnprägungen usw.) zu denken, sondern ihn als im Kern als auf sich selbst gegründet zu begreifen. Wenn ich nun als Pädagoge vor ein Kind trete, so ist es etwas vollständig anderes, ob ich die Persönlichkeit des Kindes als das alleinige Resultat von Vererbung und Umgebung ansehe, oder ob ich denke, dass das Kind und der Jugendliche zudem eine eigene auf sich selbst begründete Persönlichkeit in sich tragen, die auch nicht irgendwie zufällig entstanden ist. Denn das Reinkarnationskonzept Steiners schließt ja diesen Gedanken ein, dass der Mensch seine eigenes Wesen selbstverantwortlich durch eine Reihe von Verkörperungen selbst bildet. Hier muss ich als verantwortlicher Pädagoge allerdings innehalten. Es geht nicht um Inkarnationsforschungen oder dergleichen, sondern lediglich darum, die Freiheit des Menschen konsequent zu denken und dann im eigenen pädagogischen Handeln, dafür einen entsprechenden Entwicklungsraum zu schaffen. Phänomenologie heißt in diesem Zusammenhang, dass der Pädagoge die Kinder und Jugendlichen sehr genau beobachtet und nicht mit vorgefassten Begriffen operiert.

AM Wie hätte in einer solchen Waldorfpädagogik die Entwicklung und Institutionalisierung von pädagogischer Innovation gegenüber Angaben und Annahmen Steiners abzulaufen

JS Viele konkrete waldorfpädagogische Konzepte sind naturgemäß zeitbedingt. Sie sind den politischen und gesellschaftlichen Zeitumständen geschuldet. Gerade in Deutschland gibt es eine starke Waldorftradition und es entsteht schnell der Eindruck, als würde man an den Grundfesten der Waldorfpädagogik rühren, wenn man einmal bestimmte Traditionen wie beispielsweise die achtjährige Klassenlehrerzeit in Frage stellt. Zum Glück hat sich die Waldorfpädagogik auch international sehr breit entwickelt. Ich habe den Eindruck, dass wir von diesen internationalen Entwicklungen, die eben zum Teil unter anderen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen stattfinden, sehr viel darüber lernen können, welche neuen Wege Waldorfpädagogik beschreiten kann und soll. Besonders das Bemühen um eine interkulturelle Waldorfpädagogik wie sie z.B. in Mannheim und neuerdings auch in Hamburg stattfindet, halte ich für sehr zukunftsweisend.

AM Ist Waldorfpädagogik ohne Anthroposophie möglich? Und was heißt – wenn „ja“ oder „nein“ – in diesem Fall Anthroposophie?

JS Nein, die Anthroposophie bildet unzweifelhaft die Grundlage der Waldorfpädagogik, aber eben nicht wie Klaus Prange, Heiner Ullrich, EhrenhardSkiera und andere Erziehungswissenschaftler behaupten als dogmatisches Gedankensystem, das indoktrinierend und ggf. manipulierend den pädagogischen Prozess kontaminiert. Die Anthroposophie ist im Kern auf das Ideal des freien Menschen ausgerichtet. Diesen denkt sie nicht dualistischer Getrenntheit von den Welterscheinungen, sondern sie in einem monistischen Sinne den Menschen und dessen Freiheitsentwicklung als Teil des Weltgeschehens. Mit dieser Denkform, die an die Tradition des Idealismus und auch an die Romantik anknüpft, steht die Anthroposophie dem Mainstream eines positivistischen und eben auch dualistischen Wissenschaftsverständnisses gegenüber, das den Menschen nicht als autonomes Wesen, sondern letzten Endes alle seelischen und geistigen Qualitäten als Epiphänomene von materiellen Ursachen auffasst. Diese Position der Anthroposophie einer Orientierung an der Freiheitsentfaltung unseres Menschseins ist auch in der Waldorfpädagogik entscheidend. Insofern ist die Anthroposophie und ihr Menschenbild untrennbar mit der Waldorfpädagogik verbunden. Aber diese Position der Freiheit ist ja kein Dogma, sondern lediglich eine Entwicklungsperspektive, dem die Waldorfpädagogik im pädagogischen Handeln den Boden bereitet. Es liegt ja gerade im Begriff der Freiheit, dass sie nicht von außen erzwungen werden kann. Die Waldorfpädagogik schafft lediglich den Entwicklungsraum der Freiheit, aber dies auf sehr praktische Art und Weise. Dabei kommt es entscheidend auf die Lehrerpersönlichkeit an, nämlich ob er/sie im Sinne einer eigenen Schulung und Entwicklung selbst das Beispiel einer freien Persönlichkeitsentwicklung darlebt. Auch hierzu bietet die Anthroposophie zahlreiche Hilfsangebote der inneren Schulung.

AM Im Wissenschaftsbegriff Steiners ist auch ein hellseherischer Schulungsweg als Initiationsvorgang enthalten, der zur Schau höherer Welt- und Wesenszusammenhänge führen soll. Immer wieder beansprucht Steiner – etwa gegenüber der Geschichtswissenschaft und einigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen – die Superiorität der durch höhere Einsicht in die Dinge gewonnenen Befunde. In diesem Sinne unterstreicht er in der „Allgemeinen Menschenkunde“, die „allein richtige“ pädagogische„Stimmung“ werde das Bewusstsein geben: „Hier in diesem Menschenwesen hast du mit deinem Tun eine Fortsetzung zu leisten für dasjenige, was höhere Wesen vor der Geburt getan haben.“ Wie gehen Sie im Rahmen Ihrer Arbeit mit diesem inner-esoterischen Wissenschaftsanspruch um?

JS Aus Steiners Perspektive ist dies eine nachvollziehbare Haltung. Hier gilt, was ich oben schon ausgeführt habe, dass es bei einer modernen Waldorfpädagogik weder um eine radikale Ablehnung noch um eine dogmatische Vertretung solcher Aussagen Steiners gehen kann, sondern sie müssen in einen angemessenen theoretischen Rahmen diskutiert werden. Die von Ihnen zitierte Aussage bezieht sich ja auf eine bestimmte pädagogische Haltung der Ehrfurcht vor dem Kind. Eine solche Ehrfurcht vor der Entwicklung des Kindes und Jugendlichen und die damit einhergehende Bescheidenheit und Zurückhaltung des Pädagogen hat eine große Tradition, die von Pestalozzi über Korczack bis Buber geht. In dieser Tradition steht die Waldorfpädagogik zweifellos. Hier wird auf eine religiöse Grunddimension des pädagogischen Handelns angesprochen, die für die Waldorfpädagogik sehr wichtig ist, die aber eben niemals argumentativ vertreten werden oder den Anspruch auf Wissenschaft machen kann.

AM Ein anderes Beispiel: Die Waldorf-Zeitschrift „Erziehungskunst“ berichtete 2011 von „Elementarwesen“ als realen Entitäten, die in der Natur wirken, mit Menschen kommunizieren und von ihnen zuweilen erlöst werden. Eine ganze Schar von Zwergen, Elfen und so weiter findet sich in der Tat nicht selten auf den „Jahreszeitentischen“ von Waldorfkindergärten und –grundschulklassen sowie in allerlei dort erzählten Geschichten. Klaus Prange nannte die Waldorfpädagogik deshalb eine „Weihnachtsmannpädagogik“: Wie man kleinen Kindern gegenüber den Weihnachtsmann einführt, arbeite auch die Steiner-Erziehung mit einer Reihe von christlichen Jahreszeitenfesten, Märchen- und Mythenfiguren. Die Frage nach deren realer Existenz bleibe schwammig und beunruhigend unklar bleibe. Wie lässt sich eine solche oszillierende Vorgehensweise wissenschaftlich ausweisen?

JS Man muss wohl unterscheiden, welchen didaktischen Wert auf der einen Seite Bilder, Mythen und Märchen haben und welche Bedeutung in einer religiösen und christlichen Erziehung liegt. Dies kann kurz gesagt ein berechtigter Ansatz sein, die Grundstimmung eines ganzheitlichen Weltbezugs zu pflegen. Auf der anderen Seite gehen mir viele waldorfpädagogische Zwergen- und Engel- und Märchenwelten zu weit, das ist fast so etwas wie Waldorfdisney und ist nicht nur kitschig, sondern auch problematisch. Da kann ich manche Kritiker gut verstehen.

AM An der Alanus-Hochschule kann man Pädagogik, Waldorfpädagogik und Kunstpädagogik studieren. Viele Studienorte für Waldorflehrer dagegen, an denen Fach- und Klassenlehrer ausgebildet werden, haben keinen so stark akademischen Charakter. Nach verschiedenen empirischen Studien wird die fachliche Qualifikation von WaldorflehrerInnen in Zweifel gezogen. Genügt die gegenwärtige Waldorflehrerausbildung den epistemischen Standards, die Sie skizzieren?

JS Eine Waldorflehrerausbildung, die nicht zugleich auch in einem dialogischen Austausch mit der gegenwärtigen Erziehungswissenschaft arbeitet, genügt sicherlich nicht den Kriterien, die für eine gegenwärtige Lehrerausbildung entscheidend sind: hohe Fachlichkeit, ein breiter Rahmen pädagogischen Reflexionswissens, didaktisch-methodische Vielfalt, Diagnostik und die Entwicklung einer pädagogischen Persönlichkeit, die heiter, humorvoll, klar, strukturiert und beziehungsfähig ist, um nur einiges zu nennen.

AM Nach Dirk Randolls empirischer Befragung von Waldorflehrern (2013) scheint sich das Lager der „praktizierenden“ Anthroposophen an den Schulen allmählich zu verdünnen, laut der Studie „Bildungserfahrungen an Waldorfschulen“ von Liebenwein, Barz und Randoll 2012 assoziieren Waldorfeltern „Steiner“ eher negativ. Was bedeutet diese faktische Relativierung der Anthroposophie für die Waldorf-Theorie? Aufruf zum Grundlagenstudium oder Anzeichen für Neuerungsbedarf?

JS Ich vermute, dass die „alte“ Form einer treuen Steinerrezeption und –vertretung im Rückzug begriffen ist und dass es tatsächlich um eine neue, moderne, dialog- und diskursfähige Waldorfpädagogik gehen muss. Ich bin überzeugt, dass eine solche Form „offene“ Waldorfpädagogik auch die Anthroposophie nicht nur als Problemfall, sondern als spannendes Denkangebot begreifen wird.

AM Manche Waldorf-Kreise haben in letzter Zeit deutliche Sympathien für verschwörungsideologische Figuren gezeigt, während die diffuse Sympathie einiger rechter Esoteriker für Waldorfschulen nicht abreißt. Das ganze ordnet sich auch in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ein, in der Verschwörungstheorien oder „Reichsbürger“-Elemente sowohl im rechten als auch im tendenziell linken Spektrum an Salonfähigkeit gewinnen. Wie steht es bei einer Schulbewegung, die lange Zeit gesellschaftlich eher introvertiert war, um die politische Bildung?

JS Dies ist ein wichtiger Bereich einer kritischen Selbstreflexion, wo die Waldorfbewegung aus meiner Sicht inzwischen einiges gelernt hat: Sie agiert sehr viel transparenter, selbstkritischer und auch handlungskonsequenter in politischen Fragen, als es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Zudem taucht das Fach „Politik“ bzw. „politische Bildung“, das lange Zeit an der Waldorfschule unter „Geschichte“ subsumiert worden ist, in vielen Curricula inzwischen als eigens Fach auf. Ob dies ausreichend ist oder ob an einzelnen Schulen noch spezifischer Handlungsbedarf besteht, das kann ich nicht beurteilen. Der Bund der Freien Waldorfschulen hat sich in diesen Fragen aus meiner Sicht erfreulich klar und offensiv positioniert: Rechtsextremismus, Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung haben keinen Platz in der Waldorfpädagogik.

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Heiner Ullrichs „kritische“ Einführung in die Waldorfpädagogik Neue Waldorfpädagogik? André Sebastiani kritisiert Jost Schieren

26 Kommentare Add your own

  • 1. Andreas Lichte  |  23. März 2016 um 9:21 am

    +++ weltweit tätiger Waldorf-Pädagogik-Konzern sucht neues Image +++

    +++ briefing: präsentieren Sie bizarre Pädagogik so, daß sie völlig normal erscheint, und in einem nächsten Schritt für Eltern wünschenswert +++

    +++ Jost Schieren stellt Kampagne seiner Waldorf-Werbeagentur ‘Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft’ vor +++

    Antwort
  • 2. Andreas Lichte  |  23. März 2016 um 9:22 am

    Beim Werber Jost Schieren ist „Reinkarnation“ normal, wird zu einer weiteren „Sichtweise auf den Menschen“, die – Verkaufsargument! – von „Fremdbestimmung“ befreit.

    Schon gekauft! oder?

    Was bedeutet „Reinkarnation“ überhaupt? Reinkarnation bei Rudolf Steiner.

    Weit verbreitet ist die Idee im asiatischen Kulturkreis, im Hinduismus und den verschiedenen Erscheinungsformen des Buddhismus. Gemeinsam ist ihnen, daß das Ziel ist, dem „endlosen Kreislauf der Wiedergeburten“ zu entkommen.

    Helena Petrovna Blavatsky und in ihrer Nachfolge Rudolf Steiner kehren die Idee in ihr Gegenteil um: Der Mensch soll im Kreislauf der Wiedergeburten bleiben, so kann er sich – und damit die Menschheit – perfektionieren.

    Rudolf Steiner verspricht eine Form der (geistigen) Unsterblichkeit und befriedigt zugleich das Bedürfnis seiner aristokratischen und großbürgerlichen Klientel nach „Elite“: „WIR bringen die Menscheit (-sentwicklung) voran!“

    Und natürlich kann die Menschheit auch nicht an einem Tag an Ihrem Bestimmungsort, dem Planeten „Vulkan“, ankommen – dann wäre Steiners Geschäftsmodell sofort erledigt …:

    Ich gebe einem Freund eine Inhaltsangabe von Rudolf Steiners Buch „Aus der Akasha-Chronik“:

    „Es ist die Geschichte der Menschheit, wie sie sich dem Eingeweihten zeigt. So eine Art ‘Evolutionsgeschichte’, nur dass der Eingeweihte auch in die Zukunft schauen kann. Die Menschheit entwickelt sich laut Steiner auf sieben Planeten. Von Planet zu Planet steigt das Menschengeschlecht höher in der Entwicklung. Dabei helfen ihm Führer, die selber schon auf einer höheren Entwicklungsstufe stehen. Es geht los auf dem Saturn, dann kommt die Sonne, der Mond und schließlich die Erde …”

    „Wieso Sonne und Mond – das sind doch keine Planeten?!”

    „Für den Esoteriker Steiner schon. Die Erde formt sich im nächsten Entwicklungsschritt in den Jupiter um, dann kommt die Venus und zuletzt der Vulkan. Sieben Planeten, und auf jedem Planeten durchleben die Menschen sieben mal sieben Entwicklungsstufen … Ja, ich weiß, das klingt nach Science Fiction … ich habe mich an die Perry Rhodan-Hefte erinnert, du weißt schon, diese Groschenromane …“

    Antwort
  • 3. Andreas Lichte  |  23. März 2016 um 9:23 am

    Rudolf Steiners Vorstellung der Reinkarnation kann man natürlich auch aus der Schüler-Perspektive betrachten:

    „Leute, ich hab mir Eltern ausgesucht, die mir was bieten können. Meint ihr, ich würde hier sonst mit meiner Mum in einem Porsche Cayenne in der zweiten Reihe vor der Rudolf Steiner Schule in Berlin Dahlem chillen? Wenn’s mal mit den Noten nicht so dolle ist, steht mein privater Nachhilfelehrer schon auf der Matte, über die paar Euros redet bei uns keiner. Portokasse. Eigentlich bin ich ganz zufrieden, könnte höchstens ’nen bißchen langweilig werden, mein Leben …

    Aber, Alter, Abenteuer doch nur was für Idioten: stell dir vor, du suchst dir Eltern in Syrien aus, und findest dich plötzlich auf ’nem Schlauchboot im Mittelmeer wieder … wie beknackt muß man da eigentlich sein … und jetzt kommt‘s noch dicker: du hast es grad so überlebt, und schon bist du in ’ner Flüchtlingsklasse in der Waldorfschule, die versuchen mit dir ihr Image aufzupolieren, wegen ‘ausländerfrei’ und so …“

    Antwort
  • 4. A.M.  |  23. März 2016 um 4:27 pm

    Diskussion des Interviews bei Waldorf Critics:

    https://groups.yahoo.com/neo/groups/waldorf-critics/conversations/topics/30928

    Antwort
  • 5. Bobby  |  23. März 2016 um 9:27 pm

    Zu den Ansichten von Jost Schieren:

    Erfreulich und wichtig:

    Ein offener, zeitgemäßer und ehrlicher Umgang mit den einzelnen „menschenkundlichen“ bzw. inhaltlichen Äußerungen Steiners:

    …..Wir können in der Waldorfpädagogik nicht einfach über Steiners „esoterische“ Aussagen verfügen und sie operational einsetzen. Damit würden wir unser individuelles Einsichtsvermögen korrumpieren. Wir können die Aussagen Steiner, mögen sie richtig sein oder nicht, lediglich als Erweiterung unseres Beobachtungshorizontes, als Annahmen und als Denkmöglichkeiten verwenden…..

    So gerade auch beim Reinkarnationskonzept Steiners in der Waldorfpädagogik:

    ….Es geht nicht um Inkarnationsforschungen oder dergleichen, sondern lediglich darum, die Freiheit des Menschen konsequent zu denken und dann im eigenen pädagogischen Handeln, dafür einen entsprechenden Entwicklungsraum zu schaffen. Phänomenologie heißt in diesem Zusammenhang, dass der Pädagoge die Kinder und Jugendlichen sehr genau beobachtet und nicht mit vorgefassten Begriffen operiert….

    Kritisch ist zu sehen:

    Verstummen von inneranthroposophischer Kritik auf eine Wissenschaftliche Dialog-Fähigkeit an Stelle von dogmatischer Anthroposophie:

    ….. die inneranthroposophische Kritik an dem Bemühen, die Waldorfpädagogik wissenschaftlich zu verankern und zu etablieren. Solche Kritiken …… sind aber meines Erachtens inzwischen verstummt oder werden nur von einigen wenigen, vermutlich recht dogmatisch gesinnten Persönlichkeiten vorgetragen…..

    An der Gesinnung von Herrn Schieren zweifele ich nicht. Die Realität sieht aber vielfach anders aus. Das Festhalten an Anthroposophie als ein Relikt der Vergangenheit ist nach wie vor verbreitet. Dogmatisches Denken führt auch heute zu Vorurteile und zu arrogante, lebensferne Verhaltensmuster in der anthroposophischen Lebenspraxis. So auch in der Waldorfpädagogik. Das Unvermögen mancher Anthroposophen eigene Fehlurteile zu erkennen und in Frage zu stellen ist das Hauptproblem und behindert jede Dialog-Fähigkeit mit Menschen die andere Ansichten haben. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit heutigen wissenschaftlichen Kriterien.

    Die letzte Frage des Interviews zu rechtsesoterischem Gedankengut:

    Sympathien für Verschwörungsideologien und rechtsesoterische Sichtweisen sind nach wie vor beliebt im „anthroposophischen Dunstkreis“.

    Der Bund der Freien Waldorfschulen hat sich in der Tat öffentlich mehrfach gegen diese Tendenzen positioniert (das war auch dringend erforderlich!), wurde und wird aber gerade deshalb in massivster Weise von Anthroposophen angegriffen.

    Tatsächlich orientiert sich die „anthroposophische Geschichtsdeutung“ in den letzten Jahren erneut an scheinbar überwundenen Verschwörungsideologien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts (Siehe die Kasseler Tagung der Anthroposophische Gesellschaft in 2013, Markus Osterrieder: Welt im Umbruch).

    Die Deutung beider Weltkriege als Verschwörung finsterer angelsächsischen Mächte gegen Deutschland, zur Verhinderung einer Deutsche Mission in Mitteleuropa, verbunden mit einer Neuauslegung der Kriegsschuldfrage, sind wieder salonfähig. Sie prägen erneut, unübersehbar, anthroposophische Sichtweisen, gerade auch in Bezug auf die heutigen Zeitereignisse. Von „kritischer Selbstreflexion“ und von einem historischen Lernprozess ist da noch wenig spürbar.

    Ein bösartiger, tiefsitzender Anti-Amerikanismus und Anbiederungen an die Putin-Diktatur in Russland stehen im Mittelpunkt des Weltbildes. Dazu zeigen sich immer mehr die Schnittstellen, teilweise sogar eine offene Unterstützung, zu AfD und Pegida. (Querfront zu Putin-Russland). Die Verschwörungswelt vom Shootingstar und Anthro-Liebling Daniele Ganser lässt dabei grüßen!

    Solche abwegigen, unverantwortlichen und letztendlich albernen Tendenzen beschränken sich nicht nur auf Randgruppen und Einzelpersonen in der rechten Anthroszene, sondern sie sind, in mehr oder weniger starken Ausprägung, symptomatisch, sogar allgegenwärtig erlebbar, auch an den Waldorfschulen. Sie dürften meines Erachtens ein wirkliches Hindernis sein für die Überlebensfähigkeit von Anthroposophie im Allgemeinen und Waldorfpädagogik im Besonderen in den nächsten Jahren und danach in Deutschland.

    Antwort
  • 6. Birgit Unger  |  23. März 2016 um 11:17 pm

    Vielen Dank, lieber Jost Schieren, lieber Ansgar Martins. Ich freue mich darüber, wenn kritische Fragen konstruktiv gestellt werden und aus den Antworten deutlich entnehmbar ist, dass in der Anthroposophie auch ernzunehmende Geister mit ehrlichem wissenschaftlichen Interesse unterwegs sind. Die Anthroposophie birgt in ihrer erkenntniswissenschaftlichen Grundlage (Steiner, Kühlewind, Witzenmann) ein großes Potenzial für künftige Fortentwicklungen und Metamorphosen der Waldorf-Pädagogik – ganz aus den geistigen Forschungen Einzelner heraus. Vor allem ist die Anthroposophie die einzige derzeitig existierende Wissenschaft bzw. Geistesrichtung, die einen geistigen Individualitätsbegriff ausgebildet hat, ohne den alle übrigen materialistisch-wissenschaftlichen Richtungen (Neurobiologie, Genetik …) in einen Anti-Humanismus umschlage und in Millionen von Zeitgenossen – insbesondere Jugendlichen – die Leere und Verzweifelung der absoluten Sinnlosigkeit hinterlassen. Denn wer den Menschen nur als Produkt von Vererbung und Sozialisierung versteht, wird kein wirkliches Verständnis für das in jedem Menschen anwesende Individualgeistige entwickeln. Es gibt nichts Menschenfeindlicheres, als dem Menschen die Fähigkeit zur Freiheit und Ich-Werdung abzusprechen. Und es gibt nichts Menschenverachtenderes, als dem Menschen zu erklären, er sei lediglich ein Produkt aus Genetik und Erziehung, unfähig sich selber und die geistige Welt, aus der er heraus entstanden ist, zu verstehen.

    Antwort
    • 7. A.M.  |  25. März 2016 um 3:17 pm

      Schieren sagt, man könne „nicht einfach über Steiners ‘esoterische’ Aussagen verfügen und sie operational einsetzen“, man könne sie „lediglich als Annahmen und als Denkmöglichkeiten verwenden.“ Als Beispiel nennt er die Reinkarnation, von der man nicht wissen könne, ob sie stattfinde oder nicht. Aber der „Gedanke der Reinkarnation“ beinhalte ein „Individualitätsverständnis“, das es erlaube, den Menschen nicht nur als „allein fremdbestimmtes Wesen“, als Produkt seiner Gene und verschiedener Umweltfaktoren, zu begreifen. Das erscheint wenig schlüssig und seltsam konstruiert. Es macht für einen Pädagogen doch wohl keinen Unterschied, ob der Mensch nun als Produkt vorangegangener Inkarnationen, oder als Produkt seiner Gene und seiner Umwelt vor ihm steht. Er hat es in beiden Fällen mit einmaligen Individuen zu tun. Der ganz reale und nachweisbare Einfluss, den Gene und Umweltfaktoren auf den einzelnen Menschen haben, wird zudem nicht kleiner, wenn der Lehrer seine Schüler als reinkarnierte Wesen betrachtet, er gerät höchstens aus dem Blickwinkel.

      Doch auch das angepriesene „Individualitätsverständnis“ hat seine Tücken, schließlich gibt es eine ungute anthroposophische Tradition auch Krankheiten und Behinderungen karmisch, als Resultate vorangegangener Inkarnationen, zu deuten. Der kranke oder behinderte Mensch erscheint unter diesem Blickwinkel eher als Sklave seiner angeblichen Verfehlungen aus früheren Leben, denn als freies Individuum. Schieren scheint sich dieses Problems bewusst zu sein, denn er warnt vor „Inkarnationsforschungen“. Er vermag es aber nicht aufzulösen. Seiner Forderung, „dass der Pädagoge die Kinder und Jugendlichen sehr genau beobachtet und nicht mit vorgefassten Begriffen operiert“, läuft die Vorstellung der Reinkarnation zuwider, schließlich ist sie selbst ein vorgefasstes Konzept (mit vorgefassten Begriffen). Für die Konzepte von Freiheit und Individualität leistet die Vorstellung von Reinkarnation nichts, die Spekulation über vorangegangene Inkarnationen (vor der Schieren warnt), kann aber umgekehrt zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wer jungen Menschen vorurteilsfrei gegenübertreten möchte, tut gut daran auf solche Grundüberlegungen zu verzichten…

      so dazu André Sebastiani hier: https://waldorfblog.wordpress.com/2016/03/25/sebastiani-schieren/

    • 8. Gertrud Kiefer-Volkert  |  10. November 2016 um 12:37 pm

      liebe Birgit Unger, auch ich freue mich über redliches Bemühen.
      An „Einweihungswissen“ bin ich allerdings gescheitert und frage mich, wie andere mit Kapiteln wie dem folgenden umgehen:
      Es folgt ein Zitat von Steiner, Rudolfs aus GA 159, S. 43 (es geht um das Opfer des kleinen Theo Faiss):

      „Die Seele eines Menschenwesens geht durch die Pforte des Todes. Diese Seele war sieben Jahre in einem physischen Leib verkörpert. Warum hätte denn der kleine Theo nicht auch siebzig, achtzig, neunzig Jahre werden können, äußerlich angesehen, wenn das Karma es nicht unmöglich gemacht hätte? Ein Ätherleib ist da, der das Leben noch Jahrzehnte hindurch hätte versorgen können; ein Ätherleib, der wirklich angefüllt war von Kräften des Ewigen, Guten. Er war ein ausgezeichneter Knabe. Von der eigentlichen Individualität, dem ich und dem Astralleib wissen Sie ja, dass die dann ihren Weg weitergehen. Aber der Ätherleib löst sich los, dieser Ätherleib, in den hineinverwoben sind alle die zarten, schönen Kräfte, die sich im Kindesalter entwickelt haben, in dem aber auch leben alle die Kräfte, die aus den früheren Inkarnationen kommen. Nun bedenken Sie, was man mit einem solchen Ätherleib vor sich hat. Die Individualität kommt aus den früheren Inkarnationen. Sie verleibt sich neu ein in dieser Inkarnation; sie bringt mit, was aus früheren Inkarnationen kommt. Das Leben in dieser Inkarnation ist gewissermaßen die Frucht, das Ausleben dessen, was Ursache in einem Leben war in früheren Inkarnationen. Durch das ganze Leben hindurch hätten sich diese Früchte ausleben können. Dann wäre in diesen Ätherleib alles dasjenige hineingegangen, was aus den Früchten der frühen Inkarnationen kommt. Das ist nicht geschehen. Dafür steckt in diesem Ätherleib alles das darin, was noch Ursachen in den früheren Inkarnationen hat. Und das Merkwürdigste ist nun:
      Derjenige, der versucht, die Aura unseres Dornacher Baues zu durchforschen, der findet diesen Ätherleib des kleinen Theo in der Aura des Dornacher Baues. Da ist er, da umschwebt er, umlebt er den Dornacher Bau. Derjenige, der zu tun hat mit dem Dornacher
      Bau oder noch zu tun haben wird nach jenem Spätherbstnachmittag, an dem der kleine Theo durch die Pforte des Todes gegangen ist, der weiß, was verändert worden ist an der geistigen Aura des Dornacher Baues dadurch, dass dieser Aura einverleibt worden ist jener Ätherleib, der die Kräfte enthält, die sonst noch jahrzehntelang für die Versorgung eines physischen Menschenleibes verwendet worden wären, und dieser Ätherleib ist eben ausgegossen in die Aura dieses Baues.“

      Nicht nur, dass Rudolf Steiner nicht trauert um dieses Kind, sondern Reinkarnation und Karma bemüht, um dem Tod eines Kindes Sinn zu verleihen, eines von ihm als besonders erachteten Kindes (beinahe pädophil) wohlgemerkt, sondern dass Steiner zum satanistischen Denken anregt, finde ich schockierend – vermute darin eine Vorlage zum Holocaust, wobei längst nicht alles zutage gefördert ist.

      Angesichts solchen Horrors gibt es dann auch keinen Diskurs, sondern nur Aufdeckung und schärfste Verurteilung!

      Da ich mich aus der anthroposophischen Szene komplett verabschiedet habe, kommuniziere ich nur noch schriftlich und kritisch.
      Antwortet mir jemand?

      Wie gehen Anthroposophen damit um?

  • […] Jost Schieren entwirft hier ein vermeintlich neues, moderneres Bild der Waldorfpädagogik. Die Waldorfpädagogik soll auf Augenhöhe mit den Wissenschaften gehoben und ein zeitgemäßer Diskurs auf wissenschaftlicher Grundlage ermöglicht werden. Dabei stört der esoterische Überbau der Waldorfpädagogik, weshalb esoterische Aussagen Rudolf Steiners marginalisiert und relativiert werden. Steiners Freiheitsbegriff mit Anknüpfungspunkten beim deutschen Idealismus und der Romantik rückt in den Mittelpunkt von Joost Schierens „neuer Waldorfpädagogik“. Steiner wird damit vom Esoteriker zum Philosophen, die Waldorfpädagogik öffnet sich dem wissenschaftlichen Diskurs. Ich habe meine Zweifel an dieser Darstellung und halte sie im Kern für widersprüchlich. […]

    Antwort
  • 10. Birgit Unger  |  25. März 2016 um 4:01 pm

    Hallo Herr Martins,
    vorgefasste Konzepte gibt es doch überall, nicht nur in Form von Reinkarnationsideen oder bei Anthroposophen: so ist etwa die Behauptung vieler Neurobiologen, das Denken sei vom Wesen her ausschließlich durch Neuronen zu erfassen bzw. Menschen durch Genetik und Sozialisierung ebenfalls ein vorgefasstes Konzept, was in dieser Ausschließlichkeit nirgends zu beweisen ist, ja, was sogar unseren alltäglichen Erfahrungen von ich-haftem, selbstbestimmten Handeln widerspricht. Und trotzdem wird dieses Konzept heute hundertausendfach von Medien, neurogläubigen Philosophen und Pädagogen kolportiert. Ganz unkritisch, insofern auch »unwissenschafltich«.
    Sehr viele Pädagogen machen sich diesen neurowissenschaftlich-reduktionistischen Mythos zu Eigen. Wenn diese Menschen genauso viel Dogmenfreiheit und Distanz zu reduktionistsch-materialistischen Vorurteilen an den Tag legten, wie sie es etwa von Anthroposphen gegenüber Reinkarnationsideen als Ausweis einer »wissenschaftlichen, undogmatischen Haltung« fordern, dann wären wir in einem »vorurteilsfreien und ergebnisoffenen Dialog« schon erheblich weiter.
    In Ihrer Behauptung, dass der Karma-Gedanke schlecht sei, weil er auch Krankheiten und Behinderungen in einen karmischen Kontext stellt, verbirgt sich eine subitle, unbemerkt gegliebene utilitaristische Abwertung von kranken und behinderten Menschen. Behinderte Menschen müssen nicht unbedingt unglücklicher sein als sogenannte gesunde umd somit Karma als »Bestrafung« auffassen. Auch Steiner hat einen völlig anderen Karma-Begriff als den von »Bestrafung«. Aufgrund ihrer speziellen Ausgangsbedingungen bringen etwa behinderte oder kranke Menschen ganz andere Facetten des Menschseins zum Ausdruck als sogenannte gesunde.
    Ist es denn menschlicher, Krankheit und Behinderung lediglich als Ausfluss einer anonymen, unerbittlichen Laune der Natur anzusehen, als in jeder wirklichen oder vermeintlichen Unvollkommenheit eine Sinnhaftigkeit zu vermuten, wie es Anthroposphen tun? Im Übrigen scheint mir die ständige Karma-Schelte von Anthroposophie-Kritikern einem blinden Fleck zu entspringen: Jeder gläubige Mensch, egal ob esoterisch oder nicht, sieht in Leid, vermeintlicher Unvollkommenheit, schicksalshaften Hemmnissen etc. Prüfungen und Herausforderungen »Gottes«. Gerade die Gottgläubigkeit und die Überzeugung, dass auch behindertes Leben von Gott gewollt ist, hat viele katholische Theoretiker im Dritten Reich gegen die Euthanasie opportunieren lassen. Es ist ja bekannt, dass es nicht sogenannte Materialisten waren, die sich gegen die Euthanasie in erster Linie zur Wehr setzten, sondern vor allem kirchliche Würdenträger, aber auch anthroposphische Aktivisten, die Behinderte in die Schweiz in Sicherheit brachten.

    Der Begriff der Individualität kann vielleicht ohne den Reinkarnationsgedanken entwickelt werden, aber nicht ausschließlich aus Vererbung und Sozialisierung. Auch nicht die Menschenwürde. Wie wollen Sie die Menschenwürde begründen, wenn sie in dem Menschen keine übersinnliche, dh. nicht im Stofflichen aufgehende Persönlichkeit anwesend denken? Dann bleibt ja nur noch die Biologie als Ursache des Individuellen … und ein ganz biologistisch-soziologisches Menschenbild. Wo wollen Sie etwa die den Menschen auszeichnende denkerische Potenz verorten, eigene Entscheidungen zu fällen? In der Biologie? Oder in der Erziehung?
    Ich finde an dem anthroposphischen Ansatz gerade interessant, dass er diese Art des Reduktionismus zu transzendieren sucht und auch dem Menschen ein ungeheures Vertrauen in seine Freiheitsfähigkeit zuspricht, die in der heutigen Philosphie in weiten Teilen negiert wird: indem entweder dem Menschen im Sinne Kants eine Erkenntnisfähigkeit höherer, ihn betreffender Fragen abgesprochen wird und er damit verdammt wird, als Blinder in Sinnfragen auf der Erde ein ziemlich verlorenes Dasein zu führen – oder aber sogar sein Ich als Illusion demontiert wird, wie von Singer und Co unternommen. Ob sich die daraus ergebende Weltsicht dann als »humaner« erweist, als etwa der anthroposphische, mit Sinnhaftigkeit und Entwicklungschancen versehene Karma-Gedanken – dies zu beurteilen sei jedem Menschen selber überlassen.
    Grüße

    Antwort
  • 11. Bobby  |  25. März 2016 um 6:03 pm

    Zum Beitrag
    A.M. | 25. März 2016 um 3:17 nachmittags:
    Dieser Beitrag ist ein wörtliches Zitat von André Sebastian!

    „…der Mensch als Produkt vorangegangener Inkarnationen, oder als Produkt seiner Gene und verschiedener Umweltfaktoren…“

    Beides, im dogmatischen und ausschließlichen Sinne, führt zu Vorurteile, Fehlurteile und macht Pädagogik ‘unkindgerecht’.

    Es geht Herrn Schieren, so wie ich es verstanden habe, vielmehr um eine methodische Erweiterung des pädagogischen Blickwinkels, um Freiräume in der Betrachtungsweise ohne sich direkt auf irgendwelche überlieferte oder spekulative Inhalte festzulegen. Vor allem auch um den Versuch die Individualität des Kindes dadurch besser verstehen zu können und besser gerecht zu werden. Die von André Sebastian erwähnte Gefahr einer ‘selbsterfüllenden Prophezeiung’ ist mit Sicherheit ernst zu nehmen!

    Es wäre in der Tat abseits jeder freiheitlichen Betrachtungsweise, einen Menschen als Produkt und als Sklave seiner vorangegangenen Inkarnationen zu betrachten und damit äußerst verwerflich.

    Ein solcher Vorwurf gewinnt noch mehr an Gewicht wenn es dabei um spekulative, unnachprüfbare ‘geisteswissenschaftliche’ Forschungen geht, die dazu auch noch gezielt moralisch eingesetzt werden (häufig sogar um vom pädagogischen Unfähigkeiten des Lehrers abzulenken!).

    Dazu kann man nur sagen: Das führt zu einer Pädagogik der Kindesmisshandlung!

    Antwort
  • 12. Birgit Unger  |  25. März 2016 um 7:03 pm

    @ Bobby. Teilweise d’accord. Als »liberaler«, erkenntnissuchender und -offener Anthroposph empfand ich es schon immer als abstoßend, wenn dogmatische Anthroposophen irgendwelche Schemata aus der Pädagogik Steiners ableiteten und Menschen somit in Raster einordneten. Was mich nur stört: Es wird immer der Eindruck erweckt, die meist von früheren anthroposphischen Pädagogen unternommene, allzu rasterhafte Unterteilung von Menschen in Melancholiker, Sanguiniker usw. sei eine besondere Gefahr der »esoterischen« Waldorf-Pädagogik. Wie sieht es aber mit den anti-individuellen Kategorisierungen an staatlichen Schulen aus – etwa in der Notengebung? Wird in der abstrakten Punktzahlgebung, die überdies noch völlig subjektiv ist, nicht auch jede Form von Besonderheit außeracht gelassen und Schüler nach »leistungsstark« und »leistungsschwach« über einen Leisten gebrochen – und dies, obwohl dem keine esoterischen Gedanken zugrunde liegen? Jede Diagnose einer Krankheit etwa ist ebenso eine Typisierung und Stereotypisierung, vorgenommen vom Arzt oder Psychiater, und kann das spezifisch Individuelle eines Menschen nicht fassen. Hierauf weist gerade die anthroposphische Medizin hin, die betont, dass es so viele Krankheiten wie Menschen gibt und jede Krankheit im Grunde genommen nur individuell verstanden werden kann.
    Also das Problem, dass Menschen zu schnell in irgendeine Kategorie eingeschlossen werden, ist kein Spezifikum von »gefährlicher Esoterik oder Anthroposphie«. Eher rmüsste man sagen, dass diejenigen Anthroposophen, die sich so verhalten, den individualistischen Gedanken der Anthroposphie zu wenig verinnerlicht haben und die Anthroposophie noch ganz mit herkömmlichen Typisierungen zu fassen bemüht sind.

    Was Ihren Einwand gegen den Inkarnationsgedanken betrifft: Solange der Gedanke blicklenkend und eben NICHT einkategorisierend verwendet wird, wofür auch Schieren plädiert, sehe ich darin keine Gefahr. Denn dass die menschliche Individualität in ihrer Ursubstanz ein Produkt vergangener Inkarnationen sei, ist ja nicht der Resultat absoluter Fremdbestimmung (im Unterschied zu deterministischen neurobiologischen Vorstellungen!), weil dem Menschen im Modell anthroposphischer Karma- und Inkarnationsgedanken immer ein selbstbestimmter Gestaltungsfreiraum zugestanden wird –und er somit weder an den Fäden eines anoynmen, gnadenlosen »Schicksals« noch an denen von Genetik und Biologie hängt. Im Gegenteil: Der Mensch hat immer die Möglichkeit, aufgrund der ihn innewohnenden geistigen Ichhaftigkeit auch seine gesellschaftlichen und sogar biologischen »Prägungen« umzuarbeiten, er ist niemals nur Produkt derselben, wie es heute überall die materialistische Sozialwissenschaft und Neurobiologie lehrt.
    Insofern empfinde ich den Gedanken Steiners, der die leibliche Behinderung von Menschen gar nicht mit ihrem Ich gleichsetzt und sich somit auch vehement gegen die Typisierung »geisteskrank« verwahrte, als einen Ausweg aus der Pattsitution, in welche uns materlalistisches Denken geführt hat: Denn wenn Sie die Geistigkeit des Ich nicht anerkennen, wo wollen Sie dann die Individualität eines Menschen verorten, wenn nicht in seinen leiblich-neurobiologischen Grundlagen?
    Übrigens war Steiners Inkarnationsgedanken sehr differenziert und vielfältig: So ging er davon aus, dass wir keinesfalls nur eine Folge unserer Handlungen in vergangenen Leben sind, sondern Karma auch aus der Zukunft heraus wirken kann: Leidvolle Erfahrungen sind zudem keinesfalls immer nur ERfahrungen, die sich Menschen unbewusst suchen, sondern die auch gegen das eigentliche Karma eines Menschen verstoßen können – etwa wenn dieser durch einen Mord ein jähes Ende findet. Also: Karma ist sehr komplex – und das Gegenmodell der Materialisten, dass alles nur »sinnlos« und »Zufall« sein, was dem Menschen widerfährt, empfinde ich als sehr viel trostloser und inhumaner.

    Antwort
    • 13. Bobby  |  25. März 2016 um 9:37 pm

      Ein angeblicher „Einwand gegen den Inkarnationsgedanken“ habe ich in meinem Beitrag nicht feststellen können. Lesen Sie bitte noch einmal nach….

      Es ging mir vor allem um den methodischen Ansatz. Ist eine wissenschaftliche Methode einseitig und verirrt sich voreilig in spekulative, unnachprüfbare Annahmen, braucht man sich über die Ergebnisse nicht wundern. Tunnelvision und vorgefasste Meinungen sind dabei immer ein Hindernis und führen in der Lebenspraxis zu arrogante, lebensferne Verhaltensmuster. Das gilt nicht nur für das sogenannte „materialistische Denken“ sondern auch für die Anthroposophie.

      Das herstellen eines künstlichen Gegensatzes Materialisten-Anthroposophen führt meines Erachtens in einer Sackgasse (Materialismus ist böse und Anthroposophie ist gut, oder umgekehrt!).

      Da erscheint mir der Umgang von Herrn Schieren mit den einzelnen „menschenkundlichen“ bzw. inhaltlichen Äußerungen Steiners sowie beim Reinkarnationskonzept, wesentlich sinnvoller. So wie ich ihn in meinem ersten Beitrag zitiert habe.

  • 14. Birgit Unger  |  26. März 2016 um 7:29 am

    Hallo Bobby. Letztlich läuft die allesentscheidende erkenntniswissenschaftliche Frage darauf hinaus, ob ich der Auffassung bin, dass Ich-Erleben und Denken ihre Ursache in neurobiologischen Vorgängen haben, oder ob ich in diesen neurobiologischen Vorgängen letzlich die Bedingung des In-Erscheinen-Tretens und Bewusstwerdens von Denken erblicke, was aber eine auf sich selbst beruhende, erfahrbare und erforschbare Wesenheit darstellt. Die erstere Auffassung, die Denken und Ich-Erleben ausschließlich neurobiologisch erklären will und damit das »subjektive« Erleben zur Illusion erklärt (Singer, Roth), die nenne ich eine »materialistische«. Die letztere Aufassung eine »anthroposphische« oder von mir aus auch »teil-idealistische« (Hegel, Fichte, Novalis …). Es geht nicht darum, den Materialismus als »böse« zu erklären, sondern sich die Konsequenzen bis ins letzte Detail hinein zu verdeutlichen, die aus der absoluten Auffassung resultieren, dass Menschen unfrei und nicht wirklichkeitsfähig seien und Ich-Erleben und Denken lediglich Illusionen seien. Und vor diesem Hintergrund habe ich verdeutlichen wollen, dass mir die Anschauungen Steiners sehr viel wirklichkeitsgemäßer und menschenfreundlicher erscheinen.
    In Bezug auf den Reinkarnationsgedanken haben Sie ausgeführt, dass der Mensch »Sklave« seiner vergangenen Taten sei. Was für einen Sinn macht aber diese Aussage? Wenn ich über die Straße gehe und nicht nach links und rechts schaue, werde ich angefahren – dies ist eine Folge meiner Entscheidung bzw. Unaufmerksamkeit, weder eine »Strafe« noch begebe ich mich in »Sklaverei«, wenn ich mich dafür entscheide, nicht nach rechts und links zu schauen und nun mit den Folgen meines Tuns leben muss.
    Reinkarnationsspekulationen sind – hier möchte ich einmal Rudolf Steiner selber zitieren – die Pest. Es gibt nichts Schlimmeres, wenn sich Menschen aufgrund ihres Narzissmus eine bestimmte Reinkarnationsgestalt zuschreiben – und es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Pädagogen angesichts eines Kindes sich in Reinkarnationsphantasien ergehen. Blicklenkend und unter heiltherapeutischen Gesichtspunkten jedoch macht ein vorsichtiges Inbetrachtziehen des Inkarnationsgedankens durchaus einen Sinn – um etwa die entsprechenden medizinischen, therapeutischen Maßnahmen ergreifen zu können. Solche Maßnahmen sind mit einer reduktionistischen Auffassung des Menschenwesens als Epiphänomen rein leiblicher Vorgänge eben nur begrenzt möglich.

    Antwort
    • 15. Bobby  |  27. März 2016 um 9:45 am

      Bitte beachten Sie:
      Ich habe nicht ausgeführt, wie Sie erwähnen, dass der Mensch »Sklave« seiner vergangenen Taten (Inkarnationen) ist.

      Sondern im Gegenteil:
      „…Es wäre in der Tat abseits jeder freiheitlichen Betrachtungsweise, einen Menschen als Produkt und als Sklave seiner vorangegangenen Inkarnationen zu betrachten und damit äußerst verwerflich…“
      (Bobby | 25. März 2016 um 6:03 nachmittags)

  • 16. Roland Brummer  |  26. März 2016 um 3:03 pm

    Reinkarnation und Karma sind traditionelle religiöse Konzepte, die Steiner aus der Theosophie übernommen hat.
    Bei Steiner wird dieses Konzept zu einer objektiven Tatsache.
    In den beiden Paradigmen, dem anthroposophischen und dem wissenschaftlichen ist das Individuum unfrei. In der Wissenschaft wird das Individuum durch materielle Bedingungen bestimmt und in der Anthroposophie durch geistig karmische.
    Reinkarnation und Karma basiert auf einer Verdienstlichkeit, wie auch viele andere Religionslehren.
    In der Anthroposophie ist Reinkarnation, Karmagesetze, Rassentheorie und Evolution eng verbunden. Eine moralische Verfehlung, die zu einer Behinderung oder körperlichen Merkmal führt, kann ich nichts dagenen machen, es geschieht mit mir als Gesetz, nicht was ich möchte oder wünsche. Ich kann da nichts entscheiden. Das Karmagesetz greift bei unserer seelischen Fehlbarkeit. Unmoralisches Handeln heißt Abstieg z.B. in eine degenerierte Rasse oder körperliche Behinderung und Belohnung heißt Aufstieg für ein Leben in der zukünftigen Kulturepoche. Das seelische Verhalten hat immer eine körperliche Konsequenz zur Folge. Es gibt einen ganzen Katalog für Verfehlungen und Belohnungen und ihre körperlichen Folgen.
    Ich weiß nicht, wo ich hier das freie selbstbestimmte Individuum finden kann, wenn es nur in Gesetz und Bestimmung gefangen ist ?
    Ach ja, es gibt da noch den ethischen Anarchismus.

    Antwort
  • 17. Birgit Unger  |  27. März 2016 um 11:56 am

    Hallo Herr Brummer,

    es ist die Frage, ob ein Mensch sein künftiges Leben aus einer vorgeburtlichen Perspektive nicht unter völlig anderen Gesichtspunkten beurteilt als vorrangig dadurch, ob er viel Fun und Lebensenergie im künfitgen Leben hat. Sie übertragen ihre materialistisch-utilitaristischen Gedanken (Behindertung oder Krankheit=Strafe) auf den Karma-Gedanken Steiners. Tatsächlich geht es in einer spirituellen Welt- und Menschensicht – egal ob Anthroposphie, Judentum, Christentum, Buddhismus oder was weiß ich – nicht darum, dass der Mensch auf der Welt ist, um ausschließlich ohne Widerstände, Hemmnisse und Prüfungen eine möglichst große Vielzahl an passiven Glückmomenten zu erleben, wie es die materialistische Werbung und Progaganda verheißt. Sondern Prüfungen und auch Hemmnisse gehören zum Leben dazu, um innerlich daran zu erstarken und zu wachsen.
    Das mag Ihnen unmenschlich und »unfrei« erscheinen – die Freiheitsmöglichkeit ist aber realistischerweise auch im Denken STeiners keine absolute, sondern besteht darin, wie man sich zum eigenen Schicksal verhält und ob man diesem produktive, positive Einstellungen abgewinnen kann. Ich selber kenne einige behinderte und kranke Menschen, die von sich behaupten, dass sie gerade durch ihre Behinderung und ihre Krankheit ganz andere tiefere Sinnfragen gestellt haben, als in der Zeit, als sie keine Probleme und Hemmnisse hatten. – Wie gesagt: Freiheit ist natürlich auch bei Steiner nicht absolut möglich: Jede Inkarnation – egal ob behindert, gesund, Mann oder Frau usw. – ist natürlich schon allein aufgrund der Leibesgrundlage, Familienverhältnisse, schicksalshaften Erfahrungen usw. eingeschränkt. Die Frage ist jedoch, wie wir letztlich mit unserer speziellen Lebenssituation umgehen, ob wir sie annehmen, gestalten können – oder aber in Passivität und Depression verfallen. Und dieser Gestaltungsbereich ist absolut frei von karmischer Wirksamkeit. Es ist somti ein Sowohl-als-auch – karmische Gesetzmäßigkeit sowie freiheitliche individuelle Gestaltungsmöglichkeit.

    Antwort
  • […] „Waldorfblog“ gab Jost Schieren ein ausführliches Interview1, in dem er immer wieder das buzzword „Freiheit“ verwendet – in einer einzigen Antwort […]

    Antwort
  • 19. Bobby  |  29. März 2016 um 12:58 am

    Neuer Beitrag Waldorf-Critics
    Re: [wc] Jost Schieren interview
    Peter Staudenmaier Mar 28
    https://groups.yahoo.com/neo/groups/waldorf-critics/conversations/messages/30930

    Antwort
  • 20. Birgit Unger  |  29. März 2016 um 12:03 pm

    Hallo Bobby,

    zu welchem Zweck posten Sie eine verallgemeinernde, pauschal diffarmierende, auf das von Jost Schieren Ausgeführte überhaupt nicht eingehende Stellungnahme eines Staudenmaiers zu einem völlig anderen Thema? – Markus Osterrieders Buch kann man sachlich kritisieren, wie es ja auch auf dieser Seite bereits getan wurde. Osterrieder aber vorzuwerfen, dass er den gruppenegoistischen Verstrickungen westlicher, mitteleuropäischer und auch russischer Politiker und Theoretiker, die sich durch entsprechende Aussagen und Quellen seriös belegen lassen, sein geschichtswissenschaftliches Interesse zuwendet, zeigt nur, dass Staudenmaier in Political Correctness gut eingeübt ist.
    Osterreider ist ein renommierter Historiker mit zahlreichen VEröffentlichungen – unter anderem auch zur Entstehung der »Protokolle der Weisen von Zion«, einer der schlimmsten antisemitischen Fälschungen des 19. und 20. Jhds.
    Mich erinnert Staudenmaiers Rundumschlag »Verschwörungstheorie« an die Kampagnen linker Autoren Mitte der 90er Jahre, als immer mehr Arbeiten von Historikern die (auch) linken Wurzeln der Eugenik und Rassenhygiene (Schallmeyer u. a.) im 19. und 20. Jahrhundert aufzeigten – und dies aufgrund der Tabusisierung dieses Bereichs eine Welle an Empörung erzeugte. Mittlerweile gehört dieses vormals taubisierte Forschungsfeld zu Standard der Eugenik-Historiografie. Ich bin mir sicher: In 20 Jahren zählt auch das Gebiet sogennannter politischer Interessensgemeinschaft und »Geheimbünde« zu einem ganz selbstverständlichen Gebiet geschichtswissenschaftlicher Forschung.

    In diesem Sinne viele Grüße von
    Birgit Unger

    Antwort
    • 21. Bobby  |  29. März 2016 um 1:14 pm

      Nur zur Orientierung:
      Der Staudenmaier-Beitrag nimmt hier lediglich Bezug auf diesen Blogbeitrag (Waldorf heute: Vom “Eingeweihtenwissen” zum “akademischen Diskurs”?). Noch genauer: Die letzte Frage des Interviews zu rechtsesoterischem Gedankengut.

      Ihre Anmerkungen zum “renommierten” Historiker Osterrieder und Staudenmaiers “Rundumschlag” sind vielsagend und betätigen in bester Weise was ich zu diesem Themenkomplex schon vorgetragen habe! (Unter 5. – 23. März 2016 um 9:27 nachmittags).

      Nebenbei:
      Der Anwendung des Begriffes ‚Political Correctness‘ (kommt mir irgendwie bekannt vor!) ist hier aber wirklich nicht sehr schmeichelhaft. Ich würde ihn aber durchaus als Kompliment bezeichnen…

      Der Staudenmaier-Beitrag wurde in inzwischen ergänzt (in nicht immer ganz korrekter Übersetzung):
      https://groups.yahoo.com/neo/groups/waldorf-critics/conversations/messages/30931
      &
      https://groups.yahoo.com/neo/groups/waldorf-critics/conversations/messages/30932

    • 22. Bobby  |  29. März 2016 um 6:07 pm

      Ergänzend:
      „…In 20 Jahren zählt auch das Gebiet sogenannter politischer Interessensgemeinschaft und »Geheimbünde« zu einem ganz selbstverständlichen Gebiet geschichtswissenschaftlicher Forschung…“

      Solche Zeiten gab es schon einmal und die damit verbundenen Folgen ebenso!

  • 23. Andreas Lichte  |  1. April 2016 um 9:26 am

    Reinkarnation macht frei

    Karma macht frei

    Anthroposophie macht …

    „frei“: wenn Jost Schieren das wäre, dann hätte er längst geantwortet [e-mail an Prof. Jost Schieren & Prof. Helmut Zander]:

    Von: Andreas Lichte
    Datum: 24. März 2016 09:31:18 MEZ
    An: jost schieren
    Kopie: ZANDER Helmut
    Betreff: Prof. Jost Schieren Alanus-Hochschule Interview auf dem Waldorfblog

    Sehr geehrter Prof. Schieren,

    wie ausgerechnet „Reinkarnation“ (und damit „Karma“) zu mehr „Freiheit“ des Menschen führen soll, müssen Sie noch erklären …
    .

    die Werbebotschaften Ihres Interviews auf dem „Waldorfblog“ lassen das naturgemäss offen:

    https://waldorfblog.wordpress.com/2016/03/21/waldorf-heute-vom-eingeweihtenwissen-zum-akademischen-diskurs-ein-interview-mit-jost-schieren/
    .

    zu „Reinkarnation“ / „Freiheit“ habe ich ein wenig Kommentar skizziert …
    .
    .

    Mit freundlichen Grüssen

    Andreas Lichte

    Antwort
  • […] nach innen und außen wissenschaftslich diskursfähig zu machen. (vgl. dazu kürzlich Jost Schieren: Waldorf heute und André Sebastiani: Neue Waldorfpädagogik?) Im Cornelsen-Verlag erschien 2015 Suggates […]

    Antwort
  • 25. Andreas Lichte  |  28. Juli 2016 um 8:27 am

    .

    … wir lernen ein neues Wort:

    „weltanschauungsbelastet“

    „In der erziehungswissenschaftlichen Diskussion gilt die Waldorfpädagogik als weltanschauungsbelastet.“

    grossartig! so hört sich das an, wenn die anthroposophische „Hochschule“ (nicht) darüber redet, dass die Waldorfpädagogik auf der „Sekte“ Anthroposophie basiert …:

    Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft

    Standortbestimmung und Entwicklungsperspektiven – Tagung 20.10. – 22.10.2016

    Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Fachbereich Bildungswissenschaft

    Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen

    Verantwortlich: Prof. Dr. Jost Schieren

    Antwort
  • […] siehe dazu: „Waldorf heute: Vom ‘Eingeweihtenwissen’ zum ‘akademischen Diskurs’? Ein Interview mit Jos… – „Waldorfblog“, 21. März […]

    Antwort

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

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