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Ein verzerrtes Bild – Replik von Albert Schmelzer zur Osterrieder-Rezension

Obwohl (oder: weil) das Buch von Markus Osterrieder zu Rudolf Steiner und dem Ersten Weltkrieg in den allermeisten anthroposophischen Zeitschriften geradezu hymnisch besprochen wurde, hat meine sehr kritische Rezension eine Reihe von scharfen Reaktionen ausgelöst. „Ein verzerrtes Bild“ sieht Albert Schmelzer: Meine Diagnose verschwörungstheoretischer und antiamerikanistischer Positionen bei Osterrieder werde dessen realen Ausführungen nicht gerecht. Seine Replik stelle ich mit freundlicher Genehmigung des Autors hier zur Verfügung:


Hier zum Artikel von Albert Schmelzer (PDF)


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Georg Klemp: Rezension zu Markus Osterrieder: „Welt im Umbruch“

Peter Staudenmaier: „Nationalist Cosmopolitanism“. Anthroposophen und der Erste Weltkrieg

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20. Januar 2015 at 3:55 pm 1 Kommentar

„Der Hauptfeind ist England“: Rezension zu Markus Osterrieder bei Info3

Während Anthroposophen die sorgfältig recherchierte Verschwörungsschrift Markus Osterrieders zum Ersten Weltkrieg überwiegend positiv aufgenommen haben (vgl. Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus), hat mir die Zeitschrift Info3 in ihrer Dezember-Ausgabe Platz für einige kritische Fragen an Osterrieders 1700 Seiten dicke Monographie zum Ersten Weltkrieg gegeben. Der Beitrag ist auch online verfügbar.

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Georg Klemp: Rezension zu Markus Osterrieder: Welt im Umbruch.

Peter Staudenmaier: Nationalist Cosmopolitanism: Anthroposophen und der Erste Weltkrieg (Interview)

„Das Karma der Unwahrhaftigkeit“

 

4. Dezember 2014 at 12:46 pm Hinterlasse einen Kommentar

Markus Osterrieder: Welt im Umbruch – Rezension von Georg Klemp

Anmerkungen zu problematischen Tendenzen in der anthroposophischen Geschichtsinterpretation

Zu was sich anthroposophische Erinnerungskultur nicht verblenden darf, lässt sich an Markus Osterrieders Buch „Welt im Umbruch“ (Stuttgart 2014) illustrieren. Osterrieder betrachtet Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg – aber entweder mit schielendem Blick oder der Absicht, alles andere verschwinden zu lassen. So werden Kontexte verschwiegen, werden die Ergebnisse der Forschungsliteratur zum Ersten Weltkrieg verkürzt und verflacht, bis sie eine problematische anthroposophische Hofgeschichtsschreibung zu decken scheinen. Dies zeigt die folgende kritische Rezension von Georg Klemp, der zentrale Thesen Osterrieders sachlich hinterfragt. Der Betreiber dieses Blogs stimmt nicht mit allen Schlussfolgerungen überein (z.B. zum abgelehnten „Rassismusvorwurf“), der kenntnisreiche Beitrag jedoch ist ein Muss. Klemps Rezension zeigt, dass Osterrieders Steiner-Apologie auch im anthroposophischen Umfeld nicht geteilt, ja überwunden werden kann.

Hier zur Rezension von Georg Klemp (PDF)



Georg Klemp (geb. 1975),lebt als Klavierpädagoge, Pianist und Eurythmiebegleiter in Bad Nauheim. Politisch ist er seit vielen Jahren aktiv, u.a. im Bereich Antifaschismus in der VVN-BdA

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„Nationalist Cosmopolitanism“: Anthroposophen und der Erste Weltkrieg – ein Interview mit Peter Staudenmaier

Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus: Wie England den deutschen Volksgeist besiegte

„Das Karma der Unwahrhaftigkeit“

28. September 2014 at 2:21 pm 3 Kommentare

„Nationalist Cosmopolitanism“: Anthroposophen und der Erste Weltkrieg – ein Interview mit Peter Staudenmaier

Im Sommer 1914 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Dieses Datum wie seine entsetzlichen und verheerenden Folgen haben sich auch tief in die Entwicklung und das Antlitz der Anthroposophie und ihres Gründers Rudolf Steiner (1861-1925) eingegraben. Dazu befragte ich Peter Staudenmaier (Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University – Milwaukee, Wisconsin), der kürzlich die erste umfangreiche kritische Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus publiziert hat.

staudenmaierPeter Staudenmaier (Foto: Privat)

Ansgar Martins: Die Anthroposophie entstand aus der deutschen Landessektion der Theosophischen Gesellschaft Adyar. Im Einklang mit der multinationalen theosophischen Agenda unter Annie Besant entwickelte Steiner eine Esoterik, die explizit an das „christliche Abendland“ und die „deutsche Tradition“ anknüpfte. Diese Tendenzen verselbstständigten sich immer mehr. Sie waren dann auch wichtige Motive bei der Trennung von Theosophie und Anthroposophie 1912/3. Welchen Einfluss hatte der keine zwei Jahre später ausgebrochene Erste Weltkrieg auf die Entwicklung dieser jungen esoterischen Bewegung?

Peter Staudenmaier: Der Weltkrieg hatte einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Anthroposophie als Weltanschauung und als Bewegung. Das war kein mitteleuropäischer Sonderfall; der Krieg stellte eine grosse Herausforderung für theosophische Strömungen in der ganzen Welt dar. Besants eigene Äusserungen zum Krieg lassen sich durchaus mit Steiners Vorstellungen vergleichen. Beide haben landläufige Klischees übernommen und ihren vermeintlich internationalen Lehren eine dezidiert nationale Färbung gegeben, selbstverständlich in entgegengesetzter Richtung. Für Steiner wie für seine Anhänger – von wenigen, meist französischen, Ausnahmen abgesehen – rief der Weltkrieg eine deutliche Verstärkung der schon vormals auffallend deutschbetonten Elementen im anthroposophischen Weltbild hervor. So wurden Sendungsbewußtsein und Einkreisungsängste verknüpft und gesteigert. Dabei war Steiners Sichtweise stets wechselhaft. Seine Erkenntnis der Kriegslage sowie seine Deutung der behaupteten „geistigen Hintergründe“ des Kriegsgeschehens änderten sich von 1914 bis 1918 und darüber hinaus. Diese Wandlungen werden unter heutigen Anthroposophen oft nicht wahrgenommen. Für ein historisches Verständnis von Steiners Werdegang spielen sie aber eine wesentliche Rolle.

AM Steiner interpretierte den Krieg und Deutschlands Rolle weniger politisch als spirituell: Vor dem Hintergrund der ehernen kosmischen Evolution, in der die Missionen verschiedener Rassen und Nationen eine zentrale Rolle spielten. Was waren die Kernpunkte von Steiners Kriegsdeutung?

PS Der Grundgedanke kann treffend mit dem Begriff „nationalist cosmopolitanism“ erklärt werden. Für Steiner bestand die deutsche Mission gerade darin, das Eng-Nationale zu überwinden und das Allgemein-Menschliche zu verkörpern. Dies bedeutete eine deutsche Vorreiterrolle in der Weltentwicklung. Anthroposophen begrüßten den Krieg als eine „Zeitenwende, die Deutschland und dem germanischen Volkstum die Führerschaft im Gesamtbereiche der menschlichen Geisteskultur bringen wird.“ (Das Reich April 1916, S. 1) Steiner zufolge war der Krieg „im Karma der Völker begründet.“ Es musste geschehen „zum Heile der Menschheit.“ (Steiner, Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges, S. 19, 25) Als solche Standpunkte ab 1917 zunehmend unhaltbar wurden, kamen andere Töne zum Vorschein, und Steiner stellte die Mittelmächte als unschuldige Opfer eines lange vorbereiteten Planes vor, der Mitteleuropa zerstören und seine weltgeschichtlich entscheidende Aufgabe verhindern sollte. England, Frankreich, und Rußland wollten den Krieg und haben ihn geistig wie auch militärisch ausgelöst. Deutschland und Österreich wurde also ein Verteidigungskrieg aufgezwungen.

AM Auf welchen Quellen basierte – sieht man vom pro-bellizistischen und deutschnationalen Klima jener Jahre ab – Steiners Urteilsbildung zum Kriegsgeschehen?

PS Das ist immer noch schwer zu sagen, trotz neuer Veröffentlichungen wie z.B. die Neuedition der späteren Kriegsvorträge (Steiner, Zeitgeschichtliche Betrachtungen, 2011); in dieser und anderer Hinsicht fehlen bisher die notwendigen Vorarbeiten – selbst die Textgrundlage der Steiner zugeschriebenen Aussagen bleibt in vielen Fällen merkwürdig ungeklärt. Offensichtlich aber hat er viel Kriegsliteratur gelesen und eine geistig überhöhte Unschuldthese daraus entwickelt. Bei aller esoterischen Einzigartigkeit stand Steiner damit keinesfalls allein; solche Auffassungen waren unter deutschen Intellektuellen weit verbreitet. In unzähligen Druckschriften dieser Jahre wurde der Krieg zum geistigen Wettstreit und Kampf gegen den Materialismus verklärt.

AM 1914 hat Steiner auch die von der Theosophie geerbte „Esoterische Schule“ geschlossen – denn geheime irgendwie „freimaurerische“ Organisationen waren als verschworene „Kriegshetzer“ verdächtig, er selbst teilte diese Ressentiments über „okkulte Logen“. Spielten diese Verschwörungstheorien schon vor 1914 eine Rolle in seinem Werk? Wie kamen sie im Kontext des Ersten Weltkriegs auf?

PS Derartige Thesen in Steiners Schriften und Vorträgen vor 1914 sind mir unbekannt. Nach Kriegsbeginn sind sie aber recht schnell ins Blickfeld geraten; schon Ende September 1914 stand für Steiner fest, „daß dieser Krieg eine Verschwörung ist gegen deutsches Geistesleben.“ (Steiner, Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges, S. 27) 1916 war dann die Rede von „westeuropäischen Geheimgesellschaften“ und „okkulten Orden,“ die den Krieg jahrzehntelang vorbereitet hätten (Steiner, Mitteleuropa zwischen Ost und West, S. 109-10); auch Freimaurer treiben dabei ihr unheilvolles Wesen. Im letzten Kriegsjahr und erst recht nach der deutschen Niederlage wurde dieses Thema zu einem Leitmotiv anthroposophischen Denkens; siehe beispielsweise die Vorträge vom Dezember 1918 in Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit, S. 64-68, 255, 320, usw. Das wohl bekannteste Beispiel dieses anthroposophischen Verschwörungsmythos – von Steiner inspiriert, unterstützt, und gefördert – ist das Buch von Karl Heise, Entente-Freimaurerei und Weltkrieg (Basel 1919). Dieses Werk leistete einen bedeutenden Beitrag zur Verbreitung von antisemitischen undantifreimaurerischen Feindbilder in der Weimarer Zeit. Andere Anthroposophen bemühten die gleichen unseligen Märchen. So wetterte Wilhelm von Heydebrand gegen englische Okkultisten, Freimaurer, Juden, und Sozialisten, die den Weltkrieg entfesselten, um die „Vernichtung Deutschlands“ zu erreichen (Wilhelm von Heydebrand, „Ausführungen über gewisse Grundlagen der Politik“ Das Reich April 1919, S. 112-16). Düster deutete von Heydebrand an, daß „die Freimaurer-Logen der Anglo-Amerikaner und ihre romanischen Anhängsel stark von einem intellektuell hochentwickelten Judentum durchsetzt sind.“ (Wilhelm von Heydebrand, „Die schwarz-rot-gelbe Internationale und ihr Gegensatz“ Dreigliederung des sozialen Organismus Nr. 9, 1919) In anthroposophischen Darstellungen des Weltkrieges kehren okkulte Verschwörungen immer wieder, eine Tradition, die sich vom Kriegsende bis heute hartnäckig erhalten hat, von Ludwig Polzer-Hoditz über Renate Riemeck bis Thomas Meyer usw.

AM Als der Erste Weltkrieg ausbrach, beschwor Rudolf Steiner anfänglich seine versammelten Anhänger, die gerade in Dornach den sog. „Johannesbau“, das „Erste Goetheanum“ als Tempel des Steinerschen Geistes bauten, der Krieg sei ein tragisches Ereignis. Man müsse gegen die militärische Auseinandersetzung „einen Keim von Menschen mit brüderlicher Gesinnung über alle Nationen hinaus in uns selbst“ heranbilden. Ausführungen in diese Richtungen kehren in Steiners Vorträgen routiniert wieder. Wie vereinte er diesen theosophischen Kosmopolitismus mit seinem Enthusiasmus für den deutschen Geist?

PS Aus Steiners Sicht gab es da keinen Widerspruch; der deutsche Geist war eben der auserkorene Träger dieses spirituellen Kosmopolitismus, der Inbegriff des Allgemein-Menschlichen. In der historischen Perspektive sind solche Glaubenssätze nicht besonders verwunderlich. Steiners Dornacher Kriegsrhetorik war sowieso der außergewöhnlichen internationalen Zusammensetzung des sich dort aufhaltenden Personals geschuldet. Das der ‚Johannesbau’ überhaupt in der (neutralen) Schweiz entstand, und nicht in Deutschland, war eigentlich Zufall; er sollte ja in München gebaut werden. Der Münchener Bauplan wurde von den bayrischen Behörden erst Ende 1913 endgültig abgelehnt (wobei die Grundsteinlegung in Dornach schon im späten September 1913 erfolgte). Eine Vortäuschung war diese Beschwörung des internationalen Zusammenlebens allerdings nicht. In Steiners Augen gehörten die „Friedenssehnsucht“ und der „Friedenswille“ ganz einfach zur deutschen Strategie, das war fester Bestandteil seines Kriegsverständnisses. Deswegen begrüßte er z.B. das Friedensangebot der Mittelmächte vom Dezember 1916 als aufrichtigen Versöhnungsversuch und echte Chance für einen fairen und gerechten Verständigungsfrieden, unter völliger Verkennung der tatsächlichen Lage. (Siehe etwa den Vortrag in Basel vom 21. Dezember 1916, in der Erstausgabe der Zeitgeschichtlichen Betrachtungen (1966 bzw. 1983), S. 240-41 – ein Vortrag, der übrigens bezeichnenderweise in die Neuedition von 2011 nicht übernommen wurde.) Diese geschichtswissenschaftlich gesehen hoffnungslos naive Position wird erstaunlicherweise von heutigen Anthroposophen immer noch aufrechterhalten.

AM Steiner hat 1915 eine aggressiv nationalistische Schrift zur Apologie der deutschen Rolle verfasst, in der es hieß „Deutschlands Feinde“, hätten diesen Krieg seiner Nation „aufgezwungen“. Nach dem Krieg erschien keine Neuauflage, manche Quellen deuten an, er habe sich dezidiert dagegen ausgesprochen. Wie würden Sie diesen Vorgang interpretieren?

PS Nach der deutschen Niederlage im November 1918 hat Steiner seine Schrift Gedanken während der Zeit des Krieges von 1915 zwar bereut, offenbar aus Verlegenheit (Steiner, Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils, S. 46), aber inhaltlich ausdrücklich bestätigt (z.B. Steiner, Wie wirkt man für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, S. 228-29; vgl. Steiner, Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung, S. 136). 1915 rechnete er schließlich nicht mit einer Niederlage der Mittelmächte. In der Zwischenkriegszeit wurde die Schrift nicht verleugnet, sondern vielmehr in den Kanon der grundlegenden Werke Steiners aufgenommen, so etwa bei Karl Heyer, Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft (Stuttgart 1932); der Text wurde im Sammelband Rudolf Steiner während des Weltkrieges (Hg. Roman Boos, Dornach 1933) vollständig wiedergegeben. Außerdem waren Steiners Ideen ein Bezugspunkt für andere Schriftsteller aus dem esoterischen Umfeld, die sich ähnlicher Deutungsmuster bedienten. Einige Beispiele: Karl Heinz, Der Krieg im Lichte der okkulten Lehren: Ein Wort an die weiße Rasse (Breslau 1915); Friedrich Lienhard, Deutschlands europäische Sendung (Stuttgart 1915); Friedrich Rittelmeyer, Christ und Krieg (München 1916); Karl Heise, „Kriegs-Visionen“ Zentralblatt für Okkultismus, August 1917, 72-76. Noch auffälliger ist das Nachleben dieser Art von aggressiv-nationaler Apologie in anthroposophischen Zusammenhängen ab 1918. Hier eine kleine Stichprobe:

Fritz Kipp, „Zum Gedenktag für die Opfer des Weltkrieges“ Anthroposophie 4. September 1924; Jürgen von Grone, „Zum Tage von Versailles“ Anthroposophie 7. Juli 1929; Ernst Moll, „Der Krieg in Ost und West“ Die Christengemeinschaft März 1931; Jürgen von Grone, „Zum Kriegsausbruch 1914“ Die Drei Januar 1964; Jürgen von Grone, „Rudolf Steiners Handeln im Dienste Mitteleuropas“ Die Drei April 1969; Karl Buchleitner, Das Schicksal der anthroposophischen Bewegung und die Katastrophe Mitteleuropas (Schaffhausen 1997); Thomas Meyer, „Moltke, Steiner – und welche deutsche ‚Schuld’?“ Der Europäer Mai 2001; Andreas Bracher, Hg., Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges (Basel 2005).

AM Wie zentral war Steiners Beschäftigung mit dem Krieg für seine intellektuelle Biographie dieser Jahre? Er hat ja in diesen Jahren beispielsweise auch viel Zeit in die Überarbeitung und Aktualisierung seiner älteren Schriften investiert, die „Philosophie der Freiheit“ etwa oder „Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert“.

PS Es war eher Steiners normale Arbeitsweise, sich gleichzeitig mit mehreren Projekten verschiedenster Art zu beschäftigen; das war keine Besonderheit der Kriegsjahre. Die Stelle des Weltkrieges in seinem Denken während dieser Zeit ist nicht zuletzt deshalb schwer einzuschätzen, weil viele seiner Vorträge vor allem aus dem ersten Kriegsjahr noch nicht veröffentlicht sind (siehe die redaktionellen Notizen zu der Neuausgabe von Steiner, Zeitgeschichtliche Betrachtungen (2011), Bd. I, S. 449). Das unerwartete Ergebnis des Krieges führte anscheinend zu einem Umdenken und letzten Endes zu der Hinwendung zum Praktischen – Waldorfpädagogik, biologisch-dynamischer Landbau, anthroposophische Medizin, usw. – in den Nachkriegsjahren.

AM Welche Bedeutung hatte Steiners Metaphysik des Weltkrieges für die weitere Entwicklung der Anthroposophie 1918?

PS Eine wesentliche, aber keine eindeutige. Steiners Deutung der Ereignisse änderte sich im Laufe des Krieges, zunehmend gegen Ende der Kampfhandlungen. Das kommt vor allem an der Entstehung der „sozialen Dreigliederung“ zum Ausdruck. Die beiden Memoranden, die Steiner im Sommer 1917 schrieb, welche die Grundlage der Dreigliederungsidee bilden, spiegelten in gewissem Sinne seine letzten Hoffnungen wider, die letzten Vorstellungen einer möglichen positiven Auswirkung des Krieges im Zeichen „Mitteleuropas.“ Diese Memoranden waren aber gleichzeitig der Auftakt zu einer lang anhaltenden Polemik gegen „Wilsonismus“ und „westliche Demokratie“ und „Anglo-Amerikanertum“ usw. — Themen, die den anthroposophischen Diskurs bis weit in die Weimarer Zeit hinein prägten.

AM Im anthroposophischen Gedächtnis ist es u.a. dieses oben erwähnte Bild, das immer wieder pathetisch ausgemalt wird: Während man in Dornach die Kanonen von der Kriegsfront hört, bauen dort Anthroposophen und Steiner-Fans aus unterschiedlichen europäischen Nationen vereint am „Ersten Goetheanum“. Nun gibt es zwei unterschiedliche Interpretationen dieses Umstands. Einige Anthroposophen, wie Roman Boos, sahen darin einen Beweis dafür, dass Anthroposophen aus allen Ländern dank Steiner zum deutschen Geist fanden. Andere, wie Elisabeth Vreede, sahen in der faktischen Multinationalität der Goetheanum-Crew ein Exempel für die Erhabenheit der Anthroposophie über jeden Nationalismus. Was kann man aus der ambivalenten Deutung dieses Topos lernen?

PS Diese Ambivalenz ist in der Tat eine bemerkenswerte Folge der Frühgeschichte der anthroposophischen Bewegung. Letztendlich ist sie in der widersprüchlichen Einstellung zum Universalismus und zum Partikularismus begründet, welche Steiners Denken seit seiner Jugend im Habsburgerreich bezeichnete. Mit der Anthroposophie strebte Steiner eine grenzübergreifende Bewegung an, und er verstand seine Botschaft als eine universalistische. Dabei ist er in einem entscheidenden Punkt über seinen eigenen deutsch-österreichischen Hintergrund nie hinausgekommen: eine internationale bzw. multinationale Gemeinschaft stellte er sich als eine Art Völkervielfalt unter deutscher Hegemonie vor – einer geistigen Hegemonie, natürlich. Steiner dünkte sich über jeden Partikularismus, über jeden Nationalismus erhaben, blieb aber in einer nicht hinterfragten partikularen und nationalen Denkweise befangen, die er mit Universalismus verwechselte.

AM Immer wieder wird auch auf Steiners Beziehung zu Generalstabschef Helmut von Moltke verwiesen. Wie kann man sich beider Kontakt vorstellen und wie kam er zustande?

PS Moltkes Frau war eine engagierte Theosophin und Anthroposophin, und Moltke selber hegte ein ernsthaftes Interesse an esoterischen Themen. Steiner fungierte gelegentlich als sein spiritueller Berater. Der Chef des Generalstabes wiederum bot für Steiner eine Verbindung zu führenden Kreisen des Kaiserreichs. Moltkes Tod im Sommer 1916 kann man sogar as ersten erheblichen Wendepunkt in Steiners Kriegswahrnehmung sehen. Vor dem Kriegsausbruch war Moltke der maßgebliche Befürworter eines Präventivkrieges, nach dem Motto je früher desto besser. Nach der Marneschlacht wurde er, teilweise zu Unrecht, für die deutsche Niederlage verantwortlich gemacht. Steiner hat eine Mitschuld Moltkes am Kriegsausbruch unerschütterlich absgestritten, im vollkommenen Gegensatz zu den Tatsachen. Die Verbundenheit mit Moltke hat dann auch die weitere anthroposophische Beurteilung des Krieges beeinflusst, was die etwas willkürlichen Schuldzuweisungen nach November 1918 erklärt; Anthroposophen haben wahlweise Bethmann oder Jagow oder Falkenhayn verurteilt – nur nicht Moltke. Was aus nichtanthroposophischer Sicht bedeutsamer erscheint, ist das Auftauchen von esoterischen Komponenten in Moltkes Überlegungen zum Krieg. So schrieb er November 1914 – nach seiner Entlassung – in seinen „Betrachtungen und Erinnerungen“: „Dieser Krieg, den wir jetzt führen, war eine Notwendigkeit, die in der Weltentwickelung begründet ist.“ (Helmuth von Moltke, Erinnerungen, Briefe, Dokumente 1877–1916, Stuttgart 1922, S. 13)

Der Krieg folge „höheren Gesetzen“ und gehöre zu einem „Weltentwickelungsplan,“ durch welchen „die Kulturepochen sich in fortschreitender Folge ablösen, wie jedes Volk seine bestimmte Aufgabe in der Weltentwickelung zu erfüllen hat und wie diese Entwickelung sich in aufsteigender Linie vollzieht. So hat auch Deutschland seine Kulturaufgabe zu erfüllen. Die Erfüllung solcher Aufgaben vollzieht sich aber nicht ohne Reibungen, da immer Widerstände zu überwinden sind; sie können nur durch Krieg zur Entfaltung kommen.“ (ebd. S. 13) Sollte Deutschland „vernichtet“ werden, „so wäre damit das deutsche Geistesleben, das für die spirituelle Weiterentwickelung der Menschheit notwendig ist, und die deutsche Kultur ausgeschaltet; die Menschheit würde in ihrer Gesamtentwickelung in unheilvollster Weise zurückgeworfen werden.“ (S. 13-14) „Eine geistige Weiterentwickelung der Menschheit ist nur durch Deutschland möglich. Deshalb wird auch Deutschland in diesem Kriege nicht unterliegen, es ist das einzige Volk, das zur Zeit die Führung der Menschheit zu höheren Zielen übernehmen kann.“ (S. 14)

Ein Jahr später, November 1915, hielt Moltke fest, „daß dieser Krieg einen der großen Wendepunkte der Weltgeschichte bedeutet, daß sein Ausgang entscheidend sein wird für die Richtung, die der Menschheitsentwicklung, der Menschheitskultur auf Jahrhunderte hinaus gegeben werden wird.“ (S. 444) „Es handelt sich um etwas Höheres, darum, der gesamten Welt das führende deutsche Geistesleben zu erhalten. Deshalb ist es ein heiliger Krieg, den wir führen . . . “ (S. 391) Was Moltke betrifft, scheint ausnahmsweise ein ziemlich breiter anthroposophischer Konsens zu herrschen, von Willy Lochmann bis Jens Heisterkamp. Das ist kein gutes Zeichen für die anthroposophische Geschichtsaufarbeitung.

AM Gab es auch andere hochrangige Militärs mit anthroposophischen Interessen?

PS Ja. Die Biographin von Werner von Blomberg zum Beispiel schreibt über dessen „Vorliebe für die Anthroposophie und Theosophie“: Kirstin Schäfer, Werner von Blomberg: Hitlers erster Feldmarschall (Paderborn: Schöningh, 2006), S. 46, 127. Man findet Ähnliches in anderen Zusammenhängen auch; der englische General J.F.C. Fuller war zeitweise ein Anhänger Aleister Crowleys.

AM Gegner der Anthroposophie bis in die Nazizeit hinein haben immer wieder behauptet, Steiner habe Moltke „okkult“ manipuliert und dem deutschen Volk dadurch schaden wollen, ja er habe aktiv an der deutschen Niederlage mitgewirkt. Wieso war dies ein so beliebter Angriffspunkt?

PS Diese Anschuldigungen waren u.a. eine esoterisch verbrämte Variante der Dolchstoßlegende. Nach der deutschen Niederlage 1918 diente der inzwischen gestorbene Moltke leicht als Sündenbock, und man wollte unbedingt ein militärisches Versagen in irgendwas anderes verwandeln, um den Ruf der militärischen Führung zu wahren. Steiners vermeintlicher Einfluss bot eine geeignete Gelegenheit zur Denunziation. In Krisenzeiten sind „okkulte“ Erklärungen ohnehin gefragt.

AM Welche Rolle spielte der Topos „Steiner während des Weltkriegs“ umgekehrt: für Anthroposophen 1933-1945? Etwa für das Vorgehen gegen Nazigegner oder die Einschätzung des Zweiten Weltkriegs?

PS Das war ein beliebtes Thema nach 1933 bei führenden Anthroposophen wie Friedrich Rittelmeyer oder Erhard Bartsch, die Steiner zum heldenhaften Verfechter der deutschen Mission gegen die „okkulten Mächten des Westens“ hochstilisierten (Erhard Bartsch, „Rudolf Steiner während des Weltkrieges,“ Juli 1940, Bundesarchiv Berlin, NS 15 / 302: 57691; vgl. Friedrich Rittelmeyer an Erhard Bartsch, November 1934, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 90 P Nr. 33 / 3: 311, sowie Franz Krause, „Rudolf Steiner während des Weltkrieges“ Das Goetheanum 26. November 1933). Der herausragende Vertreter dieser Argumentation war Jürgen von Grone, der wiederholt überschwengliche Texte über Steiners heroische Haltung im Ersten Weltkrieg veröffentlichte und an verschiedene Nazi-Größen sandte (z.B. Jürgen von Grone, „Rudolf Steiner und das Deutschtum“ Korrespondenz der Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft April 1933; Jürgen von Grone, „Nachwort zu Versailles“ Korrespondenz der Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft August 1933; Jürgen von Grone, „Generaloberst von Moltke im Kriegsausbruch“ Korrespondenz der Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft Juli 1934; Jürgen von Grone, Denkschrift für Hermann Göring, Januar 1936, Bundesarchiv Berlin, R 58 / 6195: 382; Jürgen von Grone, „Vom Wirken Rudolf Steiners für das Deutschtum,“ Februar 1936, Bundesarchiv Berlin, NS 15 / 303: 58270).

Sogar der Zweite Weltkrieg wurde nach dem gleichen Muster gerechtfertigt. Im Juli 1940 geißelte Grone die „englischen Logenkreisen“ und „Geheimgesellschaften,“ die den Krieg von 1914 durch „okkulte Methoden“ angestiftet hätten um Deutschland auszurotten. Genau die gleichen Kräfte, schrieb Grone, seien an dem neuen Krieg schuld: die englischen „Freimaurerlogen“ mit ihrem „angelsächsischen Rassenegoismus,“ die „Hocharistokratie und Plutokratie,“ „die Oberschicht der Lords und Gentlemen,“ „die führenden Kreise der Hochfinanz“ usw. Um die deutsche „Sendung“ zu durchkreuzen habe England dem friedlichen Deutschland abermals einen Krieg aufgezwungen, „trotz weitestgehender Vorschläge und Bemühungen von seiten des Führers.“ (Jürgen von Grone, „In Memoriam Juli 1914“ Wir und die Welt Juli 1940, S. 282-89; vgl. Jürgen von Grone, „Herrschaftsziele des Empire: Vom Weltkrieg bis zum deutsch-englischen Krieg der Gegenwart“ Wir und die Welt September 1940, S. 377-79, und Jürgen von Grone, „Krise und Umschwung: Ein Blick hinter die Kulissen“ Wir und die Welt November 1942, S. 414-18)

AM Wie gehen englischsprachige Anthroposophen heute mit den deutschnationalen Tiraden Steiners und vieler seiner Anhänger um?

PS Diese Seite von Steiners Denken und Tun ist unter seinen englischsprachigen Anhängern weitgehend unbekannt, mit Ausnahme der anthroposophischen Verschwörungstheoretiker und Holocaustleugner, die mit solchen Thesen ausgeprochen gern weiterfaseln und ihre eigenen Geschichtsentstellungen begründen. Aber okkulte Verschwörungsfantasien im allgemeinen finden immerhin eine rege Anhängerschaft unter englischsprachigen Anthroposophen, und selbst Steiners Kriegsvorträge werden neuerdings stärker rezipiert, wenn auch in etwas mangelhafter Übersetzung. Eine bedenkliche Editionspolitik ist dabei im Spiel. Die gegenwärtige englische Ausgabe von Steiners Zeitgeschichtlichen Betrachtungen wurde vom Londoner Rudolf Steiner Press 2005 neuverlegt, d.h. vor Erscheinen der neuen deutschen Fassung; die englische Neuauflage beruht also auf einer wenige Jahre später für ungültig erklärten Grundlage. Ausserdem wurden die englischen Bände ausgerechnet von Terry Boardman herausgegeben, einem anthroposophischen Verschwörungstheoretiker reinsten Wassers, der alberne Vorstellungen zu Allerlei verbreitet, nicht nur zum Weltkrieg. Man stelle sich vor, der Rudolf Steiner Verlag würde die Herausgeberverantwortung für eine Steiner-Vortragsreihe Dieter Rüggeberg anvertrauen. Das ist ungefähr das Niveau von Boardman. Noch extremer sind die Überzeugungen von englischen und amerikanischen Anthroposophen wie Robert Mason oder Nicholas Kollerstrom, die Aufsätze wie „The Auschwitz ‘Gas Chamber’ Illusion“ propagieren.

Nun gibt es natürlich Ausnahmen, zum Beispiel Christoph Lindenberg, dessen Steiner-Biographie 2012 in englischer Übersetzung erschien (aber bisher anscheinend wenig gelesen wurde). Man möchte sagen können, für jeden Peter Selg und jeden Lorenzo Ravagli gebe es einen Christoph Lindenberg, aber soweit ich das überblicken kann, ist dies leider nicht der Fall. Und für jeden Haverbeck oder jeden Bondarew? Die altbekannte anthroposophische Schwierigkeit im Umgang mit der Geschichte, zumal der eigenen, kommt hier auf unerfreuliche Weise zum Tragen.

AM In der aktuellen Ausgabe der rechts-anthroposophischen Zeitschrift „Der Europäer“ (Basel) erscheint ein Artikel mit dem Titel „Zum Begräbnis der deutschen Alleinschuld-These“. In Anthroposophistan nimmt man seit neuestem auch gern auf Christopher Clarks „The Sleepwalkers“ (2012) bezug, das offensichtlich auch nicht davon ausgeht, Deutschland „allein“ sei am Krieg Schuld gewesen. Aber: Ist das wirklich eine neue historische Position? Und: Kann man wirklich sagen, dass die wissenschaftliche Debatte neuerdings anthroposophische Bewertungen des Ersten Weltkriegs teilt?

PS Das ist keineswegs eine neue historische Position. Von einer Alleinschuld Deutschlands ist so gut wie kein Historiker je ausgegangen, solche Behauptungen wurden fachintern nie ernst genommen. Clarks Buch Die Schlafwandler gibt eine altbewährte historische These wieder. Daß dies von Steiners Anhängern derart missverstanden wird, zeigt die Realitätsferne anthroposophischer Diskussionen (das gleiche gilt freilich für so manch andere öffentliche Diskussion heutzutage, ob in Deutschland oder in den USA). Die Meinungen zum Ersten Weltkrieg, die von vielen Anthroposophen geteilt werden, bestehen zum großen Teil nicht einmal aus falschen Bewertungen, sondern einfach aus Legenden, die einer auch nur oberflächlichen geschichtlichen Analyse nicht standhalten. In diesem Sinne gehen anthroposophische Stellungnahmen an der wissenschaftlichen Debatte schlicht vorbei.

AM Welche Antworten zur „Kriegsschuldfrage“ werden in der historischen Forschung zum Ersten Weltkrieg in der letzten Zeit geteilt und debattiert?

PS Die ganze Thematik ist nach wie vor Gegenstand einer lebhaften historischen Diskussion. Neue Forschungsergebnisse werden besprochen, neue Interpretationen erwogen, ältere Ansätze weiterentwickelt. Die „Kriegsschuldfrage“ als solche ist mittlerweile eher eine Frage nach den Kriegsursachen geworden, nach der Entstehung und Entwicklung der unmittelbaren Gründe für den Kriegsausbruch. Sowohl Deutschland als auch Österreich-Ungarn nehmen da einen Hauptplatz ein, neben England, Frankreich, Rußland, und Serbien. Geschichtswissenschaftlich gesehen sind die gängigen anthroposophischen Weltkriegsmythen nichts als Ausflüchte, ein Kapitulieren vor der Komplexität der Geschichte. Verschwörungstheorien sind überhaupt ein Sammelsurium aller möglichen Vermutungen, Gerüchten, und Verzerrungen ohne logischen Zusammenhang, und es wäre wohl verfehlt, hier ein stimmiges Argument zu erwarten. Dennoch könnte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der vielfältigen historischen Forschung zum Ersten Weltkrieg für Steiners Anhänger ein Anlass zum Nachdenken, zur Besinnung, Selbstreflexion und Neuorientierung sein.

AM Vielen Dank für dieses Interview!

Peter Staudenmaier ist Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University (Milwaukee, Wisconsin). 2010 promovierte er an der Cornell University zum Thema “Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the Politics of Race and Nation in Germany and Italy, 1900-1945.”


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„Ja, gewiss kam es zu Spannungen“ – ein Interview

24. April 2014 at 12:25 am 10 Kommentare

Michael Mentzel bestätigt: „Manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite“

Michael Mentzel („Themen der Zeit“) hat eine merkwürdige Replik auf meine Kritik an Holger Niederhausen geschrieben. Interessant daran ist, dass der fundamentalistische Niederhausen in der anthroposophischen Debattenkultur lange kaum erwähnt wurde. Doch dieser hat 2013 ein Buch wider den Religionswissenschaftler Helmut Zander geschrieben (so ein anthroposophisches Modephänomen). Offenbar bringt ihm das anthroposophischerseits nun plötzlich Aufmerksamkeit und Respekt ein – so die These meines besagten Artikels. Mentzel fühlt sich wohl ungerecht behandelt, schreibt jedenfalls:

Auf die Idee aber, dass jemand ein „frisch gewonnener Fan“ ist, weil er über ein bestimmtes Ereignis berichtet oder weil ein Buch „auf meinem Rezensionstisch liegt“, muss man auch erst einmal kommen.

So weit, so nachvollziehbar. Doch dann schwenkt Mentzel plötzlich um:

Die Suche nach dem Namen Niederhausen bei Themen der Zeit – mit ca. 1700 Beiträgen – blieb jedenfalls, bis auf den oben genannten Hinweis – erfolglos. Was allerdings nicht bedeuten muss, dass nicht auch durchaus manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite zu finden sind, den zu kommentieren sich lohnen würde. Und auch wenn ich kein „Fan“ von Niederhausen bin, was dieser möglicherweise gern bestätigen kann, mag Ansgar Martins demnächst wirklich einen Grund finden, im Hinblick auf diesen Autor etwas von meinem „üblichen Nonsens“ zu lesen. So lange aber wird er sich damit trösten müssen, dass ich vor einiger Zeit einen – nennt man das tatsächlich „Ohrwurm? – Ohrwurm hatte: „Der kleine Ansgar möchte aus dem Phantasialand abgeholt werden.“

Quod erat demonstrandum. Lange herrscht zu Niederhausen völliges Schweigen. Sobald dieser aber ein Buch gegen Zander schreibt, fällt Mentzel auf, dass „durchaus manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite zu finden sind“ [sic]. Und so werde ich hoffentlich in der Tat bald Gelegenheit haben, seinen üblichen Nonsens auch zu Niederhausen zu lesen. Fragt sich also mal wieder, was Mentzel eigentlich will – er bestätigt einerseits meine Thesen explizit, wirft sie mir aber gleichzeitig vor. Seine Ambivalenz bestätigt sich in seinem peinlichen „Ohrwurm“, den er sogar noch stolz mitteilen zu müssen meint: „Der kleine Ansgar möchte aus dem Phantasialand abgeholt werden.“ Tja dann.

Was genau ihn an meinem Artikel stört, dessen These er ja frei heraus bestätigt, erläutert Mentzel nicht. Stattdessen titelt er „The never ending Story. Martins, Zander und der Rest der Welt…“ Genau darum geht es in der Tat: Seit 2007 ist die routinierte und systematische, aber eben sachlich durch nichts begründete, anthroposophische Diffamierungsindustrie gegen Zander im Gange. Im selben Stil werden auch andere kritische Positionen abgehandelt, nicht zuletzt von Mentzel selbst. „Die unendliche Geschichte“ hatte ich bereits 2012 einen Artikel über dessen diesbezügliche Umtriebe genannt. Da er sogar meinen Titel übernimmt, scheint Mentzel auch hier nichts hinzuzufügen zu haben. Um doch noch irgendein Skandalon zu finden, spekuliert er wie üblich munter drauf los:

„Und deshalb erscheint es vielleicht nicht falsch, hier von Anmaßung zu sprechen und dem ‚Sternekoch Martins zu empfehlen, sich nicht nur mit der Suche nach den Haaren in der anthroposophischen Demeter-Suppe, sondern auch einmal mit Stilfragen zu beschäftigen. Im Leser der Martinischen Verse kann allerdings auch der leise Verdacht aufsteigen, dass dem jungen Autor – möglicherweise – Voegeles jüngster Beitrag zum Thema Steiner und der Erste Weltkrieg, nämlich das auch bei TdZ erschienene Interview mit Markus Osterrieder, nicht so recht gefallen haben mag, denn was Martins von diesem und dessen anthroposophischer Rezeption hält, durften wir unlängst in einer von Martins Wortwüsten zum Thema Steiner und der Erste Weltkrieg bewundern. Immerhin ist Voegeles Niederhausen-Rezension schon eine ganze Weile her.“

Mentzels Ideenlosigkeit ist enttäuschend. Tatsächlich war Osterrieder in eine Tagung involviert, der sich eine völkisch-konspirationstheoretische Verharmlosung von Erstem Weltkrieg und Nationalsozialismus nachtragen lässt. (vgl. Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus) Dass auch Mentzel an diesem Gedankengut nichts auszusetzen hat und Kritik an Osterrieders Thesen nicht nachvollziehen kann, kann ich mir gut vorstellen. Selbst dann hätte ihm aber auffallen können, dass im erwähnten Interview Vögele zu den anthroposophischen Verschwörungsphantasien kritisch Position bezieht:

„Am rechten Rand der anthroposophischen Bewegung existiert seit langem eine Subkultur mit eigenen Tagungen, Publikationen und Internetpräsenz. Zu ihren Themen gehören Holocaust-Relativierung, Einkreisungsphantasien, mehr oder weniger offener Antisemitismus, Antiamerikanismus usw. Offiziell wird darüber nicht gesprochen. Wäre aber die Anthroposophische Gesellschaft nicht verpflichtet, sich von diesen Kreisen, deren Angehörige größtenteils Mitglieder der AAG sind und sich auf Rudolf Steiner berufen, deutlich zu distanzieren?“

Dass ich Vögele gerade einen Punkt der Übereinstimmung vorwürfe, deshalb aber etwas ganz anderes tun würde, nämlich eine Rezension zu Niederhausen zu schreiben – auf sowas kommt auch nur Michael Mentzel. Das ist keine Polemik, ich wünsche es ihm nicht einmal. Über eine Kritik, die mehr als dadaistische „Ansgar Martins ist ein blöder Klugscheißer“-Assoziationen beinhaltete, wäre ich zu Abwechslung mal sehr erfreut. Doch genau diese Alogik, die alle relevanten Argumente umgeht, um dann an den Haaren irgendeinen Unsinn herbeizuzerren, ist leider typisch für „Themen der Zeit“ (vgl. Entwicklungsrichtung Anthroposophie, Mentzels Traum, Die unendliche Geschichte), aber längst nicht nur: Genauso läuft die anthroposophische Anti-Zander-Industrie, genauso vor allem Nierhausens Buch. Insofern kann ich Mentzel zustimmen, dass für ihn „manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite“ zu finden sei. Genau das hatte ich ja befürchtet: Auf einen Autoren wie Niederhausen und die Möglichkeit, sich seinem Holzhammerdogmatismus anzuschließen, haben Leute wie Mentzel mutmaßlich lange gewartet. Wolfgang Vögele scheint mir von dieser Tendenz aber doch auch deutlich auszunehmen zu sein – dessen Publikationen haben Gehalt und Substanz.

16. März 2014 at 5:16 pm 2 Kommentare

Unwahrheit versus Wissenschaft: Holger Niederhausen, Wolfgang G. Vögele und Helmut Zander

„…Krampf wird alles, was sie tun, und so gelangen sie am Ende zu einer Überbestimmung des Glaubens, die deutlich genug dessen Gebrechlichkeit beweist. Die Notwendigkeit, seelische Gegenstimmen zu übertönen, drängt ihnen einen die Gegebenheiten verfälschenden Fanatismus auf, Unsicherheit heißt sie ihre Sicherheit zu unterstreichen und zwingt sie dazu, die von ihnen angenommenen Lehren mit viel mehr Kraftaufwand zu vertreten als etwa die Echtgläubigen es tun, die einer solchen Verteidigungspose nach innen oder außen gar nicht bedürfen … Angst vor der Katastrophe, vor dem Zusammenbruch des allzu hastig aufgerichteten Gebäudes, durch dessen Errichtung sie sich den eigentlichen Zugang verbauen, treibt sie so zu immer weiterer Aufbauschung ihres Bekenntnisses an, das dann freilich … erschreckend hohl klingt.“ – Siegfried Kracauer: Die Wartenden (1922)

Seit Jahren arbeiten sich Anthroposophen an den Forschungsergebnissen Helmut Zanders ab, der die ersten umfassenden religionswissenschaftlichen Arbeiten zu Rudolf Steiners Esoterik vorgelegt hat. Der fanatisierte Holger Niederhausen hat jetzt die x-te Publikation auf den Markt geworfen, die Zander als hasserfüllten, antispirituellen Schwindler enthüllen soll. Sachlich ist jede Seite des Buches in regelrecht erstaunlichem Maße irrelevant, doch Niederhausen ist Symptom eines anthroposophischen Ungeistes, in den auch augenscheinlich reflektierte Anthroposophen bei Gelegenheit gern mal zurückkehren. Selbst mit der Steinerdeutung muss man’s nicht so genau nehmen, wenn man dafür vermeintliche Anthroposophiegegner beschimpfen kann. Niederhausens Salonfähigkeit zeigt, dass Helmut Zander tatsächlich in zumindest einem Punkt irrt: Die von ihm beschworene Liberalisierung der Anthroposophie ist, von einigen bemerkenswerten Inseln abgesehen, leider bestenfalls Zukunftsmusik.

Des Meisters letzter Jünger

Zu den unterhaltsamsten Anthroposophen gehört der frenetische Steiner-Missinterpret Holger Niederhausen: Anhänger der Plattitüden Mieke Mosmullers und ehemaliger Mitarbeiter der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Letztere haben ihm wohl gekündigt, weil er die Waldorfschulen für noch viel zu un-esoterisch und den wahren Intentionen Dr. Steiners nicht angemessen erklärte.

„Als ich 2009 privat (!) auf den Verlust der inneren Vertiefung innerhalb der Waldorfbewegung hinwies, mich mit prominenten Vertretern und deren Veröffentlichungen auseinandersetzte und mich für das Buch „Eine Klasse voller Engel“ der Anthroposophin Mieke Mosmuller einsetzte, die genau diese Vertiefung vertritt, wurde ich von den „Freunden der Erziehungskunst“, für die ich seit 12 Jahren tätig war, knallhart entlassen.“

schrieb Niederhausen Ende 2012. Diese Entlassung und die Uneigentlichkeit der blind-pragmatischen „Freunde der Erziehungskunst“ sei natürlich eine Sünde gegen Rudolf Steiner, die sich an allen Waldorfschulen breitmache:

„Viele Lehrer haben überhaupt keinen einzigen Bezug mehr zur Anthroposophie, bei vielen anderen ist der Bezug so dürftig, dass sie den Eltern nichts von einer geisteswissenschaftlichen Menschenkunde vermitteln können … Zustand einer Pädagogik, die in ihrem spirituellen Impuls ebenso gescheitert ist wie Rudolf Steiners Impuls der Weihnachtstagung. Letzteres hatte Rudolf Steiner vor seinem Tode mehrfach unmissverständlich angedeutet. Dass man jedoch die Lüge pflegte und bis heute fortsetzt, auch in Bezug auf die Waldorfpädagogik, anstatt durch den Mut zur vollen Wahrheit Möglichkeiten für völlige Neuanfänge zu schaffen, und sei es in kleinstem Maßstab, bedeutet geistig gleichsam die fortwährende Kreuzigung des Meisters des Abendlandes.“

Der „Meister des Abendlandes“ (eine der Lieblingsformulierungen Mosmullers) ist freilich Rudolf Steiner. Und dessen Intentionen vertreten in Niederhausens Augen offenbar erstmal nur Mosmuller und er selbst. Die meisten anderen anthroposophischen Stimmen haben den Meister zumindest nicht völlig verstanden und oftmals grob verfälscht (vgl. Niederhausens gesammelte Artikel hier). Niederhausen kennt aber nicht nur die wirklich echten Absichten Steiners. Inzwischen bietet der zum Mediator Fortgebildete auf seiner Webseite Seminare, Vorträge, Wirtschaftskurse für Oberstufenschüler, Photographie und persönliche spirituelle Lebensberatung an. Er hat auch ein „Menschliches Manifest“ und anderes verfasst, in denen er gegen Neoliberalismus und finstere Ökonomie die wahrsten Wahrheiten Rudolf Steiners zur Lösung der Finanzkrise ausbreitet.

„Was Rudolf Steiner sagt, ist so“

Mosmullers und Niederhausens Ansatz zur Steinerdeutung ist einfach und gut zu merken: „Was Rudolf Steiner sagt, ist so…“, lapidar begründet mit: „…dahinter kommt man immer mehr, je mehr man sich mit seinem Werk beschäftigt.“ (Mosmuller: Rudolf Steiner, S. 173) Niederhausen selbst: „[Steiner] brachte umfassend die Wege der Geisteswelt und er hat der Menschheit die Wege gewiesen, diese Geistwelt als ihre wahre Heimat wiederzufinden. Durch Rudolf Steiner ist das Erkennen christlich geworden. Er ist der Meister des Abendlandes.“ (Niederhausen: Unwahrheit und Wissenschaft, Baarle-Nassau 2013, S. 402) In einem geradezu naiv-realistischen Vorgehen gegenüber den Wortlauten Steiners heißt es, dass „aus diesen die Wahrheit sofort hervorginge.“ (S. 29) Steiners Vorstellungen seien also per se evident und notwendig allgemein.

Das gerade zitierte Buch „Unwahrheit und Wissenschaft“ ist 2013 in Mosmullers „occident“-Verlag erschienen und trägt den Untertitel „Helmut Zander und Rudolf Steiner“. Helmut Zander ist Theologe, Historiker und Professor für Religionswissenschaft in Fribourg (Schweiz). In der religionswissenschaftlichen Esoterikforschung gilt sein Werk „Anthroposophie in Deutschland“ (2007) als maßgebliche Referenz (vgl. Katharina Brandt/Olav Hammer: Rudolf Steiner and Theosophy, in: Hammer/Mikael Rothenstein: Handbook of the Theosophical Current, Leiden 2013, 113-134), als „beeindruckende Studie“ (Sabine Doering-Manteuffel: Das Okkulte, München 2008, 194), als „indispensable and almost inexhaustible foundation of all future scholarship on Anthroposophy.“ (Wouter Hanegraaff: Western Esotericism, London u.a. 2013, 179)

Die saubere Arbeit Zanders bringt es natürlich mit sich, dass die Mehrzahl der Anthroposophen ihn für einen entsetzlich bösen Menschen hält. Die Fronten erodieren in der letzten Zeit, wenn Zander etwa einen Artikel in der Zeitschrift „Info3“ schrieb oder vorher einen Vortrag im Kolloquium „Philosophie und Anthroposophie“ an der anthroposophischen Alanus Hochschule Bonn/Alfter hielt. Doch beides ist leider nicht repräsentativ: Der Forscher Zander ist inzwischen aus seinem Gegenstand nicht mehr wegzudenken, die „Methode Zander“ ist zum geflügelten Wort unter Anthroposophen geworden. Er gilt als Prototyp der Geistfeindschaft, Sklave des materialistischen Erzdämonen Ahriman, als „Gegner“ und „Verächter“ Steiners. Wie um eine von Zanders Hauptthesen unfreiwillig zu bestätigen – Theosophie und Anthroposophie seien als Gegenbewegungen zum Historismus zu deuten – wird dessen historisch-kritischer Methode eine ganze Flut von Artikeln und Büchern mitsamt einer Anti-Zander-Homepage entgegengestellt, in denen Steiners unfehlbare Hellsichtigkeit gegen deren zeitgenössische Verortung verteidigt werden soll. Man listet darin Detail-Fehler Zanders auf und erklärt dessen ganze Untersuchung damit für falsch und finster. In erschreckender Weise zeigen diese Schriftstücke, auf welchem Reflexionsniveau die anthroposophische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte noch herumkriecht (vgl. Anthroposophische Geschichtsschreibung, „Was hat man dir, du armes Kind, getan?“). Wieder sei betont: Es gibt einige und bemerkenswerte Ausnahmen, aber das ändert nichts an der Szenetendenz.

Vermeintliche Liberalisierung

Während also Anthroposophen Erbsen zählen, um Zanders historische Forschungen als fiese Verleumdungen des Spirituellen zu diffamieren, entgehen ihnen wie üblich seine realen Fehler. Zanders Perspektive hat in der Tat auch ihre toten Winkel:

„Anthroposophie im 20. Jahrhundert ist weit mehr als Traditionsverwaltung. Zu den Innovationen gehört vor allem eine Neudefinition der Rolle Rudolf Steiners: Vielen gilt er heute weniger als der Guru oder der Eingeweihte, der ein System letzter Wahrheiten eröffnet hat, sondern als ein Schlüssel zur Ermöglichung individueller Sinnsuche.“ (Zander: „Wie kann man mit Rudolf Steiner sprechen“, in: Research on Steiner Education, 2/2013)

Das mag hinsichtlich der „Wildwuchsmodernisierung“ an Waldorfschulen zutreffen. Zander (wie übrigens auch Niederhausen) unterstreicht zurecht, dass viele Waldorflehrer heute keine Anthroposophen mehr sind (die Nichtanthroposophen setzen sich aber mitnichten kritisch mit Anthroposophie auseinander, vgl. „Die richtige Gesinnung“). Unter organisierten Anthroposophen ist aber von Liberalisierung nur selten etwas zu spüren, sobald es ans Eingemachte geht. In der Tat ist die „Traditionsverwaltung“ inzwischen verschwunden, aber nur auf eine neue Ebene: Statt von einer zentralistischen Dornacher Führung wird die richtige Deutung Steiners nun in Kleinkriegen zwischen Kleinstverlagen von Archiati bis Perseus ausgetragen. Vor allem sieht kaum jemand die Steinerdeutung als individuelle Sinnsuche, die individuelle Auslegung wird vielmehr als die einzige richtige ausgegeben – das alte Problem der theosophischen Erkenntnisproduktion, das auch schon zur Abspaltung der Anthroposophen geführt hat.

Lange hat unter letzteren kaum jemand Niederhausen offiziell Beachtung geschenkt, sein Blog blieb ein Randphänomen der anthroposophischen Internetlandschaft. Nun ist Niederhausen aber auf den fahrenden Zug aufgesprungen und hat „Unwahrheit und Wissenschaft“ geschrieben, 414 Seiten über Zanders 2011 vorgelegte Steiner-Biographie. Offenbar Grund genug für eine plötzliche Rehabilitierung. Niederhausens groboberflächliche „Was Steiner sagt, ist so“-Haltung wird offenbar von einer Reihe von Anthroposophen sehnsuchtsvoll geteilt, die sich sonst reflektiert und hermeneutisch gewissenhaft präsentieren. Aber wenn Niederhausen schonmal was gegen Zander gesagt hat, darf man die theosophische Seele endlich wieder von allen ärgerlichen Einschränkungen und Bedingtheiten freimachen. Zu den frisch gewonnenen Fans gehören mit dem üblichen Nonsens anscheinend Michael Mentzel und Lorenzo Ravagli. Aber offenbar auch der eigentlich durch solide historische Dokumentationen bekannt gewordene Wolfgang G. Vögele, dessen Arbeiten ich jedenfalls für sehr fruchtbar halte und dem ich viele wertvolle Hinweise verdanke. Der müsste oder könnte es zwar besser wissen, bläst aber zum wiederholten Mal ins unter Anthroposophen seit 2007 nicht aus der Mode gekommene Anti-Zander-Horn. Die anthroposophische Ketzerjagd gegen Zander stellt er auf den Kopf und gibt sie allen Ernstes als subversive Aktion gegen den neuen Tugendterror aus:

„Prof. Zander repräsentiert eine hegemoniale konservative Kultur, der alles Neue schon verdächtig oder gefährlich erscheint. Von dieser sicheren Position aus ist es nicht schwer, weltanschauliche Minderheiten als Forschungsobjekte zu sezieren und sich damit im akademischen Kontext zu profilieren. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt sich Niederhausen gegen diese autoritäre Deutungshoheit des Schweizer Religionswissenschaftlers. Selbst wenn sein Engagement an Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen erinnert oder wie ein persönlicher Befreiungsschlag aussieht, verdient er doch Respekt. Niederhausens Ausdrucksweise ist unakademisch und leicht verständlich, seine Argumentation durchaus logisch und gewissenhaft. Auch wer schon frühere Widerlegungen der Zanderschen Arbeit durch andere Autoren kennt, wird in Niederhausens kritischer Studie manches Bedenkenswerte entdecken.“ (Vögele: Steiner-Biographie von Prof. Helmut Zander wird kritisch durchläuchtet)

Natürlich sind die Vorwürfe beliebig austauschbar: Rahel Uhlenhoff hält Zander etwa für frivol-postmodern. Vögeles urplötzliche Begeisterung für Niederhausens erzkonservative und epistemisch eitle Thesen exemplifiziert eine nahezu epidemische Haltung unter Anthroposophen zu jedem beliebigen Thema. Welches Reflexionsniveau dort auch immer erreicht wird, die meisten Beteiligten legen es gern und umgehend wieder ab, sobald ein neuer Einfall kommt, wie man sich trotzdem in Steiners Schoß kuscheln und alle Bedenken fahren lassen kann. Hatte, um ein weiteres Beispiel zu nennen, die in der Regel zuverlässige anthroposophische Nachrichtenagentur NNA, für die Vögele schreibt, 2012 einen soliden Bericht zu den Forschungen Peter Staudenmaiers publiziert, folgte 2014 die erleichterte Rücknahme in einer jubilierenden Diskreditierung Staudenmaiers.

Steiner vor Steiner retten

Welch alberne Konsequenzen dieses geist- und seelenlose Apologetentum hat, lässt sich an Vögeles Rezension zeigen. Da heißt es:

„Akribisch setzt sich Niedernhausen auch mit bekannten Vorwürfen gegen Rudolf Steiner auseinander, z.B. hinsichtlich Steiners akademischem Abschluss. Zander vermittele den Eindruck, Anthroposophen hätten das Ergebnis von Steiners Promotion bisher ängstlich verschwiegen. In Wahrheit hatten diese schon vor 20 Jahren eine gründliche Dokumentation über Steiners Dissertation veröffentlicht (Rudolf Steiner Studien, Band V, 1991, S. 202). Dabei geht es um das Wort „rite“ als Kennzeichnung von Steiners Dissertation, das Kritiker wie Zander als notenmäßige Bewertung deuten und daraus Steiners intellektuelle Unzulänglichkeit ableiteten. Obwohl im Protokoll des Promotionsverfahren stehe „Ein Praedicat wurde nicht beantragt“, sei für Zander klar: „Er bestand das Rigorosum (…), allerdings nur äußerst knapp mit der Bewertung ‚rite’.“ (Zander, S. 504) Niederhausen verweist demgegenüber auf eine Einschätzung von Ludger Jansen vom Institut für Philosophie der Universität Rostock, der erläutert: „Es ist wahrscheinlich, dass es bei externen Prüfungen nur um die Feststellung genügend (rite) oder ungenügend ging.“ Ein Werturteil sei damit nicht verbunden gewesen.“

Dass Steiners Note „rite“ (bestanden) lautete, ist nun erstmal ein Faktum und keiner der „bekannten Vorwürfe gegen Rudolf Steiner“, was immer das sonst so sein soll. Dass Rudolf Steiner unter Anthroposophen lange „Dr. Steiner“ hieß, bei gleichzeitiger Verachtung alles Akademischen selbstredend, dass seine beschauliche akademische Leistung dabei aber nicht zur Sprache kam, lässt sich nicht leugnen – das wird auch durch keine Publikation „schon vor 20 Jahren“ ausgeräumt. Vögeles Worte sind heiße Luft. Nichts an Niederhausens Behauptung ist „akribisch“, vielmehr beruft er sich auf einen „Erziehungskunst“-Artikel, in dem besagter Ludger Jansen bloß mit der These referiert wird, eine externe Promotion sei damals so abgelaufen, es sei nur um den Titel gegangen, der wichtig für die „akademische Anerkennung“ war. Steiners akademischer Laufbahn half der Doktorgrad keineswegs, denn die gab es schlicht nicht. Sein Plan, sich in Jena zu habilitieren, scheiterte, 1896 beendete er seine Arbeit am Goethe- und Schillerarchiv Weimar, es begannen seine „wilden“ Berliner Jahre. Noch 1891, während der Abfassung der Dissertation, hatte er in einem Brief an Pauline Specht geträumt:

„…daß ich innerlich mit Goetheforschung gar nichts mehr zu tun habe. Ach! Wenn doch nur meine hiesige Tätigkeit [an der Goethe-Ausgabe] der Puppen-Schlafzustand sein könnte, aus dem ich als Schmetterling heraus und in den heiteren Himmel der reinen, von aller Anhängerschaft freien, philosophischen Lehrtätigkeit fliegen könnte! Ich weiß sehr gut, daß man mir sagen wird, ich bewiese zu wenig Energie, um das herbeizuführen. Ich möchte diesem Vorwurfe am liebsten nichts entgegensetzen, denn ich mache ihn mir seit Wochen selbst täglich mehrmals.“ (GA 39, 93f.)

Aber nein – eine schlechte Note bei Steiner, die auch wirklich eine wäre, kann es nicht geben. Was wäre gewesen, wenn er mit einem „summa cum laude“ tatsächlich in den „heiteren Himmel der reinen, von aller Anhängerschaft freien, philosophischen Lehrtätigkeit“ geflogen wäre? Welche Konturen hätte Steiners Profil dann an- und eingenommen? Solche Fragen stellen sich brave Anthroposophen nicht. Steiners Lebensgang war von eherner Notwendigkeit – und dass er eine schlechte Note geschrieben hat, das ist die Schuld der bösen ‚Gegner‘, die es anführen. Welche Dramatik das für Steiners akademische Pläne hatte, interessiert einfach nicht. Ironischerweise kann man hier wie allerorten beobachten, wie heuchlerisch die anthroposophischen Versuche einer Steinerrettung oftmals sind: Es geht darum, das Bild der eigenen Ikone zu glätten, an seinen Worten spirituelle Erhebung zu erfahren – der Mensch Steiner ist jedem der bösen Kritiker wichtiger. Aus nichtanthroposophischer Sicht besonders irritierend: Warum meinen ausgerechnet Anthroposophen, Steiners Note rehabilitieren zu müssen, statt zu argumentieren, dass dessen Denkleistung davon unabhängig für sich selbst einstünde?

Kant und Christus

Niederhausens Recherche ist blamabel. Die Grundstruktur des Buches sind seitenweise aneinandergereihte Steinerzitate, die Niederhausen danach religiös verzückt zur Widerlegung jeder beliebigen Analyse Zanders (v)erklärt, auch wenn bisweilen kein Zusammenhang zwischen beidem besteht. Noch lästiger wird es, wenn Niederhausen Umstände referiert, die nicht aus Steiners Schriften stammen. Hier reihen sich Irrtümer, Halbwahrheiten und Verwechslungen. Da muss schonmal Wikipedia als Quelle herhalten (S. 76), auch noch zu Ernst Haeckel, von dem und über den es auch für Lesefaule online reichlich Material gäbe. Die Arbeiterbildungsschule Berlin, an der Steiner um 1900 eine Anstellung fand, soll von Karl Liebknecht gegründet worden sein (S. 86, tatsächlich war der Gründer dessen Vater Wilhelm gewesen). Das wenigstens hätte Niederhausen von Wikipedia lernen können. Dagegen scheinen alle jeweils einschlägigen Ereignisangaben Zanders an Niederhausen einfach vorbeigegangen zu sein. Der ist zu sehr damit beschäftigt, nach Bösartigkeiten zu suchen.

Ein Beispiel: Zander schreibt über Steiners frühe Lektüre der „Kritik der reinen Vernunft“ und bemerkt nebenbei: „Bei all dem ist Steiner ein Erinnerungsfehler, vielleicht eine weitere Freudsche Fehlleistung unterlaufen, indem er seine Kant-Lektüre weiter zurück in seine Biografie verlegte, als es die Wirklichkeit hergab.“ (Rudolf Steiner, S. 22) Eigentlich kein alarmierender und jedenfalls kein in Anthroposophistan unbekannter Umstand. Schon Steiners Biograph Christoph Lindenberg bemerkte in seiner kanonischen Steiner-Biographie, die Niederhausen an anderer Stelle gegen Zander auszuspielen versucht:

„Schließlich ist auf zwei Eigentümlichkeiten der Autobiographie Steiners aufmerksam zu machen. Steiner stellt die Ereignisse nicht immer in zeitlicher Reihenfolge dar … An anderen Stellen, namentlich in Vorträgen, neigt Rudolf Steiner dazu, Ereignisse, die auf anderem Wege exakt datierbar sind, zu früh anzusetzen … Über seine erste Kant-Lektüre berichtet er in dem autobiographischen Vortragvom 4. Februar 1913, er sei damals ‚zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Jahre‘ gewesen. Anhand des Erscheinungsdatums der stets von Steiner erwähnten Reclam-Ausgabe, in der er Kant gelesen hat, die im Frühjahr 1877 erschienen ist, ist davon auszugehen, dass Steiner ‚Die Kritik der reinen Vernunft‘ frühestens im Mai 1877 in die Hand bekommen hat. Er war also sechzehn Jahre alt.“ (Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie (1977), Stuttgart 2011, S. 19)

Tatsächlich hätte Niederhausen hier auf einen Fehler Zanders hinweisen können: Der gibt an, die falsche Datierung finde sich in Steiners „Mein Lebensgang“, während sie im von Lindenberg erwähnten Vortrag von 1913 steht. Stattdessen findet sich verwirrtes und verwirrendes im Stil von: „Steiner hat nie behauptet, er habe Kant mit dreizehn[?!] oder vierzehn gelesen!“ In Zanders schlicht korrekter Zeitangabe sieht er „ein starkes Urteil, eine dezidierte Haltung, ein schwerer Vorwurf.“ (S. 29)  So vermischt sich Niederhausens offenbar doch nicht allzu innige Kenntnis des Steinerschen Werks mit seiner Prämisse, Zander sei verlogen und böse, so dass auch jeder von Steiners Fehlern dem Religionswissenschaftler angelastet wird. Regelrecht unerträglich wird Niederhausens Gesinnungsimperialismus schließlich, wenn es um Steiners Wende zum Christentum ging.

„‚Zum Christen geworden‘ – bei Zander klingt dieser Satz wie eine Kategorie, eine Schublade, als sei Steiner dann endlich ‚in den Schoß der Kirche‘ eingekehrt. Und zugleich ‚weiß‘ Zander schon bei diesem Satz, dass Steiners Christentum natürlich nicht einmal das wahre ist, weil er ja lauter Irrlehren verkünde…“ (S. 207)

Dieser Stil zieht sich durch ausnahmslos alle der 400 Seiten. Natürlich hat Zander nirgends geschrieben, Steiner verkünde Irrlehren, nirgends, er sei in den Schoß der Kirche eingekehrt (war ja auch nie so). Niederhausen hält Steiners Wortlaute für unmittelbar evidente Tatsächlichkeiten und jeden Versuch Zanders, diese zu bezeichnen, zu interpretieren oder zu paraphrasieren, für wüste Beschimpfung. Und genau wie Steiner ist auch Zander für Niederhausen pure Projektionsfläche, hinter jedem Halbsatz werden wüsteste Unterstellungen vermutet, nein: gewusst. Zanders angebliche Denunziationen werden gar als indirekte Zitate bzw. Paraphrasen ausgegeben. Daneben findet sich ein renitenter Antikatholizismus und Antimaterialismus, der in der Stimmungmache den üblichen Einkreisungsphantasien entspricht. Gehörte derartiges schon zu Ravaglis Stilblüten, so stellt man bei Niederhausen fest, dass dieser tatsächlich jede Seite (die nicht von Steinerzitaten und -lobhudeleien eingenommen wird) genau so füllt. Eine Seite nach der eben zitierten heißt es dann:

„Wir müssen wirklich aufhören, ‚Christ‘ nur denjenigen Menschen zu nennen, der mit gewissen Empfindungen und Vorstellungen an ‚Christus‘ glaubt, was auch immer das im Einzelnen heißen mag, und wir müssen anfangen, uns zu fragen, wer Christus wirklich ist und wann ein Mensch mit Seinem Impuls in realer Verbindung steht und ihm dient…“ (S. 208)

Auch das ist in einigen anthroposophischen Kreisen Konsens: Mir sind schon Gandhi oder Buber als „Christen“ präsentiert worden. An der Betitelung alles Löblichen als christlich zeigt sich das typische Unverständnis gegenüber anderen Religionen, die einfach nicht wahrgenommen werden bzw. als überholt und christlich (heißt: anthroposophisch) zu läutern gelten. Wahrscheinlich kann Niederhausen sich gar nicht vorstellen, was an dieser zynischen Etikettierung verletzend ist.

Tatsachen: Rassen und Volksgeister

Das legt m.E. auch das entsetzlichste Kapitel des Buches nahe, Titel:  „Die heillose Frage nach den Rassen“. (S. 155-172) Dessen Fazit verkündet, was auch schon Lorenzo Ravagli wusste. Steiner habe keine Rassenlehre vertreten, von der man sich also auch gar nicht distanzieren könne, dafür sei, man ahnt es schon, Zander ein richtig schlimmer Rassist:

„Auf diese Weise würde man dahin kommen, die massiv diskriminierenden Worte, Sätze, Deutungen etc. von Helmut Zander wirklich – und auch stark – zu empfinden. Sein Werk, so wird man dann unmittelbar erleben, bietet unendlich viele Stellen, die es notwendig machen, sich von ihm mit vollem Recht zu distanzieren, weil in ihm die innere Form des Rassismus wirklich wirksam wird…“ (S. 171f.)

Niederhausen stellt klar, dass Steiners Äußerungen über ‚Rassen‘ im Rahmen seiner komplexen kosmischen Evolution zu verstehen sind. Das ist richtig. Weiter:

„Einzig und allein vor diesem Hintergrund einer immer wieder die ganze Erden- und Menschheitsentwicklung betrachtenden Perspektive sprach Rudolf Steiner dann auch von den Differenzierungen, wie sie heute zu erleben sind. Verliert man aber den realen Begriff und das reale Erleben solcher Differenzierungen, gerät man in diejenige Verirrung, die dem Rassismus und seinen Abwertungen zunächst polar entgegengesetzt ist: Man kommt zu einem ganz abstrakten Begriff der „einen Menschheit“. Dann aber gerät man, gerade weil man die (auch) existierenden Differenzierungen übersieht, die natürlich trotzdem wirksam sind, in einen heillosen Kampf der Kulturen, Nationalismen und so weiter. Gerade der Nationalsozialismus treibt uns in das Vorurteil, das ihm entgegengesetzt ist: Wir wollen keine Unterschiede mehr sehen, wir haben eine Furcht vor dem Unterschied, weil wir Angst davor haben, dann schon ein „Vorurteil“ zu haben. Das wirkliche Vorurteil beginnt jedoch erst da, wo wir Unterschiede persönlich bewerten. Ein alter Mann ist alt und ein junges Kind ist jung – ist es ein Vorurteil, diesen Unterschied festzustellen? Ein alter Mann wird bald sterben. Ist das ein Vorurteil? Das Vorurteil beginnt erst mit der persönlichen Wertung – die Beschreibung von Tatsachen sind Tatsachen, auch wenn man sie persönlich anzweifeln oder unsympathisch finden mag…“ (S. 166f.)

Heißt wieder: Steiners Aussagen sind Tatsachen. Niederhausen bejaht damit explizit alles, was Steiner zum Thema „Rasse“ gesagt hat. Im Stil eines Sarrazin beklagt er den schrecklichen, aufdiktierten Egalitarismus. Und praktiziert ipsum actu genau das, was Zander in seiner Steiner-Biographie feststellt:

„Mit seiner Konsequenz hat Steiner der Anthroposophie ein bitteres Erbe aufgebürdet, dessen Schlagschatten bis in die Gegenwart reichen. Die Indianer ‚degenerieren‘ eben immer noch, während die weiße Rasse weiterhin ‚am Geiste schafft‘.“ (Zander: Rudolf Steiner, 185f.)

Tatsachen sind eben Tatsachen. Niederhausen scheint entschlossen, der Anthroposophie auch noch den letzten Funken Geist auszutreiben. Er ersetzt schnödesten Positivismus („den Mythos dessen, was ist“) durch den Mythos dessen, was Steiner gesagt hat. Und Steiners Aussagen bezweifeln, heißt Tatsachen ignorieren, die eben so sind wie sie sind, weil sie sind, wie es … Steiner gesagt hat. Umgang mit Multikulturalität bedeutet entsprechend, Steiners Aussagen über egomanische Amerikaner, erstarrte Juden, luziferische Araber, triebgesteuerte „Neger“ und passive Asiaten ernstzunehmen, die zu zitieren Niederhausen sich freilich sorgsam enthält.

Ja, er bemüht sich sogar, die anthropologische Relevanz von Steiners Rassentheorie für die Anthroposophie interpretatorisch abzuschwächen: „Entscheidend ist, dass es hier [bei Steiners Aussagen über ‚Rasse‘] wirklich nur um die Frage der Leibesgrundlage geht.“ (S. 167f.) Das Gegenteil ist der Fall: Als hätte Steiner die vermeintliche Rassendifferenzierung nicht ausdrücklich als Produkt spiritueller Impulse dargestellt. Als basierten nicht schon Waldorf und anthroposophische Medizin auf der Annahme, dass Leib, Seele und Geist eine Gesamtheit darstellen, in der alles zusammen und ineinander wirkt. Das weiß Niederhausen durchaus, an anderer Stelle heißt es beispielsweise: „Es war die bahnbrechende Entdeckung Rudolf Steiners, dass es dieselben Kräfte im Menschen sind, die einerseits für das Wachstum verantwortlich sind und mit denen andererseits der Mensch sein Denken entfaltet.“ (S. 331)

Aber wieder verfälscht der treue Anthroposoph Steiner bereitwillig, wo nötig und zur Apologie der Rassenlehre wird Steiners Ontologie des Leibes zur bloßen Bezeichnung von Physis erklärt. Die Pointe der Steinerschen Rassenlehre war 1923, dass „Indianer“ Degenerationsprodukte ausgewanderter „Neger“ und „Malayen“ durch Auswanderung zu „unbrauchbaren Menschen“ gewordene „Mongolen“ seien. Weiter:

„Die Weißen sind eigentlich diejenigen, die das Menschliche in sich entwickeln. Daher sind sie auf sich selber angewiesen … alles dasjenige, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, das sind ja die Dinge, die im Leibe des Menschen vor sich gehen. Die Seele und der Geist sind mehr oder weniger unabhängig davon. Daher kann der Europäer, weil ihn Seele und Geist am meisten in Anspruch nimmt, Seele und Geist am meisten verarbeiten. Der kann es am ehesten vertragen, in verschiedene Erdteile zu gehen.“ (GA 349, 62)

Gerade die Weißen zeichnen sich für Steiner durch ihre Geistigkeit und Leibesunabhängigkeit aus: „Eine Aufgabe, die besonders der kaukasischen Rasse obliegt, ist die: Sie soll den Weg machen durch die Sinne zum Geistigen…“ (GA 121, 115)

Und um kein Fettnäpfchen auszulassen, beruft Niederhausen sich dann auf die unvermeidliche Niederländische (Anthroposophen-)Studie, die Steiner 12 „aus heutiger Sicht“ nach niederländischem Recht strafbare Äußerungen nachwies. Als ob das irgendeine Relevanz hätte! Zum einen sind die Auswahlkriterien intransparent, da viele der hässlicheren Aussagen Steiners im Buch zwar genannt, aber nicht als „diskriminierend“ eingestuft werden. Zum anderen ist diese heutige juristische Etikettierung kein bisschen hilfreich, um einen Autoren zu verstehen, der 1925 gestorben ist. Dafür muss man sich dessen Äußerungen über ‚Rasse‘ im Kontext seiner spirituellen Evolutionslehre wie der Rassentheorien seiner Zeit anschauen.

„Trotz allem die Rettung“: Der Erste Weltkrieg

Übersinnliche Tatsachen erforderten in Niederhausens Sicht auch den Ersten Weltkrieg. Zwar unterschlägt er alle von Steiners deutschnationalen Äußerungen zwischen 1914 und 1918 (wie er auch nur ein einziges Originalzitat aus Steiners Rassenlehre, über die schweren Knochen der „Indianer“,  anbringt). Aber was er davon hält, kommt durch. „Man braucht in Anbetracht der Schrecken des Krieges eine doppelte Perspektive. Vom gewöhnlich-menschlichen Urteil aus ist ein Krieg immer sinnlos, ist jedes Opfer zu viel. Mit dem gleichen Recht könnte man aber auch alles Leid in der Welt als sinnlos betrachten.“ (S. 276) Denn Leid und Schmerz müssen sein, da „aus dem Leid schließlich ganz Neues, Tiefes, unendlich Kostbares hervorgehen kann“, auch wenn Niederhausen sog. „sinnlose Einschläge  von Sinnlosigkeit“ zugibt. Der Erste Weltkrieg habe zum Beispiel irgendwie geholfen, „den Materialismus“ „in der Seele des Einzelnen“ zu überwinden.

„Man kann hinter den Geschehnissen auch das Wirken übersinnlicher Wesenheiten sehen, seien es es Volksgeister, seien es Dämonen oder noch andere Wesenheiten. Man muss dann noch immer nicht einen menschlichen ‚Sinn‘ hinter dem Krieg erkennen, aber kann erkennen, dass diese Dinge geschehen müssen [!], wenn diese Wesenheiten in bestimmter Weise aufeinanderstoßen, wirken und so weiter.“ (S. 277)

Dass Zander die entsprechenden Vorstellungen Steiners als „deterministisch“ bezeichnet, findet Niederhausen ungerecht und unerklärlich: „Was will Zander – außer dass er jedes spirituelle Geschehen leugnet – mit einer solchen Formulierung überhaupt ausdrücken?“ (S. 274) Um dann keine vier Seiten später zu schreiben:

„Und schließlich ist es auch möglich, dass höhere Wesenheiten einen Krieg ’schicken‘, weil in der Menschheit etwas erreicht werden muss – wenn nicht eine noch größere Tragik geschehen soll. Wenn zum Beispiel der Materialismus in den allerfurchtbarsten Untergang führt, dann ist ein furchtbarster Krieg, der diesen Materialismus überwinden hilft, trotz allem die Rettung.“ (S. 277f.)

Sein Buch fällt sogar noch hinter Ravaglis „Zanders Erzählungen“ zurück. Letzteres kann den einen oder anderen realen Fehler des Historikers nachweisen, Niederhausen echauffiert sich im wesentlichen über Formulierungsdetails bei Zander, dessen Bösartigkeit, Niederträchtigkeit, Fahrlässigkeit, Aggression und Dummheit Seite für Seite blumiger ausgemalt wird. Das war von diesem Schreiberling zwar nicht anders zu erwarten. Dass Ravagli aber und selbst ein Wolfgang Vögele das Buch feiern, ist viel erschreckender. Denn das legt nahe, dass die Ideologie eines Holger Niederhausen für das anthroposophische Milieu auch heute noch repräsentativ ist. Der Titel „Unwahrheit und Wissenschaft“ wirkt vor diesem Hintergrund unfreiwillig konfessorisch.

15. März 2014 at 11:43 pm 6 Kommentare

Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus: Wie England den Deutschen Volksgeist zerstörte

Rudolf Steiner war vieles, aber kein Freund weltanschaulicher Kompromisse. Im Ersten Weltkrieg lief der esoterische Vollzeitpatriot zur völkischen Höchstform auf: Alle Welt habe sich gegen das ehrliche, freiheitsliebende Deutschland verschworen. Seine völker- und rassentheoretischen Positionen hat der Anthroposoph niemals zu revidiert. Umso bemerkenswerter, dass er nach dem Ersten Weltkrieg die vorher apodiktisch abgelehnte Schuld Deutschlands an diesem Krieg eingestand: „Die Welt will ein ehrliches Wahrheitsbekenntnis des deutschen Volkes … Und diese Wahrheit, sie ergibt, recht gelesen, die restlose Verurteilung der deutschen Politik. Eine Verurteilung, die schärfer nicht sein könnte.“ (GA 24, 387)

Trotz dieser (impliziten Selbst-)Kritik Steiners haben sich seine Gedanken während der Zeit des Krieges in Anthroposophistan bis heute nicht erledigt. Wer denkt, geschichtsrevisionistisches und verschwörungstheoretisches Gedankengut spiele in heutigen anthroposophischen Kreisen keine Rolle mehr, kann sich jedenfalls in der aktuellen Ausgabe von „Anthroposophie weltweit – Mitteilungen Deutschland“ (11/2013, S. 6) eines Besseren belehren lassen. Dort wird über eine Tagung der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft berichtet, die vom 3. bis zum 6. Oktober 2013 in Kassel stattfand. Der Pathos, mit dem im Mitteilungsblatt über die Veranstaltung berichtet wird, zeigt, wie sehnsuchtsvoll anscheinend auch viele heutige Anthroposophen am deutschen Wesen genesen möchten:

„Die mit Recht groß angekündigte Kassler Herbsttagung zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges und zu Rudolf Steiners diesbezüglichen Aussagen war nicht nur für die Veranstalter, die AGiD und den Kassler Zweig, ein großartiger Erfolg, sondern auch für die etwa 250 Besucherinnen und Besucher ein einmaliges, unvergessliches Erlebnis.“ (Verlust der Mitte – das tragische Schicksal Mitteleuropas, ebd.)

Zweifellos. Denn die 250 Besucherinnen und Besucher hörten Thesen, die auch Steiner schon im Ersten Weltkrieg von sich gab: Der kosmpolitische „deutsche Geist“ und seine Inkarnationsplattform „Mitteleuropa“ stehen für den universellen Frieden. Der wurde verhindert, und zwar von allerlei Geheimbünden, die sich hinter konkurrierenden esoterischen Fraktionen (namentlich der Theosophie), den USA und England verstecken. Letztere beherrschen die Welt mehr oder weniger vollständig, haben aber zumindest die deutsche Mission (deren wichtigstes Medium natürlich die Anthroposophie ist) erfolgreich an seiner weltumspannenden Sendung gehindert.

heise-karte

„In den geheimen Zirkeln der englisch sprechenden Welt“ ersonnene „Neugestaltung Europas“: Verschwörungstheoretische Karte Steiners, abgedruckt bei dessen Schüler Karl Heise: Entente-Freimaurerei und Weltkrieg (Basel 1918). Heise, Anhänger der Ariosophie, arbeitete später mit Alfred Rosenberg zusammen und wurde auch von Himmler geschätzt.

Vom romantischen Protest gegen die Aufklärung zum reaktionären gegen die Weimarer Demokratie haben einsame deutsche Seelen sich mit solchen Elementen aus dem nationalen Verschwörungsbaukasten die wärmende Brust ihrer „Volksseele“ zusammengezimmert. Solchermaßen vor kritischen Einsichten in Geschichte und Gesellschaft geschützt, ließ sich das Modell auch problemlos ins 20. und 21. Jahrhundert übertragen. Zwar ist in der anthroposophischen Bewegung ständig von „Menschheitsentwickelung“ und einem fortschrittsoptimistischen Konzept der Bewusstseinsgeschichte die Rede. Die Geschichte seit 1918 scheinen die Referenten oder jedenfalls der zitierte Berichterstatter der Tagung zwar abstrakt zur Kenntnis genommen, aber, mit Verlaub, nicht wirklich nachvollzogen zu haben: Wenn im eingangs erwähnten Tagungsbericht die „80er Jahre“ angeführt werden, bezieht sich das auf das 19. Jahrhundert. Wenn Stephan Stockmar (s.u.) in einer Paraphrase des Hauptredners Markus Osterrieder von „den Juden“ spricht, dann, um an deren sog. „Heimatlosigkeit“ zu erinnern – als wäre nicht zwischenzeitlich Israel gegründet worden. Wenn der Flyer der Tagung „die europäische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ erwähnt, ist damit nicht etwa die Shoa oder der Zweite Weltkrieg gemeint, sondern das „geschichtliche Geschehen“ des Ersten, in dem Rudolf Steiner sukzessive ab 1917 seine sog. „Friedensinitiative“ der Sozialen Dreigliederung entwickelte.

Deren faktische Irrelevanz ist natürlich auf das ‚Angloamerikanertum‘ zurückzuführen. Dass der Westen sich gegen „Mitteleuropa“ verschworen habe, ist jedenfalls für den Berichterstatter in „Anthroposophie weltweit“ eine zentrale Botschaft der Tagung gewesen:

„Gehen wir ein wenig in die Details von Osterrieders und Boardmans Darstellungen, dann zeigte sich vor allem Eines: die zielsichere Instinkthaftigkeit derer, die von westlicher, vor allem britischer Seite aus seit den 80er Jahren an der Vorbereitung der Neuordnung Europas durch die Inszenierung nicht nur des Ersten, sondern auch des Zweiten Weltkrieges mitgearbeitet hatten. Fast blieb einem bei manchen Darstellungen Boardmans, die britische Seite betreffend, angesichts der Eindeutigkeit des hier Enthüllten der Atem stehen. Könnte Boardman vor englischem Publikum solche Enthüllungen ungehindert aussprechen? Man war geneigt, solches zu bezweifeln.“ (ebd.)

Nicht nur den Ersten, sondern auch den Zweiten Weltkrieg hatte also die ‚westliche‘, ‚britische‘ Welt zu verschulden. Dies ist Geschichtsrevisionismus in mindestens zwei wohl bekannten Kategorien: Die Verschwörungstheorie einer „Kriegsschuldlüge“ wird ebenso aufgetischt wie eine (gleichwohl implizite, auf Verschweigen beruhende) Relativierung der Alleinschuld der Nazis am Zweiten Weltkrieg. Dazu kommen diverse abstruse Vorstellungen über ‚okkulte Logen‘ auf der Hinterbühne des Weltgeschehens. Der pauschale Ausdruck Geschichtsrevisionismus ist aber schwammig, weil die Geschichte hier auf spezifisch anthroposophische Weise revidiert wird. So werden, und das ist durchaus bemerkenswert, keine klassisch-revisionistischen Argumente angeführt: Zweifellos würden die Referenten solche in ihren vulgären, etwa rechtsradikalen Formen, auch deutlich ablehnen. Vielmehr überlagert eine theosophisch-okkultistische Geschichtsdeutung so gut wie alles, was wir heute über die behandelten Ereignisse wissen. Nationalsozialismus, Kaiserreich, Deutschnationalismus, Antisemitismus, Militarismus usw. usf. werden nicht etwa willentlich einer Apologie unterzogen, sondern schlicht und ergreifend ausgeblendet. In der anthroposophischen Geschichtsmetaphysik ist allem Anschein nach angesichts der Steinerschen Verschwörungstheorien für die reale Geschichte Deutschlands kein Platz.

Erster und Zweiter Weltkrieg sind vielmehr in erster Linie Beiprodukte der englischen Herrschaftspläne, durch die an der sog. „Neuordnung Europas“ „mitgearbeitet“ worden sei. Was genau da „enthüllt“ wurde, liest sich in der Paraphrase von Stephan Stockmar, Chefredakteur der Zeitschrift „Die Drei“, wie folgt: Wikinger und Araber haben den englischen Geist zur Weltherrschaft geführt und dieser hat die Regierung inzwischen an die USA abgetreten. Oder ausführlicher:

„Terry Boardman, Autor und Dozent aus England, zeichnete in seinem Vortrag den Weg »Vom englischen zum amerikanischen Weltreich« nach. Auch er nahm im frühen Mittelalter seinen Ausgangspunkt, als England von Norden her dem Einfluss der rücksichtslos erobernden, seefahrenden Wikinger ausgesetzt war und von Süden her dem der arabischen Welt, der seinen Niederschlag in der Intellektualität von Oxford und Cambridge fand. Über den Hundertjährigen Krieg und die imperiale Epoche, als sich die Engländer als von Gott erwähltes Volk verstanden, die Gründung des englischen Geheimdienstes im 16. Jahrhundert, der über lange Zeit durch die bis heute im Oberhaus aktive Adelsfamilie der Cecils getragen wurde, führte Boardmans Darstellung schließlich in die Zeit des Ersten Weltkriegs, in der England den Stab der globalen Vorherrschaft an die USA abgeben musste. Zum Schluss kam er noch besonders auf die Rolle von Sir Edward Grey zu sprechen: Seiner Auffassung nach hätte dieser den Ersten Weltkrieg verhindern können, wenn er Deutschland über Englands Verhalten im Falle eines Einmarsches in Belgien nicht im Unklaren gelassen hätte.“ (Stockmar: Rudolf Steiner, der Erste Weltkrieg und das Schicksal Mitteleuropas)

Neben Boardman und Osterrieder redete Hartwig Schiller, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Der hat viel Enthusiasmus für die „Mysterien des Nordens“ und (sofern Stockmars Zusammenfassung das Wesentliche trifft) auf der Tagung Thesen wiederholt, die er auch andernorts schon ausführlich ausgebreitet hat, etwa 2007 in der Waldorf-Zeitschrift „Erziehungskunst“. Neben einer Dreiheit von geographisch in Nord, Süd und Ost zentrierten Mysterien geht es unter anderem um eine Urgeschichte der Germanen, in der neolithische Felsenzeichnungen Symbole des Ersten Goetheanums zeigen und gotische Heerführer das Wort dazu gefunden haben sollen: „Ich“. Osterrieder enthüllt andere geschichtsmetaphysische Sepkulationen, die ’nur‘ ins 9. Jahrhundert zurückreichen. Aber fest steht für alle: Der Individualismus und der freie Mensch seien geistig Produkte Deutschlands, d.h. „Mitteleuropas“ – eine Idee, die Fichte und der (von Steiner immer wieder gelobte) völkische Prophet Julius Langbehn auch schon vertraten. Der Wert des Individuums und des Internationalismus wird keineswegs über Bord geworfen, sondern mit dem „Deutschtum“ in eins gesetzt, während England eine kollektivistisch-kapitalistische Schreckensherrschaft verkörpert.  Deutschland kommt dem gegenüber nurmehr eine „Mitschuld“ am Ersten Weltkrieg zu, die im „Nichtergreifen“ seiner globalen „Aufgabe“ bestehe. Zwischenzeitlich habe sich immerhin eines geändert: sogar Nichtdeutsche können nun „im eigentlichen Sinne Mensch werden“:

„So stand am Ende dieser vielschichtigen Darstellung der Eindruck, dass gerade im Nichtergreifen einer menschheitlich-geistigen Aufgabe Deutschlands Mitschuld am Kriegsausbruch liegt. Natürlich könne man auch weiterhin das Mitteleuropäische immer wieder beschwören. Doch die Gelegenheit, im eigentlichen Sinne Mensch zu werden, besteht heute allerorten. Und Osterrieder hält es für möglich, dass im Zuge beider Weltkriege eine speziell für Mitteleuropa bestehende Entwicklungschance unwiederbringlich verloren gegangen ist.“ (Stockmar, a.a.O.)

Auf den „Geheimdienst“ Englands und die Überzeugung einer britischen Auserwähltheit wird mit Empörung reagiert, dagegen ist die Auserwähltheit Deutschlands offenbar Selbstverständlichkeit. Es bedurfte anscheinend zweier Weltkriege, um einen anthroposophischen Vortragsredner davon zu überzeugen, es sei auch nur „möglich“[!], dass „Mitteleuropa“ eine „Entwicklungschance“[!] verpasst haben könne. Dass „Mitteleuropa“ dem Rest der Welt besagte Kriege und Auschwitz brachte, wird wieder nicht erwähnt. Und auch das ‚Verpassen‘ der ‚Chance‘ liege selbstverständlich daran, dass man nicht deutsch (denn das heißt ja „menschheitlich“) genug gewesen, sondern dem Vorbild Englands gefolgt sei. Stockmar über Osterrieder:

„Es geht ihm also nicht um ein Volk und seine Kanzlerin, sondern um Kultur und Sprache als innere Heimat. Die Fragen nach der seelischen Mitte Europas und nach dem, was es ausmacht, ein Deutscher zu sein, entwickelte er aus der Stimmung der Heimatlosigkeit, wie sie auch bei den Juden zu finden ist. Allerdings, frei nach Fichte: Als Deutscher ist man nicht geboren! Und genau hier beginnt die Problematik auch im Sinne Steiners: Das Seelische muss aus dem Ich heraus wieder neu geboren werden. Doch gerade das offizielle Deutschland war zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit ganz anderen Fragen beschäftigt, die es England nacheifern ließ und dadurch in den Nationalismus trieb.“ (ebd.)

Ob die Erwähnung der ‚heimatlosen‘ Juden den Umstand demonstrieren soll, dass man möglichst schnell über diesen Status hinauskommen müsse, ob damit etwas Glanz vom auserwählten Volk geborgt, eine besondere geistige Flexibilität behauptet oder aber der vermeintliche Opferstatus der Deutschen beschworen werden soll: ich vermag es nicht zu sagen. Klar ist nur, dass die Anthroposophie der von allen anderen verhinderte Nucleus des deutschen Wesens ist, das bestimmt war, den freien, schöpferischen „eigentlichen Menschen“ zu erschaffen: Das Seelische kommt aus dem Ich und das Ich aus Deutschland, das Deutschthum liegt nicht im Geblüthe, sondern im Gemüthe. Die zitierten Positionen sind schlichte, aber konsequente Ergebnisse einer in die Gegenwart verlängerten anthroposophischen Geschichtsdeutung: Alle Augen sind auf Steiner gerichtet, der mit seinem „mitteleuropäischen“ Okkultismus alles ganz anders hätte machen können, wären die Mächte von Ost und West nicht gewesen.

„Denn immer wieder wurde auf eindrückliche Weise deutlich: Der mitteleuropäische Okkultismus eines Rudolf Steiner, das hier in Kassel bereits vor Ausbruch des 30-jährigen Krieges vergeblich wirksame Rosenkreuzertum, die Anthroposophie rechnet mit dem freien Willen des sich entwickeln wollenden Menschen – weder durch Manipulation, noch durch Suggestion, sondern durch das frei angebotene «Erkenne dich selbst» wirkt der mitteleuropäische Einweihungsweg, während von Ost und West mit manipulativen, das freie Erkenntnisvermögen und den freien Willen übergehenden, letztlich unmenschlichen, ja Menschen verachtenden Methoden gearbeitet wurde und weiterhin gearbeitet wird.“ (Bericht in Anthroposophie weltweit, a.a.O.)

Diesen Gedanken hat Lorenzo Ravagli zu seinem zynischen, antihumanen Ende weitergedacht. Bei ihm müssen weniger „Ost und West“, dafür aber die Nazis und nicht näher definierte Linke als „Archonten“, gnostische Schattengötter, herhalten, die den Weg der anthroposophischen Mission blockieren:

„Die alten Mächte, die Archonten dieser Welt, bäumten sich umso mehr gegen das Licht auf, das in ihre Finsternis schien, als dieses Licht in immer mehr Menschen zu leuchten begann … wie auf der einen Seite das Licht einer friedenstiftenden, menschheitsversöhnenden Erkenntnis durch das Wirken Rudolf Steiners aufleuchtete, während sich auf der anderen Seite die individualitätsauslöschende, hasserzeugende Finsternis durch das Wirken von Gegenmächten ausbreitete. Diese geistigen Gegenmächte bedienten sich kollektivistischer und totalitärer gesellschaftlicher Formationen, die sich in offener Feindseligkeit gegen die alles umfassende Generalreformation des Abendlandes stellten, auf welche die Anthroposophie hinzielte und strebten die Auslöschung jener spirituellen Strömung des christozentrischen Individualismus an, die ihre eigene Herrschaft untergrub. In seltener Einmütigkeit verbündeten sich schließlich der autoritäre Konservatismus kirchlicher und nationalistisch-völkischer Provenienz und der kollektivistische Progressismus der Linken, um die einzige geistige Strömung zu vernichten, die den Untergang des Abendlandes hätte verhindern können, den sie durch ihren eigenen Antagonismus am Ende herbeiführten.“ (Ravagli: Peter Selgs Steiner-Biographie)

An dieser Aussage Ravaglis lässt sich einmal mehr demonstrieren, wie anthroposophischer Geschichtsrevisionismus funktioniert: Da der Weltenlauf sich ausschließlich um Steiner dreht, der nicht nur „Geisteswissenschaftler“ ist, sondern (Stichwort: Anthroposophie – eine Religion?) auch das ultimativ erlösende Wissen verkündet, fällt alles Gegenläufige anscheinend unter den Tisch. Jede Katastrophe wird zur „Feindseligkeit gegen die alles umfassende Generalreformation“ Steiners, während dessen Ressentiments akzeptiert und zur Rasterfahndung nach Feinden verwendet werden. Und Steiner hielt die Anthroposophie nicht nur für abendländisch, sondern eben auch primär: für „deutsch“, den Ersten Weltkrieg für „angloamerikanisch“ usw. usf. Dies öffnet Tür und Tor für historische Verdrehungen. So schlimme Sachen wie Krieg können mit dem ‚wahren Deutschtum‘ nichts zu tun haben: Was nicht sein darf, kann nicht sein – ein Spruch, dessen Gegenteil das 20. Jahrhundert mehrfach in schrecklichen Ausmaßen gezeigt hat. Die Realitätsresistenz der Anthroposophie verhindert freilich jeden Zweifel an einer der Geschichte immanenten Vernunft, an die Stelle von Entsetzen tritt eine ultimative kosmische Geschwätzigkeit.

Zum Ersten Weltkrieg und Steiners Ansichten dazu hat Osterrieder, promovierter Historiker, offenbar auch noch ein 1400-seitiges Buch geschrieben, 14 Jahre dafür recherchiert – all das finanziert von der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Ob sich darin valide historische Forschung findet oder derselbe Unsinn, wie ihn die zwei zitierten Tagungsberichte nahelegen, sei mal dahingestellt: Ich würde mit ersterem nicht mehr rechnen. Der Tagungsbericht in „Anthroposophie Weltweit“ schließt mit der sorgsam als Frage formulierten Andeutung:

Das Rosenkreuzertum im Zeichen Michaels wurde hier in seiner ganzen Größe, aber eben auch Tragik sichtbar. Denn was alles hätte verhindert werden können, wenn mehr Menschen sich zum Ersten Goetheanum, dem kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges als Wahrzeichen des in der Äthersphäre der Erde anwesenden Friedensbringers errichteten Menschheitsbaus gefunden und daran mitgearbeitet hätten, diesen Friedensimpuls in Europa auszubreiten?“ 

Aber bevor wir dazu möglicherweise nicht erst 2033 neue Märchen hören werden, die die Verschwörungstheorien zum Ersten Weltkrieg alt aussehen lassen könnten, steht erst 2014 an, das von weiteren Tagungen dieser Art nicht verschont bleibt. In „Anthroposophie Weltweit“ findet sich direkt unter dem Tagungsbericht ein Aufruf zur Gestaltung einer weiteren, auf der es um Helmuth von Moltke gehen soll. Für die wird das Team Boardman und Osterrieder noch um Thomas Meyer erweitert, Chefredakteur der Zeitschrift „Der Europäer“. Von Osterrieder erfährt man noch, dass er „auch bereit ist, für Schüler ab der 12. Klasse vorzutragen (interessierte Geschichtslehrer mögen sich melden).“ (ebd.) „Erkenntnisse“ ähnlich den zitierten sind also nicht dem Arkanbereich der Anthroposophischen Gesellschaft vorbehalten. Geht es nach deren Aktivisten, sollen sie offensichtlich auch bald an der einen oder anderen Waldorfschule Thema sein. Derweil ist mit einer adäquaten Kritik des universalistisch-nationalistischen „Deutschtums“ nicht zu rechnen: Die üblichen Möchtegernkritiker der Anthroposophie beschränken ihre „Rassismuskritik“ in aller Regel auf das Zitieren von Steiners pittoresken „Neger“-Tiraden.

Aktualisierung: Offenbar gab es auch schon eine kritische inneranthroposophische Reaktion von Ramon Brüll (Info3). Darin wird auch der Name des Berichterstatters für „Anthroposophie weltweit“ genannt: Andreas Neider. Brüll schließt: „Etwa 100 Jahre, nachdem jene „zielsichere Instinkthaftigkeit“ sich formierte, die Neuordnung Europas vorzubereiten, in der Friedensbewegung der 1980-Jahre, tauchte der auf Bertolt Brecht zurückgehende Spruch auf, ‚Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin‘. Denkt man Neiders ‚Geflunker‘ (Steiner a.a.O.) zu Ende, kann es sich dabei nur um eine Umdeutung durch die eine oder andere schwarzmagische Loge handeln. Der Slogan hätte lauten sollen: ‚Stell dir vor, es droht Krieg, und alle gehen nach Dornach!'“

21. November 2013 at 1:18 pm 15 Kommentare

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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

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