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Anthroposophische Reformation. Dogmen der liberalen Anthroposophie

„Anthroposophie im 20. Jahrhundert ist weit mehr als Traditionsverwaltung. Zu den Innovationen gehört vor allem eine Neudefinition der Rolle Rudolf Steiners: Vielen gilt er heute weniger als der Guru oder der Eingeweihte, der ein System letzter Wahrheiten eröffnet hat, sondern als ein Schlüssel zur Ermöglichung individueller Sinnsuche. Hier sehe ich eine der dramatischen Verschiebungen gegenüber den ersten Jahrzehnten der Interpretation seiner Person und seines Werks.“
– Helmut Zander: Wie kann man mit Rudolf Steiner sprechen?

Das traditionelle anthroposophische Milieu stirbt aus. Überalterung und schwindende Mitgliederzahlen der „Anthroposophischen Gesellschaft“ (vgl. „Sergej, du hast dich selbst gegeben“) sprechen aber nicht dafür, dass die Steinersche Ideologie sich damit endgültig verflüchtigt. Helmut Zander geht zweifelsohne zutreffend davon aus, dass die Steiner-Interpretation individualisiert und pluralisiert werde – in rein selektiver Aneignung, vermischt mit anderen esoterischen Weltanschauungen oder durch die Sprachgrenzen einer sich globalisierenden anthroposophischen Gemeinde. Ich meine zusätzlich, dass man – für den deutschsprachigen Raum – aber durchaus ideologische Konturen sehen kann, in denen sich so manche „Individualisierung“ und „Pluralisierung“ einpendelt. Die Alternative lautet nicht: orthodoxe Anthroposophie oder irgendwie geartete Erosion. Die „liberale“ Anthroposophie, die sich als solche von den traditional-anthroposophischen Dogmen loslöst, ist nicht mit dem Unsichtbarwerden von Anthroposophie identisch. Sondern hier formen sich ganz eigene Dogmen: Betont wird ein verkitschtes Steinersches „Frühwerk“, das als einzige legitime Urteilsgrundlage für die gesamte Steinerdeutung gelten soll. Ferner werden die höheren Wesen und Welten Steiners als Bilder und Veranschaulichungen ins Subjekt hineingelegt. Schließlich werden so auch Steiners Selbstdeutungen relativiert: Aus dem „Mysterium von Golgatha“ werden biographisch-psychologische Phasen des Gurus gemacht. 

„SKA“ 7: In den Einleitungen zu Christian Clements kritischer Steiner-Ausgabe findet sich die reformierte Steiner-Lesart detailliert

Diese Umdeutungen lösen im ortodoxen Lager scharfe, meist unfaire Anfeindungen aus. Denn in der Tat reagieren die liberalen Anthroposophen (bewusst oder unbewusst) auf die Unzugänglichkeit des verquasten Steinerschen esoterischen Werks, und Zweifel an diesem können die Orthodoxen nicht aufkommen lassen. Freilich gehen die Liberalen genauso fehl, wenn ihnen die anthroposophische Esoterik dann nur wieder eine nette, bilderreiche Illustration oder methodische Verlängerung des „Frühwerks“ zu sein scheint. Im Stillen aber bereitet sich so mancherorts eine anthroposophische Reformation vor: Wer Steiners Aussagen über „höhere Welten“ nicht mehr unmittelbar für evident hält, ist in Bezug auf diese offener gegenüber historischen Deutungen oder punktueller Kritik. Im Ganzen freilich ist diese Neo-Anthroposophie nicht minder ideologisch als die orthodoxe Variante, wie sich an ihrem prominentesten Verfechter, dem Germanisten Christian Clement zeigen lässt.

Obwohl die im Folgenden zitierten Autoren sich zweifelsohne nicht als homogene Gruppe sehen würden und jeder Standpunkte einnimmt, denen andere untere den Aufgeführten widersprechen würden, scheinen mir doch die folgenden Punkte geeignet, das Credo eines kleinen, aber wachsenden Flügels von Steiners-Fans zusammenzufassen:

  • Depotenzierung der Inhalte: Was Steiner über Engel, Elementarwesen und Weltzeitalter sagte, sei inhaltlich nicht, jedenfalls nicht ganz ernst gemeint, sondern methodische oder heuristische Veranschaulichung von ganz anderen Philosophemen.
  • Prospektive statt retrospektive Deutung: Beurteilen die Orthodoxen das Leben des vor-theosophischen Steiner durch die Augen des Theosophen, so drehen die Liberalen den Spieß um. Steiners Aussagen nach seiner Kehre um 1902 werden auf das früher liegende Werk reduziert.
  • Radikale Selbstdeutung: Wie jede religiöse Innovation versteht auch diese sich nicht als solche. So behaupten die Neo-Anthroposophen, zum „echten“ Steiner zurückzukehren, „es“ so zu sehen, wie „es wirklich gemeint“ war.
  • Individualisierung: Der klassische Steinerjünger sieht sich in einem sehr festgelegten Kosmos von übersinnlichen Kräften und Welten, der liberale, der an diese nicht glaubt, sucht jene Potenzen im Individuum. Jeder muss sich selbst, neu, kreativ, individuell mit ihnen verbinden.

Nochmal: Steiner-Verkürzung in der „SKA“

Manchmal sieht man sich zu peinlichen Schritten gezwungen: zum Beispiel heute ich und zu dem garstigen Schritt, Lorenzo Ravagli zuzustimmen, jenem Verteidiger der Steinerschen Rassenlehre und Möchtegernkritiker der Anthroposophiekritik, der zu allem Überfluss noch pathetisch einen (Wieder-)“Aufstieg zum Mythos“ predigt. (vgl. Ravagli, die Rassen und die Rechten) Nun hat Ravagli allerdings eine geschwätzige Rezension zu Band 7 der von Christian Clement herausgegebenen Kritischen Steiner-Ausgabe (SKA) geschrieben, die auf das zentrale Defizit in Clements Ansatz hinweist. In diesem Band sind Steiners „Schriften zur Erkenntnisschulung“ ediert worden: Anweisungen, Übungen und Schilderungen für seine „Geistesschüler“, um den Pfad in die „höheren Welten“ anzutreten. Clements meisterlicher Stellenkommentar kontextualisiert viele Äußerungen Steiners, weist ausführlich die Quellen nach, aus denen Steiner (natürlich ohne sie zu nennen) geschöpft hat und geht auf inhaltliche Zusammenhänge ein, die jenseits der herausgegebenen Schriften liegen.

Aber. In Vorwort und besagtem Stellenkommentar nähert Clement sich Steiners Konzept der „höheren Erkenntnis“ in ähnlicher Manier wie Ravagli dem Steinerschen Rassismus: Alles sei irgendwie ganz anders gemeint. Konkret meint Clement offenbar, Steiner kenne keine Objekte höherer Erkenntnis. All die Auren, Wesen und Kräfte, die Steiner da umschreibe seien lediglich Bilder und Symbolisierungen. (vgl. Zu Band 7 der Kritischen Steiner-Ausgabe) Clement: “Muss man nicht, gerade im Sinne seines Frühwerks, die von Steiner beschriebenen ‘Lotusblumen’, ‘Astralleiber’ oder ‘Schwellenhüter’ als Gestalten ansehen, die er selbst, wie Faust seine Helena, aus dem ‘Weihrauchnebel’ seiner eigenen Imagination hervorzauberte?“ (SKA 7, XXVIII) Das wäre vielleicht zu bejahen, wenn man es anthroposophiekritisch in dem Sinne wendete, dass es sich bei Steiners „Hellsichtigkeit“ um idiosynkratische Projektionen und Autosuggestionen gehandelt habe. Das jedoch ist Clements Anspruch nicht. Zwar wirft er dem Guru vor, dass er nicht Philosoph blieb, also dem Steiner nach 1900, dass er sich nicht wie vor 1900 verhalten habe – versucht dann aber doch weitgehend ohne Belege, Steiners esoterisches Programm als bloße mythologische Veranschaulichung seiner vormaligen Philosophie zu verkaufen.

Was Steiner über die “höheren Welten” gesagt hat, sei lediglich “eine bewusstseinsphilosophische Darstellung im Geiste Kants und Fichtes, d.h. … eine Phänomenologie der Inhalte des menschlichen Bewusstseins. Das einzige Wesen, dem der Mensch in der Meditation begegnet, ist nach Steiner letztlich das eigene, und zwar als zugleich individuell-persönliches und universell-absolutes.” (ebd., XXIX) Abgesehen davon, dass man Fichte und besonders Kant vor dieser Zuschreibung zumindest partiell in Schutz nehmen muss, ist auch Steiner gegen diese Verzerrung zu verteidigen: Dass er selbst Meditation bzw. „höheres Forschen“ bloß als Selbstbegegnung eines Universalsubjekts sah, lässt sich nicht nur nicht belegen, sondern Steiner selbst sagt verschiedentlich explizit das Gegenteil. In dieser Hinsicht nun ist auf Lorenzo Ravagli Verlass, der Clements Steinerverzerrung ebenfalls, wenn auch vom orthodox-anthroposophischen Standpunkt, nicht nachvollziehen kann:

„Ich sehe keinen Weg, solche Äußerungen Steiners als mythologisierende Redewendungen wegzuraisonnieren, zu denen er nur gegriffen hätte, weil sein Publikum zu dumm war, die Sprache der Aufklärung zu verstehen. Vielmehr erscheint mir dieser Rationalisierungsversuch seinerseits als eine Art Rückfall in den Feuerbachschen Anthropomorphismus. Die aus dem imaginierenden Bewusstsein hervorgehende bildliche Darstellungsform als Rückfall in ein vorwissenschaftliches Bewusstsein zu bezeichnen, widerspricht der gesamten Logik und Systematik der von Steiner nach 1900 entwickelten Anthroposophie …. Auch in den »Stufen der höheren Erkenntnis«, die Clement ja ebenfalls herausgibt und kommentiert, spricht Steiner deutlich aus, dass es sich bei der durch die Imagination erreichbaren Welt – die deswegen keine dualistisch gedachte metaphysische Hinterwelt sein muss – um eine höhere Wirklichkeit handelt, als jene, die dem gegenständlichen Bewusstsein der gewöhnlichen Wissenschaft zugänglich ist.“ (Ravagli: Die Anthroposophie: ein „Rückfall “ in Mythos?)

Ravagli natürlich hat seinen eigenen Anteil an der Genese des von Clement und anderen vertretenen Steinerbildes (vgl. Ravagli: Der esoterische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners, in: ders. (Hg.): Jahrbuch für anthroposophische Kritik, 74ff.), vertritt, zumindest inzwischen, jedoch selbst seinen ganz dezidierten Remythologisierungsansatz. Seinem Vorbehalt gegen Clement ist zwar nicht im Impetus, aber in der konkreten Kritik an Clements Steinerdeutung zuzustimmen. Clement wiederum hat in einer Replik auf meinen Vorwurf, dass er eine ideologische statt analytische Steinerdeutung vornehme, die letztere als „ideogenetisch“ und wie folgt verteidigt:

„Dabei beziehe ich mich nicht nur auf die erkenntnistheoretischen Argumente Steiners bis 1894, sondern auch und vor allem auf die bewusstseinsphilosophisch geprägten Texte von 1901 und 1902 und dem darin von Steiner formulierten (und dann von mir in der Einleitung zu SKA 5 so genannten) „ideogenetischen Grundgesetz“. In dieser Herangehensweise sehe ich aber nicht eine „ideologische Verkürzung“, sondern eine legitime Methode der Deutung Steiners, welche sich zum einen problemlos von Steiner her rechtfertigen lässt und zudem den Vorteil hat, dass sich anhand seiner ohne Schwierigkeiten eine innere Kontinuität zwischen Steiners philosophischen Frühwerk und seiner späteren Esoterik behaupten lässt. So kann man Steiner durch Steiner auslegen lassen, ohne mit den Anforderungen kritischen Denkens in Konflikt zu kommen.“ (Clement: Ideologische vs. ideogenetische Steinerdeutung)

In der Tat lässt sich Steiner nach 1902 kohärent allein mit seinen vorherigen Schriften auslegen, jedoch wohl (jedenfalls bei Clement) um den Preis, das alle seiner späteren Verlautbarungen nicht ernst genommen bzw. auf frühere reduziert werden. In der Tat versucht Clement, Steiner mit seiner Mystik-Schrift von 1902 zu lesen, nach der die mystischen Inhalte menschliche Projektionen seien, in denen doch ein Universales mitschwingt: „dürfen dann nicht, in Anwendung der Steinerschen Konzeption auf seine eigene Gedankenproduktion,auch seine eigenen philosophischen Vorstellungen wie auch die Inhalte der Steinerschen Esoterik, also die Inhalte des imaginativen, inspirativen und intuitiven Bewusstseins, in eben derselben Weise aufgefasst werden? Was an diesem Deutungsansatz ideologisch sein kann, kann ich nicht sehen…“ (ebd.) Da sich Steiners Auffassungen um und nach 1902 (und bis 1925) in rasendem Tempo immer wieder weiterentwickelten, umlagerten und verschoben, ist es bestenfalls gedankenlos, alles nach 1902 willkürlich auf seine Positionen um 1902 zu reduzieren. Wenn das aber kein legitimer Ansatz sei, müsse ich doch wohl jeden hermeneutischen Ansatz als ideologisch brandmarken, so Clement.

Der ungeheure editorische Wert der „SKA“ bleibt ungemindert – ja, in seinem Vorwort zum Band mit den Mystik-Schriften Steiners erwies sich Clements Interpretationsansatz auch noch als treffend (vgl. Die Mystik im Aufgang), wohl weil glücklicherweise Texte bis 1902 untersucht wurden. Ich habe in meiner Rezension einige Aussagen Steiners zitiert, an der Clements Umdeutungsversuche abprallen, Ravaglis Rezension nennt einige mehr, und mühelos wären weitere zu finden. Steiners Aussagen über „höhere Welten“ auch als solche aufzufassen gelingt Clement nicht, er sähe darin wohl einen Dualismus – dass für Steiner monistisch zusammenhängende geistige Wesen mit unterschiedlichen ontologischen Strukturen und Aufgaben existierten, scheint keine Deutungsoption zu sein, die er auch nur heuristisch durchgedacht hätte.

Zur Ideogenese der reduktionistischen Steiner-Lesart

Ich behaupte, dass Clements hermeneutischer blinder Fleck seinerseits nicht im luftleeren Raum steht. Seine Steiner-Lesart ist jedenfalls keineswegs neu, sondern wurde längst in einem gewissen anthroposophischen Milieu vertreten, das auch zu seinen Ausführungen am lautesten applaudiert hat: dem liberal-anthroposophischen Umfeld von Info3. Dort hat Felix Hau, allerdings als „Arbeitshypothese“ gekennzeichnet, schon 2005 den theosophischen Steiner zur verkleideten Verlängerung des frühen Steiner erklärt, was einen bösartigen Aufschrei im anthroposophischen Mainstream nach sich zog.

„Zu keinem Zeitpunkt“ habe Steiner „Engelshierarchien, zwei Jesusknaben, Ätherleiber und soratische Mächte als Anschauungen“ in sich getragen, so Hau, sondern sich „lediglich später auf diese bestimmte Art“ ausgedrückt. Und nochmal:

„Ich bin im Übrigen nicht der Ansicht – und war es nie –, dass Steiner bei seiner Verbindung mit der Theosophie seine Ideen aufgegeben, wesentlich modifiziert oder erst danach die ihn kennzeichnende Auffassung entwickelt hat; ganz im Gegenteil [nämlich dass die Theosophie] … ein Feld bot, auf dem er in aller Seelenruhe seine ureigensten Auffassungen zu Anschauungen entwickeln und ausarbeiten konnte – lediglich um den Preis, sie in eine bestimmte Ausdrucksform zu gießen…“ (Felix Hau: Rudolf Steiner integral, in: Info3 5/2005, 30)

Ähnliches haben, ausführlicher, Haus Kollegen Christian Grauer und Sebastian Gronbach behauptet. Christian Grauer hat daraus einen eigenen, konstruktivistisch-solipsistischen philosophischen Ansatz geformt, der eine eigene Besprechung nötig machte. (vgl. Grauer: Am Anfang war die Unterscheidung. Der ontologische Monismus, Frankfurt 2007, siehe auf diesem Blog auch Grauer: Die Wunderwaffe jedes Fundamentalisten) Gronbach, der selbst als spiritueller Lehrer missioniert, sieht Steiners Engel usw. als bloße Symbole, die Steiner als Universaldidakt aus pädagogischen Gründen erfunden habe, um die Seele zu kultivieren:

„Die Erzengel, die Widersachermächte Luzifer und Ahriman, die Elementarwesen, am Ende auch Christus (ich komme noch dazu), das sind alles Steiners geniale und poetische Beschreibungen spezifischer Formen und Zustände der menschlichen Innenwelt. Es ist die wissenschaftliche Methode der Versinnbildlichung [!], ein Kunstgriff, um komplizierte menschliche Ideen in eine populäre Form zu gießen, mit denen wir über das Denken hinaus eine lebendige Beziehung eingehen können. Ideen finden so den Weg in unsere Seele. … Ist der Erzengel Michael nur ein Symbol? Er ist ein von Steiner, von mir, von Ihnen erschaffener Repräsentant einer Idee. Er ist Wesen, weil Steiner, ich und Sie es wollen, und er ist nur Symbol, wenn wir diese Beziehung zu beenden. Genau das ist für mich die zweite Wahrheit: Es ist Zeit, diese Beziehung zu beenden. Weil er für etwas steht, aber dieses Etwas, die Idee, dasjenige, was der Träger durch die Zeit trug, muss nun meine Sache werden.“ (Sebastian Gronbach: Missionen. Geist bewegt alles, Stuttgart 2008, 97f)

Mein Artikel wurde nicht ohne jeden Sinn „anthroposophische Reformation“ betitelt: Die protestantische Reformation schrieb Kirche und Konzile als relevante Institutionen zur Bibelexegese ab und gab dem einzelnen Gläubigen die Schrift in die Hand. Die anthroposophische Reformation lässt den Unmittelbarkeitsanspruch der Steinerschen Texte wegfallen und macht radikal den Rezipienten zum Dreh- und Angelpunkt. Der Leser muss die in Steiners Schilderungen niedergelegte Idee finden, verstehen und sich ganz individuell aneignen.

Welch radikaler Bruch zum anthroposophischen Mainstream in dieser Auffassung liegt, mag man behelfshalber an einem weiteren Beispiel illustrieren: Info3-Chefradekteur Jens Heisterkamp. Dessen Anliegen ist “eine Neubesinnung auf eine ursprüngliche, ‘nicht-theosophische’ Anthroposophie“, für die Steiners Entwicklung nach den Mystik-Schriften eine uneigentliche Phase bleibt. (Heisterkamp: Anthroposophische Spiritualität, 124) Heisterkamp begeistert sich zwar für eine spirituelle Evolution der Kultur, aber die läuft in Kapiteln wie „magisch“, „mythisch“, „rational“ und „integral“. Steiners Welten-, Wesen- und Rassen-Evolution wird als heuristischer, aber letztendlich gescheiterter Versuch der „Verbildlichung“ dieser Kulturgeschichte angesehen.

„Steiner hat hier offenbar keinen anderen Weg der Darstellung gesehen, als die Wirkmächtigkeit von Bewusstsein als evolutiver Kraft unter Rückgriff auf die Bildlichkeit ‘höherer Wesen’ zu schildern. Entstanden sind dabei äußerst bilderreiche Erzählungen speziell in seinem Buch Geheimwissenschaft im Umriss, die seiner als Philosoph aufgestellten Maxime eines Verzichts auf ‘außermenschliche’ und ‘außerweltliche’ geistige Kräfte zu widersprechen scheinen.” (ebd., 87f.)

Auch die Vorstellung der Reinkarnation wird zwar ästhetisch bejaht, aber ontologisch depotenziert: ob man nun wirklich und wörtlich wieder geboren wäre, das scheint dem Info3-Chefredakteur nicht so wichtig zu sein. (ebd., 75f.) Heisterkamps Ansatz scheint mir unter allen referierten der sympathischste, denn er verfährt dezidiert ekklektisch: “‘Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden’ – diese von Steiner selbst formulierte Lebensregel gilt es auch im Blick auf sein eigenes Werk zu beherzigen.” (ebd., 36) Hier wird Steiner unter weitgehender Ausklammerung der theosophischen Inhalte (nicht aber aller esoterischen) richtiggehend umgeschrieben. Das hat große Vorteile, weil Heisterkamp etwa Rassismus und Antisemitismus verabschiedet, die in der gegenwärtigen orthodoxen Anthroposophie entweder noch virulent, oder zumindest ein latenter Fundus sind. Das zeigt die empörte Reaktion des Kreuzritters Holger Niederhausen auf Heisterkamps Buch: „Eine konkrete geistige mit realen Wesen wird also einfach nicht mehr ertragen. Ebenso wenig aber eine konkrete Geschichte, die neben der Bewusstseinsgeschichte sehr wohl immer bestimmte Völker kannte, die jeweils spezifische Impulse in die Menschheitsentwicklung einfließen ließen. Aber all dies ist ja „diskriminierend“…“, so Niederhausen.

Interpretative Folgen

Die Parallelen zwischen Clement, Hau, Gronbach und Heisterkamp sind schlagend: Steiners „Erforschung“ geistiger Welten wird zum Bild, zur Metapher, zur Einkleidung für Positionen, die er vor oder um 1900 vertreten hat. Das Spätwerk Steiners wird so radikal depotenziert, dass es nur aufgrund des philosophischen Frühwerks (oder was in dieses so hineingelegt wird) überhaupt noch legitim angegangen werden kann. Alle vier würden es als lächerlich verwerfen, wenn man glaubte, Steiner habe wirklich von Engeln gesprochen. Hinzu tritt ein merkwürdiger Begriff von Monismus, der angeblich mit Engeln unvereinbar sein soll. Tatsächlich ist die „Geistige Welt“, die Steiner ab 1903/4, beispielsweise im ersten Fragment seiner „Geheimwissenschaft“ (vgl. GA 89), entfaltete, kein ontologischer Widerpart zu Materie oder zum menschlichen Bewusstsein, sondern die letzteren können sich als Teil des binnendifferenzierten monistischen Geisterkosmos erkennen.

Diese Umdeutung Steiners ist selbst Anthroposophie. Anthroposophie, der die Widersprüche von Steiners Früh- und Spätwerk bewusst geworden sind und die deshalb letztlich versucht, das Inkommensurable am zugänglichsten Schopf zu packen und den Widerspruch durch eine exegetische Monopolstellung des „frühen“ Steiner auszutreiben. Das orthodoxe Lager steht Steiner zwar näher, insofern es das esoterische Weltbild ernst nimmt, verfolgt aber die liberalen Steinerdeuter mit großer Wut. Die wird psychologisch zu erklären sein, denn an den wie auch immer falschen Pointen Neo-Anthroposophie wird deutlich, dass Steiners Werk Interpretation erfordert – während die Orthodoxen sich im Aberglauben wiegen, dass aus Steiners Worten unvermittelt “die Wahrheit sofort hervorginge.” (Niederhausen: Unwahrheit und Wissenschaft, 29) Gegenüber solchem Unsinn zeigt sich das doch hohe reflexive Niveau, das die reformierten von den traditionalen Anthroposophen scheidet.

Natürlich kaufen die orthodoxen Steinerverehrer sich munter Steiners Rassismus und seine Verschwörungsideologie ein. Christian Clements Steiner-Edition wird in den Augen ihrer anthroposophischen Möchtegernkritiker zum diabolischen Plan mormonisch-jesuitisch-freimaurerischer Weltverschwörungen, die natürlich nichts besseres zu tun haben, als zur Zerstörung der Anthroposophie häretische Steinerinterpretationen auf den Markt zu werfen. (vgl. Willy, Thomas und der Wolf im Schafspelz)

Denkend begreifen statt hellseherisch wahrnehmen

Mögen Info3 und Clement die prominentesten Sprachrohre der neuen Steiner-Leküre sein, so sind die ihr zugrundeliegenden Probleme doch auch einigen anderen Anthroposophen bewusst. David Marc Hoffmann, Leiter des Steiner-Archivs (und vormals des Basler Schwabe-Verlags, dem wir übrigens eine exzellente Untersuchung von Steiners Beziehung zum Nietzsche-Archiv verdanken) versucht ebenfalls, durch das „Frühwerk“ Schneisen ins esoterische Spätwerk zu schlagen. Hoffmanns Ausführungen gehören, das sei klargestellt, zu den besten im anthroposophischen Milieu seit Steiners Zeiten überhaupt. Er erkennt „eklatante Widersprüche“ an und geht methodisch viel sorgfältiger vor als Clement. Auch Hoffmanns Feindbild heißt Dualismus, auch er hält es für nötig, Steiners Monismus zu beweisen, auch er will Steiner aus der esoterischen Ecke holen. Hoffmann sieht jedoch Steiners esoterisches Gedankengebäude nicht unbedingt als „Verbildlichung“ vorher ausgearbeiteter Inhalte, sondern hofft Kontinuität zu stiften, indem er die „höhere Erkenntnis“ des „späten“ Steiner als inhaltliche Erweiterung unter den methodischen Prämissen des „frühen“ ausgibt:

„Die eklatanten Widersprüche zwischen Steiners früherem Atheismus und seinem späteren esoterischen Christentum erscheinen unter dem Aspekt der Methode in einem ganz anderen Licht. Wenn Wahrnehmung und Begriff als Maßstab für die Erkenntnis gelten, dann ist alles bloß eine Frage der Grenzen der Wahrnehmungen und des verwendeten Begriffsinventars des erkennenden Individuums. Bei erweiterten Wahrnehmungen und neuen Begriffen ist plötzlich erkennbare Realität, was vorher unwahrnehmbar und undenkbar war – ohne dass die anerkannte Erkenntnismethode preisgegeben wurde. Unter diesem Gesichtspunkt kann auch die (vermeintliche) Esoterik der Anthroposophie relativiert werden. Wenn die Anthroposophie einem Unvorbereiteten oder naiv Gläubigen als Spiritualismus oder gar Dualismus erscheinen mag, kann sie sich bei näherer Betrachtung als monistisches Verständnis der Welt entpuppen … In diesem Sinne lässt sich die geistige Seite der Welt denkend begreifen statt hellseherisch wahrnehmen.“ (David Marc Hoffmann: Rudolf Steiners Hadesfahrt und Damaskuserlebnis. Vom Goetheanismus, Individualismus, Nietzscheanismus, Anarchismus und Antichristentum zur Anthroposophie, in: Uhlenhoff: Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart, 118)

In gewisser Hinsicht hat man es hier durchaus mit einer anthroposophischen Graswurzelrevolution zu tun. Bereits Steiner selbst betonte notorisch, er wolle verstanden statt gläubig verehrt zu werden. Natürlich würden aber orthodoxe Anthroposophen genau das auch betonen, ohne einen einzigen Buchstaben seines Werks in Frage zu stellen. Das gelingt den Neo-Anthroposophen durchaus glaubwürdiger, weil sie mit der Negation einer objektiv existenten „Geistigen Welt“ nur noch eines haben: das von Steiner gleichfalls beschworene Individuum, dem sich um so mehr annehmen wollen – statt auf die ontologische Struktur der Geistwelt muss der Adept nun auf die methodische Struktur seines Denkens hoffen.

Mysterium von Golgatha

Diese Subjektivierung wird auch auf Steiner selbst übertragen. Der beschreibt in seiner Autobiographie seine geistige Wende nach der Jahrhundertwernde zwar nicht als solche, aber durchaus, wie er sich aus inneren Krisen und dämonischen Kräften durch Vertiefung in’s esoterische Christentum rettete, das er natürlich schon hellseherisch wahrnehmen konnte:

„In der Zeit, in der ich die dem Wort-Inhalt nach Späterem so widersprechenden Aussprüche über das Christentum tat, war es auch, daß dessen wahrer Inhalt in mir begann keimhaft vor meiner Seele als innere Erkenntnis-Erscheinung sich zu entfalten. Um die Wende des Jahrhunderts wurde der Keim immer mehr entfaltet. Vor dieser Jahrhundertwende stand die geschilderte Prüfung der Seele. Auf das geistige Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha in innerster ernstester Erkenntnis-Feier kam es bei meiner Seelen-Entwickelung an.“ (GA 28, 388)

Bei unseren anthroposophischen Reformern wird das visionäre „Gestanden-Haben vor“ zu einer Art psychologischem Hindurchgegangensein-durch das „Mysterium von Golgatha“. Statt dass Steiner nach absolvierter Seelenprüfung die Opferung Christi geschaut habe, ja selbst zum Diener der Christus-„Wesenheit“ geworden sei, wird diese autobiographische Äußerung zum biographischen Narrativ. Steiners geistige Kehre um 1900 kulminiert in dieser Deutung nicht in seiner geistigen Präsenz auf Golgatha. Sondern Kreuzigung, Tod und Auferstehung Christi werden zum Muster psychologisiert, nach dem auch Steiners früher Idealismus durch einen atheistischen „Tod“ hindurchgegangen sei, um als neuer Idealismus nach 1900 aufzuerstehen. Hoffmann bedient sich des auch von Clement zum neuen Kanon erhobenen Buchs „Das Christentum als mystische Thatsache“, um Steiners viel spätere autobiographische Behauptung zu deuten.

„Was Steiner in den beschriebenen ‚Ismen‘ (Monismus, Individualismus, Egoismus, Anarchismus) und seiner Opposition zum Christentum erfahren hat, ist ein vollständiger Verlust aller alten Werte, ein Verlust von Mensch und Welt, ein Moment, ‚wo der Geist für ihn alles Leben für Tod erklärt‘. Steiner hat eine derart beschriebene Hadesfahrt durchlebt. Dass sich ihm eine neue Welt, eine neue Sonne und eine neue Erde aufgetan haben, kann man als eine Art Damaskuserlebnis bezeichnen.“ (Hoffmann: Rudolf Steiners Hadesfahrt, a.a.O., 112)

Auch János Darvas, der Kritik am anthroposophischen Antisemitismus übt und gegen diesen eine supra- oder interreligiöse Anthroposophie zu stellen versucht, sieht das ähnlich:

„Rudolf Steiner hat in seiner Freiheitsphilosophie und den anderen erkenntnistheoretischen Schriften eine völlige Ausklammerung aller vorangegangener Tradition vollzogen. Das geschah nicht bloß im Sinne einer methodischen Voraussetzungslosigkeit intellektueller Art, sondern als ein durchaus existenzielles Abkoppeln … Ist ein solches Abkoppeln in diesem existenziellen Sinn vollzogen, dann ist ein totaler Nullpunkt erreicht, der zunächst Determinationen vorausliegender Prägungen durch die Tradition auslöscht. In der Art indes, wie dieser Nullpunkt erlebt wird, bleibt er von dieser Tradition mitgeprägt … Es [Steiners ‚Mysterium von Golgatha‘] ist selbst als Null und Anfang zu erfahren. Dem spirituellen Todeserlebnis im Hindurchgehen durch die Nacht des agnostischen, existenziell erfahrenen ‚Gott-ist-tot‘ steht das ‚Gott-ist-tot‘ des Gekreuzigten auf Golgatha als Entsprechung gegenüber, freilich so, dass in der Überwindung dieser Situation auch eine Qualität erlebt wird, die im christlichen Sprachgebrauch als Auferstehung bezeichnet wird.“ (Darvas: Gotteserfahrungen. Perspektiven der Einheit. Anthroposophie und der Dialog der Religionen, Frankfurt am Main 2009, 21f.)

Steiner selbst spricht davon, dass er sich aus geistigen Krisen durch Vertiefung ins Christentum rettete, das er in den Bekenntnissen nirgends gefunden, sondern aus der geistigen Welt geholt habe. Sein „Gestanden-Haben“ ist ein punktuelles, aber bahnbrechendes Ereignis: Die Auflösung der Krise und die Frucht der Vertiefung ins Christentum. Darvas und Hoffmann dehnen das Muster von Tod und Auferstehung zur Allegorie für Steiners geistige Biographie aus. Auch damit ist eine Depotenzierung, hier des „Mysteriums von Golgatha“, verbunden. Christus, auf den orthodoxe Anthroposophen nichts kommen lassen, ist nicht mehr der Fluchtpunkt von Steiners geistiger Entwicklung, sondern Tod und Auferstehung sind bloß noch Metaphern für Phasen von Steiners Leben. Steiners Goetheanismus, Nietzscheanismus, Theosophie usw. sind keine ernst zu nehmenden Positionen mehr, die Steiner wirklich vertreten hätte, sondern symptomatische Stufen auf dem Bogen durch Nullpunkt/Hadesfahrt und Auferstehung/Damaskuserlebnis.

Anthroposophische Reformation. Eine erste Zwischenbilanz

Über die Folgen der solcherart reformierten Anthroposophie kann man immer wieder erfreut und erleichtert sein. (vgl. Die Scheidung der Geister) Aus diesem Lager wird man wohl kaum über Wurzelrassen, atlantische Planeten-Orakel und Nazi-Mysterien belehrt werden. Dafür hört man aber immer mehr zur „Philosophie der Freiheit“, die transzendentalphilosophisch entkernt und existenzialistisch gewendet wird. Dass im Info3-Verlag mein Buch zu Steiners Rassenlehre wie die kommentierte Edition von Hans Büchenbachers „Erinnerungen“ erscheinen konnte, liegt auch daran, dass die nationalistischen, konspirationstheoretischen und rassistischen Ideologeme dort als überflüssiger Ballast für die „echte“ Anthroposophie gesehen werden. Dass Christian Clement eine solide kritische Edition von Steiners Hauptwerken herausgibt, wie auch immer entstellt das Steinerbild seiner Vorwörter ist, liegt daran, dass die konkreten esoterischen Inhalte für Clement uneigentlichen Charakter gegenüber der „ideogenetischen“ „Bewusstseinsphilosophie“ Steiners haben, die in ihnen lediglich illustriert würde.

Orthodoxe Anthroposophen, und dort vor allem das „Europäer“-Milieu mit seiner Neigung zu antiamerikanistischen Verschwörungsthesen, halten Clement für einen „Vernichter“ Steiners und haben immer wieder den Ausschluss der Info3-Fraktion aus der Anthroposophischen Gesellschaft gefordert. Die Stoßrichtung ihrer Argumentation gegen Info3 entsprach dabei einem Fazit, das auch der Anthroposophiekritiker Andreas Lichte zu Jens Heisterkamps „Anthroposophischer Spiritualität“ zog: Da werde Steiner zur Unkenntlichkeit verdünnt. Lichte:

„… ‚dann mach ich mir ‘nen Schlitz ins Kleid und find es wunderbar‘: Herr Heisterkamp kann ja gerne versuchen – und sich dabei grossartig fühlen – seine EIGENE Anthroposophie zu erschaffen, nur sollte er ihr dann auch einen EIGENEN Namen geben – mit Rudolf Steiner hat das ganze nichts mehr zu tun.“ (Lichte, Kommentar vom 3.11.2014)

Anthroposophiekritik, die ihre Objekte bloß aufgrund einer mehr oder weniger engen Übereinstimmung mit Steiner zu kritisieren wüsste, wäre blind oder eben allenfalls so hilfreich wie die Kritik traditionaler Anthroposophen an ihren heterodoxen Glaubensgenossen. Natürlich muss Anthroposophiekritik den realen Steiner, soweit er sich quellentechnisch erschließen lässt, im Auge behalten. Aber erforderlich ist darüber hinaus, die Rezeption und Transformation des anthroposophischen Steinerbildes zu analysieren. Ich wage zu prognostizieren, dass Stimmen im Stile Heisterkamps und Clements in den nächsten Jahren lauter werden, jedenfalls am Rand des (bis heute vom traditionellen Lager dominierten und somit schrumpfenden) anthroposophischen Establishments. Das ist mit Blick auf Dogmatismus, Rassismus usf. im anthroposophischen Mileu auch äußerst begrüßenswert. Zugleich hat sich ein Gronbach’sches oder Clement’sches Steinerbild längst zum neuen Dogma aufgespreizt. Weiß der traditionale Steinerjünger sich von einer Beziehung zu den Engeln getragen, so der liberale, dass die Engel für „etwas“ „in mir“ stehen, mit dem ICH mich total radikal selbst, individuell, schöpferisch und in Weiheernst verbinden muss. Den anthroposophischen Reformern wäre gleichfalls nachzutragen, was Marx über Luther schrieb:

„Luther allerdings hat die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußern Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum innern Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt. Aber, wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung, so war er die wahre Stellung der Aufgabe.“
(Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, 386)

Das trifft auch auf die reformierte Anthroposophie zu. Der „bilderreiche“ Ballast wird aus den „höheren Welten“ nur noch radikaler ins Individuum verlagert. Aber in zweifacher Hinsicht wird auch hier die Aufgabe richtig gestellt: Anthroposophiekritik darf nicht an Steiners albernen Proklamationen von Atlantis bis Zarathustra hängenbleiben, sondern muss die idealistisch-objektlose Innerlichkeit des Selbst ins Auge fassen, die als deren epistemische Grundlage vorausgesetzt und im ‚anthroposophischen Protestantismus‘ auf einen Sockel gestellt wird.

Auch der historischen Steinerforschung stellt die anthroposophische Reformation eine Aufgabe: Nicht nur, dass Christian Clements Steineredition die Textgrundlage auf eine neue Basis stellt. Vor allem David Hoffmanns Publikationen zu Steiner und dem Nietzsche-Archiv gehören zu den besseren Arbeiten zu Steiner überhaupt, sein zitierter Artikel über Steiners geistige Kehre ist im philologischen Sinne auch letztlich viel steinerkritischer als Clements Kommentare. Die Aufgabe, die ich sehe, besteht aber nicht darin, Texte von Steiner-Fans zur Kenntnis zu nehmen, auch vorher war die anthroposophische Literatur logischerweise Basis für die kritische Auseinandersetzung. Die Aufgabe mag mehr eine Warnung sein: Dass dem verklärten Steinerbild der orthodoxen Anthroposophie nun das gleichfalls verkehrte des „philosophischen“ Bilderbauer-Individualisten Steiner entgegengestellt wird, zeigt einmal mehr die Vielfalt ideologischer Umbrüche in seinem Werk, von denen jeder einzelne esoterisch hypostasiert werden kann. Dem Versuch einer vereindeutigenden Festlegung muss man widerstehen, wie das Beispiel von Clements Verwischung des übersinnlichen Erkenntnisanspruchs zeigt.

12. Januar 2015 at 2:59 pm 18 Kommentare

Mentzels Traum

oder: Schon wieder eine Polemik

„Eine Kritik, die sich an dem stört, was sie für unleserlich und eitel hält,
ist … zutiefst zu misstrauen, weil sie die Tatsache,
dass die Wahrheit einem nicht zufliegt, sondern kritisch begriffen sein will,
im Kokettieren mit der Dummheit leugnet und weil aus dem Affekt
gegen die Eitelkeit das Wissen über die Hässlichkeit der eigenen Gedanken spricht.“
– Tjark Kunstreich

Michael Mentzel („Themen der Zeit“) hat zwei Fehler in meinem Buch gefunden – und einen Trost, dass Steiner nämlich nicht den Nationalsozialismus verursacht habe. Da seine Rezension in den üblichen Bahnen kreist, überdies nicht an unbelegten oder schlicht unrichtigen Unterstellungen spart und ich besagtes Buch ernst meine, erlaube ich mir eine Antwort.

Idealismus vs Nationalsozialismus

George L. Mosse hat darauf hingewiesen, dass man die Geschichte des Rassismus „mit dem Ende und nicht mit dem Anfang beginnen“ muss: „Mit den sechs Millionen Juden, umgebracht von Erben europäischer Kultur … Zwar führten die Nazis das Verbrechen aus – aber überall glaubten Männer und Frauen, dass die Rassen sich unterscheiden, seien sie nun weiß, gelb, schwarz, jüdisch oder arisch.“ (Mosse: Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt/M 1990, 23) Michael Mentzel, Anthroposoph und Urheber der Seite „Themen der Zeit“, ist scheinbar anderer Auffassung. Dabei ist ihm nicht verborgen geblieben, dass es Rassismus im Werk des Anthroposophie-Gründers Rudolf Steiner gibt, schließlich seien „die in Rede stehenden Zitate und Aussagen tatsächlich in Steiners Werk vorhanden.“ Die Auseinandersetzung damit scheint für Mentzel keine notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit und auch kein Grund zu sein, anthroposophische Traditionen auf ihre Rolle im Nationalsozialismus hin zu befragen, im Gegenteil: Mentzel will Steiners Rassenlehre und dem darüber immerhin bei ihm aufkeimenden Zweifel anscheinend sogar ein Quäntchen spirituelles Kapital entlocken. Denn: Wer bereit sei, eine „- stellenweise tatsächlich vorhandene und auch nicht wegzuleugnende – Ambivalenz in Steiners Denken auszuhalten, wird belohnt durch die Erfahrung, dass es für die Entwicklung seiner eigenen Gedankenwelt nur mehr förderlich sein kann, wenn er bereit ist, den persönlichen Seelenkampf in die Wagschale zu werfen und die eigene Auseinandersetzung mit dem Zweifel als Möglichkeit zur erweiterten eigenen Erkenntnis zuzulassen.“ (siehe hier und im Folgenden Michael Mentzel: Steiner und der Rassismus)

Für diesen neuesten „Seelenkampf“ zur Erkenntnis-Erweiterung hat Mentzel sich netterweise mein Buch ausgesucht. Am Ende bleibt der Eindruck, dass dabei der „Seelenkampf“ und keineswegs die Erkenntnis im Zentrum steht. Kritische Bücher sind anstrengend, schon weil Mentzel „angesichts der vielen fußnoten die zeit fehlt, sich auch noch mit dem text zu beschäftigen. gleichwohl lese ich manches durchaus mit gewinn.“ Immerhin. Fußnoten sind vielmehr das Geschäft fieser Zeitgenossen wie der „Experten“: „Da steht es doch. Schwarz auf weiß“, rufen die „Experten“ und lehnen sich selbstzufrieden zurück, wohl wissend, dass es ihnen wieder einmal gelungen ist, beim geneigten Publikum eine gewisse Aufmerksamkeit zu erreichen und die Saat des Zweifels ein wenig mehr aufgehen zu lassen.“ (ebd.)

Entsprechend kommen Zweifel nur in Mentzels Fazit vor, im Rest des Artikels versucht er, einige meiner Darstellungen als „absurd“ und als falsche Vorwürfe an Rudolf Steiner zu lesen. Meine Bemühungen, Steiners Gratwanderung zwischen Chauvinismus und Humanismus (und Rassismus, und Antinationalismus usw. usf.) herauszuarbeiten, hinterlassen bei Mentzel wenigstens den folgenden positiven Eindruck:

„Eines scheint mir das Anliegen des Autors Ansgar Martins jedoch nicht zu sein: Der Versuch, nachzuweisen, dass der von ihm bei Steiner diagnostizierte Rassismus und Antisemitismus die von manchen Kritikern behauptete Klammer und die Kontinuität sind, die den Nationalsozialismus ermöglicht haben. Kritikern, die Steiner und seine – und zu einem Gutteil auch unsere – Anthroposophie als die Wegbereiter des Nationalsozialismus stilisieren wollen, dürfte es damit schwerfallen, das Buch als Beleg ihrer oft kruden Thesen heranzuziehen. Denn hin und wieder bemerkt Martins schon, dass Steiner auch darauf hingewiesen hat, dass sein Anliegen in einem idealistisch zu verstehenden Sinn zu werten ist und eben nicht ein national gefärbter Hurrapatriotismus deutscher Provinienz ist.“ (ebd.)

Offenbar schließen sich Hurrapatriotismus und Idealismus in Mentzels Augen aus. Das ist leider nicht überraschend und wahrscheinlich das tiefgreifendste und weit verbreitetste anthroposophische Missverständnis in der gesamten ‚Rassismus-Debatte‘, geradezu der Traum, dass Steiner sich vereindeutigend aus der Affäre ziehen lasse. In der Tat hat Steiner ‚rassische‘ Faktoren durch seine Ich-Philosophie, die Vorstellung von der zukünftigen Vergeistigung der Erde oder die Reinkarnationsidee stark relativiert, aber dadurch wurden auch seine eigenen rassistischen Stereotype nicht weniger und unter manchen Anhängern wurden gerade diese ’spirituellen‘ Teile der Rassenlehre umgekehrt interpretiert: Als Rechtfertigung des Rassismus. Ein prominentes Beispiel ist Richard Karutz, der 1934 in einem ebenfalls „idealistisch zu verstehenden Sinn“ und vom spirituellen Standpunkt der Anthroposophie aus den Nationalsozialismus begrüßte. Nur spirituell könne die „Rassenhygiene“ wahrhaft begründet werden, so Karutz:

„Eine Abkehr vom materialistischen Denken würde sofort die Empfindlichkeit der Rassenlehre beseitigen, denn die Wandlung vollzieht sich in jenem nicht-physischen Bild des Rassen-Urbildes, das dieselbe Rassenlehre als Quelle der überindividuellen Lebenseinheit, oder wie sie die Rasse sonst bestimmt anerkennt. Für die praktischen Forderungen eugenischer Lebenshaltung ändert sich damit nichts.“ (Richard Karutz: Rassenfragen, Stuttgart 1934, 35)

„Aus beiden, aus Rasse und Volk schält sich die Einzelpersönlichkeit heraus und beginnt von sich aus an den überkommenen seelischen und leiblichen Eigenschaften zu arbeiten. Ein Neues wird, zu dem Rasse und Volk die Stufen sind. Darum stellt Adolf Hitler immer wieder die frei schaffende Persönlichkeit als notwendig für die Gemeinschaft hin … Das Volkstum muss als eine notwendige Grundlage seelischer Entwicklung gewahrt, eugenisch gepflegt und wenn nicht anders möglich, kämpferisch verteidigt werden.“ (ebd., 62)

Dass die Anthroposophie nicht die Wegbereiterin des Nationalsozialismus war und sich in dieser Richtung auch nicht ernsthaft argumentieren lässt, darin ist Mentzel ausdrücklich zuzustimmen. Tatsächlich hat bisher auch noch kein ernstzunehmender Steinerkritiker die Anthroposophie zum Wegbereiter des Faschismus stilisiert. Das haben diesbezüglich interessierte Anthroposophen ganz allein geschafft. Ettore Martinoli, der sich nicht nur aktiv für die antisemitischen Rassegesetze im italienischen Faschismus, sondern vor allem für deren Synthese mit der Anthroposophie einsetze, riss Steiner aus seiner faktischen geistesgeschichtlichen Irrelevanz und stellte ihn in eine Reihe mit Mussolini und Hitler:

„Rudolf Steiner war ein wahrhaft idealer Vorläufer des neuen Europa von Mussolini und Hitler. Ziel dieser Schrift war es, den Geist und die Figur dieses grossen, modernen, deutschen Mystikers für die Bewegung zu beanspruchen – eine Bewegung, die nicht nur politisch, sondern auch spirituell ist – eingeführt in die Welt von den zwei parallelen Revolutionen, der Faschistischen und der Nationalsozialistischen Revolution, denen Rudolf Steiner als echter Vorläufer und spiritueller Pionier in idealer Weise angehört.“ (Martinoli: Un preannunziatore della nuova Europa: Rudolf Steiner, in: La Vita Italiana, Juni 1943, S. 566, übersetzt bei Andreas Lichte)

Es waren gerade die idealistischen Aspekte der Anthroposophie, mit denen solche Autoren ihren faschistischen Enthusiasmus rechtfertigten. Erhard Bartsch, Pionier der biodynamischen Landwirtschaft, belehrte den jüdischen Anthroposophen und Nazigegner Hans Büchenbacher: „Wissen Sie, Herr Dr. Büchenbacher, wenn man wirklich michaelischen Geist hat, dann tritt man an die Seite von Adolf Hitler.“ (zit. n. Büchenbacher: Erinnerungen 1933-1945, Archiv Info3, 8) Andere sahen in der Anthroposophie die ideale spirituelle Ergänzung zum ‚materialistischen‘ Nationalsozialismus: „Rudolf Steiner kommt von oben. Hitler kommt von unten, und so geben sie einander die Hand.“ (zit. n. Dieter Brüll: Ein Bewusstsein war nicht vorhanden, in: Info3, 4/1999, 20) Büchenbacher, der als Vorsitzender der deutschen Anthroposophen 1935 „freiwillig“ zurücktreten musste, schätzte rückblickend, „dass ungefähr 2/3 der Mitglieder mehr oder weniger positiv zum Nationalsozialismus sich orientierten.“ (Büchenbacher: Erinnerungen, a.a.O., 17) Im faschistischen Italien war das Spektrum breiter:

„A number of Italian anthroposophists were antifascists, and several leading members of the small anthroposophical community in Italy werde Jews who fell victim to the Fascist racial campaign. Other anthroposophists participated wholeheartly in the racist agitation, advocating an esoteric variant of anti-Semitism … While not representative of the anthroposophist movement as a whole, the actions of Martinoli, del Massa and Scaligero are a stark indication of ‚the distorting and harmfull effects of viewing political events through an occult prism.'“ (Peter Staudenmaier: Anthroposophy in Fascist Italy, in: Arthur Verluis u.a.: Esotericism, Religion, and Politics, Minneapolis 2012, 95f.)

Mentzels Artikel zieht die Anthroposophie letztlich in ein historisches Vakuum, „Zweifel“ dient nurmehr zur spirituellen Erbauung, geschichtliche Zusammenhänge werden nur als unheilvoller Schmutz erwähnt, der verwandt werde, um Steiner schlimme Dinge anzuhängen. „Wird – Zander lässt grüßen – schon etwas hängen bleiben?“ fragt sich Mentzel. Idealismus war mitnichten ein Gegensatz zum Nationalsozialismus und die spiritualistische Grundhaltung von Anthroposophen konnte sowohl pro- wie antifaschistisch ausgelegt werden. Aber eine solche Feststellung verträgt sich anscheinend schwer mit Erkenntnisgewinnung durch „Seelenkampf“. Letzterer scheint dunkle Kapitel der Geschichte nicht intellektuell, sondern nur moralisierend auffassen zu können. Helmut Zanders Geschichte der „Anthroposophie in Deutschland“, das in der Esoterikforschung als „the indispensable and almost inexhaustible foundation for all future scholarship about Anthroposophy“ gilt (Wouter Hanegraaff: Western Esotericism. A Guide for the Perplexed, London/New York 2013, 179) wird in Mentzels Darstellung zum „brachiale[n] Monumentalwerk“, mit dem Titel „Anthropsophie heute“ verballhornt, „das inzwischen als Zitat- und Stichworthalde, aus der man sich nach Belieben bedienen kann, nicht mehr wegzudenken“ sei.

„Ungereimtheiten“

Aber der Reihe nach. Mentzel meint, meine „Schlampigkeit, gepaart mit Überheblichkeit“ aufzeigen zu können und nennt einige Beispiele, von denen es noch mehr gebe. Das gehört zu den besseren Bestandteilen seiner Rezension und vielleicht ist es hilfreich, wenn ich diese „Ungereimtheiten“ hier aufliste und, soweit möglich, kommentiere.

1. Ich versuche angeblich, Steiner einen „Blutsnationalismus“ anzudichten.

Mentzel bezieht das auf folgende Bemerkung Steiners, die er aus irgendwelchen Gründen allerdings selbst nicht zitiert: „diejenigen, welche die äußeren Träger zum Beispiel jenes Blutes waren, aus dem ich stamme, sie stammten aus deutschen Gegenden Österreichs; da konnte ich nicht geboren werden. Ich selber bin in einer slawischen Gegend, in einer Gegend, die vollständig fremd war dem ganzen Milieu und der ganzen Eigentümlichkeit, aus der meine Vorfahren stammen, geboren.“ (GA 185,202) Mentzel kommentiert: „Hier einen Blutsnationalismus zu konstruieren, erscheint gewagt und dürfte tatsächlich einer umfassenden und genaueren Betrachtung nicht standhalten.“ In der Tat, denn Steiner begründete mit diesen Worten, dass die (mitteleuropäische) Theosophie jedes „Spezialinteresse“ überschreite und er selbst ein hervorragender Repräsentant dieses Umstands sei. Steiners Äußerung ist durchaus internationalistisch, aber das war – wie oben gesagt – für Steiner kein Gegensatz zu Blutsabstammung und dem Glauben an Volkscharaktere: Ihm schien beides kompatibel bzw. er erklärte das eine durch das andere. Hier hat Mentzel meine Darstellung anscheinend schlicht falsch verstanden. Das ist bedauerlich, denn Steiners Kombination von „Geist“ und „Blut“ war eben auch einer der Gründe, der Schulterschlüsse von Anthroposophie und völkischem Gedankengut den Weg ebnen konnte.

„…in diesem Nationalismus erwachte der früheren Zeit gegenüber, die der neuen Jugend kalt und hoffnungslos erschien wie der Romantik die Zeit der Aufklärung, das Gefühl eines neuen, drängenden, schwellenden, verbundenen Lebensgefühls, die Sehnsucht nach einem starken neuen Glauben. Zugleich wurde bewusst eine ethische und religiöse Verankerung des Nationalismus gesucht. Man knüpfte an Fichte an, der dem Nationalismus die Aufgabe zugeteilt hatte, die früher die Religion zu lösen hatte … Der Nationalismus wurde eine Frage der persönlichen Sittlichkeit, er wurde zur Vorbereitung einer messianischen Zeit.“ (Hans Kohn: Martin Buber, Köln 1961, 95)

2. „Martins“, so Mentzel, „konstatiert, dass ‚Grundlegend für Steiners Vorstellung von Nation‘ dessen ‚intellektuelle Sozialisation im Vielvölkerstaat Habsburg‘ gewesen sei. Da mag man fragen: wo anders als dort, wo ein Mensch lebt, findet seine – auch intellektuelle – Sozialisation statt?“

Na also: geht doch. Mentzel scheint diesen Umstand aber in der Folge wieder zu vergessen (siehe 4.)

3. Meine Darstellung, dass Steiners Vater „die Ungarn nicht mochte“, sei zu „dramatisch“.

Mentzel unterstellt, dass diese so „dramatische“ Feststellung meine sei, tatsächlich stammt sie von Steiner (vgl. GA 28, 50). Zum anderen gibt Mentzel ausführlich Steiners Begründung dieser Feststellung wieder, ohne sie selbst zu zitieren. Auch darin liegt kein wirkliches Gegenargument zu meiner Darstellung.

4. Steiner sei vom Nationalismus seines Vaters nicht angesteckt worden, Mentzel: „An den politischen Diskussionen in seinem Elternhaus war Steiner allerdings nur insoweit interessiert, als er es für wichtiger gehalten hatte, statt der politischen Inhalte der Diskussionen zwischen dem Vater und seinem Kollegen, der ihn als Bahnhofsvorsteher ablöste, ‚die Frage zu beantworten: inwiefern lässt sich beweisen, daß im menschlichen Denken realer Geist das Wirksame ist.'“

Letzteres Zitat stammt aus Steiners Autobiographie, die natürlich über jeden Zweifel erhaben ist. Denn “was Rudolf Steiner sagt, ist so“, wie es Mentzels Glaubensgenossin Mieke Mosmuller formuliert. Nimmt man Abstand von Steiners retrospektiver Selbstdarstellung, dann gibt es durchaus Belege dafür, dass Steiner früh und aus leicht erklärbaren Gründen (siehe 2.) nationalistische Standpunkte seines Vaters übernahm. So berichtete sein Mitschüler Albert Pliwa: „Als nun Rudolf Steiner einmal in Sauerbrunn ausstieg, wollte er seine Fahrkarte trotzig dem Portier nicht abgeben, weil auf dem Gebäude nicht der deutsche Name Sauerbrunn stünde, das ‚hunnische’ Savanyúkút verstände er nicht. Darauf holte der hinzukommende Stationschef als entrüsteter Magyar zu einer gewaltigen Ohrfeige aus, worauf Rudolf Steiner ihn mit ‚Hunne’ taktierte und sah, dass er aus dem Faustbereich des Schlagfertigen kam.“ (zit. n. Vögele: Der andere Rudolf Steiner, Dornach 2005, 23) Vögele kommentiert, die Stelle zeige, „wie sehr der Schüler Rudolf Steiner damals in den Gegensatz der Nationalitäten hineingestellt war und unter dem Einfluss der Stimmung seines Vaters gegen die magyarisierenden Ungarn, die seine Stellung bedrohten, den Anti-Ungarn herauskehrte…“ (ebd.)

5. „Steiner, so Martins,“ – so Mentzel – „hätte seine politische Haltung während seiner Studentenzeit als deutsch-national charakterisiert. Ärgerlich auch hier wieder ein Fehler, denn er nennt als Herkunft der Aussage GA31/361; es handelt sich aber um GA32.“

Das ist zutreffend und ein ärgerlicher Fehler meinerseits, ändert aber ebensowenig wie Mentzels folgendes Zitat aus dem nun richtig situierten Aufsatz auch nur das Mindeste an Steiners deutschnationaler Orientierung (und Steiners Bekenntnis dazu). Allerdings sieht Mentzel das anders:

6. „Ebenso eindeutig können die Worte Steiners aber auch stehen für eine nüchterne Betrachtung und eine selbstkritische Betrachtung seiner damaligen politischen Haltung.“

Nun findet sich in Steiners Worten aber nunmal keine Selbstkritik und Mentzel nennt auch keine Anhaltspunkte, wo und wie man eine solche auftreiben könne. Aus seiner unbelegten Behauptung leitet er allerdings auch schon den nächsten Vorwurf an mich ab:

7. „Für Martins aber reicht es, unter anderem aus diesen Aussagen abzuleiten, Steiner hätte seinen ‚Nationalismus allerdings zusehends‘ politisiert.“

Das ist im Grunde richtig, aber wesentlich eindringlichere Belege für diese Politisierung finden sich in denjenigen Aufsätzen, die Steiner in den fraglichen deutschnationalen Wiener Jahren geschrieben hat. Mentzel lässt diese unzitiert und beschränkt sich auf Steiners retrospektive Deutungen.

8. „Wer“, so bzw. so wie Mentzel, „die heutigen Debatten um Griechenland, Italien oder Spanien in Bezug auf die Euro-Frage oder die Frage von Zuwanderung etc., die damit verbundenen ‚politischen Kämpfe‘ [Steiner] und damit den Anteil, den politisch interessierte Zeitgenossen daran nehmen, aufmerksam verfolgt, kann die aufgeregten Kommentierungen von Steiners damaligen nationalen Aussagen eigentlich nur noch mit einem müden Lächeln quittieren.“

Ein Vergleich von EU und der Habsburger „Nationalitätenfrage“ wäre sicher aufschlussreich. Ich halte Mentzels Fokus dazu allerdings für ungeeignet: Es geht um die Auswirkungen des Nationalismus und nicht darum, welcher „müder“ sei als der andere.

9. Grund meiner angeblichen Ungereimtheiten sei wohl der Wunsch, „…eine Generalabrechnung mit denen zu führen, die Steiner nach Martins Meinung als Säulenheiligen verehren wollen und dies auch noch offensiv nach außen vertreten.“

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, a) zu erwähnen, dass Mentzel meine Mailadresse hat, heißt: mich nach meinen Intentionen auch selbst fragen könnte, b) mich einmal selbst zu zitieren, da ich die ominöse Intention meiner Darstellung im Buch selbstverständlich ausführe – und zwar wie folgt: „Mir scheint es … wichtig, die ambivalenten Züge seines [Steiners] Denkens kenntlich zu machen, und zu verstehen, wie Steiner zu rassistischen Äußerungen kam, ohne darüber den kritischen Blick zu verlieren.“ (S. 141) Dass sich dabei Differenzen zu anthroposophischen Hardlinern auftun, lässt sich nicht vermeiden, ist allerdings Folge und nicht Ursache meiner Darstellungen.

10. „Einer von Martins ärgsten Feinden“, berichtet Mentzel, „scheint der Publizist Lorenzo Ravagli zu sein, dem er in den vergangenen Jahren mehr als einmal ellenlange Pamphlete widmete, denen ein reichlich lockerer Umgang mit den Aussagen Steiners zu eigen war.“

Lorenzo Ravagli gehört bei aller Kritik sicher zu den klügsten und vornehmsten anthroposophischen Steiner-Deutern. Gerade weil Ravagli jedoch langjähriger Herausgeber eines „Jahrbuchs für anthroposophische Kritik“ und Co-Autor einer der besten anthroposophischen Studien über „Kontinuität und Wandel“ in Steiners Denken (Stuttgart 2003) ist, halte ich es für unmöglich, seine Verkürzungen, Verfälschungen und Affirmationen der Steinerschen Rassenlehre ernstzunehmen. Um nicht allzuweit vom Thema abzukommen, hier nur eines der offensichtlichsten Beispiele. Zu einem Steiner-Vortrag über Rassen und Hautfarben von 1923 bemerkt Ravagli: „Zwar bewegen sich die Ausführungen Steiners in diesem Vortrag insgesamt im Rahmen von Typenvorstellungen, diese beziehen sich aber, nach einer Bemerkung Steiners, ausdrücklich nur auf den Leib des Menschen, von dem das Geistig-Seelische mehr oder weniger unabhängig ist. ‚Sehen Sie meine Herren, alles dasjenige, was ich ihnen jetzt geschildert habe, das sind ja Dinge, die im Leibe des Menschen vor sich gehen. Die Seele und der Geist sind mehr oder weniger unabhängig davon.'“ (Ravagli: Zanders Erzählungen, 288) Das ist korrekt zitiert, aber aus dem Kontext gerissen. Steiner sagte (die von Ravagli ausgelassenen Sätze im Folgenden kursiv): „Sehen Sie, meine Herren, alles dasjenige, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, das sind ja die Dinge, die im Leibe des Menschen vor sich gehen. Die Seele und der Geist sind mehr oder weniger unabhängig davon. Daher kann der Europäer, weil ihn Seele und Geist am meisten in Anspruch nimmt, Seele und Geist am meisten verarbeiten. Der kann es am ehesten vertragen, in verschiedene Erdteile zu gehen.“ (GA 349, 62) Das sei anderen „Rassen“ versagt: Afrikaner in Amerika würden zu Indianern: „…sie gedeihen nicht, sie gehen zugrunde“ (ebd., 63) Von Asiaten, die in den Süden zögen, berichtete Steiner, dass sie körperlich zerbröckelten und an der Sonne stürben (ebd., 61)

11. „Eine weitere – nur als kurios zu bezeichnende – Schlussfolgerung“ findet Mentzel in meiner Darstellung von Steiners frühen theosophischen Jahren. Steiner deutete 1903 eine Reihe deutscher Mystiker, Dichter und Philosophen ebenfalls als Theosophen. Unter anderem den Idealisten Schelling (vgl. GA 34, 534). Im selben Zeitraum redete Steiner jedoch auch über „Schelling, der selbst kein Theosoph war“ (GA 52, 39). Offenbar widerspricht sich Steiner hier selbst. Meine Interpretationshypothese ist, dass Steiner auf verschiedenen Wegen versuchte, den deutschen Idealismus und damit weite Teile seiner frühen Schriften einer theosophischen Relektüre zu unterziehen. Für Mentzel ist das ein „Vorwurf“ an Steiner. „Auch hier“ sei es „ratsam, sich die in Rede stehenden Stellen genauer anzusehen.“ „Für Martins aber sind solche Aussagen einmal mehr ein Anlass, Steiner zu unterstellen: ’seine intellektuelle Biographie in ein Leben für diese ‚deutsche Theosophie‘ umzudeuten‘. Wird – Zander lässt grüßen – schon etwas hängen bleiben?“

Leider erläutert Mentzel mit keinem Wort, was an meiner Deutung vorwurfsvoll oder kurios sei. Wieder hat er kein Gegenargument. Wieder zitiert er Steiners (von mir angegebene) Aussagen ausführlicher als ich selbst und wieder bleibt Steiners Widerspruch dennoch bestehen. Wieder imaginiert Mentzel meine Darstellung anscheinand als böswollende ‚Unterstellung‘, von der – „Zander lässt grüßen“ – irgendetwas Schlechtes an Steiner hängenbleiben solle. Nicht Steiners Widersprüche scheinen für ihn ein Problem zu sein, sondern der Umstand, dass man diese interpretiert.

12. „Dass Martins“, so Mentzel, „es nicht so ganz genau mit den Worten nimmt, die er dem Gegenstand seiner ‚Studie‘ in den Mund legt, ist auch dort zu bemerken, wo es um den Dichter Ludwig Jacobowski geht, dessen Tod er im gleichen Absatz seines Textes ins Jahr 1901 und wenige Sätze später auf den 2. Dezember 1900 datiert, was man hier aber auch dem Lektorat anlasten könnte.“

Zwar hat Mentzel bisher nicht nachgewiesen, wo (oder auch nur: dass) ich Steiner etwas fälschlich „in den Mund“ legte und mit was davon ich es nicht so genau nähme. Aber hier glückt ihm eine zweite Trouvaille: Offenbar habe ich mich bei Jacobowskis Todestag vertippt, das ist ein wirklich bedauerlicher Schnitzer, der nicht erst auf das Lektorat zurückfällt.

13. Weiter zu Jacobowski: „Reichlich absurd allerdings wirkt Martins Vermutung, Steiners Artikel, in denen er eine klare Stellungnahme gegen den Antisemitismus erkennen lässt, könnten ein ‚posthumes Geschenk‘ [Zander] an den verstorbenen Freund Jacobowski sein.“

Erneut erläutert Mentzel nicht, was an der Vermutung absurd sei. Aus meiner Sicht ist sie die bisher plausibelste Deutung. Noch 1897 hatte Steiner die Antisemiten als „ungefährliche Leute“ verharmlost: „Viel schlimmer als die Antisemiten sind die herzlosen Führer der europamüden Juden, die Herren Herzl und Nordau.“ (GA 31, 199f.) Ein Jahr später lernte er Jacobowski kennen, der für den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ arbeitete. Jacobowski gehörte zu Steiners engeren Freunden – nach seinem Tod schrieb Steiner Artikel für den Verein.

14. Weiter möchte Mentzel „fragen, warum Martins der kurzen Begegnung Steiners mit dem Antisemiten Treitschke einen solch breiten Raum gibt (3 Seiten), die Freundschaft Steiners mit dem Juden Jacobowski aber in ein paar dürren Sätzen abhandelt…“

Die Begegnung Steiners mit „dem Antisemiten Treitschke“ nimmt im Buch keine drei Seiten ein, sondern genau sieben Zeilen. Die Begegnung mit Jacobowski umfasst zwölf Zeilen und eine der von Mentzel so gefürchteten Fußnoten. Möglicherweise hätte Mentzel seinen eigenen Rat, „sich die in Rede stehenden Stellen genauer anzusehen“, selbst besser befolgen können.

15. Ferner bildeten meine Darstellung der Freundschaft Steiner-Jacobowski „noch nicht einmal die Realität“ ab. Schließlich habe Steiner Jacobowski „einen ganzen Artikel gewidmet und darin gesagt, dass der Freund seine literarischen Tätigkeiten nicht zuletzt deshalb reduziert hatte, weil er seine Aufmerksamkeit stärker auf die politische Ebene – ‚in Verbindung mit der Kulturentwicklung‘ gerichtet hatte.“

Dass der Kolumnist, Journalist und Essayschreiber Steiner seinem Freund Jacobowski sage und schreibe „einen ganzen Artikel“ widmete, diese weltbewegende Fügung habe ich in der Tat nirgends so festgehalten, sondern von so etwas Profanem wie „gegenseitiger literarischer Wertschätzung“ gesprochen. De gustibus est disputandum. Um meine schlimme Verdrehung der Realität richtigzustellen, zitiert Mentzel wieder Steiner, ohne das Zitat zu kommentieren oder daraus abzuleiten, was denn nun mein Fehler gewesen sei. Bemerkenswert ist, dass er unter anderem auch folgende Sätze Steiners zitiert: „Er [der Antisemitismus] verletzte ihn [Jacobowski] tief in seinen persönlichsten Empfindungen. Nicht etwa deshalb, weil er mit diesen Empfindungen an dem Judentume hing. Das war durchaus nicht der Fall. Jacobowski gehörte vielmehr zu denen, die mit ihrer inneren Entwickelung längst über das Judentum hinausgewachsen waren.“ (GA 33, 191) In der Tat  geben diese Worte über Steiners Beziehung zu „dem Juden Jacobowski“ Auskunft: ‚Gute‘ Juden waren für Steiner seit dem Kommen Christi nur diejenigen, die „über das Judentum hinausgewachsen“ seien, die „frei“ seien von jener „konfessionellen oder Rassebeschränktheit“ (GA 28, 280), die Steiner der jüdischen Tradtion ohne Grund und Begründung unterstellte. Steiners Antisemitismus war assimilatorisch: Die Juden sollten weniger jüdisch sein und sich mit den restlichen „Völkern“ vermischen. Mentzel zitiert diese Äußerung zwar, aber makabererweise gerade als Beleg dafür, ich hätte Steiners Freundschaft zu Jacobowksi verkürzt dargestellt.

16. Nach Jacobowski springt Mentzel in den letzten Teil meines Buchs und ins Kapitel über Steiners Gesellschaftsutopie der „sozialen Dreigliederung“. „Auch“ dieses sei „wenig ergiebig“.

Auch hier liefert er keine Belege für Ungereimtheiten oder Fehler.

17. Anschließend spekuliert Mentzel über meine angeblich „immer etwas aufgeregt klingende Redeweise“. Als Beleg zitiert er folgenden Satz aus meinem Buch: „In Steiners pädagogischen, medizinischen oder nationalökonomischen Vorträgen kamen Rassenbegriffe auf hunderten von Seiten überhaupt nicht vor.“ Dieser Satz klinge „bedauernd“ oder eben „empört“.

18. Es folgt ein weiterer Sprung ins Jahr 1923. Mentzel: „Als Beleg seiner Ansicht, dass der Rassimus Steiners Werk durchziehe, bringt Martins – natürlich – auch das Beispiel von der Lehrerkonferenz der Stuttgarter Waldorfschule, auf der der damalige Waldorflehrer Karutz die Abschaffung des Französischunterrichts gefordert hatte.“

Ich vermute, das suggestive „natürlich“ soll eine Redundanz meiner Darstellung nahelegen. Auch diese Einschätzung seinerseits ist freilich legitim. Richard Karutz war allerdings kein Lehrer an der Stuttgarter Waldorfschule, diese wurde von seinen Kindern besucht. Auch hier hätte Michael Mentzel vielleicht seinen eigenen Rat, genau nachzulesen, selbst besser befolgen können (vgl. GA 300b, 276).

19. Die folgende Diskussion über die Abschaffung des dekadenten Französischunterrichts an der Waldorfschule empfiehlt Mentzel seinen Lesern wieder zur näheren Lektüre. Denn: „Steiner lehnte eine Diskussion über die Frage nach der Abschaffung des Französischunterrichts ab, nicht zuletzt weil er sich den Gegebenheiten der staatlichen Schulaufsicht bewusst war.“

Wie leider so oft in anthroposophischen Darstellungen reißt Mentzel diese Position Steiners aus dem Zusammenhang. Für Steiner hatte Französisch an der Waldorfschule „verschiedene Seiten. Die erste ist die geistig-kulturelle Seite.“ (ebd.) Geistig-kulturell sei Frankreich nämlich der erste „Vortrupp des untergehenden Römertums, der untergehenden romanischen Völker Europas“ (ebd., 277), die französische Sprache sei oberflächlich und im Gegensatz zum Deutschen dirigiere sie den Menschen, höhle ihn aus. Steiner hielt es für notwendig, „daß der französische Unterricht aus wirklich inneren Wesensgründen allmählich verschwinde. Es ist auch ganz selbstverständlich, daß er in der Zukunft wirklich aus dem Unterricht verschwindet. Nun, etwas anderes liegt in diesem Moment vor, wenn die Waldorfschule in radikaler Art den Anfang machen sollte … auf der anderen Seite ist es absolut ausgeschlossen, daß wir von der Waldorfschule den Anfang machen mit dem Kampfe für die Abschaffung der französischen Sprache. Das ist aus äußeren Gründen nicht möglich. Wir haben ja noch kein freies Geistesleben…“ (ebd., 278) Lediglich den letzten Punkt stellt Mentzel dar und erwähnt Steiners Hetze gegen Frankfreich nur in dem Halbsatz „Die Lehrer seien sich zwar darüber klar, so Steiner, dass die französische Sprache in der Dekadenz sei…“. Hier hätte Mentzel wenigstens den Unmut der Französischlehrer festhalten können, die ihre eigene spirituelle Erklärung ihres Fachs hatten. Lehrer(in?) „X“ brachte ein: „Ich möchte nur sagen, wie es mir persönlich geht, wenn ich Französisch gebe. Ich steigere mich, ich schwimme. Nichts ist so anstrengend wie das Französisch- Unterrichten.“ Steiners Antwort: „Wenn es im guten Sinne wäre, so würde ich Ihnen raten, steigern Sie sich bei den anderen Dingen mehr.“ (ebd., 283)

Wider die Eindeutigkeit

Von den angeblichen Ungereimtheiten meines Buchs, die Mentzel unterstellt, bleibt bei näherer Betrachtung zweierlei übrig: Ich habe darin Ludwig Jacobowskis Todesjahr einmal falsch datiert und eine Quellenangabe ist unrichtig – Ich schreibe GA 31, wo GA 32 stehen müsste. Ich bin auch von anderer Seite auf eine falsche Datierungen eines Steiner-Aufsatzes von 1906 hingewiesen worden. Und es wird sicher wirkliche Ungereimtheiten und Stellen geben, an denen das Buch zu kurz greift oder die man schlicht ausführlicher hätte behandeln können. Viel mehr ließe sich beispielsweise zur Dreigliederung und zu Steiners lebensreformerischen Ansätzen sagen.

Dennoch: In Mentzels Rezension kann ich dazu wenig Brauchbares finden. Zwar lässt er gegen Ende den Erkenntnis-Wert des Zweifels anklingen und meint, mein Buch werde der Anthroposophie nicht schaden:

„Wer den Versuch macht, das Werk Rudolf Steiners auch im Hinblick auf Martins Intentionen zu durchdringen und damit bereit ist, eine – stellenweise tatsächlich vorhandene und auch nicht wegzuleugnende – Ambivalenz in Steiners Denken auszuhalten, wird belohnt durch die Erfahrung, dass es für die Entwicklung seiner eigenen Gedankenwelt nur mehr förderlich sein kann, wenn er bereit ist, den persönlichen Seelenkampf in die Wagschale zu werfen und die eigene Auseinandersetzung mit dem Zweifel als Möglichkeit zur erweiterten eigenen Erkenntnis zuzulassen. Insofern wird Martins Buch der Anthroposophie keineswegs schaden, wie manche vermuten.“

Ich danke für die Einschätzung, doch der Rest des Artikels besteht aus Steiner-Zitaten und Vorwürfen an meine Darstellung, die entweder unbegründet sind oder von Mentzel zumindest nicht belegt, sondern nur als absurd betitelt werden. Vielleicht ist dieses Problem ihm selbst nicht verborgen geblieben, denn er fürchtet: „Die zarten Versuche der Beschreibung der Empfindungen, wie sie vor der Seele und den Augen eines – der heutigen Steiner-Kritik gegenüber – kritisch eingestellten Zeitgenossen auftauchen, werden als Versuche der Reinwaschung, als apologetische Irrfahrten durch eine Geschichte gebrandmarkt werden, deren Eindeutigkeit doch schließlich nicht mehr zu übersehen sei.“

Wenn es einen Beleg dafür gibt, dass Mentzel mein Buch nur flüchtig gelesen oder schlicht nicht verstanden haben könnte, dann diesen Satz. Es ist gerade die Eindeutigkeit, der Versuch, Steiner zum lichten Gegner allen Rassedenkens oder zum finsteren Gegenaufklärer zu stilisieren, gegen die das Buch geschrieben wurde. Mentzel selbst unterstellt diese fiktive Eindeutigkeit, wenn er meinem Buch ausgerechnet positiv anrechnet, „dass Steiner auch darauf hingewiesen hat, dass sein Anliegen in einem idealistisch zu verstehenden Sinn zu werten ist und eben nicht ein national gefärbter Hurrapatriotismus deutscher Provinienz ist.“ Dass Idealismus und Hurrapatriotismus, Individualismus und Nationalismus, Spiritualismus und Rassismus – leider – keine Gegensätze sind, das wenigstens hätten Leser aus meinem Buch lernen sollen. Das ist scheinbar zu viel verlangt, aber das war zu erwarten und deshalb kann ich immerhin zwei Sätzen Mentzels ungebrochen zustimmen:

„Es wird kommen, wie es immer kommt. Dessen ist sich der Verfasser der nachfolgenen Zeilen so gewiss, wie das ‚Es keimen die Pflanzen‘ am Mittagstisch aufrechter Anthroposophen.“

Das ist der Verfasser dieser Zeilen auch.

23. Januar 2013 at 10:20 pm 8 Kommentare

Neues Buch: „Rassismus und Geschichtsmetaphysik“

„Das Erstaunen darüber, dass die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ’noch‘ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, dass die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“
– Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte (1940)

Was hielt Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, von Denkern wie dem Rassentheoretiker Arthur de Gobineau oder dem Antisemiten Heinrich von Treitschke? Wie vermittelte Steiner seine Position, „daß der Mensch noch nicht Vollmensch ist, wenn er sich als Angehöriger einer menschlichen Differenzierung fühlt, einer Nation, eines Volkes fühlt“ (GA 334, 292), mit seinem Ideologem von der „zukünftigen“, da „am Geist schaffenden“ „weißen Rasse“ (GA 349, 67)? Welcher gemeinsame Gedanke liegt sowohl Steiners Vorurteil von „der ganz passiven Negerseele“ als auch seiner Theologie der „zwei Jesusknaben“ zugrunde?

Demnächst erscheint das Buch „Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner“. Darin versuche ich, die Verankerung und Systematik von Rassentheorien im Denken des Esoterikers darzustellen.

Die öffentliche Debatte um die Anthroposophie wird bekanntlich seit geraumer Zeit vom sog. ‚Rassismusvorwurf‘ gegen Steiner und seinen esoterischen Nachlass dominiert. Neben allerlei Schund hat die Diskussion darüber auch fundierte wissenschaftliche Untersuchungen hervorgebracht. Aber auch hier gibt es noch Leerstellen. So ist bisher Steiners Aneignung und Wiedergabe der theosophischen „Wurzelrassen“-Lehre um 1900 nur sporadisch erforscht. Vor allem aber fehlt eine chronologische und werkimmanente Nachzeichnung von Steiners über die Jahre schwankender Position zur „Rassenfrage“.

In eine solche ist Steiners Menschen- und Evolutionsbild vor seiner Konversion zur Esoterik einzubeziehen. Ferner zahlreiche seiner Aussagen, die bisher noch keinen Eingang in die anthroposophische wie kritische Diskussion gefunden haben, teilweise auch in seiner Gesamtausgabe (noch?) nicht veröffentlicht sind.

Überdies ergibt sich Steiners ‚Rassenkunde‘ weder ausschließlich aus dem breiteren historischen Kontext noch seinem Anspruch auf ‚höhere Einsicht‘: Auch die immanenten Konsistenzanforderungen seiner jeweils zeitaktuellen Ideenpolitik und Weltanschauungsproduktion sind von Bedeutung für die Konstruktion seiner konkreten rassistischen Modelle. Schließlich wird so der scheinbare Widerspruch zwischen Steiners rassistischen Ressentiments und seinem Anspruch auf Universalität und eine „Philosophie der Freiheit“ wenigstens ansatzweise erklärbar – so meine These, zu der ich im Buch einen ersten Anstoß liefern will.

Das Buch streift auch die Verwurzelung ‚rassischen‘ Denkens in der neuzeitlichen Esoterik, Steiners Gesellschaftsutopie der „Sozialen Dreigliederung“, die anthroposophische Rezeption von Steiners Rassentheorien nach seinem Tod und schließlich jüngere Versuche einer anthroposophischen Aufarbeitung. Zum letzten Punkt ist ausdrücklich hervorzuheben, dass das Buch auf Anregung von Jens Heisterkamp entstand und im Info3-Verlag erscheinen wird: Vielleicht endlich ein Zeichen dafür, dass auch auf anthroposophischer Seite die Bereitschaft wächst, die Verzahnung von Steiners Rassentheoremen mit seiner evolutionären Spiritualität zu realisieren und kritisch zu diskutieren.

13. September 2012 at 10:01 pm

In eigener Sache…

Liebe Leserinnen und Leser, Verächter und Fans aus Frankfurt (M) und Umgebung,

Hier eine Notiz in eigener Sache. Am 7. und 14. März werde ich zwei Vorträge im Frankfurter Institut für Vergleichende Irrelevanz zum Thema dieses Blogs halten: Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Ich freue mich über zahlreiches Erscheinen und im Anschluss auf kontroverse Diskussion.

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22. Februar 2012 at 12:57 pm 2 Kommentare

„Wie durch eine dünne Wand“ – Schizotypie und Sublimierung in Steiners „Lebensgang“, Pädagogik und den „Mysteriendramen“

Wer sich  mit der Anthroposophie und ihrem Begründer Rudolf Steiner (1861-1925) auseinandersetzt, trifft eher früher als später auf die Beschreibung der einen als „Wahnwelt“ und des anderen als geistesgestörten Irren, der erstere herbeiphantasiert haben soll.

In zwei Artikeln (das hier ist dann logischerweise der erste), will ich mich mit verschiedenen Eindrücken und Einschätzungen zu diesem Thema befassen.

Irrationalität und scheinbarer Wahnsinn

Angesichts der erstaunlichen Absurdität vieler seiner Aussagen (vgl. „Masern werden von Waldorfschule zu Waldorfschule übertragen…“, Steiner und die Prügelstrafe) ist es erstmal eine naheliegende Option, Steiner einfach für verrückt zu halten. Oft beruht das einfach nur, wie in vielen Artikeln auf diesem Blog gezeigt, und wie wir auch weiter unten sehen werden, auf schlichter Nichtkenntnis der historischen Kontexte und der Entstehungsbedingungen von Steiners Werk, hauptsächlich (spätromantisch-haeckelianische) Wissenschaftsphilosophie und (theosophischer) Okkultismus, und ist zunächst eine Reaktion von Menschen, die sich mit diesem eher abgelegenen und auch reichlich absonderlichen Seitenzweig der Geistes- und Ideengeschichte  noch nicht sehr viel beschäftigt haben.

Der Musiker und Autor Gary Lachman hat in einer für mich sonst nicht umwerfend erhellenden, aber durchaus interessanten, jüngst erschienenen  Steiner-Biographie (Lachman: „Die Rudolf Steiner-Storyaus dem Englischen von Richard Everett, info3 Verlag, Frankfurt 2010) seinen ersten Eindruck von Steiners Schriften ähnlich beschrieben:

„Ich hatte schon schwierige Bücher gelesen, das war nicht das Problem. (…) Hegel ist schwierig nicht – oder nicht nur – aufgrund seines schlechten Stils. Wenn das der Fall wäre, würde sich niemand die Mühe machen, ihn zu lesen. Hegel ist schwierig, weil die Gedanken, denen er versucht Ausdruck zu verleihen, so komplex sind. Aber Steiner kam mir einfach stumpfsinnig vor. (…)

Wie kann ich mir über die Tatsache Rechenschaft ablegen, dass auf der einen Seite Steiner eine kraftvolle und originelle Kritik der Erkenntnistheorie Kants formulieren kann (…) und gleichzeitig, ein paar Seiten weiter, bei aller Achtung seiner Person, total fremdartige, und genauer gesagt, ziemlich unbeweisbare Aussagen über das Leben auf der alten Atlantis trifft? Ich befand mich in einer ähnlichen Position wie der Dramatiker und Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck vor rund siebzig Jahren.  (…) in einem Kommentar über eines von Steiners Büchern bemerkt Maeterlinck, nachdem er „ihm mit Interesse durch Einführungen gefolgt ist, die sich durch einen extrem abgewogenen, logischen und umfassenden Geist auszeichnen“, dass er plötzlich über eine Stelle stolpert, die ihn zu der Frage zwingt, ob Steiner ’nicht überraschend wahnsinnig geworden ist (…)‘ “ (ebd., S. 11-13)

Gary Lachman: Die Rudolf Steiner-Story (Cover)

Gary Lachman: Die Rudolf Steiner-Story (Cover)

Eine ausführlichere Beschäftigung mit den Aussagen Steiners ändert nichts an deren oft grotesken Inhalten und Metaphern, lässt aber, wie die moderne Esoterikforschung zeigt, die Unterstellung von „Wahnsinn“ zunächst sehr sehr ungenau erscheinen. Wer von Verrückthiet redet, übersieht schnell die expliziten Charakteristika der damit belegten Lehren :

„Irrationale Systeme [gehorchen] einer internen Logik (…). Bereits diese Tatsache sollte jeden Interessierten, der glaubt, der Begriff ‘Irrationalismus’ sei gleichbedeutend mit ‘spinniert’ oder ‘wahnsinnig’, eines besseren belehren. Der Begriff Irrationalismus, statt Arationalismus wurde benutzt, weil ein Hauptcharakteristikum der untersuchten Systeme die aktive Oposition zum rationalen ist (…) Vernunft und Aufklärung waren die „Ideologie“ Westeuropas vom späten 17. bis zum späten 19 Jahrhunert. Dennoch war es dieses System, das ausgedehnt, kodifiziert und schließlich zum Dogma gemacht wurde: zum Dogma des spätviktorianischen Materialismus (…). Gegen das, was möglicherweise eine Karikatur der Vernunft war, lehnten sich die Irrationalisten auf.

Es scheint eine gewisse Wahrheit in dem Argument zu stecken, dass ‘der Mensch nicht vom Brot allein lebt’, sondern neben der Gewissheit, mit den Problemen des physischen Überlebens fertigzuwerden, eine weitere Sicherheit braucht. (…) Hier ist nicht der Ort, um über die persönliche Suche der Okkultisten zu urteilen. Es bleibt jedoch der Eindruck, dass die meisten in ihren privaten Welten gefangen waren und nur traurig schwache Beweise für die Macht der Phantasie hervorbrachten.“ (James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen, a.a.O., S. 560 – 588 – Hervorhebungen A.M.)

James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen (Cover)

James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen (Cover)

„Der Fremdling“

Aber spätestens bei der Lektüre von Steiners autobiographischer Aufsatzreihe „Mein Lebensgang“ stößt mensch auch wieder auch bemerkenswerte Selbstzeugnisse, die einen doch grundlegende soziale und kommunikative Handicaps Steiners vermuten lassen. So schrieb an seinem Lebensende in seiner (unvollendet gebliebenen) Autobiographie:

„Ich lebte ganz intensiv mit dem, was andere sahen und dachten; aber ich konnte in diese erlebte Welt meine innere geistige Wirklichkeit nicht hineinfließen lassen. Ich mußte mit meinem eigenen Wesen immer in mir zurückbleiben. Es war wirklich meine Welt wie durch eine dünne Wand von aller Außenwelt abgetrennt.

 Mit meiner eigenen Seele lebte ich in einer Welt, die an die Außenwelt angrenzt; aber ich hatte immer nötig, eine Grenze zu überschreiten, wenn ich mit der Außenwelt etwas zu tun haben wollte. Ich stand im lebhaftesten Verkehre; aber ich mußte in jedem einzelnen Falle aus meiner Welt wie durch eine Türe in diesen Verkehr eintreten.“ (Steiner: Mein Lebensgang, GA 28, Steiner Verlag, Dornach 2000, S. 235)

Schon als Kind hatte Steiner sich – durch eine wesentlich dickere, nicht von ihm verursachte „Wand“ – von anderen abgeschieden gefühlt. Er hatte in jungem Alter kaum Kontakt zu Gleichaltrigen, die Kinder in seinem zeitweiligen Heimatdorf Neudörfl schlossen ihn als „Fremden im Dorfe“ von Spielen aus. Steiners Vater scheint Fragen abgewiesen zu haben – so dass Steiner sich alsbald in eine „eigene Welt“ zurückzog. Dagegen will Steiner im Mathematikunterricht sein Vergnügen gefunden haben, so meinte er, „dass er an der Geometrie zuerst das Glück kennengelernt habe.“ (Die Mächte des (L)ICH(ts) – Symptome der Steinerschen „Geisterkenntnis“). 

Diese innerliche Isolation Steiners haben nahezu alle seiner Biographen erkannt: In Christoph Lindenbergs Steiner-Biographie (Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997) heißt das erste, Steiners Kindheit betreffende Kapitel bezeichnend „Der Fremdling“, in der eben und auch weiter unten ausführlich zitierten Biographie von Gary Lachman heißt das Kapitel über Steiners Kindheit „Der Hüter der Schwelle“ – beide Autoren, die Steiner ausdrücklich positiv gegenüber stehen, wählen Namen, die Entrücktheit von der Umwelt, ja eine Fremdheit ausdrücken.

Schizotypie und Kreativität

Der ganz oben zitierte jüngste Steinerbiograph Gary Lachman geht noch ein bisschen weiter. Er bringt mit Steiners Isolationsempfinden, seine daraus resultierende Ich-Wahrnehmung und das damit so innig verknüpfte Erkenntnissuchen mit der Bezeichnung „Schizotypie“ in Verbindung:

„Viele Fragen über die Welt, die ihn bewegten, blieben unbeantwortet. Alle anderen schienen sich keine Sorgen deswegen zu machen und waren perplex über seine Entschlossenheit, Antworten auf sie zu finden. Steiner hatte ein hartnäckiges Bedürfnis, Sachverhalte zu ergründen, einen Hang zur Vertiefung, den manche vielleicht als Besessenheit betrachteten. Ein solch ungesunder Drang – zumindest aus der Sicht eines durchschnittlichen Menschen – kann der Anfang von dem sein, was Anthony Storr eine ’schizotypische‘ Persönlichkeit nennt. Das ist ein Typus von Personen, die zwar keine voll ausgebildete Schizophrenie erleiden, aber doch einige Charaktermerkmale mit schizophrenen teilen.“ (Lachman: Die Rudolf Steiner-Story, a.a.O., S. 31 f.)

Rudolf Steiner als Maturand

Rudolf Steiner als Maturand

An einem Beispiel erläutert Lachman die Anwendbarkeit auf Steiners Biographie näher. Im Alter zwischen 11 und 18 Jahren besuchte Steiner die Realschule in Wiener-Neustadt. Sein Vater hatte einen Gymnasiumsbesuch verboten, weil der Sohn später Eisenbahnangestellter werden sollte. Der junge Steiner machte sich so jeden Morgen zu einer einstündigen Wanderung zu seiner Schule auf. Die machte dem wissbegierigen Kind, das er zweifelsohne war, keinerlei Probleme. Wohl aber die Kleinstadt Wiener-Neustadt. Lachman:

„Dieses Erlebnis war für ihn verwirrend. Die Reihen von Häusern und Wohnblocks überwältigten ihn. Steiner konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass jemand so wohnen könnte. Hatte Steiner schon Schwierigkeiten, mit der äußeren Welt in der verhältnismäßig einfachen Naturumgebung zurechtzukommen, sah er sich jetzt einem ziemlich bedrohlich erscheinenden Chaos gegenüberstehen. Er fand es nahezu unmöglich, eine irgendwie geartete Beziehung zu seiner neuen Umgebung zu knüpfen.“ (ebd., S. 42)

Lachman kommentiert in einer längeren Fußnote:

„In diesem Zusammenhang ist erneut auf Anthony Storrs Konzept der ‚Schizotypie‘ hinzuweisen. Hierbei ist eine der Eigenschaften eine gewisse Unfähigkeit, die eingehenden Reize aufzunehmen, wie auch das Empfinden, von Eindrücken überlastet zu sein. Eine andere Eigenschaft, die ebenfalls auf Steiner zutrifft, ist das Bedürfnis, die Gedanken zu klären. Steiners jugendlicher Drang, tiefe, existenzielle Fragen zu lösen und seine spätere Betonung der absoluten Wirklichkeit des luziden, klaren Denkens können aus einem Gefühl stammen, dass sein Verstand von Ideen überfüllt war. Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass Storr erörtert, wie viele ’schizotypische‘ Eigenschaften auch im Zusammenhang mit Kreativität stehen und dass sie deshalb nicht nur als abweichende Merkmale angesehen werden sollen.“ (ebd., S. 266)

Noch ein letztes Zitat aus der Biographie von Lachman, der zu einem positiven Fazit für Steiners Leben kommt und zeigt, dass sich die Ergebnisse dieser möglichen Schizotpyie keineswegs negativ auswirken müssen (ob diese Darstellung trifft wäre eine eigene Diskussion):

„Wir mögen einige seiner esoterischen Einsichten mit mehr oder weniger Vorbehalt betrachten und viele von ihnen sogar als Erzeugnisse seiner Phantasie abweisen. Das macht kaum etwas aus. (…) Steiners Hingabe an dem menschlichen Geist und das Gute, das dadurch entstanden ist – dies bleibt unleugbar und in unseren sorgenvollen Zeiten etwas, nach dem man streben sollte.“ (Lachmann, a.a.O., S. 261)

Auch James Webb mit seiner Theorie der „privaten Wirklichkeiten“ kommt zu dem im vorletzten Zitat gezogenen Schluss auf eine Verknüpfung okkulter Neigungen oder Erlebnisse mit einer eigentümlichen Kreativität, die sich bereichernd, aber auch destruktiv für die Umwelt der „Erleuchteten“ auswirken könne:

„Wenn die Vorstellung wahr ist, dass die ‚Erleuchteten‘ – ob sie nun Okkultisten oder Politiker sind – auf ihrer Suche nach anderen Wirklichkeiten eine besondere Beziehung zur Phantasie haben, dann sollten wir eigentlich bei solchen Leuten eine große Zahl von schöpferischen Werken finden. Das ist tatsächlich der Fall [es folgen und gehen voran zahlreiche Beispiele vor allem aus dem Bereich der Literatur – AM] (…) Der schöpferische Geist macht Ausfälle aus dem Universum der allgemein anerkannten Wirklichkeit in private Welten der Phantasie mit dem Vorsatz, Teile dessen, was er dort entdeckt, mitzubringen und zur Erweiterung der etablierten Sichtweise zu benutzen. Die Eskapisten [Webb unterscheidet Eskapismus von „schöpferischer Phantasie“ – AM] – deren bestes Beispiel die von der Angst getriebenen Okkulten Extremisten sind – sind gefangen in ihren eingebildeten Welten, selbet wenn sie früher einmal den Wunsch gehegt haben sollten, zurückzukehren und ihre Mitmenschen zu befruchten.“ (James Webb, a.a.O., S. 587f.)

Daran schließen sich quasi lückenlos Überlegungen des Philosophen, Bloggers und Info3-Autors Christian Grauer an:

„Ob man diesen Vorgang als Erleuchtung oder als Psychose bezeichnet, ist letztlich im Rahmen des hier dargestellten (…) Ansatzes gleichgültig. Beide kennzeichnet eine radikale Auflösung der gewöhnlichen Wirklichkeitsbedingungen, wenngleich in der Psychose das Subjekt diesem Vorgang nicht souverän gegenüber steht, sondern ihm passiv ausgeliefert ist. Steiners Beispiel zeigt, dass mit dieser Erkenntnispraxis (…) erstaunliche individuelle Welten möglich werden, deren Ausleben sich keineswegs auf Theorie und Phantasie beschränken…“ (Christian Grauer: Am Anfang war die Unterscheidung: Der ontologische Monismus. Eine Theorie des Bewusstseins im Anschluss an Kant, Steiner, Husserl und Luhmann, info3-Verlag, Frankfurt a.M. 2007, S. 82)

Dabei fragt sich natürlich wieder, ob Steiner – auf den ich mich von all den interessanten zu untersuchenden Persönlichkeiten hier beschränken muss – so kreativ denn wirklich war (vgl. etwa „Kreative Fundgrube“, unten im Abschnitt zur Architektur).

Das ICH und das „Schelling-Erlebnis“

Vielleicht ist Steiner „Ur-Erfahrung“ der vor ihm verborgenen Wirklichkeit, über die ihm Fragen nicht beantwortet wurden, die auf den vielleicht „schizotypisch“ veranlagten in einer für ihn unerträglichen Intensität eindrang, der Grund für ihn gewesen, sein Erleben dem „Seeleninnern“ zuzuwenden. Mit 19 schrieb er einem Freund folgendes: 

„Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Januar, in der ich keinen Augenblick schlief. Ich hatte mich bis halb ein Uhr mitternachts mit einzelnen philosophischen Problemen beschäftigt, und da warf ich mich endlich auf mein Lager; mein Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt: ‚Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.‘ Ich glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermögen ganz klar an mir entdeckt zu haben – geahnt habe ich es ja schon längst -; die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine schlaflose Nacht gegen solch einen Fund!“ (Brief an Josef Köck vom 13. Januar 1881, in: GA 38, Dornach 1985, S. 13)

Dieses Erlebnis des luziden, reinen Ich begleitete Steiner durch alle Phasen seines Werkes – tatsächlich als „Rückzugspunkt“ (wie Schelling es scheinbar verstand) – aber später auch als Bezugspunkt für die anthroposophischen „Praxisfelder“: Immer geht es da um die „optimale Entfaltung“ des menschlichen Ich und seine Einwirkung auf die Umwelt (wie weit das konzeptionell gelungen ist, ist eine andere Frage). In seiner Goethe-Phase in den 1880ern suchte Steiner den Zugang von diesem „geistig“ Erlebten zu der von Goethe ebenfalls als ideengeleitet beschriebenen Natur, in seiner anarchistischen Nietzsche-Stirner-Phase der späten 1890er sah er das Individuum als radikal autonomen Gestalter seiner Welt und auch dieser selbstproduzierten „Ideenwelt“ an – eine Art positive Bejahung von Webbs These, nach der jedeR die eigene „Private Wirklichkeit“ schafft (vgl. „Spirituelle Grundlagen“, Mal wieder ein bisschen Geschwelge…).

In seiner theosophischen Phase nach 1900 verfiel Steiner selbst dem Konstrukt einer sehr mächtigen, eben der theosophischen, Ideenwelt, die er weiterformte und als plausibilisierenden Überbau für seine Reformbestrebungen nach dem 1. Weltkrieg benutzte. Zentral stand – so meine These, auf die aber auch die genannten AutorInnen hinweisen – der Versuch der Vermittlung des luzide empfundenen Ichs, der „privaten Wirklichkeit“ und seiner Umwelt. Ihm aus dieser Wahrnehmung heraus unliebsame Haltungen („kalter“ mechanistischer Positivismus oder „hitzige“ Emotion) wurden personifiziert und in seiner Dämonologie als Ahriman und Luzifer (vgl. Ahriman, Avitchis und die Apokalypse) benannt, zwischen denen Christus – das kosmische Ich – vermittle. Nicht zuletzt lassen sich auch Parallelen zu den Vorstellungen von Degeneration und Höherentwicklung in Steiners Rassentheorie finden (zu all dem ausführlich und mit Belegen der Artikel Die Mächte des (L)ICH(ts)).

Steiner Christus - hält die Waage zwischen "Ahriman und Luzifer"

Steiner Christus - hält die Waage zwischen "Ahriman und Luzifer"

Zwei Beispiele:

Erziehungslehre und Mysteriendramen

Wenn sich auch in vielem, etwa den von ihm empfohlenen Anbauweisen („biologisch-dynamische Landwirtschaft“), Medikamentvorschlägen („anthroposophische Medizin“) oder natürlich in seiner Hüllenathropologie, eindeutige Abhängigkeiten von der damaligen Reformszene bzw. (bei letzterem) der Theosophie finden, sind anderswo doch auch genug „geistige Ratschläge“ Steiners Erfahrungen aus seiner Biographie, die er theosophisch aufbereitete:

Etwa einzelne Elemente der Waldorfpädagogik: Steiner war als Kind von Bilderbüchern mit beweglichen Elementen fasziniert – ebenjene empfahl er als theosophisch vorzüglich kindgerecht in „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“ (S. 18). Er empfand, nachdem sein Vater ihn aus der Dorfschule abgemeldet hatte und privat unterrichtete, weil  er von einem Lehrer geschlagen worden war (vgl. Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie,  Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1997, S. 28), diesen Vater als eine nachzueifernde Autorität und lernte vieles darüber, dass er dem Bahntechniker alles nachmachte (Lachman, a.a.O., S. 27) – ebendiese „geliebte Autorität“ hat Einzug in Steiners Entwicklungspsychologie gehalten (Erziehung und Evolution). Außerdem hat Steiner, wie er selbst zugibt, vor dem Alter von zehn Jahren weder buchstabieren noch grammatikalisch richtig schreiben gelernt – auch in der Waldorfpädagogik wird Schreiben die ersten beiden Schuljahre eher nebenbei und langsam angegangen.

Steiner: "Die Erziehung des Kindes..." in neuester Auflage

Steiner: "Die Erziehung des Kindes..." in neuester Auflage

Natürlich wäre auch die umgekehrte Deutung plausibel, dass Steiner seine Ansichten zur Entwicklung des Kindes erst rückblickend in seine Biographie hineindichtete, um seine Thesen auch für die eigene Entwicklung als zutreffend darzustellen (so die Deutung bei Stephan Geuenich: Die Waldorfpädagogik im 21. Jahrhundert, LIT Verlag, Berlin 2009, S. 38f.). Dagegen spricht, dass sich auch andere Elemente von früheren schulischen und erzieherischen Erfahrungen Steiners später im Waldorfkonzept wiedergefunden haben – zum Beispiel viele Ansätze der österreichischen Realschule, wie er sie besucht hatte. Steiners erste Entwürfe fürdie Waldorfschule kopierten – teils explizit – deren Konzept (vgl. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, Bd. II, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 1369ff., sowie E.A.K. Stockmeyer: Aufzeichnungen, in: Emil Molt: Entwurf meiner Lebensbeschreibung, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1972, S. 256).

Das zweite Beispiel von in Esoterisches verandelten biographischen Elementen Steiners, das mir einfällt, wären Steiners sogenannte Mysteriendramen. Zur ästhetischen Plausibilisierung seiner Meditationsangaben und Lehren über die Einweihung des Menschen in die „Geistige Welt“ schrieb er vier (geplant waren mindestens sieben) Theaterstücke, in denen Personen mit theologisch wertvollen Namen wie Maria, Johannes-Thomasius, Sophia (Weisheit), Estella (Sterngeborene), Theodosius (Gottesgabe) und Capesius (Kopfmensch) sich in zahlreichen Monologen und meditativen Erlebnissen nach und nach dem Spirituellen annähern. Im Mittelpunkt des 1. Dramas steht der Maler Johannes Thomasius, im 2. der Professor Capesius, im 3. der bis dahin skeptisch-scientizistische Wissenschaftler Strader, im 4. die misslingende Bewirtschaftung eines Unternehmens. In den Personen der Mysteriendramen finden sich dabei erstaunlich viele Entsprechungen zu Steiner und seinem Umfeld (Zander: Anthroposophie in Deutschland, II, a.a.O., S. 1037-1040).

Johannes Thomasius (Die Pforte der Einweihung), Foto von Jochen Quast (Goetheanum-Bühne)

Johannes Thomasius in "Die Pforte der Einweihung", Foto von Jochen Quast (Goetheanum-Bühne), 2010

So ähnelt die Beziehung von Maria und Johannes Thomasius der von Steiner und seiner zweiten Frau Marie von Sievers, die ihn nach 1900 zur Theosophie führte – so wie Maria Johannes Thomasius in die Geistige Welt. Steiner gilt übrigens bis heute unter AnthroposophInnen als Reinkarnation von Thomas von Aquin (etwa bei Thomas Meyer: Rudolf Steiners ‚eigenste Mission‘, Perseus Verlag, Basel 2009, S. 79) und wurde 1909 kurz auch als reinkarnierter Täufer Johannes gehandelt (Norbert Klatt: Theosophie und Anthroposophie, Verlag d. Autors, Göttingen 1993, S. 96f.) – das würde jedenfalls die Wahl des Namens „Johannes Thomasius“ erklären (vgl. auch Steiner = Jesus). Aber auch der Professor Capesius der Mysteriendramen, der sich, wie Steiner einmal ausführte, vor seinem spirituellen Weg u.a. mit dem Haeckelianismus beschäftigt habe (so Steiner in GA 147, 1997, S. 85), trägt biographische Züge Steiners, der vor der Wende zur Theosophie um 1900 ein großer Haeckel-Fan war. 

Auch manche prägende Gestalten aus Steiners Biographie tauchen in den Mysteriendramen wieder auf, was Steiner sogar teilweise explizit zugab: So etwa der Kräutersammler Felix Kogutzki, der den erkenntnissuchenden jungen Steiner (s.o.) stark beeindruckte, unter dem Namen Felix Balde (GA 28, 2000, S. 45) oder „einige Züge“ von Steiners Lehrer Karl-Julius Schröer, der ihn mit Goethe vertraut machte, wieder in Professor Capesius (GA 238, 1991 S. 163), der andererseits aber auch Parallelen zu Steiner selbst aufwies (s.o.).

„Diese Optionen bedürften einer sorgfältigen Studie, vielleicht wie sie Kurt R. Eissler für Goethe vorgelegt hat. Sowohl eine polyvalente (positiv gesagt) als auch eine schizoide Selbstauslegung Steiners (negativ gedeutet) scheint für die Mysteriendramen möglich. Ob die Verteilung und Beurteilung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale Steiners in verschiedenen Rollen als Bearbeitung einer hybriden Vielfalt zu deuten ist oder als nur mühsam integrierte Züge von Steiners Persönlichkeit, ist noch kaum diskutiert.“ (Zander: Anthroposophie in Deutschland, II, a.a.O., S. 1040)

Noch eine Szene aus dem 1. Mysteriendrama - Foto von Jochen Quast, 2010

Noch eine Szene aus dem 1. Mysteriendrama - Foto von Jochen Quast, 2010

Den in den beiden Beispielen zutage tretenden Prozessen gab Sigmund Freud den Namen Sublimierung – die Verwandlung oder Umlenkung von unbewussten Prozessen in eine „höhere“, geistige, kulturelle Ebene.

Auch AnthroposophInnen sollten sich fragen, ob nicht manches, was Steiner zum Ausdruck brachte, diese Verarbeitung seiner Biographie darstellt, wie weit schließlich autistische oder „schizotypische“ Züge in seine Wahrnehmungen hineinspielten. Dass die Anthroposophie im Ganzen aber als Reaktion auf die plural und vielfältig, aber auch (zumindest scheinbar) „sinnleer“ werdende Wissenschaft des 19. Jahrhunderts darstellt und sich dabei ganz klar – wie schon gesagt – zahlreicher zeitgenössischer Gedanken bediente, lässt sich in meinen Augen trotzdem nicht leugnen. Beide Sichtweisen sind jedenfalls außerordentlich aufschlussreich.

Der Nervenarzt Dr. Wolfgang Treher und der Religionspsychologe Dr. Harald Strohm würden da wohl nicht mitgehen. Sie vertreten, Steiners Weltbild sei nicht mal nur in Details oder Ausformungen, sondern als Ganzes, Produkt einer handfesten Geisteskrankheit: Entweder eine Psychose (Strohm) oder eine Schizophrenie (Treher). Mit deren Darstellungen werde ich mich demnächst in einem anderen Artikel auseinandersetzen.

21. Juli 2010 at 10:46 am 60 Kommentare

Plötzlich „EX-Waldorfschüler“ – Rückblick und Danksagung

Jeder Abschied fällt schwer, auch wenn’s ein lang ersehnter war.

– Autor (mir) unbekannt

Ich beginne diesen Artikel am 1. Juli 2010 um ziemlich genau 19.00 Uhr. Heute Morgen wurde meine aus 24 SchülerInnen bestehende Klasse nach ihrem 13. Schuljahr und von allen bestandenen Abiprüfungen offiziell entlassen. Voll realisiert habe ich das wohl immernoch nicht, aber das kommt sicher in absehbarer Zeit.

Damit sind wir nun (logischerweise) keine Waldorfschüler mehr, haben alle eigene und unterschiedliche Wege zu gehen und werden die der anderen wahrscheinlich doch noch eine ganze Weile mit Anteilnahme verfolgen. Denn wir waren – oder: sind – nach all den Jahren, die wir miteinander verbracht haben, insbesondere nach den im 13. Jahr genommenen Hürden vor dem Abitur, eine sehr sehr starke Gruppe. Ich würde sagen: Ein Freundeskreis. Für den Rückhalt, den ich in verschiedensten Situationen bei meinen Klassen“kameradInnen“ hatte, bin ich jedenfalls zutiefst und ehrlich dankbar.

Am Montag haben wir unser – jetzt ehemaliges – Klassenzimmer ausgeräumt, dabei alte Epochenhefte (vgl. hier zum Epochenunterricht), verstaubte „Kunstwerke“, Zeichenmappen unserer 12.Klassfahrt, jede Menge Lexika und alte Zeitschriften freigelegt und an die eigentlichen InhaberInnen verteilt, und dabei hatte zumindest ich das objektiv betrachtet banale, aber ungewohnte Gefühl, jetzt offiziell keinen „Raum“ mehr in dieser Schule zu haben. Und ich habe gemerkt, dass ich nicht nur meinen Jahrgang, sondern auch meine Schule vermissen werde. Es war eine Zeit, die mich nicht nur sehr geprägt hat, sondern aus der ich auch bewusst unheimlich viel an Positivem mitnehme – neben Kontakten die Erfahrungen aus Praktika, Klassenspielen, dem Organisieren von Flohmärkten und SV-Angelenheiten, um nur einiges zu nennen.

Ich möchte mich (auch) auf diesem Wege bei allen Menschen aus meiner Klasse bedanken, aber auch bei vielen meiner LehrerInnen – mit ein paar (würde ich behaupten), bin ich bzw. sind auch viele meiner MitschülerInnen, inzwischen auf freundschaftlichem Niveau. Positiv muss ich hier auch eine sehr hohe Offenheit und Diskussionsbereitschaft zu allen möglichen Themen verbuchen, die mir auch nach Beginn und Bekanntwerden meines anthroposophiekritischen Engagements noch entgegenschlugen (entgegen der Prognosen und Warnungen mancher AnthroposophiekritikerInnen). Trotzdem wird mich der mir von dem ambitionierten Anthroposophen Michael Mentzel sicher in abwertender Absicht beigelegte Spitzname „Waldorfschüler mit der Lizenz zum Klugscheißern“ (TdZ), der auch in unsere Abizeitschrift einzug hielt, wahrscheinlich (zurecht) noch über Jahre begleiten.

Natürlich schreibe ich all das hier nicht nur, weil ich damit besagten SchülerInnen oder LehrerInnen dieses Gefühl von Verbundenheit und Dankbarkeit mitteilen will, sondern weil ich versuche, auf diesem Blog die „Waldorfwelt“ zu spiegeln. Bei der überwiegenden Kritik an Methoden (zB der Epochenunterricht, s.o.) und Grundlagen (Erziehung und Evolution, Typen, Themen, Temperamente) der Waldorfschulen blicke ich auf eine schöne, sehr bereichernde Schulzeit zurück. Das hier zu verschweigen wäre genauso „lügenhaft“, unehrlich und verzerrend  wie das Verschweigen der problematischen Grundlagen.

Die große – vielleicht größte – Stärke der Waldorfschulen, jedenfalls, so weit ich sie erlebt habe, sind weder der spezifische „Lehrplan“ noch die üppig vorhandenen künstlerischen Fächer, sondern die menschlichen Beziehungen, die Vertrautheit, die sich zwischen den SchülerInnen und zwischen SchülerInnen und LehrerInnen aufbauen können (wobei besonders letzteres natürlich auch schief laufen kann, vgl. Erziehung und Evolution). Der Rückhalt, den einem eine (Lern-)Gruppe von vertrauten und einem größtenteils auch sehr sympathischen Menschen gibt, ist der persönlichen Entwicklung und auch dem Aufnehmen von Lernstoffen selbstverständlich sehr förderlich.

Damit wird mir wieder bewusst, was ich auch schon an anderer Stelle geschrieben habe (Der Schatten einer Seifenblase): Menschliche Beziehungen, ohne alle sonstigen „Inhalte“, jede Metaphysik oder „Menschenkunde“, sind das, und vermutlich das einzige, was viele Waldorfschulen wirklich in einem signifikanten Maß positiv vor anderen Schulen auszeichnet. Damit sind zutiefst SINNLICHE, keinesfalls die behaupteten „Über-SINNLICHEN“ Bestandteile das eigentliche Lebenselement der Waldorfpädagogik. Steiner hat in seinen amateurhaften Suchbewegungen im Pädagogischen hier unwissentlich eine „Goldader“ angekratzt, und wenn er sie auch nicht ausschöpfte, sondern durch seine Projektion ins „Übersinnliche“, Außerweltliche methodisch fast wieder verschüttete, hat er sie immerhin gestreift.

Für meine Biographie würde ich das einen verdammt glücklichen Zufall nennen – ich habe gerade durch genau diese Mischung mein spezielles Interessengebiet zwischen Philosophie, Geistes- und Ideengeschichte, Schul- und Esoterikkritik auftun können. Andere hatten an Waldorfschulen und mir dieser Thematik sicher weniger Glück.

Erziehung auf Beziehung aufbauen, eine „Schule für Menschen“, möglichst ohne Trennung in Lehrende und Lernende, die physischch und zeitlich aus Freiräumen für Begegnung und gegenseitiges Lernen und (Be)Lehren besteht, scheint mir auch die kürzeste Formel und der größte Wunsch für eine „Pädagogik der Zukunft“ zu sein.

Die Waldorfschulen haben es bisher nicht geschafft, diese Schule zu werden, und werden es vermutlich auch nie – solange sie sich den Zugang zum Menschlichen dadurch verbauen, dass sie letzteren aus einer übersinnlichen Komponente herleiten wollen.

„Die Liebe zum Menschen darf keine abgeleitete sein; sie muß zur ursprünglichen werden. Dann allein wird die Liebe eine wahre, heilige, zuverlässige Macht. Ist das Wesen des Menschen das höchste Wesen des Menschen, so muß auch praktisch das höchste und erste Gesetze die Liebe des Menschen zum Menschen sein. Homo homini Deus est – dies ist der oberste praktische Grundsatz – dies der Wendepunkt der Weltgeschichte“ – (Ludwig Feuerbach in: Das Wesen der Religion. Ähnlich übrigens Marx hat in seinen von „kritischen Linken“ wie so vieles zu schnell verworfenen „frühen Schriften“, wo er einen gewissen Edgar Bauers kritisiert: „Herr Edgar verwandelt die ‚Liebe‘ in eine ‚Göttin‘, und zwar in eine ‚grausame Göttin‘, indem er aus dem liebenden Menschen, aus der Liebe des Menschen den Menschen der Liebe macht, indem er ‚Liebe‘ als ein apartes Wesen vom Menschen lostrennt und als solches verselbstständigt.“, Marx: Frühe Schriften, Bd. I, hrsg. von H.J.Lieber und P. Furth, Cotta-Verlag, Stuttgart 1962)

Trotzdem bieten die Waldorfschulen mit all ihren Eigenheiten doch auch interessante Refugien und haben vielen Menschen – meine Klasse und mich eingeschlossen – eine gewinnbringende „Jugend“ eröffnet.

Ich bin jedenfalls – wie gesagt – den Menschen, die mich während dieser Zeit begleitet haben, sehr, sehr dankbar und wünsche ihnen alles Gute, wo immer ihre Wege noch lang- und hinführen mögen!

1. Juli 2010 at 11:06 pm 9 Kommentare

Steiner = Jesus. Ein Gott, seine Gläubigen, die Ketzer und ein „trojanisches Pferd“

In meinem vorletzten Artikel habe ich versucht, dogmatische und absolutistische Positionen einer anthroposophischen Heilslehre aufzuzeigen (Ahriman, Avitchis und die Apokalypse). Diesmal möchte ich deren Weiterbildung nach Steiners Tod skizzieren, v.a. betreffend die Person Rudolf Steiners und deren Verklärung zu einem „Meister“, „Eingeweihten“, Propheten – oder gar zu Jesus selbst (I.1-7). Außerdem werde ich an zwei von mir öfter erwähnten Beispielen, dem Historiker Helmut Zander (vgl. Zander als Gewährsmann) und der Zeitschrift Info3, darstellen, wie aus dieser absolutistischen Weltsicht heraus vermeintliche GegnerInnen ausgemacht und verteufelt werden (II.1-2).

Der Artikel ist mal wieder sehr lang, aber mit zahlreichen Unterüberschriften versehen, die auch in sich verständlich sein müssten…

I.1 Der Sonnenlogos und Meister Steiners Ätherleib

Die Theosophen, v.a. Blavatsky, Sinnet und Olcott, glaubten sich von uralten, mächtigen Wesenheiten gelenkt, die ihnen regemäßig Briefe schrieben und damit spirituell instruierten (vgl. zu Blavatskys „Mahatma“ Karl H. Frick: Licht und Finsternis, Marix Verlag, Wiesbaden 2005, Bd II, 260 ff.; zum Mythologem der Meister und seiner Brauchbarkeit für reaktionäre Propaganda Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne (2005), Marix Verlag 2009, aus dem Englischen von Ulrich Bosier u.a., S. 170f., 180f.) Diese Wesen seien vor Jahrhunderttausenden magische Priesterkönige der versunkenen Lemurier gewesen und nun sog. Mahatmas, Meister der Menschheitsentwicklung. Ihre Namen waren Koot Hoomi, Morya, Jesus, Hilarion, Saint Germain (bzw. Christianus Rosenkreutz), Paul der Venezianer und der Inder Narayan. Sie lebten dem Vernehmen nach im Himalaya.

Die Theosophen glaubten, Morya und Koot Hoomi hätten 1875 die Gründung der Theosophical Society bewirkt. 1896 habe Meister Jesus sich bereit erklärt, zu kooperieren, und habe einen Teil der „Esoterischen Schule“ innerhalb der TS übernommen.

Das Septagramm als Symbol für das Mystische Lamm (als Symbol für Jesus/Steiner etc.)

Das Septagramm als Symbol für das Mystische Lamm

Der AnthroposophInnen-Urvater Rudolf Steiner galt nach seiner Kehre zum „esoterischen Christentum“ 1906 als hoher „Eingeweihter der Rosenkreuzer“, ja teilweise wurde er selbst als „Meister“ oder gar als Gefäß für Christus verehrt (zu Steiners Aussagen über seinen eigenen „Meister“ vgl. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, I, S. 555).

Der prominente Theosoph Wilhelm von Hübbe-Schleiden, der Steiner früher und später sehr skeptisch gegenüberstand, schrieb an Steiner am 4. Juli 1911, dass der „Christusgeist“ durch ihn spreche – und Steiner hat dem nicht widersprochen (Der Brief ist veröffentlicht in Klatt: Theosophie und Anthroposophie. Neue Aspekte zu ihrer Geschichte aus dem Nachlaß von Wilhelm Hübbe-Schleiden (1846–1916) mit einer Auswahl von 81 Briefen, Göttingen 1993, S. 103 und im Anhang, Nr. 39). Hübbe-Schleiden schrieb an die Theosophische Generalsekretärin Annie Besant von Steiners Konzept über das „Wiedererscheinen Christi in der Ätherwelt“:

„…after his [Steiners] death, the Sunlogos-Christ-Spirit will then use his (Steiners) etheric and astral bodies for his remanifestation analogously like this ‚Christ‘ appeared in the form of Jesus to St. Paul on his way to Damascus… If the prophecy will be fulfilled, Steiner would become an avatar of the Sun Logos…“ (zit. nach ebd., Brief Hübbe-Schleidens vom 19.07.1911)

Wilhelm von Hübbe-Schleiden (1846-1916), Theosoph

Wilhelm von Hübbe-Schleiden (1846-1916) glaubte, Christus werde sich in Steiners Ätherkörper remanifestieren

In meiner Übersetzung:

„…nach seinem [Steiners] Tod, wird der Sonnenlogos-Christusgeist seine (Steiners) Äther- und Astralkörper für seine Remanifestation in der ätherischen Welt nutzen, genauso wie dieser ‚Christus‘ in der Form von Jesus St. Paulus auf seinem Weg nach Damaskus erschien … Wenn die Prophezeiung sich erfüllte, würde Steiner ein Avatar des Sonnenlogos werden…“

Heutige AnthroposophInnen scheinen in der Regel nicht mehr offen derart stolz und voll Sendungsbewusstsein, wenn es um ihren Gründervater geht, zumindest offiziell. Es ist aber überraschend, welche Glorifizierungen Steiner aber auch heute erfährt.

Unter anderem bei Hermann Keimeyer.

I.2 Steiner alias Meister Jesus

„Herr Keimeyer, nach eigenem Bekunden „einer der geringsten Schüler der weißen Meister“, hat eine Reihe prominenter Fürsprecher, z.B. Meister Jesus ( identisch mit Rudolf Steiner), Chr.Rosenkreuz, Maria unter dem Kreuz (identisch mit Marie Steiner, ihr Mysterienname ist Maria Logos)“, aber auch „Gautama Buddha, und Melchisedek (dem Führer des Sonnenorakels der Alten Atlantis, dem Begründer der Gralsmysterien, und der Tafelrunde von König Athurs) , weiter mit dem Ur – Michael, und dem Throne Christus“. Dagegen kommen wir natürlich nicht an, denn wir haben als Referenzen eigentlich überhaupt niemanden.“ (so über Keimeyer der Anthroposoph Michael Eggert: Grüße vom Großen Hüter, – Hervorhebungen A.M.)

Keimeyer hält also Steiner für identisch mit Jesus, Marie Steiner für die Jungfrau Maria (die Frage, welche der Zwei Jesusse und Marien aus der anthroposophischen Märchenwelt gemeint ist, beantwortet er aber nicht). Keimeyer erhält seine Botschaften nach eigenem Bekunden durch eine „Eingebung“ auf der ätherischen Ebene, d.h. durch eine Art Channeling.

Comic zu Keimeyer von Michael Eggert

Aus diesen „Ätherwelten“ erfahren wir Vieles: Steiner wird dort fortwährend gekreuzigt und nimmt dadurch die Leiden v.a. der AnthroposophInnen, aber auch der restlichen Welt auf sich. Wer ihn suche, dessen Seele werde durch die Auferstehung von ‚Rudolf Steiners Geistwesen‘ belebt (Rudolf Steiners ständige Kreuzigung…). Diese Sakrifizierung hat offensichtlich ein einziges Ziel: Steiner tatsächlich in den Mittelpunkt einer religiösen Erlösungslehre zu setzen.

Dieser „Steiner“ „sagt“ durch Keimeyer:

„Die Beurteilungen von Schmidt-Brabant und Günther Röschert rechnen nicht – in gar keiner Weise – mit meinem nachtodlichen Wirken, in diesem Wirken sind voll tätig Christian Rosenkreuz – der einst der Lieblingsjünger des Christus war, ebenso Marie Steiner, die ehemals mit ihm unterm Kreuze stand auf Golgatha. – Jeder Mensch, der meine Schriften und Meditationen mit seinem Herzen durchgearbeitet hat in ehrlicher – selbstlos – selbstbewußt strebender Weise, kann sich aus vorübergehender okkulter Gefangenschaft befreien oder ist davor geschützt, je nach seinem Karma. (…) mein Ichwesen wirkt durch Wesensvervielfältigung – wie ich dies zu meinen Lebzeiten als Rudolf Steiner vom kosmischen Christus geschildert habe.“ (Eingebung von Weihnachten 2000)

Bei Lust auf mehr hat Keimeyers Seite mehr zu bieten. Wenn auch ein bunter Vogel, so ist dieser aber doch kein Einzelfall in der Vergötterung Rudolf Steiners:

I.3 Rudolf lebt! oder: Das Mysterium Mosmuller

Für Holger Niederhausen von den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ ist Steiner „der große Eingeweihte des Abendlandes“ (vgl. etwa Fußnote 1 hier). Für die niederländische Anthroposophin Mieke Mosmuller, Niederhausens geistige Mater Magna, ganz ähnlich. Sie spricht von Steiner als „dem Meister des Abendlandes“. Wir müssten

„…ihn noch viel größer zu sehen wagen, als er als Rudolf Steiner war. Denn er ist nicht mehr ‚Rudolf Steiner‘, kein Mann, keine Frau. Er ist das Wesen, das die menschliche Intelligenz retten muss, sie für die Götter erhalten muss.“ (Mosmuller: Der lebendige Rudolf Steiner, Occident Verlag, Baarle-Nassau 2008, S. 163) Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner, 2008, Cover

Steiners Biographie wird wieder zum Heilsweg verklärt: Der Goethenum-Brand zu einer Folge der Nicht-Erkenntnis der Anthroposophischen Gesellschaft, seine Dissertation „Wahrheit und Wissenschaft“ sei ein Novum der Menschheitsgeschichte: Die erste Selbsterkenntnis der Erkenntnis. – Das ist ganz nebenbei so anmaßend wie falsch: Der betonten und stolzen „Abendländlerin“ ist entgangen, dass schon im 1. Jhdt n.Chr. der Begriff „Te“ in der taoistischen Tradition für „Selbstbeobachtung des Geistes“ steht, analoge Aussagen finden sich auch im Zen des 14. Jhdts (vielleicht ist es auch Absicht: die chinesischen Religionen gelten der Anthroposophie ja immerhin als direkt von Luzifer in Gestalt eines Kaisers etabliert, vgl. die irdische Inkarnation Luzifers).

Das Besondere an Mosmuller ist aber, dass sie im Gegensatz zu den meisten oberorthodoxen AnthroposophInnen (ich habe einige erlebt, die meinten, dass Luzifer ihnen darin auflauert) Meditation sehr wichtig findet. Ihre Ergebnisse schöpft Mosmuller aus dem „reinen Denken“, das sie aber als ein „Erleben“ schildert. Es habe sie 1987 „überkommen“. Als „Denken“ beschreibt sie demnach eine psychische Erfahrung, ein sicher luzides, klar erfahrenes Gefühl, in dem sie sich offenbar Steiner nah wähnte und das sie –  m. E. nach ob der typisch orthodoxanthroposophischen Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen und nicht durch das ICH zu Töten (im Glauben, es würde dadurch ein „Geistselbst“, vgl. Die Mächte des (L)ICH(ts)) – nur als „reines Denken“ einordnen konnte. Charakteristisch dafür scheint zu sein, dass mensch sich vermeintlich in „höheren Welten“ mit Rudolf Steiner tummelt:

„Wir [können] uns zu ihm wenden und Fragen stellen. Er kann uns Erkenntnisse schenken, wir können Ratschläge im Erkennen bekommen. So wirkt die Beziehung zu seiner Seele. Dazu müssen wir uns zuerst zum reinen Denken hinaufbegeben. Die Art des reinen Denkens müssen wir dann in eine gewisse Ähnlichkeit mit der Arbeit Rudolf Steiners zu bringen versuchen. Man muss sich also im reinen Denken in seine Art einleben. Von da aus muss man sich dann seine eigene Frage anschauen, und im Moment des Anschauens wird schon die Antwort in uns gedacht.“ (Mosmuller, a.a.O., S. 180)

So weit, so langweilig. Offenbar hat Mosmullers Meditation also doch nur den Kontakt zu einem vermeintlichen übersinnlichen Steiner, nicht individuelles Erleben u.ä. zum Ziel. Und dieser „Kontakt“ wird nicht einmal als Inhalt eines Erlebens, eines Gefühls dargestellt, sondern soll als Denken verkauft werden, „reines“ noch dazu. Mosmullers Wertschätzung hält sich wohl deshalb auch unter AnthroposophInnen in Grenzen. Nötig sind zu ihrem „Verständnis“ nicht mehr und nicht weniger als emotionale Evidenzerfahrungen. Die hat scheinbar Holger Niederhausen (s.o.), der Mosmuller in zahlreichen regelrecht verblüffenden Aufsätzen geradezu zärtlich als lebendig gewordene Anthroposophie und „reales Mysterium“ beschreibt (Der deutsche Geist), und ganze Aufsätze über jede noch so banale und minimale Mosmullerkritik verfasst (…Eine Antwort auf Ramon Brüll).

I.4 Steinergeschnetzeltes oder spirituelle Inflation

Übertroffen werden Mosmullers Connections ins Jenseits jedoch von den kosmischen Einsichten eines Sergej Prokofieff. Der beschreibt in seinem Buch „Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien“ (Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1986, aus dem Russischen von Ursula Meuss), Steiner habe seit seiner Jugend den sagenhaften Christian Rosenkreutz als Lehrer gehabt – im physischsten Sinne (S. 59). Und nicht nur das: Der nathanische Jesus (Ahriman, Avitchis und die Apokalypse), der durch Paulus Lukas zum Verfassen des Lukasevangelium inspiriert habe, habe auch Steiner angeregt, sein fünftes Evangelium (GA 148) zu predigen (S. 86ff.). Er sei außerdem („das ist eine reale okkulte Tatsache“) des „Erzengels Michael rechte Hand gewesen.“ (S. 113). Und auch damit nicht genug:

Das, was der Christus für die ganze Menschheit tat, als er ihr Karma auf sich nahm, das tat Rudolf Steiner für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft als ein wahrer Schüler des Christus Jesus auf der Weihnachtstagung. (…) Dessen sollte sich jedes Mitglied der Gesellschaft bewusst sein.“ (S. 129 – kursiv im Original)

Prokofieff: Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterien, Cover

Vielleicht ließe sich der immer maroder werdende Haushalt der Anthroposophischen Gesellschaft (Kulturfaktor mit Eintrittskarte?) ein wenig aufpäppeln, wenn mensch Mitgliedsanträge als Ablassbriefe in obigem Sinne verkauft? Prokofieff kommt diese Gedanke nicht, dagegen weiß er noch mehr tolle Sachen, die Rudolf Steiner gemacht hat: So habe ein Boddhisatva 1902/03 Steiners Astralleib durchdrungen, der sei dadurch zur „Jungfrau Sophia“ geworden (S. 71), sein Ätherleib dagegen sei (wieder unter Hilfe des nathanischen Jesus) als „Opfertat“ dem ersten Goetheanum einverleibt worden (S. 103. Bedauerlich, dass es abgebrannt ist), sein „Ich“ habe Steiner an Christus geopfert (S. 61), als „erster“ Mensch überhaupt habe Steiner der Menschheit den Weg zum „hohe[n] Kollegium der Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen“ gebahnt (S. 203 – auf die „Meister“ der TheosophInnen geht Prokofieff nicht ein, er glaubt letztere lediglich von „okkulten Bruderschaften“ verführt. Zum Mythologem der „Meister s.o.) und noch vieles, vieles, vieles, vieles mehr. Und nicht vergessen:

„Bei der oben angeführten Darstellung dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass durch Rudolf Steiner so verschiedenartige und so hohe geistige Kräfte und Menschheitsführer wirken. In seinem Falle ist es nicht nur möglich, sondern völlig unumgänglich.“ (S. 397)

Achso. Ja, ganz klar. Mir drängt sich allerdings eher der Eindruck auf, dass dieser Phantasie einer aurischen Zerstückelung durch höhere Wesenheiten ein Wunsch oder Bedürfnis des Autors zugrundeliegt. Es scheint, als habe es hier jemandem nicht mehr gereicht, Steiner zu verehren oder „bloß“ zur „Intelligenz“ im Dienste der Götter zu erklären (Mosmuller), er musste Steiner sukzessiv alle anderen ihm wertvollen Geister und Mythengestalten wesenhaft eingliedern. Ein Vorgang, der in meinem Empfinden einer spirituellen Inflation gleicht (Zu Prokofieff gibt es auch anthroposophieintern einige Kritik: Irina Gordienko schrieb ein ganzes Buch darüber, vgl. zur Debatte lochmann-verlag.com).

1.5 „…Fähig, ihn zu verkünden.“

Auch der prominente Basler Anthroposoph und für seine philosophischen Essays ausgezeichnete ehemalige Philosophieprofessor Karen Swassjan gerät beim Anblick von Steiners Nachlass in Verzückung: „Der Eindruck ist ein solcher, als handelte es sich um die Leistungen und Errungenschaften einer ganzen Kultur“ (Karen Swassjan: Aufgearbeitete Anthroposophie, Verlag am Goetheanum, Dornach 2007/8, S. 25). Bei aller Kritik und trotz seiner Vermessenheit muss ich Swassjan Intelligenz, Biss, einen sehr eigenen philosophischen Ansatz und einen ungeheuer vergnüglichen, kauzigen Humor zu Gute halten, der das Lesen seiner verschriftlichten Gedankengänge weitaus angenehmer macht als die vieler anthroposophischer PublizistInnen.

Steiners Person und Werk scheinen ihm allerdings – und nicht einmal, wie bei Prokofieff, durch Einfluss höherer Wesen aus der theosophischen Puppenkiste, sondern aufgrund seiner angeblichen eigenen Kraft und Macht – als einzigartig und weltgeschichtlich:

„So wie die Physik eine Disziplin ist, deren Objekt Natur heißt, ist die Anthroposophie eine Disziplin, deren Objekt Rudolf Steiner heißt.“ (S. 13)

Lorenzo Ravagli, heute meist als Hardcore-Apologet unterwegs, hat zu einem früheren Buch von Swassjan („Abendmahl“) treffend geschrieben:

„Meine erste Reaktion war, das Buch wieder zuzuschlagen. Ich dachte, das kann nicht ernst gemeint sein. Ich dachte, das kann doch ein Autor am Ende des 20. Jahrhunderts – nach einem solchen Jahrhundert! – nicht schreiben. (…) Aber dann begriff ich, daß ich dem Geburtsakt des anthroposophischen Katholizismus beiwohnte (…) Die anthroposophische Bewegung hat ihren Gott und Rudolf Steiner seinen Propheten gefunden. Der Gott heißt RUDOLF STEINER und sein Prophet heißt KAREN SWASSJAN.

Ich las die Passage wieder und wieder: ohne Zweifel, da stand wirklich, was ich gelesen hatte. Swassjan schreibt und inzwischen bin ich zur Überzeugung gelangt, daß er auch glaubt, was er schreibt: Er schreibt, daß mit der Niederschrift der Philosophie der Freiheit sich ein Gott offenbart habe und der Name dieses Gottes lautet RUDOLF STEINER (die Kapitale verwendet Swassjan an der zitierten Stelle wirklich!) Er schreibt, daß die Weltschöpfung seit der Philosophie der Freiheit den einzigen Verantwortlichen kenne: den „frei denkenden und frei handelnden Menschen“, daß aber nicht wir damit gemeint seien, sondern „nur Rudolf Steiner“. Rudolf Steiner ist also, wenn ich Swassjan richtig verstehe, der einzige frei denkende und frei handelnde Mensch. Aber Swassjan ist fähig, ihn zu verkünden.“ (Ravagli: Anthroposophischer Katholizismus – Hervorhebungen A.M.)

Karen Swassjan

Karen Swassjan (geb. 1948)

In einer Antwort auf Ravaglis obigen Text versuchte Swassjan nicht etwa, Ravagli eine Falschdarstellung nachzuweisen, sondern ein Missverständnis der Person, nein des „Ereignisses Rudolf Steiner“ und der Anthroposophie, die schließlich nicht weniger als „persönliche Sorge des Herrn des Karma“ (i.e.“des“ Christus) sei, sowie ein Missverständnis seiner „ersten Reaktion“ (das Buch zuzuschlagen). Bei diesem „Erschrecken“ habe es sich um die okkulte „Luftprobe“ gehandelt, bei der der Geistesschüler durch ein Erschrecken vor dem Mysterium neue Organe geistigen Erkennens ausbilde. Ravagli habe sie traurigerweise „so billig versteigert“ (Swassjan: Anthroposophischer Journalismus).

Mehr zu Swassjan siehe unten (1.7; II.1).

I.6 Steiners Dornenweg

Die heute vom Rudolf Steiner Verlag herausgegebene Form von Steiners unvollendet gebliebender Autobiographie „Mein Lebensgang“ endet mit einem Nachwort von seiner Frau Marie Steiner-Von Sivers, das einen ähnlich verklärenden Standpunkt einnimmt. (Dornach, 1983, S. 350 – Hervorhebungen A.M.)

„Man hat sein [Steiners – A.M.] ganz dem Opferdienst der Menschheit geweihtes Leben mit unsäglicher Feindschaft vergolten; man hat seinen Erkenntnisweg in einen Dornenweg verwandelt. Er aber hat ihn für die ganze Menschheit durchschritten und erobert. Er hat die Grenzen der Erkenntnis durchbrochen: sie sind nicht mehr da. Vor uns liegt dieser Erkenntnisweg in der kristallklaren Helle der Gedanken, von der auch dieses Buch Zeugnis ablegt. Er hat den menschlichen Verstand zum Geist emporgehoben, ihn durchdrungen, verbunden mit der geistigen Wesenheit des Kosmos. Damit hat er die größte Menschentat vollbracht. Die größte Gottestat lehrte er uns verstehen. Die größte Menschentat vollbrachte er. Wie sollte er nicht gehaßt werden mit aller dämonischen Macht, deren die Hölle fähig ist? Er aber hat mit Liebe vergolten, was an Unverständnis ihm entgegengebracht worden ist.“

Marie Steiner - von Sivers

Marie Steiner - von Sivers (1903) - wusste sich mit einem kosmischen Propheten vermählt

Hier ist von Steiners angeblichen geistigen Taten und Errungenschaften die Rede als von religiösen, heilsgeschichtlichen Tatsachen. Er habe die Grenzen der Erkenntnis durchbrochen, d.h. die Grenzen zur „Geistigen Welt“ eingerissen, er habe den menschlichen Geist mit dem Kosmos verbunden. In einem auf diese Zeilen folgenden Gedicht wird die AnthroposophInnenschaft zur Nachfolge aufgerufen, aber nicht dazu, es ihm gleich zu tun, sondern, sich ihm anzuvertrauen:

„…Weil seine Größe sich dem Maß entzog,

so trug er uns, und uns verging der Atem

beim Folgen seiner Schritte, bei dem Fluge, der uns hochriss…“

Steiner wird als Führer „zum Ich, zum Christus“ benannt, mit Prometheus verglichen und mit Sokrates, der ja bekanntlich für seine aufklärerischen Reden den berühmten „Schierlingsbecher“ trinken musste. Mir ist nicht bekannt, dass dieser Verklärung von Steiners Person jemals anthroposophischerseits etwas entgegengesetzt worden wäre (Eine Kritik am „Gesäusel“, dass „unter Steiners Witwe angefangen“ habe, lieferte immerhin der Münchner Anthroposoph Walter Beck, vgl. Peter Brügge: Die Anthroposophen, Spiegel-Buch, Rowohlt Verlag, Reinbek 1984, S. 46). Steiners „Lebensgang“ schließt jedenfalls seit 1925 mit dieser Heiligsprechung.

I.7 „Epidemisches Urvirus“

Sicher haben nicht alle AnthroposophInnen eine derartige Heiligsprechung versucht. Manche wehrten sich sogar explizit dagegen. So hat Albert Steffen bereits am 26. Mai 1935 in sein Tagebuch geschrieben:

„Aber wir in Dornach sind nicht dazu da, Lehrstühle für Dr. Steiners Erkenntnisse einzurichten, sondern selbst zu erkennen und zu schaffen. Die geistige Welt wandelt sich (…) Das Eingeständnis des Nicht-Erkennenkönnens (d.h. die Behauptung, Rudolf Steiner wäre der einzige Geistesforscher) würde das Ende von Dornach sein. Nichts ist abgeschlossen, das will ich all denen immer wieder sagen, welche stille stehen wollen.“

Albert Steffen

Albert Steffen, Anthroposoph (1884-1963)

In einem Buch des anthroposophischen Wortführers Karen Swassjan, der Steiner für eine Offenbarung des christlichen Gottes selbst erklärte (s.o.), heißt es 2008 dazu:

„In einer Geschichte der Anthroposophie (…) wird diesen Sätzen der prioritäre Platz eines Brutherdes eingeräumt werden, von dem aus der ganze Schlamassel [eine „Pluralisierung“ der Anthroposophie – A.M.] seinen Anfang nahm. Sie stellen den Urvirus einer Krankheit dar, die derzeit beinahe epidemisch geworden zu sein scheint“ (Swassjan, a.a.O., S. 129)

Karen Swassjan: Aufgearbeitete Anthroposophie - Bilanz einer Geisterfahrt, Cover

Diese Sätze blieben bisher nicht nur unwidersprochen, vielmehr machte z.B. auch die liberale anthroposophische Zeitschrift Info3, deren Kurs ja eigentlich ganz dem von Steffen geforderten ent- und dem von Swassjan gepredigten völlig widerspricht (s.u.), auf der Rückseite ihrer Januar-Ausgabe 2008 in DIN A4-Größe Werbung für dieses Pamphlet.

II.1 Denunziation von KritikerInnen

„Wesentlich für eine Sekte ist, daß sich Menschen um bestimmte Vorstellungen gruppieren, (…) denen gegenüber sie sich verantwortlich fühlen. (…) Schließlich ist es nicht die Schuld der Gemeinschaft, die das heilige Feuer hütet, daß die Außenwelt nicht an den Segnungen dieses Feuers teilhaben will. Es ist vielmehr die Schuld der Außenwelt und vor allem der Menschen, die sich in dieser Außenwelt bewegen (…) Jene Menschen, die außerhalb stehen, führen im allgemeinen nichts Gutes im Schilde. Sie sind der eigenen Gemeinschaft feindlich gesonnen, wollen ihr das Feuer rauben, von ihrer schützenden Höhle Besitz ergreifen usw.“ (Ravagli: Anthroposophische Mythologeme – Hervorhebungen A.M.)

Opfer dieser fundamentalistischen Haltung werden natürlich vor allem diejenigen, die sich in der „Außenwelt“ mit der Anthroposophie auseinandersetzen.

Zander: Anthroposophie in Deutschland, Cover

Ich wähle hier als eines von vielen Beispielen, weil es mir sehr gut bekannt ist, den Historiker Helmut Zander, der in seinem von mir so oft zitierten, der Anthroposophie sehr entgegenkommenden Buch „Anthroposophie in Deutschland“ eine historische Einordnung Steiners versuchte und sogar wegen seiner positiven Einschätzung einiger anthroposophischer Praxisfelder von vielen AnthrogegnerInnen gescholten wurde (v.a. bei NWA, vgl. auch Zander als Gewährsmann II). Zanders Buch wurde von orthodoxen AnthroposophInnen natürlich als reine Blasphemie betrachtet. Ich liste illustrativ einige Beispiele auf:

  1. Zander wurde im Wochenblatt „Das Goetheanum“ als „Trojanisches Pferd“ des Intellektualismus bezeichnet, das eine Schwächung des anthroposophischen Herzens ausnutze (Bernhard Steiner).
  2. Im „Nachrichtenblatt für Mitglieder“ der AAG wies Sergej Prokofieff (s.o.) seine GlaubensgenossInnen darauf hin, dass Zander gar „die schriftstellerische Tätigkeit Ahrimans, der heute seine Inkarnation auch dadurch intensiv vorbereitet“ betreibe. Soll heißen: Zander arbeite für den Dämon der Finsternis. „Deshalb erscheint dieser Aufsatz im ‹Nachrichtenblatt›, das nur für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bestimmt ist, die auch von einer solchen Beurteilung des Zander-Buches Kenntnis bekommen müssen.“ (Sergej Prokofieff: Blick auf die Gegnerschaft, in: Anthroposophie weltweit, 26.11.2007, ausführlich zitiert in einer Antwort auf NWA).
  3. In einer Kundenrezension auf amazon.de heißt es: „Wenn man Helmut Zander zum Kenner und Spezialisten für Anthroposophie kürt, darf man im Umkehrschluss Adolf Hitlers „Mein Kampf“ als das Fundamentalwerk deutscher Geschichtsschreibung bezeichnen.“
  4. Karen Swassjan (s.o.) musste Zanders Buch wohl als Sünde gegen die Gottheit erscheinen. Er verfasste eine Antwort, die ursprünglich ebenfalls 2000 Seiten umfassen und „Rekonstruktion eines Hasses“ heißen sollte, entschied sich aber für eine kürzere Version mit dem Titel „Aufgearbeitete Anthroposophie – Bilanz einer Geisterfahrt“ (a.a.O.). Swassjan meint zunächst, dass es Zander „nicht um die Diskreditierung des Hellsehens und höherer Erkenntnisse als solcher geht, sondern einzig um die Denunziation Rudolf Steiners (…) unter (…) forschungsanalytischer Tarnung.“ (S. 81). Auf 190 Seiten lässt Swassjan sich aus, Zander habe „eine Vernichtungswut, wie sie sich so nur bei recht wenigen Gegnern Steiners (…) finden lässt, bei keinem aber dermaßen exorbitant und silbenstecherisch. (…) Ein Amokläufer (natürlich en lettres) in der Maske des respektablen Forschers, oder – punktgleich – umgekehrt…“ (S. 24f. – Hervorhebung A.M.).
  5. Lorenzo Ravagli schließlich (siehe auch oben) veröffentlichte 2009 sein Opus „Zanders Erzählungen“ (Berliner Wissenschaftsverlag, 2009, vgl. dazu kritisch Leitmotiv Zertrümmerung, Ravagli, die Rassen und die Rechten). Es sei, heißt es da, „offensichtlich“, „dass Zander (…) trotz seiner katholischen Vergangenheit, einem marxistisch inspirierten, historischen Materialismus verpflichtet ist…“ (S. 35). Marxismus und Materialismus sind natürlich Attribute des Dämonen Ahriman. (vgl. auch Andreas Lichte: Kampf bis zur Erleuchtung)

Helmut Zander (in einem Fernsehinterview am 15.02.2009, "Sternstunde Philosophie", Schweizer Fernsehen)

Religionswissenschaftler Helmut Zander, für einige AnthroposophInnen ein "Trojanisches Pferd", in dem Dämon Ahriman sitzt.

Ich kann natürlich verstehen, wenn AnthroposophInnen sich gegen ihre recht zahlreichen KritikerInnen und erst recht die oft unseriösen oder zumindest polemischen Angriffe von AnthroposophiegegnerInnen verteidigen, Pro und Contra gehören zu einem Diskurs (nur deswegen ist es ja einer) – aber solche Hetzschriften sind nur zu deutlich aus einer aufgebrachten dogmatisch-religiösen Haltung, der es um nichts anderes als Abwehr und (womit auch immer provozierten) Revanche geht, entstanden (eine zwar inhaltlich deutlich kritische und in Teilen apologetische, aber fair bleibende Auseinandersetzung mit Zanders Analyse von Steiners Dreigliederungsmodell lieferte dagegen Christoph Strawe: „Zanders Missverstehen der sozialen Dreigliederung“ in: „Rundbrief Dreigliederung“, 04/2007, S. 5-15; zu den Chancen einer historisch-kritischen Beschäftigung mit Steiner hat sich Ralf Sonnenberg geäußert, vgl. Und sie bewegt sich doch; siehe konstruktiv-kritisch aus anthroposophischer Perspektive auch die Besprechung des Zander-Buches von Rahel Uhlenhoff).

II. 2 Info3 – Stimmrohr der Ketzer

Jede fundamentalistische Religion hat natürlich neben der feindlich indoktrinierten Außenwelt auch ein paar interne Ketzer. Um ein Bild zu benutzen: Was die Kirchenväter an Gift und Galle gegen die PhilosophInnen und ProphetInnen der gnostischen und judenchristlichen Sekten und Bewegungen ausspien, findet in der Reaktion vieler AnthroposophInnen auf den Kurs der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog eine Entsprechung innerhalb der anthroposophischen Szene (Natürlich steht Info3 nicht isoliert im anthroposophischen Kontext, so werden etwa gemeinsam mit der Zeitschrift „Das Goetheanum“ seit 2007 die „infoseiten Anthroposophie“ herausgegeben, was einigen ein Ärgernis ist, vgl. infoseiten Anti-Anthroposophie? und „…Der Fluss, in den man nicht zweimal einsteigen kann“). Ich widme mich wieder ein paar exemplarischen Begebenheiten.

Hermann Keimeyer etwa bekam am 12.07.2005…

„…von der Michaelsmacht an sich, also dem Zeitgeist Michael, die Aufforderung die Empfänger des Textes:

„Ist die Zeitschrift Info 3 wiedersacherlich?“ In seinem Namen darauf hinzuweisen, dass sie diesen Text prüfen mögen, ob sie ihn als Inserat und als Daueraushang an ihrem Anschlagbrett in ihren anthprosopischen Zusammenhängen, öffentlich machen wollen.

– Ende der Michaelseingebung.“ (Ist die Zeitschrift Info 3 wiedersacherlich?)

Ich würde bei aller Verstiegenheit des entsprechenden Artikels annehmen, dass Keimeyer das ernst meint. Auch Christian Rosenkreuz, und „Meister Jesus, d.h. Rudolf Steiner“ teilten diese Meinung und verlangten zusammen mit Erzengel Michael „an sich“ und ihrem „Schreiber“ Keimeyer, Info3 aus der Anthroposophischen Gesellschaft auszuschließen (ebd.).

Der Hl Michael stürzt Satan

Erzengel Michael. Warf im November 1879 den Dämon Ahriman aus dem Himmel und forderte am 12.07.2005, info3 aus der Anthroposophischen Gesellschaft auszuschließen

Aufhänger war hier der Artikel „Rudolf Steiner integral“ von Felix Hau. Felix hat dargestellt, dass Steiners erste meditative Erlebnisse (mit 19 lebte der sich in Schellings Beschreibung eines universellen ICH hinein) nichts mit dem Christentum oder theosophischen Theorien über Ätherleiber und Jesusknaben zu tun hatten. Damit zerpflückte er auch das anthroposophische Mythologem von einer „Meisterbegegnung“ Steiners (s.o. und bei Prokofieff). Das dürfte bei vielen AnthroposophInnen eine Art Schockerlebnis ausgelöst haben, allerdings nicht so sehr wie das Fazit, dass Steiners Äußerungen über besagte theosophische Weltanschauungselemente nur über seine ICH-Erfahrung übergestulpt gewesen seien (vgl. zu einem Ähnlichen Urteil mit anderer Bewertung Die Mächte des (L)ICH(ts)).

Die Reaktionen blieben nicht aus. Nicht nur Keimeyer, Mosmuller oder Niederhausen echauffierten sich über den Artikel. Ein formelles Gespräch zwischen Info3 und offiziellen Vertretern der Anthroposophischen Gesellschaft und der Christengemeinschaft wurde anbeordert und das „Nachrichtenblatt für Mitglieder“ der AG titelte:

Prokofieff vs Info3

Sergej Prokofieff wies im anthroposophischen "Nachrichtenblatt" Felix' Artikel "auf das entschiedenste" zurück

Eine Art versuchter Zensur im Nachhinein?

Ein weiterer Stein des anthroposophischen Anstoßes ist Info3-Redakteur Sebastian Gronbach, über dessen gern „provokanten“ und darin nicht selten politisch unkorrekten Ton sich übrigens auch AnthroposophiegegnerInnen gern und auch oft nicht zu Unrecht echuaffierten (polemisch dazu NWA: Mütter und Helden und ebenso polemisch die Antwort von Felix Hau: Mütter und Helden, ausgezeichnet finde ich persönlich dagegen seine Beschreibung der anthroposophischen Betonfraktion, vgl. Der Schatten einer Seifenblase).

Sebastian deutet Götter, Engel und höhere Welten Steiners oder der religiösen Traditionen als Symbol oder „Träger“ für eine konkrete Erfahrung, die nicht an sich, nur im Bewusstsein der Menschen, die mit ihnen etwas anfangen können, überhaupt etwas bedeuten (ergo: „Weil Inhalt Form und Form Inhalt ist, wirkt ein Inhalt, der an veraltete Formen gebunden ist, heute uneffektiv und repräsentiert nicht mehr, was er einmal sein wollte.“ Gronbach: Missionen, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008, S. 94-100, er beruft sich dabei auf ein paar Äußerungen des jungen Steiner, vgl. Spirituelle Grundlagen). Ich stimme dem in Bezug auf Mythen und Religionen zu, eine solche Steiner-Deutung widerspricht aber natürlich völlig dessen Anspruch auf historische Authenzität seiner Ausführungen über Planetenorakel, Erdinkarnationen u.ä. Und das hetzte die anthroposophische Inquisition auf.

„Gronbach“ ist für viele Anthros ein Schlagwort für eine „trivialisierte“, „popularisierte“ Form der ach so hochgeistigen, avantgardistischen „Geheimwissenschaft“ Anthroposophie.

Sebastian Gronbach

Sebastian Gronbach - Was meinen Sie: info3-Redakteur und "integraler" Anthroposoph oder ein Asura, der auf die Zerstörung des Ich hinarbeitet?

Besonders sein Widerspruch gegen die Absolutheit des Christusmythologems brachte die anthroposophischen Gemüter in Wallung. Mosmuller etwa ist der Meinung, dass er mit Wilber in das Reich Luzifers entschwindet. Andere fanden, dass er inspiriert von oder gar ein leibhaftiger Asuras sei (mündlicher Hinweis von Sebastian am 21.09.09, die Asuras wollen nach Steiner seit 1998 das Ich zerfressen, vgl. Ahriman, Avitchis und die Apokalypse) Holger Niederhausen hält ihn für einen „Gegner der Anthroposophie“. So zärtlich er Mosmuller beschreibt, so zornig scheinen seine Artikel zum „Anti-Anthroposophen Gronbach“.

Niederhausen hat eine ganze Reihe von Artikeln zu Gronbach & Info3 geschrieben, in denen von den „Totengräbern“ der Anthroposophie der Rede ist. Besonders die hochorthodoxe Zeitschrift „Der Europäer“ titelt gern und regelmäßig gegen Info3 (Die Grenzen der Toleranz, Anthroposophie als „williges Mädchen“ für alles?, „Seid gewärtig, dass ihr durch eure Worte Bösewichter erzieht“ u.v.a.), „Das Goetheanum“ tut das indirekt durch Kritik an Ken Wilber (vgl. Fritz Frey: „Hierarchien und Holarchien. Ken Wilber und die Anthroposophie“, Das Goetheanum 16/2008, S. 7f.) mit dessen auch meiner Ansicht nach äußerst brauchbaren „integralen Ansatz“ info3-Redakteure seit Jahren „im Dialog“ stehen. 

Meine eigene Kritik an info3 ist umgekehrt v.a. die, dass der grundsätzlich begrüßenswerten Suche nach einer „modernen Anthroposophie“ kaum oder zu wenig Positionierungen zu problematischen Positionen Steiners vorangehen (Mal wieder ein bisschen Geschwelge). Ich will mich jetzt hier nicht über die Kompatibilität von Anthroposophie und Integralem Ansatz äußern. Ich kann mit der einen in „spiritueller“ Hinsicht so wenig anfangen wie ich den anderen interessant finde – und kann mir umgekehrt vorstellen, dass Mosmuller, Keimeyer und Niederhausen ihn schlicht nicht verstehen (das aktuelle Buch von Mosmuller: „Arabeske“, zeigt etwa, dass sie sich den Integralen Ansatz zum Versuch einer „holarchischen“ Kontextualisierung und Dekonstruktion von so ziemlich allem bis zur Auslöschung jeder Individualität zurechtmeditiert, eine Weltsicht, die Wilber übrigens als „Quadrantenabsolutismus“ einer „übertriebene[n] Systemtheorie“ verworfen und niemals propagiert hat, vgl. Wilber: Integrale Vision, Kösel, München 2009, S. 149, ders. Eros, Kosmos, Logos, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2001, S. 171ff.).

Mosmuller: Arabeske, Cover

Eine Reihe treffender Kritiken zu Wilber hat dagegen Frank Visser vorgelegt. Mit den Aktivitäten des Info3-Dunstkreises werden aber, egal, wie mensch dazu steht, scheinbar erfolgreiche Versuche unternommen, v.a. Steiners Früh-, aber auch Spätwerk aus der Sicht des „integralen Ansatzes“ zu interpretieren und für eine postmoderne und post-postmoderne Weltsicht fruchtbar zu machen (wenn auch manche Versuche ernsthaft danebengehen; vgl. Ausrutscher oder Rassenlehre?). Zu dieser Entwicklung, sowie Wilbers Ansatz überhaupt hat inzwischen auch die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Religionen und Sekten mit angenehm wohlwollender Akzeptanz Stellung genommen und angesichts der „integralen“ Christentumskritik die Kompatibilität des integralen Bewusstseinskonzepts mit einem christlichen Glauben betont (Michael Utsch: Evolution des Bewusstseins?, Fußnote 11) – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass mensch Wilber und Info3 nicht trotzdem weiterhin auch kritisch kommentieren kann und sollte.

III. Wenn und Aber

Der Glaube an manifeste, in Wirkungsort und -Zeit eindeutig datierbare Engel, Dämonen und Götter, die für kosmische Größen stehen, sich aber im unmittelbaren eigenen Umfeld direkt verkörpern, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Er steht für eine bestimmte, sog. magische Weltsicht (vgl. Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart I, Novalis Verlag, Schaffhausen 1986, S. 87-106) wie sie auch im Heiligen- und Ablasskult des Spätmittelalters, bei vielen Naturvölkern, in manchen Versionen des hinduistischen Avatar-Mythologems oder den Ritualen um „Gottkönige“ der Alten Hochkulturen auffindbar wäre. Der Glaube an Rudolf Steiner als Heiligen, als Reinkarnation Jesu, als Opferlamm für den ätherischen Christus und was sonst noch ist eben eine religiöse Götterverehrung vor einer Art von „Reformation“. Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe:

Dabei handelt es sich aber definitiv um keine „Wissenschaft“, auch keine, die sich mit den Präfixen „Para-„, „Pseudo-“ bezeichnen lässt. Es handelt sich um eine Religion, die sich um die Heilsvorstellungen einer bestimmten Person – Steiners – gruppiert und diese in ritualisierter Form nachlebt. Und das ist ja grundsätzlich und in Gänze legitim!

Hochproblematisch wird es allerdings, wenn sich diese dogmatische Tradition als Avantgarde der menschlichen „Bewusstseinsentwicklung“ oder besonders innovativer Faktor in wissenschaftlichen oder kulturellen Disziplinen und Wirkungsbereichen wähnt und als solcher auch von außen gehandelt wird (vgl. illustrativ zu einer Lehrerin an einer heilpädagogischen Waldorfschule in Wuppertal, die zwei prügelnde Kinder durch einen Zauberspruch zu bannen suchte Fritz Beckmannshagen: Rudolf Steiner und die Waldorfschulen, Sievers Verlag, Wuppertal 1984, S. 28).(Ahriman, Avitchis und die Apokalypse)

Von diesem magisch-mythisch-wörtlichen Glauben sind natürlich einige AnthroposophInnen auszunehmen, ich denke beim Schreiben ganz konkret an die meisten meiner LehrerInnen, die vom magischen „Wesenszoo“ der Anthroposophie oft nicht viel wissen oder sich zumindest bewusstseinsmäßig weitab davon bewegen. Und auch manche offizielle VertreterInnen einer sog. Anthroposophie haben damit wenig am Hut:

Wenn etwa der oben behandelte Sebastian Gronbach Steiners Heilslehre nur und ausschließlich als „symbolisch für etwas“ verstanden haben will. Oder wenn Otto Schily in seinem Vorwort zu Steiners Kernpunkte[n] der sozialen Frage“ 1996 Steiners autoritäre Töne übersprang und diese stattdessen als Aufforderung zur „Einübung eines realitätszugewandten Denkens“ deutete (S. 167). Oder wenn anthroposophische UnternehmerInnen wie Götz Werner sich für ein Bedingungsloses Grundeinkommen, WaldorflehrerInnen wie Rüdiger Iwan für eine methodische (nicht theologische) Umorientierung des gesamten Bildungssektors bemühen (Versteinerung und Innovation, Der Schatten einer Seifenblase, Schule für Menschen).

Aber wenn in einem nach wie vor vom „Bund des Freien Waldorfschulen“ vertriebenen Buch über Steiners „Volksseelen“-Lehre steht, dass diese „die Erkenntnisse des Genomprojekts (der weltweiten Kartienrung der genetischen Merkmale der Menschheit) in einer erstaunlichen Weise vorwegnimmt.“ (Bader/Ravagli: Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit, Stuttgart 2002, S. 69) oder die Anthroposophische Gesellschaft in ihrem monatlichen Mitteilungsblatt sich 2008 noch als „unsterbliche Gesellschaft“ beschwört (Hartwig Schiller: Die unsterbliche Gesellschaft, Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, 10/2008, S. 13f.), sollten auch bei liberaleren AnthroposophInnen langsam mal alle Alarmglocken läuten.

Ausnahmslos jede Auseinandersetzung, die aus anthroposophischen Ideen schöpfen oder sich in positiver Bezugnahme mit diesen auseinandersetzen will, MUSS diese fundamentalistischen Traditionen und ihre inquisitorischen Folgen in Vergangenheit und Gegenwart realisieren, benennen und sich kritisch von ihnen absetzen. (siehe auch und vor allem: Mal wieder ein bisschen Geschwelge)

8. Januar 2010 at 4:35 pm 24 Kommentare

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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