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Friedrich Hiebel und die Waldorfschulen in der NS-Zeit – oder: mehr Michael Mentzel

An den jüdisch-stämmigen Waldorflehrer Friedrich Hiebel (1903-1989) erinnerte kürzlich der Anthroposoph Michael Mentzel auf seiner Seite „Themen der Zeit“. Und zwar völlig zurecht: Hiebels Verhalten vor seiner Kündigung durch die Stuttgarter Waldorfschule im Zuge der „Gleichschaltung“ 1934 wäre eine nähere Analyse wert. Aber Mentzels Artikel mit dem großspurigen Titel „Spurensuche. Anthroposophie und Nationalsozialismus“ ist zugleich das beste Beispiel dafür, wie und warum vielen Anthroposophen der Umgang mit der Geschichte ihrer eigenen Bewegung offensichtlich noch schwerfällt.

Mentzel beginnt seinen Artikel so:

Wohl kaum jemand wird noch die Irrtümer und Fehleinschätzungen leugnen, vor denen auch Anthroposophen in der NS-Zeit – aus welchen Gründen auch immer – nicht gefeit waren. Gleichwohl ist die Tendenz einiger Historiker, den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner und seine geistigen Erben im völkisch-rassistischen Spektum zu verorten, mehr als bedenklich.

Und schreibt gleich im Anschluss:

Aktuell plant der Info3 Verlag die Herausgabe einer Biographie Hans Büchenbachers, der – im Gegensatz zu vielen damaligen anthroposophischen Zeitgenossen – eine klare Haltung zum Nationalsozialismus eingenommen hatte. Vielleicht darf bei dieser Gelegenheit auch an den 1903 geborenen Schriftsteller Friedrich Hiebel erinnert werden, der ebenso wie Hans Büchenbacher einen jüdischen Elternteil hatte.

Irrtümer

Mentzel erwähnt dankenswerterweise, dass der Info3-Verlag eine Biographie Hans Büchenbachers herausgebe (das Buch ist zwar keine Biographie, aber immerhin). So begrüßt er zwar einerseits (und wie gesagt: immerhin), dass Anthroposophen, die (wie Büchenbacher) die völkisch-rassistischen Umtriebe anderer Anthroposophen benennen, publiziert werden.

Aber das, was sie zu sagen hätten, hält er dabei kurioserweise für eine „bedenkliche“ „Tendenz einiger Historiker“. Der er offenbar inhaltlich nichts entgegenzusetzen hat. Wie auch, da die anscheinend begrüßten Quellen ja eben genau das hergeben, was die Historiker sagen? Stattdessen spricht Mentzel von „Irrtümern und Fehleinschätzungen“, was wohl ein Euphemismus für Anthroposophen sein soll, die Nazis waren. Für Mentzel unerklärlich („…aus welchen Gründen auch immer“). Aber „völkisch-rassistisch“ natürlich nicht. Dass kürzlich beispielsweise Holger Niederhausen die Rehabilitierung des Ersten Weltkriegs als „Rettung“ vor „dem Materialismus“ (ein locus classicus völkischer Theoretiker) und von Steiners Ansichten über „Rassen“ als „Tatsachen“ vornahm, erschien Mentzel ja keineswegs ‚bedenklich‘, sondern nur meine Kritik daran.

Vermutlich sollte man diese halbherzige Einleitung dennoch begrüßen und als Lernprozess Mentzels lesen. Der hatte auf Felix Haus und meine Feststellung, dass Marie Steiner-von Sivers (deren rassistische, verschwörungstheoretische und antisemitische Äußerungen Mentzel jedenfalls auszugsweise auch ganz bequem im Internet finden könnte) ein Exemplar von „Mein Kampf“ besaß, 2011 noch in üblicher Manier losspekuliert:

Dazu noch – in der Bibliothek Marie Steiner – die Entdeckung von Hitlers „Mein Kampf“ mit jeder Menge „Anstreichungen“ und „Ausrufezeichen“. Begleitet von einer wispernden und der zwischen den Zeilen unausgesprochenen Hoffnung, dereinst noch mehr davon zu finden. Ganz spontan kam mir bei den „Anstreichungen“ der Sarrazin-Wälzer in den Sinn, der vermutlich von meinen Nachkommen irgendwann in meinem Keller gefunden wird.

„Ganz spontan“ verglich nicht nur Mentzel Sarrazin mit Hitler, sondern gänzlich unspontan war er sich natürlich auch über die Irrelevanz von Marieleins mutmaßlicher Hitler-Lektüre für deren Ansichten sicher. Nun gesteht er immerhin „Irrtümer und Fehleinschätzungen“ zu, freilich nicht bei konkreten Personen, aber ganz allgemein bei „vielen damaligen anthroposophischen Zeitgenossen“. Was an der Erkenntnis, dass 1933 Anthroposophen wie die überwältigende Mehrheit der Deutschen Nazis waren und wurden, so schwer und unerklärlich sein soll, behält Mentzel für sich.

„Tendenz einiger Historiker“

Sehen wir uns die von Mentzel unterstellte „Tendenz einiger Historiker, den Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner und seine geistigen Erben im völkisch-rassistischen Spektum zu verorten“, einmal genauer an. Helmut Zander beschreibt Steiners Rassismus in seinem Standardwerk „Anthroposophie in Deutschland“, auf 13 von knapp 2000 Seiten. Wohl kaum ein Anlass, zu sagen, er habe die Anthroposophie insgesamt dem völkisch-rassistischen Spektrum zugeschlagen. Was Zander in seiner Darstellung von Steiners Rassentheorie auch begründet:

„Andererseits: Ein scharfer Rassismus, wie ihn völkische Gruppen propagierten, ist daraus nicht geworden … Elemente rassischen Denkens implizieren nicht automatisch eine Zugehörigkeit zur völkischen Bewegung.“ (Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, I, 632)

Und Peter Staudenmaier, der die Völkischen unter den Anthroposophen und Anthroposophen unter den Völkischen am intensivsten untersucht hat, hält fest:

„During Steiner’s tenure as the leading representative of Theosophical thinking in German-speaking Europe, several of his students advocated a sort of synthesis between Anthroposophy and Ariosophy, an aggressively racist offshoot of Theosophy. While Steiner did not sympathize with such efforts, they continued among his followers, with Steiner’s tacit acceptance, even after the split from the Theosophical Society. The ideological legacy that Steiner inherited from classical Theosophy thus left an ambivalent imprint: on the one hand, a universalist thrust and a vision of a future beyond racial difference, and on the other hand a wide range of invidious assumptions about the spiritual significance of race. Both of these aspects established themselves within Steiner’s publicly proclaimed doctrines from the beginning of his Esoteric career.“ (Staudenmaier: Racial and Ethnic Evolution in Rudolf Steiner’s Anthroposophy, in: Nova Religio. The Journal of Alternative and Emergent Religions, 3/2008, 7)

In seiner Dissertation untersucht Staudenmaier dieses spannungsreiche Feld weiter, was natürlich trivialerweise heißt, dass neben völkisch-rassistischen Tendenzen auch deren Widerlager im anthroposophischen Denken betrachtet werden:

„The liberal and cosmopolitan strands within anthroposophy also served a braking function in this regard, and the very emphasis on its apolitical character constituted an obstacle to potential anthroposopical drift within a völkisch direction.“ (Staudenmaier: Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the politics of Race and Nation in Germany and Italy, 1900-1945, Diss., Cornell University 2010, 178f.)

Der Unterschied ist, dass die „einigen Historiker“ eben nicht nach „Irrtümern“ suchen, sondern nach den ideellen, politischen und gesellschaftlichen Gründen für und von Anthroposophen, sich mit völkischer Bewegung, Ariosophie und/oder Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Dies führt dann freilich zu komplexen und ambivalenten historischen Urteilen, die für viele Anthroposophen nicht befriedigend, weil eben ambivalent sind.

„Finden sich bei Steiner teilweise auch Aussagen gegen den (politisch motivierten, völkisch-rassistischen) Antisemitismus, so sind die antjüdischen Implikationen dennoch Bestandteil der anthroposophischen Krisen- und Erlösungsgeschichte, in welcher das Judentum als zu überwindendes Element erscheint.“ (Jana Husmann: Schwarz-Weiß-Symbolik, S. 258)

1935 und 2025

Selbstverständlich darf in diesem Zusammenhang, wie Mentzel ja nun plötzlich gern möchte,

…auch an den 1903 geborenen Schriftsteller Friedrich Hiebel erinnert werden, der ebenso wie Hans Büchenbacher einen jüdischen Elternteil hatte. Er wurde 1963 in den Vorstand des Goetheanum berufen. In seinen 1986 erschienenen Memoiren hebt er die Unvereinbarkeit, ja polare Gegensätzlichkeit von nationalsozialistischer und anthroposophischer Bewegung hervor.

Mentzel referiert drei längere Zitate, um Hiebels unglaublichen Antifaschismus zu unterstreichen: 1. Hiebel bemerkt, dass Hitler während der von Steiner durchgeführten „Weihnachtstagung“ 1923, in Festhungshaft saß. 2. findet Hiebel spirituell Bedeutsames in dem Umstand, dass in Steiners „Mein Lebensgang“ und Hitlers „Mein Kampf“ dasselbe Pronomen vorkommt – und schließlich daran, dass Steiner starb, als die Nazis zahlreicher wurden. 3. habe Steiner 1924 ‚die Jugend‘ gefragt, wie sie sich die Welt 1935 vorstelle. Und wenn Steiner – Steiner! – „1935“ gesagt hat, konnte der meisterliche Hellseher zweifellos absehen, dass bis dahin die Nazis an die Macht gekommen sein würden. Hiebel erhebt insignifikante Parallelen zu essentiellen Zusammenhängen, diese Passagen gehören nun nicht unbedingt zu den beeindruckenderen oder aufschlussreicheren seiner Autobiographie. Mentzel jedoch wittert Wegweisendes:

„Es wäre einmal interessant, wie wir uns heute angesichts der aktuellen Ereignisse weltweit – und insbesondere auch in Europa – die Welt im Jahre 2025 vorstellen. Kürzlich ist Ulrich Rösch gestorben. Ihn hätte ich jetzt gern danach gefragt. Denn ist das, was wir derzeit in der Welt erleben, nicht geradezu eine Aufforderung, die Welt mal wieder unter dem Aspekt: „Ursache Zukunft“ anzusehen? Und müssen wir uns nicht fragen, ob wir nicht schon zu lange an den – zugegebenermaßen oft auch attraktiven Fleischtöpfen – der Politik hängen und uns zu sehr an deren jeweilige Auffassung – oft genug auch beifallklatschend – in vorauseilendem Gehorsam anpassen? Sind unsere „freien Schulen“, unsere „freien Universitäten“, ist die „Freiheit“ des Herrn Gauck und dessen Auffassung von „Verantwortung in der Welt“ und nicht zuletzt die Freiheit des so genannten freien Westens wirklich frei? Zweifel sind angebracht.“

Vermutlich mag das in Anthroposophistan eine progressive und unerhörte Idee sein. In der restlichen Welt und auch der Politik ist es keineswegs neu, mal 10 Jahre in die Zukunft zu denken. Mentzel würde dafür natürlich lieber Ulrich Rösch um Rat fragen, kürzlich verstorbener Leiter der „Sozialwissenschaftlichen Sektion“ der „Freien Hochschule“ am Goetheanum. Na dann. Immerhin ist die Einsicht, dass diese geschundene Welt oder „unsere ‚freien [Waldorf-]Schulen'“ nicht unbedingt „wirklich frei“ sind, doch prinzipiell begrüßenswert.

Gefahr Amerika, Tragik Judentum, Rettung Deutschland

Friedrich Hiebel kommt Mentzel im eben zitierten Schlussabsatz irgendwie abhanden. Nazis sind natürlich geradezu unbedeutsam gegen Joachim Gauck und „die Freiheit des so genannten freien Westens“. Letzeren finden viele Anthroposophen ja schon immer verdächtig (worin übrigens ein häufiger Überschneidungspunkt mit völkischen Denkern lag). Einer davon war zufälligerweisen Friedrich Hiebel, der 1932 schrieb:

„Dieses Amerika – das Amerika als menschheitliche Gefahr, gibt es auch in – Europa. Ja, es ging sogar von da aus; dieses Amerika ist keineswegs ein geographischer Begriff. Dieses Amerika (auch in Europa) ist das Kind der materialistischen Denkerziehung der Menschheit. Nicht, was ist der Mensch, sondern was kostet der Mensch? Denn dieses von der Geld-Gold-Sensationsgier einer entarteten Gesellschaft ermordete Kind kann wohl das Experiment einer neuen Antwort auf die Frage „was kostet der Mensch?“ werden.“ (Hiebel: Umschau. Das Lindbergh-Baby, in: Erziehungskunst 1/2, 1932, 83)

Wie bei vielen braven Deutschen gestern und heute war auch bei Anthroposophen der renitente, „antimaterialistisch“ imprägnierte Anti-Amerikanismus eines der Felder, auf dem sich auch Nazis bewegten. Für solche Subtilitäten hat Mentzel anscheinend nichts übrig. Ob das nun an seiner eigenen Skepsis am „freien Westen“ liegt, daran, dass er von Hiebel nur dessen Autobiographie kennt. Oder einfach daran, dass ihm die Betitelung Amerikas als meta-kontinentaler „menschheitlicher Gefahr“ eben als einer dieser „Irrtümer und Fehleinschätzungen“ der Kategorie „aus welchen Gründen auch immer“ erscheint, von der er keinen Zusammenhang zu den Völkischen, zum Rassismus oder gar den Nazis aufzutun vermag. Hiebel  ist für Mentzel offensichtlich eine Person, die sich durch begrüßenswerte Eindeutigkeit auszeichnet:

„1939 war Hiebel in die USA emigriert, er passt also kaum zum Bild jener Anthroposophen, denen eine Affinität zum Nationalsozialismus zu Eigen war.“

Das hatte ja auch niemand behauptet. Hiebel hatte, wie Mentzel erwähnt, einen jüdischen Elternteil, und wird in Nazideutschland wenig Grund zur Freude gehabt haben. Unter anderem, weil er Lehrer an der Stuttgarter Waldorfschule war, als es dem „Bund der Freien Waldorfschulen“ einfiel, unter dem Gleichschaltungsdruck Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) zu werden. Jüdische Kollegen wie Hiebel (und eine weitere Kollegin, die nur versehentlich für ‚jüdisch‘ gehalten wurde) wurden deswegen, ganz „freiwillig“, versteht sich, 1934 vor die Tür gesetzt. (vgl. Karen Priestman: Illusion of Coexistence. The Waldorf Schools in the Third Reich, 1933-1941, Diss., Wilfried Lauer University 2009, 171f.; Ida Oberman: The Waldorf Movement in Education from European cradle to American crucible, 1919-2008, Lewiston/Queenston 2008, 128f.) Nach einer Erwähnung dessen sucht man bei Mentzel ebenso vergebens wie nach der Notiz, dass Hiebel vor seiner Emigration 1939 noch in England und Österreich gelebt hatte.

Hiebel schrieb 1933 aber keineswegs offen gegen die Nazis an, sondern etwa das Folgende:

„…der Zweifel des Moses offenbart die tragische Nichterkenntnis, was sich in Jahve als Christusgeist führend offenbaren wollte. Die Tragik des Moses, der nicht geglaubt hatte … ist zugleich nicht nur die Tragik des Judentums, sondern all derer, die heute ungläubig, kleinmütig und verzweifelt vor dem stehen, der der wahre Felsen ist … Glaubenskräfte, Stärke, Willenszuversicht können keimen, nimmt man in Ernst und Verantwortlichkeit auf, was hier von Rudolf Steiner gegeben worden ist … Es wird gleichsam in Fichtescher Methode versucht, den Zuhörer im Bewusstsein zu wecken, zu vertiefen, ihn innerhalb seines Volkstums erkraftet zu wissen. Wie das deutsche Wesen in Fichte in fortschreitender Harmonie mit dem Pulsschlag der deutsche Volksseele lebt und sich weiterentfaltet, zeigt Rudolf Steiner mit eindrücklichen Bildern aus der Charakterwelt des großen Philosophen…“ (Friedrich Hiebel: Buchhinweise (Rezension zu Rudolf Steiner: Christus und die menschliche Seele, 1933), in: Erziehungskunst, 4/1933, S. 479f.)

Illusion of Coexistence

Solche Sätze fanden sich in anthroposophischen Schriften bekanntlich nicht erst 1933. Zentral war für viele Erben Steiners ein „geistiges“ Deutschland, das einige bei den Nazis vermissten, andere bei ihnen verwirklicht sahen, während wieder andere hofften, das Hitler-Regime bräuchte nurnoch diese anthroposophische Ergänzung, um auf dem rechten Weg zu sein. Der Unterschied zur nazistischen Rassedoktrin war die Betitelung des Judentums als „Tragik“, das nicht etwa vernichtet, sondern qua Einsicht in die Mission Christi und Mitteleuropas ‚überwunden‘ werden müsse. Dies ist offensichtlich ein assimilatorischer Antijudaismus, war für viele Anthroposophen mit jüdischen Wurzeln angesichts der ubiquitären Präsenz des Antisemitismus eine äußerst attraktive Option. Und genau das war völkisch. Dass das Deutschtum „nicht im Geblüthe, sondern im Gemüthe“ liege, und wenn auch „gewiss“ die „Judenfrage auch eine Rassenfrage“ sei, „kein ideal gesinnter Mensch je leugnen, dass der Geist auch die Rasse überwinden“ könne, vertrat etwa die Gründerfigur dieser Bewegung, Paul de Lagarde (zit. n. Ina Ulrike Paul: Paul Anton de Lagarde, in: Uwe Puschner (Hg.): Handbuch zur Völkischen Bewegung 1871-1918, München 1996, S. 70)

Es war diese „Gemengelage“, die in der Tat zu Fehleinschätzungen des totalitären Regimes unter Anthroposophen führte. Karen Priestman spricht von einer „Illusion of Coexistence“: Die Waldorfschulen meinten, sich im „Dritten Reich“ halten zu können, dessen Rhetorik der „deutschen Erneuerung“ die anthroposophischen Verdienste um’s ‚Deutschtum‘ sicher anerkennen würde. Die Mehrzahl der Waldorfianer suchte nach Kompromissen mit dem Nazistaat, um die Schulen wie vorher weiterführen zu können, wobei man sich über das Ausmaß der Kompromisse und mit nationalsozialistischen Schuleltern stritt. Die amerikanische Waldorflehrerin Ida Oberman schreibt in ihrer Geschichte der „Waldorf Movement“, deren verantwortungsvolle Recherche und von Lobhudeleien freie Darstellung unter deutschen Anthroposophen selbstredend nahezu unbekannt ist:

„Despite the bitter struggle over succession, Waldorf’s story of the twenties and early thirties is truly one of international growth. And, sprawling new roots provided Waldorf with a degree of natural resistance to the National Socialist obsession with Germanic culture and race. Yet, on the other hand, stories of Siegfried, the Holy Grail and the Norse Gods along with Grimm’s fairy tales and Germanic myths of Siegfried and Brunhilde formed a common lingua franca of Waldorf and National Socialists. Waldorf was not alone in struggling with a political regime which used a language of reform dear to their hearts. German reform pedagogy nation-wide was caught off-guard by Nazi appeals to Goethe and Schiller. Reform-minded schools under National Socialism tended to go one of two ways: they adopted whole scale to National Socialist directives and dictates by April, 1934, or they went to exile … Rather, Waldorf followed a third path … All eight institutions engaged in long, painful negotiations and degrees of ‚arrangement‘ and ‚adaption‘ to the regime. Nevertheless, while prepared to negotiate, Waldorf would not surrender or alter its own vision of German culture … often struggling desperately to wrest the grail from the Fascist’s grip, attempting to claim it as its own.“ (Oberman, a.a.O., 107-111)

Wo genau hier Hiebel stand, bleibt zu untersuchen. Mir scheint, er gehörte zu den Waldorfianern, die die Nazis für zu undeutsch, weil unspirituell hielten. 1932 hatte er in einer Rezension zu Ernst Robert Curtius‘ Buch „Deutscher Geist in Gefahr“ (Erziehungskunst 2-3/1933, 91) die „Geistfeindschaft unseres Nationalismus“ beklagt, die zu Barbarei, Materialismus und Bolschewismus führe. Auch dies war charakteristisch für völkische Argumentationen – aber versuchte am Vorabend der nazistischen Gewaltherrschaft sozusagen, den ‚real existierenden‘ Nationalismus dem verachteten (marxistischen) Materialismus zuzuschlagen. „Bezeichnend ist, dass diese Rubrik“ in der Zeitschrift „Erziehungskunst“, für die Hiebel arbeitete, „bald wieder entfällt. Dies waren jedenfalls die letzten politischen Töne vor der Knebelung der Geistesfreiheit seit Januar 1933“, schreibt Wenzel Götte (Erfahrungen mit Schulautonomie. Das Beispiel der Freien Waldorfschulen, Diss., Bielefeld 2000, 384)

Am Beispiel Friedrich Hiebel lässt sich lernen, dass jede einfache Verortung „der Anthroposophen“ in „dem Nationalsozialismus“ dazu neigt, die Vielschichtigkeit von Motiven bei unterschiedlichen Akteuren zu unterschätzten. Weder ist verwunderlich, dass Hiebel, dem eben auch der Antisemitismus auf den Leib rückte, die Nazis eher kritisch betrachtete. Noch ist verwunderlich, dass er germanophile und antijüdische Vorurteile mit großer Selbstverständlichkeit teilte. So trugen Anthroposophen ihren Teil zur Erosion der Demokratie und zum Erstarken des völkisch-rassistischen Menschenhasses bei, wobei die Unterschiede mindestens der Mainstream-Anthroposophie zum Blutrausch und zur Gewaltbereitschaft der äußersten Rechten unübersehbar sind. Aus retrospektiver Zurechtrückung von Zahlen und Ereignissen zu spirituellen Symptomen lässt sich die Beziehungs- und Konfliktgeschichte von Nationalsozialismus und Anthroposophie nicht einmal im ersten Ansatz verstehen. Dazu müsste man sich (retrospektive ebenso wie zeitgenössische) Aussagen über Anthroposophen in der Nazizeit anschauen. Mentzel jedoch, wie Hiebel in seiner Autobiographie, geht es offenbar weniger darum als die Präsentation Steiners als hellsichtigem, feinfühligen kulturellen Mahner. Das ist das Vorrecht einer alternativreligiösen Subkultur, aber so bleiben tatsächliche, seriöse Recherchen zum Thema Anthroposophie und Nationalsozialismus für viele Waldorfrepräsentanten schlicht unverständlich und erscheinen ihnen als Diffamierung und ‚einseitige‘ Präsentation. Und wenn Mentzel eines kann, dann die normativen Limitierungen der eigenen Perspektive anderen zum Vorwurf zu machen.

23. März 2014 at 9:21 pm 3 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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