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„Dass er Individualität und Freiheit fördert“. Tücken im Verhältnis von Anthroposophie und völkischer Religiosität – noch einmal

„Darin besteht das konkret Nationale deutschen Wesens, dass es durch das Nationale über die Nation hinausgetrieben wird in das allgemeine Menschentum hinein.” – Rudolf Steiner, 1915 (GA 174a, 72)

Wolf-Dieter Schröppe, ein Lehrer der Waldorfschule Minden, hatte offenbar über Jahrzehnte Kontakte ins extrem rechte Milieu und hat sich dort fleißig umgetan: die „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ beehrte er ebenso mit seiner Gegenwart wie den Verlag „Hohe Warte“, der Ludendorff’schen Ideen verpflichtet ist. In der „Hohe Warte“-Zeitschrift „Mensch und Maß“ hat Schröppe publiziert und sitzt nach Medienberichten von 2014 dem Trägerverein der „Ahnenstätte Conneforde“ vor, wo sich gern Nazis bestatten lassen. Auch im „Bund der Unitarier“ soll der 1990 aus Argentinien nach Deutschland zurückgekehrte Schröppe bis 2005 Mitglied gewesen sein. Zwei Schülerinnen der Mindener Waldorfschule haben den Fall laut taz bekannt gemacht. Ein Gutachten der „Mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold“ belegt die Kontakte zu völkischen Organisationen – gestritten wird erstaunlicherweise darüber, ob der Lehrer selbst deren Gedankengut vertrete oder vertreten habe. „Der Lehrer hat sich über Jahrzehnte ab Mitte der 90er Jahre bis Mitte 2000 in extrem rechten Strukturen und Netzwerken bewegt – nicht als Mitläufer, sondern Organisator“, so ein Mitarbeiter der Beratungsstelle. Der Bund der Freien Waldorfschulen distanziert sich eindeutig: Schröppe sei nicht mehr tragbar. Die „Schulversammlung“ der Mindener Waldorfeinrichtung soll sich am 24.6.2015 allerdings dafür ausgesprochen haben, dass Schröppe vorerst an der Schule verbleiben darf. Schon vorher stellte sich das Mindener Kollegium hinter den Lehrer, von verschiedenen Seiten war zu hören, dass er auf demokratischem Boden stehe. Schröppe versicherte das auch in einer persönlichen Erklärung. (vgl taz, PM des BdFWS, radio bremen, WDR, Osnabrücker Zeitung, Lippische Landeszeitung, Lotta-Magazin, Blick nach rechts)

Das Argument klingt seltsam bekannt, nicht nur, aber auch aus anthroposophischen Kreisen: Zwar habe Schröppe Kontakte zu rechten Organisationen gehabt, seine Publikationen zeigten allerdings keine entsprechende Gesinnung. Online findet man zum Beispiel einen „Mensch und Maß“-Beitrag Schröppes zu einem Relief an den Externsteinen – einer Pilgerstätte für Esoteriker, Neuheiden und Rechte. Der Artikel diskutiert in der Tat weder Rassentheorien noch offene Germanennostalgien, sondern widmet sich Details der Deutung des angegebenen Reliefs – das allerdings primär völkisch-religiöse Schreiberlinge zu interessieren scheint (so fing sich Schröppe etwa auch Kritik auf der Seite „GOD – Glaubensgemeinschaft – ODING – Deutschland“ ein). Einen Beitrag lieferte Schröppe auch für den Sammelband „1848 – Erbe und Auftrag“, im „Aula-Verlag“ herausgegeben von den rechten Politikern Otto Scrinzi und Jürgen Schwab. Schröppes Aufsatz dreht sich um Heinrich von Fallersleben und berichtet über die Macht der Rotschilds bzw. der „Hochfinanz“. In einem Eintrag über das Buch auf der Seite des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes wird Schröppe als deutscher Experte „in Sachen völkischer Okkultismus, Referent u. a. beim Kulturwerk Österreich“ vorgestellt.

Nach Michael Mentzel von der anthroposophischen Seite „Themen der Zeit“ sprachen sich auf der Schulversammlung „17 Schüler für eine Entlassung aus, 12 waren für eine Beurlaubung für 3 Monate, in denen ein Prozess der Aufarbeitung stattfinden soll und 31 plädierten für ein Weiterarbeiten des Pädagogen. Von den Lehrern waren 5 für die Entlassung, 16 für eine Beurlaubung und 5 für die Weiterbeschäftigung. Bei den Eltern waren es 28, die für eine Entlassung stimmten, 33, die für die Beurlaubung und 42, die für die Weiterbeschäftigung waren. Es obliegt jetzt der Schulführungskonferenz, am heutigen Nachmittag eine Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen.“ Mentzel sieht wohl zurecht bei einer Weiterbeschäftigung das Verbleiben der Mindener Waldorfschule im Waldorfbund gefährdet.

Der völkische Aktivist Schröppe wird nach einem gerade erschienenen taz-Artikel als einer der „besten Lehrer“ der Schule verteigt. „Der Lehrer ist in der Schule nie mit rechtsextremen Äußerungen aufgefallen. Im Gegenteil: Er war dafür bekannt, dass er die Individualität und Freiheit fördert“, sagte laut WDR der Sprecher der Mindener Waldorschule – und wird es wissen: Schröppe war dort immerhin 20 Jahre angestellt. Ähnliches wurde auch berichtet, nachdem 2004 der Waldorflehrer Andreas Molau sich als NPD-Kader entpuppte: An der Schule hatte man ihn für linksliberal gehalten. Wieder einmal deutet sich die gefährliche politische Naivität an, die große Teile der im weiteren Sinne anthroposophischen Szene seit deren Entstehen begleitet. 2014 präsentierte der neue Geschäftsführer der Waldorfschule Rendsburg „Reichsbürger“-Ideen auf einer Vorstandssitzung und musste die Schule verlassen, als seine Kontakte zu reichsideologischen Organisationen dokumentiert wurden. Nach seinem Weggang zerstritt sich die Rendsburger Schule: Eltern beklagten innere Machtkämpfe in einer hierarchisch organisierten Einrichtung. (vgl. SHZ) Arfst Wagner, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und langjähriger Rendsburger Eurythmielehrer, hat die Schule inzwischen als Teil des neuen Landesvorsitzes der Schleswig-Holsteinischen GRÜNEN verlassen. Zur öffentlich gewordenen „Krise“ seines alten Arbeitgebers hat Wagner sich nicht geäußert – nur so viel sei gesagt, dass er sich gegen die umtriebigen Reichsideologen in der Region Rendsburg-Eckenförde engagierte, 2014 aber die von ihm gegründete „Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen Schleswig-Holstein“ verließ, weil sie von „Reichsbürgern“ unterwandert sei. (vgl. Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung) Schröppe, der inzwischen aus der rechten Szene ausgestiegene Molau und der Rendsburger Ex-Mitarbeiter mögen wenig miteinander gemeinsam haben. Der erste jedoch, der im Waldorfmilieu sowohl völkische Verschwörungstheorien vertrat als auch enthusiastisch Individualität und Freiheit fördern wollte, war dessen Initiator Rudolf Steiner.

Heute erscheinen Artikel von Verschwörungstheoretikern wie Udo Ulfkotte oder Daniele Ganser in anthroposophischen Periodica und erfährt ein Buch wie Markus Osterrieders „Welt im Umbruch“ große Resonanz unter Steiner-Fans. Trotzdem irrt sich, wer derlei umstandslos als rechts einstuft. Vielmehr setzt sich in den politischen Auseinandersetzungen des weiteren zeitgenössischen anthroposophischen Diskurses ungebrochen das „left-right crossover“ fort, das Peter Staudenmaier diagnostiziert hat. Die Spuren der 68er-Bewegung tragen im anthroposophischen und Waldorf-Kontext viel zur Reproduktion verschwörungstheoretischer Kapitalismus“kritik“ bei. Die in anthroposophischen Kontexten artikulierten einseitigen Sympathien für die aggressive Politik Russlands spiegeln die gesamtgesellschaftlichen Schnittmengen zwischen links und rechts befindlichen Putin-Fans und US-Verächtern. Natürlich kann man die Vorfälle nicht umstandslos auf die anthroposophische Weltanschauung oder ihren pädagogischen Flügel schieben: Der „Hohe Warte“-Verlag etwa zählt zu den Verbreitern von Ideen Erich und Mathilde Ludendorffs, die Steiner energisch bekämpft hatten. Die Externsteine als vermeintlicher uralter ‚germanischer‘ Kultort wären für Steiner überdies weit weniger bedeutsam als die moderne geistige Mission des von Erzengel Michael betreuten, transnationalen deutschen Volksgeistes.

Während sich die dubiosen politischen Affiliationen im anthroposophischen Umfeld seit Steiners Zeiten halten und unter wechselnden politischen Voraussetzungen erneuern, bezieht der sonst eher zurückhaltende Bund der Freien Waldorfschulen in letzter Zeit deutlicher Position: Die Mindener Waldorfschule wird aufgefordert, sich von dem Kollegen zu trennen. Vor einem halben Jahr veröffentlichte der „Bund“ eine kritische Broschüre zu den alle möglichen alternativgesellschaftlichen Projekte unterwandernden „Reichsbürgern“. Das ist ein erster und freilich noch kein hinreichender Schritt: Durch beginnendes Problembewusstsein werden die Anschlussmöglichkeiten der Anthroposophie an eine völkische Ökumene nicht gebannt. Aber die fraglichen politischen Verbindungen scheinen sich eher an den einzelnen Schulen zu finden. Lokal kommt es immer wieder zu Streitigkeiten und Machtkämpfen zwischen Lehrern und Eltern an einzelnen Schulen. (Stichwort: Davis-Methode) Sieht man sich die Abschirmung Schröttes durch seine Schule an und vergleicht dies mit den Hierarchiekonflikten in der Waldorfschule Rendsburg, lässt sich das aber sicher auch auf generelle Waldorf-Strukturprobleme zurückführen, die der ehemalige Schülervertreter Valentin Hacken am prägnantesten ausformuliert hat:

„Die vielen, teils massiv ausgetragenen Streitigkeiten zeigen eben, dass fast alles persönlich ist in diesem Kontext und schnell existentiell – niemand macht hier nur einen Job. Was positiv sein kann, zeigt da seine Kehrseite. Das hat zum einen dazu geführt, dass sich eine geradezu parasitäre Beraterindustrie entwickelt hat, in der die Schulen und Verbände jedes Jahr hunderttausende Euro verbrennen und dazu, dass Feste wie Monatsfeiern eben dringend gebraucht werden für die Gemeinschaft, ein magischer Trick der Selbstvergewisserung, Umformung dessen, was man eigentlich nicht mehr glaubt. […] Entlasten könnte man die Kollegien, indem man die Kompetenzen des Bunds der Freien Waldorfschulen (BdFWS) massiv stärkt, eine verbindliche Qualitätskontrolle einführt, einen Blick von außen, eine Korrektur. Doch dagegen wehren sich die Schulen mit Händen und Füßen, weil sie ihre Freiheit in Gefahr sehen. Doch sie schützen damit Versagen, Überforderung, Ineffizienz, nicht die Freiheit, mit ihren Schülern zu arbeiten. […] Sobald eine Schule in den BdFWS aufgenommen ist, kann sie nahezu tun und lassen was sie will, solange sie ihre Beiträge zahlt, nicht gerade die Schüler geschlagen werden und die staatliche Schulaufsicht einschreitet.“ (Man kann doch nicht noch hundert Jahre davon leben, dass man irgendwie nicht allzu schlecht ist)

Andererseits wurde in Rendsburg von Eltern das Eingreifen des Bundes als Fortsetzung der hierarchischen Organisationspolitik wahrgenommen, wie die SHZ berichtet:

„Jetzt schaltet sich sogar der Bund der Freien Waldorfschulen (Bund) ein. Die Vereinigung, in der deutschlandweit 234 Waldorfschulen organisiert sind, schickt drei externe Mitarbeiter nach Rendsburg, um den Schulvorstand abzulösen und einen Neuanfang an der Nobiskrüger Allee möglich zu machen. […] der Bund will keinesfalls von einer Entmachtung sprechen. Hüttig: „Es geht darum, dass die Schule handlungsfähig bleibt. Ziel ist es, dass die Schule nach zwei Jahren wieder selber einen Vorstand bildet.“ Dieser soll auch wieder aus Eltern und Lehrern bestehen – ohne Nachhilfe von außen. Es sei ein grundlegender Waldorf-Gedanke, dass Eltern und Lehrer gemeinsam Schule machen, so Hüttig. Genau das sei aber schon in der Vergangenheit nicht der Fall gewesen, berichtet ein Vater, der anonym bleiben möchte. Über die Köpfe hinweg wurden Entscheidungen getroffen, die Einsicht in Unterlagen verwehrt, das Wort in der Öffentlichkeit verboten. „Hier herrschen hierarchische Strukturen und alles andere als Demokratie“, sagt er. All das entspräche nicht dem Sinn einer Waldorfschule. Viele Eltern überlegten bereits, ihre Kinder von der Schule zu nehmen, so auch der besorgte Familienvater. „Das ist nicht mehr die Schule, in die ich mein Kind gegeben habe.“ Mit der Einmischung des Bundes sieht er keine Chance, die Schule wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Ganz im Gegenteil: „Dadurch wird die hierarchische Struktur noch mehr unterstützt.“ (Freie Waldorfschule in tiefer Krise)

Offensichtlich kann man die Rendsburger Krise nicht verallgemeinern: In Minden scheint ja die Schule relativ geschlossen hinter Schröppe zu stehen. Andererseits wäre das wohl kaum zum öffentlichen Streitfall geworden, wenn die Reihen tatsächlich geschlossen wären. Viele im anthroposophischen Kontext kommentieren die immer wieder aufflammenden Verbindungen von Anthroposophen oder Waldorfianern nach rechts inzwischen nur noch genervt. Dazu passt der Ton, in dem Jens Heisterkamp, Chefredakteur der anthroposophischen Zeitschrift Info3, eine wenig spannende Ausstellung „Künstler und Propheten“ schilderte, die bis vor kurzem in der Frankfurter „Schirn“ zu sehen war:

„Barfuß oder auch ganz wie Gott uns schuf, in wallende Gewänder gekleidet und mit reichlich Pathos ausgestattet galt es (auch) damals, die Welt zu retten. Von einigen künstlerisch ernstzunehmenden Ausnahmen abgesehen bekommen es die Besucher mit einer geballten Ladung aus Selbstüberschätzung, Sendungsbewusstsein und Kitsch zu tun. Wie durch ein Wunder ist Rudolf Steiner diesem Ausstellungs-Panoptikum entgangen, dafür hat es aber Joseph Beuys („Die Revolution sind wir“) erwischt. Man verlässt die Ausstellung nachdenklich: Denn nicht nur da, wo die frühen Visionäre ganz offensichtlich ins nationalistische oder rassistische Fahrwasser kippten ist Vorsicht geboten, sondern ganz grundsätzlich gilt esoterischen Heilsversprechen gegenüber Zurückhaltung.“ (Stelldichein der schrägen Vögel)

Ebenso wie heute Michael Mentzel, der nicht unbedingt zu den kritischen Anthroposophen zählt, ohne weitere apologetische Ausfälle über Minden berichtet, steht auch Heisterkamps ernüchterte Berichterstattung dafür, dass die esoterischen Wege nach rechts sich kaum mehr verdrängen lassen. Unklar ist, wie Esoteriker mit gegenläufigen Absichten dem beikommen können. Dass in letzter Zeit über die vielfältigen politischen Verschränkungen anthroposophischer Milieus verstärkt diskutiert wird, aber auch die Kompetenzen des Waldorfbundes kritisch hinterfragt werden, zeigt, dass die oft benannten Waldorfprobleme keineswegs der Vergangenheit angehören. Es zeigt aber auch die nicht zu unterschätzenden aktuellen Transformationen des anthroposophischen Komplexes. Alte Selbstverständlichkeiten und Hierarchien werden disponibel. David-Marc Hoffmann etwa, der vormals den Basler Schwabe-Verlag und inzwischen die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung leitet, wird vom verschwörungsgläubig-orthodoxen Lager aufgrund seiner sauberen philologischen Arbeit angegriffen. Dass Steiners Schriften, auf die sein sakrales Charisma nach seinem Tod in gewisser Weise übergegangen ist, inzwischen in einer Kritischen Ausgabe beim renommierten Stuttgarter frommann-holzboog erscheinen, wird unter Steiner-Gläubigen als ernsthaftes Theologumenon erhitzt debattiert. Die Desintegrations- und Zerfallsbewegungen des ehemals nach außen eher geschlossenen (wenn auch schon immer streitfreudigen) anthroposophischen Milieus ins 21. Jahrhundert haben gerade erst angefangen. Für dieses Jahrhundert gilt allerdings ungebrochen, dass, wer Deutschen ganzheitliche Erziehung verspricht, früher oder später auch Parteigänger deutschtümelnder Dominationen anzieht.

25. Juni 2015 at 4:42 pm 6 Kommentare

„Reichsbürger“ – Waldorf Schools and the German Right: Past and Present

by Peter Staudenmaier

Twenty years ago, in an interview with the German newspaper die tageszeitung, anthroposophist Arfst Wagner warned against the influx of far-right currents within the anthroposophical movement. Though his comments raised some eyebrows among Rudolf Steiner’s followers, there was little noticeable effect on anthroposophy and its institutions or worldview. Two decades later, in January 2015, the official leadership of the German federation of Waldorf schools seems to have suddenly started paying attention. A new brochure has appeared offering an analysis of the appeal that Waldorf education, biodynamic agriculture, and other anthroposophist endeavors continue to have for segments of the far right. Although it is a welcome step in the right direction, it is a small step, and there is a long way still to go.


The twenty-four page brochure has already attracted attention from Der Spiegel and other media; a number of sarcastic commentaries have appeared online. Its focus is on the so-called Reichsbürgerbewegung or “Reich citizens movement,” an amorphous collection of disaffected Germans who claim that the old empire or Reich – dismantled in 1918 and destroyed in 1945 – still exists. Thus the current German state, in the eyes of these would-be “Reich citizens,” is illegitimate. In this old-new ideology of the Reich, as the brochure points out, esoteric beliefs and right-wing radicalism go hand in hand.

Why would Waldorf officials care? A few months ago there was a minor media scandal when the principal of a Waldorf school in northern Germany was fired because of his involvement in the Reich citizens movement. The incident led to headlines announcing “Nazi suspicions at Waldorf school.” This is by no means the first such case at a Steiner school, but this time Waldorf leaders have responded differently: They have offered a substantive critical engagement with the ideological roots of the affair, attempting at last to discern the latent affinities between anthroposophy and the far right. From this perspective, the brochure is an encouraging if overdue departure from previous practice.

Delineating the Reich citizen ideology is no simple task. The newspaper Die Zeit has captured it aptly as a mixture of “conspiracy theory and antisemitism in the name of peace.” The new brochure provides the following description: “a marketplace of mismatched ideological components” combining “antisemitism, vegetarianism, belief in UFOs, conspiracy theories, and feel-good esotericism,” in which “proclamations of humanist sentiment and populist nationalism can merge together.” This is not a uniquely German phenomenon. In a US context, the movement is comparable in some ways to the “sovereign citizens” subculture with its anti-government resentments, who dream of “freedom from taxes, unlimited wealth, and life without licenses, fees or laws,” in the words of the Southern Poverty Law Center. Its more extreme versions, such as Posse Comitatus organizations or the notion that Americans live under a “Zionist Occupation Government,” are often intertwined with regional and ethnic-racial separatism.

In Germany, beliefs like these fit readily with anti-American antipathy. The historical reasons for this are important to keep in mind. Purveyors of Reich ideology mix these elements with Nordic mythology and invocations of Atlantis, with enthusiasm for alternative currencies, skepticism toward globalization, and a longing for peace and harmony in a world marked by violence and upheaval. It is an unsurprisingly inconsistent worldview. While much of the Reich citizens’ literature is obsessed with the Allies (above all the US) as supposed occupying powers in Germany, their ire is largely reserved for the European Union. Nebulous denunciations of the evils of global capitalism rub elbows with hymns to the inviolability of private property.

Like its counterparts elsewhere, the Reich citizens movement is a classic instance of left-right crossover and a symptom of profound political confusion. Its adherents recycle hoary antisemitic legends and even anti-Masonic conspiracy myths from the era after the First World War. There are numerous esoteric connections. Waldorf schooling as well as biodynamic farming remain especially attractive within this segment of the far-right milieu. Perhaps the most important part of the brochure is thus the section on Waldorf, anthroposophy, and Nazism.

Here the brochure makes a clear call for taking history seriously, for understanding the past in order to understand the present. Even if this is framed self-interestedly as the far right posing a danger to the Waldorf movement, it represents a notable advance over the usual anthroposophist strategy of avoiding the issue. Still, the brochure’s version of the history of Waldorf schooling in Nazi Germany continues the familiar line, strongly emphasizing Nazi persecution of Waldorf while neglecting the many points of collusion between Waldorf leaders and the Nazi regime. Though the brochure cites the important research of Karen Priestman, Ida Oberman, and Wenzel Götte on Waldorf education in the Nazi era, it fails to include the critical findings these studies helped bring to light. And when the brochure does mention Waldorf cooperation with Nazi officials, it is solely under the rubric of “compromise”; there is no mention whatsoever of the enthusiasm within the Waldorf movement for Nazism’s new order.

Beyond these historical inadequacies, the brochure suffers from a myopic perspective on the current salience of right-wing themes within the Waldorf world. As a striking example, it does not mention former Waldorf teacher and neo-Nazi leader Andreas Molau by name (though it does refer to him obliquely and defensively), despite the fact that Molau’s career as a Waldorf teacher who was simultaneously active in the radical right – for eight full years, from 1996 to 2004 – perfectly embodies the very problem the brochure is meant to confront. Nor is there any mention of the role of Lorenzo Ravagli, a current prominent Waldorf leader and editor of the major Waldorf journal, in nursing such links to the far right, whether in the case of Molau or of anthroposophist Holocaust denier Gennadij Bondarew.

Needless to say, there is no examination anywhere in the brochure of Steiner’s own considerable contributions to the same myths propagated by the Reich ideology. Conspiracy narratives loom large in Steiner’s works, as well as in the publications of his follower such as Karl Heise, and there is a lengthy and unfortunate history of anthroposophist antisemitism. Although the brochure makes appreciable strides toward a more historically informed and politically aware treatment of the topic, the aversion to a full and honest reckoning persists, reflecting the longstanding Waldorf allergy against tracing these dynamics back to Steiner himself.

These failings are hardly peculiar to anthroposophy. Similar critiques have been lodged, with reason, against followers of Silvio Gesell and of C. H. Douglas and social credit. Steiner was not the only would-be world savior to draw on dubious sources, and his latter-day disciples are not the only ones to ignore their own troubled legacy and blithely disregard its ongoing repercussions. But the standing of Waldorf schools within the broader field of alternative education indicates why such concerns arouse greater attention. The problem is not one of potential embarrassment. The problem is not that Waldorf’s carefully cultivated image might be damaged. It is not a matter of image at all. The problem is that the underlying partial compatibility between Waldorf values and the ideals of the far right has gone unnoticed and unaddressed for far too long.

However fitfully, that has begun to change. A younger generation of anthroposophists and Waldorf supporters is starting to challenge the traditional historical complacency of their forebears. New perspectives are opening up in which a sober assessment of anthroposophy’s unsettled past no longer induces anxiety and hostility. The new approach faces intense opposition, and a lot of difficult work lies ahead if the Waldorf movement is ever going to deal straightforwardly with its own history. A brochure like this one demonstrates that such an approach is possible, while also showing how much more still needs to be done.


staudenmaier
Peter Staudenmaier  (Foto: privat) ist Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University (Milwaukee, Wisconsin). 2010 promovierte er an der Cornell University zum Thema “Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the Politics of Race and Nation in Germany and Italy, 1900-1945.”, erschienen bei Brill.


Siehe auch:

Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung. Annäherungen und Abgrenzungen

Die Scheidung der Geister. Zwischenbilanz zur anthroposophischen Erinnerungskultur

Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus. Wie England den deutschen Volksgeist besiegte

„Ja, gewiss kam es zu Spannungen“ – Interview mit Peter Staudenmaier zu Rassismus, Nazismus und Anthroposophie

28. Januar 2015 at 12:00 pm 7 Kommentare

Anthroposophen und „Reichsbürger“-Bewegung. Abgrenzungen und Annäherungen

„Immer häufiger flattern Mitarbeitern von Kommunalverwaltungen, Bürgermeistern, Schulleitern, Polizeidienststellen und Landtagsabgeordneten Schreiben von „Reichsregierungen“ oder „Reichsbürgern“ auf den Tisch. Dahinter können sich Querulanten oder anderweitig Verhaltensauffällige verbergen, aber auch Rechtsextremisten könnten hinter den Versandaktionen stecken … Verlautbarungen und Aktivitäten von „Reichregierungen“ und „Reichsbürgern“ muten oftmals komisch und realitätsfern an. Bei Spinnereien bar jeder Vernunft ist man schnell geneigt, zu schmunzeln, zumal auf den ersten Blick nicht immer ein rechtsextremistischer Hintergrund offen erkennbar sein muss. Trotz allem versuchen „Reichsregierungen“, einen gesellschaftlichen Resonanzboden für rechtsextremistisches Gedankengut zu schaffen und zu bedienen. „Reichsregierungen“ sind teilweise tief in der rechtextremistischen Szene verankert. Volksverhetzende Äußerungen, Holocaust-Leugnung, Werbung für rechtsextremistische Parteien sowie Aufrufe für rechtsextremistische Demonstrationen sind keine Seltenheit.“
– Verfassungsschutz Brandenburg, 12. April 2014

An der Freien Waldorfschule Rendsburg wurde kürzlich ein Mitarbeiter der Schulverwaltung (Name und vormalige Funktion sind mir bekannt) entlassen. Der Grund: „er habe nicht überzeugend ausräumen“ können, mit gewissen „rechten“ Vereinigungen in Kontakt zu stehen, wie die Schleswig-Holsteinische Landeszeitung (SHZ) berichtete. Konkret werden die als verfassungswidrig eingestuften Organisationen „NeuDeutschland“, das „Deutsche Polizeihilfswerk“ (DPHW) sowie „Reichsbürger“ genannt, was auf schlechte Recherche schließen lässt, bei den ersten beiden handelt es sich nämlich um nichts anderes als „reichsbürgerliche“ Ideologien bzw. Gruppen. [Nachtrag, 24.9.14: Ein weiterer SHZ-Artikel holt auf und berichtet, dass der „Mitarbeiter“ sogar bei der Krönung Peter Fitzeks („NeuDeutschland“) 2012 anwesend war].

Der bekannteste „Reichsbürger“ dürfte Horst Mahler sein. „NeuDeutschland“ ist das auf einem ehemaligen Wittenberger Krankenhausgelände gegründete „Königreich“ Peter Fitzeks. „Reichsbürger“ halten die BRD für „besetzt“ und glauben meist an ein Deutschland in den Grenzen von 1937 oder früher, was dann die „Reichsregierung“ des jeweiligen Vereins legitimieren soll. „Neu Deutschland“ versucht sich u.a. an Versicherungen, einer Bank, stellt Führerscheine aus und hat eine eigene Währung, das „Engel-Geld“.  Die Geschichte der „Reichsbürger“-Ideologie reicht bis in die 80er zurück, aber sie kommt in der letzten Zeit erst stärker in Mode, auch unter manchen „Anarchisten“ und antiimperialistischen Linken.

Da die deutsche Polizei nach der „Reichsbürger“-Logik als Bestandteil der inexistenten Bundesrepublik illegal ist, kommt es zu Gründungen wie dem „Deutschen Polizeihilfswerk“. Das DPHW führte im März gar eine Veranstaltung an der Rendsburger Waldorfschule durch, was besagtem Mitarbeiter zu verdanken war.

Der Vorfall in Rendsburg könnte Wellen schlagen. Nun distanziert sich freilich der Bund der Freien Waldorschulen und die Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen in Schleswig-Holstein: „Verfassungsfeindliches und rechtsradikales Gedankengut haben an einer Waldorfschule keinen Platz“, werden Henning Kullak-Ublick (BdFWS) und Thomas Felmy (LAG) im SHZ-Artikel zitiert (siehe auch Info3). Das sehen Rechte zwar immer wieder anders (Stichwort: Andreas Molau), aber mit der Distanzierung von einem (Ex-)Mitarbeiter aus der „Reichsbürger“-Szene wären die Waldorfschulen eine der ersten betroffenen „alternativen“ Strömungen, die sich in diese spezielle Richtung deutlich abgrenzt. Das lässt sich andernorts (siehe unten) nicht feststellen. Öffentliche Aufmerksamkeit für den Fall dürfte auch mit Blick auf die teilweise gewaltbereite „Reichsbürger“-Szene nicht das Schlechteste sein.

Fliegende Händler und wechsellaunige Kunden

Denn die floriert munter, in Schleswig-Holstein und anderswo. Arfst Wagner beispielsweise, Grünes Ex-Bundestagsmitglied und just an der Waldorfschule Rendsburg Eurythmielehrer, ist neulich aus der (von ihm gegründeten) „Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen Schleswig-Holstein“ ausgetreten. Er benannte den Grund auf Twitter: „massive Reichsbürger-Unterwanderung“. Zu den laut Selbstauskunft 742 Stellen, bei denen man mit dem „Engel“ bezahlen kann, werden zehn im Kreis Rendsburg-Eckenförde online benannt. Darunter auch eine „Gesundheitsschule Neubeginn“, in die die (kürzlich von der Webseite verschwundene) Tochter des besagten Schulverwaltungsmitarbeiters involviert ist. Nonchalant heißt es auf der Webseite der „Gesundheitsschule“: „Der Engel ist ein Zahlungsmittel des Vereins Neu Deutschland. Wir halten den Ansatz und die Grundidee dahinter für sinnig, wenn wir auch vielleicht hier und da andere Ansichten haben.“ Vielleicht hier und da – aha. Auf derselben Seite wird der Film „Fabian der Goldschmied“ empfohlen, produziert von Jan Udo Holey, der auch unter dem Pseudonym Jan van Helsing publiziert. In van Helsings Werk und  besagtem Film sind antisemitische und verschwörungstheoretische Ideologeme unverhüllt: Fabian hat einen Bund der „Erleuchteten“ gegründet, der heimlich das Weltgeschehen lenkt.

Illuminaten, Freimaurer usf. als alles steuernde Mächte des Weltgeschehens gibt es nicht nur in der Phantasiewelt von rechten Spinnern und n-tv-Dokus. Ähnliche Theoreme erfreuten sich schon während des Ersten und Zweiten Weltkriegs großer Beliebtheit unter Anthroposophen – und bis heute, wie hier verschiedentlich dokumentiert. (vgl. EU und Ukraine, Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus) Natürlich ist anthroposophischerseits von „Brüdern des Schattens“, „okkulten“ oder schwarzmagischen Logen die Rede, doch die sollen das deutsche „Geistesleben“ vernichten und hinter der „angloamerikanischen“ Welt stecken. Hier ließen sich leicht Brücken zu den „Reichsdeutschen“ schlagen. Aber dies ist nur für Außenstehende die naheliegendste Schnittstelle: Schon immer waren esoterische Milieus personell und ideologisch fluide, voller fliegender Händler und wechsellauniger Kunden. Die phantasievolle Fitzek-Gemeinde, in der sich zahllose Heilpraktiker und Esoteriker tummeln, ist nur eine Spielart der „Reichsbürger“, es existieren verschiedene kommissarische Reichsregierungen und Verbände, mitunter verbündet, mitunter verfeindet, die oft neben der Grundidee die Begeisterung für ein völkisch-ökologisches Deutschland teilen. Ein Forum für „Reichsdeutsche“ bieten viele der neurechten „Montagsdemos“. Nicht zuletzt in der AfD versuchen immer wieder „Reichsbürger“ ihr Glück. (vgl. Reichsdeppenrundschau) Noch eines der vielen Felder sind heutige Rezipienten Silvio Gesells und seiner „Freiwirtschaftslehre“ (vgl. Peter Bierl: Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell, Hamburg 2012), die ebenfalls in Anthroposophen- wie „Reichsbürger“-Kreise ausfranst. Von den „Violetten“ ganz zu schweigen.

Namentlich zwei von Anthroposophen gern frequentierte Politthemen stehen auch ganz oben auf der Agenda vieler (längst nicht aller) „Reichsbürger“: Direkte Demokratie und Bedingungsloses Grundeinkommen. Beides soll es dann im neuen alten deutschen Reich geben. Nicht zuletzt sogenannte „Regionalwährungen“, die den kalten Euro ersetzen sollen und auch auf einigen biologisch-dynamischen Höfen angenommen werden, passen Reichsbürgern gut ins Konzept, werden von ihnen unterstützt und gelegentlich mitinitiiert – nicht nur der „Engel“. So wenig jedoch wie Anthroposophen in entsprechenden Foren offensiv mit Steiner hausieren gehen, so wenig müssen das „Reichsbürger“ mit ihrer Ideologie tun. An dem bekannten und mit dem anthroposophischen Milieu gut vernetzten Grundeinkommensaktivisten Ralph Boes lässt sich die selbst Beteiligten unbewusste (und ebenso oft: verdrängte) Konvergenz der Szenen und Interessen deutlich machen. Boes (der Hitler zu einem einzigartig kreativen Impuls des Bösen verklärt) ist mehrmals und allem Anschein nach naiv in Verbindung mit Rechten geraten, weist aber „Nazikeulen“ weit von sich – über die verstörenden und blamablen Auftritte macht sich „Sonnenstaatland“ (eine Anti-Reichsbürger-Webseite) lustig.

Andere wissen sehr wohl, wo sie auftreten: Auf der „NeuDeutschland-Messe“ 2011 hielt ein Gerhard Schröder einen Vortrag über die biologisch-dynamische Anbauweise und ein „Eco-Dyn-Bearbeitungsgerät“, das sein biodynamischer Kollege Friedrich Wenz entwickelt hat. „NeuDeutschland“ betreibt selbst ein alternativ bewirtschaftetes „Gartenprojekt in Apollensheim“, das den „Beginn autarker Selbstversorgung“ darstellen soll und verkündet dazu auf seiner Webseite: „Nach biologisch dynamischer Ganzheitslehre und Sichtweise sind wir auf dem richtigen Weg.“

Anderes bewegt sich in verschieden schattierten Grauzonen. Ebenfalls von der Webseite der „Gesundheitsschule Neubeginn“ ist Martin Matzat verschwunden, Diplom-Wirtschaftsingenieur, der sich laut nun fehlender Personenbeschreibung entschieden hat, „der Börse als Broker den Rücken zu kehren, um Menschen mit ganzheitlichen Finanzkonzepten vertraut zu machen, die weder Menschenleben noch Umwelt zerstören.“ Er habe sich auf Regionalwährungen spezialisiert, eine „gute Grundlage für eine stabile Wirtschaftslage“. Der junge Mann winkte auf seinem Bild lächelnd mit „Engel“-Scheinen. Auf der Seite der Rendsburger Regionalwährung „Rends“, die sich in Regenbogenfarben und als „eine Burg für eine neue Gemeinschaft“ vorstellt, steht Matzat als technisch und inhaltlich Verantwortlicher. „Für uns ist die Bildung neuer Gemeinschaften in unserem Zeitalter einer der wichtigsten Eckpfeiler der menschlichen Evolution“, heißt es auf der Seite. Der „Rends“ will sogar ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ auf die Beine stellen, wozu „Die Violetten“ Hamburg 2013 eine Veranstaltung Matzats in der „Gesundheitsschule“ empfahlen.

Anthroposophie und „Reichsbürgertum“ gehen bei ihm Hand in Hand: Sogar bei Fitzeks obskurer „Krönung“ trat er auf, gleichzeitig wird er als Ansprechpartner für „Artabana Rendsburg“ auf der Seite der Solidargemeinschaft „Artabana“ genannt. „Artabana“ beruft sich offiziell auf Steiners „Soziale Dreigliederung“ und wird auch sonst gern anthroposophisch frequentiert und beworben. Auch Boes bedankt sich auf seiner Webseite bei Matzat. In der Kommentarspalte eines inhaltsarmen, aber offenbar „reichsbürgerlichen“ Blogs „Deine Rechte – unsere Rechte!“ kommentierte der Wirtschaftsingenieur am 21. November 2012: „Hallo und herzlich willkommen in der Zeit der Veränderung“ und empfahl sich als Mitglied von „FreiWIND – Initiative freier und eigenverantwortlicher Menschen“, die er verlinkte und „an dieser Stelle kurz bekanntmachen“ wolle: „Wir werden demnächst die ersten Gemeinden gründen, die sich nicht auf BRD-Gesetze berufen. Das wird echt spannend.“ Auf der verlinkten „FreiWIND“-Seite wird tatsächlich empfohlen, Parallel-„Gemeinden“ an jedem Ort zu gründen, denn: „Wir erkennen, daß die Krise gewollt ist und dies so lange mit uns gemacht wird, bis uns der Kragen platzt. Dies wollen wir jedoch unter allen Umständen vermeiden – denn auch in jenem Falle, wären wir die größten Verlierer. Wir wollen den entstandenen politischen Stau einfach, friedlich und effizient auflösen.“ Im Raum Rendsburg hat Matzat über „FreiWIND“ und viele andere Themen in alternativen Einrichtungen Vorträge gehalten.

„Freie“ Schule

Neben „Engel“-Geld, eigenem Banken- und Gesundheitswesen stößt man auf der Verbandsseite von „NeuDeutschland“ auch auf ein Schulkonzept. Darin werden Goethe, Tolstoi, Montessori und Pestalozzi, nicht aber Rudolf Steiner zitiert,vieles scheint tatsächlich von Montessori inspiriert zu sein. Der klebrige Ton des „Pädagogischen Konzepts“ fügt sich aber gut ein in den Grundduktus der Reformpädagogik: Freie Entfaltung der Individualität wird da beschworen und der pädagogische Wert des „Vorbilds“, überhaupt setzt man auf eine „freie Schule“, auf lebenslanges Lernen, auf natürliche Materialien oder auf Lehrer, die Erziehung auch als eine an sich selbst begreifen. Das im „Pädagogischen Konzept“ der NeuDeutschen formulierte Lehrer-Schüler-Verhältnis wird deutlich weniger steil formuliert als in der Steiner-Pädagogik: Zeitabläufe und Regeln sollen beispielsweise zwischen Kindern und Lehrern vereinbart werden. Am vagen Wohlfühljargon dieses „Pädagogischen Konzepts“ zeigt sich wieder, wie anschlussfähig derlei für viele Seiten sein muss.

Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ täte gut daran, sich davon deutlich abzugrenzen. Ganz abgesehen von allen angebrachten ideologiekritischen Analysen zu Reform- und Waldorfpädagogik. Anknüpfungspunkte für interessierte Rechte finden sich wie Sand am Meer, die von den Verantwortlichen bisher entweder nicht oder verharmlosend kommentiert werden.

Nach wie vor empfiehlt der BdFWS auf seiner Webseite die Bücher von Lorenzo Ravagli und Hans-Jürgen Bader, die noch die hässlichsten rassistischen Vorträge Steiners explizit bejahen und als missverstandene humanistische Menschheitsversöhnung anpreisen. Nach wie vor liegt keine Auseinandersetzung des Waldorf-Bundes mit der teils zwielichtigen Geschichte der Waldorfschulen im Nationalsozialismus vor. Auch in der 3., „erweiterten und aktualisierten“ Auflage von Tobias Richters „Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule“ (2010) wird nicht ein einziges Buch zum Nationalsozialismus empfohlen – dafür Bücher von Karl Heyer, Herbert Hahn, Hans Erhard Lauer, Andreas Suchantke und anderen, in denen sich unverhüllt germanozentrische Völkertypologien und Rassenlehren finden. In Caroline von Heydebrands erstem „Lehrplan der Freien Waldorfschulen“ wurde „Völker- und Rassenkunde“ für den Lektüreplan der Achten Klasse empfohlen, dieser Hinweis verschwand in einer Neuauflage von 2009 – ohne jeden Kommentar, versteht sich. Wollte der BdFWS angesichts der „Reichsbürger“-Epidemie hier ein glaubwürdiges Zeichen setzen, all das gehörte mit auf die Agenda. Aber davon kann man wohl nur träumen. Mal abwarten, ob nach der Erklärung von Kullak-Ublick und Felmy gegenüber der SHZ noch etwas folgen wird.

Am rechten Rand

Die dokumentierten Fälle faktischer Konvergenz von krudesten rechten und anthroposophischen Vorstellungen lassen sich wahrlich nicht als zufällige „Einzelfälle“ abspalten, so randständig die Akteure in der anthroposophischen Bewegung zuweilen tatsächlich sind: Um mit „Der Europäer“ garnicht erst anzufangen wäre da etwa Willy Lochmann, der sein Universum auf der Seite seines „Lochmann-Verlags“ übersichtlich dokumentiert. (vgl. auch Willy, Thomas und der Wolf im Schafspelz) Auch Lochmann hat freilich seine ganz eigene Version der Gründung der BRD zu bieten, die mir zugegeben zu wirr scheint, um ihre Übereinstimmung mit den „Reichsdeutschen“ auszuloten. Von rechten Vortragsrednern bei diversen autonomen anthroposophischen Vereinigungen hört man hier und da. 2013 empörte sich etwa die „Junge Freiheit“: Pforzheimer Antifas hatten eine Veranstaltung „Wege zur Einbindung Europas in Amerikas Geo-Strategie“ des rechten Historikers Stefan Scheil bei der „Freien Anthroposophischen Vereinigung Pforzheim“ (FAV) vereitelt. (vgl. deren Offenen Brief und die Reaktion darauf) Das verantwortliche Antifa-Recherche-Team hatte noch weitere Verflechtungen der FAV mit rechten Kreisen benannt.

Auch der Waldorflehrer Herwig Duschek, der an Reichs-Flugscheiben und die „Gralsmacht“ „Vril“ glaubt, die Anfang der Vierziger in „Mitteleuropa“ entwickelt worden sei und zur Gründung von Millionen-Kolonien auf der ganzen Erde geführt habe, stellt auf seiner Seite Vortragsvideos zur Verfügung. Da Duschek bereits das deutsche Kaiserreich für einen Teil der Verschwörung gegen den Deutschen Geist hält (siehe den Vortrag hier), würde er die „Reichsbürger“ möglicherweise auch als Teil davon betrachten und deshalb ablehnen – möglicherweise. Die Liste ließe sich fortsetzen. Aber schon ein Blick auf die Veranstaltungen zum Ersten Weltkrieg, die diesen Herbst im Rudolf Steiner-Haus Frankfurt stattfinden, zeigt, was anthroposophischerseits in solche völkischen Legierungen eingehen kann, sich aber auch antiimperialistisch-links und anders wenden ließe: In den Ankündigungen liest man unter anderem über die „Zerstörungskraft“ des Materialismus, „die Einflüsse okkulter Logen“, die „Exstirpation des Deutschen Geistes zu Gunsten des Deutschen Reiches“ (Nietzsche) und „Mitteleuropa“, das zum „Problemfall“ wurde, weil „es immer mehr das angelsächsische Geistesleben kopierte und die eigenen Wurzeln verleugnete.“ Derlei könnte von rechten Esoterikern ebenso besucht werden wie deren Veranstaltungen von Anthroposophen mit diesem Interessengebiet.

Von den Anthroposophen enttäuscht ist Bernhard Schaub. Der Schweizer Holocaustleugner betreibt mit Rigolf Hennig und anderen seit 2010 die „Europäische Aktion“, die am 24. Oktober 2012 „Ein Wort an den Verfassungsschutz der BRD“ richtete. Im von Schaub, Hennig und Hans Berger unterzeichneten Schreiben heißt es, dass es den Verfassungsschutz „streng genommen“ natürlich gar nicht gebe, denn die Bundesrepublik sei „kein souveräner Staat, sondern ein Selbstverwaltungsprovisorium unter alliierter Vormundschaft“.

Schaub hatte 1992 das Buch „Adler und Rose“ veröffentlicht, in dem von Hitlers „Präventivkrieg“ oder der Shoa als „angloamerikanisch-zionistischer Propaganda“ die Rede war. Daraufhin wurde er als Geschichts- und Deutschlehrer der Rudolf-Steiner-Schule Adliswil fristlos entlassen. Jens Heisterkamp kommentierte in der liberalen anthroposophischen Zeitschrift Info3 (12/1992): „Wundert man sich, dass ein solches Buch im anthroposophischen Umfeld auftaucht? … Die neue Rechte marschiert, in die gleiche Richtung wie vor 60 Jahren, und wieder laufen einige Anthroposophen mit.“ Im November 2010 sorgte Schaub noch einmal für Aufmerksamkeit im Waldorfland, diesmal im Schwarzwald: Damals wurden seine Kinder Sigurd und Solveig von der Waldorfschule Schopfheim geworfen, nachdem an der Schule die politische Ausrichtung des Vaters bekannt geworden war.

Im „Leitbrief 5“ („zum Julmond/Dezember 2012“) der „Europäischen Aktion“ zitierte Schaub Schillers „Briefe zur ästhetischen Erziehung“, schrieb über den Sonnengott, neue Formen des Geisteslebens, deren komplizierte Beziehung zum Christentum – und über die Anthroposophie. Sein Versuch, Anthroposophen „die Augen zu öffnen“, sei missglückt: „Alles vergeblich!“ „Mit Ausnahme von einigen Wissenden“, die er aber nicht nennen dürfe, seien Anthroposophen „linksgrüne Idioten“, die sich „von den ‚rassistischen‘ und ‚antisemitischen‘ Äußerungen“ Steiners angeblich distanziert hätten. An der Haltung der Anthroposophen sei Steiner aber „nicht ganz unschuldig“, schränkte Schaub ein, weshalb er im „Leitbrief“ nur Julius Evola wirklich empfehlen wolle. So sieht der Versuch anthroposophischer Verbände, Steiners Rassenlehre abwiegelnd zum Humanismus verpuffen zu lassen, also für heutige Faschisten aus. Möge Schaub doch eines Tages realen Anlass für seine Behauptung über die sich von diesem Rassismus distanzierenden Anthroposophen haben!

23. September 2014 at 2:48 pm 22 Kommentare


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Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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