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Michael Mentzel bestätigt: „Manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite“

Michael Mentzel („Themen der Zeit“) hat eine merkwürdige Replik auf meine Kritik an Holger Niederhausen geschrieben. Interessant daran ist, dass der fundamentalistische Niederhausen in der anthroposophischen Debattenkultur lange kaum erwähnt wurde. Doch dieser hat 2013 ein Buch wider den Religionswissenschaftler Helmut Zander geschrieben (so ein anthroposophisches Modephänomen). Offenbar bringt ihm das anthroposophischerseits nun plötzlich Aufmerksamkeit und Respekt ein – so die These meines besagten Artikels. Mentzel fühlt sich wohl ungerecht behandelt, schreibt jedenfalls:

Auf die Idee aber, dass jemand ein „frisch gewonnener Fan“ ist, weil er über ein bestimmtes Ereignis berichtet oder weil ein Buch „auf meinem Rezensionstisch liegt“, muss man auch erst einmal kommen.

So weit, so nachvollziehbar. Doch dann schwenkt Mentzel plötzlich um:

Die Suche nach dem Namen Niederhausen bei Themen der Zeit – mit ca. 1700 Beiträgen – blieb jedenfalls, bis auf den oben genannten Hinweis – erfolglos. Was allerdings nicht bedeuten muss, dass nicht auch durchaus manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite zu finden sind, den zu kommentieren sich lohnen würde. Und auch wenn ich kein „Fan“ von Niederhausen bin, was dieser möglicherweise gern bestätigen kann, mag Ansgar Martins demnächst wirklich einen Grund finden, im Hinblick auf diesen Autor etwas von meinem „üblichen Nonsens“ zu lesen. So lange aber wird er sich damit trösten müssen, dass ich vor einiger Zeit einen – nennt man das tatsächlich „Ohrwurm? – Ohrwurm hatte: „Der kleine Ansgar möchte aus dem Phantasialand abgeholt werden.“

Quod erat demonstrandum. Lange herrscht zu Niederhausen völliges Schweigen. Sobald dieser aber ein Buch gegen Zander schreibt, fällt Mentzel auf, dass „durchaus manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite zu finden sind“ [sic]. Und so werde ich hoffentlich in der Tat bald Gelegenheit haben, seinen üblichen Nonsens auch zu Niederhausen zu lesen. Fragt sich also mal wieder, was Mentzel eigentlich will – er bestätigt einerseits meine Thesen explizit, wirft sie mir aber gleichzeitig vor. Seine Ambivalenz bestätigt sich in seinem peinlichen „Ohrwurm“, den er sogar noch stolz mitteilen zu müssen meint: „Der kleine Ansgar möchte aus dem Phantasialand abgeholt werden.“ Tja dann.

Was genau ihn an meinem Artikel stört, dessen These er ja frei heraus bestätigt, erläutert Mentzel nicht. Stattdessen titelt er „The never ending Story. Martins, Zander und der Rest der Welt…“ Genau darum geht es in der Tat: Seit 2007 ist die routinierte und systematische, aber eben sachlich durch nichts begründete, anthroposophische Diffamierungsindustrie gegen Zander im Gange. Im selben Stil werden auch andere kritische Positionen abgehandelt, nicht zuletzt von Mentzel selbst. „Die unendliche Geschichte“ hatte ich bereits 2012 einen Artikel über dessen diesbezügliche Umtriebe genannt. Da er sogar meinen Titel übernimmt, scheint Mentzel auch hier nichts hinzuzufügen zu haben. Um doch noch irgendein Skandalon zu finden, spekuliert er wie üblich munter drauf los:

„Und deshalb erscheint es vielleicht nicht falsch, hier von Anmaßung zu sprechen und dem ‚Sternekoch Martins zu empfehlen, sich nicht nur mit der Suche nach den Haaren in der anthroposophischen Demeter-Suppe, sondern auch einmal mit Stilfragen zu beschäftigen. Im Leser der Martinischen Verse kann allerdings auch der leise Verdacht aufsteigen, dass dem jungen Autor – möglicherweise – Voegeles jüngster Beitrag zum Thema Steiner und der Erste Weltkrieg, nämlich das auch bei TdZ erschienene Interview mit Markus Osterrieder, nicht so recht gefallen haben mag, denn was Martins von diesem und dessen anthroposophischer Rezeption hält, durften wir unlängst in einer von Martins Wortwüsten zum Thema Steiner und der Erste Weltkrieg bewundern. Immerhin ist Voegeles Niederhausen-Rezension schon eine ganze Weile her.“

Mentzels Ideenlosigkeit ist enttäuschend. Tatsächlich war Osterrieder in eine Tagung involviert, der sich eine völkisch-konspirationstheoretische Verharmlosung von Erstem Weltkrieg und Nationalsozialismus nachtragen lässt. (vgl. Anthroposophischer Geschichtsrevisionismus) Dass auch Mentzel an diesem Gedankengut nichts auszusetzen hat und Kritik an Osterrieders Thesen nicht nachvollziehen kann, kann ich mir gut vorstellen. Selbst dann hätte ihm aber auffallen können, dass im erwähnten Interview Vögele zu den anthroposophischen Verschwörungsphantasien kritisch Position bezieht:

„Am rechten Rand der anthroposophischen Bewegung existiert seit langem eine Subkultur mit eigenen Tagungen, Publikationen und Internetpräsenz. Zu ihren Themen gehören Holocaust-Relativierung, Einkreisungsphantasien, mehr oder weniger offener Antisemitismus, Antiamerikanismus usw. Offiziell wird darüber nicht gesprochen. Wäre aber die Anthroposophische Gesellschaft nicht verpflichtet, sich von diesen Kreisen, deren Angehörige größtenteils Mitglieder der AAG sind und sich auf Rudolf Steiner berufen, deutlich zu distanzieren?“

Dass ich Vögele gerade einen Punkt der Übereinstimmung vorwürfe, deshalb aber etwas ganz anderes tun würde, nämlich eine Rezension zu Niederhausen zu schreiben – auf sowas kommt auch nur Michael Mentzel. Das ist keine Polemik, ich wünsche es ihm nicht einmal. Über eine Kritik, die mehr als dadaistische „Ansgar Martins ist ein blöder Klugscheißer“-Assoziationen beinhaltete, wäre ich zu Abwechslung mal sehr erfreut. Doch genau diese Alogik, die alle relevanten Argumente umgeht, um dann an den Haaren irgendeinen Unsinn herbeizuzerren, ist leider typisch für „Themen der Zeit“ (vgl. Entwicklungsrichtung Anthroposophie, Mentzels Traum, Die unendliche Geschichte), aber längst nicht nur: Genauso läuft die anthroposophische Anti-Zander-Industrie, genauso vor allem Nierhausens Buch. Insofern kann ich Mentzel zustimmen, dass für ihn „manch bedenkenswerter Text auf Niederhausens Webseite“ zu finden sei. Genau das hatte ich ja befürchtet: Auf einen Autoren wie Niederhausen und die Möglichkeit, sich seinem Holzhammerdogmatismus anzuschließen, haben Leute wie Mentzel mutmaßlich lange gewartet. Wolfgang Vögele scheint mir von dieser Tendenz aber doch auch deutlich auszunehmen zu sein – dessen Publikationen haben Gehalt und Substanz.

16. März 2014 at 5:16 pm 2 Kommentare

Unwahrheit versus Wissenschaft: Holger Niederhausen, Wolfgang G. Vögele und Helmut Zander

„…Krampf wird alles, was sie tun, und so gelangen sie am Ende zu einer Überbestimmung des Glaubens, die deutlich genug dessen Gebrechlichkeit beweist. Die Notwendigkeit, seelische Gegenstimmen zu übertönen, drängt ihnen einen die Gegebenheiten verfälschenden Fanatismus auf, Unsicherheit heißt sie ihre Sicherheit zu unterstreichen und zwingt sie dazu, die von ihnen angenommenen Lehren mit viel mehr Kraftaufwand zu vertreten als etwa die Echtgläubigen es tun, die einer solchen Verteidigungspose nach innen oder außen gar nicht bedürfen … Angst vor der Katastrophe, vor dem Zusammenbruch des allzu hastig aufgerichteten Gebäudes, durch dessen Errichtung sie sich den eigentlichen Zugang verbauen, treibt sie so zu immer weiterer Aufbauschung ihres Bekenntnisses an, das dann freilich … erschreckend hohl klingt.“ – Siegfried Kracauer: Die Wartenden (1922)

Seit Jahren arbeiten sich Anthroposophen an den Forschungsergebnissen Helmut Zanders ab, der die ersten umfassenden religionswissenschaftlichen Arbeiten zu Rudolf Steiners Esoterik vorgelegt hat. Der fanatisierte Holger Niederhausen hat jetzt die x-te Publikation auf den Markt geworfen, die Zander als hasserfüllten, antispirituellen Schwindler enthüllen soll. Sachlich ist jede Seite des Buches in regelrecht erstaunlichem Maße irrelevant, doch Niederhausen ist Symptom eines anthroposophischen Ungeistes, in den auch augenscheinlich reflektierte Anthroposophen bei Gelegenheit gern mal zurückkehren. Selbst mit der Steinerdeutung muss man’s nicht so genau nehmen, wenn man dafür vermeintliche Anthroposophiegegner beschimpfen kann. Niederhausens Salonfähigkeit zeigt, dass Helmut Zander tatsächlich in zumindest einem Punkt irrt: Die von ihm beschworene Liberalisierung der Anthroposophie ist, von einigen bemerkenswerten Inseln abgesehen, leider bestenfalls Zukunftsmusik.

Des Meisters letzter Jünger

Zu den unterhaltsamsten Anthroposophen gehört der frenetische Steiner-Missinterpret Holger Niederhausen: Anhänger der Plattitüden Mieke Mosmullers und ehemaliger Mitarbeiter der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Letztere haben ihm wohl gekündigt, weil er die Waldorfschulen für noch viel zu un-esoterisch und den wahren Intentionen Dr. Steiners nicht angemessen erklärte.

„Als ich 2009 privat (!) auf den Verlust der inneren Vertiefung innerhalb der Waldorfbewegung hinwies, mich mit prominenten Vertretern und deren Veröffentlichungen auseinandersetzte und mich für das Buch „Eine Klasse voller Engel“ der Anthroposophin Mieke Mosmuller einsetzte, die genau diese Vertiefung vertritt, wurde ich von den „Freunden der Erziehungskunst“, für die ich seit 12 Jahren tätig war, knallhart entlassen.“

schrieb Niederhausen Ende 2012. Diese Entlassung und die Uneigentlichkeit der blind-pragmatischen „Freunde der Erziehungskunst“ sei natürlich eine Sünde gegen Rudolf Steiner, die sich an allen Waldorfschulen breitmache:

„Viele Lehrer haben überhaupt keinen einzigen Bezug mehr zur Anthroposophie, bei vielen anderen ist der Bezug so dürftig, dass sie den Eltern nichts von einer geisteswissenschaftlichen Menschenkunde vermitteln können … Zustand einer Pädagogik, die in ihrem spirituellen Impuls ebenso gescheitert ist wie Rudolf Steiners Impuls der Weihnachtstagung. Letzteres hatte Rudolf Steiner vor seinem Tode mehrfach unmissverständlich angedeutet. Dass man jedoch die Lüge pflegte und bis heute fortsetzt, auch in Bezug auf die Waldorfpädagogik, anstatt durch den Mut zur vollen Wahrheit Möglichkeiten für völlige Neuanfänge zu schaffen, und sei es in kleinstem Maßstab, bedeutet geistig gleichsam die fortwährende Kreuzigung des Meisters des Abendlandes.“

Der „Meister des Abendlandes“ (eine der Lieblingsformulierungen Mosmullers) ist freilich Rudolf Steiner. Und dessen Intentionen vertreten in Niederhausens Augen offenbar erstmal nur Mosmuller und er selbst. Die meisten anderen anthroposophischen Stimmen haben den Meister zumindest nicht völlig verstanden und oftmals grob verfälscht (vgl. Niederhausens gesammelte Artikel hier). Niederhausen kennt aber nicht nur die wirklich echten Absichten Steiners. Inzwischen bietet der zum Mediator Fortgebildete auf seiner Webseite Seminare, Vorträge, Wirtschaftskurse für Oberstufenschüler, Photographie und persönliche spirituelle Lebensberatung an. Er hat auch ein „Menschliches Manifest“ und anderes verfasst, in denen er gegen Neoliberalismus und finstere Ökonomie die wahrsten Wahrheiten Rudolf Steiners zur Lösung der Finanzkrise ausbreitet.

„Was Rudolf Steiner sagt, ist so“

Mosmullers und Niederhausens Ansatz zur Steinerdeutung ist einfach und gut zu merken: „Was Rudolf Steiner sagt, ist so…“, lapidar begründet mit: „…dahinter kommt man immer mehr, je mehr man sich mit seinem Werk beschäftigt.“ (Mosmuller: Rudolf Steiner, S. 173) Niederhausen selbst: „[Steiner] brachte umfassend die Wege der Geisteswelt und er hat der Menschheit die Wege gewiesen, diese Geistwelt als ihre wahre Heimat wiederzufinden. Durch Rudolf Steiner ist das Erkennen christlich geworden. Er ist der Meister des Abendlandes.“ (Niederhausen: Unwahrheit und Wissenschaft, Baarle-Nassau 2013, S. 402) In einem geradezu naiv-realistischen Vorgehen gegenüber den Wortlauten Steiners heißt es, dass „aus diesen die Wahrheit sofort hervorginge.“ (S. 29) Steiners Vorstellungen seien also per se evident und notwendig allgemein.

Das gerade zitierte Buch „Unwahrheit und Wissenschaft“ ist 2013 in Mosmullers „occident“-Verlag erschienen und trägt den Untertitel „Helmut Zander und Rudolf Steiner“. Helmut Zander ist Theologe, Historiker und Professor für Religionswissenschaft in Fribourg (Schweiz). In der religionswissenschaftlichen Esoterikforschung gilt sein Werk „Anthroposophie in Deutschland“ (2007) als maßgebliche Referenz (vgl. Katharina Brandt/Olav Hammer: Rudolf Steiner and Theosophy, in: Hammer/Mikael Rothenstein: Handbook of the Theosophical Current, Leiden 2013, 113-134), als „beeindruckende Studie“ (Sabine Doering-Manteuffel: Das Okkulte, München 2008, 194), als „indispensable and almost inexhaustible foundation of all future scholarship on Anthroposophy.“ (Wouter Hanegraaff: Western Esotericism, London u.a. 2013, 179)

Die saubere Arbeit Zanders bringt es natürlich mit sich, dass die Mehrzahl der Anthroposophen ihn für einen entsetzlich bösen Menschen hält. Die Fronten erodieren in der letzten Zeit, wenn Zander etwa einen Artikel in der Zeitschrift „Info3“ schrieb oder vorher einen Vortrag im Kolloquium „Philosophie und Anthroposophie“ an der anthroposophischen Alanus Hochschule Bonn/Alfter hielt. Doch beides ist leider nicht repräsentativ: Der Forscher Zander ist inzwischen aus seinem Gegenstand nicht mehr wegzudenken, die „Methode Zander“ ist zum geflügelten Wort unter Anthroposophen geworden. Er gilt als Prototyp der Geistfeindschaft, Sklave des materialistischen Erzdämonen Ahriman, als „Gegner“ und „Verächter“ Steiners. Wie um eine von Zanders Hauptthesen unfreiwillig zu bestätigen – Theosophie und Anthroposophie seien als Gegenbewegungen zum Historismus zu deuten – wird dessen historisch-kritischer Methode eine ganze Flut von Artikeln und Büchern mitsamt einer Anti-Zander-Homepage entgegengestellt, in denen Steiners unfehlbare Hellsichtigkeit gegen deren zeitgenössische Verortung verteidigt werden soll. Man listet darin Detail-Fehler Zanders auf und erklärt dessen ganze Untersuchung damit für falsch und finster. In erschreckender Weise zeigen diese Schriftstücke, auf welchem Reflexionsniveau die anthroposophische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte noch herumkriecht (vgl. Anthroposophische Geschichtsschreibung, „Was hat man dir, du armes Kind, getan?“). Wieder sei betont: Es gibt einige und bemerkenswerte Ausnahmen, aber das ändert nichts an der Szenetendenz.

Vermeintliche Liberalisierung

Während also Anthroposophen Erbsen zählen, um Zanders historische Forschungen als fiese Verleumdungen des Spirituellen zu diffamieren, entgehen ihnen wie üblich seine realen Fehler. Zanders Perspektive hat in der Tat auch ihre toten Winkel:

„Anthroposophie im 20. Jahrhundert ist weit mehr als Traditionsverwaltung. Zu den Innovationen gehört vor allem eine Neudefinition der Rolle Rudolf Steiners: Vielen gilt er heute weniger als der Guru oder der Eingeweihte, der ein System letzter Wahrheiten eröffnet hat, sondern als ein Schlüssel zur Ermöglichung individueller Sinnsuche.“ (Zander: „Wie kann man mit Rudolf Steiner sprechen“, in: Research on Steiner Education, 2/2013)

Das mag hinsichtlich der „Wildwuchsmodernisierung“ an Waldorfschulen zutreffen. Zander (wie übrigens auch Niederhausen) unterstreicht zurecht, dass viele Waldorflehrer heute keine Anthroposophen mehr sind (die Nichtanthroposophen setzen sich aber mitnichten kritisch mit Anthroposophie auseinander, vgl. „Die richtige Gesinnung“). Unter organisierten Anthroposophen ist aber von Liberalisierung nur selten etwas zu spüren, sobald es ans Eingemachte geht. In der Tat ist die „Traditionsverwaltung“ inzwischen verschwunden, aber nur auf eine neue Ebene: Statt von einer zentralistischen Dornacher Führung wird die richtige Deutung Steiners nun in Kleinkriegen zwischen Kleinstverlagen von Archiati bis Perseus ausgetragen. Vor allem sieht kaum jemand die Steinerdeutung als individuelle Sinnsuche, die individuelle Auslegung wird vielmehr als die einzige richtige ausgegeben – das alte Problem der theosophischen Erkenntnisproduktion, das auch schon zur Abspaltung der Anthroposophen geführt hat.

Lange hat unter letzteren kaum jemand Niederhausen offiziell Beachtung geschenkt, sein Blog blieb ein Randphänomen der anthroposophischen Internetlandschaft. Nun ist Niederhausen aber auf den fahrenden Zug aufgesprungen und hat „Unwahrheit und Wissenschaft“ geschrieben, 414 Seiten über Zanders 2011 vorgelegte Steiner-Biographie. Offenbar Grund genug für eine plötzliche Rehabilitierung. Niederhausens groboberflächliche „Was Steiner sagt, ist so“-Haltung wird offenbar von einer Reihe von Anthroposophen sehnsuchtsvoll geteilt, die sich sonst reflektiert und hermeneutisch gewissenhaft präsentieren. Aber wenn Niederhausen schonmal was gegen Zander gesagt hat, darf man die theosophische Seele endlich wieder von allen ärgerlichen Einschränkungen und Bedingtheiten freimachen. Zu den frisch gewonnenen Fans gehören mit dem üblichen Nonsens anscheinend Michael Mentzel und Lorenzo Ravagli. Aber offenbar auch der eigentlich durch solide historische Dokumentationen bekannt gewordene Wolfgang G. Vögele, dessen Arbeiten ich jedenfalls für sehr fruchtbar halte und dem ich viele wertvolle Hinweise verdanke. Der müsste oder könnte es zwar besser wissen, bläst aber zum wiederholten Mal ins unter Anthroposophen seit 2007 nicht aus der Mode gekommene Anti-Zander-Horn. Die anthroposophische Ketzerjagd gegen Zander stellt er auf den Kopf und gibt sie allen Ernstes als subversive Aktion gegen den neuen Tugendterror aus:

„Prof. Zander repräsentiert eine hegemoniale konservative Kultur, der alles Neue schon verdächtig oder gefährlich erscheint. Von dieser sicheren Position aus ist es nicht schwer, weltanschauliche Minderheiten als Forschungsobjekte zu sezieren und sich damit im akademischen Kontext zu profilieren. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt sich Niederhausen gegen diese autoritäre Deutungshoheit des Schweizer Religionswissenschaftlers. Selbst wenn sein Engagement an Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen erinnert oder wie ein persönlicher Befreiungsschlag aussieht, verdient er doch Respekt. Niederhausens Ausdrucksweise ist unakademisch und leicht verständlich, seine Argumentation durchaus logisch und gewissenhaft. Auch wer schon frühere Widerlegungen der Zanderschen Arbeit durch andere Autoren kennt, wird in Niederhausens kritischer Studie manches Bedenkenswerte entdecken.“ (Vögele: Steiner-Biographie von Prof. Helmut Zander wird kritisch durchläuchtet)

Natürlich sind die Vorwürfe beliebig austauschbar: Rahel Uhlenhoff hält Zander etwa für frivol-postmodern. Vögeles urplötzliche Begeisterung für Niederhausens erzkonservative und epistemisch eitle Thesen exemplifiziert eine nahezu epidemische Haltung unter Anthroposophen zu jedem beliebigen Thema. Welches Reflexionsniveau dort auch immer erreicht wird, die meisten Beteiligten legen es gern und umgehend wieder ab, sobald ein neuer Einfall kommt, wie man sich trotzdem in Steiners Schoß kuscheln und alle Bedenken fahren lassen kann. Hatte, um ein weiteres Beispiel zu nennen, die in der Regel zuverlässige anthroposophische Nachrichtenagentur NNA, für die Vögele schreibt, 2012 einen soliden Bericht zu den Forschungen Peter Staudenmaiers publiziert, folgte 2014 die erleichterte Rücknahme in einer jubilierenden Diskreditierung Staudenmaiers.

Steiner vor Steiner retten

Welch alberne Konsequenzen dieses geist- und seelenlose Apologetentum hat, lässt sich an Vögeles Rezension zeigen. Da heißt es:

„Akribisch setzt sich Niedernhausen auch mit bekannten Vorwürfen gegen Rudolf Steiner auseinander, z.B. hinsichtlich Steiners akademischem Abschluss. Zander vermittele den Eindruck, Anthroposophen hätten das Ergebnis von Steiners Promotion bisher ängstlich verschwiegen. In Wahrheit hatten diese schon vor 20 Jahren eine gründliche Dokumentation über Steiners Dissertation veröffentlicht (Rudolf Steiner Studien, Band V, 1991, S. 202). Dabei geht es um das Wort „rite“ als Kennzeichnung von Steiners Dissertation, das Kritiker wie Zander als notenmäßige Bewertung deuten und daraus Steiners intellektuelle Unzulänglichkeit ableiteten. Obwohl im Protokoll des Promotionsverfahren stehe „Ein Praedicat wurde nicht beantragt“, sei für Zander klar: „Er bestand das Rigorosum (…), allerdings nur äußerst knapp mit der Bewertung ‚rite’.“ (Zander, S. 504) Niederhausen verweist demgegenüber auf eine Einschätzung von Ludger Jansen vom Institut für Philosophie der Universität Rostock, der erläutert: „Es ist wahrscheinlich, dass es bei externen Prüfungen nur um die Feststellung genügend (rite) oder ungenügend ging.“ Ein Werturteil sei damit nicht verbunden gewesen.“

Dass Steiners Note „rite“ (bestanden) lautete, ist nun erstmal ein Faktum und keiner der „bekannten Vorwürfe gegen Rudolf Steiner“, was immer das sonst so sein soll. Dass Rudolf Steiner unter Anthroposophen lange „Dr. Steiner“ hieß, bei gleichzeitiger Verachtung alles Akademischen selbstredend, dass seine beschauliche akademische Leistung dabei aber nicht zur Sprache kam, lässt sich nicht leugnen – das wird auch durch keine Publikation „schon vor 20 Jahren“ ausgeräumt. Vögeles Worte sind heiße Luft. Nichts an Niederhausens Behauptung ist „akribisch“, vielmehr beruft er sich auf einen „Erziehungskunst“-Artikel, in dem besagter Ludger Jansen bloß mit der These referiert wird, eine externe Promotion sei damals so abgelaufen, es sei nur um den Titel gegangen, der wichtig für die „akademische Anerkennung“ war. Steiners akademischer Laufbahn half der Doktorgrad keineswegs, denn die gab es schlicht nicht. Sein Plan, sich in Jena zu habilitieren, scheiterte, 1896 beendete er seine Arbeit am Goethe- und Schillerarchiv Weimar, es begannen seine „wilden“ Berliner Jahre. Noch 1891, während der Abfassung der Dissertation, hatte er in einem Brief an Pauline Specht geträumt:

„…daß ich innerlich mit Goetheforschung gar nichts mehr zu tun habe. Ach! Wenn doch nur meine hiesige Tätigkeit [an der Goethe-Ausgabe] der Puppen-Schlafzustand sein könnte, aus dem ich als Schmetterling heraus und in den heiteren Himmel der reinen, von aller Anhängerschaft freien, philosophischen Lehrtätigkeit fliegen könnte! Ich weiß sehr gut, daß man mir sagen wird, ich bewiese zu wenig Energie, um das herbeizuführen. Ich möchte diesem Vorwurfe am liebsten nichts entgegensetzen, denn ich mache ihn mir seit Wochen selbst täglich mehrmals.“ (GA 39, 93f.)

Aber nein – eine schlechte Note bei Steiner, die auch wirklich eine wäre, kann es nicht geben. Was wäre gewesen, wenn er mit einem „summa cum laude“ tatsächlich in den „heiteren Himmel der reinen, von aller Anhängerschaft freien, philosophischen Lehrtätigkeit“ geflogen wäre? Welche Konturen hätte Steiners Profil dann an- und eingenommen? Solche Fragen stellen sich brave Anthroposophen nicht. Steiners Lebensgang war von eherner Notwendigkeit – und dass er eine schlechte Note geschrieben hat, das ist die Schuld der bösen ‚Gegner‘, die es anführen. Welche Dramatik das für Steiners akademische Pläne hatte, interessiert einfach nicht. Ironischerweise kann man hier wie allerorten beobachten, wie heuchlerisch die anthroposophischen Versuche einer Steinerrettung oftmals sind: Es geht darum, das Bild der eigenen Ikone zu glätten, an seinen Worten spirituelle Erhebung zu erfahren – der Mensch Steiner ist jedem der bösen Kritiker wichtiger. Aus nichtanthroposophischer Sicht besonders irritierend: Warum meinen ausgerechnet Anthroposophen, Steiners Note rehabilitieren zu müssen, statt zu argumentieren, dass dessen Denkleistung davon unabhängig für sich selbst einstünde?

Kant und Christus

Niederhausens Recherche ist blamabel. Die Grundstruktur des Buches sind seitenweise aneinandergereihte Steinerzitate, die Niederhausen danach religiös verzückt zur Widerlegung jeder beliebigen Analyse Zanders (v)erklärt, auch wenn bisweilen kein Zusammenhang zwischen beidem besteht. Noch lästiger wird es, wenn Niederhausen Umstände referiert, die nicht aus Steiners Schriften stammen. Hier reihen sich Irrtümer, Halbwahrheiten und Verwechslungen. Da muss schonmal Wikipedia als Quelle herhalten (S. 76), auch noch zu Ernst Haeckel, von dem und über den es auch für Lesefaule online reichlich Material gäbe. Die Arbeiterbildungsschule Berlin, an der Steiner um 1900 eine Anstellung fand, soll von Karl Liebknecht gegründet worden sein (S. 86, tatsächlich war der Gründer dessen Vater Wilhelm gewesen). Das wenigstens hätte Niederhausen von Wikipedia lernen können. Dagegen scheinen alle jeweils einschlägigen Ereignisangaben Zanders an Niederhausen einfach vorbeigegangen zu sein. Der ist zu sehr damit beschäftigt, nach Bösartigkeiten zu suchen.

Ein Beispiel: Zander schreibt über Steiners frühe Lektüre der „Kritik der reinen Vernunft“ und bemerkt nebenbei: „Bei all dem ist Steiner ein Erinnerungsfehler, vielleicht eine weitere Freudsche Fehlleistung unterlaufen, indem er seine Kant-Lektüre weiter zurück in seine Biografie verlegte, als es die Wirklichkeit hergab.“ (Rudolf Steiner, S. 22) Eigentlich kein alarmierender und jedenfalls kein in Anthroposophistan unbekannter Umstand. Schon Steiners Biograph Christoph Lindenberg bemerkte in seiner kanonischen Steiner-Biographie, die Niederhausen an anderer Stelle gegen Zander auszuspielen versucht:

„Schließlich ist auf zwei Eigentümlichkeiten der Autobiographie Steiners aufmerksam zu machen. Steiner stellt die Ereignisse nicht immer in zeitlicher Reihenfolge dar … An anderen Stellen, namentlich in Vorträgen, neigt Rudolf Steiner dazu, Ereignisse, die auf anderem Wege exakt datierbar sind, zu früh anzusetzen … Über seine erste Kant-Lektüre berichtet er in dem autobiographischen Vortragvom 4. Februar 1913, er sei damals ‚zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Jahre‘ gewesen. Anhand des Erscheinungsdatums der stets von Steiner erwähnten Reclam-Ausgabe, in der er Kant gelesen hat, die im Frühjahr 1877 erschienen ist, ist davon auszugehen, dass Steiner ‚Die Kritik der reinen Vernunft‘ frühestens im Mai 1877 in die Hand bekommen hat. Er war also sechzehn Jahre alt.“ (Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie (1977), Stuttgart 2011, S. 19)

Tatsächlich hätte Niederhausen hier auf einen Fehler Zanders hinweisen können: Der gibt an, die falsche Datierung finde sich in Steiners „Mein Lebensgang“, während sie im von Lindenberg erwähnten Vortrag von 1913 steht. Stattdessen findet sich verwirrtes und verwirrendes im Stil von: „Steiner hat nie behauptet, er habe Kant mit dreizehn[?!] oder vierzehn gelesen!“ In Zanders schlicht korrekter Zeitangabe sieht er „ein starkes Urteil, eine dezidierte Haltung, ein schwerer Vorwurf.“ (S. 29)  So vermischt sich Niederhausens offenbar doch nicht allzu innige Kenntnis des Steinerschen Werks mit seiner Prämisse, Zander sei verlogen und böse, so dass auch jeder von Steiners Fehlern dem Religionswissenschaftler angelastet wird. Regelrecht unerträglich wird Niederhausens Gesinnungsimperialismus schließlich, wenn es um Steiners Wende zum Christentum ging.

„‚Zum Christen geworden‘ – bei Zander klingt dieser Satz wie eine Kategorie, eine Schublade, als sei Steiner dann endlich ‚in den Schoß der Kirche‘ eingekehrt. Und zugleich ‚weiß‘ Zander schon bei diesem Satz, dass Steiners Christentum natürlich nicht einmal das wahre ist, weil er ja lauter Irrlehren verkünde…“ (S. 207)

Dieser Stil zieht sich durch ausnahmslos alle der 400 Seiten. Natürlich hat Zander nirgends geschrieben, Steiner verkünde Irrlehren, nirgends, er sei in den Schoß der Kirche eingekehrt (war ja auch nie so). Niederhausen hält Steiners Wortlaute für unmittelbar evidente Tatsächlichkeiten und jeden Versuch Zanders, diese zu bezeichnen, zu interpretieren oder zu paraphrasieren, für wüste Beschimpfung. Und genau wie Steiner ist auch Zander für Niederhausen pure Projektionsfläche, hinter jedem Halbsatz werden wüsteste Unterstellungen vermutet, nein: gewusst. Zanders angebliche Denunziationen werden gar als indirekte Zitate bzw. Paraphrasen ausgegeben. Daneben findet sich ein renitenter Antikatholizismus und Antimaterialismus, der in der Stimmungmache den üblichen Einkreisungsphantasien entspricht. Gehörte derartiges schon zu Ravaglis Stilblüten, so stellt man bei Niederhausen fest, dass dieser tatsächlich jede Seite (die nicht von Steinerzitaten und -lobhudeleien eingenommen wird) genau so füllt. Eine Seite nach der eben zitierten heißt es dann:

„Wir müssen wirklich aufhören, ‚Christ‘ nur denjenigen Menschen zu nennen, der mit gewissen Empfindungen und Vorstellungen an ‚Christus‘ glaubt, was auch immer das im Einzelnen heißen mag, und wir müssen anfangen, uns zu fragen, wer Christus wirklich ist und wann ein Mensch mit Seinem Impuls in realer Verbindung steht und ihm dient…“ (S. 208)

Auch das ist in einigen anthroposophischen Kreisen Konsens: Mir sind schon Gandhi oder Buber als „Christen“ präsentiert worden. An der Betitelung alles Löblichen als christlich zeigt sich das typische Unverständnis gegenüber anderen Religionen, die einfach nicht wahrgenommen werden bzw. als überholt und christlich (heißt: anthroposophisch) zu läutern gelten. Wahrscheinlich kann Niederhausen sich gar nicht vorstellen, was an dieser zynischen Etikettierung verletzend ist.

Tatsachen: Rassen und Volksgeister

Das legt m.E. auch das entsetzlichste Kapitel des Buches nahe, Titel:  „Die heillose Frage nach den Rassen“. (S. 155-172) Dessen Fazit verkündet, was auch schon Lorenzo Ravagli wusste. Steiner habe keine Rassenlehre vertreten, von der man sich also auch gar nicht distanzieren könne, dafür sei, man ahnt es schon, Zander ein richtig schlimmer Rassist:

„Auf diese Weise würde man dahin kommen, die massiv diskriminierenden Worte, Sätze, Deutungen etc. von Helmut Zander wirklich – und auch stark – zu empfinden. Sein Werk, so wird man dann unmittelbar erleben, bietet unendlich viele Stellen, die es notwendig machen, sich von ihm mit vollem Recht zu distanzieren, weil in ihm die innere Form des Rassismus wirklich wirksam wird…“ (S. 171f.)

Niederhausen stellt klar, dass Steiners Äußerungen über ‚Rassen‘ im Rahmen seiner komplexen kosmischen Evolution zu verstehen sind. Das ist richtig. Weiter:

„Einzig und allein vor diesem Hintergrund einer immer wieder die ganze Erden- und Menschheitsentwicklung betrachtenden Perspektive sprach Rudolf Steiner dann auch von den Differenzierungen, wie sie heute zu erleben sind. Verliert man aber den realen Begriff und das reale Erleben solcher Differenzierungen, gerät man in diejenige Verirrung, die dem Rassismus und seinen Abwertungen zunächst polar entgegengesetzt ist: Man kommt zu einem ganz abstrakten Begriff der „einen Menschheit“. Dann aber gerät man, gerade weil man die (auch) existierenden Differenzierungen übersieht, die natürlich trotzdem wirksam sind, in einen heillosen Kampf der Kulturen, Nationalismen und so weiter. Gerade der Nationalsozialismus treibt uns in das Vorurteil, das ihm entgegengesetzt ist: Wir wollen keine Unterschiede mehr sehen, wir haben eine Furcht vor dem Unterschied, weil wir Angst davor haben, dann schon ein „Vorurteil“ zu haben. Das wirkliche Vorurteil beginnt jedoch erst da, wo wir Unterschiede persönlich bewerten. Ein alter Mann ist alt und ein junges Kind ist jung – ist es ein Vorurteil, diesen Unterschied festzustellen? Ein alter Mann wird bald sterben. Ist das ein Vorurteil? Das Vorurteil beginnt erst mit der persönlichen Wertung – die Beschreibung von Tatsachen sind Tatsachen, auch wenn man sie persönlich anzweifeln oder unsympathisch finden mag…“ (S. 166f.)

Heißt wieder: Steiners Aussagen sind Tatsachen. Niederhausen bejaht damit explizit alles, was Steiner zum Thema „Rasse“ gesagt hat. Im Stil eines Sarrazin beklagt er den schrecklichen, aufdiktierten Egalitarismus. Und praktiziert ipsum actu genau das, was Zander in seiner Steiner-Biographie feststellt:

„Mit seiner Konsequenz hat Steiner der Anthroposophie ein bitteres Erbe aufgebürdet, dessen Schlagschatten bis in die Gegenwart reichen. Die Indianer ‚degenerieren‘ eben immer noch, während die weiße Rasse weiterhin ‚am Geiste schafft‘.“ (Zander: Rudolf Steiner, 185f.)

Tatsachen sind eben Tatsachen. Niederhausen scheint entschlossen, der Anthroposophie auch noch den letzten Funken Geist auszutreiben. Er ersetzt schnödesten Positivismus („den Mythos dessen, was ist“) durch den Mythos dessen, was Steiner gesagt hat. Und Steiners Aussagen bezweifeln, heißt Tatsachen ignorieren, die eben so sind wie sie sind, weil sie sind, wie es … Steiner gesagt hat. Umgang mit Multikulturalität bedeutet entsprechend, Steiners Aussagen über egomanische Amerikaner, erstarrte Juden, luziferische Araber, triebgesteuerte „Neger“ und passive Asiaten ernstzunehmen, die zu zitieren Niederhausen sich freilich sorgsam enthält.

Ja, er bemüht sich sogar, die anthropologische Relevanz von Steiners Rassentheorie für die Anthroposophie interpretatorisch abzuschwächen: „Entscheidend ist, dass es hier [bei Steiners Aussagen über ‚Rasse‘] wirklich nur um die Frage der Leibesgrundlage geht.“ (S. 167f.) Das Gegenteil ist der Fall: Als hätte Steiner die vermeintliche Rassendifferenzierung nicht ausdrücklich als Produkt spiritueller Impulse dargestellt. Als basierten nicht schon Waldorf und anthroposophische Medizin auf der Annahme, dass Leib, Seele und Geist eine Gesamtheit darstellen, in der alles zusammen und ineinander wirkt. Das weiß Niederhausen durchaus, an anderer Stelle heißt es beispielsweise: „Es war die bahnbrechende Entdeckung Rudolf Steiners, dass es dieselben Kräfte im Menschen sind, die einerseits für das Wachstum verantwortlich sind und mit denen andererseits der Mensch sein Denken entfaltet.“ (S. 331)

Aber wieder verfälscht der treue Anthroposoph Steiner bereitwillig, wo nötig und zur Apologie der Rassenlehre wird Steiners Ontologie des Leibes zur bloßen Bezeichnung von Physis erklärt. Die Pointe der Steinerschen Rassenlehre war 1923, dass „Indianer“ Degenerationsprodukte ausgewanderter „Neger“ und „Malayen“ durch Auswanderung zu „unbrauchbaren Menschen“ gewordene „Mongolen“ seien. Weiter:

„Die Weißen sind eigentlich diejenigen, die das Menschliche in sich entwickeln. Daher sind sie auf sich selber angewiesen … alles dasjenige, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, das sind ja die Dinge, die im Leibe des Menschen vor sich gehen. Die Seele und der Geist sind mehr oder weniger unabhängig davon. Daher kann der Europäer, weil ihn Seele und Geist am meisten in Anspruch nimmt, Seele und Geist am meisten verarbeiten. Der kann es am ehesten vertragen, in verschiedene Erdteile zu gehen.“ (GA 349, 62)

Gerade die Weißen zeichnen sich für Steiner durch ihre Geistigkeit und Leibesunabhängigkeit aus: „Eine Aufgabe, die besonders der kaukasischen Rasse obliegt, ist die: Sie soll den Weg machen durch die Sinne zum Geistigen…“ (GA 121, 115)

Und um kein Fettnäpfchen auszulassen, beruft Niederhausen sich dann auf die unvermeidliche Niederländische (Anthroposophen-)Studie, die Steiner 12 „aus heutiger Sicht“ nach niederländischem Recht strafbare Äußerungen nachwies. Als ob das irgendeine Relevanz hätte! Zum einen sind die Auswahlkriterien intransparent, da viele der hässlicheren Aussagen Steiners im Buch zwar genannt, aber nicht als „diskriminierend“ eingestuft werden. Zum anderen ist diese heutige juristische Etikettierung kein bisschen hilfreich, um einen Autoren zu verstehen, der 1925 gestorben ist. Dafür muss man sich dessen Äußerungen über ‚Rasse‘ im Kontext seiner spirituellen Evolutionslehre wie der Rassentheorien seiner Zeit anschauen.

„Trotz allem die Rettung“: Der Erste Weltkrieg

Übersinnliche Tatsachen erforderten in Niederhausens Sicht auch den Ersten Weltkrieg. Zwar unterschlägt er alle von Steiners deutschnationalen Äußerungen zwischen 1914 und 1918 (wie er auch nur ein einziges Originalzitat aus Steiners Rassenlehre, über die schweren Knochen der „Indianer“,  anbringt). Aber was er davon hält, kommt durch. „Man braucht in Anbetracht der Schrecken des Krieges eine doppelte Perspektive. Vom gewöhnlich-menschlichen Urteil aus ist ein Krieg immer sinnlos, ist jedes Opfer zu viel. Mit dem gleichen Recht könnte man aber auch alles Leid in der Welt als sinnlos betrachten.“ (S. 276) Denn Leid und Schmerz müssen sein, da „aus dem Leid schließlich ganz Neues, Tiefes, unendlich Kostbares hervorgehen kann“, auch wenn Niederhausen sog. „sinnlose Einschläge  von Sinnlosigkeit“ zugibt. Der Erste Weltkrieg habe zum Beispiel irgendwie geholfen, „den Materialismus“ „in der Seele des Einzelnen“ zu überwinden.

„Man kann hinter den Geschehnissen auch das Wirken übersinnlicher Wesenheiten sehen, seien es es Volksgeister, seien es Dämonen oder noch andere Wesenheiten. Man muss dann noch immer nicht einen menschlichen ‚Sinn‘ hinter dem Krieg erkennen, aber kann erkennen, dass diese Dinge geschehen müssen [!], wenn diese Wesenheiten in bestimmter Weise aufeinanderstoßen, wirken und so weiter.“ (S. 277)

Dass Zander die entsprechenden Vorstellungen Steiners als „deterministisch“ bezeichnet, findet Niederhausen ungerecht und unerklärlich: „Was will Zander – außer dass er jedes spirituelle Geschehen leugnet – mit einer solchen Formulierung überhaupt ausdrücken?“ (S. 274) Um dann keine vier Seiten später zu schreiben:

„Und schließlich ist es auch möglich, dass höhere Wesenheiten einen Krieg ’schicken‘, weil in der Menschheit etwas erreicht werden muss – wenn nicht eine noch größere Tragik geschehen soll. Wenn zum Beispiel der Materialismus in den allerfurchtbarsten Untergang führt, dann ist ein furchtbarster Krieg, der diesen Materialismus überwinden hilft, trotz allem die Rettung.“ (S. 277f.)

Sein Buch fällt sogar noch hinter Ravaglis „Zanders Erzählungen“ zurück. Letzteres kann den einen oder anderen realen Fehler des Historikers nachweisen, Niederhausen echauffiert sich im wesentlichen über Formulierungsdetails bei Zander, dessen Bösartigkeit, Niederträchtigkeit, Fahrlässigkeit, Aggression und Dummheit Seite für Seite blumiger ausgemalt wird. Das war von diesem Schreiberling zwar nicht anders zu erwarten. Dass Ravagli aber und selbst ein Wolfgang Vögele das Buch feiern, ist viel erschreckender. Denn das legt nahe, dass die Ideologie eines Holger Niederhausen für das anthroposophische Milieu auch heute noch repräsentativ ist. Der Titel „Unwahrheit und Wissenschaft“ wirkt vor diesem Hintergrund unfreiwillig konfessorisch.

15. März 2014 at 11:43 pm 6 Kommentare


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