Hitler, Steiner, Mussolini – Andreas Lichte, Faschismus und das leidige „Differenzieren“

27. Februar 2012 at 2:37 pm 22 Kommentare

„Der Gedanke, der den Wunsch, seinen Vater, tötet,
wird durch die Rache der Dummheit ereilt.“
– T.W. Adorno: Minima Moralia.

Dem zuletzt nurnoch sachlich schwachen Waldorfgegner Andreas Lichte ist unerwartet jüngst die Rückkehr auf die Bühne geistreicher Anthroposophiekritik geglückt. In einem guten Artikel zeigte er am Beispiel des italienischen Anthroposophen und überzeugten Faschisten Massimo Scaligero die fatalen Formen, die die Steinersche Rassenlehre in faschistischen Kontexten annehmen kann. Weiter problematisierte Andreas die bis heute währende Verdrängung von Scaligeros aggressiven Rassismen. Leider unterschlägt er das prominente politische Vorbild Scaligeros: Den „Edelfaschisten“ Julius Evola. Trotzdem wirft sein Artikel eine zentrale Frage auf: Die nach dem ‚wahren‘ politischen Kern der anthroposophischen Weltanschauung. Ich verfolge diese Frage am Beispiel der Waldorfschulen im NS-Staat und wende mich dann Andreas Lichtes Beispielen zu.

„Die vor rund 70 Jahren von Rudolf Steiner vorgestellte Idee einer funktionalen Gliederung der Gesellschaft in die drei Bereiche der Kultur, des Staates und der Wirtschaft könnte ein Entwurf für die Gesellschaft der Zukunft sein … (Beifall bei den GRÜNEN) … Eine konstruktive Aufnahme seiner Ideen in den 20er Jahren hätte jedenfalls – diese Behauptung kann in der historischen Rückschau gewagt werden – die Katastrophe der Terrorherrschaft der Nazis und des Zweiten Weltkrieges vermeiden helfen (Zustimmung bei den GRÜNEN). Die schwere Schuld, die frühere Generationen mit ihrer Blindheit auf sich geladen haben, sollte uns mahnen, eine freie, ökologische, soziale, demokratische und friedliche Gesellschaft für unsere Kinder und mit unseren Kindern aufzubauen. (Lebhafter Beifall bei den GRÜNEN)“

Diese Worte richtete der damalige GRÜNEN-Politiker und spätere SPD-Innenminister Otto Schily am 13. März 1986 an den deutschen Bundestag (vgl. zu seinem anthroposophischen Hintergrund Rüdiger Sünner). AnthroposophInnen wie Schily betonten und betonen in der Bundesrepublik ihre Pionierleistungen für „eine freie, ökologische, soziale und friedliche Gesellschaft“. Wären diese früher erkannt und nicht „auch [durch] sektiererisches Verhalten von Anthroposophen“ (so Schily ebd.) überlagert worden, so ihre Überzeugung, hätten durch den ‚Freiheitsgedanken‘ der Anthroposophie gar Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg verhindert werden können. Soweit die heutige Position.

Otto Schily: Rudolf Steiners Dreigliederungstheorie hätte den Nationalsozialismus „vermeiden helfen“ können (Wiki-Commons, Bundesarchiv)

Anders im Nationalsozialismus selbst: AnthroposophInnen versicherten, mit wenigen Ausnahmen wie dem Widerständler Karl Rössel-Majdan oder der Ärztin Ita Wegman, öffentlich ihre Systemtreue. Friedrich Rittelmeyer, prominentes Gründungsmitglied der anthroposophienahen Christengemeinschaft, nahm die Machtergreifung zum Anlass, um in seinem Buch „Deutschtum“ (Stuttgart 1934) einen grauenhaften Antijudaismus auszubreiten: „Über Nacht ist die Judenfrage in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt. Als Geistesfrage, nicht als politische Frage, nicht als wirtschaftliche Frage, soll sie hier betrachtet werden.“ (ebd., 99). Zwar meine er „nicht jeden einzelnen Juden … sondern das Judentum als Gesamterscheinung“, aber letzteres sei „entartet“ „zur zersetzenden Kritik und unfruchtbaren Dialektik“. „Die bösen Geister Materialismus, Egoismus, Intellektualismus“, plapperte Rittelmeyer, „wohnen keineswegs bloß in Judenhäuptern. Sie haben dort nur besonders fähige Vertreter.“ (ebd., 103).

Hier erkor ein spezifisch anthroposophischer Antijudaismus den politischen Antisemitismus der Nazis zum Trittbrett. Der Unterschied zwischen beiden: Der nazistische Rassismus war radikal eliminatorisch, der anthroposophische paternalistisch: Sein chauvinistisches Zerrbild des Judentums beendete Rittelmeyer nicht mit dem Programm eines Genozids, sondern mit der Feststellung, er habe „vom Judentum geredet“, aber letztlich auch „für den Juden. Er kann einsehen, was wir gesagt haben … Die Rassenfrage ist für uns zur Geistesfrage geworden.“ Und bei Annahme dieses Angebots winke gar die Befreiung ‚des‘ Juden vom Jüdischen: „…der Einzelne kann aus der Kraft seines Ich, sich herausheben aus den Mängeln seiner Rasse.“ (ebd., 120).

Andreas Lichte und die Waldorfschulen im Nationalsozialismus

In den 1930ern verkündeten viele Anthroposophen ihre Lehre als ’spirituelle‘ Ergänzung zur nationalsozialistischen Ideologie. Nach 1945 sehen sich ebensoviele als ’spirituelle‘ Bereicherung des demokratischen Rechtsstaates. Heutige Anthroposophiekritiker betonen allerdings, „dass das autoritäre Potential unter Anthroposoph_innen strukturell dem nationalsozialistischen nahestand.“ (Stephan Geuenich: Die Waldorfpädagogik, 131). Wie am Beispiel Rittelmeyer gezeigt lässt sich die anthroposophische Weltanschauung sowohl der Rassedoktrin der Nazis anbiedern, als auch mit Betonung „der Kraft des Ich“ die Überwindung des ‚Rassischen‘ durch die Anthroposophie verkünden. GegnerInnen der Anthroposophie würden ersteres zum ‚wahren‘ Programm der Anthroposophie erklären, ihre VertreterInnen den gegenläufigen Part betonen. Dritte neigen zu einem realistischeren Portrait. Der Historiker und Dornacher Archivar Uwe Werner etwa stellte 1999 klar, dass das politische Verhalten von Anthroposophen schlicht und simpel meist vom jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext abhing:

„Die Anthroposophen stammten aus sehr verschiedenen sozialen Schichten der Bevölkerung. Es gab unter ihnen Arbeiter, Adlige, Handwerker und aus dem Bürgertum kommende Wissenschaftler. Dementsprechend waren sie politisch unterschiedlich sozialisiert worden. Es gab Anthroposophen, die der Sozialdemokratie und dem linken Liberalismus nahestanden und denen die Demokratie etwas bedeutete. Andere kamen aus konservativen Kreisen oder waren von einer militärischen Tradition geprägt … So erzogen, nahmen diese Menschen an undemokratischen Strukturen weniger Anstoß. Das gewichtigste Indiz für die überwiegende Mehrzahl der der Anthroposophen in der NS-Zeit kann nur derjenige richtig einschätzen, der die damaligen Verhältnisse kennt. Es ist das Schweigen der führenden Anthroposophen zum neuen Staat.“ (Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München 1999, 14f.)

Andreas Lichte hat sich in der Vergangenheit so unmissverständlich wie dilettantisch gegen eine wissenschaftliche Historisierung der Anthroposophie ausgesprochen: „Ich möchte Sachverhalte DINGFEST machen, das endlose Gelaber, das sich als ‚differenzieren‘ tarnt, führt zu nichts.“ (2.9.2011), oder: „‚historisch-wissenschaftlichen Anspruch‘ im Zusammenhang mit Rudolf Steiner klingt wie ein Blondinen-Witz“ (8.9.2011). Erfreulicherweise hat er diese Meinung anscheinend inzwischen abgelegt. Sein neuer Artikel beginnt mit einer Situierung der Waldorfschulen im Nationalsozialismus:

„Waldorfschulen und Anthroposophie versuchten, mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten, wie es in einem Memorandum der Vereinigung der Waldorfschulen an Rudolf Hess offenbar wird: Man erklärte, dass Waldorfschulen „in kleinem Maßstab das verwirklichten, was die Volksgemeinschaft im nationalsozialistischem Staat im Großen anstrebt“.1 Wurde die Anthroposophie von den Machthabern in Deutschland letztlich als weltanschauliche Konkurrenz wahrgenommen, so war sie in Italien eine willkommene „spirituelle“ Ergänzung des Faschismus. Hier konnten Anthroposophen ihren Traum von der „überlegenen arischen Rasse“2 ausleben, und daran arbeiten, Rudolf Steiners programmatische Aussage „Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse“3 zu verwirklichen.“

Leider hapert es hier gleich mehrfach mit dem wichtigsten geschichtswissenschaftlichen Gut: den Quellen. Seine vorausgesetzte Prämisse, ‚Waldorfschulen und Anthroposophie‘ als Ganze hätten mit den Nazis kollaboriert, stützt er auf einen einzigen Beleg:

„Man“ habe die Waldorfschulen zu politischen Pionierstätten des Nationalsozialismus erklärt. Frage: Welche Personen sind konkret mit „Waldorfschulen und Anthroposophie“ gemeint und: wer ist „man“?

Eine Fußnote gibt als Quelle des Zitats an: „Memorandum vom März 1935, Titel: ‚Natur und Aufgaben der Waldorfschulen‘, zitiert nach: Peter Staudenmaier, ‚Der ursprüngliche politische Kontext der Waldorf-Bewegung‚“. Hinter „man“ steckt also ein „Memorandum“. In der Tat heißt es bei Staudenmaier: „Im März 1935 schickte die Vereinigung der Waldorfschulen ein langatmiges Memorandum an Rudolf Hess, einen der wichtigsten Fürsprecher der Waldorf-Bewegung in der Nazihierarchie.“ „Vereinigung“ der Freien Waldorfschulen ist eine Fehlübersetzung von Englisch „League“ – die gemeinte Organisation heißt eigentlich „Bund der Freien Waldorfschulen“. Um die eben gestellte Frage zu beantworten, muss die Gründung dieses bis heute offiziellen Waldorf-Dachverbands betrachtet werden.

Staudenmaier, inzwischen Professor an der Marquette University, hat im August 2010 eine Dissertation u.a. über Anthroposophie im Nationalsozialismus vorgelegt (ein deutsches Resumée findet sich 2012 im neuen Sammelband von Puschner/Vollnhals). In seiner Dissertation skizzierte Staudenmaier den Hintergrund der Gründung des Waldorf-„Bundes“: eine innere Spaltung der Waldorfbewegung gegenüber dem Nationalsozialismus.

„While the Nazi-affiliated Waldorf advocates did not all share the same vision for how to integrate Waldorf education into the National Socialist project, they did consider anthroposophy and Waldorf compatible with and congruent with Nazi ideals. Their efforts were only partly in line with those of the larger competing faction within the Waldorf movement, which generally looked askance at Nazi excesses but was willing to cooperate with Nazi officials in order to maintain Waldorf schools within the new Germany. This second tendency comprised most of the major figures within the Waldorf movement in the 1930s…“ (Peter Staudenmaier: Between occultism and fascism: Anthroposophy and the politics of race and nation in Germany and Italy, 1900-1945, Connell University 2010, 315)

Auf dem Blog des kritischen Anthroposophen Michael Eggert (zu ihm unten mehr) schrieb Staudenmaier über dieselbe Situation:

„Die meisten Nazis standen wahrscheinlich eher interesselos zur Anthroposophie und deren Verzweigungen. Innerhalb der Waldorfbewegung ergab sich inzwischen eine Spaltung in zwei Parteien: einerseits die Waldorflehrer und Eltern, die sich den Nazis dedizierten und die sich mit Anthroposophie und Waldorf kompatibel erklärten, sich aber entsprechend den Nazi Idealen anpassten; auf der anderen Seite waren die, die gegenüber dem Nazismus keinen Kompromiss eingingen so lange es ihnen erlaubt war, um ihr eigenes Streben fortzusetzen zu können. In den meisten Fällen scheint die zweite Gruppe größer zu sein als die erste. „ (Staudenmaier: Waldorfschulen in Nazideutschland)

Statt enthusiastischer Kooperation, wie sie Andreas darstellt, war der Opportunismus der Waldorfschulen in Staudenmaiers Darstellung also eher pragmatische Anpassung, „in order to maintain Waldorf schools within the new Germany“.  Die innere Spaltung bereitet AnthroposophInnen bis heute Kopfschmerzen: „Es gehört zu den tragischen Zügen unserer Schulgeschichte, dass in den Jahren, als die braune Macht sich formte, auch die innere Geschlossenheit in Gefahr geriet.“ (Georg Kniebe:Bewährungsprobe in der Praxis, in: Erziehungskunst, Jg. 53, Nr. 8/9, 1989, 682). In dieser widersprüchlichen Situation kam es denn auch zur Gründung des „Bundes der Freien Waldorfschulen“ für gemeinsame Lobbyarbeit.

Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ und René Maikowski

Die Idee dazu kam von der Dresdner Anthroposophin und Waldorfmutter Elisabeth Klein, wichtig wurde ein Waldorflehrer aus Hannover, René Maikowski – beiden sagte man gute Beziehungen zu den Nazibehörden nach.

„Im Hinblick auf die zu erwartende Zentralisierung der Unterrichtsverwaltung schlug Elisabeth Klein Ende März [1933] eine zentrale Verwaltung der Waldorfschulen vor, die bei den Behörden, über die Paragraphen hinweg, Beziehung von Mensch zu Mensch knüpfen sollte. Diese Aufgabe solle der Stuttgarter Waldorfschule übertragen werden. Das Hannoversche Kollegium schloss sich trotz einer beunruhigenden Auskunft aus dem preußischen Kultusministerium dem Dresdner Gedanken an und schlug vor, Maikowski auch an den Verhandlungen zu beteiligen, da dieser angeblich über seinen verstorbenen Bruder einen Kontakt zu Joseph Goebbels hatte … Als Bruder des ‚gefallenen Sturmbannführers‘ [Eberhard Maikowski, 1908-1933] öffneten sich René Maikowski manche Türen.“ (Uwe Werner, a.a.O., 100)

Der Historiker Helmut Zander, den Andreas in seinem Artikel ausführlich zitiert, schätzte die so in Gang gebrachte Gründung eines Waldorf-Dachverbands wie folgt ein:

„Die Gründung des ‚Bundes Freier Waldorfschulen‘ war – unter Integration loyaler NS-Parteigänger in den Vorstand – ein erster Versuch, der drohenden ‚Gleichschaltung‘ zu entgehen. … Im Hintergrund dieser Entscheidungen standen Auseinandersetzungen innerhalb der Waldorflehrerschaft über die Einschätzung des nationalsozialistischen Staates und der Möglichkeit einer Fortexistenz, aber auch unterschiedliche Bewertungen dieser Schulen in der NSDAP. Es kam in Waldorfkreisen sowohl zu Strategien der Anpassung wie zur Verweigerung, über die in den letzten Jahren heftig gestritten wurde. Viele Waldorflehrer emigrierten und spielten eine nicht unwichtige Rolle bei der Ausbreitung der Waldorfpädagogik in Europa und Amerika.“ (Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, 1380)

Demnach wäre Andreas‘ These eines Kollaborationsversuchs zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen: Die Integration „loyaler NS-Parteigänger“ aus Schutzgründen spricht nicht gerade für eine leidenschaftlich pronazistische Haltung. Diese Vermutung bestätigt sich, wenn man die weiteren Ereignisse verfolgt: Die mit der Gründung eines „Bundes“ erzielte Einigkeit hielt nicht lange. Ein Jahr später, 1934, wurde die Stuttgarter Waldorfschule abgestoßen.

Am „6. Mai wurde die Leitung des Bundes René Maikowski von der Hannoverschen Schule übertragen … Der Verlag der Freien Waldorfschule, in welchem das Stuttgarter Kollegium die Zweimonatszeitschrift ‚Erziehungskunst‘ herausgab, sollte nicht mehr Repräsentant der Rudolf Steiner Schulbewegung in Deutschland sein … Dieser bundesinterne Konflikt … führte zu einer Isolierung der Stuttgarter Schule“ (Werner, a.a.O., 116)

Maikowski als neuer Vorsitzender des Bundes war es, der das von Andreas zitierte ‚Memorandum‘ verfasste: „Under the title ‚Nature and Tasks of the Waldorf Schools‘, the memorandum declared unequivocally: ‚Waldorf schools educate for the national community.'“ (Staudenmaier, a.a.O., 319).

Doch auch die neue Einigung war bald vorbei: Die Berliner Waldorfschule distanzierte sich 1936 von Maikowski und Elisabeth Klein als Vermittlern zwischen Behörden und Waldorfschule. Im Dezember dieses Jahres löste sich auch das Stuttgarter Kollegium „von der Vertretung durch Maikowski und Klein … Von den acht Schulen hatten sich zu diesem Zeitpunkt drei eindeutig von der bisherigen Verhandlungsführung gelöst: Altona, Berlin und Stuttgart. Zwei weitere, Kassel und Breslau, hatten sich Stuttgart angeschlossen. Hannover hatte von den Behörden eine klare Absage erhalten. Blieben noch Wandsbek und Dresden.“ (Werner a.a.O., 210f.). Die Berliner Schule „decided to shut down the school in 1938 rather than accept further compromises with Nazi authorities … The Hannover school was still a leading candidate for ‘experimental school’ status in October 1938…“. 1941 wurde die von Klein geführte Waldorfschule in Dresden als letzte geschlossen (Staudenmaier a.a.O., 325).

Andreas Lichtes Statement, dass „man“ versuchte, mit den Nazis zusammenzuarbeiten, lässt sich also durch das von ihm zitierte Memorandum nur sehr bedingt belegen. Das Verhalten von Anthroposophen und hier insbesondere Waldorfschulen im Nationalsozialismus zeugt kaum von weltanschaulich motivierter Kollaboration und vielmehr Versuchen der Anpassung, wenngleich es durchaus pronazistische Waldorflehrer gab. Peter Staudenmaier hat hierzu mit Recht herausgestellt, dass bei allen Details der Auseinandersetzung im Glauben an „Rasse“ und „Volk“ ideologische Gemeinsamkeiten lagen – dafür zitiert er v.a. Maikowski, Klein und Richard Karutz (ebd., 351). Dass die Berliner Waldorfschule allerdings ihre Türen just dann schloss, als die Lehrer aufgefordert worden waren, sich einzeln auf den „Führer und Reichskanzler“ Hitler zu vereidigen (Werner a.a.O., 137) zeigt, dass diese Gemeinsamkeit allein keinesfalls hinreichend war, um AnthroposophInnen die nationalsozialistische Doktrin schmackhaft zu machen.

Über das Innenleben der einzelnen Schulen und damit die reale Ausprägung nazistischen Denkens in der Waldorfszene fördern weder Staudenmaier noch Werner viele Dokumente zutage. Ersterer sammelt vor allem Stimmen, die die nationalistische Gesinnung der Waldorferziehung untermauern sollen, letzterer rekonstruiert schwerpunktmäßig organisatorische und behördliche Schritte. Doch aus vereinzelt publizierten Memoiren wird v.a. bei Werner deutlich, was Andreas für heutige Waldorfschulen zweifellos unterschrieben würde: Es wird deutlich, wie krass Außendarstellung und Unterrichtspraxis voneinander abweichen konnten, selbst in der Waldorfschule Dresden unter Leitung der nazi-affinen Elisabeth Klein:

„Die älteren Schüler aber wussten, worum es ging, sie erlebten, dass ‚ihre‘ Schule im Gegensatz zur NS-Gesellschaft stand. Sie wussten, dass darüber nicht geredet werden konnte und dass man sich der Umwelt gegenüber tarnen musste. Wenn der Lehrer zum Beispiel sagte: ‚Diese Aufsätze, die ihr jetzt schreibt, gehen nach Berlin‘, so verstanden die Schüler sehr wohl, was gemeint war, und schrieben in diesem Sinne.“ (Werner a.a.O., 237)

Auch der nationalsozialistisch verordnete Rassenkundeunterricht verlief anscheinend teilweise erträglich, wie Werner einen Zeitzeugen zitiert:

„‚Nach Einführung in die Merkmale der ‚arischen‘ Typen …. wurden mit dem Gerät, wie man es sonst für phrenologische Zwecke benutzt, von der Lehrerin unsere Schädel vermessen und der Befund an der Tafel festgehalten. Für alle ablesbar stand dort, wer dem nordischen Ideal – langer und schmaler Schädel – entsprach. Na, wer schon? Ich, der Judenjunge! Den Rassenkundeunterricht in unserer Klasse beendete lautes Lachen.‘ Der Bericht Herzbergs, von 1935 bis 1938 Schüler der Waldorfschule Hannover, hebt hervor, dass jüdische Schüler nicht diskrimiert wurden …“ (ebd., 227)

Lehrer und Schulleiter bekannten sich derweil zur nationalsozialistischen Führung. „In a 1934 letter to a Nazi party liaison office complaining about [Kultusminister] Mergenthaler’s actions against the Stuttgart Waldorf school, a party member and parent from the school declared that Waldorf education from the beginning had pursued ‚exactly what we National Socialists strive for‘, and insisted that the Führer himself would surely intercede on behalf of the school if he were made aware of the situation.“ (Staudenmaier a.a.O., 334).

Jenseits von „Widerstand“ und Hitler-Euphorie

Versuch einer Bewertung

In Berichten, wie sie Werner zitiert, sieht der Anthroposoph Detlev Hardorp (im Vorstand des European Council for Steiner Waldorf Education undBildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg) Dokumente für einen anthroposophischen „Widerstandsgeist“ und Zeichen für „die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Anthroposophie“ (Hardorp: Die deutsche Waldorfschulbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus). Ich halte dieses Urteil für ebenso überzogen wie das von Andreas Lichte, Anthroposophen seien im (hauptsächlich: italienischen) Faschismus so richtig aufgeblüht – wenngleich im Glauben an die Existenz von ‚Rassen‘ oder im ‚Anti-Intellektualismus‘ Schnittstellen vorlagen.

Die Wahrheit liegt aber auch nicht irgendwo in der Mitte.

Sie ist erneut im historischen Kontext zu suchen: dem Verhalten von Privatschulen gegenüber der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik. 1936 – also ein Jahr nach der Gründung des „Bundes der Freien Waldorfschulen – wurden offiziell alle privaten Volksschulen aufgelöst, doch zogen sich viele Einzelfälle bis in die Vierziger Jahre hin. Gerade viele Landerziehungsheime bekannten sich schnell und öffentlich zum Nazistaat. Der Anthroposoph Uwe Werner hält sie darin für „vergleichbar“ mit den Waldorfschulen (Werner a.a.O., 95). An einigen Einrichtung wie der zuletzt negativ in die Schlagzeilen gekommenen Odenwaldschule, konnte die herkömmliche Arbeit hinter dieser Fassade allerdings fast bruchlos weitergehen. Ähnliches legen die oben zitierten, wenigen Berichte aus der Innenwelt von Waldorfschulen zwischen 1933 und 1941 nahe. Programmatisch mag zumindest für die zweite von Staudenmaier genannte Gruppe eine Anweisung von Ita Wegman (Steiners späte Geliebte und Mitglied im Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft) an die heilpädagogischen anthroposophischen Einrichtung sein:

„Diejenigen, die noch gute Urteilskraft bewahrt haben, dürfen gar nicht sprechen, wollen sie nicht eines Tages die Polizei in ihre Wohnung bekommen und selbst in ein Konzentrationslager gesteckt werden. So bleibt wirklich nichts anderes übrig, als dass viele herausgehen aus Deutschland, um sich im Ausland neu zu organisieren und später vielleicht wieder Einfluss zu haben in Deutschland, und dass die Anderen, die da bleiben, so gut es geht, die vorgenommenen Arbeiten, die mit Anthroposophie zusammenhängen, in Stille und vorsichtig weiter fortsetzen, damit der Faden nicht abreißt.“ (Ita Wegman, Brief vom 28.4.1933, zit. n. Peter Selg: Geistiger Widerstand und Überwindung. Ita Wegman 1933-1935, Dornach 2005, 22-26)

Ita Wegman: Anthroposophische Arbeit „still“ fortsetzen

Dass der spezifische Geist der so versteckt fortgeführten einzelnen Reformpädagogiken unabhängig vom Nationalsozialismus seine ideologischen Tücken hat, zeigt allein das Beispiel Odenwaldschule – aber auch die Waldorfpädagogik in ihren typologischen oder entwicklungspsychologischen Grundlagen. Davon unabhängig ist die Tatsache zu problematisieren, dass ein rassistisch-autoritäres Regime AnthroposophInnen ermunterte, auf den rassentheoretischen Fundus in Steiners Werk zurückzugreifen. Stärker als im nationalsozialistischen Deutschland geschah dies im faschistischen Italien.

Anthroposophie im italienischen Faschismus

Andreas‘ Artikel titelt: „Anthroposophie und Faschismus, gestern und heute“:

„Wurde die Anthroposophie von den Machthabern in Deutschland letztlich als weltanschauliche Konkurrenz wahrgenommen [und ganz nebenbei auch verboten – AM], so war sie in Italien eine willkommene „spirituelle“ Ergänzung des Faschismus. Hier konnten Anthroposophen ihren Traum von der ‚überlegenen arischen Rasse‘2 ausleben, und daran arbeiten, Rudolf Steiners programmatische Aussage ‚Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse‘3 zu verwirklichen.“ (Hitler, Steiner, Mussolini)

Steiners eurozentrische Verklärung der „weißen Rasse“ als „programmatisch“ darzustellen, ist unrichtig. Steiners politische Absichten in Form der sozialen Dreigliederung haben sich mit ‚rassischen‘ Themen vielmehr in keiner Weise befasst – seine Rassentheorie war Teil eines verquasten theosophischen Geschichtsverständnisses. Richtig ist aber, dass die italienischen Faschisten anthroposophische Einrichtungen weitgehend unbehelligt ließen. Andreas Lichte beruft sich als Quelle für seine Schilderung der Anthroposophie in Italien auf den oben zitierten Peter Staudenmaier, der seinen Artikel sogar „durchgesehen“ hat. Seinen eigenen Artikel versteht Andreas als „Kurzzusammenfassung“ von dessen Dissertation (ebd.). Da er sich aber lediglich zwei exemplarische Gestalten (Ettore Martinoli und Massimo Scaligero) aussucht und es kaum publizierte Texte über diese Zeit gibt, zitiere ich im Folgenden Staudenmaiers Original. Der beschreibt, dass es zwar organisatorische Probleme gab, AnthroposophInnen aber weitgehend freie Hand hatten:

„The Fascist race laws entailed a number of complications for anthroposophical activities. In 1939 zealous antisemites in the Fascist cultural bureaucracy mistook Steiner for a Jewish author and tried to have his works banned. Steiner’s chief publisher at the time, Laterza, pointed out that Steiner was not in fact Jewish. Anthroposophist Rinaldo Küfferle had already submitted a copy of Steiner’s Aryan certificate to the Ministry of Popular Culture in autumn 1938. The Ministry did not place Steiner on the list of prohibited authors until mid-1942, after pressure from their German colleagues, and declined to authorize re-printing of previously published works. Nonetheless, a wide variety of Steiner’s publications was available throughout the Fascist period, including more than thirty books.“ (Staudenmaier a.a.O., 425)

Rudolf Steiners „Ariernachweis“

Das galt aber, zumindest in Teilen, auch für jüdische AnthroposophInnen, die trotz der antisemitischen Rassegesetze weiterarbeiten konnten:

„Several leading Italian anthroposophists were of Jewish descent, most importantly Lina Schwarz in Milan and Maria Gentilli Kassapian in Trieste. Their positions may reflect mainstream anthroposophist attitudes toward assimilation, which were not shared by all anthroposophists … While the Fascist authorities categorically affirmed their good political conduct, the presence of Jews in anthroposophical ranks in Trieste does seem to have played a role in the Trieste group’s dissolution in September 1938, in the immediate aftermath of the enactment of the racial laws.“ (ebd., 426)

Staudenmaier zeigt sogar Präsenz von Anthroposophie und Anthroposophen im antifaschistischen Widerstand auf – ein Thema, das für die Geschichtsschreibung der Anthroposophen in der Naziära noch aussteht:

„Violet Gibson, the eccentric Anglo-Irish aristocrat who tried to assassinate Mussolini in 1926, traveled in theosophical and anthroposophical circles. Antifascist author and literary figure Armando Cavalli was an anthroposophist, and Eugenio Curiel, a prominent figure in the antifascist resistance, was for a time drawn to anthroposophy as well. Curiel (1912-1945), a physicist from a Jewish family in Trieste, played an important role in Resistance groups in the late 1930s and 1940s. He was murdered by Fascist soldiers in February 1945. In the early 1930s Curiel was deeply influenced by anthroposophical ideas. His commitment to anthroposophy, lasting approximately three years, was part of a turbulent ideological and political development … Alongside Colonna di Cesarò, Curiel’s ideological trajectory indicates the political volatility of anthroposophical engagement in the Fascist era.“ (ebd., 417f.)

Politischer Antifaschismus, und das ist entscheidend, bedeutete aber nicht, dass die entsprechenden Personen der anthroposophischen Rassenlehre abschworen (ebd., 429f.).

Massimo Scaligeros eliminatorischer Rassismus

Im Gegenteil fiel letztere hier auf den Boden des italienischen Faschismus. Die wohl aktivste Figur in diesem Umfeld war Massimo Scaligero. Andreas zitiert seine missionarischen Artikel über „Rasse“-Bewusstsein und eine „arische Einheitsfront“, die zur Weltherrschaft auserkoren sei:

„Viele von Scaligeros annähernd 100 rassistischen Artikeln erschienen 1938–1943 bei ‚La Difesa della Razza‘, 1941–1942 war Scaligero einer ihrer häufigsten Autoren, in etlichen Ausgaben Leitartikler. Welche ‚Rasse‘ verteidigt Scaligero? Und welches ‚bereits existierende Modell‘ benutzt er dazu? … Wie alle Rassisten erklärt Scaligero die eigene ‚Rasse‘ für überlegen. Dazu entwickelt Scaligero in seinem frühen Hauptwerk von 1939, einem Buch von 275 Seiten mit dem Titel ‚Die Rasse von Rom‘9, den Mythos einer ‚Römischen Rasse‘, einer ‚Rasse‘, die, so Scaligero, ‚zum Sieg vorherbestimmt ist‘. Scaligeros breites Panorama der Entwicklung der ‚Römischen Rasse‘ stellt die rassistische ‚Wurzelrassenlehre‘ 10, ‚hyperboreische‘ rassische Ursprünge und den Aufstieg und Fall von ‚Atlantis‘ vor – Elemente, die sich in der ‚Menschheitsentwickelung‘ Rudolf Steiners finden.“ (Hitler, Steiner, Mussolini)

„Viele von Scaligeros annähernd 100 rassistischen Artikeln erschienen 1938–1943 bei ‚La Difesa della Razza'“

Das tun sie in der Tat. Andreas erläutert in einer Fußnote: „In der ‚Theosophie‘, einer esoterischen Lehre, werden Entwicklungs-Epochen der menschheitlichen Entwicklung als ‚Wurzelrassen‘ bezeichnet. Rudolf Steiner übernahm das Konzept der Wurzelrassen von der Theosophin Helena Petrovna Blavatsky.“ (ebd.) und fährt fort, Scaligeros Version der Wurzelrassenlehre zu schildern:

„In prähistorischen Zeiten begründete ‚die weisse arische Rasse‘ den Westen und ‚die grossen mediterranen Zivilisationen‘. Nordische und mediterrane rassische Gruppen kamen in der ‚Rasse von Rom‘ zusammen, sie ist als ‚Italisch-Nordische Rasse‘ die Synthese der besten Eigenschaften beider Gruppen. … Wenn der Faschismus authentische Werte, die ‚anti-modern, anti-egalitär, aristokratisch‘ sind, wieder herstellen kann, dann wird er ‚die Wiedergeburt einer überlegenen Rasse, die einmal mehr Römisch ist‘ erreichen.11 Schon in Scaligeros Buch ‚Die Rasse von Rom‘ von 1939 werden 2 Charakteristika von Scaligeros Rassismus genannt, die später für ihn bestimmend werden: ‚Spiritualität‘ und ‚Blut‘.“ (ebd.)

Den nächsten Punkt sieht Andreas in Scaligeros Antisemitismus. Das Judentum betitelte dieser mit anthroposophischen Termini als „ahrimanisch“:

„‚Die Eliminierung des jüdischen Virus und die biologische Reintegration der arischen, ethnischen Werte‘14, lautet Scaligeros ‚Lösung des jüdischen Problems‘. Dieser zentrale Satz von 1939 findet sich in vielen späteren Texten Scaligeros wieder. … 1941 zeichnet Scaligero das Bild eines apokalyptischen Kampfes zwischen ‚arischem Geist‘ und ‚jüdischem Geist‘ und sagt, dass Nationalsozialismus und Faschismus die Mittel bereitgestellt hätten, diesen Kampf zu gewinnen. Scaligero befürwortet Hitlers Ruf nach einer ‚vereinigten arischen Front gegen das Judentum‘.“ (ebd.).

Solche Sätze gehen über die Lästereien gegen „dekadente Indianer“ und triebgesteuerte „Neger“ eines Rudolf Steiner hinaus und machen ihren Autor Scaligero, wie Andreas ausführt, bis heute für italienische Neurechte attraktiv. Doch die Fragestellung des Artikels geht weiter. Wie zitiert schreibt Andreas Lichte: „Welche ‚Rasse‘ verteidigt Scaligero? Und welches ‚bereits existierende Modell‘ benutzt er dazu?“ Die Frage ist entscheidend, aber bei ihm rhetorisch. Die Antwort folgt Absätze später und zeigt die ihrerseits politische Absicht hinter dem Artikel: „Scaligeros Rolle im Faschismus liesse nichts anderes zu, als sich vollständig, unmissverständlich, und endgültig von ihm zu distanzieren. Dann bestünde aber die Gefahr eines ‚Domino-Effekts‘, denn Scaligero führt ’nur‘ das Werk seines Vorbilds, des Rassisten Rudolf Steiner, fort. Wenn Scaligero stürzt, fällt dann auch Rudolf Steiner?“ (ebd.)

Welches „Modell“ benutzt Scaligero?

Diese ihrerseits rhetorische Frage wäre diskutabel, wenn Scaligero tatsächlich Steiners Werk fortgeführt hätte. Das ist aber mitnichten der Fall. Scaligero war kein Anthroposoph, den seine anthroposophischen Überzeugungen zum Faschismus führten, sondern ein Faschist, der sich mit dem esoterischen ‚Traditionalisten‘ Julius Evola anfreundete und in dessen Umfeld gegen Ende der 1930er Jahre die Anthroposophie kennenlernte. Wie der zweite von Andreas thematisierte anthroposophische Faschist, Martinoli – dessen Rassismus politisch viel weitere Wellen schlug – bewegte sich Scaligero im weltanschaulichen Gravitationsfeld des ‚Magiers‘ Julius Evola (Staudenmaier a.a.O., 428).

„Scaligero’s mentor for much of the Fascist period was the established esoteric author Evola, whom he first met in 1930  … In the 1920s and 1930s Evola was at times quite critical of anthroposophy as a rival form of esotericism, but maintained good relationships with various Italian anthroposophists. In the eyes of Fascist authorities, such distinctions sometimes seemed trivial, and Evola was occasionally classified as an anthroposophist himself. The course of Scaligero’s dual affiliation with Evola and anthroposophy is thus difficult to trace with precision. One plausible hypothesis is that Scaligero developed from an acolyte of Evola into an anthroposophist from the mid-1930s to the early 1940s. This analysis is consistent with Scaligero’s published work during the period in question, and is supported by several retrospective anthroposophical sources.“ (ebd., 432f.)

Scaligeros Mentor: Der „Traditionalist“ Julius Evola

Weitere Forschungen hat der Esoterikforscher Hans Thomas Hakl angestellt. Dieser schreibt, dass Scaligero Evola nahezu sakrale Züge andichtete:

„Evolas zeitweiliger magischer und intellektueller Weggefährte Massimo Scaligero (ps. Antonio Massimo Sgabelloni, 1906-1980), der bisheute eine ansehnliche Zahl von Anhängern um sich schart, meinte in seiner esoterischen Lebensgeschichte Dallo Yoga alla Rosacroce … , dass bei Evola eben „die ursprüngliche innere Qualität, die imaginative Magie, die für den modernen Sucher der Zielpunkt ist“, bereits von Natur aus gegeben war … Dafür wurde er später einer der besten Freunde Evolas und war sogar Teil der Schutzgarde, die Evola gegen faschistische Schlägertruppen verteidigte. Später hat er sich unter dem Einfluss von Giovanni Colazza, den er über Evola kennengelernt hatte, der Anthroposophie angenähert.“ (Hakl: Julius Evola and the Group of Ur, Manuskript, S. 7-13, inzwischen veröffentlicht in: Gnostika 12/2011).

Die erste Erwähnung Steiners in Scaligeros Werk findet sich laut Staudenmaier im Jahr 1941 (Staudenmaier a.a.O., 459). Andreas zitiert aber lang und breit sein Buch „Die Rasse von Rom“ von 1939. Mit der Anthroposophie muss er zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in Berührung gekommen sein, denn in dem Buch findet sich die Etikettierung des Judentums als „ahrimanisch“ – und Ahriman ist ein Dämon in der anthroposophischen Mythenwelt. Die zentralen politischen Forderungen Scaligeros, soweit Andres sie wiedergibt, finden sich aber nicht bei Steiner, sondern dem schon erwähnten Julius Evola:

1. Die Wurzelrassenlehre. Steiner transformierte die Vorstellung der Okkultistin Helena Blavatsky, dass sieben aufeinanderfolgende „Wurzelrassen“ Vollstrecker der Weltgeschichte seien und einander evolutiv beerbten. „‚Hyperboräische‘ rassische Ursprünge“ (Lichte a.a.O.) gab es bei Steiner allerdings nicht: Die erste Wurzelrasse hieß bei Steiner die „polarische“. Bevor Scaligero (um 1938) außerdem Steiners Lehre kennenlernte, hatte bereits sein Mentor Evola eine eigene Form der Wurzelrassenhypothese ausgearbeitet: 1923 war Evola der Theosophie Blavatskys begegnet (Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne, Wiesbaden 2009, 118). Spätestens 1934 hatte er in seinem Buch „Rivolta contro il Mondo Moderno“ (Revolte gegen die moderne Welt) eine Version der Blavatskyschen Theosophie formuliert, die mit „Hyperboräern“ und Atlantiern hantierte und derjenigen Scaligeros wie die Faust aufs Auge glich (ebd.). Evolas „work drew on a wide range of occult teachings, including significant elements adapted from theosophy.“ (Staudenmaier a.a.O., 455)

2. Die Apotheose der „italienischen Rasse“ zur Speerspitze der Evolution. Dieser Gedanke findet sich bei Steiner nirgends, der vielmehr in den Deutschen die „Avantgarde der Entwicklung“ sah. Auch diesen Gedanken hatte Scaligero bereits in der Esoterik Evolas kennengelernt. „Was die aberndländische Geschichte … betrifft, so feiert Evola das Römische Imperium als großartigen Versuch, den Weg in den Verfall abzuwenden, ja umzukehren … Im August 1943 erörterte Evola mit dem abgesetzten Mussolini in Hitlers ostpreußischem Führerhauptquartier Möglichkeiten zur Rettung des faschistischen Italiens…“ (Goodrick-Clarke a.a.O., 131)

3. Die „Rasse von Rom“ sei Synthese zwischen „nordischem“ und „mediterranem“ Blut und habe damit die Vorteile von beiden. Auch diese Vorstellung kommt bei Steiner nicht vor, bei dem es überhaupt keine „Rasse von Rom“ gibt, wenn auch eine griechisch-römische „Kulturepoche“, die der Blüte einer „nordischen“ (germanisch-angelsächsichen) Kulturepoche vorausging (vgl. GA 121, Dornach 1982, 170).

4. Die Forderung nach Wiederherstellung „authentische[r] Werte, die ‚anti-modern, anti-egalitär, aristokratisch‘ sind“ (Lichte, a.a.O.). Als antimodern betrachtete Steiner sich ebenfalls nicht, vielmehr als Pionier eines „spirituellen Wissenschaft“. Dagegen stellen diese Werte erneut und sehr präzise die Ideale Evolas dar: „Der unpolitisch sein wollende Aristokrat, der Magus und radikalkonservative Esoteriker“ Evola (Gerhard Wehr: Spirituelle Meister, Kreuzlingen/München 2007, 176) sah die Basis der „arischen Rasse“ in einer uralten, in der „Tradition“. „Evola predigte eine Lehre des Elitismus und Antimodernismus in arisch-nordischer Tradition, die durch eine Sonnenmythologie und die Betonung des männlich-aristokratischen Prinzips im Gegensatz zum weiblich-demokratischen gekennzeichnet war. Diese Ideen kamen in seinen Büchern über Rassismus, Gralsmythos und archaische Traditionen zum Ausdruck.“ (Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Wiesbaden 2004, 165). Vorlage dabei war „die Hierarchie einer indischen Kastengesellschaft“ (Ditfurth: Feuer in die Herzen, Hamburg 1996, 279f) „Sein Vorbild war die indo-arische Tradition, in der Hierarchie, Kastenwesen, Autorität und Staat das Höchste bedeuteten“ (Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne, a.a.O., 116). Hier wehte auch der paternalistische Geist Platons, der Übermensch Nietzsches und das Werk des Kulturpessimisten Oswald Spenglers, das er ins Italienische übersetzte (ebd., 121) – „womit nicht gesagt sein soll, dass allein sie die Genealogie eines René Guenon oder eines Evola bestimmen können.“ (Wehr a.a.O., 177).

5. Die Aufforderung zur Vernichtung der jüdischen ‚Gegen‘-„Rasse“. Während Steiner an das Judentum eine kulturchauvinistische Assimilationserwartung herantrug (das Judentum habe seine Aufgabe in der Welt, die Hervorbringung Christi, erfüllt, und solle sich nun bitte autonom auflösen, vgl. Ralf Sonnenberg), forderte Scaligero „Die Eliminierung des jüdischen Virus und die biologische Reintegration der arischen, ethnischen Werte“ (zit. n. Lichte a.a.O.). Das gleicht ebenfalls den Gedanken Evolas. „Als dem Antisemitismus noch nicht die Ächtung begegnete, die er heutzutage erfährt, hatte Evola wenig Hemmungen, die in der rechten Szene gängigen judenfeindlichen Ressentiments zu bedienen, wobei er kaum ein Klischee ausließ und sich sehr wohl zu erheblicher Gehässigkeit steigern konnte, namentlich, wenn er gezielt bestimmte Juden oder Judengruppen attackierte … Juden, meint Evola, zersetzten traditionale Substanz, wo sie könnten; hinter sämtlichen unerfreulichen Phänomenen der neueren Zeit steckten Juden.“ (Goodrick Clarke 2009, a.a.O., 140, vgl. Staudenmaier a.a.O., 456). Sehr wohl aber bot dieser radikale Antisemitismus Scaligero eine Materialgrundlage, auf der er Steiners Antijudaismus aufnehmen und mit der anthroposophischen Theorie des Dämonen „Ahriman“ kombinieren konnte. Denn der übernimmt als metaphysisches Prinzip bei Steiner in etwa die ‚materialistische‘ Rolle, die bei Evola und Scaligero die Juden spielten. Zurecht betont Lichte: „Die Identifikation der Juden mit Ahriman gleicht einem Todesurteil.“ (Lichte a.a.O.).

Zwischen Okkultismus und Faschismus

Die von Andreas gestellte Frage, „welches ‚bereits existierende Modell'“ (ebd.) Scaligero benutze ist damit beantwortet. Seine These, „Scaligero führt ’nur‘ das Werk seines Vorbilds, des Rassisten Rudolf Steiner, fort“ (ebd.), hinkt: Scaligero interpretierte und rezipierte Steiner letztlich auf Basis seines Evola’schen Weltbildes. Steiner lässt sich daher nur sehr bedingt mit Scaligeros Rassenideologie belasten. Die nächste Frage, ob, wenn Scaligero stürze, auch Steiner falle, ist aufgrunddessen zu verneinen (Konsequent auf sich selbst angewandt, wäre sie ohnehin nicht haltbar: Was, wenn nun die antifaschistischen Überzeugungen einer Traute Lafrenz, eines Rössel-Majdan oder des anthroposophischen Mussolini-Attentäters Violet Gibson die ‚echte‘ „Fortführung“ von Steiners Werk wären? Analog zu Andreas Lichtes rhetorischer Frage, ob mit Scaligero auch Steiner „falle“ müsste es auch heißen: Wenn z.B. Traute Lafrenz steht – und das tut sie, vgl. Katrin Seybold – bleibt Steiner dann stehen?). Nichtsdestominder darf und muss Scaligero insbesondere in seinen späten Jahren als Anthroposoph bezeichnet werden – die Vebreitungen, Grenzen und Strömungen religiöser, philosophischer, esoterischer Gruppierungen lassen sich nicht einfach voneinander abgrenzen.

„Traditionen lassen sich nicht auf bestimmte Diskurse begrenzen. Vielmehr entwickeln sie sich aus gemeinsamen Fragestellungen und zeitgenössischen Interessenlagen. Mehr noch: Diskursfelder verändern religiöse Identitäten und führen mitunter zu erstaunlichen Allianzen und Parallelen zwischen vermeintlich getrennten religiösen Traditionen … Die Forschungen zur religiösen Sozialisation haben ergeben, dass im 20. Jahrhundert von einer geschlossenen religiösen Identität, die nach dem Motto verfährt ‚Eine Person = eine Religion‘, keine Rede sein kann.“ (Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik?, München 2004, 17)

Dieser wissenschaftliche Zwang zur Uneindeutigkeit scheint unbefriedigend und dürfte zu Andreas‘ Ausspruch geführt haben „Ich möchte Sachverhalte DINGFEST machen, das endlose Gelaber, das sich als ‚differenzieren‘ tarnt, führt zu nichts.“ (2.9.2011). Das ist verständlich, aber daran ist nicht der ‚differenzierende‘ Zugang schuld, sondern die Polyvalenz der weltanschaulichen Diskurse, die nur durch differenzierte Betrachtung erfasst werden kann. Nur so ist es erklärlich, dass ein Evola zwar bis „heute eine prominente Ikone der Edelfaschisten“ ist (Goodrick-Clarke 2009, a.a.O., 116, vgl. Ritt auf dem Tiger), aber trotzdem wissenschaftshistorisch die Wiederentdeckung Johann Bachofens beförderte und die Analytische Psychologie inspirierte (James Webb: The Occult Establishment, La Salle 1967, 421). So ist es möglich, dass ein ebenfalls von Kopf bis Fuß faschistischer Heidegger (Faye: Heidegger. Die Einführung des Nationalsoziasozialismus in die Philosophie, Berlin 2009) ausgerechnet mit seinem oft problematisierten rassistischen Frühwerk Gestalten wie Arendt und Sartre inspirierte. Und so ist es auch möglich, dass ein Scaligero in der Neuen Rechten zitiert wird, während anthroposophische Wikipedianer sein faschistisches Engagement verschweigen und die Anthroposophische Gesellschaft Italiens ihm 2006 ihre Jahrestagung widmete – „und das obwohl es eine breite Forschungsarbeit zur Geschichte der faschistischen Rassenpolitik gibt, die Scaligeros Rolle in der rassistischen Kampagne diskutiert.“ (Lichte, a.a.O.). Zurecht spricht Staudenmaier von einem „left-right crossover that has marked anthroposophical politics from the beginning.“ (Staudenmaier a.a.O., 509).

Lichte, Staudenmaier und Michael Eggert

Der anthroposophische Blogger Michael Eggert ist selbst ein Fan von Massimo Scaligeros Meditationstexten, hat aber auch Scaligeros Verbindung zu Julius Evola realisiert. Er plädierte in einem Essay vom 4.8.2009 für eine historisch-kritische Herangehensweise:

„In Deutschland war es vor allem Georg Kühlewind, der immer wieder auf Scaligero hinwies. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn die faschistische Ära Scaligeros, sein Bezug zum Tantrismus und zum Magier Evola offen einbezogen und nicht unter den Tisch gekehrt werden. Anders als mit disziplinierter kritischer Distanz kann man Scaligero nicht lesen, dafür sind seine Abgründe einfach zu virulent.“ (Scaligero und Evola)

Einen Monat zuvor, am 19. Juli, hatte er erstmals einen Text über Scaligero auf seiner Seite veröffentlicht. Dieser stammte aus der Feder des oben zitierten Historikers Peter Staudenmaier (Staudenmaier: Über Massimo Scaligero), dessen Dissertation Andreas Lichte in seinem Artikel kurz zusammenzufassen beansprucht.

Die m.W. erste deutschsprachige Plattform für Peter Staudenmaiers Kritik an Scaligeros Rassismus bot Michael Eggert auf seiner Seite „Die Egoisten“. Heute wirft Andreas Lichte Eggert fäschlich vor, er habe Staudenmaiers Kritik ignoriert.

Andreas Lichte stellt in seinem hier zugrundeliegenden Artikel Hitler Steiner Mussolini Eggert trotzdem als Verharmloser und Vertuscher von Scaligeros Rassismen dar, ohne diese kritischen Schritte auch nur zu erwähnen:

„Vollends privat wird die Verehrung Rudolf Steiners und Massimo Scaligeros bei Michael Eggert, der meines Wissens keine offizielle Funktion in der Anthroposophie hat, und auch nicht in einer anthroposophischen Einrichtung arbeitet. Eggert soll hier für die Haltung des normalen Durchschnittsanthroposophen stehen. Michael Eggert wurde von Peter Staudenmaier – dem dieser Artikel zu verdanken ist, siehe ‚Credits‘, unten – und mir über Massimo Scaligeros Faschismus, Rassismus und Antisemitismus umfassend informiert. Michael Eggert hatte also nicht mehr die deutsche Standardausrede „Aber ich hab’ doch nichts davon gewusst!“, als er Massimo Scaligero auf seinem Blog ‚Egoisten‘ als spirituellen Lehrer vorstellte, siehe: ‚Die Kraft des Lebens‚. Kein bedauerlicher Einzelfall, zuletzt gab es im Januar 2012 einen weiteren Blogeintrag Eggerts zu Scaligero: ‚Unbewegt‚ … Warum tut Eggert das?“ (ebd.)

Diese Frage ist berechtigt: Man muss schon sehr überzeugt von Scaligeros Meditationstexten sein, damit sie einem durch dessen faschistisches Engagement nicht ungenießbar werden. Nichtsdestominder hat Eggert sich von diesem Faschismus glaubhaft distanziert, „diszipliniert kritische Distanz“ gefordert und überdies (mehrfach) einschlägige Texte von Staudenmaier publiziert (darunter btw. auch ein sehr guter zu Martinoli und Waldorf im NS). Warum – könnte man die Frage umdrehen – verschweigt Andreas das?

Ein sehr faires Fazit zur Auseinandersetzung Lichte – Eggert fand Peter Staudenmaier in der yahoo-group „Waldorfcritics“. Darin schrieb er, Eggerts Umgang mit Scaligero sei seine Privatangelegenheit, solange er sich der Diskussion seiner faschistischen Theoreme nicht verwehre:

„I think that Lichte does very good work, and very important work, and in many cases I think his perspective is fairly close to my own … But my own appraisal of Eggert is different from Lichte’s … What would be troubling — and what is otherwise very common among other anthroposophists today — would be if Eggert denied that Scaligero’s earlier works existed, or denied that they were racist or fascist, etc. But Eggert does not deny this, in fact so far he has taken a leading role withint anthroposophical circles in bringing Scaligero’s earlier works to attention. It seems to me that how he relates to Scaligero’s other works is his own business. I appreciate his willingness to confront the underside of anthroposophy’s history straightforwardly, and I think his work along those lines is one of the few currently encouraging signs from within the anthroposophist movement.“ (Peter Staudenmaier, 11.8.2009)

Am selben Tag veröffentlichte er auf Bitten von Andreas Lichte eine Mail desselben, die die Frage beantwortet, weshalb er Eggerts Scaligero-Kritik verschwieg- Andreas schrieb Staudenmaier:

„I do not distinguish between fascist Massimo Scaligero and ’spiritual master‘ Massimo Scaligero. For me it’s the same person, the same elitist ideas. I do not distinguish between racist Rudolf Steiner and ’spiritual master‘ Rudolf Steiner. For me it’s the same person, the same elitist ideas. Anthroposophists deliberately try to split the personality of their spiritual leaders: When Steiner is racist he’s just a typical ‚Kind der Zeit‘, a child of the times. He’s just as racist as everyone else was then. When Steiner says something that is approved he’s the spiritual master … if you accept this attidude nothing will ever change.“ (Andreas Lichte, 11.8.2009)

Das scheint einleuchtend: Wer rassistisch denkt, dessen sonstige Positionen mögen auch von dieser Denkstruktur geprägt sein. Sich auf Scaligero, Steiner oder sonstwen zu beziehen, wäre illegitim, sobald eine rassistische Überzeugung o.ä. nachgewiesen wäre. Scheint aber nur.

„Kritische Distanz“

Das Problem: Diese Position würde buchstäblich das Kind mit dem Bade ausschütten: Freud wäre infolgedessen etwa aufgrund seiner Sympathien für Mussolini zu verurteilen (vgl. Micha Brumlik: Sigmund Freud, Weinheim/Basel 2006, 204ff., Michel Onfray: Anti-Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert, München 2011,  438-449) – Foucault für seinen Enthusiasmus für die iranische Revolution (vgl. Florian Ruttner: Der Mythos des Radikalen, in: Alex Gruber, Philipp Lenhard: Gegenaufklärung. Der Beitrag der Postmoderne zur Barbarisierung der Gesellschaft, Freiburg 2011, 87-123) – Kant, Voltaire, Wagner für ihren Rassismus (vgl. Christian Geulen: Die Geschichte des Rassismus, Düsseldorf/Zürich 2005, 125-158) – desgleichen Montesquieu und Darwin (vgl. Christian Geulen: Geschichte des Rassismus, München 2007, 51, 68), von allen Philosophen des Mittelalters und der Antike gar nicht zu reden. Auch Andreas Lichte (dem ich keinen Rassismus unterstellen möchte) hielte sich dann nicht konsequent an diese eigene Regel: Hat er sich doch gelegentlich für pessimistische Aphorismen Arthur Schopenhauers begeistert (vgl. hier und hier). Schopenhauer aber war nicht nur auf enthusiastische Weise mysogyn, sondern hat sich auch verschiedentlich antisemitisch betätigt (vgl. Andreas Hansert: Schopenhauer im 20. Jahrhundert, Wien u.a. 2010, 54) und hielt Kant und Hegel für die größten Schwätzer der Philosophiegeschichte. Auch er dürfte deshalb nicht rezipiert werden.

Konsequent durchgehalten, bliebe bei dieser Hinrichtung der Geistes- und Ideengeschichte nur eine Option, um überhaupt an jemanden anzuknüpfen: Apologie. Tatsächlich versucht etwa der ansonsten brilliante Juniorprofessor für Neuere Geschichte in Koblenz-Landau, Christian Geulen, Kants Rassentheorie entschuldigend abzumildern (Geulen a.a.O., 59f.). Aus Angst vor diesem „Dominoeffekt“ verweigern AnthroposophInnen bis heute großenteils eine Kritik der Steinerschen Rassenlehre.

Das Gedankenexperiment führt sich selbst ad absurdum, sein Resultat wäre nämlich die Entsorgung der westlichen Geistesgeschichte, beraubte sich damit seiner eigenen Grundlage und führte damit selbst zur Gegenaufklärung. Mutmaßlich würde Andreas Lichte es auch gar nicht derart ausweiten wollen, sondern auf Scaligero, Steiner und andere Esoteriker eingrenzen (wobei das inkonsequent wäre). Aber auch die Esoterik lässt sich nicht auf ihren anti-aufklärerischen Fundus beschränken:

„Es gibt keine ‚Große Erzählung‘ der Esoterikgeschichte der Neuzeit − etwa unter der Überschrift „Vom Humanismus zu Hitler“. Stattdessen gibt es viele Geschichten, die mindestens so voneinander unterschieden sind, wie wir es bei der Geschichte des Christentums aufgrund seiner Schismen und Konfessionalisierungen von vornherein als selbstverständlich annehmen. Man könnte die Geschichte esoterischer Religiosität aus denselben Anfängen schreiben, wie es hier geschehen ist, und zu einem gänzlich anderen Schluss kommen. Die Entwicklung von Toleranz und Religionsfreiheit im europäischen Denken ist esoterisch grundiert, ebenso wie die Ausbildung eines universalen Menschheitsbegriffs mit der Möglichkeit der Formulierung von Menschenrechten − das genaue Gegenteil also dessen, was im Nationalsozialismus herrschend wurde. Die Entwicklung in der Kunst ist eine solche Linie, von der Literatur über die Malerei bis zur Musik; Kunst- und Ästhetikgeschichte der Moderne sind ohne Esoterik undenkbar. [179] … Es geht hier nur darum anzudeuten, dass die Bruchlinien innerhalb der europäischen Religionsgeschichte nicht mit den Bruchlinien zwischen Gut und Böse identisch sind.“ (Monika Neugebauer-Wölk: Überlegungen zur historischen Tiefenstruktur religiösen Denkens im Nationalsozialismus, 56)

Die eingangs aufgeworfene Frage nach dem „wahren“ politischen Kern der Anthroposophie lässt sich angesichts ihrer jeweiligen zeitgeschichtlichen Neukonstruktion und -auslegung durch AnthroposophInnen nicht eindeutig beantworten: Fest steht, es gibt rassistisches Potential. Aber fest steht ebenso, dass dieses nur in wenigen Fällen politisches Programm ist (z.B. bei Bernhard Schaub, der Mainstreamanthroposophen für „linksalternatives kryptomarxistisches Pack“ hält). Andreas‘ Urteil über Scaligero ist und bleibt aber bei aller Kritik und allen suggestiven Lücken seiner Darstellung ein richtiges Urteil. Als Argument gegen die heutige Anthroposophie (Andreas zitiert: „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück“ – Henrik Ibsen) taugt es mitnichten, da das Beispiel falsch gewählt ist: Michael Eggerts Vorschlag zu einer Scaligero-Rezeption aus „disziplinierter kritischer Distanz“ (a.a.O.) ist völlig richtig, solange er diese Distanz auch wirklich durchhält.

Kritische Distanz ist aber nichtsdestominder das Wort der Stunde. Solange der anthroposophische Alltag unreflektiert mit diesen Figuren umgeht und das rassistische Potential nicht klar verneint wird, braucht es weiter kritische Aufmerksamkeit von außen.

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In eigener Sache… Die unendliche Geschichte

22 Kommentare Add your own

  • 1. Queprada de Jeri  |  27. Februar 2012 um 4:18 pm

    Hallo Herr Martins!
    Habs‘ lediglich quergelesen. Ist mir oftmals zu langatmig, wie Sie schreiben.
    Ich kann Lichtes Artikel nur etwas abgewinnen, indem ich sage: „Dagegen muss man sich grundsätzlich positionieren!“ Die Fakten, die Lichte beschreibt sind vielleicht interessant für Historiker. Mich interessiert vielmehr das Wie und die Intention mit der etwas geschrieben ist.

    Und dieses Wie zeigt mir allzu deutlich, dass Lichte große Teile extremistischer, totalitärer, polemischer und demagogischer Seelenverfassungen in sich selbst trägt und auf die Anthroposophie projiziert. Als Grund hierfür kann durchaus sein Abgewiesen-Werden während seiner anthroposophischen Ausbildung gesehen werden. Die Intention ergibt sich daraus: Rache

    So, und jetzt gehe ich mal in mich und überprüfe meine eigenen extremistischen, totalitären „Schatten“ und Seelenanteile.

    Ich wette, dass Sie darauf bei Lichte lange warten können
    (Introspektionsfähigkeit gegen 0)
    Von daher kann ich ihrer Meinung, Lichte wäre eine geistreiche Anthroposophiekritik „geglückt“, nicht folgen.
    Für Lichte waren es bisher immer die bösen Anderen und diese Geisteshaltung empfinde ich als kleingeistig!

    Anmerkung AM

    Die „Langatmigkeit“ nehme ich in Kauf. (Nur) sie gestattet in diesem Rahmen eine ausführliche Analyse. Entsrpechend kann ich auch gut mit Ihrem Querlesen leben: Ziel des ganzen ist ja, den Grad der Informiertheit zu steigern.

    Extremistische und totalitäre Züge projizieren meines Erachtens Sie auf Andreas Lichte: Selbst wenn Sie ihm schlechte Recherche, Falschdarstellungen und Polemik unterstellen, ist es bemerkenswert lächerlich, zu unterstellen, dies habe etwas mit seiner politischen Ausrichtung zu tun.

    Antwort
    • 2. Stefan Oertel  |  1. März 2012 um 6:09 pm

      Guten Tag lieber Ansgar,

      ich habe den Eindruck Sie haben diesen meiner Ansicht nach ganz treffenden Kommentar nicht recht verstanden. Da wird nicht von „politischer Ausrichtung“ sondern von „Seelenverfassung“ gesprochen. Gemeint ist damit im konkreten Fall Lichte eine gewisse permanent überpannte Grundstimmung. Da wird von jemandem mehr eine Art Feldzug geführt als irgendwie Klarheit verbreitet. Dazu gehört dann die Neigung zur Blindheit in Bezug auf Tatsachen, die dem eigenen Lieblingsfeindbild wiedersprechen, eine gewisse Besessenheit von Lieblings-Ideen (denen man sich nicht „erlebend gegenüberstellt“) und der Glaube, die Welt irgendwie vor irgendwas retten zu müssen. Das sind so typische *psychologische* Charakteristika politischer Extremisten und ähnlicher Leute. Was der Herr Lichte wiederum für eine politische Ausrichtung hat, ist eine andere Frage.

      Beste Grüße
      Stefan Oertel,
      der hier manchmal mitliest.


      Anmerkung AM

      Ich habe sehr wohl verstanden, aber ich habe den Verdacht, dass da mindestens ebensoviel in Andreas Lichte projiziert wird wie er in die Anthroposophie projizieren mag. Es ist eine Mode unter Psychoanalytikern, ihren Kritikern Freud’sche Neurosen und Hysterie anzudichten und ebenso beliebt bei Anthroposophen, den Rassismuskritikern Protorassismus oder Totalitarismus zu unterstellen. Entsprechend würde ich vorschlagen: Bleiben wir doch bei den Argumenten und prüfen diese in einer meinetwegen polemischen, aber rationalen Debatte.

  • 3. Andreas Lichte  |  27. Februar 2012 um 4:54 pm

    Sehr geehrter Herr Martins,

    in meinem Artikel „Hitler, Steiner, Mussolini – Anthroposophie und Faschismus, gestern und heute“ habe ich bei „Credits“ geschrieben, Zitat: „Die Darstellung wurde von Peter Staudenmaier durchgesehen.“

    und ich ergänze: „und diskutiert“, speziell Michael Eggerts Verehrung Massimo Scaligeros.

    Deshalb wenden Sie sich mit Ihrer Kritik am besten direkt an Peter Staudenmaier.

    Formulierungen wie diese – „Leider unterschlägt er [Lichte] das prominente politische Vorbild Scaligeros: Den »Edelfaschisten« Julius Evola“ – haben den Charakter einer bösartigen Unterstellung. Ich „unterschlage“ nichts, ich treffe eine Auswahl:

    Artikel beim Blog „Ruhrbarone“ dürfen nicht zu lang werden, sollen sie die Chance haben, wirklich gelesen werden.

    Dieses für mich entscheidende Gestaltungskriterium habe ich Ihnen mehrfach mitgeteilt – vermutlich (ich schaue das jetzt nicht nach) auch im Zusammenhang mit Ihrem eigenen Artikel beim Blog „Ruhrbarone“:

    „Rudolf Steiners Rassenlehre“, http://www.ruhrbarone.de/rudolf-steiners-rassenlehre/

    Wenn Sie in Ihrer Rezension den Anschein erwecken, ich würde Inhalte verschweigen, um ein falsches Bild zu erzeugen – Zitat Martins, “suggestiven Lücken seiner [Lichtes] Darstellung“ – so ist das höchst unlauter.


    Anmerkung AM

    Da der Autor des Artikels nicht Peter Staudenmaier, sondern Andreas Lichte ist, wäre es merkwürdig, Ersteren zu adressieren.

    Unsere Vorstellung von „unlauter“ gehen offenkundig auseinander: Michael Eggerts Distanzierung von Scaligeros Rassenwahn zu verschweigen und ihn lediglich als unkritischen Epigonen darzustellen, wird der Situation nicht gerecht, da er sich unzweideutig davon distanziert hat und überdies die Informationen, die Sie von Staudenmaier beziehen, großenteils zuerst bei ihm vorlagen.

    Meines Erachtens wäre es die Pflicht eines informierten Journalismus‘ gewesen, diese Situation – und sei es in einem Satz – zu erwähnen. Das hätte die Länge Ihres Artikels nur unwesentlich beeinträchtigt. Insofern kann ich mich des Eindrucks einer suggestiven Darstellung nicht erwähren. Das wäre etwa so, als wollte ich Ihnen tatsächlich die Chauvinismen Schopenhauers anlasten.

    Antwort
    • 4. Andreas Lichte  |  27. Februar 2012 um 7:13 pm

      @ Angar Martins

      In meinem Artikel schrieb ich: „Michael Eggert wurde von Peter Staudenmaier – dem dieser Artikel zu verdanken ist, siehe »Credits«, unten – und mir über Massimo Scaligeros Faschismus, Rassismus und Antisemitismus umfassend informiert. Michael Eggert hatte also nicht mehr die deutsche Standardausrede »Aber ich hab’ doch nichts davon gewusst!«, als er Massimo Scaligero auf seinem Blog »Egoisten« als spirituellen Lehrer vorstellte, siehe: »Die Kraft des Lebens«. Kein bedauerlicher Einzelfall, zuletzt gab es im Januar 2012 einen weiteren Blogeintrag Eggerts zu Scaligero: »Unbewegt«“

      „umfassend informiert“ bedeutet: Peter Staudenmaier hat Michel Eggert über Massimo Scaligeros Faschismus aufgeklärt, mit seinem auf Michael Eggerts Blog „Egoisten“ veröffentlichtem Artikel: „Peter Staudenmaier: Über Massimo Scaligero“

      TROTZDEM fuhr Michael Eggert damit fort, Massimo Scaligero als spirituellen Lehrer, bzw. als spirituelles Vorbild, zu präsentieren.

      Eggert hat offensichtlich nichts dazugelernt. Zitat aus meinem Artikel:

      „Eggert preist die »Spiritualität« Massimo Scaligeros an, eine »Spiritualität«, die Scaligero als Legitimation der Judenverfolgung diente.“

      Eggert sollte die faschistischen Texte Scaligeros im Original lesen, da kann man wirklich nur noch sagen: „Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen muss!“

      Anmerkung AM

      Sie schreiben:

      „umfassend informiert“ bedeutet: Peter Staudenmaier hat Michel Eggert über Massimo Scaligeros Faschismus aufgeklärt, mit seinem auf Michael Eggerts Blog „Egoisten“ veröffentlichtem Artikel: „Peter Staudenmaier: Über Massimo Scaligero“

      Das Verb „informieren“ mit der Bedeutung „einen Artikel auf jemandes Blog schreiben“ zu verwenden, erscheint mir in noch viel größerem Maße unorthodox (vielleicht wäre da ein Glossar sinnvoll? 😉 ). Das Verb „informieren“ scheint mir dem ’naiven‘ Leser Ihres Artikels jedenfalls nichts über diese Aktivitäten mitzuteilen.

      Ihrer nun erneut wiederholten Kritik stimme ich zu, vgl dazu den obigen Artikel:

      Diese Frage ist berechtigt: Man muss schon sehr überzeugt von Scaligeros Meditationstexten sein, damit sie einem durch dessen faschistisches Engagement nicht ungenießbar werden. Nichtsdestominder hat Eggert sich von diesem Faschismus glaubhaft distanziert, “diszipliniert kritische Distanz” gefordert und überdies (mehrfach) einschlägige Texte von Staudenmaier publiziert (darunter btw. auch ein sehr guter zu Martinoli und Waldorf im NS). Warum – könnte man die Frage umdrehen – verschweigt Andreas das?

      Ein sehr faires Fazit zur Auseinandersetzung Lichte – Eggert fand Peter Staudenmaier in der yahoo-group “Waldorfcritics”. Darin schrieb er, Eggerts Umgang mit Scaligero sei seine Privatangelegenheit, solange er sich der Diskussion seiner faschistischen Theoreme nicht verwehre:


      “I think that Lichte does very good work, and very important work, and in many cases I think his perspective is fairly close to my own … But my own appraisal of Eggert is different from Lichte’s … What would be troubling — and what is otherwise very common among other anthroposophists today — would be if Eggert denied that Scaligero’s earlier works existed, or denied that they were racist or fascist, etc. But Eggert does not deny this, in fact so far he has taken a leading role withint anthroposophical circles in bringing Scaligero’s earlier works to attention. It seems to me that how he relates to Scaligero’s other works is his own business. I appreciate his willingness to confront the underside of anthroposophy’s history straightforwardly, and I think his work along those lines is one of the few currently encouraging signs from within the anthroposophist movement.” (Peter Staudenmaier, 11.8.2009)

      Scaligero rechtfertigt die Verfolgung der Juden nicht mit den von Michael Eggert rezipierten Meditationstexten, sondern mit der Beschreibung der Juden als zerstörerisch-„ahrimanischer“ ‚Gegenrasse‘. So zitieren auch Sie ihn in Ihrem Artikel.

  • 5. Andreas Lichte  |  27. Februar 2012 um 5:00 pm

    @ Ansgar Martins

    Sie schreiben: „»‘Hyperboräische’ rassische Ursprünge« (Lichte a.a.O.) gab es bei Steiner allerdings nicht: Die erste Wurzelrasse hieß bei Steiner die »polarische«.“

    vergleiche dazu die Illustration meines Artikels:

    „Waldorfschule: Vorsicht Steiner“, http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-vorsicht-steiner/

    Anmerkung AM

    Da verstricken wir uns in wirklich verstiegene Details…

    Die erste Wurzelrasse bei Steiner waren die POLARIER (wie auch diese Illustration zeigt), als Zweites folgten die HYPERBORÄER. Entsprechend waren Erstere Ursprungs- und Ausgangspunkt der „Rassen“-Geschichte.

    Im Hintergrund stehen hier erneut verzweigte Positionen des esoterischen Rassendenkens: Fabre d’Olivet hatte 1824 die erste Version einer evolutionären Rassengeschichte vorgelegt. Dort standen die Hyperboräer am Anfang. Diese Rassentheorie wurde in zwei Richtungen adaptiert:

    1. Helena Blavatsky. 1878 wurde sie durch W.A. Aytons Übersetzung der Schrift „De septem secundeis“ (Trithemius von Sponheim) zu einer siebenstufigen Kosmologie angeregt, die sich auch in der Rassenlehre niederschlug.

    2. Französischer Okkultismus. Hier herrschte Fabre d’Olivets Theorie einigermaßen unmodifiziert vor (siehe etwa bei Edouard Schuré: Die Großen Eingeweihten – das Buch kennen Sie aufgrund seiner Relevanz für die Anthroposophie zweifellos). In diesem Umfeld bewegte sich auch der erste „Traditionalist“ René Guenon, der Fabre d’Olivet vielfach rezipierte und wiederum zur ideologisch bestimmenden Figur für den Traditionalismus und Anti-Modernismus eines Julius Evola wurde.

    Da die „Hyperboräer“ in Ihrem Artikel ebenso wie bei Staudenmaier als Ursprungspunkt in Scaligeros (wiederum durch Evola grundierte) Version der Wurzelrassentheorie angegeben werden, scheint mir das ein weiteres Argument für die Situierung Scaligeros bei den „Traditionalisten“ Evola/Guenon zu sein – was kein Abstrich für seine anthroposophischen Überzeugung (und deren Kombinierbarkeit mit seinen sonstigen) ist.

    Antwort
  • 6. Queprada de Jeri  |  27. Februar 2012 um 6:59 pm

    Damit kann ich wiederum gut leben. Wer ist noch nie bemerkenswert lächerlich oder töricht gewesen?

    „Nur Langatmigkeit“ mag wohl eine ausführliche Analyse ermöglichen, aber es bleibt weiterhin dahingestellt, ob diese ausführliche Analyse einer „geglückten“ geistreichen Anthroposophiekritik gleichzusetzten ist.
    Wenn Kritik nur dazu dienen soll, den oder das Kritisierte(n) auf ein Schlechtestes zu reduzieren, ( ich habe von Lichte noch nie etwas anderes gelesen) , dann bin ich der Ansicht, dass man „dem Guten“ durchaus totalitäre und extreme Geisteshaltung zuordnen kann und konsequenterweise muss.
    Das ist nicht als politische Ausrichtung zu interpretieren. Die sei mal dahin gestellt. Da hält er sich ja vornehm zurück….

    Viel Spaß mit dem Guten!

    Anmerkung AM

    Als „geglückt“ habe ich ja nicht meinen Artikel bezeichnet… Die inhaltliche Reduzierung ist bei Andreas Lichte im Falle der Ruhrbarone teilweise sicher, wie er angibt, einer geforderten Kürze geschuldet. Ist Ihnen nun das lieber oder die Langatmigkeit 😉

    Was bitte soll denn Totalitarismus in Bezug auf Kritik sein? Es gibt ja eine große Vielfalt von diskreditierenden Titulierungen, aber mit diesen beiden Begriffen scheinen Sie mir etwas zu verwechseln – oder Ihrerseits zu reduzieren.

    Auch Ihnen viel Spaß! Vielleicht lesen Sie ja nochmal quer 🙂

    Antwort
  • 7. Queprada de Jeri  |  27. Februar 2012 um 7:47 pm

    „Als “geglückt” habe ich ja nicht meinen Artikel bezeichnet… Die inhaltliche Reduzierung ist bei Andreas Lichte im Falle der Ruhrbarone teilweise sicher, wie er angibt, einer geforderten Kürze geschuldet. Ist Ihnen nun das lieber oder die Langatmigkeit “
    – hatte ich schon verstanden!
    – ich finde demnach auch LICHTES Kritik nicht geglückt 😉 . I
    und
    – in der Tat, wenn ich die sich ständig wiederholende Polemik von Lichte lese, kommen in mir Tendenzen auf, ihn lediglich auf die sich darin offenbarende Kleingeistigkeit zu reduzieren 🙂

    Aber das wird ihm in der Tat nicht gerecht werden!
    Geschuldet sei dies allerdings meiner Tante, die mir bei ausschweifender Empathie, Mitgefühl den Strom ausstellt 🙂

    Antwort
  • 8. Cardinal  |  29. Februar 2012 um 5:12 pm

    Peter Staudenmaier hat den Artikel offenbar auch schon gelesen – und kommentiert:

    http://groups.yahoo.com/group/waldorf-critics/message/23248

    „Thanks to Alicia for pointing out the new blog post from Ansgar Martins. I very much agree that it is well worth reading, as his blog usually is. I think he is one of the most thoughtful and interesting German commentators on anthroposophy and Waldorf, and his perspective in this particular post is similar to my own. I also think the new article by Andreas Lichte, to which Martins is responding, is
    quite good, though I disagree with several of its arguments. The first part of Martins‘ new post relies a little too heavily at times on Uwe Werner’s book, in my view, but is a fair effort to pull together the existing research on Waldorf schooling in the Nazi era, and his emphasis on historical context is exactly right.

    Lichte’s article itself, on the other hand, is about anthroposophists in Fascist Italy, and that was a significantly different historical context in several ways. Martins‘ post addresses that topic as well, and in general his viewpoint is somewhat more lenient than my own, just as Lichte’s viewpoint is somewhat harsher than my own, but I consider debates like this a fine way to air such disagreements and explore the historical nuances. Martins makes an important historical point about Scaligero’s relationship with Evola and the extent to which Scaligero’s racial beliefs could have derived from Evola rather than Steiner. We’ve discussed that topic here before, and it is a difficult one to decide definitively, in part because Scaligero’s ex post facto claims are effectively unverifiable (he insisted he had been a follower of Steiner all
    along) and in part because of the unusual role of Steiner in Scaligero’s
    published works — even Scaligero’s unambiguously anthroposophical post-war texts rarely mention Steiner by name.

    Martins also accurately describes my position regarding anthroposophist Michael Eggert; Lichte and I flatly disagree on that score, and have for years. (…)“

    Antwort
  • […] Waldorf-Blog seit langem kritisch mit Anthroposophie und Waldorfpädagogik beschäftigt. In einem differenzierten Text nimmt er nun, durchaus empathisch, Lichtes Ruhrbarone-Beitrag unter die Lupe. Dabei gelangt er […]

    Antwort
  • 10. Wolfgang Stadler  |  2. März 2012 um 3:01 am

    Pardon – ich hab nun doch noch eine letzte Frage:
    Angenommen, ich halte es für möglich, daß tatsächlich das, was R.Steiner unter „der weißen Rasse“ verstand, wirklich der Menschenschlag ist – oder damals war, der am meisten „am Geiste arbeitend“ ist/war – bin ich dann automatisch ein Rassist? Und was machen wir, wenn das stimmt…? Oder vielleicht vor 100 Jahren noch eher stimmte – und wo Steiner wohl an eine schwarzafrikanische Bevölkerung (wohnhaft auf dem Lande, – „im Dschungel“) dachte…Inzwischen würde er das so sicherlich nicht mehr sagen, – jetzt gibts ja auch schon dunkelhäutige Präsidenten. Und er selbst sah das auch nur als vorübergehend an – sonst hätte er nicht davon geredet, daß „Rassen“ im Untergang seien – bzw. in Zukunft alle Menschen die gleiche Hautfarbe hätten…
    Ansonsten: waren nicht tatsächlich die weißen Europäer die dominate Bevölkerungsgruppe auf der Erde? Vielleicht war das ja tatsächlich etwas wie eine „karmische“ Angelegenheit…Und sind nicht vielleicht Goethe, die Aufklärung, J.S.Bach und gerade Leute wie Jana Husmann-Kastein ein Beweis dafür, daß „die weiße Rasse“ am Geiste schaffend ist/war – und dieses Schaffen natürlich sich zur Zeit gleichermaßen auf alle Bevölkerungsgruppen verteilt…?
    Und kann es nicht sein, daß wir heutzutage Dinge als „rassistisch“ betrachten, weil wir gerade in dem Zeitalter leben, wo wir diese Art „moralischer Empörung“ erlernen – und später mal sieht man das anders…- wie ja R.Steiner auch meinte, daß er noch nicht alles sagen könne, da die Menschheit noch nicht „reif“ dazu sei…- Was für geheimnisvolle Dinge könnten das sein – wenn nicht solche, die uns Menschen von heute moralisch empören würden…?
    Manche Leute sind ja schon empört, daß evtl. unmoralisches Verhalten zu Krankheit oder gar Behinderung im nächsten Leben führen könnte – weil man dann Behinderte ja anschauen könnte wie unmoralische Leute, die selber schuld sind an ihrem harten Schicksal…- Dennoch kümmern sich Anthroposophen um Körperbehinderte, die Camphill-Bewegung, …Steiner hat viel gesagt um Kranken (diesen Bösewichten der letzten Inkarnation) zu helfen. Könnte es sein, daß dieser „Rassist“ alle Menschen – ja, auch Chinesen, Franzosen, Neger und Indianer – geliebt hat? Ein Rassist, der – anders als andere Rassisten – die „minderwertigen“ geliebt hat?
    Fragen über Fragen…

    Anmerkung AM

    Nunja, ja, dann sind könnte bzw. würde man Sie wohl als Rassisten bezeichnen… Die “Europäer” dominierten, nur eben nicht durch spirituelle Brillianz, sondern Rassismus, Kolonialismus und Ausbeutung, die auf rassistischen Wahngebäuden gründeten, wie Steiner sie (abgeschwächt) theosophisch ebenfalls plausibilisierte. Rassismus definiert sich ja nicht selbst automatisch als “Hass”, oft sah man sich eben in der Rolle der klügeren, kompetenteren, begabteren “Rasse” und glaubte, man habe deshalb das Recht oder gar die “Bürde”, die anderen Rassen zu regieren oder zu pflegen usw. Das nennt man dann paternalistischen Rassismus, aber es ist nicht minder rassistisch. Ihr Beitrag ist dafür in der Tat ein gutes Beispiel…

    Antwort
    • 11. Andreas Lichte  |  12. März 2012 um 7:00 pm

      @ Ansgar Martins,

      warum sind so „lenient“ (Peter Staudenmaier über Ihren Artikel) – „nachsichtig“, „milde“ – mit Wolfgang Stadler?

      Wolfgang Stadler schreibt: „Manche Leute sind ja schon empört, daß evtl. unmoralisches Verhalten zu Krankheit oder gar Behinderung im nächsten Leben führen könnte – weil man dann Behinderte ja anschauen könnte wie unmoralische Leute, die selber schuld sind an ihrem harten Schicksal…“

      Erinnert Sie das nicht an etwas?

      Mich schon, ich war selber dabei, bei der Diskussion mit Helmut Zander am 05.12.2007 in der Freien Waldorfschule Kreuzberg, Berlin, in der Johannes Kiersch „Schwarze“ mit „Behinderten“ gleichsetzte, als „Trottelinkarnationen“.

      Anmerkung AM

      Soweit ich mich erinnere, hat Peter Staudenmaier als „somewhat more lenient than my own“ den Teil zur Anthroposophie im Italienischen Faschismus betitelt, denn: „Martins makes an important historical point about Scaligero’s relationship with Evola and the extent to which Scaligero’s racial beliefs could have derived from Evola rather than Steiner“. Eine These übrigens, die ich weiterhin vertrete, bis ich eine überzeugende Darlegung der Gegenthese finde, aber da mir Steiners Rassenlehre doch einigermaßen vertraut ist und nur sehr bedingt derjenigen Evolas/Scaligeros ähnelt, wage ich das zu bewzeifeln. Aber sei’s drum. Mit Verkürzung zum Zwecke der „DINGEFST“-Machung haben Sie’s ja öfter 😉 Sollten Sie stichhaltige Belege für eine Distanzierung Scaligeros von Evola haben oder die Aufforderung zur Ausrottung der Juden, die „rassische“ Privilegierung Italiens oder die Selbsteinordnung als „Antimodern“ bzw. „Traditional“ bei Steiner finden, stelle ich Ihnen gern Publikationsraum auf diesem Blog zur Verfügung.

      „Nachsichtig“ bin ich mit Stadler nicht mehr und nicht weniger als mit Ihnen, Peter Sloterdijks postmoderner Steiner-Entkernung oder den Euphemismen Lorenzo Ravaglis: Weitaus mehr als die Etikettierung oder Verurteilung einer Position oder Person interessiert mich in der Anthro-Debatte, woher eine Position kommt und wie sie sich belegen lässt. Würde mich das Thema nur nerven, würde ich mich nicht damit beschäftigen. Ich habe bisher noch keinen Artikel geschrieben, bei dem der Kritisierte das Ganze nicht irgendwie „unlauter“ (so Sie zu diesem Artikel) und die Nicht-Kritisierten die Thesen nicht irgendwie zu „harmlos“ fanden.

      Dass die von Stadler vertretene Position paternalistisch ist, habe ich allerdings deutlich angeführt, ebenso den Punkt des Rassismus. Die Diskussion Zander – Kiersch habe ich nicht besucht, das Zitat ist mir bekannt und entsetzt mich durchaus. Aber: Es ist letztlich nicht verwunderlich, dass diese Ansicht zustande gekommt. Sie entspringt, wie bei Wolfgang Stadler, der Vorstellung, man könne Kultur- oder mentale Verfasstheiten typologisieren und evolutionärer hierarchisieren. Sehen Sie den Bezug zum theosophischen „Entwickelungs“-Gedanken nicht?

      Interessant zu diskutieren wäre darüber hinaus, wie weit die Vorstellung, die „westliche Welt“ müsse „den Kindern aus Afrika“ helfen oder die Konstruktion „des“ Behinderten letztlich bis heute paternalistische Elemente enthält. Schon der Terminus „Entwicklungshilfe“ arbeitet scheinbar mit der Vorstellung einer normativen Entwicklungsskala. Positionen à la Albert Schweitzer (Die „Weißen“ müssen ihren „kleinen Brüdern“, den Schwarzen, „helfen“) oder Steiner (z.B. die „Slawen“, die von der „Kulturmission“ der Deutschen lernen sollen) sind auch deshalb so entsetzlich, weil sie auf den Punkt bringen, was die eurozentrische Selbstwahrnehmung oft implizit voraussetzt. Das erwähne ich nicht aus „Milde“, sondern weil die Wurzel des „Übels“ meiner Ansicht nach bis heute weiterexistiert und den Boden für die Entstehung solcher sozialdarwinistischer Ansichten bereitet.

  • 12. Wolfgang Stadler  |  2. März 2012 um 1:58 pm

    Anthroposophie und sein polarisch entgegengesetzes Gift: der Rassismus

    Rudolf Steiner: „Überall, wo man sich in höhere Gebiete erhebt, muß man mit lebendiger, nicht mit toter Wahrheit rechnen, und die lebendige Wahrheit trägt ihr eigenes Gegenbild in sich, so wie im physischen Dasein das Leben den Tod in sich trägt. Nehmen Sie das als etwas, das ich heute gerne in Ihre Seele senken möchte, weil sich daraus vieles begreifen läßt. Es muß die Möglichkeit bestehen, neben dem Spirituellen das polarisch entgegengesetzte Gift abzusetzen. Dann kann es aber, wenn es abgesetzt werden kann, auch benützt werden, und auf allen Gebieten kann es benützt werden. An das Gesagte können sich viele Fragen angliedern. Aber wir wollen vorerst für heute nur diese Frage berühren: Wie kommt man da zurecht? Wie kommt man da zurecht? Ist man nicht der großen Gefahr ausgesetzt, daß, wenn man an irgend etwas in der Welt herantritt, das Entgegengesetzte, das Giftmäßige darin enthalten ist, oder wenigstens, daß es irgend jemand zum Giftmäßigen ausbilden könnte? Diese Möglichkeit ist natürlich immer vorhanden. Alles das, was sehr gut sein kann in der Welt, kann in sein Gegenteil verkehrt werden. Aber das muß so sein, damit die Menschheitsentwickelung sich in Freiheit vollziehen kann gemäß unserem Kulturzeitalter. Und gerade die schönsten Entwickelungsimpulse unseres Zeitalters können am meisten Veranlassung geben, in ihr Gegenteil verkehrt zu werden. R.St., GA 174, S. 18

    Antwort
  • 13. Wolfgang Stadler  |  2. März 2012 um 2:44 pm

    Nur in einem Punkt kann ich Zander verteidigen: Er hat ja recht mit der Äußerung:

    „Es hängt dabei von den Interessen der Leser ab, ob die Anthroposophie rassistisch interpretiert wird oder nicht.“

    Und Zanders Satz gegen Ende des Zitates („So führt ein Weg von Steiners evolutionär hierarchisierter Rassentheorie zu einer egalitären Philanthropie.“) würde ich umändern in „So führt ein Weg des Glaubens mancher Leute, daß es sich bei Steiners Anthroposophie um eine „evolutionär hierarchisierte Rassentheorie“ handelt, zu einer egalitären Philanthropie.“
    Denn so wie Zander das schreibt, könnte man meinen, es handele sich faktisch um eine „hierarchisierte Rassentheorie“ – und die Sprache verrät sofort, daß er selbst dem unterliegt, was er davor sagt: Zanders eigenes Interesse ist es, das die Anthroposophie auf diese Art interpretiert – oder auch: verunglimpft. Seltsamerweise scheint das Zander gar nicht zu bemerken – trotz seiner Aussage, es hänge alles vom Interesse des Interpreten ab…Es ist ausschließlich seine Interpretation – wie auch Deine, lieber Ansgar Martins…
    Herzliche Grüsse, Wolfgang

    Anmerkung AM

    Zander gibt Steiners Aussagen über „Rassen“ völlig korrekt wieder. Da Steiner von 1905 bis 1924 immer wieder Theorien und Aussagen über vermeintliche Eigenschaften von durch „Triebe“ gesteuerte „Neger“, Japaner, die nicht in der Lage seien, sich selbst etwas auszudenken, das Judentum, das sich autonom selbst auflösen solle und vor allem über die vom Geist erfüllte „weiße Rasse“ ausbreitet, ist es berechtigt, von einer Rassentheorie zu sprechen. Wie schon Aristoteles, Herder oder Rudolf Virchow vor Steiner gezeigt haben, gibt es keine Menschenrassen. Im 20. Jahrhundert wurde gezeigt, dass der Glaube an „Rassen“ Produkt, nicht Voraussetzung rassistischer Argumentation ist. Es gibt Rassismus bei Rudolf Steiner und es ist ein geistiges Armutszeichen von Anthroposophinnen und Anthroposophen, das zu leugnen.

    Aber schon logisch demontieren Sie Ihre eigene Aussage selbst: Es ist doch offensichtlich Ihr Interesse, Steiner vom Vorwurf des Rassismus freizumachen, entsprechend übersehen Sie diesen Rassismus munter – und tragen damit zu seiner unreflektierten Weiter-Tradierung bei.

    Antwort
  • 14. Andreas Lichte  |  7. März 2012 um 9:02 am

    “Hitler, Steiner, Mussolini

    (hpd) Andreas Lichte beschreibt eine in Deutschland weitestgehend unbekannte historische und aktuelle Situation in Italien und kommt in seinem Artikel „Zur Anthroposophie im italienischen Faschismus und ihrer anthroposophischen Rezeption heute“ zu belegten Darstellungen und Schlussfolgerungen, die ein helles Licht auf die Implikationen der Anthroposophie werfen.

    (…)

    „Rudolf Steiner war ein wahrhaft idealer Vorläufer des neuen Europa von Mussolini und Hitler. Ziel dieser Schrift war es, den Geist und die Figur dieses großen, modernen, deutschen Mystikers für die Bewegung zu beanspruchen – eine Bewegung, die nicht nur politisch, sondern auch spirituell ist – eingeführt in die Welt von den zwei parallelen Revolutionen, der Faschistischen und der Nationalsozialistischen Revolution, denen Rudolf Steiner als echter Vorläufer und spiritueller Pionier in idealer Weise angehört.“ (4)

    (…)“

    weiter: http://hpd.de/node/12972

    Ammerkung AM

    Nunja, belegt sind viele Darstellungen leider gerade nicht, wie oben gezeigt. Das Gute an Deinem Artikel, ist, wie gesagt, die Ansprache der Tabuthemen. Ein helles Licht auf Implikationen der Anthroposophie kann ich dagegen nicht erkennen, da Du nur einen einzigen, und nicht den dominanten anthroposophischen Rezeptionsstrang nachzeichnest. All das habe ich oben dargestellt und auch auf Deine Kommentare hin nochmal ausführlich belegt, möchtest Du mit diesem Kommentar nur nochmal darstellen, dass Dein Artikel Zustimmung erhält oder hast Du neue Argumente?Ich würde mich freuen, sie zu hören!

    Antwort
  • 15. Queprada de Jeri  |  8. März 2012 um 9:34 pm

    „Anmerkung AM
    Ich habe sehr wohl verstanden, aber ich habe den Verdacht, dass da mindestens ebensoviel in Andreas Lichte projiziert wird wie er in die Anthroposophie projizieren mag. Es ist eine Mode unter Psychoanalytikern, ihren Kritikern Freud’sche Neurosen und Hysterie anzudichten und ebenso beliebt bei Anthroposophen, den Rassismuskritikern Protorassismus oder Totalitarismus zu unterstellen. Entsprechend würde ich vorschlagen: Bleiben wir doch bei den Argumenten und prüfen diese in einer meinetwegen polemischen, aber rationalen Debatte.“

    Hallo Herr Martins,

    diesen Ihren Verdacht halte ich wiederum für ziemlich vermessen. Ohne mir jetzt die Arbeit zu machen, verschiedenste polemische und demagogische Artikel von Lichte herauszusuchen, hat Lichte in seinen Beiträgen noch nicht ein gutes Haar an der „Anthroposophie“ und ihren “ Errungenschaften im täglichen Leben“ gelassen.

    Im Gegenteil: er konstruiert Probleme und unterstellt bösartig. Dieses „bösartig“ bin ich berechtigt so zu äußern, da ich Lichte wiederholt auf positive Entwicklungen, die aus der Anthroposoophie Steiners entstanden sind,hingewiesen habe, die dieser aber willentlich und absichtlich ignoriert oder rundum abwertet.

    Und Sie sind tatsächlich der Meinung, dass die Menschen, die Lichte versucht zu denunzieren als meinungslose Anhänger des geisteskranken Sektenführers Steiner und die sich gegen diese Unterstellungen positionieren, auf Lichte projizieren??

    Gerade unter gut ausgebildeten Analytikern mit einer eigenen Lehranalyse sind Übertragung und Gegenübertragung wesentlicher Bestandteil der Ausbildung.

    Last but not least: beim forschenden Wissenschaftler, der sie ja werden wollen, wird vorausgesetzt, dass er seine persönliche „Befangenheit“ offenbart und in die Forschung mit einbezieht. Auch das gehört zu den Fakten und widerspricht einer rationalen Debatte nicht. Ich vermisse bei Ihnen dieses Element vollständig.

    Falls Sie von Lichte mal irgendwo eine Relativierung seiner extremen Geisteshaltung vernehmen sollten, stellen Sie diese doch einmal ins Netz … mit Sicherheit werden viele Anthros mit ihm sprechen.

    Nur weil Lichte sich eher im linken politischen Spektrum aufhält und versucht dort zu agieren, heisst dass nicht automatisch, dass er frei frei von extremen Charaktereigenschaften ist. Das gegenteil scheint zuzutreffen.
    In meiner Jugend, die sehr geprägt war von verschiedenen kommunistischen und sozialistischen Gruppierungen war der Begriff “ Linksfaschismus“ oder “ Linksdogmatismus“ ein geflügeltes Wort.

    Anmerkung AM

    Ich stimme, wie Sie unschwer feststellen können, mit Andreas Lichte in vielen Punkten nicht überein. Aber da lässt sich meist sehr einfach aufzeigen, wo er etwas vergisst, weglässt, verwechselt o.ä. Das zu machen ist in der Debatte der Befunde auch wichtig, aber ihm deshalb irgendwelche soziopathischen Züge zu unterstellen, ist so immens lächerlich, wie diese Steiner oder AnthroposophInnen in toto zu unterstellen. Es gibt in der Linken eine ganze Menge an Dogmatismus, Staatsfetischismus, Antisemitismus, Antiamerikanismus, Sympathien mit dem radikalen Islam usf. usf. Aber dass es das gibt, sagt nichts und ich wiederhole: nichts über Andreas Lichte und umgekehrt.

    Antwort
    • 16. Andreas Lichte  |  12. März 2012 um 7:08 pm

      @ Ansgar Martins

      Diese anthroposophischen Kommentare zeigen sehr eindrücklich, dass Prof. Hopmann Recht hat, wenn er von der Anthroposophie als „Sekte“ spricht.

      Quelle für Prof. Hopmann und „Sekte“:

      http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-„man-kann-nicht-nur-ein-»bisschen«-waldorf-sein“/

      „Man kann nicht nur ein ’bisschen’ Waldorf sein“

      Anmerkung AM

      Ich finde die Ausführungen Hartmut Traubs „eindrücklicher“: In der Sicht „ultra-orthodoxer Steiner-Interpreten … ist nicht nur jeder Zweifel an Steiners Schriften ausgeschlossen und inakzeptabel, sondern für sie gibt es auch keine Widersprüche im Werk des Meisters, selbst da nicht, wo sie nach menschlichem Ermessen nicht zu übersehen sind. … (‚Akademisch‘)-Wissenschaftliches Denken oder – bescheidener – der Einsatz von Verstand und Logik, der Anspruch auf Plausibilität und Sinn gelten diesen Autoren als unangemessene Forderungen gegenüber der extramundanen Weisheit Rudolf Steiners.“ (Hartmut Traub: Philosophie und Anthroposophie, Stuttgart 2011, 37)

      Wenn derlei unkritische und ahistorische Rezeption soviel heißt wie „Sekte“, stimme ich Herrn Prof. Hopmann zu. Mir ist aber der Begriff „Sekte“ zu schwammig, völlig egal, ob er hinduistische Strömungen, die Anthroposophie, die Zeugen Jehovas o.ä. bezeichnen soll: Es gibt weitaus konkretere Themen, die man da vorwerfen könnte: Dogmatismus, Kollektivismus u.ä., bei denen nie sicher ist, was genau davon gerade bei „Sekte“ mitgemeint sein soll. Besser ist m. E. eine präzise Kritik wie die eben aus der Feder Traubs zitierte.

      Wie überdies der auch Ihnen bekannte Religionswissenschaftler Hartmut Zinser dargestellt hat, ist der Terminus „Sekte“ wissenschaftlich und soziologisch ausgesprochen fragwürdig und etwa so treffend, wie es wäre, nichtchristliche Religion als „Heidentum“ oder „Magie“ zu bezeichnen. Mit den Bezeichnung einer Gruppe als „Sekte“ oder „heidnisch“ gebraucht man Begriffe aus dem Fundus großkirchlicher Apologie, die inzwischen auch diese Großkirchen durchaus kritisch sehen. Den Sektenbegriff als Relikt der Kirchen- und Wissenschaftsgeschichte zurückzuweisen, führt Zinser übrigens keineswegs zur Kritikabstinenz gegenüber der Anthroposophie:

      „Eine Sinnstiftung aus den Hinterwelten mag viele Menschen entlasten, aber sie bleibt sinnlos, weil sie – um Steiner direkt anzugreifen – unsinnlich ist. Ein unsinnlicher Sinn ist sinnlos; Sinn und Sinnlichkeit haben eben mehr miteinander zu tun, als Steiner wahrhaben will … Kein Sinn ist da – es sei denn, wie man solchen Konstruktionen entgegenhalten kann und muss, und dies gilt nicht nur für Steiner und die Esoterik insgesamt, dass sich die einzelnen Menschen den Sinn ihres Lebens selber setzen.“ (Zinser: Esoterik. Eine Einführung, München 2009, 23. In Auszügen auch zu finden auf: http://www2.hu-berlin.de/gkgeschlecht/downloads/veranstalt/2006/Zinser%20Vortrag%20HU%20210706.pdf)

      Es gibt natürlich Stimmen, die weiter am religionswissenschaftlichen Sektenbegriff festhalten, aber hier stellt sich wiederum die Frage, wie weit der von der Ursprungsbedeutung abgetrennt werden darf:

      „Im 19. Jahrhundert entwickelte sich im Zeichen der modernen Religionsfreiheit ein weiterer Typus alternativer religiöser Bewegungen, die sich von der kirchlichen Institution und ihren religiösen und dogmatischen Grundlagen so weit entfernten, dass sie … häufig nicht einmal mehr als ‚Gegner‘ der Kirchen wahrgenommen wurden (Unitarier, Spiritismus, Neugeistbewegungen, Theosophische Gesellschaft, aber auch Mormonen, Adventisten, Zeugen Jehovas und viele andere Gruppierungen) … Die Bezeichnung ‚Sekte‘ ist für solche Bewegungen nicht angemessen. Wendet man sie trotzdem an, so verdünnt sich der Ausdruck ‚Sekte‘ zur Bezeichnung für religiöse Sondergruppen.“ (Christoph Bochinger: Sektenbildung, in: Adolf Holl: Die Ketzer, Wiesbaden 2007, 351f.)

      Dass sich Theosophie und Anthroposophie auch mit den soziologischen „Sekten“-Begriffen Max Webers und Ernst Troeltschs nur schwer vertragen, hat ja Helmut Zander in seiner Ihnen ebenfalls bekannten Habilitationsschrift zur „Anthroposophie in Deutschland“ ausgeführt. Natürlich: Bei der Alternative „bürokratische“ „Anstalt“ (Kirche) vs. „charismatische“ „Bekenntnisgemeinschaft“ (Sekte), wie Weber sie aufmacht, steht die Anthroposophie deutlich auf der zweiten Seite.

  • 17. Andreas Lichte  |  15. März 2012 um 3:34 pm

    @ Ansgar Martins

    zu meinem Kommentar, oben (Anschlusskommentar dort nicht mehr möglich):

    „(…) Diskussion mit Helmut Zander am 05.12.2007 in der Freien Waldorfschule Kreuzberg, Berlin, in der Johannes Kiersch “Schwarze” mit “Behinderten” gleichsetzte, als “Trottelinkarnationen”.“

    schreiben Sie – relativierend, verharmlosend:

    „Interessant zu diskutieren wäre darüber hinaus, wie weit die Vorstellung, die “westliche Welt” müsse “den Kindern aus Afrika” helfen oder die Konstruktion “des” Behinderten letztlich bis heute paternalistische Elemente enthält.“

    Da möchte ich die Diskussion doch mal mit einer Frage öffnen:

    Halten Sie es für sinnvoll, ausgerechnet am Rassisten Rudolf Steiner festzuhalten, Steiner immer wieder zu verteidigen? Wenn es andere Menschen gibt, die VOR Rudolf Steiner schon viel weiter waren?

    Hier ein Kommentar, der (bisher) nicht veröffentlicht wurde, der aber sehr gut hierher passt:

    Kommentar zu „Die Reformation der Anthroposophie in der Herstellung Eines Menschheitsbewusstseins durch den Christus – Teil 1“, http://philosophie-der-freiheit.blogspot.com/2012/03/die-reformation-der-anthroposophie-in.html

    „Sehr geehrte Junko Althaus,

    In Ihrem Artikel schreiben Sie: „(…) Es war damals für die Menschheit noch nicht möglich. Kein Mensch konnte ein solches Menschheitsbewusstsein, damals vor dem 2. Weltkrieg stark genug erreichen (…)“

    Das ist falsch. Hier ein Mensch, der das „Bewusstsein“ der Gleichheit der Menschen sehr pointiert formulierte:

    „There are many humorous things in the world, among them the white man’s notion that he is less savage than the other savages.“

    Mark Twain, Zitat aus: „Following the Equator“, 1897″

    Anmerkung AM

    Das ist ein Missverständnis.

    Wie in dem obigen Kommentar geschrieben, geht es nicht um Relativierung, sondern um Ausweitung der Kritik. Die schlichte Tatsache, dass Steiner seine üblen Rassenklischees seiner Wiener politischen Sozialisation oder einer verstiegenen theosophischen Evolutionsmetyphysik entnahm, ist kein Argument, sich nicht heute davon zu distanzieren. Und erst recht kein Argument, um die Auseinandersetzung mit Kulturchauvinismus in Vergangenheit und Gegenwart zu unterlassen.

    Ich halte eben nicht an Steiner fest – btw: warum sollte ich das als Nichtanthroposoph auch tun –, sondern kommentiere ja im Gegenteil das inneranthroposophische Schwanken zwischen halbherziger Kritik und ungebremster Vertuschung.

    Nun aber zurück zum Diskussionsthema: Der Rassismus einer esoterischen Bewegung *allein* beunruhigt mich viel weniger als seine bis heute währende Anschlussfähigkeit: es gibt z.B. Strukturanalogien in der hierzulande beliebten Verharmlosung des radikalen Islam, im Antizionismus, wie er sich ausgerechnet in der Partei „Die Linke“ immer wieder findet usw.

    Anders Formuliert: Steiners Rassismus ist nicht deshalb ein Problem, weil Mark Twain „schon weiter war“, sondern weil er innerlich noch immer in Harmonie mit einem eurozentrischen Fortschrittschrittsdenken steht. Dieser Rassismus ist keine Sumpfblüte einer völlig devianten Strömung, sondern ein Indikator deutscher Ideologie, dazu Magnus Klaue:

    „Das kritische Bewusstsein und Steiners Antisemitismus, um sein Denken in obskuren Kategorien wie ‚Wurzelrassen‘ und ‚Volksgeistern‘, seinen eklektischen Spiritualismus … ist längst in jede akademische Auseinandersetzung mit Steiner eingesickert, ohne dass diese an ihrem Gegenstand irre würde. Im Gegenteil: Nicht weil sie von der fortschreitenden Erkenntnis entzaubert worden wäre, ist die Anthroposophie als ideologische Form anachronistisch, sondern weil sie gesiegt hat – weil ihr innerstes Prinzip gerade dort, wo man sich wissenschaftlich und über alle Esoterik erhaben dünkt, zum Konstituens der Alltagspraxis, zur praktischen Form der Selbstzurichtung geworden ist. … Die wahren Erben dieses ganzheitlichen Weltenlaufgefasels, dieses metaphysisch unterfütterten Freiberuflertums, das über Börsenkurse genauso bereitwillig räsoniert wie über Ökologie und die schönen Künste, sind Peter Sloterdijk und Richard David Precht, Slavoj Zizek und Alain Badiou, Norbert Bolz, Rüdiger Safranski et al., denen mühelos gelingt, wofür Steiner immerhin ein halbes Leben brauchte: Glauben und Aberglauben, Wissenschaft und Spiritismus, Ontologie und Lebenshilfe zu verschmelzen, bis niemand mehr annimmt, dass es zwischen alldem je einen Unterschied gab. Auf sie alle trifft zu, was Iris Radisch glaubt, nur Steiner zubilligen zu können: Sie sind ‚Idealisten, die den Praxistest überlebt‘ haben – Priester mit voller Lust auf das pralle Leben also, zupackende Macher mit Transzendenzfimmel. Einen gefährlicheren Menschentypus gibt es nicht.“

    … wobei ich aufgrund seiner Analysen zu Subjektphilosophie in „Die Tücke des Subjekts“ Zizek aus der Aufzählung ausnehmen würde. Was die Anthroposophie angeht: Die halte ich für die Angelegenheit Anthroposophinnen und Anthroposophen. Wenn es mir allerdings gelingt, inneranthroposophisch die Auseinandersetzung mit Steiners Rassismen etc. anzufachen, halte ich das für viel nützlicher, als NichtanthroposophInnen darüber zu informieren, dass es diesen Rassismus gibt. Letzteres ruft nur anthroposophische Apologeten auf den Plan, während die Diskussion mit AnthroposophInnen die einzige Aussicht ist, dort Theorie und Praxis zu verändern.

    Antwort
  • 18. Andreas Lichte  |  20. April 2012 um 6:07 pm

    Sehr geehrter Herr Martins,

    über die Qualität des „anthroposophischen Widerstandes“ haben wir uns schon ausgetauscht, hier: https://waldorfblog.wordpress.com/2012/03/20/anthroposophie-im-widerstand/

    Im Artikel „Hitler, Steiner, Mussolini …”, oben, aber schon als Entlastung der Anthroposophie gegen den „Faschismusvorwurf“ von Ihnen gebraucht, Zitat Martins:

    „Staudenmaier zeigt sogar Präsenz von Anthroposophie und Anthroposophen im antifaschistischen Widerstand auf – ein Thema, das für die Geschichtsschreibung der Anthroposophen in der Naziära noch aussteht:

    »Violet Gibson, the eccentric Anglo-Irish aristocrat who tried to assassinate Mussolini in 1926, traveled in theosophical and anthroposophical circles.«“

    Ist das alles, was Peter Staudenmaier zu Violet Gibson schreibt? Reicht Ihnen das, um aus Gibson eine anthroposophische Widerstandskämpferin zu machen?

    Bei meiner Schnellrecherche habe ich das gefunden, eine erste Ergänzung:

    http://it.wikipedia.org/wiki/Violet_Gibson

    „Es wurde vermutet, dass die damals fünfzigjährige Frau zum Zeitpunkt der Ereignisse psychisch labil war und von einem unbekannten Anstifter dazu gebracht wurde, die Geste auszuführen. In diesem Sinne wurden schwere Verdächtigungen in Richtung von Giovanni Antonio Colonna di Cesarò erhoben. Die Attentäterin wurde auf Wunsch von Mussolini nicht angeklagt und wurde aus Italien nach England ausgewiesen. Sie blieb für 30 Jahre in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, dem St. Andrews Hospital in Northampton, wo sie starb.“

    [„Si è supposto che la donna, allora cinquantenne, fosse mentalmente squilibrata all’epoca dei fatti e che potesse essere stata indotta a commettere il gesto da qualche istigatore sconosciuto. In tal senso furono sollevati pesanti sospetti all’indirizzo di Giovanni Antonio Colonna di Cesarò. L’attentatrice non fu incriminata per volontà dello stesso Mussolini e fu espulsa dall’Italia verso l’Inghilterra. Rimase per trent’anni ricoverata in una clinica psichiatrica, il St, Andrew’s Hospital a Northampton, ove morì.“]

    http://en.wikipedia.org/wiki/Violet_Gibson

    „At the time of the assassination attempt Violet Gibson was 50 years old and did not explain her reason for trying to assassinate Mussolini. It has been theorised that Gibson, an Anglo-Irish aristocrat, was insane at the time of the attack and the idea of assassinating Mussolini was hers and that she worked alone. Gibson was later deported[2] to Britain after being released without charge at the request of Mussolini. She spent the rest of her life in a mental asylum, St Andrew’s Hospital in Northampton.[3]“

    Anmerkung AM

    Sehr geehrter Herr Lichte,

    Dass ich Ihnen die „Qualität“ der nationalistischen anthroposophischen Widerständler einmal mehr gesondert erklären musste, nachdem ich schon im Fazit des Artikels bilanziert hatte, dass sie als eine Ausprägung der anthroposophischen Germanophilie betrachtet werden sollte, ist das Eine.

    Dass Sie es aber auch danach noch für legitim halten, deren Erwähnung sowie die schlichte Tatsache, dass auch sie Steiners Gedankengut „fortschrieben“, als „Entlastung der Anthroposophie gegen den „Faschismusvorwurf““ einzustufen, ist eine schlichte Fehlwahrnehmung und damit letztlich Ihr Problem.

    Die Wortwahl in meinem Artikel ist nach wie vor zutreffend, sofern die Recherchen Staudenmaiers stichhaltig sind. Er schreibt: „Fascist anti-esoteric measures were a potential danger to anthroposophy, not least because several anthroposophists were involved in antifascist activities.“

    Zu Violet Gibsons angeblicher Beeinflussung ist Ihre Wikipedia-Recherche, wiederum nach Staudenmaier, so anscheinend übrigens nicht haltbar:

    „Aufgrund der vorhandenen Quellen ist das schwer festzustellen. Colonna war ein kulturell und politisch vielseitiger Mensch, dessen Verhalten gegenüber dem Faschismus auffallend inkonsequent war. Bei einem Anthroposophen ist das nicht unbedingt überraschend, angesichts der vorwiegend „unpolitischen“ Haltung unter Steiners Schülern, und auch deutsche Anthroposophen wie Emil Leinhas oder Johannes Hemleben haben Mussolini und den Faschismus begrüßt. Die Gerüchte über eine mögliche Beteiligung Colonnas an Gibsons Attentatsversuch wurden schon damals sowohl von der faschistischen Polizei als auch von den britischen Behörden zurückgewiesen. Ins Gesamtbild der italienischen Anthroposophie in der Zeit des Faschismus passt eine zwielichtige Figur wie Colonna eigentlich recht gut ein. Im Rückblick wird er verständlicherweise überschattet von einem Scaligero, mit seinem eifrigen Engagement für den faschistischen Rassismus und Antisemitismus, oder einem Ettore Martinoli, Mitbegründer und Sekretär der italienischen Anthroposophischen Gesellschaft, der als hochrangiger Funktionär der faschistischen Rassenbürokratie an der Judenverfolgung aktiv teilnahm.“

    siehe: „Ja, gewiss kam es zu Spannungen… – ein Interview mit Peter Staudenmaier“

    https://waldorfblog.wordpress.com/2012/05/07/staudenmaier/

    Antwort
    • 19. Andreas Lichte  |  20. Mai 2012 um 9:45 am

      Sie schreiben: „Zu Violet Gibsons angeblicher Beeinflussung ist Ihre Wikipedia-Recherche, wiederum nach Staudenmaier, so anscheinend übrigens nicht haltbar …“

      Es müsste Ihnen klar sein, dass ich Wikipedia nicht vertraue, insbesondere nicht, was Artikel zu weltanschaulichen Themen angeht, beispielsweise „Anthroposophie, Waldorfschule“, vergleiche: http://www.ruhrbarone.de/hitler-steiner-mussolini-anthroposophie-und-faschismus-gestern-und-heute/comment-page-1/#comment-129346

      Wikipedia ist für mich nur ein allererster Anhaltspunkt („Schnellrecherche“). Aber in diesem Fall ein wichtiger:

      Es gilt zweifelsfrei zu belegen, dass „Violet Gibson“ NICHT geisteskrank war – zu Unrecht in der Psychiatrie gebracht wurde – will man sie als „Widerstandskämpferin“ darstellen.

      Will man „Violet Gibson“ auch noch das Etikett „anthroposophische Widerstandskämpferin“ geben, so muss der Nachweis erbracht werden, dass die Anthroposophie ein WESENTLICHER Einfluss für „Violet Gibson“ war.

      Beide Nachweise werden von Ihnen – und Peter Staudenmaier im Interview – nicht erbracht.

      Anmerkung AM

      Dass politische Aktivität und Pathologie-Zuschreibungen einander ausschließen, sehe ich nicht. Staudenmaier hat in seiner Diss. Gibson und einige andere aus einem gegen Mussolini gerichteten Lager aufgezählt, die sich unter anderem in anthroposophischen Kreisen bewegten. Das gilt es zunächst mal festzuhalten, ohne dass damit die Anthroposophie als solche „antifaschistisch“ oder Antifaschisten „anthroposophisch“ werden. Das zeigt lediglich, dass Anthroposophie-Interessenten nicht zwangsläufig einer politischen Richtung angehören, nicht einmal im Faschistischen Staat, und dass anscheinend Antifaschisten (nehmen Sie von mir aus Gibson aus) auch Steiner mit Interesse lesen konnten. Dass es da politisch divergierende Kräfte gab, finde ich festhaltenswert und genau deshalb zitiere ich den entsprechenden Staudenmaier-Passus, ohne damit irgendwen zum Anthroposophen stilisieren zu wollen. Monokausale Begründungen für eine Motivation zum Widerstand halte ich sowieso für sehr zweifelhaft und bevorzuge bekanntlich „differenzierte“ Erklärungen (auch bei den bekannten Widerstandskreisen).

      In dieser Diskussion darf man natürlich nicht vergessen, wie stark die Sympathie für konservative Kräfte in der Anthroposophie war und ist: „Inzwischen ist der rechtskonservative Konsens wieder so lückenlos wie zu Adenauers Zeiten.“, meinte sogar Henning Köhler (Verkappter Rechtsextremismus, in: Info 3, 5/1995, 2).

  • 20. Ronald  |  5. Juni 2012 um 3:13 pm

    Ausserordentliche Arbeit, die Sie hier leisten ,Herr Martins. Ich kann
    Sie nur beglückwünschen. Unverständlich, daß Sie sowenige „Follower“ haben!
    Meine frühere Prognose, daß die fundamentale (!) Arbeit des Herrn Zander unbedingt Früchte tragen wird, zeigen nicht nur die außeranthroposophischen Biographien des „Steinerjahres 2011“- sondern auch I h r e erfrischend ambitionierte Herangehensweise.
    Das bringt wirklich viel Licht in das unterirdische Steinersystem – und der kolportierte „Menschheitsführer“ wird gerechtermaßen zum „Dor(f)nach-Vorsteher“ zurechtgerückt.
    Für mich als ehemaligem „Waldorfvater“, ein dringendes Bedürfnis –
    habe ich doch vorher noch keine so verbogenverlogene Menschen-gruppe wie die der Anthroposophen kennengelernt.

    Antwort
  • 21. Andreas Lichte  |  7. Juni 2012 um 12:25 pm

    “Anthroposophie und Faschismus

    FRANKFURT/M. (hpd) “Ja, gewiss kam es zu Spannungen…” – ein Interview mit Prof. Peter Staudenmaier über Rudolf Steiners Rassismus und Antisemitismus, deren Stellung im “Mainstream der damaligen Esoterik” und die ideologischen Überschneidungen mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus (…)”

    weiterlesen: http://hpd.de/node/13507

    Antwort
  • 22. Andreas Lichte  |  23. Juli 2012 um 10:39 am

    „Anthroposophie und Nationalsozialismus: ‘Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft’

    Die Anthroposophie hatte als konkurrierende Weltanschauung erbitterte Gegner innerhalb des nationalsozialistischen Machtapparats. Sie fand aber auch zahlreiche einflussreiche Förderer und Unterstützer, unter diesen am bekanntesten der „Stellvertreter des Führers“ Rudolf Heß. Was machte die anthroposophischen Angebote aus Sicht ihrer nationalsozialistischen Unterstützer attraktiv? Gibt es eine Kontinuität vom „Dritten Reich“ bis in die Gegenwart? Von Andreas Lichte.

    Anthroposophen arbeiteten in allen für sie wichtigen Praxisfeldern mit nationalsozialistischen Organisationen zusammen, im Überblick:

    – Waldorfschulen: „Das Motto der Waldorfbewegung im »Dritten Reich« lautete: »Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft.«1 Ihrer Selbstdarstellung zufolge lieferte die anthroposophische Pädagogik einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau des neuen Deutschlands durch »die Pflege des völkischen Gedankens und die Betonung des Wesens und der Aufgaben des deutschen Geistes« und stand damit »im Einklang mit der Grundgesinnung des nationalsozialistischen Staates«.2“3

    – Anthroposophische Medizin: „Die Vereinigung anthroposophischer Ärzte stellte eine Hauptstütze der NS-treuen »Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde dar«.“4

    – „Biologisch-dynamische“ Landwirtschaft: „1935 wurde der »Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise« korporatives Mitglied der nationalsozialistischen »Deutschen Gesellschaft für Lebensreform« (Motto: »Die Weltanschauung der Deutschen Lebensreformbewegung ist der Nationalsozialismus«).“5

    Was machte die anthroposophischen Angebote für ihre nationalsozialistischen Unterstützer attraktiv? (…)“

    weiter: http://www.ruhrbarone.de/anthroposophie-und-nationalsozialismus-die-waldorfschulen-erziehen-zur-volksgemeinschaft/

    Antwort

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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Jeder Artikel kann kommentiert werden. Da ich aber bei Internetdiskussionen zu diesem Thema schon einiges an widerlichen Unterstellungen und Beleidigungen von pro- wie antianthroposophischen Seite gelesen habe, werden die Kommentare aber vor ihrer Veröffentlichung geprüft und ich behalte mir vor, sie ggf. zu kürzen oder nicht freizuschalten. Ich will damit niemanden "zensieren", sondern versuchen, eine faire und möglichst sachliche Diskussionskultur zu schaffen.

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Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

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