Denken als meditative Verbindung zur evolutionären Wirklichkeit: Jens Heisterkamps „Anthroposophische Spiritualität“

2. November 2014 at 11:28 pm 10 Kommentare

Über den „leidgeprüften Redaktionsalltag einer anthroposophischen Zeitschrift in Zeiten von Kopp-Verlag, Wahrheits-TV und Reichsbürger-Freunden“ schrieb kürzlich Jens Heisterkamp – Chefredakteur von „Info3“. Er berichtete von verschwörungstheoretischen, ja rassistischen Lesermeldungen seiner Zeitschrift, die sich in der letzten Zeit gehäuft zu haben scheinen. „Losgelöst von aller Vernunft“ nennt er diese Kategorie Anthroposophen. Er stellt aber klar: „Von einem Leben in Bewusstheit und Verbundenheit lasse ich mich davon nicht abbringen.“ (Heisterkamp: Völlig losgelöst) Wie das aussehen soll, verrät sein eben erschienenes Buch „Anthroposophische Spiritualität“. In dessen Zentrum steht tatsächlich ein Leben der Meditation: „Erkennen durch Hingabe“. Heisterkamps Buch nun ist ein prägnant formuliertes Zeugnis einer Art post-postmodernistischen Esoterik, die nach deren postmoderner Relativierung den Anschluss an die höchste moderne Tugend wieder sucht: die Vernunft bzw. das Denken. Das führt zu einer stark epistemisch geführten Esoterik, die auch durchaus noch auf den Schultern Herbert Witzenmanns steht. Quellentechnisch bezieht sich Heisterkamp vielfach auf die Schriften des jungen, philosophischen Steiner. Mit diesem Buch legt der Info3-Verlag ein kleines Credo der liberalen Anthroposophie vor, das als solches verdient, hier ausführlich diskutiert zu werden.

„Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden“

In der Tat ist Heisterkamps Steinerbild dezidiert selektiv. „‚Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden‘ – diese von Steiner selbst formulierte Lebensregel gilt es auch im Blick auf sein eigenes Werk zu beherzigen.“ Letzteres funktioniere oftmals „wie ein Steinbruch“, das sei auch legitim, immer müsse aber eruiert werden, „was genau davon aktualisiert werden will. Manches ist inzwischen zeitlich überholt – nicht nur die sprachliche Diktion …“ Hier kommt er auf Steiners Rassismus zu sprechen, es gelte, „den zeitlichen Abstand zu einer Gründerfigur aus der Spätkolonialzeit“ ins Bewusstsein zu rufen. (Heisterkamp: Anthroposophische Spiritualität. Denken, Meditation und geistige Erfahrung bei Rudolf Steiner, Frankfurt/M 2014, 36f.) Dies ist nicht die einzige Stelle, an der der Autor sich von rassistischen Aussagen abgrenzt, wobei er sich freilich auch auf „Humanismus und Individualismus in Steiners Denken“ beruft.

Insbesondere kritisiert er Steiners „oft begrenzte Sicht des Judentums, die einem christozentrischen Denken entsprach, dessen Überwindungsbedürftigkeit sich die Kirchen heute weit bewusster sind als noch viele Anthroposophen.“ Es sei an der Zeit, „Steiners betonte Exklusivität der christlichen Religion und den von ihm selbst gewollten überkonfessionellen Charakter andererseits neu zu gewichten.“ (ebd., 125) Heisterkamp beruft sich vielmehr auf die Kabbala-Deutung Gershom Scholems: „Es ist also mit anderen Worten Worten der Mensch, der dem Antlitz Gottes die letzte Vollendung gibt.“ (ebd., 81)

Dialog und Entmythifizierung

Hier mag man an andere Info3-Autoren, wie den insbesondere für die Beziehung von Judentum und Anthroposophie eintretenden Janos Darvas denken. Darvas wie Heisterkamp stehen für eine interreligiöse Anthroposophie, deren Funktionieren nicht eine kosmosophische Universaltheorie, sondern eine mystisch-meditative Praxis garantiere, die gleichermaßen in Kabbala und Buddhismus, Christentum und eben bei Steiner gefunden werden soll. (vgl. auch Janos Darvas: Gotteserfahrungen. Perspektiven der Einheit: Anthroposophie und der Dialog der Religionen, Frankfurt/M 2009) Wouter Hanegraaff würde hier wohl von „Religionism“ sprechen. Wie seine Zeitschrift „Anthroposophie im Dialog“ untertitelt ist, geht es Heisterkamp aber nicht etwa um eine inklusivistische Religionstheologie, sondern tatsächlich um eine esoterische Ökumene: „im Dialog nach ‚außen‘ ein der Gegenwart entsprechendes Problembewusstsein und Diskursniveau gewährleisten.“ Insbesondere sind seine Überlegungen im Rahmen der „Herbstakademie“ entstanden, die Info3 jährlich mit der (Ken Wilber verpflichteten) „Integralen Akademie“ und der deutschen „EnlightenNext“-Bewegung (Andrew Cohen) veranstaltet. Einige der veröffentlichten Texte wurden im Rahmen dieses Austauschs vorgetragen. Dieses Milieu sorgt in der Tat für regen personellen und ideellen Austausch zwischen den zusammengetretenen Lagern: Der ehemalige Info3-Redakteur Sebastian Gronbach hat sich etwa zwischenzeitlich gemeinsam mit seiner Frau für die Gründung und Leitung einer New Age-Meditations-„Akademie im Schloss Gelsdorf“ entschieden.

Heisterkamp lässt keinen Zweifel daran, dass er auf eine „pluralistische Weltzivilisation“ und auf eine „post-metaphysische Spiritualität“ (Wilber) zielt, was auch immer das im einzelnen sein soll. (ebd., 37, 82) An die Stelle von übersinnlicher Wesenschau tritt, auch im Anschluss an Wilber, eine induktive Bewusstseinsphänomenologie mit idealistisch-„transpersonalem“ Menschenbild. Heisterkamp sieht sich hier in der Nähe des „philosophischen Idealismus … dass die Weltentwicklung im Menschen zu sich selbst kommt und von hier aus eine neue Zukunft beginnt.“ (ebd., 124) Interessanterweise diskutiert Heisterkamp Hartmut Traubs umfangreiche Kritik der philosophischen Hauptwerke Rudolf Steiners nicht. Er bemüht sich vielmehr, diese panpsychistisch-evolutionäre Weltsicht auch in Steiners Frühwerk aufzufinden, fordert jedoch zugleich „eine Neubesinnung auf eine ursprüngliche, ’nicht-theosophische‘ Anthroposophie.“ (ebd.) Mit Steiners ab 1903 vertretener theosophischer Evolutionsdoktrin jedenfalls kann der Info3-Chef anscheinend wenig anfangen: „das Eingreifen des Geistes in den Evolutionsstrom … scheint bisher nicht ohne den Rückgriff auf mythologische Elemente darstellbar zu sein … Steiner hat hier offenbar keinen anderen Weg der Darstellung gesehen, als die Wirkmächtigkeit von Bewusstsein als evolutiver Kraft unter Rückgriff auf die Bildlichkeit ‚höherer Wesen‘ zu schildern. Entstanden sind dabei äußerst bilderreiche Erzählungen speziell in seinem Buch Geheimwissenschaft im Umriss, die seiner als Philosoph aufgestellten Maxime eines Verzichts auf ‚außermenschliche‘ und ‚außerweltliche‘ geistige Kräfte zu widersprechen scheinen.“ (S. 87f.)

Denken und Wirklichkeit

Interessanterweise steht Heisterkamps Trans-Steiner vor allem auf zwei Füßen: Auf dem Mystik-Denker Steiner nach 1900 und dem Goetheanisten Steiner vor 1890. Das theosophische Werk findet weniger Resonanz. Auch der von Steiner ab Mitte der 1890er eingeschlagene freiheitsphilosophische, schließlich zum Anarchismus führende Weg wird nicht bis in die letzte Konsequenz entfaltet. Heisterkamp versucht nicht, Steiner mit Fichte und Stirner, sondern mit Goethe und, nicht zuletzt, Hegel zu denken: „Er prägte die fundamentale Erkenntnis: Die Wahrheit ist das Ganze, Sein und Werden“ (S. 82), aber noch nicht fertig: Gott habe sich in seine Schöpfung verströmt und an sie gebunden, zitiert er Steiners „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ (1886): „Hat somit der Weltengrund Ziele, so sind sie identisch mit den Zielen, die sich der Mensch setzt, indem er sich darlebt … Er lebt nicht als Wille irgendwo außerhalb des Menschen; er hat sich jedes Eigenwillens begeben, um alles von des Menschen Willen abhängig zu machen.“ (GA 2, 124) Dieser Gott realisiere sich im Selbstbewusstsein des Menschen, dem eben das Denken und somit die Möglichkeit zu ko-kreativer Vollendung der Schöpfung eigen sei. So konkretistisch allerdings ließe sich Hegels Absolutes, das ein getrenntes Sein als Moment seiner eigenen Wahrheit voraus-setzt, und von dort in sich zurück kehrt, nicht auf eine universale Evolution oder eine linkshegelianische Ich-Philosophie festlegen.

Heisterkamps Fokus auf das Denken als Medium der kosmischen Evolution setzt das Denken als archimedischen Punkt menschlicher Verbundenheit mit der Welt, die wir in unserem Denken wirklich erfassen. Dies führt dazu, die Welt unter dem Gesichtspunkt eines Ideen- bzw. Begriffspunktes wahrzunehmen: „Unser Erkennen“ als ein „Geschehen“, „das als organische Fortsetzung zur Welt dazugehört“: „Ja, der Begriff der Pflanze gehört zur Pflanze selbst, und dass wir ihn fassen können, ist gleichzeitig die Ursache unserer Verbindung mit ihr. In uns selbst kommt zur Erscheinung, was in der Pflanze am Werk ist.“ (S. 52) Das ließe sich von (Steiners) Goethe her denken, nicht aber von der „Philosophie der Freiheit“, in der Steiner nach einer Kritik an Ansätzen, die Zweckbegriffe an die Natur selbt anlegen, klarstellt: „In der Natur sind aber nirgends Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets nur als der ideelle Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Ursachen sind in der Natur nur in Form von Wahrnehmungen vorhanden.“ (GA 4, 189)

Mit und ohne Hegel

Heisterkamp denkt den Zusammenhang von Begriff und Sein ontologisch. Steiners postulierter ideeller Zusammenhang von Welt und Mensch war in seiner Freiheitsphilosophie ein epistemischer, kein ontologischer (wie noch in seinen „Grundlinien einer Erkenntnistheorie“). Geist und Natur werden durch das Denken hier nicht einfach nur überbrückt, der Begriff wirkt nicht aus einem geistigen Urgrund in die Natur hinein. Sondern der vom Menschen gefasste Begriff erfasst die Wirklichkeit, weil sich in seinem Bewusstsein in der Synthese von Wahnehmung und Begriff erst die gedachte Wirklichkeit konstituiert. Die Wahrnehmung als solche hat keine Wahrheit, das Denken fügt ihr den Sinn hinzu. Es erweist sich nicht als organische Fortsetzung der Welt, sondern die Welt als erkannte Voraussetzung seiner Begriffsbildung. Dies entspricht dem Verhältnis von Hegelscher Seins- und Begriffslogik. Das menschliche Denken hebt das Seiende, Wahrgenommene, ins Begriffliche auf: Der Begriff setzt zunächst ein Seiendes, auf das er sich bezieht, voraus, das er erkennend aufhebt: „das Sein, als Unmittelbare Einheit mit sich“ wird vom „Begriffe, als der freien Vermittlung in sich“ transzendiert: „Indem sich das Sein als Moment des Begriffs gezeigt hat, hat er sich dadurch als die Wahrheit des Seins erwiesen“. (Enzyklopädie, I, § 159) Trotz dieser Übereinstimmung war Steiners Ansatz subjektivistischer. Gegen diesen objektiven Idealismus vertrat er (einmal mehr in seltsamer Einmütigkeit mit Kant, wenn auch mit ganz anderen Konsequenzen), dass nicht schon Hegelsche „Wissenschaft der Erfahrung des Bewusstseins“, sondern erst das sittliche Handeln des Menschen Ideelles in der Welt realisiere, diese selbst zeige sich keineswegs als Verkörperung von selbst teleologisch wirksamem Geist:

„Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle. Ich trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an. Ideen werden zweckmäßig nur durch Menschen verwirklicht. Es ist also unstatthaft, von der Verkörperung von Ideen durch die Geschichte zu sprechen. Alle solche Wendungen wie: «die Geschichte ist die Entwicklung der Menschen zur Freiheit», oder die Verwirklichung der sittlichen Weltordnung und so weiter sind von monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.“ (GA 4, 186)

Diese Ansicht sollte sich bis 1900 zum radikalen Subjektivismus und ethischen Egoismus steigern. Es ist daher falsch, wenn Heisterkamp Steiners Verhältnis zum Historischen Materialismus während seiner Lehrtätigkeit an der Berliner Arbeiter-Bildungsschule schreibt: „Die Geschichte stellt er vielmehr im ursprünglich Hegelschen Sinne als Geschichte zunehmender Freiheit dar.“ (S. 27) Somit zahlt Heisterkamp deutlich seinen Tribut an Steiners theosophische Kehre. An dieser ging der „radikale Aufbruch in die Freiheit“, so Hartmut Traub, verloren, „also das, was den frühen Steiner – auch Stirner, Nietzsche und Fichte –  besonders anziehend macht: Das Freiheitsmotiv, das die Philosophie seit ihren europäischen Anfängen in denkenden Wesen anspricht und zum Klingen bringt, der unüberwindliche Glaube an die selbstschöpferische Kraft des Individuums.“

Es liegt mir fern zu behaupten, Heisterkamp habe sich über das Verhältnis von Steiner und Hegel oder die Pointen der „Philosophie der Freiheit“ getäuscht: Es ging mir darum, zu zeigen, auf welche Pole von Steiners vielschichtigen und wechselhaften Denkgebäuden in der Anthroposophie Jens Heisterkamps wert gelegt wird. Dies ist die Suche nach einer Verbindung von Steiners ethischem Individualismus mit einer Haltung der Kontemplation, in der sich denkend das evolutionäre Weltbewusstsein entfaltet und auf eine neue Stufe hebt. Hier darf man wohl auf Christian Clement hinweisen, der Steiners philosophische Weltanschauung einerseits und theosophische Entwicklung andererseits von seinen „Mystik“-Schriften nach 1900 zu erschließen versucht hat. Auch Jens Heisterkamps Steinerrezeption lebt aus der Spannung zwischen diesen beiden Polen und lässt sich nicht auf den „frühen“ oder „späten“ Steiner allein festlegen.

Ontologie statt Epistemologie

Letztendlich will Heisterkamp nicht auf die vom frühen Steiner angestrebte Erkenntnistheorie, sondern auf die spirituelle Verbundenheit mit der Welt hinaus. So wird der philosophische Idealismus Steiners bereits in den okkulten Wissenschaftsanspruch des Theosophen hineingenommen, beide verbünden sich zur New Age-Philosophie: Es gehe beispielsweise der anthroposophischen Samenkorn-Meditation darum, „die übersinnlichen Bildekräfte der Welt (Jahrzehnte später von Rupert Sheldrake als ‚morphische Felder‘ bezeichnet), konkret ‚anschauen‘ lernen.“ (S. 31) Auch nach „der Wahrnehmungsfähigkeit der Chakren“ wird gefragt. (S. 116)

Der philosophische Individualist Steiner wird mit dem esoterischen Weltanschauungslehrer verschmolzen – was aber auch ein erklärter Programmpunkt ist. Heisterkamp bestimmt das individuelle Denken als den Ort, in dem sich ein überindividuelles Allgemeines realisiert, und kann sich dabei durchaus wieder auf Steiners spinozistische Religionsphilosophie in der „Philosophie der Freiheit“ berufen. Steiner dort: „Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil der gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen auch durch den tatsächlichen Inhalt ihres Denkens. Aber diese Inhalte sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte aller Menschen umfaßt. Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der Mensch in seinem Denken. Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott.“ (GA 4, 250) Heisterkamp erweitert das Leben in Gott, dieses „mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit“, zu einer evolutionären Fortschrittsgeschichte:

„Der individuelle Mensch ist mehr als ein Exemplar der Menschheit, er ist nur die einzigartige Form, in dem sich ‚das Eine‘ manifestiert – denn dann wäre in diesem ‚Einen‘ schon enthalten, eine Evolution wäre sinnlos und es wäre nichts wirklich nichts neues mehr möglich.“ (S. 69)

„…das Ziel ist auch hier die konkrete Erweiterung unseres zunächst ego-verengten Menschseins durch erkennendes Eins-Werden mit dem Geist der Dinge und dem Ganzen des Kosmos … Die einsetzende Erfüllung mit dem konkreten Geist der Dinge ist für ihn gleichzeitig die Höher-Transformation des Menschen, seine ‚Erleuchtung‘.“ (S. 117)

Immer wieder wird im Buch versucht, eine Verbindung Steiners zu Martin Heidegger zu konstruieren. Weil ersterer in Wien bei Franz Brentano gehört hat, dessen Schüler Husserl der Lehrer Heideggers war, seien Steiner und der Edelontologe quasi geistesverwandt: „Wenn man Brentano als einen Stamm sieht, dessen einer Zweig zu Heidegger führte, dann führt ein anderer zu Rudolf Steiner“ und beide zu einer „Strömung, der es um das Sein als Ganzes und um die Überwindung des Dualismus von Subjekt und Objekt.“ (S. 20) Übersinnlichkeit wird hier als unmittelbare Kommunikation des Denkens mit dem Gegenstand beschrieben, Übersinnlichkeit als Erfülltsein durch die denkende Einheit mit dem Gegenstand, der mit nicht mehr bloß die sinnlich wahrnehmbare Außenseite zeige. Die Steiner-Interpretation bei Heisterkamp ist keine Verfälschung, sondern der konsequent durchgedachte Versuch, Steiners Esoterik mit seiner Philosophie zu stabilisieren und erstere bereits als die eigentliche Quelle der anthroposophischen Esoterik zu deuten.

Evolution

Heisterkamps (freilich durch Steiner in vielerlei Hinsicht gedeckter) Versuch, eine Mystik des Denkens als Zugang zum Übersinnlichen zu entwickeln, ohne dabei gegenständlich-übersinnliche Hinterwelten zu konstruieren, führt auch zu einem veränderten Verständnis der anthroposophischen Grundidee: Evolution. Nicht mehr wird hier eine Emanationsgeschichte der „Wesensglieder“, begleitet von engelhaften Hierarchien und mythologischen Orten beschrieben, wie bei Steiner selbst. Bei Heisterkamp ist von Steiners wimmelnd-arbeitsteiliger Geisterwelt nicht mehr übrig geblieben als das Postulat, in der Physis manifestiere sich Geist und ein anthropisches Prinzip der Evolution: „Sie bringt nach und nach die Stufen von Stofflichkeit, von immer höher organisiertem organischen Leben und von beseelten und bewussten Lebewesen erscheint, in dem der Geist als Fähigkeit zum Selbstbewusstsein und als Potenzial sinnstiftender Zusammenhangbildung erscheint.“ (S. 86f.)

Wie aber sind dann Steiners durchaus konkrete Darstellungen von Planeten-Stufen und Engelhierarchien zu deuten? Heisterkamp interpretiert sie als Versuch, die Einwirkung des Geistes auf Materie (und seine ontologische Vorgängigkeit vor Materie) ohne „Schöpfergott“ zu erklären. Aber als einen resignierten Versuch, den er mit spitzer Feder beschreibt. Die „bilderreiche Erzählung“ der Planetenevolution fasst Heisterkamp in nur einem flüchtigen Absatz zusammen. Offenbar möchte Heisterkamp Evolution ohne die „Bildlichkeit“ von „höheren Wesen“ denken, und unterstellt auch Steiner, dieser habe mit dem „Rückgriff auf mythologische Elemente“ arbeiten müssen, um seine tieferliegenden Thesen zu illustrieren.

Hier zeigt sich, warum der philosophische Steiner für Heisterkamp so wichtig ist: Es geht durchaus darum, Geist und Welt ohne deren Zersplitterung in Geister zu denken, dazu die Konstruktion von Hinterwelten und geschichtsmetaphyischen Mächten zu vermeiden. Die top-down Entwicklung der „geistigen Welt“ wird letztlich negativ-theologisch zur Entwicklung einer bottom-up Bewusstseinsgeschichte. Hier schlägt sich die aus der transpersonalen Psychologie stammende New Age-Philosophie Ken Wilbers nieder. Entsprechend werden alle evolutionären Konkretionen Steiners abgeschwächt und umgedeutet: Die Wurzelrassen und Kulturepochen spielen keine Rolle mehr, stattdessen schildert Heisterkamp die Kulturgeschichte Wilbers: archaisch, magisch, mythisch, rational, integral entfalte sich das Bewusstsein des Menschen aus der Urgeschichte zur Moderne. Gegenüber Steiners Ansatz hat das in der Tat den Vorteil, dass dies eine universale Zivilisationsgeschichte beschreiben soll, die Fixierung auf Kulturkreise, „Rassen“ und Völker wird umgangen. Die Aufteilung der Geschichte in bestimmte „Epochen“ mit bestimmten „Missionen“ und Träger-Völkern wird überflüssig.

Damit ordnen sich auch andere anthroposophische Vorstellungen in Heisterkamps Buch neu an. Zum Beispiel seine Deutung der Reinkarnation, deren Plausibilität aus der Traurigkeit des Gegenteils erhärtet werden soll: „Im Sinne der evolutiven Weiterentwicklung wäre es geradezu widersinnig, wenn schon entstandene Reife an Individuation wieder vollständig verfallen würde“, also mit dem Tod ausgelöscht wurde. Dazu beruft sich Heisterkamp auf Eckermanns „Gespräche mit Goethe“, der aus dem Begriff der Tätigkeit ableitete, dass ein tätiges Subjekt eine neue Daseinsform gewinnen müsse, wenn  „die jetzige meinen Geist nicht ferner zu halten vermag.“ (S. 75) In der Tat hatte Steiner vor 1900 noch verkündet:

„Diesen Gedanken als eine in der Zeitenfolge vor sich gehende Verkörperung des Individuums in verschiedenen, immer vollkommeneren Formen vorzustellen ist bloß bildliche Darstellung. So meint es die Esoterik. Wer die Bilder für die Sache nimmt, weiß nichts von Esoterik.” (GA 30, 511)

Jens Heisterkamp plädiert ebenfalls für eine allegorische statt wörtliche Auslegung der Reinkarnationsidee:

„Über das genaue ‚Wie‘ dieser Idee, insbesondere über die Frage, ob es einen vom Körper unabhängigen individuellen Geist geben kann, der in zeitlicher Folge unterschiedliche Körper ‚bewohnt‘, ist damit noch nicht gesagt… Die Vision wäre also: Spirituelle Einheit nicht als etwas zu begreifen, was durch Zurücknahme von Individualität entsteht, sondern durch das schöpferische Spiel entwickelter, reifer und immer umfassender werdender Individuen…“ (ebd., 76)

Mit seinem Buch ist Heisterkamp seinem Ruf als Vordenker einer liberalen Anthroposophie gerecht geworden. Die Hofffnung auf die Einheit der Menschheit als Summe universal rereifter Individuen ist bürgerliche Utopie – nicht umsonst erinnert Heisterkamps Reinkarnations- an Kants Unsterblichkeitspostulat. Anders als Jens Heisterkamp vermag ich eine solche Tendenz zur Versöhnung von Allgemeinem und Besonderem in der Geschichte nicht zu erkennen. Sie optimistisch als Ziel des evolutionären Gangs zu verkünden, scheint mir ungerechtfertigt – weil sich der ersehnte Fortschritt der Menschheit als Ganzer nicht eingestellt hat.


Mehr auf diesem Blog:

Die Pythagoräische Wende. Esoterikforschung auf der Suche nach ihrem Gegenstand

Die Scheidung der Geister. Eine Zwischenbilanz zur anthroposophischen Erinnerungskultur

„Die Wunderwaffe jedes Fundamentalisten“ (Christian Grauer)

„Übersinnliche Wellness pur“ (Andreas Laudert)

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Entry filed under: Anthroposophie & Philosophie, Esoterikforschung, Jens Heisterkamp, Literarisches, Nachrichten.

„Sergej, du hast dich selbst gegeben“. Nachlese zum Aussterben der Theosophie und zu anthroposophischen Erinnerungen an Sergej Prokofieff János Darvas: Lesarten. Zu Ansgar Martins Interpretation meiner Publikationen über Judentum und Anthroposophie

10 Kommentare Add your own

  • 1. Rainer Herzog  |  3. November 2014 um 8:00 am

    Eigentlich ein schöner und sehr anspruchsvoller Artikel. Was mir bei diesen und ähnlichen Texten, auch bei der „Phil.d.Freiheit“, allerdings immer wieder auffällt, ist, dass die Frage nach der konkreten Erfahrung des Einzelnen längst nicht mehr gestellt wird. Vielleicht ist sie zu „einfach“ oder unwissenschaftlich.

    „Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der Mensch in seinem Denken. Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott.”

    Ja, sehr gut, aber gibt es einen Menschen, der ernsthaft davon ausgeht, Gott zu erfahren, wenn er denkt ?

    Antwort
    • 2. A.M.  |  3. November 2014 um 2:02 pm

      Das Problem mit den Erfahrungen des Einzelnen kauft sich der deutsche Idealismus: Gegenüber dem deduzierten reinen „Ich“ sieht die empirische Person schäbig aus. Deshalb auch der Weg der Hegelkritiker, vor allem Kierkegaards, sich gegen das absolute System und auf die Seite der „Not des Existierenden“ zu schlagen.

      Ich nehme an, dass Jens Heisterkamps Gott pantheistisch funktioniert: Das Denken ermöglicht nicht etwa Gottesschau, sondern Gott *ist* irgendwie denken – und dass er das glaubt, nehme ich stark an.

  • 3. Andreas Lichte  |  3. November 2014 um 11:12 am

    … „dann mach ich mir ’nen Schlitz ins Kleid und find es wunderbar““:

    Herr Heisterkamp kann ja gerne versuchen – und sich dabei grossartig fühlen – seine EIGENE Anthroposophie zu erschaffen, nur sollte er ihr dann auch einen EIGENEN Namen geben – mit Rudolf Steiner hat das ganze nichts mehr zu tun.

    @ Ansgar Martins

    da haben Sie sich aber – zusammen mit Herrn Heisterkamp – sehr angestrengt, die Kritik Hartmut Zinsers zu entkräften … meinen Sie, es ist Ihnen gelungen?

    Hartmut Zinser, “Rudolf Steiners ‘Geheim- und Geisteswissenschaft’ als moderne Esoterik

    Vortragsmanuskript. Tagung: Anthroposophie – kritische Reflexionen.

    (…)

    4. Zum Schluß: Zwei kritische Bemerkungen zu Steiners Konzept von Geist und Sinn

    R. Steiner artikulierte einen Einspruch und Protest gegen das mechanisch-materialistische Weltbild des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh.s, in welchem der Mensch wie eine Maschine auf Funktionieren ohne Sinn und Verstand reduziert wird. Auf diesem Protest basieren auch viele der lebensreformerischen Anstöße und Projekte Steiners. Da er aber den Geist als Welt hinter der sinnlichen Welt konzipiert und diesen auf der gleichen Ebene wie die materiellen Gegenstände ansiedelt, macht er den Geist selber zu einem Gegenstand und Ding neben, bzw. hinter den Dingen. (Dabei wird Geist zugleich in Geister aufgelöst.) Wenn Geist als Ding, als einzelnes Seiendes, wenn auch hinter dem Sein angesehen und in der Hinterwelt gesucht wird, wird er erneut aus unserer Welt beseitigt. Der Protest widerspricht sich selber und wiederholt das, wogegen er Einspruch erhoben hatte. Kein Geist ist da und es bleibt R. Steiner nur, das Suchen nach dem Geist als Geist auszugeben.
    (…)”

    Quelle: https://www2.hu-berlin.de/gkgeschlecht/downloads/veranstalt/2006/Zinser%20Vortrag%20HU%20210706.pdf

    Antwort
    • 4. A.M.  |  3. November 2014 um 2:27 pm

      Süß. Wenn Sie sich jetzt bemüßigt fühlen, zu entscheiden, was sich „Anthroposophie“ nennen darf – und wenn Sie auch noch beleidigt sind, dass Hartmut Zinsers Kritik hier vielleicht nicht greife, ist das nun wirklich Ihr Problem.

      Diese post-postmoderne Anthroposophie steht letztlich auf den Schultern C.G. Jungs statt Blavatskys. Sie wirft die theosophische Wesens-Metaphysik über Bord, der Geist manifestiert sich nicht in höheren Welten (nicht als „Ding hinter den Dingen“), sondern als eine Art panpsychisch-„transpersonales“ kollektives Unbewusstes. Die Hinterwelten kommen als Bewusstseinswelten wieder – Geist wird nicht zum Ding hinter den Dingen, sondern meine Wahrnehmung der Dinge zu Geist, die Tatsache, dass sie sich in meinem Bewusstsein befinden identisch mit „spiritueller“ Erfahrung. Fällt Ihnen denn jetzt ernsthaft unabhängig von Ihrem Zinser-Zitat (das auch noch eine Adorno-Paraphrase ist) keine Kritik dazu ein?

      Dann seien Sie getrost: Neben diesem PDF gibt es nämlich auch ein ganzes Buch zum Thema von Hartmut Zinser.

      Esoterik. Eine Einführung, München 2009

      http://www.amazon.de/Esoterik-Eine-Einf%C3%BChrung-Hartmut-Zinser/dp/3770548744/ref=la_B0045805V2_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1415020405&sr=1-2

      U.a. mit den Kapiteln „Überpersönliches Weltbewußtsein“ und „Unbewusste Psychologie“. Viel Spaß.

  • 5. Andreas Lichte  |  3. November 2014 um 2:48 pm

    @ A.M.

    ist Ihr „Süß“ die Fortführung meines „Klimbim“-Zitats? Passt …

    „Klimbim“ hatte ich gebracht, um Ihr „… Sie sich jetzt bemüßigt fühlen, zu entscheiden, was sich “Anthroposophie” nennen darf …“ schon mal kurz vorab zu beantworten:

    na klar, jeder kann tun und lassen, was er will …:

    manch einer nennt ja sogar Rudolf Steiner einen „Philosophen“.

    Ich kann den „Philosophen“ leider nicht entdecken, habe Steiners Doktorarbeit durchsucht, aber da war nichts … und Ludger Jansen erklärte mir, dass das doch eigentlich schon die „Philosophie der Freiheit“ sei …

    Antwort
  • 7. Rainer Herzog  |  3. November 2014 um 6:45 pm

    Man kann den Anthroposophen vieles vorwerfen, nur nicht, dass sie zuwenig denken: Es gibt in der Anthroposophie das lebende Denken, das sinnlichkeitsfreie Denken, das ichhafte Denken, das willenshafte Denken, das denkende (!) Denken (Scaligero), bei M.Kirn sogar so etwas wie ein „großes Denk-Ereignis“.

    Meine Güte, es wird dort anscheinend viel gedacht, eventuell immer, durchgehend. Denk, denk, denk. Gerne liest man 1000 Seiten Vergleiche des Denkens bei Steiner und bei Fichte.

    Das Fühlen, die Emotionen, Ängste, der Körper, Atem, Sex sind entweder subjektiv, oder östlich oder ganz allgemein fragwürdig, „etwas zu überwindendes“ – da wundert man sich, dass man als spirituelle Richtung nicht wahrgenommen wird…?

    Antwort
    • 8. Andreas Lichte  |  4. November 2014 um 4:10 pm

      „Hier zeigt sich ein bedeutsame Wahrheit: Je fehlerhafter die Logik, um so interessanter die sich aus ihr ergebenden Konsequenzen.“

      wer hat‘s gesagt? (kleiner Tipp: Steiner war‘s nicht, der weiss gar nicht, was „Logik“ ist)

  • […] Weltbild, die allerdings als dezidiert selektive Interpretation gekennzeichnet ist (vgl. Jens Heisterkamps “Anthroposophische Spiritualität”) ist diese wie auch immer originelle Umdeutung Steiners in einer kritischen Edition allenfalls als […]

    Antwort
  • […] die Steiners Entwicklung nach den Mystik-Schriften eine uneigentliche Phase bleibt. (Heisterkamp: Anthroposophische Spiritualität, 124) Heisterkamp begeistert sich zwar für eine spirituelle Evolution der Kultur, aber die läuft […]

    Antwort

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Hallo allerseits,
Ich bin Ansgar Martins, geb. 1991 und war bis Juni 2010 Schüler an der FWS Mainz. Inzwischen studiere ich Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte in Frankfurt a. M. Dieser Blog ( dessen "Leitbild" ganz oben rechts ) ist mein persönliches Projekt, um die oft einseitigen und selbstgerechten Pro- und Contra-Positionen in der Debatte um die Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch zu kommentieren. Ich hoffe, das gelingt, und freue mich über Rückmeldungen jeder Art!

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Mit Urteil vom 12.Mai 1998 hat das LG Hamburg entschieden, dass mensch durch die Ausbringung eines Links die Inhalte der verlinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann, so das LG, nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert.

Da ich dieses Risiko gerade bei den bekannten Verstiegenheiten anthroposophischer Websites nicht eingehen will, distanziere ich, Ansgar Martins, mich hiermit vorsorglich von ausnahmslos allen Gestaltungen und Inhalten sämtlicher fremder Internetseiten, auch wenn von meiner Seite ein Link auf besagte Internetseite(n) gesetzt wurde.

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