“Das Karma der Unwahrhaftigkeit”
Anthroposophen und ihre Kritiker tun sich aktuell an den Eingeweiden der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung gütlich. Während ein nichtanthroposophischer Verlag inzwischen die erste historisch-kritische Ausgabe der Steinerschen Werke ankündigt (was eigentlich Aufgabe der Nachlassverwaltung gewesen wäre), schaffen die Dornacher Nachlassverwalter es auch an anderer Stelle nicht, über ihren eigenen Schatten zu springen. Zu dokumentieren wäre mal wieder die anthroposophische Tradition rassentheoretischen Denkens.
Die gute Nachricht zuerst
Der philosophische Fachverlag fromman-holzboog plant, eine achtbändige Kritische Ausgabe der Werke Rudolf Steiners herauszubringen. Damit wird der Guru Jahrzehnte nach seinem Tod endlich in einer Textausgabe präsentiert, wie sie im wissenschaftlichen Kontext Standard ist. Der Verlag verkündet:
“Die kritische Edition ausgewählter Schriften Rudolf Steiners (1861–1925) bietet die Grundlagentexte der Anthroposophie, der wohl bedeutendsten esoterischen Bewegung des 20. Jahrhunderts, zum ersten Mal in textkritischer Ausgabe. Steiners zentrale Schriften zwischen 1884 und 1910 werden in ihrer Textentwicklung durch die verschiedenen Neubearbeitungen hindurch verfolgt, im Rahmen von Steiners intellektueller Biographie kontextualisiert und hinsichtlich ihrer Quellen und Bezüge umfassend transparent gemacht. So wird ein neuer Editionsstandard für das geschriebene Werk Steiners gesetzt, welcher der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Anthroposophie eine unverzichtbare textuelle Grundlage schafft.”
Der Frommann-Holzboog-Verlag ediert auch die Schriften Fichtes, Schellings, Jakob Böhmes oder des Rosenkreuzers Johann Valentin Andreae. Die “Kritische Ausgabe” (KA) Steiners steht hier also unerwartet in durchaus prominenter Nachbarschaft. Wie kam es dazu? Christian Clement, Assistant Professor für Deutsch und deutsche Literatur an der mormonischen Brigham Young University (vgl. FAZ), hatte den Verlag von dem Projekt überzeugt. “Das war freilich für jemanden auf meiner Stufe der akademischen Karriereleiter sehr gewagt”, findet Clement: “…und ich gebe zu, dass ich selbst überrascht war, als der Verlag tatsächlich positiv antwortete … Mit Blick auf die Zukunft sehen wir die KA als mögliche Grundlage einer voll ausgewachsenen historisch-kritischen Ausgabe”. Nach seinem Interesse an der Anthroposophie gefragt, betonte Clement, er sehe sich “selbst durchaus als ‘Insider’” und sei an der Anthroposophie als “Erbin” esoterischer Traditionen “existentiell interessiert”. Die Verklärung der Anthroposophie zum “Religionsersatz” sei ihm allerdings suspekt. Die “KA” soll die Deutungshoheit über Steiners Werk deshalb “den Händen der erklärten Anhänger bzw. Gegner” entreißen (Interview mit Clement in: Info3, 05/2012, 54ff.). Clement hat sich bereits in seiner Dissertation (2007) sowie durch das “Rudolf Steiner Online Archiv”, das auf dem Server der Brigham Young University liegt (anthroposophie.byu.edu), um die Verbreitung der Anthroposophie bemüht. Anscheinend gab es auch hier und da bereits Kontakte zu den prominenten Repräsentanten einer liberalen Anthroposophie (RSL-Archiv).
Für die anthroposophische Szene bedeutet die “KA” zuallererst willkommene Publicity: “Damit ist das Werk Steiners wiederum einen Schritt mehr im kulturellen Kanon angekommen und wird in Zukunft auch in der wissenschaftlichen Welt kaum mehr zu übersehen sein.” (Info3, 05/2012, 53). Kritiker dürften sich freuen, dass die oft kaschierten Umbrüche in Steiners Denken, die sich auch in den verschiedenen Auflagen seiner Werke zeigen, endlich in verlässlichen Ausgaben sauber dokumentiert werden. Renommierte Publizisten wie Gerhard Wehr, lutherischer Theologe, Mystikforscher und “Vater der kritischen Steiner-Forschung” (so Zander: Rudolf Steiner, 476) haben Vorwörter beigesteuert, und das bedeutet in der Außenperspektive zunächst einmal eines: Die Herausgabe und Kommentierung der Werke Steiners ist nun zumindest in Teilen der (anthroposophisch geführten) Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung in Dornach bzw. dem ihr angegliederten Steiner-Verlag entrissen. Keine Abschiedsträne vergießt darüber anscheinend der Chefredakteur der Zeitschrift Info3, Jens Heisterkamp: “Steiner ist im Kanon angekommen und braucht keine Gralshüter mehr.” Heisterkamp glaubt “tatsächlich das Knarzen eines Sargdeckels zu hören, der sich über dem Werk Steiners schließen will.” Für ihn kein Problem, denn “der freie Geist Rudolf Steiners ist entwichen und weht, wo er will.” (Jens Heisterkamp: Das Rad der Geschichte zurückdrehen?”, in: Info3, 05/2012, 11).
Dass der wo auch immer wehende, aber stets apodiktisch argumentierende Steiner einer “kritischen Ausgabe” seiner sorgsam behüteten Werke sympathisch begegnet wäre, würde ich bezweifeln. Aber wie auch immer: Auch das übertrumpfte Steiner-Archiv will bei der Kritischen Ausgabe noch ein Wörtchen mitreden. Deren Präsident Cornelius Bohlen sieht jedenfalls “die Notwendigkeit einer Mitwirkung des Steiner-Archivs. Eine solche Ausgabe bedürfe auch des Rückgriffs auf die Vorstufen der Schriften von den Manuskripten [sic], eine Aufgabe, die wiederum im Steiner-Archiv anzusiedeln wäre.” (NNA).
Wo die wilden Kerle wohnten
Der erste von acht Bänden soll noch 2012 erscheinen. In der Zwischenzeit haben AnthroposophInnen wie üblich auch ganz andere Gründe, übereinander herzufallen, die auf Außenstehende allenfalls befremdend wirken. In ungewohnter Harmonie protestierten kürzlich die “anthroposophischen Medienschaffenden” im Kollektiv gegen das Rudolf-Steiner-Archiv. Dort hat man vor Kurzem und nach langem Streit zwei langjährige Mitarbeiter, Walter Kugler und Vera Koppehel, vor die Tür gesetzt. Kugler und Koppehel hatten das Steiner-Archiv in den letzten Jahren einerseits für wissenschaftliche Recherchen geöffnet, andererseits erfolgreich Kunstmuseen in aller Welt dazu gebracht, Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners auszustellen (vgl. “Kreative Fundgrube”). Dass es sich bei diesem Popularisierungserfolg in der Kunstwelt allein um “gezielte” Propaganda und “Täuschung der Öffentlichkeit” (NWA) handelte, wie Anthrogegner vermuteten, kann man nur mit Einschränkungen gelten lassen.
Tatsächlich brachen in den letzten Jahren “Ausstellungen über okkultistische Sujets wie nach einem Dammbruch über uns herein. Die Vorboten dieser Entwicklung waren eine Ausstellung in Los Angeles über ‘The Spiritual in Art’ (1986/87) und in Frankfurt eine über ‘Okkultismus und Avantgarde’ (1995). Es folgten Ausstellungen im Jahresrhythmus, Tendenz bislang steigend, und es ist unklar, ob wir die Bugwelle hinter uns haben. Im Hintergrund steht unter anderem eine Revision unserer Konzeption von ‘Hochkultur’, da in der Forschung zunehmend klar wird, dass sich häufig ‘okkultistische’, ‘spiritistische’ und ‘hermetische’, heute meist ‘esoterisch’ genannte Strömungen nicht in ein Getto der Marginalität verfrachten lassen.” (Helmut Zander: L’europe des esprits ou la fascination d’occulte 1750-1950, Journal für Kunstgeschichte, Jg. 15, 4/2011, 265).
Die Popularisierung Steiners innerhalb dieser kunstgeschichtlichen “Revision” gehört zu den offenkundigen Arbeitserfolgen Kuglers und Koppehels – und selbstverständlich eigneten sich die Ausstellungen auch, um mediale Aufmerksamkeit für Anthroposophistan zu bekommen. Dass ausgerechnet diese beiden aus dem Archiv ausscheiden mussten, wirft Fragen auf. “So liegt es nahe, im Hintergrund all dieser Vorgänge auch einen Machtkampf zu vermuten.” (Die Drei, 8-9/2011, 90). Oder das liebe Geld. Immerhin hatte Kugler 2010 um die 240000 € für eine Ausstellung zum “Kosmos Rudolf Steiner” ausgegeben (NWA). Dass das Unmut auslöste, kann man nachvollziehen. Die Nachlassverwaltung kündigte jetzt an, sich künftig weniger um Medien- und Museumspräsenz als vielmehr um die eigentlichen Archivaufgaben zu kümmern.
In einer “Wiener Erklärung” artikulierte das Gros anthroposophischer Öffentlichkeitsarbeiter und Zeitschriftenherausgeber ihre “Sorge über den neuen Kurs der Nachlassverwaltung”. Die Unterzeichner fragen in ihrer an den Vorstand der Nachlassverwaltung gerichteten Erklärung, ob „dieser unerwartete Paradigmenwechsel im Bewusstsein der Tatsache erfolgt, dass die Präsenz Rudolf Steiners im gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Diskurs damit zukünftig gefährdet ist“. In meiner unbedarften Außenperspektive scheint diese Erklärung gewaltig übertrieben. Dass sie einen durch Lobbyarbeit erreichten Popularisierungsgrad Steiners als befriedigende “Präsenz Rudolf Steiners im gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Diskurs” beschreibt, ist erstaunlich.
Zum einen war diese “Präsenz” Rudolf Steiners teilweise nicht mehr denn z.B. eine geschmacklose Anbiederung an einen Gegenaufklärer wie Peter Sloterdijk (vgl. “Inhalte überwinden”). Zweitens dementierte umgehend Cornelius Bohlen die Meldung, das Archiv wolle zukünftig keine Leihgaben mehr an Museen austeilen: „Ich habe das sofort korrigiert … selbstverständlich wird es weiterhin Originale aus dem Archiv als Leihgaben für Ausstellungen geben“ (NNA). Drittens hat der Steiner-Verlag auch weitere Publikationsvorhaben, etwa die erste vollständige Veröffentlichung von Steiners Briefwechsel. Damit ist er auch in Zukunft schlicht finanziell darauf angewiesen, weiterhin Exponate zu liefern. Dass Kugler und Koppehel, bei allen Verdiensten, die einzigen im Archiv waren, die an die “Notwendigkeit” glaubten, “Rudolf Steiner im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung zu positionieren” (Wiener Erklärung), möchte ich ernsthaft bezweifeln. Und Walter Kugler repräsentierte durchaus keinen Hort der Liberalität, wenn es um die Offenheit gegenüber Steiner-Kritikern ging. Im Gegenteil (vgl. Kugler: Vorwort, in: Lorenzo Ravagli: Zanders Erzählungen, Berlin 2009, 11-16), in dieser Hinsicht wären andere Mitarbeiter und Projekte zu loben (wie Taja Gut, von dem sich übrigens gerade Kugler distanzierte).
“Zeitgeschichtliche Betrachtungen”
Wäre nicht Kuglers Kurs schon die progressivere Gegenposition zur versteinerten Introspektion früherer Steiner-Archivare gewesen, man müsste sich gegen die “Sorgen” dieser anscheinend mediengeilen “Medienschaffenden” fast schon auf die Seite einer neuaufgestellten Steiner-Nachlassverwaltung schlagen. Kritiker der Anthroposophie wüssten es ohnehin zu schätzen, wenn Archiv und Verlag sich manchen ihrer Aufgaben etwas passionierter widmen würden. Die Bundeprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat 2007 festgestellt, dass zwei Vortragsbände Steiners “in Teilen als zum Rassenhass anreizend bzw. rassendiskriminierend anzusehen” seien. Einer Indizierung beider Bände konnte die Steiner-Nachlassverwaltung durch die Zusage entgehen, innerhalb eines Jahres kommentierte Neuauflagen auf den Weg zu bringen. Das geschah aber erst 2011 und auch erst bei einem der beiden Bücher – und der Kommentar war eine einzige Verharmlosung der monierten rassistischen Theoreme Steiners (vgl. dazu ausführlich Die Rache des Steiner-Verlags).
Die Reaktionen auf die ausbleibende Kommentierung waren schon im Vorfeld giftig gewesen (vgl. Bundesprüfstelle an der Nase herumgeführt). Jüngst legte der sachkundige Religionswissenschaftler Helmut Zander nach, der ein weiteres, vom Steiner-Verlag mit Stolz beworbenes Editionsprojekt unter die Lupe nahm: 2010 wurden Band 173 und 174 der Steiner-Gesamtausgabe neu herausgegeben, die Vorträge Steiners aus den Kriegsjahren 1916/17 enthalten. Der Band wurde in drei Bücher unterteilt, die wohlklingenden Titel: “Wege zu einer objektiven Urteilsbildung” (GA 173a), “Das Karma der Unwahrhaftigkeit” (GA 173b) und “Die Wirklichkeit okkulter Impulse” (GA 173c). Die Vorträge widmen sich unter dem Titel “Zeitgeschichtliche Betrachtungen” dem Ersten Weltkrieg, stellen tagespolitische und völkerpsychologische Spekulationen an. Seitenweise zitiert Steiner darin politische Traktate der Kriegsparteien, versucht, die deutsche Militärführung zu entschuldigen, raunt über die heimliche Wirksamkeit “okkulter Logen” hinter den Kulissen des Weltgeschehens.
Diese Vorträge nun wurden ausgehend von den Originalmanuskripten neu transkribiert und mit hunderten Seiten von Erläuterungen und Herausgeberkommentaren versehen. Mit Blick auf das BPjM-Verfahren schreibt Zander: “…in diesem Horizont ist die vorliegende Edition (GA 173) auch ein Lackmustest für die Bereitschaft und die Fähigkeit der Herausgeber der Gesamtausgabe, mit Steiners Rassentheorien kritisch umzugehen.” Anschließend hat er auch Lob für das Editionsprojekt übrig:
“Bemerkenswert ist vorderhand, dass die Erläuterungen und Materialien mehr Platz als die 24 Vorträge Steiners einnehmen. Dies ist ein Indikator, in welchem Ausmaß auch Anthroposophen zunehmend Kommentare benötigen. Das dabei zusammengetragene Material ist beeindruckend, die Herausgeber haben mit großem Fleiß Informationen zu teilweise sehr abgelegenen Personen und Sachverhalten ermittelt.” (Zander: Anthroposophische Aufarbeitungen der anthroposophischen Geschichte, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Jg. 64, 01/2012, 68).
Das ist erst einmal richtig. Befriedigt darf man verzeichnen, dass die Kommentatoren durchaus auch historische Abhängigkeiten und Zeitgebundenheiten Steiners nicht mehr in Abrede stellen: “Es ist offensichtlich, dass Rudolf Steiners Deutung der deutschen Haltung durch Mitteilungen beeinflusst ist, die er im Verlauf seiner Gespräche mit General Helmuth von Moltke im November 1914 in Bad Homburg geführt hatte.” (GA 173a, 299). Ein so klares Eingeständnis fällt vielen Anthroposophen bei Steiners ‘höheren Erkenntnissen’ nach wie vor schwer (vgl. Zanders Zitate-Zauber, Steiner “spirituell”, Anthroposophische Geschichtsschreibung, Bilder und Sachen, Leitmotiv Zertrümmerung, Ravagli, die ‘Rassen’ und die Rechten).
Auch Steiners Position innerhalb der theosophischen Weltkriegsdeutungen und völkerpsychologischen Spekulationen wird dokumentiert (vgl. etwa GA 173a, 355ff., GA 173c, 608f.) Dankbar nimmt man beispielsweise wiederholte Hinweise der Herausgeber auf den Theosophen C.G. Harrison zur Kenntnis. Der hatte, wie Steiner, versucht, den theosophischen Kanon ‘philosophisch’ zu begründen und auf ‘westliche’ Theoreme wie die Hierarchienlehre Dionysius’ Aeropangitas, auf Hegel oder Goethe hingewiesen. Der Anthroposoph Arfst Wagner hat (allerdings nicht historisch-kritisch, sondern normativ-exegetisch) auf weitere Detail-Übereinstimmungen Harrisons mit Steiner hingewiesen (Die Achte Sphäre). Und nun zeigen die Steiner-Herausgeber, dass Steiner seitenweise Positionen Harrisons wiedergibt, nämlich in politisch-okkultistischen Fragen (vgl. exemplarisch GA 173a, 279, 340, 363, 367, GA 173b, 328ff., 332, 335f., 355f.). Sie kommentieren:
“Auffällig ist, dass Rudolf Steiner in seinen Mitgliedervorträgen nie den Namen Harrison genannt hat, obwohl eindeutig nachgewiesen werden kann, dass er seine Schrift gut kannte – die von ihm mit vielen Anstreichungen versehene deutsche Erstausgabe findet sich in seiner Bibliothek – und deren Inhalte öfters darstellte. Das ist insofern außergewöhnlich, als er in der Regel die Quelle angibt, die er für seine Forschungen benutzte.” (ebd., 275)
Nunja…
Die Kriegsschuldfrage
Die liebevollen Erläuterungen sind aber in einigen Fällen fragwürdig. Ein Beispiel: In einem Vortrag warf Steiner dem französischen Präsidenten Raimond Poincaré (1860-1934) vor, “auf ‘rumänische’ Art Prozesse zu zu führen” (GA 173a, 54). Die Kommentatoren erklären eifrig:
“Rudolf Steiner meint mit dieser Wendung eine unehrliche, auf Lügen gebaute Prozessführung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaßen die Rumänen in den Augen der Deutschösterreicher, vermutlich, weil sie mit den ‘Roma’, dem Volk der ‘Zigeuner’ gleichgesetzt wurden, das Stigma von Lügnern und Betrügern. Die von Rudolf Steiner gewählte Ausdrucksweise war von ihm sicher nicht diskriminatorisch [sic!] gemeint, sondern er wollte lediglich – in der damals üblichen Ausdrucksform – ein bestimmtes Verhalten charakterisieren.” (GA 173a, 322)
Es folgen allen Ernstes anderthalb kleingedruckte Seiten über Poincaré als Anwalt in einem Prozess gegen die 1858 gegründete Suezkanal-Gesellschaft (vgl. ebd., 322ff.). Ein weiterer Fall: Steiner doziert über das “Geistesleben” Polens (mit “einer außerordentlichen Schwung- und Tatkraft” ausgestattet, GA 173a, 70) und Englands (“im eminentesten Sinne politisch veranlagt”, ebd.). Die Herausgeber halten es lediglich für angebracht, im Kommentar zu dieser Stelle auf John Locke als politischen Philosophen aus England hinzuweisen (ebd., 385). Steiners essentialistische ‘Volksseelen’-Lehre durch weit hergeholte Verweise auf dafür irrelevante Philosophen irgendwie plausibel machen zu wollen, ist kaum überzeugend. Überhaupt haben die Kommentatoren so ihre Schwierigkeiten, sich normativ von Steiners Deutungsvorhaben und Suggestionen abzugrenzen. So wird erwähnt, dass der Theosoph und Steiner-Fan Edouard Schuré im Ersten Weltkrieg “zum fanatischen Deutschenhasser” geworden sei (ebd., 325, vgl. GA 173c, 562f.). Tatsächlich war Schuré von Steiners deutschnationalem Kulturchauvinismus abgeschreckt worden (vgl. Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner und die geistige Aufgabe Deutschland, in: Die Drei, 12, 1989, 892, Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, 1023f.).
An einer weiteren Stelle mit Seitenhieben gegen Schuré verteidigen die Kommentatoren Steiners Schrift “Gedanken während der Zeit des Krieges” (GA 24), die Steiner 1915 veröffentlicht hatte. Darin spircht Steiner die Mittelmächte des Ersten Weltkriegs von jeglicher Schuld am Kriegsausbruch frei und zitierte zustimmend, der Weltkrieg sei ein “Vertilgungskampf gegen die germanische Rasse” (GA 24, 305). Steiner, dessen (Halb-)Wissen über die Kriegsvorgänge sich aus den sog. ‘Farbbüchern‘ speiste, lag damit zwar im breiten Mainstream einer damals kriegsbegeisterten deutschen Bevölkerung, hat sich aber schlicht und leicht nachweisbar in soziemlich allen Punkten an den falschen Behauptungen der Kriegspropaganda orientiert. Auch er selbst hat diese Ansichten nach Kriegsende zumindest in Teilen revidiert, er sah nun eine deutliche Mitschuld vor allem des deutschen Militarismus gegeben:
“Die Welt will ein ehrliches Wahrheitsbekenntnis des deutschen Volkes … Und diese Wahrheit: sie ergibt, recht gelesen, die restlose Verurteilung der deutschen Politik. Eine Verurteilung, die schärfer nicht sein könnte. Eine Verurteilung, die auf noch ganz andere Dinge hinweist, als diejenigen sind, die bei Freund und Feind angenommen werden.” (GA 24, 387)
Und er gab sogar – und das hat bei Steiner seltenheitswert – zu, dass er schlicht falsch gelegen hatte:
“Ich muß sagen, ich schrecke nicht zurück, dieses zu bekennen, daß es mir erst später klar geworden ist. Denn es war überhaupt nicht leicht, historisch und wahrheitsgemäß und zu gleicher Zeit so, daß das Betreffende richtig im betreffenden Zeitpunkte getan wurde innerhalb dieser katastrophalen Zeit, sich zu verhalten … Ich habe dazumal dieses Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges» vor allen Dingen geschrieben für die Menschen Mitteleuropas, nicht um irgend etwas zu erreichen der Welt gegenüber, sondern für die Menschen Mitteleuropas, und es stellte sich mir, bald nachdem ich dieses Büchelchen geschrieben hatte, heraus, wie die Situation war infolge der Marne-Niederlage. Und ich habe mich mit Händen und Füßen gesträubt, jemals eine weitere Auflage dieses Büchelchens erscheinen zu lassen, trotzdem es mir selbstverständlich nicht nur nahegelegt wurde, sondern ja auch der Anreiz gut vorhanden war.” (GA 185a, 46)
Auch Anthroposophen haben Steiners Vereinnahmung durch den Blutrausch des Ersten Weltkriegs erkannt und benannt. An erster Stelle wäre hier die eher zurückhaltende Kritik Christoph Lindenbergs zu verzeichnen, der dafür plädierte, man müsse Steiners “Gedanken während der Zeit des Krieges” als “eine einseitige und auch parteiliche Deutung der Geschichte sehen. Nirgends wird hier gefragt, ob nicht Deutschland etwas dazu beigetragen hat, dass es in der Welt scheel angesehen wurde.” Die Ausführungen Steiners seien als “zeitbedingte Aussagen mit einem Fragezeichen [zu] versehen und die Reaktion eines Edouard Schuré, der Steiner Chauvinismus vorwarf, ist zumindest verständlich.” (Lindenberg, a.a.O.). 1996 fand der Anthroposoph Michael Loeckle (damals unter heftigem Protest von Jens Heisterkamp) im “Jahrbuch für anthroposophische Kritik” deutlichere Worte zur Kontextualisierung von Steiners Pangermanismus:
“Stil und Sprache Steiners in den damaligen Jahren unterscheiden sich nur wenig von den völkisch-alldeutschen Traktaten und Utopien, wie sie um die Jahrhundertwende in Gang gesetzt und von breiten Schichten der deutschen und österreichischen Bevölkerung aufgesogen wurden … Steiner hätte es besser wissen müssen, denn die ‘europäischen Notwendigkeiten’, von denen er sprach, bestanden für das Kaiserreich spätestens seit 1878 in einer imperalistisch-expansionistischen Gewaltpolitik zwecks Gleichberechtigung und Gleichrangigkeit neben den Weltmächten, wozu den kaiserlichen Annexionisten der Aufbau einer Kriegsflotte als unverzichtbar galt … So ähnlich [wie in Steiners 'Gedanken während der Zeit des Krieges' - AM] las man das auch in den Manifesten des reaktionären Alldeutschen Verbandes und seiner eingangs erwähnten Präzeptoren, die in den Alldeutschen Blättern während des Ersten Weltkrjeges ständig annexionistische Forderungen erhoben. Ob Steiner den späteren Überfall der NS-Bellizisten auf Polen und den Genozid an sechs Millionen Juden auch als tragisch oder womöglich als ‘Fehler der Weltgeschichte’ bezeichnet hätte?” (Michael Loeckle: Anmerkungen zu Rudolf Steiners Deutschlandrezeption, in: Lorenzo Ravagli (Hg.): Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1996, 143ff.)
Die fundierten Einschätzungen Lindenbergs und Loeckles haben die Kommentatoren der neu herausgegebenen Kriegsvorträge Steiners offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Nicht einmal die Selbstkritiken Steiners und seine Weigerung, das Buch später wieder auflegen zu lassen, werden von ihnen erwähnt (sehr gewissenhaft wird allerdings dokumentiert, dass Steiner ähnliche Bedenken auch gegenüber den “Zeitgeschichtlichen Betrachtungen” hegte, vgl. GA 173a, 263-267). Über das Buch “Gedanken während der Zeit des Krieges” heißt es im Kommentar zu GA 173a nur:
“Mit der Veröffentlichung dieser Schrift hoffte Steiner, einen Beitrag zur allgemeinen Völkerverständigung zu leisten. Durch einen vorurteilslos-sachlichen Blick auf die in Europa herrschenden Gedankenrichtungen wollte er Verständnis für die mitteleuropäische Situation und die Bedeutung des deutschen Geisteserbes erwecken.” (GA 137a, 449)
Das 36. Jahrhundert nach Christus
Helmut Zander beurteilt die neu herausgegebenen Bände denn auch als wissenschaftlich “desaströs”: “Von neueren Reflexionen zu Rassentheorien und zur Kulturgeschichte des Imperialismus, von Entaglement bis Orientalismus, sind diese Kommentare unberührt. Man legt diese Bände, die im Internet als „editorischer Meilenstein innerhalb der Gesamtausgabe“ beworben werden, irritiert zur Seite. Es scheint, als sei den Herausgebern die Brisanz von Steiners kultureller Evolutionstheorie und seinen politischen Positionen nicht bewusst.” (Zander: Anthroposophische Aufarbeitungen…, a.a.O., 69). Der bereits zitierte Präsident der Steiner-Nachlassverwaltung, Cornelius Bohlen, antwortete auf diesen Vorwurf, “dass es überhaupt nicht Aufgabe der Edition sei, gültige Interpretationen zu liefern. Es gehe vielmehr darum das Werk des Autors in seinem Kontext so gut wie möglich zur Verfügung zu stellen, damit es interpretiert werden kann.” (NNA).
Das ist zwar ein berechtigter Einwand, dessen Anspruch diese “Edition” aber keineswegs erfüllt: Steiner wird hier fortlaufend (und durchgehend entlastend) interpretiert. Wenn es, wie oben zitiert, heißt, Steiner habe bestimmte Ausdrücke nicht ‘diskriminatorisch’ gemeint, wenn man versucht, Philosophen wie Locke oder beliebige historische Entwicklungen (vgl. z.B. auch GA 173b, 348, GA 173c, 527) zur Plausibilisierung von Steiners völkerpsychologischen Typologien heranzuziehen, ist Interpretation eigentlich noch eine euphemistische Bezeichnung. Die Interpretation geht, wie bereits in der neu herausgegebenen GA 107, gar soweit, dass Steiners Texte nicht nur apologetisch gedeutet, sondern schlicht und einfach umgeschrieben werden. Während dies in GA 107 nicht einmal kenntlich gemacht wurde (vgl. Die Rache des Steiner-Verlags), wird dies in den Kommentaren zu GA 173 nun lang und breit gerechtfertigt:
In Steiners Vortrag vom 1. Januar 1917 liest man:
“Nicht wahr, es sind ja nicht alle Menschen gleichzeitig berufen, die Kultur der fünften nachatlantischen Zeit in sich aufzunehmen. aber zunächst sind jetzt alle Angehörigen des weißen Teils der Menschheit dazu berufen, die Kultur der fünften nachatlantischen Zeit in sich aufzunehmen.” (GA 173b, 182)
In der älteren Ausgabe war nicht vom “weißen Teil” der Menschheit, sondern von “weißen Rassen” die Rede (GA 174, 15). Der Kommentar erläutert:
“Da es sich in der vorliegenden Stelle nicht um die Abgrenzung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Rassemerkmalen handelt, sondern um verschiedene Kulturkreise, wurde der in der Nachschrift verwendete Ausdruck ‘weiße Rassen’ durch den Begriff ‘weißer Teil der Menschheit ersetzt. Es soll dadurch von vornherein Missverständnissen vorgebeugt werden, die heutzutage leicht entstehen können, wenn der Bedeutungsgehalt bestimmter Begriffe nicht historisch gesehen wird.” (GA 173b, 403).
Auch die Textänderung ist freilich ein hoffnungsloses Unterfangen. Sie verbirgt nicht, dass Steiner hier ‘die Weißen’ unmissverständlich zur Avantgarde der Menschheit erklärte, also einmal mehr seinen evolutionären Rassismus ausbreitete. Der Hinweis der Herausgeber, der “Bedeutungsgehalt” des Rassenbegriffs müsse “historisch gesehen” werden, ist zwar treffend: Aber dieser historische Bedeutungsgehalt ist eben ein rassistischer. Nicht die möglichen Leser, sondern die Kommentatoren unterliegen hier “Missverständnissen”, indem sie annehmen, Steiner habe diesen Begriff ganz anders gebraucht und man dürfe ihn folglich durch eine angeblich weniger rassistische Formulierung ersetzen. Letzteres ist übrigens eine nicht nur in Anthroposophistan altbekannte, makabere Vorgehensweise:
“Die Stelle erlaubt Einblick in die subtilen Mechanismen der Anpassung der Rassentheorie an die veränderte politische Lage. Anstelle der »weißen Rasse«” steht “die »abendländische Kultur« … Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.” (Theodor Adorno: Schuld und Abwehr, in: Gesammelte Schriften, Bd. 9/2, 277)
Die Situation ist umso misslicher, als Steiner sehr wohl zwischen “Rassen” und “Kulturen” unterschied (aber das ist Anthroposophen größtenteils und Kritikern mit Ausnahme von Jana Husmann bisher anscheinend ganz entgangen). Erstere holte er dann spätestens 1910 zumindest teilweise aus dem Schatten der evolutionären Wurzelrassenlehre heraus und verlieh ihnen eine eigenständige Begründung durch geographische bzw. astronomische Spekulationen. Die Herausgeber verzerren Steiners Rassen- und Evolutionstheorie in eine problematische Unschärfe, indem sie beide Begriffe austauschen. Damit nicht genug, denn der Kommentar erklärt anschließend noch, wie Steiner seine Rassenlehre ‘wirklich’ gemeint habe.
“Es ist auch nicht zutreffend, wenn man glaubt, Rudolf Steiner hätte die Überlegenheit der weißen Menschen für die heutige Zeit vertreten. Wenn er vom ‘fünften nachatlantischen Zeitraum’ spricht, so meint er damit einen ganz spezifischen Kulturzeitraum – die die heutige Zeit prägende moderne Kultur. Die Moderne hat nach seiner Auffassung ungefähr mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts eingesetzt und wird bis in die Mitte des 36. Jahrhunderts hinein dauern.” (GA 173b, 403)
Hier zeigt sich erneut die (absichtliche oder aus der Not zwanghafter Apologie geborene?) Verfälschung von Steiners Rasse- und Kulturbegriff. Im Vergleich mit den böswilligen, aber immerhin eindeutigen Elaboraten à la Ravagli oder den nachsichtigen Ausführungen anthroposophieinterner Rassismuskritiker ist dieser Kommentar überhaupt unangenehm unernst. Steiners Position zur “Überlegenheit der weißen Menschen” unterlag zwar über die Jahre z.T. erheblichen Transformationen, war aber im und nach dem Ersten Weltkrieg halbwegs präzise: Erstens behauptete Steiner, die “Rassen” als Medium der kosmischen Evolution seien im Wesentlichen überholt, sie würden gegenwärtig an Bedeutung verlieren und in der (fernen) Zukunft ganz verschwinden. Die politisch-völkische Berufung auf “Rassen-, Volks- und Blutsideale” – einstmals progressiv – arbeite seit dem Bedeutungsverlust der Rassen nun den “Geistern der Finsternis” zu (GA 177, 220). Zweitens hob aber diese Ablehnung rassistischer Praxis seine Rassentheorie nicht auf, die weiterhin von der Ungleichheit der Rassen ausging. Darin bezeichnete er die ‘weiße Rasse’ als die “zukünftige”, da “am Geist schaffende Rasse” (GA 349, 67) – und zwar nicht im Sinne einer schon gegebenen Auserwähltheit, sondern eines spirituellen Imperativs. Dazu schrieb er 1920 in einem Gedicht für Richard Teschners Bilderserie “Drei Kulturrassen”:
“Der weißen Rasse neues Morgenrot
Wird im Erdgebiet sich offenbaren
Erst wenn dieser Rasse Wissende
Erfühlen der Seele Band mit dem Geist;
Und in ihnen wirken wird
Empfindung von der Schande,
Die Seelen schwärzt, wenn sie
Das Menschenwesen durch Materien-Sinn
Begreifen wollen.” (GA 40, 293)
Die Kommentatoren beenden ihre Geschichte, indem sie zwei scheinbar kulturrelativistische Äußerungen Steiners zitieren: “jedes Volk hat seine besondere Aufgabe” (GA 121, 168) und: “Das, was der gesamten Menschheit gegeben wird, gegeben werden muss, kann zwar an diesem oder jenem Ort [d.h. bei einem bestimmten Volk - AM] entspringen, gegeben werden muss es aber der gesamten Menschheit” (ebd., 197). Das klingt zwar sehr schön, doch entstehen die Hierarchisierungen in Steiners Modell dadurch, dass im Lauf der kosmischen Evolution eben bestimmte Völker und ‘Rassen’ ihre Aufgabe hinter sich oder erst vor sich haben sollen. Da hilft es auch nicht, dass die Kommentatoren den amerikanischen Religionshistoriker James Santucci mit der Aussage zu zitieren, dass die theosophische Rassenlehre “not racist in intent” sei (vgl. Santucci: The Notion of Race in Theosophy, in: Nova Religio, Vol. 11, Issue 3/2008, 37). Zum einen ist Santuccis Aufsatz stark apologetisch, zum anderen beschäftigt er sich vor allem mit dem Rassenbegriff der Blavatsky-Theosophie.
Wenn die Anthroposophie von Kritikern unter theosophische Strömungen subsummiert wird, ist die anthroposophische Reaktion meist lautstarke Empörung. Dem entlastenden Urteil Santuccis sind die Herausgeber der GA aber anscheinend so dankbar, dass sie gern in den mütterlichen Schoß der reingewaschenen Adyar-Theosophie zurückkehren. Santuccis Aufsatz befindet sich in derselben Ausgabe der Zeitschrift “Nova Religio” wie ein Aufsatz von Peter Staudenmaier mit dem Titel “Race and Redemption. Racial an Ethnic Evolution in Rudolf Steiner’s Anthroposophy”, in dem die rassentheoretischen Sequenzen der Steinerschen Evolutionslehre klar zur Sprache kommen (ebd., 4-36). Santucci zur Theosophie zur zitieren und den benachbarten Aufsatz von Staudenmaier zu ignorieren ist, milde gesagt, dreist. Insbesondere, weil man keineswegs auf den Theosophen Santucci zurückgreifen muss, um die Feststellung zu finden, dass Steiner “not racist in intent” war:
“Wenn Rassismus die Bindung wichtiger Elemente der Anthropologie an augenblicklich existierende Rassen bedeutet, seien diese biologisch oder spirituell definiert, dann kann man Steiner als Rassisten bezeichnen. Es wäre hilfreich, wenn manche Anthroposophen zugestehen würden, daß dies keine schlicht polemische Aussage ist, sondern in der kontextualisierenden Deutung des historischen Materials gründet. Zugleich aber gibt es bei Steiner Versuche, die deterministischen Konsequenzen dieses Denkens zu brechen, und es wäre gut, wenn viele Kritiker zur Kenntnis nehmen würden, daß Steiner kein Rassist sein wollte; aus diesem Grund spreche ich lieber von Steiners Rassentheorie als von Rassismus. Aber diese abgemilderte Begrifflichkeit birgt für die politische Debatte das Problem einer möglicherweise voreiligen Salvierung Steiners. Denn es gibt neben philanthropischen Anthroposophen solche, die rassistisch denken, wie es bei den Kritikern verständnisvolle neben blindwütigen gibt.” (Zander: Anthroposophie in Deutschland, a.a.O., 636 - Hervorhebung AM)
“It is certainly true that Zander notes that Steiner did not want to be a racist (I note the same thing myself, for what it’s worth), but this simply has nothing to do with whether some of Steiner’s statements about race are racist. Racist beliefs do not become racist because the people who hold them “want to be racist”. In order to determine whether a particular set of ideas about race is racist, we need to look at the content of those ideas, not at the intentions or wishes of the person who espoused them.” (Peter Staudenmaier, waldorf critics, 6.3.2009)
Auch dieses Missverständnis ist freilich nicht spezifisch anthroposophisch (vgl. die Reaktionen auf Günther Grass’ “Was gesagt werden muss”). Nahezu typisch für anthroposophische Bücher zu diesem Thema ist aber die ungläubige Ratlosigkeit, die die Lektüre dieser neu herausgegebenen Kriegsvorträge hinterlässt. Der Eindruck ist noch gravierender, weil diese Kommentare mit einer profunden Detailkenntnis geschrieben sind, immerhin stellenweise historisch-kritische Maßstäbe erfüllen und eine wertvolle Auswahl an eigens recherchiertem Kontext- und Hintergrundmaterial bieten. Diese Mischung aus präziser Sachkenntis und absoluter Kritiklosigkeit ist nebenbei auch eines der irritierenden Merkmale im Auftreten von Walter Kugler.
Dass die Steiner-Nachverwaltung eine kritische Ausgabe der Steinerschen Werke bisher (aus welchen Gründen auch immer) nicht auf den Weg gebracht hat, ist bedauerlich, aber politisch unproblematisch. Die Affirmation von Steiners Rassenlehre spielt in einer anderen Liga – hier wird ein evolutionärer Sozialdarwinismus nicht nur kolportiert, sondern kulturalistisch neu legitimiert. Noch steht die Herausgabe des von der BPjM inspizierten Vortragsbands GA 121, “Die Mission einzelner Volksseelen” aus, was Bohlen bewusst (und unangenehm) ist:
“Als Beispiel für einen Rückstand in der Editionsarbeit des Archivs nennt Bohlen die Tatsache, dass bisher nur ein Band der kommentierten Ausgabe des Volksseelen-Zyklus von Rudolf Steiner vorliegt, die bereits 2008 von der deutschen Prüfstelle für jugendgefährdende Medien gefordert worden sei. ‘Wir hatten zugesagt, das so zügig wie möglich zu erstellen. Da sind wir jetzt am Anschlag, das hat oberste Priorität.’” (NNA)
Da darf man gespannt sein, aber interpretative Kurswechsel sind höchst wahrscheinlich nicht mehr zu erwarten.
“Ja, gewiss kam es zu Spannungen…” – ein Interview mit Peter Staudenmaier
Prof. Peter Staudenmaier über Rudolf Steiners Rassismus und Antisemitismus, deren Stellung im “Mainstream der damaligen Esoterik” und die ideologischen Überschneidungen mit dem Nationalsozialismus.
Ansgar Martins: Herr Staudenmaier, Sie haben 2010 eine Dissertation über die Verwicklungen von Anthroposophie und Faschismus vorgelegt und bereits seit 2005 in Fachzeitschriften zum Thema publiziert. Was interessiert Sie an der Anthroposophie allgemein? Und was war Ihr konkreter Anlass, sich mit ihr zu befassen?
Peter Staudenmaier: Das hat eine lange Geschichte. 1995 erschien ein Aufsatz von mir über den sogenannten „grünen Flügel“ der NSDAP und die brisante Frage der Ökologie und des Umweltschutzes als Teilaspekte nationalsozialistischen Denkens und Handelns. Da die biologisch-dynamische Landwirtschaft eine nicht unerhebliche Rolle in diesem Zusammenhang spielte, habe ich auch dieses Thema gestreift. 1999 wurde ich von einer norwegischen Zeitschrift beauftragt, einen Aufsatz speziell zum Thema ‚Anthroposophie und Ökofaschismus’ zu schreiben. Dieser Text erschien 2000 und rief anthroposophischerseits lebhaften Widerspruch hervor, was mich zur weiteren Forschung veranlasste. Daraus ergab sich allmählich ein immer grösser angelegtes Projekt.
Martins: Steiner war ein Kind des Habsburger Reichs, zeitweiliger Fan des Sozialdarwinisten Ernst Haeckel und formulierte seine Rassentheorien um 1900 nach seiner Konversion zur theosophischen Esoterik Helena Blavatskys. Wie sah das Rassebild aus, das er daraus kompilierte?
Staudenmaier: Steiners Rassenbegriff war zugleich im populärwissenschaftlichen Umfeld der Jahrhundertwende verwurzelt und durch unverkennbar theosophische Züge gekennzeichnet, welche im deutschsprachigen Europa jener Zeit teilweise innovativ bzw. befremdend wirkten. Ausgehend von Blavatskys entwicklungstheoretischem Ansatz baute Steiner eine Evolutionslehre der Völker- und Rassengruppen auf, wonach die menschliche Seele durch aufeinanderfolgende Verkörperungen in immer „höheren“ Rassen geistig wie leiblich fortschreitet. Diese Stufenleiter der Rassen steht im Mittelpunkt von Steiners esoterischem Verständnis der Gesamtentwicklung der Menschheit, vom Verhaftetsein in der Materie hin zur geistigen Vervollkommnung.
Martins: Diese anthroposophische Rassenlehre entstand in einer Zeit, in der Eugenik und politischer Rassismus populär wie akademisch weit verbreitet waren. Wie radikal waren Steiners Theoreme vor diesem Hintergrund, welche Übereinstimmungen und Differenzen gibt es?
Staudenmaier: Radikal war Steiners Rassenlehre in dem Sinne nicht, eher im Gegenteil, vor allem im Vergleich etwa zur Ariosophie oder Evola usw. Steiners Ideen lagen vielmehr im Mainstream der damaligen Esoterik. Seine Schüler entwickelten diese Ideen dann weiter, zum Teil in Auseinandersetzung mit völkischen und nationalsozialistischen Rassentheoretikern. Die Übereinstimmungen und Differenzen lassen sich schwer zusammenfassen; da würde ich auf die einschlägigen Arbeiten von Helmut Zander, Jana Husmann und Georg Schmid verweisen.
Martins: Es gab in der anthroposophischen Szene einige jüdische Mitglieder, teils (Hans Büchenbacher) auch in wichtigen Positionen, bei Steiner und vielen prominenten Anthroposophen findet sich allerdings antijüdisches Ressentiment zur Genüge. Kam es da nicht zu Spannungen?
Staudenmaier: Ja, gewiss kam es zu Spannungen, welche sich teilweise in der anthroposophischen Literatur wiedergespiegelt haben, nicht zuletzt in Steiners eigenen Werken. Einerseits zeugt das von der Breite der anthroposophischen Bewegung, wo ein Hugo Bergmann und ein Karl Heise beide eine geistige Heimat finden konnten. Andererseits bereitete es den jüdischen Mitgliedern Schwierigkeiten, wobei diese sich selbst meistens eben nicht als Juden verstanden (Büchenbacher zum Beispiel, dessen Vater jüdischer Herkunft war, wurde katholisch erzogen). So schrieb etwa Karl Heyer 1931 an Oskar Franz Wienert: „Ihre Besorgnis wegen des Hervortretens des israelitischen Elements – das an sich ja zahlenmässig bei uns schwach vertreten ist – teile ich seit langem sehr.“ (Brief vom 16. 12. 1931) Die Lage war nach 1933 natürlich verschärft; Ernst Stegemann z.B. wollte im August 1935 alle „nichtarische“ Mitglieder aus den Mitgliederlisten der Anthroposophischen Gesellschaft löschen (Ernst Stegemann an Alfred Reebstein, 28. 8. 1935).
Martins: Anthroposophen kontern eine Kritik dieser Rassismen gern, indem sie Steiner als Verfechter einer radikalen Freiheitsethik und Gegner völkischen Gedankenguts profilieren. Es gibt ja auch tatsächlich entsprechende Zitate. Wie fügen sich diese widersprüchlichen Positionen in Steiners Geschichts- und Menschenbild ein und welche Gewichtung haben sie im Vergleich zu den manifesten Rassismen?
Staudenmaier: Als Gegenargument sind solche Gedankengänge historisch gesehen leider nicht sehr einleuchtend; sie scheinen von der irrtümlichen Annahme auszugehen, Verfechter einer Freiheitsethik und Gegner völkischen Gedankenguts müssten irgendwie frei sein von eigenen rassistischen oder antisemitischen Einstellungen. Das ist in der Geschichte keineswegs immer der Fall. Die gegenläufigen Positionen in Steiners vielschichtigen Theorien lassen sich m.E. nicht eindeutig in der einen oder anderen Richtung festlegen, und eine angemessene Interpretation muss beide Momente miteinbeziehen. Steiner hielt z.B. die verschiedenen Völker und Rassen für „Entwickelungsstufen zur reinen Menschheit hin“ und beschrieb die „Entwickelung des Menschen durch die Wiederverkörperungen in immer höher stehenden Volks- und Rassenformen“ als einen „Befreiungsprozeß.“ (GA 10, 210). So wird eine Zukunftsvision jenseits der Rassenunterschiede mit einem evolutionären Rassismus verknüpft, eine Verbindung, die im frühen 20. Jahrhundert nicht selten war.
Martins: Diese Kontinuität ist mir klar und ich stimme Ihnen hundertprozentig zu. Trotzdem: Ich finde da doch einiges schlicht widersprüchlich. Lassen Sie mich das an zwei Beispielen demonstrieren: Bis ca 1909 setzte Steiner die imaginierten ‚Rassen‘ konsequent mit ‚Lehrstufen‘ der Evolution gleich, verschiedene ‚Rassen‘ seien Produkte verschiedener Entwicklungsstufen. Reinkarnation bedeutete hier den Aufstieg des geistigen ‚Ich‘ innerhalb der rassistischen Hierarchie (GA 54, 134). 1910 dagegen erklärte er, die ‚Rassen‘ seien nicht nacheinander, sondern gleichzeitig und als ‚Vereinseitigungen‘ entstanden, die Reinkarnation führe horizontal durch dieselben hindurch, sodass wir „einmal hier, einmal dort inkarniert werden“ (GA 121, 86) und „keine eigentliche Benachteiligung“ zwischen den ‚Rassen‘ bestehe (natürlich hielt er an “aussterbenden” Indianern und mit “Merkmalen der Kindheit” behafteten Afrikanern ungebrochn fest). Ein anderer Fall: 1907 bezog sich Steiner, scheinbar religiös verzückt, auf Christus als Repräsentanten des ‚Ich‘ und affirmierte mit antijüdischer Konnotation die „Blutmischung“, weil sie das Ende biologischer Rassen und den Übergang von der „Blutsliebe“ zum universalen Liebesgebot Christi bedeutete (GA 97, 63). 1923 aber konnte er sich, als schwarze Kolonialsoldaten im Ruhrgebiet stationiert waren, nichts Schlimmeres vorstellen als “Negerromane” und die Entstehung von sog. „Mulattenkindern“ (GA 348, 189). Wie würden Sie derartige Umbrüche deuten?
Staudenmaier: Als die Ungereimtheiten und Widersprüche eines strapazierten Redners, wie sie eigentilch zu erwarten sind von einem esoterischen Lehrer, der im Laufe der Jahre tausende von Vorträgen zu den verschiedensten Themen gehalten hat. Aber auch als gescheiterter Versuch, die schwankende Botschaft der Theosophie bzw. Anthroposophie im Hinblick auf die Rassenthematik einem wechselnden Publikum unter unterschiedlichen Verhältnissen zu vermitteln. Dass es Steiner schliesslich nicht gelang, diese gegensätzlichen Thesen in Einklang zu bringen, liegt nicht nur an der Unbeständigkeit der Esoterik; der Begriff der Rasse in jeglicher Form ist immer höchst widersprüchlich gewesen.
Martins: Auch in der wissenschaftlichen Forschungsliteratur wurde die theosophische Rassenlehre oft marginalisiert und das „internationale“ Selbstverständnis von Theosophie und Anthroposophie betont. Konkret etwa bei George L. Mosse („Theosophie konnte in der Tat auch einen neuen Humanismus tragen. Rudolf Steiners 1913 in Berlin gegründete Anthroposophische Gesellschaft verband Spiritualismus mit Freiheit und Universalismus“), Ulrich Linse („Die Verwendung der Rassen-Kategorie sollte“ nicht „als Beweis für eine rassistische Ausrichtung dienen“) oder James Santucci („Race as presented in The Secret Doctrine is not racist in intent“). Gerade Mosse und Linse sind Experten auf dem Gebiet, wie kommt es zu dieser Unterschätzung der rassistischen Parallelen?
Staudenmaier: Ich würde da unterscheiden zwischen Apologetik (z.B. Santucci) und einer kritischen Analyse, die in dem einen oder anderen Fall möglicherweise zu kurz greift (z.B. Mosse oder Linse). Mit der Anthroposophie hat sich Mosse nie eingehend beschäftigt, und Linse ist berechtigterweise bemüht, dem alten Bild der Esoterik entgegenzutreten. Über ein derart komplexes Thema lässt sich sowieso streiten, und es wäre verfehlt, von allen Wissenschaftlern die gleiche Interpretation zu erwarten, auch wenn meine Analysen oder Zanders Analysen z.B. im allgemeinen mit denen von Mosse oder Linse übereinstimmen.
Martins: Wie gingen Anthroposophen mit dem rassistischen Gedankengut Steiners nach der der ‚Machtergreifung‘ 1933 um? Welche Positionen lassen sich ausmachen?
Staudenmaier: Unter deutschen Anthroposophen war es weniger die Rassenlehre Steiners als der Deutschtumsbegriff, der sich als Anhaltspunkt anbot. Aber auch rassenthematische Überlegungen wurden weitergeführt. Ernst Uehli und Sigismund von Gleich beispielsweise verarbeiteten den Ariermythos, während Richard Karutz eine umfassende anthroposophische Rassensystematik vorlegte. Die Positionen reichten bis hin zur ausdrücklichen Zustimmung zu nationalsozialistischen Grundsätzen, so wie bei Karutz oder Ernst von Hippel . So schrieb Karutz z.B. über Hitler:
„Er macht die höhere Entwicklung der Völker von deren ungleichen Zusammensetzung aus einer organisatorisch befähigten und einer zum Herrschen nicht befähigten Rasse abhängig, er empfindet diese Schichtung als eine uralte, bis in die Rassenbildung zurückgehende […] Das setzt einen geistigen Entstehungsgrund für die Rassen voraus, der Nationalsozialismus ist, vielen unbewußt, tatsächlich eine geistige Bewegung, Rassenbildung und Rassenschichtung in Europa gehen tatsächlich bis in jene atlantischen Zeiten zurück, von denen Rudolf Steiner spricht.“ (Richard Karutz, Vorlesungen über moralische Völkerkunde, 1934, S. 5)
Martins: Wie spezifisch anthroposophisch war diese Reaktion? Die Anthroposophie war zu Beginn der Naziära eine von vielen theosophisch-esoterischen Splittergruppen mit wenigen tausend Anhängern. Gab es dort Parallelen oder gravierende Unterschiede?
Staudenmaier: Diese wenigen tausend Anhänger waren im Vergleich zu anderen esoterischen Gruppierungen eine beträchtliche Zahl. Parallelen zu theosophischen Strömungen gab es durchaus; sowohl die „Theosophische Verbrüderung“ Hermann Rudolphs als auch die Leipziger „Theosophische Gesellschaft“ Hugo Vollraths versuchten beharrlich, ihre eigenen Rassenvorstellungen als die ideale geistige Ergänzung des Nationalsozialismus aufzuführen, übrigens ohne Erfolg. Es ging ja aber nicht nur um die Rassentheorie; viele der Begegnungen – ob freundliche oder feindliche – zwischen Anthroposophen und Nationalsozialisten hatten mit diesem Thema relativ wenig zu tun. Die Gemeinsamkeiten und Konflikte wurden vor einem breiten ideologischen Feld ausgetragen, wobei die Topoi ‚Rasse’ und ‚Volk’ keinesfalls immer im Vordergrund standen, sondern z.B. Natur oder Leben oder Gemeinschaft oder Schicksal oder Erlösung oder geistige Wiedergeburt oder kulturelle Erneuerung usw. Wenn man diesen verwickelten Hintergrund in Betracht zieht, lassen sich die berüchtigten Skandalfälle (Otto Ohlendorf, Sigmund Rascher, Franz Lippert, Friedrich Benesch, Werner Georg Haverbeck, Andreas Molau, usw.) einigermaßen historisch kontextualisieren.
Martins: Umgekehrt – wie verhielten sich nationalsozialistische Organisationen zur Anthroposophie? Und gab es Resonanzen von zentralen Figuren wie Hitler, Himmler, Heydrich oder Goebbels?
Staudenmaier: Die Reaktionen aus dem nationalsozialistischen Lager reichten von ausgesprochener Sympathie bis zur unerbittlichen und zwanghaften Gegnerschaft. Dabei waren die anthroposophischen Belange nicht in erster Linie ein Anliegen der zentralen Figuren, mit Ausnahme von Heß, sondern eher der mittleren Ebenen des weitverzweigten und zerstrittenen NS-Apparates. Während der SD die Anthroposophie als „weltanschaulichen Gegner“ einstufte und entsprechend bekämpfte, erhielten Waldorfbewegung, biologisch-dynamische Landwirtschaft, anthroposophische Medizin, Christengemeinschaft, und andere anthroposophischen Projekte wiederholt Schutz und Förderung von nationalsozialistischer Seite. In einem Brief an Erziehungsminister Rust vom 9. 5. 1934, zum Beispiel, lobte der Stab des Stellvertreters des Führers die Waldorfschulen als „ein Instrument von nicht zu unterschätzender pädagogischer Bedeutung“; fünf Tage später resümierte ein Mitarbeiter,
„die in den Waldorf-Schulen aus deutschem Wesen erwachsene, planmäßig gegen materialistisches Denken und blossen Intellektualismus gerichtete Erziehungsart“ sei bestens geeignet, „bei der Neugestaltung des Erziehungswesens für die Sicherung des geistigen und seelischen Gehalts im Nationalsozialismus“ mitzuhelfen (Ernst Schulte-Strathaus, „Bericht an den Stellvertreter des Führers über die Waldorf-Schulen“ vom 14 .5. 1934).
Martins: Gerade Steiners „Deutschtums“-Bekenntnis stellt offenbar eine ideologische Parallele zum Nazidiskurs dar. Völkische Gegner der Anthroposophie (etwa Dietrich Eckart) echauffierten sich aber mitunter gerade darüber. Und auch die (teilweise führenden) Anthroposophen, die den Nationalsozialismus dezidiert ablehnten oder (in wenigen Fällen) zum Widerstand Kontakt suchten, sahen sich in aller Regel nicht als antinational: Sie verstanden ihr ‚idealistisches‘ Deutschlandbild als Gegenpol zu dem der Nazis. Wie lässt sich diese Bandbreite und Konkurrenz von Nationalismen verstehen?
Staudenmaier: In geschichtlicher Perspektive sind solche konkurrierenden und widersprüchlichen Spielarten des Nationalismus vollkommen normal, selbst in nationalsozialistischen Zusammenhängen. (Das Gleiche gilt übrigens für unterschiedliche Varianten der Rassentheorie, des Antisemitismus, usw.) Ein „idealistisches Deutschlandbild“ stellte für manche Anthroposophen in der Tat einen Gegenpol zum Nationalsozialismus dar; sie hielten an der Überzeugung fest, das gehobene und geistige deutsche Wesen im Gegensatz zur Hitlerschen Verzerrung zu vertreten. Gleichzeitig aber bot gerade dieses idealistische Deutschlandbild wesentliche Ansatzpünkte für weltanschauliche Annäherung. So schrieb ein führender NS-Publizist 1935 in einem Buch über den zeitweiligen Anthroposophen und Vertreter eines „idealistischen Antisemitismus“ Friedrich Lienhard:
„Der Nationalsozialismus ist die heutige Form des deutschen Idealismus.“ (Hellmuth Langenbucher, Friedrich Lienhard und sein Anteil am Kampf um die deutsche Erneuerung, Hamburg 1935, S. 151)
Martins: Ein Parallelbeispiel aus dem faschistischen Italien, wo Anthroposophen sich weit stärker in der faschistischen Politik engagierten. Auch hier gab es Verwicklungen, die in der Außenperspektive überraschen: Der Anthroposoph Colonna di Cesaro beispielsweise war politisch im Faschismus aktiv und gehörte zu Julius Evolas Ur-Kreis, wo er den üblen Rassisten Massimo Scaligero für Steiner begeisterte. Noch in der faschistischen Ära artikulierte er aber regimekritische Überzeugungen und soll sogar die ‚verwirrte‘ Violet Gibson bei der Planung ihres Mussolini-Attentats bestärkt haben. Spielte die Anthroposophie für ihn bei alledem eine Rolle?
Staudenmaier: Aufgrund der vorhandenen Quellen ist das schwer festzustellen. Colonna war ein kulturell und politisch vielseitiger Mensch, dessen Verhalten gegenüber dem Faschismus auffallend inkonsequent war. Bei einem Anthroposophen ist das nicht unbedingt überraschend, angesichts der vorwiegend „unpolitischen“ Haltung unter Steiners Schülern, und auch deutsche Anthroposophen wie Emil Leinhas oder Johannes Hemleben haben Mussolini und den Faschismus begrüßt. Die Gerüchte über eine mögliche Beteiligung Colonnas an Gibsons Attentatsversuch wurden schon damals sowohl von der faschistischen Polizei als auch von den britischen Behörden zurückgewiesen. Ins Gesamtbild der italienischen Anthroposophie in der Zeit des Faschismus passt eine zwielichtige Figur wie Colonna eigentlich recht gut ein. Im Rückblick wird er verständlicherweise überschattet von einem Scaligero, mit seinem eifrigen Engagement für den faschistischen Rassismus und Antisemitismus, oder einem Ettore Martinoli, Mitbegründer und Sekretär der italienischen Anthroposophischen Gesellschaft, der als hochrangiger Funktionär der faschistischen Rassenbürokratie an der Judenverfolgung aktiv teilnahm.
Martins: All das sind für die ‘anthroposophische Bewegung’ höchst unbequeme Verbindungen. Wie haben Anthroposophen auf Ihre Forschungsergebnisse reagiert? Welche Kritik und welche positive Anknüpfung gab es?
Staudenmaier: Das Spektrum der anthroposophischen Reaktionen auf meine Forschungen ist so breit und bunt wie bei meinem deutschen Kollegen Helmut Zander, von ernsthaften Auseinandersetzungen bis hin zu dunklen Andeutungen einer anti-anthroposophischen Verschwörung. Vor allem im englischsprachigen Raum fällt es vielen Anthroposophen schwer, sich dem Thema zu stellen, sei es Steiners Rassenlehren oder seine Ausführungen zum wahren Deutschtum, sei es die Geschichte der Anthroposophie im nationalsozialistischen Deutschland oder die Frühgeschichte der Waldorferziehung oder die Verbindungen der biologisch-dynamischen Bewegung zur SS. Dies liegt teilweise in der tradierten esoterischen Abneigung gegen akademisch-wissenschaftliche Erkenntnis begründet. Steiner selbst wetterte gegen die, wie er sie nannte, „materialistische Geschichtswissenschaft“ und hielt die „professorale Geschichtsbetrachtung“ für „unsinnig“ und der „Welt der Maja“ verhaftet, ja „die äußere Geschichte und ihre Kenntnis ist geradezu eine Störung für den Seher.“ (GA 112, 30). Noch heute erschweren solche Vorbehalte den anthroposophischen Umgang mit der eigenen Geschichte. Trotzdem gibt es Anzeichen einer anderen Einstellung zu den bisher unterbelichteten Seiten dieser Vergangenheit, und auch wenn ich nicht in erster Linie für eine esoterische Leserschaft schreibe, würde ich mich freuen, wenn meine Recherchen der inneranthroposophischen Forschung und Diskussion einen Stoß gibt.
Martins: In den letzten Jahren verstärkt haben sich auch einige AnthroposophInnen für eine kritische Historisierung des Steinerschen Rassismus ausgesprochen. Viele Versuche waren reine Apologie, andere blieben zaghaft oder inkonsequent, manche zeugen von ehrlicher Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Einige Kritiker gehen dagegen davon aus, dass die Anthroposophie im Kern und unrevidierbar rassistisch sei. Wie schätzen Sie die Chancen für eine ‚ent-rassisierte‘ Anthroposophie ein?
Staudenmaier: Keine Weltanschauung ist unrevidierbar. Auch keine Geheimwissenschaft oder Geisteswissenschaft oder Erkenntnisweg oder Initiationsweisheit. Wie alle Formen menschlichen Wissens und Glaubens sind sie der historischen Entwicklung unterworfen, so sehr sich das esoterische Selbstverständnis dagegen sträuben mag. Wie die Anthroposophie zu ändern sei, müssen allerdings Anthroposophen selber entscheiden; da habe ich als Nicht-Anthroposoph an sich kein Mitspracherecht. Aus historischer Sicht gibt es durchaus Grund zum Optimismus: die Anthroposophie ist erst vor etwa einem Jahrhundert entstanden, ist also noch eine vergleichsweise junge Erscheinung, und die Religionsgeschichte wie auch die Wissenschaftsgeschichte zeigen, dass überholte Rassenvorstellungen nicht beibehalten werden müssen und nicht zwingend sind. Das Hinauswachsen über solche Entwürfe bedeutet nicht notwendigerweise die Preisgabe der anthroposophischen Identität. Eine grundsätzliche Bereitwilligkeit zur Aufarbeitung der anthroposophischen Vergangenheit könnte in dieser Hinsicht zu einer wesentlichen Erneuerung beitragen.
Martins: Danke für Ihre präzisen Stellungnahmen! Ich freue mich, von Ihren weiteren Forschungen zu hören.
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Peter Staudenmaier ist Juniorprofessor für Neuere deutsche Geschichte an der Marquette University (Milwaukee, Wisconsin). 2010 promovierte er an der Cornell University zum Thema “Between Occultism and Fascism: Anthroposophy and the Politics of Race and Nation in Germany and Italy, 1900-1945.”
Nazi-UFOs, Schamballah und der Longinus-Speer
Anthroposophie und UFO-Gläubigkeit im Diskurs der rechten Esoterik
“Flugkreisel”
Seit dem 5. April 2012 können deutsche Kinozuschauer den Film “Iron Sky” bewundern, eine so platte wie verdrehte Science-Fiction-Komödie des finnischen Regisseurs Timo Vuorensola. “Iron Sky” handelt von einer versteckten Nazi-Kolonie auf der dunklen Seite des Mondes. Dorthin 1945 evakuiert, planen die mit fliegenden Untertassen und dem Raumschlachtschiff “Götterdämmerung” bewehrten Nazi-Exilanten eine Invasion auf der Erde. Der Film, voll von Andeutungen und Zitaten, lässt kein antiamerikanisches, deutsches oder Naziklischee aus, erteilt Seitenhiebe auf Tea-Party-Fanatikerin Sarah Palin und bringt dabei nach Ansicht des SPIEGEL-Rezensenten Wolfgang Höbel “selbst die verstocktesten Cineasten und die nüchternsten Moralprediger zum Lachen”, ja er vermöge “selbst jene vollkommen anachronistischen Menschen zu begeistern, denen es in diesem Leben nie und nimmer einfallen wird, sich zur Spezies der Nerds zählen zu wollen.” (Nazis im Weltall).
Materialvorlage für den Streifen ist eine der prosaischsten Verschwörungstheorien der Nachkriegszeit: Die Nazis hätten die Konstruktion UFO-förmiger Flugzeuge betrieben, sogenannter “Reichsflugschreiben”. Je nach Variante wurde Hitler damit zum (natürlich in Wahrheit subtropisch temperierten) Südpol evakuiert, habe außerirdische Hilfe vom Aldebaran bestellt – oder sich eben auf den Mond zurückgezogen. Was der SPIEGEL sich nicht auf die Fahnen schrieb: In genau dieser Zeitschrift hatte der Verschwörungsmythos seinen Anfang genommen. Im März 1950 publizierte der SPIEGEL ein Interview mit dem Flugkapitän Rudolf Schriever, der in der Naziära als Aeronautikingenieur gearbeitet hatte. Titel: “Untertassen – sie fliegen aber doch” (vgl. Der Spiegel, 30. März 1950, 33-35). Schriever erzählte, er habe 1942 an einem senkrecht startenden Flugzeug gearbeitet, das nicht länglich, sondern rund sein sollte. Um eine zentrale “Gondel” sollte eine “Schaufelblattscheibe” von 15 m Durchmesser angeordnet sein, die wie bei einem Hubschrauber rotierte. “Flugkreisel” nannte Schriever diese Erfindung. Die Originalpläne waren ihm selbstredend auf mysteriöse Weise entwendet worden und inzwischen in der Hand fieser tschechischer Ingenieure.
Auf elegante Weise bediente diese Geschichte zwei damals kursierende Mythen: Der Sportpilot Kenneth Arnold wollte am 24. Juni 1947 neun untertassenförmige Flugobjekte gesehen haben. Und in der internationalen Presse kursierte seit Juli 1945 das Gerücht, Hitler habe möglicherweise den Zweiten Weltkrieg überlebt und sei in die Antarktis (1938/39 Ziel einer deutschen Expedition) oder nach Südamerika geflohen – und warum nicht gleich auch noch in einem “Flugkreisel”? Nach Schrievers Bericht (wenn der denn stimmt) war zwar nicht ein einziges Modell gebaut worden. Aber verschwörungstheoretisch Interessierten stehen Fakten ja grundsätzlich nicht im Wege. Umgehend wurde der Mythos in genau dieser Hinsicht fortgeschrieben: Hitler & Co seien nun in Fliegenden Untertassen unterwegs. Erich Halik, Anhänger des Wiener Esoterikers und üblen Rassisten Wilhelm Landig, verkündete, die UFO-Sichtungen seien “keine Invasion aus dem Weltraum” (vgl. Mensch und Schicksal, Nr. 9/1954, 3-5). Sie legten vielmehr davon Zeugnis ab, dass die Nazis weiter aktiv seien. In den folgenden Jahrzehnten trieb die Verschwörungstheorie munter weitere Blüten. Jim Keith schließlich stellte 1994 die “Iron Sky” zugrundeliegende Theorie auf, die Nazis hätten sich von der Erde zurückgezogen, “by constructing bases on Mars or the Moon to carry the ancient Grail of Aryan racial purity away from what they conceive as a cataclysm-doomed Earth.” (Keith: Casebook on Alternative 3. UFOs, Secret Societys and World Control, Lilburn 1994, 153).
Luzifer und Ahriman – Schamballah und Agartha
UFOs gehören spätestens seit der “Prä-Astronautik” Erich von Dänikens zu den großen Themen in der Esoterikszene des 20. Jahrhunderts. Das klingt, milde gesagt, abstrus, ist aber keine überraschende Konstellation, wenn man die Geschichte der jüngeren Esoterik betrachtet: Hatten die Spiritisten versucht, die Geister von Verstorbenen mit “modernen” Mitteln zu “beweisen”, hatten Helena Blavatsky oder Rudolf Steiner eine spirituelle Alternative zur Evolutionstheorie des 19. Jahrhunderts entworfen, hatte Ken Wilber einen postmodernen Ekklektizismus zur post-postmodernen “integralen Landkarte” stilisiert, so selbstverständlich integrierten jüngere esoterische Ansätze eben die Möglichkeiten moderner Technik und die Fantasien der Science-Fiction-Literatur. Der erwähnte Erich Halik hielt die Nazi-UFOs für Manifestationen eines uralten “Archetyps”, des Heiligen Gral. In Wahrheit seien sie von “ätherischer” Beschaffenheit gewesen (vgl. Halik: Das Phänomen der Fliegenden Untertassen, in: Mensch und Schicksal, Nr. 19/1951, 4-7).
Nach Haliks Auffassung hatten die Nazis am Nord- und Südpol Kolonien aufgebaut, und zwar unter den Zeichen der “Goldenen Sonne” und der “Schwarzen Sonne” – sie stünden einander dualistisch entgegen: Der eine Pol verkörpere mit der Goldenen Sonne eine “luziferische” Erleuchtung, die in Zusammenhang mit dem tragischen Katharerforscher und zeitweiligen Himmler-Günstling Otto Rahn stehe, der andere stehe mit der Schwarzen Sonne unter dem Einfluss “saturnischer, satanischer Logen der SS” (vgl. Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne, Wiesbaden 2009, 277). Haliks Intimus Wilhelm Landig brachte den Glauben an die Existenz dieser dämonischen Weltmächte in Zusammenhang mit dem prominenten völkischen Mythos von Agartha und Schamballah. Landig ist der Autor einer Romantrilogie über den Mythos von Thule (einer Art völkischen Variante des theosophischen Atlantis). Die Helden der Trilogie reisen munter mit Nazi-UFOs über den Planeten, begegnen freimaurerischen Verschwörungen und einer esoterisch-nationalsozialistischen Internationale, zu denen chinesische Weise ebenso zählen wie tibetische Lamas. Die Legende der beiden unterirdischen Städte Schamballah und Agartha ist in Landigs Geschichte omnipräsent. Schamballah ist der Sitz der “Herrn der Furcht”, Zentrum okkulter Logen und politischer Mächte des Westens. Agartha dagegen ist das unterirdische Reich des Geistes und der Besinnung, hier regiert der gute König der Welt. Beide Mächte konstituierten als Pole die spirituelle Energie unseres blauen Planeten. Sie müssten sich stets in Ausgleich befinden. Am Scheitern des Nazismus sei ein zu großes Überwicht der Macht von Schamballah schuld gewesen (vgl. Wilhelm Landig: Wolfszeit um Thule, Wien 1980, 629ff.).
Die beiden Städte hat Landig allerdings nicht erfunden. Als “böse Zwillinge” werden die “Weltmächte Agarthi und Schamballah” in einem zehn Jahre älteren Werk behandelt: Im “Speer des Schicksals” des Anthroposophen Trevor Ravenscroft (1921-1989). Nach Ravenscrofts Auffassung repräsentierten die beiden unterirdischen Städte die irdischen Wirkungspunkte der anthroposophischen Dämonen Ahriman und Luzifer:
“Das Luziferorakel wurde ‘Agarthi’ genannt und für ein Meditationszentrum gehalten, das ‘die Mächte’ unterstützte. Das Ahrimanorakel wurde ‘Schamballah’ genannt und galt als ein Zentrum, in dem Rituale durchgeführt wurden, mit denen die den Elementen innewohnenden Kräfte unter Kontrolle gehalten werden sollten. Die Eingeweihten von Agarthi beschäftigten sich vornehmlich mit Astralprojektion und versuchten, alle Zivilisationen der Welt mit falschen Führern zu versorgen. Schamballahs Adepten dagegen versuchten die Illusion des Materialismus aufrechtzuerhalten und jedwede menschliche Tätigkeit im Abgrund enden zu lassen” (vgl. Ravanscroft: Der Speer des Schicksals, Zug 1974, 262).
Nach Ravenscrofts ‘Forschungen’ waren die Nazis mit Agarthi verbündet, die Alliierten dagegen mit Schamballah:
“Drei Jahre nach dem ersten Kontakt mit den Eingeweihten von Agarthi und Schamballah wurde eine tibetische Gemeinde mit Zweigniederlassungen in Berlin, München und Nürnberg in Deutschland gegründet. Aber nur die Adepten Agarthis, die Luzifer dienten, waren bereit, die Sache der Nazis zu unterstützen. Schamballahs Eingeweihte, die den Materialismus und das Maschinenzeitalter fördern wollten, verweigerten ganz einfach die Zusammenarbeit. Durch ihren Dienst für Ahriman waren sie bereits mit der abendländischen Welt in Verbindung getreten und arbeiteten mit bestimmten Logen in England und Amerika zusammen!” (ebd., 263)
Walter Johannes Stein und Adolf Hitler
Ravenscroft beanspruchte, persönlicher Schüler von Walter Johannes Stein zu sein. Stein war Lehrer an der ersten (Stuttgarter) Waldorfschule und sehr vertraut mit dem Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner.
“Bei Dr. Stein”, so Ravenscroft, “hatte ich annähernd sieben Jahre studiert, seine Vorlesungen besucht und direkten individuellen Anschauungsunterricht in den Meditationsdisziplinen, in der Entwicklung geistiger Fähigkeiten und in der Erlangung höherer Bewusstseinsstufen erhalten. Ein[e] Schulung, die er ‘das Lernen des ABC des Grals ohne die Kunst der schwarzen Magie’ zu nennen pflegte.” (Ravenscroft: Der Kelch des Schicksals, Basel 1981, 7f.)
Ravenscroft wollte Stein in den 50ern kennengelernt haben, 1960 wurde er Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, 12 Jahre später erschien sein eben zitierter Bestseller “Der Speer des Schicksals”. Mit dem “Speer” ist der Speer des Longinus gemeint, jene heilige Lanze, die der gleichnamige römische Legionär dem gekreuzigten Christus in die Seite gestoßen haben soll. Genau wie sein Gegenstück, der Heilige Gral Joseph von Arimathias, ist der Speer mit der Legende von König Artus und der ritterlichen Gralssuche verknüpft. “Vielfältig sind die Verästelungen der Gralsgeschichten, deren fast jede auf eine weitere, ursprünglichere zurückzuführen ist, so, wie in russischen Spielzeugpuppen immer eine und nochmals eine in der anderen steckt.” (Franz Baumer: König Artus und sein Zauberreich, München 1991, 243).
Es konnte nicht ausbleiben, dass im Zuge einer steigenden Heidentums- und Artusnostalgie auch die Anthroposophen die Gralslegende ausbauten. Selbstverständlich spielte dabei das deutsche Kaisertum eine besondere Rolle: “Das sind die Fakta, aus denen die Sagengestalt Friedrisch Barbarossas entstanden ist. Durch Blutsfolge hat er seine Lebensaufgabe als Kaiser angetreten. Zur freien Individualität hat er sich als Mensch durchgerungen. Durch Schicksalsfügung ist er als Gralssucher durch den Tod gegangen.” (Ernst Uehli: Die drei großen Stauffer (1959), Wiesbaden 2010, 143). Das ist, wie Franz Baumer zurecht meint, “etwas viel ‘Volksgeist’-Esoterik und von Steiner geschaute geschichtsphilosophische Sinnzuschreibung. Aber auch ohne einem Gralsmystizismus sektiererischer Färbung zu huldigen, dürfen wir im Aufkommen der Gralsromane (und in Übereinstimmung mit der Anthroposophie) den Ausdruck einer religiösen Strömung erkennen, die am Rande der kirchlich reglementierten Glaubenswelt angesiedelt und auf ein esoterisches Christentum gerichtet war.” (Baumer: König Artus…, a.a.O., 236)
Christus, der Gral, Longinus und vor allem dessen Lanze haben nach Ravenscrofts Meinung natürlich alle existiert, und der “Speer des Schicksals”, mit einer ganzen Reihe von übersinnlichen Kräften versehen, landete nach einer ereignisreichen Geschichte in der Wiener Hofburg. Dort wurde er, behauptet Ravenscroft, 1912 von niemand geringerem als Adolf Hitler entdeckt. Hitler war natürlich im Bilde über Schamballah, Luzifer und ihre spaßigen Freunde und sich voll bewusst, dass er am Ringen der okkulten Mächte auf Seiten Luzifers teilnahm.
“Aber Hitler haßte Christus und empfand nur Spott und Verachtung für alle christlichen Bestrebungen und Ideale. Und diese Hingabe an das Böse erklärt, warum der Speer des Longinus solch einzigartige Anziehungskraft auf ihn ausübte. In seinen Augen war der Speer ein apokalyptisches Symbol für einen manichäischen Krieg der Welten, eine mächtige kosmische Auseinandersetzung zwischen den Hierarchien des Lichtes und der Dunkelheit, die sich auf Erden im Ringen der guten und bösen Mächte um das Schicksal der Menschheit widerspiegelte.” (Ravenscroft, Speer, 268)
Ravenscroft berichtet: Im selben Jahr hatte Hitler Walter Johannes Stein kennengelernt. Der Anthroposoph Stein erfuhr mit einer gewissen Angstlust von Hitlers okkulten Interessen. Dazu gehörte selbstverständlich die Weltherrschaft, die durch den Besitz des Longinusspeers abgesichert werden sollte. In Rudolf Steiner, “der Prophet des kosmischen Christus unserer Zeit war”, sah Hitler seinen größten Gegner. In letzter Sekunde wusste Stein, ein Nazi-Attentat auf Steiner zu verhindern (ebd., 269ff.). Natürlich steckten die Nazis (diesmal Hitlers Mentor Dietrich Eckart) auch hinter dem Brandanschlag auf Steiners Erstes Goetheanum, einen Jugendstilbau in Dornach bei Basel, der Zentrum der anthroposophischen Bewegung werden sollte. Ravenscroft stilisierte Steiner zur galaktischen Potenz und zum einzigen Warner vor der “luziferischen Hierarchie”, die “von Adolf Hitlers Seele Besitz ergreifen konnte” sowie vor dem “globalen Anti-Menschen im ich-losen Körper des Reichsführer SS Heinrich Himmler, der wohl schrecklichsten Verkörperung von Terror und Inquisition in der gesamten Geschichte der Menschheit.” (ebd., 295).
Tatsächlich gab es einige Krawalle bei Vorträgen Steiners, die als Attentatversuch gewertet werden können. Doch ob dahinter die spätere Leitung der NSDAP steckte, darf man getrost bezweifeln. Tatsächlich wurde das Dornacher Goetheanum niedergebrannt und tatsächlich gab es Drohungen von völkischer Seite, doch die Frage nach der Brandursache des Ersten Goetheanums ist bisher letztlich ungeklärt. Tatsächlich hat Hitler die Anthroposophie unter die “jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker” eingereiht (Hitler: Staatsmänner oder Nationalverbrecher?, in: Völkischer Beobachter, 15.3.1921, 1), doch aus dieser (einzigen) Erwähnung zu schließen, Steiner sei Hitlers größter Gegner gewesen, ist gewaltig übertrieben. Tatsächlich hetzte Dietrich Eckart gegen systematisch gegen Steiner (vgl. Anthroposophie im Widerstand). Eine Begegnung zwischen Stein und Hitler hat es ebensowenig gegeben wie ein Wiener Antiquariat Pretzsche. Behauptungen über Hitlers Beeinflussung durch rechts-theosophische Kreise sind inzwischen als sensationslüsterne Legenden überführt. Christoph Lindenberg hat Ravenscrofts Suggestionen bereits 1974 als Erfindungen entlarvt (Lindenberg: Jenseits von Wirklichkeit und Wahrheit, in: Die Drei, Jg. 1974, 631ff.).
Dennoch wurde der “Speer des Schicksals” als “Geheimtipp” über die okkulten Inspirationen des Nationalsozialismus in anthroposophischen Zirkeln herumgereicht (so Uwe Werner: Rudolf Steiner zu Individuum und Rasse, 57ff.). Für viele anthroposophisch gebildete erzeugten die Ausführungen Ravenscrofts sicher bestimmte Evidenzerfahrungen: Hatte nicht schon Albert Steffen den frisch verstorbenen Steiner im Jahr 1925 mit der Gralslegende in Verbindung gebracht und als “den Erfüller Parzivals” bezeichnet (zit. n. Rudolf Meyer: Zum Raum wird hier die Zeit. Die Gralsgeschichte, Frankfurt a.M. 1983, 240)? 1996 übernahm sogar der inzwischen prominenteste Anthroposophiekritiker Helmut Zander Ravenscrofts Begegnungskonstrukte, als er schrieb: “Hitler selbst soll durch den Anthroposophen Walter Johannes Stein mit Vorstellungen Steiners bekannt gemacht worden sein und eine Vorliebe Hitlers für biodynamische Produkte wird kolportiert; Steiners politische Vorstellungen hat Hitler allerdings explizit abgelehnt.” (Sozialdarwinistische Rassentheorien). AnthroposophInnen wie Amnon Reuveni, Sergej Prokofieff oder Lorenzo Ravagli haben auch nach der Widerlegung und Diskreditierung Ravenscrofts die Geschichte von Adolf Hitlers dämonischer Beeinflussung (allerdings: ohne explizite Anknüpfung an Ravenscroft) fortgeschrieben.
“Die Schwarze Sonne von Tashi Lunpo”
Die realen Verbrechen des Naziregimes kommen bei Verschwörungstheoretikern wie Ravenscroft allenfalls am Rande vor. Dennoch hielt dieser Autor die Nazis immerhin für schlecht und für die Repräsentanten des Bösen. Doch es war ein Leichtes, sich in der Folge und unter Berufung auf dieselbe Geschichte auf die Seite der Nazis und “Agarthas” zu schlagen. Ravenscrofts Mythos über den Heiligen Speer, vermischt mit den Annahmen Landigs und Haliks wurden 1991 in dem deutschen Roman “Die Schwarze Sonne von Tashi Lunpo” auf beunruhigende Weise fortgeschrieben (ich danke Hans-Jürgen Bracker und Arfst Wagner für wertvolle Hinweise). Hier erscheinen Hitler und die seinen als gewaltfreie, attackierte Untergrundorganisation unter dem Segen von Agartha, während die UNO, diverse Freimaurer und westliche Regierungen vor keinem Verbrechen zurückschrecken, um die Nazi-Krieger des Lichts zu stoppen. Natürlich stehen diese westlichen Mächte unter dem Einfluss des finsteren Schamballah. Das Buch erschien im rechtslastigen “Arun-Verlag”, als Autor steht auf dem Cover ein Russel McCloud. Doch der ist ein Pseudonym, das sich ein “Pressebüro Globe” ausgedacht hat. Die Organisation informiert in ihrer Onlinepräsenz: “Wir realisieren für Sie als Herausgeber, Co-Autoren oder Ghostwriter Ihre Buchprojekte.” (Pressebüro Globe) und wirbt:
“Im Bereich des Ghostwriting hat Globe beispielsweise für den Arun Verlag das Buch „Die Schwarze Sonne von Tashi Lhunpo“ (ISBN 3-927940-04-6) unter dem Autorenpseudonym Russell McCloud realisiert. Der Hauptautor wollte bei diesem Thriller um die Wiederkehr des SS-Ordens im Kampf mit dem fiktiven UNO-Geheimdienst lieber nicht namentlich genannt werden. Der Clou des Autorennamens war „to cloud something with a ruse“; d.h. etwas mit einer List (Pseudonym) zu umwölken.” (ebd.)
Als Kontanktperson wird auf der Webseite ein “Herr Mögle-Stadel” angegeben. Stephan Mögle-Stadel, vor allem bekannt durch sein Engagement im Umfeld der UN sowie seine “spirituelle” Dag Hammarskjöld-Biographie, ist auch als Vortragsredner in der anthroposophischen Welt unterwegs (vgl. Paracelsus-Zweig Basel), ohne mir bekannte Begründungen wurde auch über Verbindungen zu Scientology spekuliert. Mögle-Stadel hat in anthroposophischen Zeitschriften wie “Das Goetheanum”, den Flensburger Heften oder Info3 publiziert. Von Info3 grenzt er sich inzwischen ab:
“Bemerkenswert dürfte sein, dass Stefan Mögle-Stadel, ehemals selbst Autor für ‚Info3’, zuletzt mit Kontakten zu Peter Ustinov und Yehudi Menuhin im Rahmen der Vereinten Nationen wirkend, und weltweit bekannt als Verfasser der anerkannten Biographie über den ermordeten UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, mir via Email am 11. Juli die Einschätzung gab: ‚Ich hatte ja früher einmal für die (andere) Info3 als Mitarbeiter viel geschrieben. Diese ‚alte’ Info3 erscheint mir Lichtjahre von dem entfernt, was heute daraus geworden ist…’” (Steiert: Positive Resonanz zur Info3-Kritik)
Wenn man nähere Angaben zur Person sucht, die hinter dem Autorenpseudonym Russel McCloud steckt, stößt man (wenig überraschend) erneut auf Mögle-Stadel: “Hinter dem angelsächsischen Pseudonym verbirgt sich ein Autorenteam unter der Leitung des deutschen Wissenschaftsjournalisten Stephan Mögle-Stadel.” (Goodrick Clarke: Im Schatten, a.a.O., 252). Auch im neuen Sammelband von Uwe Puschner und Clemens Vollnhals zur “völkisch-religiösen Bewegung im Nationalsozialismus” (Göttingen 2012, 532) wird McCloud als Pseudonym für Mögle-Stadel angeführt. Ich wurde darauf hingewiesen, dass Mögle-Stafel sich nicht als Anthroposoph bezeichnet, seine Ideen stehen aber deutlich in der Tradition eines Ravenscroft: Auch bei ihm ist vom tausenjährigen Kampf der Mächte von Agartha und Schamballah die Rede, beide sollen die Nachfahren von Göttern aus Atlantis (bzw. Thule) sein. Dabei kommt Schamballah als dämonische Macht vor, die Geheimdienste, die EU und allerlei anderes kontrolliert, während Agartha in Zusammenarbeit mit den Nazis an der Verwandlung der Menschen zu Übermenschen arbeite. Hitler und die SS stehen im halluzinierten globalen Kampf also auf Seiten der Guten. Was Ravenscroft nur im raunenden Ton anthroposophischer Geschichtsesoterik vorgetragen wurde, Hitlers angebliche Gier nach dem Longinusspeer, wird in der “Schwarzen Sonne von Tashi Lunpo” zum kitschigen Zauberritual:
“Plötzlich begann sein Oberkörper zu zittern, erst ganz leicht, dann immer stärker. Schließlich wurden seine Hände, sein Kopf, seine Beine davon ergriffen. Auf seinem Gesicht bildeten sich Schweißtropfen, die bei ihrem Abwärtsgleiten ihre salzigen Spuren auf der Haut hinterließen und die Haare seines schmalen Oberlippenbartes benetzten. Das Zittern ging in einen regelrechten Schüttelfrost über, doch sein Blick blieb weiterhin starr auf die Spitze des Speers gerichtet. Aber die Trance, die ihn überfiel, um sich seines Geistes zu bemächtigen, ließ seine Sinne nichts mehr wahrnehmen. Sein Mund öffnete sich und heraus brach ein Schrei, der nichts Menschliches an sich hatte. Seine Arme schossen nach vorne, packten den Speer, rissen ihn in die Luft. Sein Kopf ruckte nach oben, seine dunklen Augen hefteten sich an das Stück Geschichte, das er in seinen ausgestreckten, zitternden Händen hielt. Seine Uniformmütze rutschte herab und fiel zu Boden. Eine Strähne seiner Haare hing ihm in die schweißgebadete Stirn. Er war eins geworden mit den magischen Kräften, die der Speer ausstrahlte, deren Fluidum sich auf ihn übertrug, ihn erfüllte und ein Hochgefühl erzeugte, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Vier mal sieben Jahre – 28 insgesamt – hatte er auf diesen Moment gewartet. Jetzt, in der Nacht vom 14. auf den 15. März 1938, hielt er endlich den Speer in seinen Händen. Er war eins mit dem Schicksal geworden, ja er war selbst Schicksal. Sein Schrei verebbte, lief aus in einem Röcheln, sein Oberkörper fiel nach vorne und schlug polternd auf dem kleinen Tisch auf. Seine Finger umkrampften das Stück Metall, so, als ob sie schwören würden, es nie wieder loszulassen.” (McCloud: Die schwarze Sonne…, a.a.O., 5f.)
In “Die Schwarze Sonne von Tashi Lunpo” wird erstmalig die Verbindung zwischen der ominösen “Schwarzen Sonne” und dem aus 12 Sig-Runen bestehenden, berühmten Emblem aus dem Obergruppenführersaal der Wewelsburg hergestellt, die Himmler zu einer Art “SS-Vatikan” (Goodrick-Clarke) ausbauen wollte. Als Symbol für die kosmische Evolution taucht bereits bei Helena Blavatsky eine unsichtbare, “zentrale, geistige Sonne” des Universums auf (vgl. Blavatsky: Die Geheimlehre (1888), Burg-Haamstede, Bd. I, 127). Sie sei das große Mysterium, eine Art ‘Ding an sich’ des Kosmos und “die Lehrer” sagten “offen, dass nicht einmal die höchsten Dhyani-Chohans [die "Baumeister der Welt", identisch mit Steiners siebenfältigen Elohim – AM] jemals die Geheimnisse jenseits jener Grenzen, welche die Milliarden von Sonnensystemen von der ‘Centralsonne’, wie es genannt wird, trennen, durchdrungen haben.” (ebd., 41).
Darstellung der "Schwarzen Sonne" als Sonnenrad aus dem ehemaligen SS-Obergruppenführersaal der Wewelsburg (Wiki-Commons)
Steiner und Blavatsky als Projektionsflächen rechter Esoterik
“Das Buch von Ravenscroft erfüllt den Tatbestand geistiger Umweltverschmutzung.” (Christoph Lindenberg: Jenseitsvon Wirklichkeit und Wahrheit, a.a.O., 635), Arfst Wagner zerpflückte Russel McClouds Phantasien über Agartha und Schamballah (Nationalokkultismus II). Man kann aufgrund dieser eindeutigen und eloquenten Abwehr wohl nicht sagen, dass die Anthroposophie in toto mit nationalsozialistischer Esoterik kompatibel ist – auch unter Einbezug von Steiners eigenen Rassismen: “Elemente rassischen Denkens implizieren nicht automatisch eine Zugehörigkeit zur völkischen Bewegung.” (Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, 633). Dennoch waren Steiner und die Inhalte der Anthroposophie bei interessierten Rezipienten stets geeignet, um als Inspiratoren oder Inhalte rassistischen oder nazistischen Geistes zurechtgebogen zu werden. Bereits 1943 phantasierte der an der Judenverfolgung im faschistischen Italien beteiligte Anthroposoph Ettore Martinoli:
“Rudolf Steiner war ein wahrhaft idealer Vorläufer des neuen Europa von Mussolini und Hitler. Ziel dieser Schrift war es, den Geist und die Figur dieses grossen, modernen, deutschen Mystikers für die Bewegung zu beanspruchen – eine Bewegung, die nicht nur politisch, sondern auch spirituell ist – eingeführt in die Welt von den zwei parallelen Revolutionen, der Faschistischen und der Nationalsozialistischen Revolution, denen Rudolf Steiner als echter Vorläufer und spiritueller Pionier in idealer Weise angehört.” (Ettore Martinoli, „Un preannunziatore della nuova Europa: Rudolf Steiner“, in: „La Vita Italiana“, Juni 1943, Seite 566, zit. bei Andreas Lichte)
Rudolf Steiner wurde hier vom kulturell praktisch irrelevanten Stifter einer esoterischen Religion zum politischen Rassisten erklärt. Martinolis Fiktion stützt sich auf dekontextualisierte oder schlicht erfundene Belege. Georg Werner Haverbeck, von dem sich hochrangige Anthroposophen schnell und durchaus glaubhaft distanzierten, stilisierte Steiner ebenfalls zum “Anwalt” des von Hitler “heraufgeführten” Deutschland (vgl. Christoph Lindenberg: Mißbrauch und Verdrehung. Wie Haverbeck Steiner-Zitate in den Dienst seiner Nazi-ldeologie stellt, in: Die Drei, Nr. 12/1989, 906-910, Sergej Prokofieff: Wessen ‘Anwalt’ ist Haverbeck?, ebd., 910-914). 1997 wurde ein anthroposophisches “Projekt gegen NS-Nostalgiker in den eigenen Reihen” gegründet, da es “immer wieder einzelne Anthroposophen” gebe, “die eine spirituelle Sicht der Geschichte mit eigenen Sympathien für Nationalismus und Nationalsozialismus vermischen.” (Anthroposophie und NS). Die Vieldeutigkeit Blavatskyscher und Steinerscher Theoreme machte beide zu beliebten Gewährsmännern der rechten Esoterik: Hatte Blavatsky nicht Agartha (Agadi) als unterirdische Feste des alten Babylon beschrieben? Zeitreisefreudige Verschwörungstheoretiker fügten hinzu, dass die mit “Reichsflugscheiben” ausgestatteten Nazis “durch den ‘transdimensionalen Kanal’ zurück in die Vergangenheit gereist sind und Zuflucht im alten Babylon gefunden haben, wo die deutschen Besatzungsmitglieder als ‘weiße Götter’ aus einer anderen Welt empfangen und verehrt wurden.” (Goodrick-Clarke: Im Schatten, a.a.O., 340).

"Reichsflugscheibe" am Goetheanum, dem Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (Collage von Esowatch)
Hatte nicht Steiner behauptet, die Seelen der Menschen seien in grauer Vorzeit (“lemurische Epoche/Wurzelrasse”) durch hochentwickelte Engel von den anderen Planeten des Sonnensystems auf die Erde gesandt worden, um sich erstmals in biologischen Körpern zu inkarnieren und zu eigenständigen Menschen zu werden (GA 13, 241)? Hatte er nicht die Existenz geheimnisvoller Luftschiffe aus Atlantis verkündet? “Sie erinnern sich, wie die eigentliche Technik der Atlantier war. Auf kleinen Luftschiffen fuhren die Atlantier dahin über die Erde, nahe der Erde, weil die Luft durchsetzt war von dichten Nebelmassen.” (GA 109, 79). Und dann wäre da noch die mysteriöse Substanz “Vril”, die bei Steiner ebenso vorkam wie bei heutigen Epigonen ‘ätherischer’ UFOs (vgl. zum Kontext Marco Frenschkowski: Die Geheimbünde. Eine kulturgeschichtliche Analyse, Wiesbaden 2007, 169-172, Zander: Anthroposophie…, a.a.O., 642-646). In grobstofflicher Interpretation lässt sich aus diesem Cocktail leicht der Schluss ziehen, die Menschheit habe außerirdische Vorfahren von verschiedenen Planeten gehabt: Die Deutschen seien in Wahrheit Außerirdische aus der “Herrenrasse der ‘Lichtgottmenschen’ (Alpha-Aldebaraner)” (Goodrick Clarke: Im Schatten, a.a.O., 336). Fließend kommt man von solchen Vorstellungen zu den anthroposophischen “Flugscheiben”-Affirmationen Herwig Duscheks oder den “Die-Götter-waren-Aliens”-Theoremen eines Erich von Däniken, der den mysteriösen Kontinent Atlantis zum Sitz dieser außerirdischen Mächte erklärte. Auch Ravenscroft hatte die Existenz von Atlantis besungen – und es zur Brutstätte der Arier erklärt:
“Auf diese Weise wurden die besten Eigenschaften in den erlesensten Exemplaren der Rasse enwickelt, und die Veredlung der arischen Völkcr schritt dadurch immer weiter fort. Die Herrscher der degenerierenden Rassen im Süden des Kontinents erkannten die Gefahr einer höheren Entwicklung der neuen arischen Rasse und erklärten ihr den Krieg. Aus dem Nebel, der den Fuß der Berge umgab, rückten den arischen Verteidigern Horden plündernder Krieger entgegen. Viele von ihnen waren riesengroß, hatten ein groteskes Aussehen und waren mit furchtbaren magischen Kräften ausgerüstet, die ihnen übermenschliche Stärke verliehen. Ihnen gegenüber setzten die Arier ihre neugewonnene Intelligenz ein, und die Fähigkeit zur Improvisation war wertvoller als alle von den Angreifern eingesetzte Magie.” (Ravenscroft: Der Speer, a.a. O., 248)
Mögle-Stadel alias McCloud meinte, in Hitler doch noch ein Fünckchen esoterischer Hoffnung erkennen zu können: “Es gab keine Zufälle, höchstens Dinge, die gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Gründen erklärten. Jetzt verzehrten die Flammen das Fleisch jenes Mannes, der zum Symbol für eiskalte Vernichtung geworden war. Feuer und Eis, im ewigen Spiel der magischen Kräfte. Es schien, als ob die Flammen Tribut forderten für die Millionen Toten, die zurückgeblieben waren. Doch das Feuer würde Asche gebären, und die Asche würde der Samen sein für einen neuen Phönix, der sich in fernen Zeiten mit mächtigem Flügelschlag aus ihr erheben würde.” (McCloud: Die Schwarze Sonne…, a.a.O., 9).
Die “Nazi-Mysterien”
Der oben mehrfach zitierte britische Esoterikforscher Nicholas Goodrick-Clarke fasst Literatur vom Schlage eines Ravenscroft, McCloud usw. unter dem Stichwort “Nazi-Mysterien” zusammen. Er sieht darin
“Bemühungen seitens der fiktionalen und der nichtfiktionalen Literatur…, den Nationalsozialismus entpolitisierend und enthistorisierend mit Religiösem, Okkultistischem, Esoterischem, Mythischem und dergleichen in Verbindung zu bringen und diese metaphysischen Bezüge als ‘wahres Wesen’ der braunen Bewegung hinzustellen … Das Grundmuster bildet die Suggestion: Die Nazis wurden getrieben von verborgenen, okkulten, oder wie ein in diesem Kontext gern benutztes Fachwort heißt, ‘arkanischen’ Mächten, die womöglich gar nicht von dieser Welt waren.” (Goodrick-Clarke: Im Schatten, a.a.O., 223).
Sein deutscher Kollege Hans-Thomas Hakel weitet die Bestimmung auch auf kryptohistorische Verschwörungsmythen aus, die eine ‘okkulte’ Vorgeschichte des Nationalsozialismus propagieren: “Niemand wird … leugnen wollen, dass es im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre einen okkulten Boom gegeben hat. Nur – darf man daraus schließen, dass deswegen Hitler und der Nationalsozialismus ebenso okkulte Ursprünge gehabt haben müssen? Dieser Trugschluss wird auch durch noch so viele Hinweise auf die damalige okkulte Szene in Deutschland nicht wahrer.” (Hans Thomas Hakl: Nationalsozialismus und Okkultismus, in: Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus (1982), Wiesbaden 2004, 217)
Es ist richtig und wichtig, solche Verschwörungstheorien (auch) durch satirische Antworten wie den Film “Iron Sky” oder “Die Mondverschwörung” zu kontern. Allerdings werden dadurch die “Nazi-Mysten” in keiner Weise beeindruckt. Das Dilamma esoterisch-okkulter Geschichtsdeutungen, wie sie die Anthroposophie pflegt, im Umgang mit einem Phänomen wie dem Nationalsozialismus, bleibt so unauflösbar wie die Theodizeefrage. Auch potente Theologen schlängeln sich nicht selten auf ähnlichem Niveau herum: “Manchmal möchten wir zu Gott am liebsten sagen: Hättest du den Menschen doch weniger groß gemacht, dann wäre er auch weniger gefährlich … Und doch wagen wir es dann letztlich nicht zu sagen, weil wir auch dankbar sein müssen, dass Gott die Größe geschaffen hat.” (Joseph Ratzinger: Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, Ein Gespräch mit Peter Seewald, Stuttgart/München 2000, 102). Hitler allerdings, “der aus dem Untersten aufgestiegen war” und “als Nichtstuer herumgelebt” habe, spricht Ratzinger diesen Status des Menschseins und der potenziellen Größe ab (ebd., vgl. S. 108).
Die schiere Feststellung, dass Esoterik, vielleicht religiöse Geschichtsdeutung generell, auch der Mystifizierung von Verbrechen gegen die Menschheit dienen kann (vgl. Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, München 2006, 47-50), impliziert keine generelle Bewertung von Religion und Esoterik als regressiv oder barbarisch. Es ist im Gegenteil gerade die christlich-jüdische (insbesondere im ‘Alten’ Testament begründete) Ethik der “Menschheit” mit ihrer Feststellung, “dass die Beziehung zum Göttlichen über das Verhältnis zu den Menschen führt und mit der sozialen Gerechtigkeit zusammenfällt” (Levinas: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum, Frankfurt a.M. 1992, 32; vgl. Amos 6,4-6; Amos 9, 7; 3. Mose, 19,18/33-34; 5. Mose 30, 15/19), die eine jede Religionskritik materialistisch beerben muss, um an der Vorstellung von menschlicher Würde und Solidarität festzuhalten. Anders als unter Berufung auf die Idee der Menschheit lässt sich auch den geschichtsverzerrenden Deutungen nationalokkultistischer und rechts-esoterischer Provenienz nicht begegnen.
Anthroposophie im Widerstand
“Aus der vehementen Ablehnung der Anthroposophen durch Dietrich Eckart [einen Mentor Hitlers] können wir viel lernen. Wenn er so stark auf sie reagierte – und er war nicht der einzige völkische Denker, der das tat –, dann muss er sie sehr ernst genommen haben. Damit hatte er Recht, denn Deutschland schien bereit, jede mögliche Alternative zu seinem alten unglückseligen System auszuprobieren. Doch in gewisser Hinsicht stellte die völkische Reaktion das Zugeständnis dar, dass beide Lager auf derselben Ebene operierten. Ein Teil der völkischen Wut wuchs aus der Erkenntnis, dass es hier eine andere Vision des Universums gab, die ‘geistig’ zu sein beanspruchte. Hatten nicht die Propheten des ‘Volkes’ das Monopol auf die geistige Politik, waren nicht sie allein wirklich ‘geistreich’?”
– James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen.
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Die jüngst wieder ausgebrochene und auch auf diesem Blog geführte Debatte zum Thema Anthroposophie und Faschismus blubbert munter. Zufällig zum genau passenden Zeitpunkt ist nun weiteres Material verfügbar, das einen ganz anderen Aspekt hervorspielt: Anthroposophinnen und Anthroposophen im antifaschistischen Widerstand. Das für April angekündigte Buch “‘Es lebe die Freiheit!’ Traute Lafrenz und die Weiße Rose” (Peter Norman Waage) ist unerwartet früher erschienen. Ich nehme das zum Anlass, hier ein weiteres, weitgehend unbekanntes Kapitel der verzweigten und widersprüchlichen Rezeptionsgeschichte der Anthroposophie zu schildern: Die Einflüsse anthroposophischen Gedankenguts auf ‘den’ Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Traute Lafrenz
So unbefleckt wie die namengebende Blüte ist die Weste der Widerstandsgruppe “Weiße Rose” wohl nicht gewesen: Der Historiker Sönke Zankel hat mit dem bundesdeutschen Mythos der lauteren demokratischen Studenten mit antinazistischen Ambitionen aufgeräumt und zeigte etwa elitäre Selbstverständnisse in der Widerstandsgruppe oder die antijüdischen Ressentiments bei Hans Scholl auf. Respekt gebührt der engagierten Gruppe nichtsdestominder. Die zeitweilige Freundin Scholls, Traute Lafrenz, hat es in einem SZ-Interview vom 3.05.2002 infolgedessen als “peinlich” bezeichnet, dass die Flugblätter der “Weißen Rose” keine direktere Position zur “Judenfrage” bezogen (vgl. Zankel: Mit Flugblättern gegen Hitler, Köln u.a. 2008, 510 – das Buch wurde auch stark kritisiert). “Insgesamt”, so Zankel, “kann für Traute Lafrenz konstatiert werden, dass für sie die Worte Inge Scholls noch am ehesten zutreffend sind: der ‘große Wettkampf um das Leben der Freunde’.” (ebd., 448). “Ihre Aktivitäten waren von entscheidender Bedeutung, wurden von der Nachwelt jedoch wenig beachtet. Sie selbst zieht es vor, sich als Zeitzeugin zu bezeichnen. Sie weist konsequent jede Art von Ehrbezeugung ab, aus Respekt vor all denjenigen, die so viel mehr taten als sie.” (Waage: “Es lebe die Freiheit!” Traute Lafrenz und die Weiße Rose, Stuttgart 2012, 9 – das 2010 mit dem norwegischen Riksmalfortbundets litteraturpris ausgezeichnete Buch wurde vom anthroposophischen Urachausverlag ins deutsche übersetzt).
Lafrenz ist vor allem als Verbindung zwischen der Hamburger und der Münchener Gruppe der Weißen Rose bekannt, sie sorgte für die Weiterverbreitung von Informationen und Flugblättern und bemühte sich nach der Verhaftung der Geschwister Scholl u.a. um die Vernichtung von Beweismaterial, wurde inhaftiert, frei gelassen, erneut inhaftiert – eine genaue Dokumentation bietet das Archiv der “Weiße Rose Stiftung” (und eben das kürzlich erschienene Buch von Waage). Lafrenz wanderte nach dem Krieg in die USA aus, wo sie Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und der “Ersten Klasse” der Dornacher “Hochschule für Geisteswissenschaft” wurde. Bis 1992 war sie Leiterin der “Esperanza School”, einer heilpädagogischen Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage. Heute hat Lafrenz vier Kinder und sieben Enkel und lebt in South Carolina. Als “Weiße Rose der Anthroposophie” wurde sie in einem Newsletter der ortsansässigen Anthroposophischen Gesellschaft bezeichnet, Ausstellungen widmen sich auch ihrer Person, 2009 erhielt sie die Herbert-Weichmann-Medaille von der jüdischen Gemeinde Hamburg (vgl. Kathleene Wright (?): Anthroposophy’s ‘White Rose’, in: Sophia Sun – Newsletter of the Anthroposophical Society in North Carolina, June 2008, I, 3, 30). Wie kam Traute Lafrenz zur Anthroposophie?
In die Aktionen der “Weißen Rose” war Traute Lafrenz nicht zufällig und nur durch den Kontakt zu den zentralen Figuren der Weißen Rose, Scholl, Kucharsky und Schmorell, involviert. Eine wichtige Rolle für die Motivation von Kucharsky und Lafrenz spielte die Lehrerin Erna Stahl (1900-1980). Sie hatte Deutsch, Geschichte und Kunstgeschichte in Wien studiert, bevor sie nach dem zweiten Staatsexamen eine Klasse in der reformpädagogischen Lichtwark-Schule übernahm (Vgl. Zankel a.a.O., 531). In dieser Klasse war neben Kucharsky und Lafrenz auch Margareta Rothe, die ebenfalls im Kreis der “Weißen Rose” tätig war und dafür hingerichtet wurde. Die Lichtwarkschule, deren von Alfred Lichtwark konzipiertes Programm übrigens von Steiner nur ein einziges Mal, aber zustimmend zitiert wurde (Steiner: GA 298, 53), war mit der Waldorfpädagogik zumindest im ästhetischen und “naturnahen” Anspruch vergleichbar (vgl. Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, 1388, 1422).
Erna Stahl
Peter Norman Waage zitiert die Erinnerungen von Lafrenz über die spezifische Prägung von Erna Stahls Unterricht:
“‘Unsere war ihre erste Klasse’, berichtet Traute. ‘Ich stieß im sechsten Schuljahr dazu. Die Lehrer konnten ihren Unterricht mehr oder weniger so gestalten, wie sie es selbst wollten. Erna Stahl war von der Waldorfpädagogik inspiriert. Sie hatte einen guten Freund, der Waldorflehrer war, und bediente sich einer ganzen Reihe entsprechender Methoden. Sie hatte offensichtlich auch Steiner gelesen, das begriff ich im Nachhinein. Ich bin die einzige unter ihren Schülern, die später mit der Anthroposophie weitergemacht hat; tatsächlich habe ich kurz nach Abschluss der Schule angefangen, ‘Die Philosophie der Freiheit’ [GA 4] zu lesen. Ich habe auch versucht, Hans [Scholl] dafür zu interessieren, aber das funktionierte überhaupt nicht.” (Lafrenz zit. in: Waage a.a.O., 29)
“Die Literatur, die Hans zu dieser Zeit las, strahlte eine ethisch-moralische Kraft aus’, erzählt Traute. ‘Es waren einige sogenannte neokatholische Schriften, aber es handelt sich nicht nur um religiöse Literatur. In der ersten Zeit nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten waren alle politisch Oppositionellen verhaftet worden. Die Opposition, die übrig blieb, gründete sich auf Ethik und auf ein spirituelles Erleben der Welt [eine Perspektive, die scheinbar den kommunistischen Widerstand vollständig ausblendet – AM] … Doch mein Interesse galt der Anthroposophie, die mir trotz allem näher stand als der Katholizismus. Ich traf mich in dieser Zeit auch mit anderen Leuten; wir lasen Rudolf Steiners ‘Philosophie der Freiheit’. Hans stand Steiner völlig fremd gegenüber.” (zit. n. ebd., 58, vgl. auch Katrin Seybold: Katz und Maus).
“Dabei fällt mir ein, dass das, was uns als Einzelne während dieser Zeit am tiefsten anging, nämlich, wie jeder von uns ein aufrichtiges Verhältnis zum Christentum zu bekommen anfing, selten oder nie besprochen wurde.” (Traute Lafrenz in: Inge Scholl: Die Weiße Rose (1982), Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1992, 170 – ihr Bericht wird als einer der zuverlässigsten in der Literatur zur Weißen Rose gerechnet, vgl. Zankel a.a.O., 543)
Traute Lafrenz Erinnerungen an Stahls Unterricht werden aus anderen Quellen bestätigt. Verschiedene ehemalige Schüler haben v.a. die Betonung der Werte “Freiheit und Gewissen” auf Grundlage eines patriotischen Geschichtsbewusstseins als charakteristisch für diesen Unterricht empfunden. Da war die Rede von einer “Erziehung zum Menschen, der sich selbst erkennt und sich selbst überwindet nach dem Vorbild des Georgsritters, der für das Gute streitet und das Böse besiegt” (Belege bei Zankel a.a.O., 533). Diese etwas pathetischen Erinnerungen wurzeln in Stahls wohl deutlich artikulierter Abneigung von Personenkult, Uniformierung und Militarisierung (ebd.) und zeigten sich konkret etwa darin, dass Stahl ihre Schüler nach der Machtübernahme weiterhin mit “Guten Morgen, Herrschaften” (statt “Heil Hitler”) begrüßte. Auf eine Ausstellung der Nazis zur “Entarteten Kunst” reagierte die Kunsthistorikerin, indem sie mit ihren Schülern die Künstler der “Brücke” und des “Blauen Reiters” behandelte. Als sie für die Osterferien 1935 eine Klassenfahrt nach Berlin organisierte, um die Originalbilder dieser Künstler anzusehen, führte das zu ihrem Rausschmiss.
Die Lichtwarkschule, bei den Nazis als das “rote Mistbeet von Winterhude” bekannt (vgl. Maria Krebs, Michael Verhohen: Die Weiße Rose. Der Widerstand gegen Hitler, Frankfurt 1982, 63), wurde 1937 “gesäubert”: Die Lehrer wurden entlassen und versetzt – Erna Stahl, wie erwähnt, schon zwei Jahre vorher –, die Schule selbst wurde aufgelöst. Stahl hielt aber Kontakt zu einigen ihrer ehemaligen Schüler. Schon vor 1935, aber von da ab über ein Jahr regelmäßig, fanden bei ihr wöchentlich private Treffen statt, die die Beschäftigung mit den angedeuteten Personen und Werken fortsetzten und erweiterten.
“Dort herrscht eine literarisch-philosophische Atmosphäre mit stark religiösen Akzenten und anthroposophischem Hintergrund. So liest man Texte der Bibel, die Gralssage, Dantes ‘Göttliche Komödie’, Dichtungen der Romantiker oder des Expressionismus. Man befasst sich zugleich mit den Malern, die inzwischen zur ‘entarteten Kunst’ gerechnet werden (Marc, Kandinsky).” (Krebs/Verhohen a.a.O., S. 64 – Hervorhebung AM)
Vielleicht waren die dominanten anthroposophischen Elemente z.T. der Anthroposophin Hilde Meyer-Froebe zu verdanken, die 1924/25 in Wien mit Stahl studiert hatte, sie nach dem 2. Weltkrieg unterstützte und die Waldorfschule Rendsburg gründete. Stahl wurde aufgrund ihrer Verwicklungen mit den antinazistischen Tätigkeiten der Weißen Rose am 4.12.1943 von der Gestapo verhaftet. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung, Wehrkraftzersetzung, Rundfunkverbrechen und “planmäßiger Verseuchung der Jugend” wurde ihr der Prozess gemacht. Im April 1945 wurde sie mit einer Mitangeklagten von amerikanischen Truppen befreit. Auch Lafrenz war im März 1943 verhaftet worden. “Öde gleichförmige Tage, lange Nächte, jedes Klagen verbot sich von selber angesichts des Schicksals der sechs anderen.” (so Lafrenz im Erfahrungsbericht für Inge Scholl: Die Weiße Rose, a.a.O., 176).
Stahls heute bekannteste Hinterlassenschaft ist allerdings die zusammen mit Meyer-Froebe und Hilde Ahlgrimm gegründete Albert-Schweitzer-Schule Hamburg. Insbesondere im Rahmen dieses Blogs ist die Einrichtung bemerkenswert: Sie ist die einzige Schule, die explizit Waldorfpädagogik ohne Anthroposophie macht – und dadurch die einzige öffentliche Schule, die auf waldorfpädagogischen Grundlagen steht: Kein Sitzenbleiben bis Klasse 10, starke musisch-kreative Ausrichtung, Lernen mit “Kopf, Herz und Hand”. Dass es eine solche Schule gibt, wird in den affirmativen wie kritischen Publikationen zur Waldorfpädagogik gern übersehen. Waldorfkritiker, die sich das kritisierte Modell als ideologische Kaderschmiede imaginieren, halten Waldorfpädagogik ohne Anthroposophie für ebenso unmöglich wie viele Anthroposophen sie für karikiert und schädlich halten. In ihrer (unfreiwillig) prästabilisierten Harmonie haben diese einander so entgegengesetzten Diskutanten offenbar beide ihre Scheuklappen.
Karl Rössel-Majdan
Wie für Erna Stahl (vgl. Zankel a.a.O., 533) war auch für den österreichischen Anthroposophen in zweiter Generation, Karl Rössel-Majdan, das Motiv des Drachentöters St. Georg wichtig. Der Deckname Rössel-Majdans im politisch konservativen Widerstandskreis “Großösterreichische Freiheitsbewegung” lautete Georg Michael, und unter diesem Pseudonym sollte er später Gedichte veröffentlichen. Im Hintergrund stand die anthroposophische Angelogie Rudolf Steiners, die den Erzengel Michael neben allerlei kosmologischen Spekulationen als Verteidiger des menschlichen “Ich” deutete: “Wenn der Mensch die Freiheit sucht ohne Anwandlung zum Egoismus, wenn ihm Freiheit wird reine Liebe zur auszuführenden Handlung, dann hat er die Möglichkeit, sich Michael zu nahen…” (Steiner: GA 26, 117). Schon im Elternhaus kam der Sohn eines in der Österreichischen Anthroposophischen Gesellschaft engagierten Sängers mit dem Steinerschen Gedankengut in Berührung. In einem (im Ganzen kritischen) Bericht der Zeitschrift Profil fasste Hubertus Czernin zusammen:
“Rössel war vom ersten Anschlusstag im Widerstand, er verweigerte den Hitlergruß, beschädigte eine Gedenktafel für die Dollfuß-Mörder, war dann in der legendären Gruppe Dr. Kastelic aktiv, wurde verhaftet, vom Volksgerichtshof zu zehn Jahren verurteilt. Sein Bruder wurde von SSlern totgeprügelt. Er selbst floh im Frühjahr 1945, kurz vor dem Einzug der Roten Armee, aus dem Lager Lohau – und dennoch fällt etwa dem früheren Leiter des Dokumentationsarchivs des Widerstandes, Herbert Steiner, zu Rössel nicht mehr ein als: ‘Er war eine positive Figur im Widerstand.’” (Profil 47/1985)
Dasselbe Dokumentationsarchiv stellt online drei sehr detaillierte autobiographische Berichte zu den eben zitierten Tätigkeiten zur Verfügung, die ich hier aus Platzgründen nicht wiedergebe. Die idealistischen Motive Rössel-Majdans lassen sich dort (mit allen Tücken autobiographischer Memoirenliteratur) gut nachlesen. Hier seien vor allem organisatorische Details aufgelistet: Die “Großösterreichische Friedensbewegung” gruppierte sich um drei Personen: den christlichsozialen Jacob Kastelic, den sozialistischen Journalisten Hans Schwendenwein und eben den “parteilosen Schriftsteller” Rössel-Majdan. An der Universität hatten sich “unabhängige Studenten” getroffen, es bildete sich eine Gruppe, die zu dem nach London emigrierten Juden “Dr. Hecht” Kontakt hielt, 1938 fand im Hietzinger Café Wunderer ein Treffen des eben aufgezählten Trios statt. Decknamen wurden verabredet, Strukturen eingerichtet, in denen jeder Beteiligte nur zwei andere kennen durfte.
“Um diesen größeren Kreis bildete sich schon bald eine größere Gruppe, der unter anderem der Schriftsteller Günther Loch und als militärischer Berater Oberst Buchinger und Oberstleutnant Dr. Hans Blumental angehörten. Über den Ottakringer Arbeiter Rudolf Zetsche, den Rössel-Majdan kannte, wird die Verbindung zum sozialistischen Kreis um den alten Arbeiterführer Sever hergestellt.” (Otto Molden: Der Ruf des Gewissens, München 1958, 76)
Weitere Aktivitäten folgten, vor allem aber begeisterte man sich für Vorstellungen einer vermeintlichen politischen Reorganisation Österreich-Ungarns nach dem Ende der Nazi-Diktatur. Im Sinne einer parlamentarischen Monarchie sollte der ‘Vielvölkerstaat Habsburg’ reanimiert und nationalstaatliche Abgrenzung verschiedener ‘Ethnien’ verhindert werden. Rössel-Majdan: “Wir waren der Ansicht, dass der Donauraum wieder eine Familie werden muss.” (zit. in Erich Witzmann: Charakter zeigen (Salzburger Nachrichten, 26.10.1988), in: Anton Kimpfler (Hg.): Aufstand des Geistes gegen den Ungeist der Zeit. Zur Lebensarbeit von Karl Rössel-Majdan, Kiel 2002/3, 10). Unübersehbar waren die anthroposophischen Einflüsse: “Das neue, nach sachlichen Gesichtspunkten gegliederte Parlament sollte anstelle der einzelnen Parteien aus einem Staatsrat, einem Wirtschaftsrat und einem Kulturrat bestehen.” (Witzmann ebd.), diese Entflechtung von Staat, Wirtschaft und Kultur ist der organisatorische Nucleus von Steiners Politentwurf für eine “Dreigliederung des Sozialen Organismus”.
So romantisch-regressiv man diese Vorstellung von der Überwindung des Nationalstaats finden kann, so tollkühn war doch Rössel-Majdans Aktionismus: 1940 wurde er eingezogen und an die Westfront geschickt und landete, von einem Granatensplitter verwundet, im Lazarett. Dort schlich er sich nachts nach draußen, um Truppenbewegungen zu registrieren und Bekannten zu vermitteln. Die Briefe wurden abgefangen und Rössel-Majdan vom Lazarettbett weg von der Gestapo verhaftet. Das Leben retteten ihm seine Notizen von einem Treffen verschiedener Widerstandsgruppen in der Hietzinger Prinz-Eugen-Straße. “Rössel-Majdan verzeichnete das Treffen in seinem Kalender, aber er schrieb bewusst das Gegenteil dessen auf, was tatsächlich gesprochen und verabredet wurde.” (ebd., 11). Dieses Treffen war bereits aufgedeckt worden und der Volksgerichtshof wertete seine Berichte als unglaubwürdig, was ihm die Todesstrafe ersparte.
Nach 1945 bemühte sich Rössel-Majdans Vater zusammen mit Julius Breitenstein um den Wiederaufbau einer Anthroposophischen Gesellschaft in Österreich. Die Episode ist erwähnenswert, da ihm hier unerwartet Hürden in den Weg gelegt wurden. Ehemalige Mitglieder der AG zeigten sich “ängstlich”, und auch nachdem Rössel-Majdan junior vor der russischen Geheimpolizei vorgesprochen hatte, blieben sie der Anthroposophischen Gesellschaft fern. “Später erwies sich, dass manche von ihnen Mitglieder der NSDAP oder Mitläufer waren.” (Wolfgang Peter: Falsche oder echte Freunde, in Kimpfler a.a.O, 42). Bald darauf wurde in Graz (englische Besatzungszone) eine neue, vom Dornacher Anthroposophenvatikan anerkannte Anthroposophische Gesellschaft gegründet, was zur Spaltung der österreichischen Anthroposophen führte. Rössel-Majdans Aktivitäten wurden systematisch zurückgedrängt, so dass er in der Anthroposophischen Geschichtsschreibung anscheinend einfach vergessen wurde – der Dornacher Archivar Uwe Werner soll sich noch zu Lebzeiten Rössel-Majdans bei diesem entschuldigt haben, dass er ihn in seiner Studie über “Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus” (München 1999) kein einziges Mal erwähnt hatte. Auch an anderer Stelle geriet Rössel-Majdan in Konflikt mit der organisierten Anthroposophie. So begleitete er die Gründung mehrerer Waldorfschulen in seiner Heimatregion und handelte sich deshalb juristische Streitigkeiten mit dem “Bund der Freien Waldorfschulen” ein, der die Namensrechte an “Waldorf” innehat. Die Auseinandersetzung bezeichnete er ungnädig als “Sektenkrieg”: “Wir werden schauen, dass wir dieses Kartell auch in Deutschland abwürgen.”
Rössel-Majdans umfangreiche anthroposophische Aktivitäten waren aber nur eine Seite seines politischen Engagements. Neben Reisen nach Israel und in die USA legte er insgesamt drei Dissertationen vor (Dr. jur. 1939, Dr. phil. 1949, Dr. rer. pol. 1951), arbeitete beim Rundfunk und wurde vor allem durch seine Tätigkeit bei der “Gewerkschaft für Kunst, Medien und freie Berufe” bekannt. Dort setzte er sich unter dem Motto “Kultur als dritte Kraft” (neben Wirtschaft und Politik) weiterhin für die anthroposophische Dreigliederung ein. Wie Erna Stahl kommt Rössel-Majdan in der anthroposophischen Geschichtsschreibung praktisch nicht vor. Ob das auch daran liegt, dass sie eben nicht nur gegenüber dem Nationalsozialismus, sondern auch der anthroposophischen Orthodoxie opponierten, bleibt eine Spekulation, aber eine naheliegende.
Valentin Tomberg
Bei Tomberg trifft diese Spekulation allerdings in Schwarze. Während zu dessen Fans etwa Hans Urs von Balthasar oder Robert Spaemann zählen, rechnen ihn breite anthroposophische Kreise zu “jesuitisch” motivierten Feinden der Anthroposophie, denn Tomberg, aus der Anthroposophischen Gesellschaft herausgeekelt, wandte sich schließlich der Katholischen Kirche zu. Im Alter von 25 Jahren und noch zu Lebzeiten Steiners war er Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft in Estland geworden. 1938, nach dem Verbot der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft durch die Nazis, übersiedelte Tomberg mit seiner Familie in die Niederlande. Dort kam es zum Konflikt mit der Anthroposophischen Zentrale in Dornach. Im chaotischen Zustand der anthroposophischen Szene nach Steiners Tod konnte es nicht ausbleiben, dass der in religiösen Fragen umtriebige und keinesfalls linientreu anthroposophische Tomberg
“…bei Anthroposophen alsbald den Eindruck einer zu großen geistigen Selbstständigkeit erweckte. Dergleichen pflegt meist nicht ohne Spannungen und Missverständnisse abzugehen. Sollte dieser Mann spirituelle Ansprüche erheben und damit das Tun der von Steiner selbst ernanten ’esoterischen’ Vorstandsmitglieder [der Anthroposophischen Gesellschaft - AM] in den Schatten stellen wollen? … Für einen aus eigener spiritueller Erfahrung Schöpfenden, für einen (durchaus im Sinne Steiners) aktiven Selbstdenker schien in einer desolaten Anthroposophischen Gesellschaft kein Platz zu sein.” (Wehr: Spirituelle Meister, Kreuzlingen 2007, 242)
“In Tomberg und seinem Werk war eine spirituelle Autorität entstanden, die Steiners de facto monokratischen Geltungsanspruch als Hellseher in Frage stellte. Im Dezember 1933 wurde ihm im ‘Goetheanum’ die Kompetenz als authentischer Interpret Steiners abgesprochen, Marie Steiner blies 1936 zum ‘unvermeidlichen Kampf’ gegen den ‘wahnbefangenen okkulten Lehrer’ und betrieb seinen Ausschluss aus der Anthroposophischen Gesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg soll es, so Martin Kriele, ein Verbot gegeben haben, Tombergs Bücher in den Zimmern der Studenten im Priesterseminar der Christengemeinschaft aufzubewahren, und noch 1995 wurde dem inzwischen Verstorbenen vorgehalten, er habe ‘Schmeichelei und Dolchstich mit jesuitischer Raffinesse’ gehandhabt und sei ‘in das Lager [der] unerbittlichsten Erzfeinde der Anthroposophie, also der katholischen Kirche, gewechselt, so dass sein Verhalten ‘nicht anders denn als geistiger Verrat bezeichnet werden’ könne. Diese Position wird heute längst nicht mehr von allen Anthroposophen geteilt [Tombergs Werk steht zB in der Bibliothek am Goetheanum direkt bei den anthroposophischen Periodika, vor allem im ehemals Schaffhausener Novalis-Verlag werden viele "Tombergianer" vermutet - AM]. Aber diese Polemik legt das Konfliktpotential in dem Anspruch offen, Steiner gleich in die verborgene ‘übersinnliche’ Welt einzutreten.” (Zander a.a.O., S. 727)
Bis zur deutschen Besatzung der Niederlande arbeitete Tomberg im estnischen Vize-Konsulat in Amsterdam, danach hielt er sich mit Sprachunterricht über Wasser. Bekannt ist sein Austausch mit Ita Wegman und Elisabeth Vreede, zwei der wenigen Anthroposophinnen, deren unzweideutige Ablehnung des Nationalsozialismus leidlich sicher dokumentiert ist. Die genauen Tätigkeiten Tombergs im Widerstand sind dagegen leider nur spärlich überliefert, weder in der positiven noch ablehnenden Literatur sind Einzelheiten zu finden, wenn auch nirgendwo bestritten wird, dass es diese gab. Exemplarisch für diese relativ vage Literatur sei Gerhard Wehr zitiert, “…dass er den Nationalsozialismus kompromisslos ablehnte und er dies während der deutschen Besatzung in den Niederlanden auf der Seite des Widerstandes auch durch die Tat bewies.” (Wehr a.a.O., 242f.). Die einzige Ausnahme ist Wolfgang Garvelmann, selbst nicht unumstrittener Anthroposoph, der Tomberg 1944/45 kennenlernte. Nach Garvelmann half Tomberg, abgeschossene englische Flieger zu verstecken und zum Ärmelkanal zu schleusen (Wolfgang Garvelmann: Valentin Tomberg – ein Versuch, ihm gerecht zu werden, in: info3, 5/1988, S. 6, vgl. Elisabeth Heckmann: Valentin Tomberg. Leben – Werk – Wirkung: Eine Biografie, Schaffhausen 2001, 380f., die ebenfalls Garvelmann zitiert).
Spärlich sind auch die Informationen über den Einfluss von Tombergs im Widerstand geknüpften Kontakten auf seine “innere” Biographie, seine weltanschauliche Entwicklung. Fest steht, dass es Freundschaften mit katholisch gläubigen Widerständlern gab, von denen einige mit dem Leben für ihre Tätigkeit bezahlten (Heckmann a.a.O., 377). Hatte Tomberg der Katholischen Kirche nach anthroposophischem Konsens anfangs sehr kritisch gegenüber gestanden, äußerte er sich 1942/43 fast kryptisch in seinem “Vater-Unser-Kurs”, in dem er sich auch unmissverständlich gegen den Nationalsozialismus als verstandesvernebelnde “Überschwemmung” und Verlust humaner Werte geäußert hatte, positiv über die Rolle der Katholischen Kirche. Tomberg beschwor, die natioanlsozialistische “Überschwemmung” der “Seelen” könne nur durch inneren, persönlichen Widerstand, überstanden werden, durch
“das Bauen einer Arche … alle Kulturwerke und Wahrheiten im Extrakt sammeln und bewahren. Unausgelöschte Erinnerung an alles Wesentliche des Wahren und Guten. Das ist das Schwimmzeug, um nicht zu ertrinken.” (zit. n. ebd., 375),
In diesem Zusammenhang sprach Tomberg neben einem “esoterischen”, “johanneischen”, verborgen wirkenden “innerlichen” Christentum anerkennend von der “in der Gegenwart gegen das Böse kämpfende[n] katholische[n] Kirche” – wohinter sich weniger eine Wertschätzung römischer Ideenpolitik als vielmehr sein Kontakt zu aufrichtig antinazistischen Katholiken spiegelt (ebd., 377). Nach seinem unsanften Rausschmiss aus der Anthroposophischen Gesellschaft trat er schließlich 1942 nach sorgfältiger Überlegung in die Katholische Kirche ein, von deren spiritueller Kraft er seit dieser Zeit überzeugt war. Die Nachwirkungen seiner Rettungsversuche abgeschossener englischer Piloten zeigten sich erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs:
“Als ausländischer Akademiker in Diensten der britischen Streitkräfte erhielt Tomberg den Rang eines Offiziers sowie eine entsprechende Uniform. Beides kennzeichnete ihn nach außen hin als Engländer, auch wenn er eigentlich Este und nach der sowjetischen Annexion seines Heimatlandes staatenlos war. Von den Mülheimern wurde er jedoch als britischer Offizier wahrgenommen und dementsprechend mit respektvoller Distanz behandelt … Da Tomberg neben Russisch auch schon früh die deutsche Sprache erlernt hatte und diese hervorragend beherrschte, übernahm er für den stellvertretenden Mülheimer Stadtkommandanten William (“Billy”) Reynolds Dolmetscheraufgaben. Zudem sollte Tomberg auf Wunsch von Reynolds in die Umerziehungsmaßnahmen der Engländer, die sogenannte “reeducation”, miteinbezogen werden. Diese Maßnahmen zielten auf die demokratische Neuorientierung (“reorientation”) der deutschen Bevölkerung und bezogen sich somit im Wesentlichen auf das Schul- und Bildungswesen … Tombergs Wirken in Mülheim machte ihn über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und brachte ihm zunehmend Vortragsanfragen aus anderen Städten ein. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen bot ihm im Herbst 1946 sogar einen Lehrauftrag für “Ethik und Recht” an.” (Jens Roepstorf: Valentin Tomberg)
Deutschtum und Deutschtum
Tombergs Einbindung in Entnazifizierungskommissionen allein ist allerdings kein politischer Persilschein: Einer seiner Bekannten, der Anthroposoph Ernst von Hippel, widmete sich als Juraprofessor in der Naziära leidenschaftlich der “Entjudung” der Universitäten (vgl. Peter Bierl: Wurzelrasen, Erzengel und Volksgeister (1999), Hamburg 2005, 186f., 198f., Peter Staudenmaier: Between occultism and fascism: Anthroposophy and the politics of race and nation in Germany and Italy, 1900-1945, Connell University 2010, 268ff.) auch wenn seine eigenen Bücher teilweise auf den Verbotslisten der Nazis standen (Uwe Werner a.a.O., 249). Später gehörte Hippel ironischerweise zum Entnazifizierungsausschuss der Universität Köln (Bierl a.a.O., 198). Zu seinem 70. Geburtstag erhielt er das Bundesverdienstkreuz (ebd., 199). Genau wie der Jurist Rössel-Majdan beschuldigte Hippel vor allem den Rechtspositivismus und namentlich Hans Kelsen, durch seine “geistlose” Rechtsphilosophie dem Nationalsozialismus Tür und Tor geöffnet zu haben. Der jüdische Jurist Kelsen wurde von den Nazis natürlich in keiner Weise hofiert, 1934 in den “Ruhestand” versetzt und musste emigrieren.
Tomberg selbst, vor allem an Steiners christologischen Entwürfen interessiert, entkam den antijudaistischen Implikationen der anthroposophischen Geschichtstheorie weitgehend und bezog sich etwa positiv auf die Idee des Volkes Israel.
“Sie haben 7000000 Juden ermordet. Das Ergebnis? Ein neues Volk Israel ist entstanden. Das sind wir, wir alle – Sie und ich und unsere Kinder und Sasche Benckendorf und Popescu und Anghelatos und jene Polen mit abweisenden Gesichtern – wir alle sind ein einziges Volk. Unser Land ist unsichtbar und unser Weg ist ohne Wegweiser und ohne Spuren von Menschenfüßen, denn niemand ist uns voraus gegangen. … Wir stehen äußerlich unter dem zufälligen Gesetz dieses oder jenes Landes, aber unser wahres Gesetz ist, dass wir alle eins sind, ohne Worte, ohne Vorträge, ohne Konferenzen. Jeder allein für sich – wir gehen durch die Wüste. Denn wir haben keine Heimat…” (zit. n. Heckmann a.a.O., S. 312f.)
Und doch schlug das anthroposophische Rassedenken auch bei ihm zu: Die Mutter des in St. Petersburg geborenen Tomberg wurde in den Wirren der Oktoberrevolution 1918 erschossen, Tomberg ging daraufhin nach Estland. Eine ähnliche Biographie hatte auch dem zeitweiligen Anthroposophen und nachherigen (bekennend nationalsozialistischen) Steinergegner Gregor Schwartz-Bostunitsch zum Befürworter antibolschewistischer Argumentationen gemacht (vgl. Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Wiesbaden 2004, 149). Auch Tomberg war überzeugt, im Kommunismus dämonische Kräfte zu erkennen. In mehreren Aufsätzen aus dem Jahr 1931 wandte er sich in der Zeitschrift “Anthroposophie” gegen böse geistige Mächte, die in seiner Phantasie an der Unterwanderung Osteuropas durch antichristliche Gedanken aus Fernost arbeiteten (vgl. Tomberg: Das Chinesentum und der europäische Osten, in: Anthroposophie 2/1931, 49-51).
Aus dem Denken von Traute Lafrenz, Karl Rössel-Majdan und Erna Stahl sind mir solche völkerpsychologischen Abwertungen nicht bekannt. Bei den letzten beiden findet sich allerdings ein affirmativer Bezug auf Deutschland. So begründete Erna Stahl ihre antinazistischen Ambitionen u.a.:
“Hinzu kommt, dass ich zutiefst überzeugt war von der verheerenden, nie wieder zu reparierenden, dämonischen Vernichtung aller eigentlich menschlichen und besonders der Deutschen Seelenkräfte [im Nationalsozialismus - AM]. Ich machte mir zur Pflicht, in den Kreis, in den ich gestellt war, zu jeder Minute und mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu wirken, dass innere Gegengewichte in den Schülern gegen jene verheerenden Wirkungen entwickelt würden.” (Erna Stahl zit. n. Zankel a.a.O., 532)
Und Rössel-Majdan berichtete:
“Im Gestapo-Verhör die Frage: ‘Sie waren nicht Marxist, sie sind arisch, warum sind Sie gegen uns?’ Meine Antwort kam prompt: ‘Aus meinem Deutschtum, weil Goethe und Schiller und der deutsche Humanismus gerade das Gegenteil von dem ist, was Hitler vertritt.’” (zit. n. Witzmann a.a.O., 8)
Diese Erzählung mag stimmen oder nicht, sie entspricht recht exakt dem “Deutschtum”, das in anthroposophischen Kreisen gern gegen das nationalsozialistische abgehoben wird:
“Nicht jener gefährliche Nationalstolz der Nazis war damit gemeint, der die Welt in Flammen gesetzt hatte, sondern das gerade Gegenteil, die geistige Wiege genialer Geister wie Schiller, Goethe und Fichte … und nicht zuletzt Rudolf Steiners. Jedes Volk, und sei es noch so klein und politisch unbedeutend, hat seinen Beitrag zur Menschheitskultur zu leisten.” (Wolfgang Peter, ebd., 3)
In dieser Verflechtung von Völkerpsychologie und Universalismus liegt der Schlüssel, um das Verhalten von Anthroposophen im Nationalsozialismus zu verstehen. An Steiners esoterische “Mission” Deutschlands ließ sich sowohl im pronazistischen Sinne anknüpfen als auch die Bekämpfung des Faschismus fordern. In vielleicht noch stärkerer Weise war dies im italienischen Faschismus möglich, wo AnthroposophInnen lange Zeit unbehelligt blieben: Hier gediehen üble Rassismen und waren politische Anthroposophen an der Judenverfolgung beteiligt – und doch gleichzeitig Steiner im Widerstand präsent, wie Peter Staudenmaier enthüllte:
“Fascist anti-esoteric measures were a potential danger to anthroposophy, not least because several anthroposophists were involved in antifascist activities. Violet Gibson, the eccentric Anglo-Irish aristocrat who tried to assassinate Mussolini in 1926, traveled in theosophical and anthroposophical circles. Antifascist author and literary figure Armando Cavalli was an anthroposophist, and Eugenio Curiel, a prominent figure in the antifascist resistance, was for a time drawn to anthroposophy as well. Curiel (1912-1945), a physicist from a Jewish family in Trieste, played an important role in Resistance groups in the late 1930s and 1940s. He was murdered by Fascist soldiers in February 1945. In the early 1930s Curiel was deeply influenced by anthroposophical ideas. His commitment to anthroposophy, lasting approximately three years, was part of a turbulent ideological and political development … Alongside Colonna di Cesarò, Curiel’s ideological trajectory indicates the political volatility of anthroposophical engagement in the Fascist era … Briamonte argues that Curiel’s early dedication to Steiner left significant traces in his later thought. Though Curiel’s adherence to anthroposophy was transitory, it was not an anomaly in antifascist circles; Briamonte, 126 quotes a 1944 correspondence between two young antifascists interested in anthroposophy.” (Staudenmaier: Between S. 417f.)
Mein Artikel beansprucht kein abschließendes Urteil zu diesem Thema. Die Darstellung zu den Aktivitäten der Weißen Rose ist beispielsweise unzulässig verkürzt und Valentin Tombergs weltanschauliche Kehren wären ein völlig eigenes Kapitel. Hier ging es darum, die bisher publizierten Fakten zum Thema zusammenzutragen und dabei hoffentlich Fragen aufzuwerfen. Welche Rolle spielte zum Beispiel die erwähnte Anthroposophin Hilde Meyer-Froebe für Erna Stahl? Wie begründete Stahl ihre Rezeption anthroposophischer Praxis bei gleichzeitiger Umgehung der ideologischen Grundlagen? In welchem Personenkreis las Traute Lafrenz Steiners “Philosophie der Freiheit”? Wie kam Valentin Tomberg in Kontakt mit dem Widerstand? Spielte Steiners Dreigliederungskonzept wirklich eine Rolle in der für gewöhnlich katholisch eingestuften Großösterreichischen Friedensbewegung oder liebäugelte allein Rössel-Majdan damit? Warum sind die vier hier vorgestellten Personen in der anthroposophischen Literatur zum Thema fast durchweg unauffindbar?
Die Geschichte der Anthroposophie im Nationalsozialismus muss nicht umgeschrieben werden. In keinem Fall dürfen diese (wenigen) Figuren im Umfeld des Widerstands als Ablenkung vom Verhalten vieler profaschistischer Anthroposophen instrumentalisiert werden. Interessant sind sie vielleicht vor allem, um die beträchtlichen Differenzen im “Deutschland”-Bild esoterischer Strömungen des 20. Jahrhunderts aufzuzeigen, und auch den deutschen Pathos bei vielen Widerständlern (Stichwort: Stauffenberg). Die Steinersche Version davon machte viele Anthroposophen zu “nützlichen Idioten” der NS-Ideologie, konnte sich aber auch zu einer Konkurrenz und Bedrohung derselben auswachsen, nicht nur im Falle der anthroposophisch motivierten Widerständler:
“[Steiner] hatte es bereits geschafft, sich bei den Unterstützern eines organischen Nationalismus unbeliebt zu machen, indem er in der Frühzeit des Ersten Weltkrieges eine Lehre der ‘Volksseele’ vorgetragen hatte. Die britische Volksseele sei – natürlich – ein Ausdruck des puren Materialismus, die deutsche allein kommuniziere unmittelbar mit dem Geist. Das war ein weiteres unbefugtes Eindringen in die geheiligten Gefilde der völkischen Orthodoxie. Eckart sah Steiner als Internationalisten und Kommunisten an – und daher als einen verschwörerischen Juden, der mit dem Hass der ‘Erleuchteten’ auf seine zurückgewiesenen Genossen übergossen werden musste.” (James Webb: Das Zeitalter des Irrationalen (1976), Wiesbaden 2008, 340)
Die unendliche Geschichte
Neues Zur (Nicht-)Aufarbeitung des Anthroposophischen Rassismus am Beispiel Massimo Scaligero
“Die dümmsten Schlächter wählen ihre Schafe …
nee … dis ging anders. Die dümmsten Schafe
wählen ihre Kälber … Die dümmsten Schafe
sterben im Schlafe … nee … Ach, egal.”
– Marc-Uwe Kling
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I. Stand der Debatte
Die Anthroposophie (“Weisheit vom Menschen”) hat ein Kernthema: Weiter- und Höherentwicklung. Der Mensch stammt in ihrer Konzeption aus „höheren Welten, und er wird zu diesen höheren Welten wieder hinaufsteigen.“ (Rudolf Steiner, GA 101, 1987, S. 187). Bei der selbstevozierten evolutionären Eile bleibt für ein so aufwendiges Thema wie “Vergangenheitsbewältigung” nicht immer Zeit und Muße. Der Anthroposoph Sebastian Gronbach stand deutlich für den libertären Flügel der Bewegung, als er kommentierte: “Wenn Anthroposophen nicht selber zur wissenschaftlichen Kontextualisierung und historischen Einordnung in der Lage sind, dann müssen das eben andere übernehmen. Dann soll man sich bitte auch nicht beschweren.”
Tut “man” aber leider trotzdem. Ein besonders emotionaler Gegenstand der “historischen Einordnung” ist die Geschichte der Anthroposophie im deutschen und italienischen Faschismus: Heute sehen Anthroposophen sich meist als spirituell motivierte Vorreiter von Menschenrechten, Individualismus und Demokratie. In den rassistischen Diktaturen starteten dagegen nicht wenige erfolgreiche Karrieren und präsentierten ihr esoterisches Programm als spirituellen Boden für faschistisches Engagement. Einer davon war Massimo Scaligero. Dessen erklärten Aristokratismus, eliminatorischen Antisemitismus und messianischen Wahn für die “Rasse von Rom” hat der Anthroposophiekritiker Peter Staudenmaier 2010 in seiner Dissertation herausgearbeitet. In Anschluss an diese bisher unveröffentlichte Arbeit hat Andreas Lichte u.a. den Rassismus Scaligeros im Februar noch einmal herausgestellt. Er stieß damit eine umfangreiche Diskussion an.
Auf seinen Artikel antwortete ich mit umfangreichen Ausführungen über die Ambivalenz der Waldorfszene gegenüber dem NS-Staat sowie dem Hinweis darauf, dass Scaligero nicht von der Anthroposophie zum Faschismus kam, sondern umgekehrt vom rassistisch-”magischen” “Traditionalismus” Julius Evolas ausging, auf dessen Basis er die Anthroposophie interpretierte: Welcher Okkultist mit welchem anderen sympathisierte, war weniger Ausdruck eines faschistischen Kerns der Esoterik als vielmehr ein Ausdruck von deren für jeden Zweck instrumentalisierbaren “geistigen” Überbau. In diesem Sinne feierte und präsentierte Scaligero etwa Rudolf Steiner als esoterischen Gewährsmann seiner gleichfalls esoterischen Rassenideologie (vgl. Peter Staudenmaier). Wenig später übernahm der “Humanistische Pressedienst” (hpd) Andreas Lichtes Ausführungen mit der Bemerkung, dass sie “ein helles Licht auf Implikationen der Anthroposophie werfen.” Staudenmaier selbst hielt diplomatisch fest, dass sowohl Lichtes als auch meine Darstellung berechtigt seien. Der anthroposophische Blogger Michael Eggert, der sich schon früher für die kritische Aufarbeitung des vermeintlich unbescholtenen Scaligero eingesetzt hatte (was Lichte unerwähnt ließ), verwies auf meinen Kommentar zu Lichtes Artikel. Jens Heisterkamp, Chefredakteur der anthroposophischen Zeitschrift Info3, griff ebenfalls meinen Artikel auf, vor allem zur Relativierung von Lichtes Vorwürfen, hielt aber fest:
“Bei allen Vorbehalten kann man den Ruhrbaronen und Andreas Lichte für eines dankbar sein: Sie schärfen das Bewusstsein dafür, dass sich Anthroposophen heute kritisch mit manchen Schatten in ihrem Erbe auseinandersetzen müssen. Genau das funktioniert aber nicht ohne das „leidige Differenzieren“, zu dem Ansgar Martins beide Seiten, sowohl Anthroposophen wie ihre Kritiker bzw. Gegner, augenzwinkernd ermahnt.”
II. Neuigkeiten
Konsequenzen wurden allerdings nur schleichend gezogen: Im deutschen Wikipedia-Artikel zu Massimo Scaligero wurden erst kürzlich Hinweise auf die kritischen Arbeiten von Staudenmaier und Lichte platziert. Die Dornacher “Forschungsstelle Kulturimpuls”, die Biographien prominenter Anthroposophen dokumentiert, löschte den bisherigen Eintrag zu Scaligero. Die Seite verkündet nun: “Dieser Beitrag ist in Überarbeitung”, im Hintergrund stehen fraglos die genannten Faschismusvorwürfe. Eine notwendige Revidierung: Im nun gelöschten Eintrag waren diese einfach verschwiegen bzw. geleugnet worden. Dort war zu lesen:
“…er [Scaligero] war von Amerikanern im Juni 1944 inhaftiert worden, obgleich er nie politisch und schon gar nicht faschistisch engagiert war.”
So peinlich der frühere Text, so begrüßenswert ist die angekündigte Überarbeitung. Einen weiteren Aggregatzustand von Peinlichkeit erreichte allerdings Michael Mentzel, der die Diskussion am 16.3.2012 auf seiner Seite “Themen der Zeit” aufgriff. Mentzel distanzierte sich, um das klarzustellen, durchaus von Scaligero:
“Als der Stein des Anstoßes zu rollen begann, hatte er noch einen Namen, nämlich Massimo Scaligero, ein italienischer Anthroposoph, der – wenn die Fakten stimmen, die Andreas Lichte zusammengetragen hat – zumindest bis 1945 keinen Hehl machte aus seiner Sympathie für den Nationalsozialismus deutscher Prägung und den damit verbundenen Antisemitismus. In der Tat gibt der Artikel bei den Ruhrbaronen im Hinblick auf Scaligero einiges her, um die Verwicklungen italienischer Anthroposophen mit dem damaligen faschistischen Regime deutlicher zu erkennen … Unwillkürlich fühlt man sich bei Scaligero an die unrühmliche Vergangenheit des Pfarrers Benesch erinnert und möchte mit Erich Kästner auf die Frage: “was wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten?”, nur noch antworten: “zum Glück gewannen wir ihn nicht!”… Es ist also zu hoffen, dass der Teil der Biographie Scaligeros, der bisher nicht oder zuwenig beachtetet wurde, jetzt auch von der offiziellen anthroposophischen “Geschichtsschreibung” berücksichtigt wird.”
Darin ist Mentzel durchweg zuzustimmen. Doch liest man immer Artikel auch: “wenn die Fakten stimmen, die Andreas Lichte zusammengetragen hat” und ein zweites Mal “Die Fakten aber sprechen, wenn sie stimmen, eine andere Sprache.” Offen lässt Mentzel, welche Zweifel er an diesen Fakten hat, denn diese liegen bereits seit Jahren und in verschiedensten Publikationen auf dem Tisch. Hätten Anthroposophen den von Mentzel für gescheitert erklärten Dialog mit Kritikern früher gesucht, hätte man auch früher und aus anderen Quellen von Scaligeros Faschismus erfahren und beispielsweise den biographischen Eintrag der “Forschungsstelle Kulturimpuls” auch vor 2012 korrigieren können. Bereits der Klassiker der Anthroposophiekritik, Peter Bierl, hat seit langem unmissverständlich auf Scaligeros Rassenlehre hingewiesen und auch den Beitrag in der Biographischen Dokumentation der “Forschungsstelle” kritisiert:
“In Platos Biographien-Sammlung wird Scaligero als bedeutender Journalist, dem die Gabe der Dichtung seit seiner Jugend eigen war, verklärt. Über seine journalistische Aktivität während des Faschismus erfährt der Leser nichts.” (Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, Hamburg 2005, 177)
Wer anthroposophischerseits Bierls nicht immer unpolemische Darstellung verschmähte, hätte auch in der einschlägigen wissenschaftlichen Forschungsliteratur fündig werden können:
“Überdies bedienten sich die jungen Neofaschisten einer idealistischen Esoterik, die an die antidemokratisch-aristokratischen Ideen von Julius Evola und Massimo Scaligero anknüpften. Für diese beiden umstrittenen Intellektuellen, die sich der RSI angeschlossen und zu den wichtigsten Fürsprechern eines rassistischen Antisemitismus in Italien gezählt hatten, war mit der Demokratie das Maximum der Dekadenz erreicht, während sie – nach mittelalterlichem Vorbild – für ein streng hierarchisch organisiertes und von einer aristokratischen Leistungselite autoritär geführtes Gemeinwesen als politisches Ideal eintraten.” (Guerrazi: Rezension zu Antonio Carioti: Gli orfani di Salò)
Spätestens seit 2009 war durch das Engagement Michael Eggerts Scaligeros Rassismus auch in der anthroposophischen Szene bekannt (was wiederum Lichte ignoriert, der Eggert unberechtigterweise die Nichtbeachtung der Faschismusvorwürfe unterstellte). Warum das Gros der Anthroposophen (mit allerdings bedeutenden Ausnahmen), diese Vergangenheitsbewältigung unterlässt oder gar verweigert, will sich mir nicht erschließen. Es hätte jedenfalls genung Informationen und Quellen gegeben, das Thema anzugehen – dass der entscheidende Schlag Andreas Lichte vorbehalten blieb, liegt einzig am zu langen Schweigen der Verantwortlichen an den entsprechenden anthroposophischen Stellen. Duchaus bemerkenswert ist allerdings, dass im Fall Scaligero jetzt endlich mit (selbst-?)kritischer Einsicht vorgangen wird und nicht, wie so oft zuvor, mit Apologie.
Die Vorzeichen sehen derzeit günstig aus: Der von Bierl (s.o.) geschmähte Bodo von Plato hat sich bereits im letzten Jahr mit der mutigen Äußerung hervorgetan, dass das “apodiktische Verhältnis zur Wahrheit” in der Anthroposophie zu einer besonderen Empfänglichkeit der Anthroposophinnen und Anthroposophen für totalitäre Regimes führen könne. Zuvor hat der verdienstvolle anthroposophische Historiker Uwe Werner noch einmal (auch unter Anknüpfung an Peter Staudenmaier), die Rolle der Anthroposophie im Nationalsozialismus thematisiert. Staudenmaier selbst hat vor Kurzem noch einmal alle Beteiligten zum fairen Streit gemahnt:
“In der Dialektik von Annäherung und Abgrenzung spielten verschiedene Gesichtspunkte hinein, und eine vereinfachende Deutung verkennt leicht die Spannung zwischen beiden Polen. Für ein historisch fundiertes und umfassendes Verständnis der komplizierten Beziehung zwischen Anthroposophie und Nationalsozialismus sind beide Tendenzen, sind Distanz wie Resonanz von Bedeutung.” (Peter Staudenmaier: Der deutsche Geist am Scheideweg, in: Puschner/Vollnhals: Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte, Göttingen 2012, 490)
III. Gegenläufige Tendenzen
Doch es gibt auch triftige Gründe, an einer künftig fundierteren Debatte zu zweifeln. Sie werden von Michael Mentzel bei seiner an sich begrüßenswerten Kritik Scaligeros gleich mitgeliefert. Er wiederholt erneut das Märchen von der in ‘Wahrheit’ antirassistischen Anthroposophie:
“Der 1925 verstorbene Rudolf Steiner hat Massimio Scaligero nicht gekannt. In einem Aufsatz, den er im Magazin für Literatur veröffentlichte, hatte Steiner allerdings unmißverständlich festgestellt: “Mein Entwicklungsgang war auch ein solcher, dass damals, als ein Teil der nationalen Studentenschaft Österreichs antisemitisch wurde, mir das als eine Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften der neuen Zeit erschien. Ich habe den Menschen nie nach etwas anderem beurteilen können als nach den individuellen, persönlichen Charaktereigenschaften, die ich an ihm kennenlerne. Ob einer Jude war oder nicht: das war mir immer ganz gleichgültig. … Und ich habe im Antisemitismus nie etwas anderes sehen können als eine Anschauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität des Geistes, auf mangelhaftes ethisches Urteilsvermögen und auf Abgeschmacktheit deutet … ” Möglicherweise hätte Steiner diese seine Auffassung wiederholt und modifiziert, wenn er noch gelebt und Kenntnis von den faschistischen und antisemitischen Auffassungen des Herrn Scaligero erhalten hätte.” (Auslassungen im Zitat von mir)
Mentzel verfällt in ein bekanntes Muster der Steiner-Hagiographie: Der Meister wird zum Gegner des Rassismus stilisiert, selektiv zitiert und damit die rassistische Überzeugung von Steiner-Anhängern zum Ausnahmefall erklärt. Die ‘wahre’ Anthroposophie sei antirassistisch und eine rassistische Deutung bloßes Missverständnis. Eine Selbsttäuschung, der bereits Steiner unterlag. Der jüdische Anthroposoph Hans Büchenbacher (der in der Naziära aus dem Vorstand der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft zurücktreten musste) hatte den Esoteriker mit dem Antisemitismus in der anthroposophischen Bewegung konfrontiert:
“Über das Problem des Antisemitismus hatte ich schon in einem intimen Gespräch mit Herrn Dr. Steiner im Mai 1920, in welchem ich sein persönlicher esoterischer Schüler werden durfte, gesprochen. Ich wurde damals von anthroposophischen Freunden eingeladen, über die Dreigliederung [die Gesellschaftsutopie der Anthroposophie - AM] große öffentliche Vorträge zu halten. Ich teilte dies Dr. Steiner mit und äußerte Bedenken, weil schon in unserer [der Anthroposophischen] Gesellschaft mir Antisemitismus begegnet sei, wie es diesen ja auch in der Außenwelt gab. Dr. Steiner, sehr streng und energisch: ‘Das gibt es nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft’ Ich: ‘Aber ich habe doch entsprechende Erfahrungen gemacht.’ Herr Doktor: ‘Aber ich muss Ihnen sagen, dass Progrome in Würzburg vorbereitet werden, und das kann gefährlich für sie werden; Sie müssen selbst entscheiden, ob sie das riskieren wollen.” (Büchenbacher: Teilauszug seiner Erinnerungen in: Info3, 4/1999, 19)
Steiner war blind für Antisemitismus unter seinen Epigonen (der in den Köpfen von Friedrich Rittelmeyer, Richard Karutz oder Marie Steiner-von Sivers nach 1933 noch ganz andere Formen annehmen sollte), vor allem, da die Probleme hausgemacht waren: Steiner selbst schätzte Moses als “Eingeweihten” und Jahwe als hochstehenden Engel – doch deren ‘spirituelle’ Leistungen seien erbracht. So stufte er das Judentum als überholte Vorgängerreligion des Christentums ein und forderte die gänzliche und restlose Assimilation der Juden. In der Logik von Steiners geschichtsevolutionärem Weltbild konnten sich zwar alle Jüdinnen und Juden über ihre Religion “hinausentwickeln”, von ihr “freimachen”, doch diese Religion selbst habe seit der Inkarnation “des” Christus nichts mehr zu bieten. Dass er selbst dem Judentum die Existenzberechtigung absprach, übersehen AnthroposophInnen wie Mentzel ebenso konsequent wie das, was man zu Steiners Lebzeiten unter Antisemitismus verstand:
“Unter diesen Begriff gehörten im damaligen Sprachgebrauch nicht die … christlichen Stereotype über das angeblich normative alttestamentarische jüdische Volk oder Ressentiments gegen den jüdischen Nationalismus, die Steiner im Grunde nur anthroposophisch umgedeutet hat, sondern als Antisemitismus wurden in erster Linie auf Biologie rekurrierende und mit Gewalt drohende Argumente gewertet, von denen man sich damals noch leicht distanzieren konnte. Deshalb konnte Steiner damals trotz seiner unübersehbaren Vorurteile als Feind des Antisemitismus gelten.” (Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner, 73)
Auch diese schlichte Tatsache ist seit langem bekannt. Spätestens mit den Arbeiten von Ralf Sonnenberg gibt es auch überzeugende anthroposophische Versuche, diese antijüdischen Implikationen des anthroposophischen Geschichtsmodells ein für alle mal abzuwenden. Wenn anthroposophische Apologeten allerdings immer wieder hinter den Stand der Debatte zurückfallen, dürfen sie sich im Sinne des oben zitierten Ausspruchs von Sebastian Gronbach, nicht wundern, wenn “andere” das übernehmen: Die Kritiker und Gegner der Anthroposophie.
So wenig Andreas Lichte recht hat, wenn er behauptet, Scaligero habe Steiner lediglich konsequent weitergedacht und die Anthroposophie sei im Kern faschistisch, so wenig ist Michael Mentzel zuzustimmen, wenn er auf eine prinzipielle Distanz beider hinweist. Unzutreffende Unterstellungen und unhaltbare Entlastungsargumente provozieren sich gegenseitig und übersehen beide die Polyvalenz der Rezeptionsmöglichkeiten. Dass Steiners evolutionäres Rassendenken bis heute Faschisten anzieht, ist leicht verständlich. Dass seine Anthroposophie auch den in Auschwitz ermordeten Komponisten Viktor Ullmann oder den zionistischen Prager Salon Berta Fantas mit Exponenten wie Ernst Müller und Schmuel Hugo Bergmann inspirierte (letzterer organisierte gar an der Jerusalemer Universität eine Feier zu Steiners 100. Geburtstags), wundert ebensowenig: Steiner hatte für jeden von links bis rechts etwas im Angebot. Das übersehen viele Kritiker und noch mehr Anthroposophen bis heute. Einen Esoteriker, der mit “Wurzelrassen” und “Volksseelen” hantiert, auch wenn er anderswo die (“geistige”) Egalität und Unersetzlichkeit aller Menschen propagiert, kann niemand erfolgreich vom Rassismusvorwurf freiwaschen. Eine glaubhaft antirassistische Anthroposophie müssten heutige Anthroposophen selbst schaffen. Vorbedingung dafür wäre, die ständig wiederholte Geschichte von der ‘Unvereinbarkeit’ anthroposophischer und faschistischer Überzeugungen endlich fallenzulassen.
Hitler, Steiner, Mussolini – Andreas Lichte, Faschismus und das leidige “Differenzieren”
“Der Gedanke, der den Wunsch, seinen Vater, tötet,
wird durch die Rache der Dummheit ereilt.”
– T.W. Adorno: Minima Moralia.
Dem zuletzt nurnoch sachlich schwachen Waldorfgegner Andreas Lichte ist unerwartet jüngst die Rückkehr auf die Bühne geistreicher Anthroposophiekritik geglückt. In einem guten Artikel zeigte er am Beispiel des italienischen Anthroposophen und überzeugten Faschisten Massimo Scaligero die fatalen Formen, die die Steinersche Rassenlehre in faschistischen Kontexten annehmen kann. Weiter problematisierte Andreas die bis heute währende Verdrängung von Scaligeros aggressiven Rassismen. Leider unterschlägt er das prominente politische Vorbild Scaligeros: Den “Edelfaschisten” Julius Evola. Trotzdem wirft sein Artikel eine zentrale Frage auf: Die nach dem ‘wahren’ politischen Kern der anthroposophischen Weltanschauung. Ich verfolge diese Frage am Beispiel der Waldorfschulen im NS-Staat und wende mich dann Andreas Lichtes Beispielen zu.
“Die vor rund 70 Jahren von Rudolf Steiner vorgestellte Idee einer funktionalen Gliederung der Gesellschaft in die drei Bereiche der Kultur, des Staates und der Wirtschaft könnte ein Entwurf für die Gesellschaft der Zukunft sein … (Beifall bei den GRÜNEN) … Eine konstruktive Aufnahme seiner Ideen in den 20er Jahren hätte jedenfalls – diese Behauptung kann in der historischen Rückschau gewagt werden – die Katastrophe der Terrorherrschaft der Nazis und des Zweiten Weltkrieges vermeiden helfen (Zustimmung bei den GRÜNEN). Die schwere Schuld, die frühere Generationen mit ihrer Blindheit auf sich geladen haben, sollte uns mahnen, eine freie, ökologische, soziale, demokratische und friedliche Gesellschaft für unsere Kinder und mit unseren Kindern aufzubauen. (Lebhafter Beifall bei den GRÜNEN)”
Diese Worte richtete der damalige GRÜNEN-Politiker und spätere SPD-Innenminister Otto Schily am 13. März 1986 an den deutschen Bundestag (vgl. zu seinem anthroposophischen Hintergrund Rüdiger Sünner). AnthroposophInnen wie Schily betonten und betonen in der Bundesrepublik ihre Pionierleistungen für “eine freie, ökologische, soziale und friedliche Gesellschaft”. Wären diese früher erkannt und nicht “auch [durch] sektiererisches Verhalten von Anthroposophen” (so Schily ebd.) überlagert worden, so ihre Überzeugung, hätten durch den ‘Freiheitsgedanken’ der Anthroposophie gar Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg verhindert werden können. Soweit die heutige Position.

Otto Schily: Rudolf Steiners Dreigliederungstheorie hätte den Nationalsozialismus "vermeiden helfen" können (Wiki-Commons, Bundesarchiv)
Anders im Nationalsozialismus selbst: AnthroposophInnen versicherten, mit wenigen Ausnahmen wie dem Widerständler Karl Rössel-Majdan oder der Ärztin Ita Wegman, öffentlich ihre Systemtreue. Friedrich Rittelmeyer, prominentes Gründungsmitglied der anthroposophienahen Christengemeinschaft, nahm die Machtergreifung zum Anlass, um in seinem Buch “Deutschtum” (Stuttgart 1934) einen grauenhaften Antijudaismus auszubreiten: „Über Nacht ist die Judenfrage in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt. Als Geistesfrage, nicht als politische Frage, nicht als wirtschaftliche Frage, soll sie hier betrachtet werden.“ (ebd., 99). Zwar meine er “nicht jeden einzelnen Juden … sondern das Judentum als Gesamterscheinung”, aber letzteres sei „entartet“ „zur zersetzenden Kritik und unfruchtbaren Dialektik“. „Die bösen Geister Materialismus, Egoismus, Intellektualismus”, plapperte Rittelmeyer, “wohnen keineswegs bloß in Judenhäuptern. Sie haben dort nur besonders fähige Vertreter.“ (ebd., 103).
Hier erkor ein spezifisch anthroposophischer Antijudaismus den politischen Antisemitismus der Nazis zum Trittbrett. Der Unterschied zwischen beiden: Der nazistische Rassismus war radikal eliminatorisch, der anthroposophische paternalistisch: Sein chauvinistisches Zerrbild des Judentums beendete Rittelmeyer nicht mit dem Programm eines Genozids, sondern mit der Feststellung, er habe „vom Judentum geredet“, aber letztlich auch „für den Juden. Er kann einsehen, was wir gesagt haben … Die Rassenfrage ist für uns zur Geistesfrage geworden.“ Und bei Annahme dieses Angebots winke gar die Befreiung ‘des’ Juden vom Jüdischen: „…der Einzelne kann aus der Kraft seines Ich, sich herausheben aus den Mängeln seiner Rasse.“ (ebd., 120).
Andreas Lichte und die Waldorfschulen im Nationalsozialismus
In den 1930ern verkündeten viele Anthroposophen ihre Lehre als ‘spirituelle’ Ergänzung zur nationalsozialistischen Ideologie. Nach 1945 sehen sich ebensoviele als ‘spirituelle’ Bereicherung des demokratischen Rechtsstaates. Heutige Anthroposophiekritiker betonen allerdings, “dass das autoritäre Potential unter Anthroposoph_innen strukturell dem nationalsozialistischen nahestand.” (Stephan Geuenich: Die Waldorfpädagogik, 131). Wie am Beispiel Rittelmeyer gezeigt lässt sich die anthroposophische Weltanschauung sowohl der Rassedoktrin der Nazis anbiedern, als auch mit Betonung “der Kraft des Ich” die Überwindung des ‘Rassischen’ durch die Anthroposophie verkünden. GegnerInnen der Anthroposophie würden ersteres zum ‘wahren’ Programm der Anthroposophie erklären, ihre VertreterInnen den gegenläufigen Part betonen. Dritte neigen zu einem realistischeren Portrait. Der Historiker und Dornacher Archivar Uwe Werner etwa stellte 1999 klar, dass das politische Verhalten von Anthroposophen schlicht und simpel meist vom jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext abhing:
“Die Anthroposophen stammten aus sehr verschiedenen sozialen Schichten der Bevölkerung. Es gab unter ihnen Arbeiter, Adlige, Handwerker und aus dem Bürgertum kommende Wissenschaftler. Dementsprechend waren sie politisch unterschiedlich sozialisiert worden. Es gab Anthroposophen, die der Sozialdemokratie und dem linken Liberalismus nahestanden und denen die Demokratie etwas bedeutete. Andere kamen aus konservativen Kreisen oder waren von einer militärischen Tradition geprägt … So erzogen, nahmen diese Menschen an undemokratischen Strukturen weniger Anstoß. Das gewichtigste Indiz für die überwiegende Mehrzahl der der Anthroposophen in der NS-Zeit kann nur derjenige richtig einschätzen, der die damaligen Verhältnisse kennt. Es ist das Schweigen der führenden Anthroposophen zum neuen Staat.” (Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München 1999, 14f.)
Andreas Lichte hat sich in der Vergangenheit so unmissverständlich wie dilettantisch gegen eine wissenschaftliche Historisierung der Anthroposophie ausgesprochen: “Ich möchte Sachverhalte DINGFEST machen, das endlose Gelaber, das sich als ‘differenzieren’ tarnt, führt zu nichts.” (2.9.2011), oder: “‘historisch-wissenschaftlichen Anspruch’ im Zusammenhang mit Rudolf Steiner klingt wie ein Blondinen-Witz” (8.9.2011). Erfreulicherweise hat er diese Meinung anscheinend inzwischen abgelegt. Sein neuer Artikel beginnt mit einer Situierung der Waldorfschulen im Nationalsozialismus:
“Waldorfschulen und Anthroposophie versuchten, mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten, wie es in einem Memorandum der Vereinigung der Waldorfschulen an Rudolf Hess offenbar wird: Man erklärte, dass Waldorfschulen „in kleinem Maßstab das verwirklichten, was die Volksgemeinschaft im nationalsozialistischem Staat im Großen anstrebt“.1 Wurde die Anthroposophie von den Machthabern in Deutschland letztlich als weltanschauliche Konkurrenz wahrgenommen, so war sie in Italien eine willkommene „spirituelle“ Ergänzung des Faschismus. Hier konnten Anthroposophen ihren Traum von der „überlegenen arischen Rasse“2 ausleben, und daran arbeiten, Rudolf Steiners programmatische Aussage „Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse“3 zu verwirklichen.”
Leider hapert es hier gleich mehrfach mit dem wichtigsten geschichtswissenschaftlichen Gut: den Quellen. Seine vorausgesetzte Prämisse, ‘Waldorfschulen und Anthroposophie’ als Ganze hätten mit den Nazis kollaboriert, stützt er auf einen einzigen Beleg:
“Man” habe die Waldorfschulen zu politischen Pionierstätten des Nationalsozialismus erklärt. Frage: Welche Personen sind konkret mit “Waldorfschulen und Anthroposophie” gemeint und: wer ist “man”?
Eine Fußnote gibt als Quelle des Zitats an: “Memorandum vom März 1935, Titel: ‘Natur und Aufgaben der Waldorfschulen’, zitiert nach: Peter Staudenmaier, ‘Der ursprüngliche politische Kontext der Waldorf-Bewegung‘”. Hinter “man” steckt also ein “Memorandum”. In der Tat heißt es bei Staudenmaier: “Im März 1935 schickte die Vereinigung der Waldorfschulen ein langatmiges Memorandum an Rudolf Hess, einen der wichtigsten Fürsprecher der Waldorf-Bewegung in der Nazihierarchie.” “Vereinigung” der Freien Waldorfschulen ist eine Fehlübersetzung von Englisch “League” – die gemeinte Organisation heißt eigentlich “Bund der Freien Waldorfschulen”. Um die eben gestellte Frage zu beantworten, muss die Gründung dieses bis heute offiziellen Waldorf-Dachverbands betrachtet werden.
Staudenmaier, inzwischen Professor an der Marquette University, hat im August 2010 eine Dissertation u.a. über Anthroposophie im Nationalsozialismus vorgelegt (ein deutsches Resumée findet sich 2012 im neuen Sammelband von Puschner/Vollnhals). In seiner Dissertation skizzierte Staudenmaier den Hintergrund der Gründung des Waldorf-”Bundes”: eine innere Spaltung der Waldorfbewegung gegenüber dem Nationalsozialismus.
“While the Nazi-affiliated Waldorf advocates did not all share the same vision for how to integrate Waldorf education into the National Socialist project, they did consider anthroposophy and Waldorf compatible with and congruent with Nazi ideals. Their efforts were only partly in line with those of the larger competing faction within the Waldorf movement, which generally looked askance at Nazi excesses but was willing to cooperate with Nazi officials in order to maintain Waldorf schools within the new Germany. This second tendency comprised most of the major figures within the Waldorf movement in the 1930s…” (Peter Staudenmaier: Between occultism and fascism: Anthroposophy and the politics of race and nation in Germany and Italy, 1900-1945, Connell University 2010, 315)
Auf dem Blog des kritischen Anthroposophen Michael Eggert (zu ihm unten mehr) schrieb Staudenmaier über dieselbe Situation:
“Die meisten Nazis standen wahrscheinlich eher interesselos zur Anthroposophie und deren Verzweigungen. Innerhalb der Waldorfbewegung ergab sich inzwischen eine Spaltung in zwei Parteien: einerseits die Waldorflehrer und Eltern, die sich den Nazis dedizierten und die sich mit Anthroposophie und Waldorf kompatibel erklärten, sich aber entsprechend den Nazi Idealen anpassten; auf der anderen Seite waren die, die gegenüber dem Nazismus keinen Kompromiss eingingen so lange es ihnen erlaubt war, um ihr eigenes Streben fortzusetzen zu können. In den meisten Fällen scheint die zweite Gruppe größer zu sein als die erste. “ (Staudenmaier: Waldorfschulen in Nazideutschland)
Statt enthusiastischer Kooperation, wie sie Andreas darstellt, war der Opportunismus der Waldorfschulen in Staudenmaiers Darstellung also eher pragmatische Anpassung, “in order to maintain Waldorf schools within the new Germany”. Die innere Spaltung bereitet AnthroposophInnen bis heute Kopfschmerzen: “Es gehört zu den tragischen Zügen unserer Schulgeschichte, dass in den Jahren, als die braune Macht sich formte, auch die innere Geschlossenheit in Gefahr geriet.” (Georg Kniebe:Bewährungsprobe in der Praxis, in: Erziehungskunst, Jg. 53, Nr. 8/9, 1989, 682). In dieser widersprüchlichen Situation kam es denn auch zur Gründung des “Bundes der Freien Waldorfschulen” für gemeinsame Lobbyarbeit.
Der “Bund der Freien Waldorfschulen” und René Maikowski
Die Idee dazu kam von der Dresdner Anthroposophin und Waldorfmutter Elisabeth Klein, wichtig wurde ein Waldorflehrer aus Hannover, René Maikowski – beiden sagte man gute Beziehungen zu den Nazibehörden nach.
“Im Hinblick auf die zu erwartende Zentralisierung der Unterrichtsverwaltung schlug Elisabeth Klein Ende März [1933] eine zentrale Verwaltung der Waldorfschulen vor, die bei den Behörden, über die Paragraphen hinweg, Beziehung von Mensch zu Mensch knüpfen sollte. Diese Aufgabe solle der Stuttgarter Waldorfschule übertragen werden. Das Hannoversche Kollegium schloss sich trotz einer beunruhigenden Auskunft aus dem preußischen Kultusministerium dem Dresdner Gedanken an und schlug vor, Maikowski auch an den Verhandlungen zu beteiligen, da dieser angeblich über seinen verstorbenen Bruder einen Kontakt zu Joseph Goebbels hatte … Als Bruder des ‘gefallenen Sturmbannführers’ [Eberhard Maikowski, 1908-1933] öffneten sich René Maikowski manche Türen.” (Uwe Werner, a.a.O., 100)
Der Historiker Helmut Zander, den Andreas in seinem Artikel ausführlich zitiert, schätzte die so in Gang gebrachte Gründung eines Waldorf-Dachverbands wie folgt ein:
“Die Gründung des ‘Bundes Freier Waldorfschulen’ war – unter Integration loyaler NS-Parteigänger in den Vorstand – ein erster Versuch, der drohenden ‘Gleichschaltung’ zu entgehen. … Im Hintergrund dieser Entscheidungen standen Auseinandersetzungen innerhalb der Waldorflehrerschaft über die Einschätzung des nationalsozialistischen Staates und der Möglichkeit einer Fortexistenz, aber auch unterschiedliche Bewertungen dieser Schulen in der NSDAP. Es kam in Waldorfkreisen sowohl zu Strategien der Anpassung wie zur Verweigerung, über die in den letzten Jahren heftig gestritten wurde. Viele Waldorflehrer emigrierten und spielten eine nicht unwichtige Rolle bei der Ausbreitung der Waldorfpädagogik in Europa und Amerika.” (Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, 1380)
Demnach wäre Andreas’ These eines Kollaborationsversuchs zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen: Die Integration “loyaler NS-Parteigänger” aus Schutzgründen spricht nicht gerade für eine leidenschaftlich pronazistische Haltung. Diese Vermutung bestätigt sich, wenn man die weiteren Ereignisse verfolgt: Die mit der Gründung eines “Bundes” erzielte Einigkeit hielt nicht lange. Ein Jahr später, 1934, wurde die Stuttgarter Waldorfschule abgestoßen.
Am “6. Mai wurde die Leitung des Bundes René Maikowski von der Hannoverschen Schule übertragen … Der Verlag der Freien Waldorfschule, in welchem das Stuttgarter Kollegium die Zweimonatszeitschrift ‘Erziehungskunst’ herausgab, sollte nicht mehr Repräsentant der Rudolf Steiner Schulbewegung in Deutschland sein … Dieser bundesinterne Konflikt … führte zu einer Isolierung der Stuttgarter Schule” (Werner, a.a.O., 116)
Maikowski als neuer Vorsitzender des Bundes war es, der das von Andreas zitierte ‘Memorandum’ verfasste: “Under the title ‘Nature and Tasks of the Waldorf Schools’, the memorandum declared unequivocally: ‘Waldorf schools educate for the national community.’” (Staudenmaier, a.a.O., 319).
Doch auch die neue Einigung war bald vorbei: Die Berliner Waldorfschule distanzierte sich 1936 von Maikowski und Elisabeth Klein als Vermittlern zwischen Behörden und Waldorfschule. Im Dezember dieses Jahres löste sich auch das Stuttgarter Kollegium “von der Vertretung durch Maikowski und Klein … Von den acht Schulen hatten sich zu diesem Zeitpunkt drei eindeutig von der bisherigen Verhandlungsführung gelöst: Altona, Berlin und Stuttgart. Zwei weitere, Kassel und Breslau, hatten sich Stuttgart angeschlossen. Hannover hatte von den Behörden eine klare Absage erhalten. Blieben noch Wandsbek und Dresden.” (Werner a.a.O., 210f.). Die Berliner Schule “decided to shut down the school in 1938 rather than accept further compromises with Nazi authorities … The Hannover school was still a leading candidate for ‘experimental school’ status in October 1938…”. 1941 wurde die von Klein geführte Waldorfschule in Dresden als letzte geschlossen (Staudenmaier a.a.O., 325).
Andreas Lichtes Statement, dass “man” versuchte, mit den Nazis zusammenzuarbeiten, lässt sich also durch das von ihm zitierte Memorandum nur sehr bedingt belegen. Das Verhalten von Anthroposophen und hier insbesondere Waldorfschulen im Nationalsozialismus zeugt kaum von weltanschaulich motivierter Kollaboration und vielmehr Versuchen der Anpassung, wenngleich es durchaus pronazistische Waldorflehrer gab. Peter Staudenmaier hat hierzu mit Recht herausgestellt, dass bei allen Details der Auseinandersetzung im Glauben an “Rasse” und “Volk” ideologische Gemeinsamkeiten lagen – dafür zitiert er v.a. Maikowski, Klein und Richard Karutz (ebd., 351). Dass die Berliner Waldorfschule allerdings ihre Türen just dann schloss, als die Lehrer aufgefordert worden waren, sich einzeln auf den “Führer und Reichskanzler” Hitler zu vereidigen (Werner a.a.O., 137) zeigt, dass diese Gemeinsamkeit allein keinesfalls hinreichend war, um AnthroposophInnen die nationalsozialistische Doktrin schmackhaft zu machen.
Über das Innenleben der einzelnen Schulen und damit die reale Ausprägung nazistischen Denkens in der Waldorfszene fördern weder Staudenmaier noch Werner viele Dokumente zutage. Ersterer sammelt vor allem Stimmen, die die nationalistische Gesinnung der Waldorferziehung untermauern sollen, letzterer rekonstruiert schwerpunktmäßig organisatorische und behördliche Schritte. Doch aus vereinzelt publizierten Memoiren wird v.a. bei Werner deutlich, was Andreas für heutige Waldorfschulen zweifellos unterschrieben würde: Es wird deutlich, wie krass Außendarstellung und Unterrichtspraxis voneinander abweichen konnten, selbst in der Waldorfschule Dresden unter Leitung der nazi-affinen Elisabeth Klein:
“Die älteren Schüler aber wussten, worum es ging, sie erlebten, dass ‘ihre’ Schule im Gegensatz zur NS-Gesellschaft stand. Sie wussten, dass darüber nicht geredet werden konnte und dass man sich der Umwelt gegenüber tarnen musste. Wenn der Lehrer zum Beispiel sagte: ‘Diese Aufsätze, die ihr jetzt schreibt, gehen nach Berlin’, so verstanden die Schüler sehr wohl, was gemeint war, und schrieben in diesem Sinne.” (Werner a.a.O., 237)
Auch der nationalsozialistisch verordnete Rassenkundeunterricht verlief anscheinend teilweise erträglich, wie Werner einen Zeitzeugen zitiert:
“‘Nach Einführung in die Merkmale der ‘arischen’ Typen …. wurden mit dem Gerät, wie man es sonst für phrenologische Zwecke benutzt, von der Lehrerin unsere Schädel vermessen und der Befund an der Tafel festgehalten. Für alle ablesbar stand dort, wer dem nordischen Ideal – langer und schmaler Schädel – entsprach. Na, wer schon? Ich, der Judenjunge! Den Rassenkundeunterricht in unserer Klasse beendete lautes Lachen.’ Der Bericht Herzbergs, von 1935 bis 1938 Schüler der Waldorfschule Hannover, hebt hervor, dass jüdische Schüler nicht diskrimiert wurden …” (ebd., 227)
Lehrer und Schulleiter bekannten sich derweil zur nationalsozialistischen Führung. “In a 1934 letter to a Nazi party liaison office complaining about [Kultusminister] Mergenthaler’s actions against the Stuttgart Waldorf school, a party member and parent from the school declared that Waldorf education from the beginning had pursued ‘exactly what we National Socialists strive for’, and insisted that the Führer himself would surely intercede on behalf of the school if he were made aware of the situation.” (Staudenmaier a.a.O., 334).
Jenseits von “Widerstand” und Hitler-Euphorie
Versuch einer Bewertung
In Berichten, wie sie Werner zitiert, sieht der Anthroposoph Detlev Hardorp (im Vorstand des „European Council for Steiner Waldorf Education“ und „Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg“) Dokumente für einen anthroposophischen “Widerstandsgeist” und Zeichen für “die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Anthroposophie” (Hardorp: Die deutsche Waldorfschulbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus). Ich halte dieses Urteil für ebenso überzogen wie das von Andreas Lichte, Anthroposophen seien im (hauptsächlich: italienischen) Faschismus so richtig aufgeblüht – wenngleich im Glauben an die Existenz von ‘Rassen’ oder im ‘Anti-Intellektualismus’ Schnittstellen vorlagen.
Die Wahrheit liegt aber auch nicht irgendwo in der Mitte.
Sie ist erneut im historischen Kontext zu suchen: dem Verhalten von Privatschulen gegenüber der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik. 1936 – also ein Jahr nach der Gründung des “Bundes der Freien Waldorfschulen – wurden offiziell alle privaten Volksschulen aufgelöst, doch zogen sich viele Einzelfälle bis in die Vierziger Jahre hin. Gerade viele Landerziehungsheime bekannten sich schnell und öffentlich zum Nazistaat. Der Anthroposoph Uwe Werner hält sie darin für “vergleichbar” mit den Waldorfschulen (Werner a.a.O., 95). An einigen Einrichtung wie der zuletzt negativ in die Schlagzeilen gekommenen Odenwaldschule, konnte die herkömmliche Arbeit hinter dieser Fassade allerdings fast bruchlos weitergehen. Ähnliches legen die oben zitierten, wenigen Berichte aus der Innenwelt von Waldorfschulen zwischen 1933 und 1941 nahe. Programmatisch mag zumindest für die zweite von Staudenmaier genannte Gruppe eine Anweisung von Ita Wegman (Steiners späte Geliebte und Mitglied im Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft) an die heilpädagogischen anthroposophischen Einrichtung sein:
“Diejenigen, die noch gute Urteilskraft bewahrt haben, dürfen gar nicht sprechen, wollen sie nicht eines Tages die Polizei in ihre Wohnung bekommen und selbst in ein Konzentrationslager gesteckt werden. So bleibt wirklich nichts anderes übrig, als dass viele herausgehen aus Deutschland, um sich im Ausland neu zu organisieren und später vielleicht wieder Einfluss zu haben in Deutschland, und dass die Anderen, die da bleiben, so gut es geht, die vorgenommenen Arbeiten, die mit Anthroposophie zusammenhängen, in Stille und vorsichtig weiter fortsetzen, damit der Faden nicht abreißt.” (Ita Wegman, Brief vom 28.4.1933, zit. n. Peter Selg: Geistiger Widerstand und Überwindung. Ita Wegman 1933-1935, Dornach 2005, 22-26)
Dass der spezifische Geist der so versteckt fortgeführten einzelnen Reformpädagogiken unabhängig vom Nationalsozialismus seine ideologischen Tücken hat, zeigt allein das Beispiel Odenwaldschule – aber auch die Waldorfpädagogik in ihren typologischen oder entwicklungspsychologischen Grundlagen. Davon unabhängig ist die Tatsache zu problematisieren, dass ein rassistisch-autoritäres Regime AnthroposophInnen ermunterte, auf den rassentheoretischen Fundus in Steiners Werk zurückzugreifen. Stärker als im nationalsozialistischen Deutschland geschah dies im faschistischen Italien.
Anthroposophie im italienischen Faschismus
Andreas’ Artikel titelt: “Anthroposophie und Faschismus, gestern und heute”:
“Wurde die Anthroposophie von den Machthabern in Deutschland letztlich als weltanschauliche Konkurrenz wahrgenommen [und ganz nebenbei auch verboten - AM], so war sie in Italien eine willkommene „spirituelle“ Ergänzung des Faschismus. Hier konnten Anthroposophen ihren Traum von der ‘überlegenen arischen Rasse’2 ausleben, und daran arbeiten, Rudolf Steiners programmatische Aussage ‘Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse’3 zu verwirklichen.” (Hitler, Steiner, Mussolini)
Steiners eurozentrische Verklärung der “weißen Rasse” als “programmatisch” darzustellen, ist unrichtig. Steiners politische Absichten in Form der sozialen Dreigliederung haben sich mit ‘rassischen’ Themen vielmehr in keiner Weise befasst – seine Rassentheorie war Teil eines verquasten theosophischen Geschichtsverständnisses. Richtig ist aber, dass die italienischen Faschisten anthroposophische Einrichtungen weitgehend unbehelligt ließen. Andreas Lichte beruft sich als Quelle für seine Schilderung der Anthroposophie in Italien auf den oben zitierten Peter Staudenmaier, der seinen Artikel sogar “durchgesehen” hat. Seinen eigenen Artikel versteht Andreas als “Kurzzusammenfassung” von dessen Dissertation (ebd.). Da er sich aber lediglich zwei exemplarische Gestalten (Ettore Martinoli und Massimo Scaligero) aussucht und es kaum publizierte Texte über diese Zeit gibt, zitiere ich im Folgenden Staudenmaiers Original. Der beschreibt, dass es zwar organisatorische Probleme gab, AnthroposophInnen aber weitgehend freie Hand hatten:
“The Fascist race laws entailed a number of complications for anthroposophical activities. In 1939 zealous antisemites in the Fascist cultural bureaucracy mistook Steiner for a Jewish author and tried to have his works banned. Steiner’s chief publisher at the time, Laterza, pointed out that Steiner was not in fact Jewish. Anthroposophist Rinaldo Küfferle had already submitted a copy of Steiner’s Aryan certificate to the Ministry of Popular Culture in autumn 1938. The Ministry did not place Steiner on the list of prohibited authors until mid-1942, after pressure from their German colleagues, and declined to authorize re-printing of previously published works. Nonetheless, a wide variety of Steiner’s publications was available throughout the Fascist period, including more than thirty books.” (Staudenmaier a.a.O., 425)
Das galt aber, zumindest in Teilen, auch für jüdische AnthroposophInnen, die trotz der antisemitischen Rassegesetze weiterarbeiten konnten:
“Several leading Italian anthroposophists were of Jewish descent, most importantly Lina Schwarz in Milan and Maria Gentilli Kassapian in Trieste. Their positions may reflect mainstream anthroposophist attitudes toward assimilation, which were not shared by all anthroposophists … While the Fascist authorities categorically affirmed their good political conduct, the presence of Jews in anthroposophical ranks in Trieste does seem to have played a role in the Trieste group’s dissolution in September 1938, in the immediate aftermath of the enactment of the racial laws.” (ebd., 426)
Staudenmaier zeigt sogar Präsenz von Anthroposophie und Anthroposophen im antifaschistischen Widerstand auf – ein Thema, das für die Geschichtsschreibung der Anthroposophen in der Naziära noch aussteht:
“Violet Gibson, the eccentric Anglo-Irish aristocrat who tried to assassinate Mussolini in 1926, traveled in theosophical and anthroposophical circles. Antifascist author and literary figure Armando Cavalli was an anthroposophist, and Eugenio Curiel, a prominent figure in the antifascist resistance, was for a time drawn to anthroposophy as well. Curiel (1912-1945), a physicist from a Jewish family in Trieste, played an important role in Resistance groups in the late 1930s and 1940s. He was murdered by Fascist soldiers in February 1945. In the early 1930s Curiel was deeply influenced by anthroposophical ideas. His commitment to anthroposophy, lasting approximately three years, was part of a turbulent ideological and political development … Alongside Colonna di Cesarò, Curiel’s ideological trajectory indicates the political volatility of anthroposophical engagement in the Fascist era.” (ebd., 417f.)
Politischer Antifaschismus, und das ist entscheidend, bedeutete aber nicht, dass die entsprechenden Personen der anthroposophischen Rassenlehre abschworen (ebd., 429f.).
Massimo Scaligeros eliminatorischer Rassismus
Im Gegenteil fiel letztere hier auf den Boden des italienischen Faschismus. Die wohl aktivste Figur in diesem Umfeld war Massimo Scaligero. Andreas zitiert seine missionarischen Artikel über “Rasse”-Bewusstsein und eine “arische Einheitsfront”, die zur Weltherrschaft auserkoren sei:
“Viele von Scaligeros annähernd 100 rassistischen Artikeln erschienen 1938–1943 bei ‘La Difesa della Razza’, 1941–1942 war Scaligero einer ihrer häufigsten Autoren, in etlichen Ausgaben Leitartikler. Welche ‘Rasse’ verteidigt Scaligero? Und welches ‘bereits existierende Modell’ benutzt er dazu? … Wie alle Rassisten erklärt Scaligero die eigene ‘Rasse’ für überlegen. Dazu entwickelt Scaligero in seinem frühen Hauptwerk von 1939, einem Buch von 275 Seiten mit dem Titel ‘Die Rasse von Rom’9, den Mythos einer ‘Römischen Rasse’, einer ‘Rasse’, die, so Scaligero, ‘zum Sieg vorherbestimmt ist’. Scaligeros breites Panorama der Entwicklung der ‘Römischen Rasse’ stellt die rassistische ‘Wurzelrassenlehre’ 10, ‘hyperboreische’ rassische Ursprünge und den Aufstieg und Fall von ‘Atlantis’ vor – Elemente, die sich in der ‘Menschheitsentwickelung’ Rudolf Steiners finden.” (Hitler, Steiner, Mussolini)
Das tun sie in der Tat. Andreas erläutert in einer Fußnote: “In der ‘Theosophie’, einer esoterischen Lehre, werden Entwicklungs-Epochen der menschheitlichen Entwicklung als ‘Wurzelrassen’ bezeichnet. Rudolf Steiner übernahm das Konzept der Wurzelrassen von der Theosophin Helena Petrovna Blavatsky.” (ebd.) und fährt fort, Scaligeros Version der Wurzelrassenlehre zu schildern:
“In prähistorischen Zeiten begründete ‘die weisse arische Rasse’ den Westen und ‘die grossen mediterranen Zivilisationen’. Nordische und mediterrane rassische Gruppen kamen in der ‘Rasse von Rom’ zusammen, sie ist als ‘Italisch-Nordische Rasse’ die Synthese der besten Eigenschaften beider Gruppen. … Wenn der Faschismus authentische Werte, die ‘anti-modern, anti-egalitär, aristokratisch’ sind, wieder herstellen kann, dann wird er ‘die Wiedergeburt einer überlegenen Rasse, die einmal mehr Römisch ist’ erreichen.11 Schon in Scaligeros Buch ‘Die Rasse von Rom’ von 1939 werden 2 Charakteristika von Scaligeros Rassismus genannt, die später für ihn bestimmend werden: ‘Spiritualität’ und ‘Blut’.” (ebd.)
Den nächsten Punkt sieht Andreas in Scaligeros Antisemitismus. Das Judentum betitelte dieser mit anthroposophischen Termini als “ahrimanisch”:
“‘Die Eliminierung des jüdischen Virus und die biologische Reintegration der arischen, ethnischen Werte’14, lautet Scaligeros ‘Lösung des jüdischen Problems’. Dieser zentrale Satz von 1939 findet sich in vielen späteren Texten Scaligeros wieder. … 1941 zeichnet Scaligero das Bild eines apokalyptischen Kampfes zwischen ‘arischem Geist’ und ‘jüdischem Geist’ und sagt, dass Nationalsozialismus und Faschismus die Mittel bereitgestellt hätten, diesen Kampf zu gewinnen. Scaligero befürwortet Hitlers Ruf nach einer ‘vereinigten arischen Front gegen das Judentum’.” (ebd.).
Solche Sätze gehen über die Lästereien gegen “dekadente Indianer” und triebgesteuerte “Neger” eines Rudolf Steiner hinaus und machen ihren Autor Scaligero, wie Andreas ausführt, bis heute für italienische Neurechte attraktiv. Doch die Fragestellung des Artikels geht weiter. Wie zitiert schreibt Andreas Lichte: “Welche ‘Rasse’ verteidigt Scaligero? Und welches ‘bereits existierende Modell’ benutzt er dazu?” Die Frage ist entscheidend, aber bei ihm rhetorisch. Die Antwort folgt Absätze später und zeigt die ihrerseits politische Absicht hinter dem Artikel: “Scaligeros Rolle im Faschismus liesse nichts anderes zu, als sich vollständig, unmissverständlich, und endgültig von ihm zu distanzieren. Dann bestünde aber die Gefahr eines ‘Domino-Effekts’, denn Scaligero führt ‘nur’ das Werk seines Vorbilds, des Rassisten Rudolf Steiner, fort. Wenn Scaligero stürzt, fällt dann auch Rudolf Steiner?” (ebd.)
Welches “Modell” benutzt Scaligero?
Diese ihrerseits rhetorische Frage wäre diskutabel, wenn Scaligero tatsächlich Steiners Werk fortgeführt hätte. Das ist aber mitnichten der Fall. Scaligero war kein Anthroposoph, den seine anthroposophischen Überzeugungen zum Faschismus führten, sondern ein Faschist, der sich mit dem esoterischen ‘Traditionalisten’ Julius Evola anfreundete und in dessen Umfeld gegen Ende der 1930er Jahre die Anthroposophie kennenlernte. Wie der zweite von Andreas thematisierte anthroposophische Faschist, Martinoli – dessen Rassismus politisch viel weitere Wellen schlug – bewegte sich Scaligero im weltanschaulichen Gravitationsfeld des ‘Magiers’ Julius Evola (Staudenmaier a.a.O., 428).
“Scaligero’s mentor for much of the Fascist period was the established esoteric author Evola, whom he first met in 1930 … In the 1920s and 1930s Evola was at times quite critical of anthroposophy as a rival form of esotericism, but maintained good relationships with various Italian anthroposophists. In the eyes of Fascist authorities, such distinctions sometimes seemed trivial, and Evola was occasionally classified as an anthroposophist himself. The course of Scaligero’s dual affiliation with Evola and anthroposophy is thus difficult to trace with precision. One plausible hypothesis is that Scaligero developed from an acolyte of Evola into an anthroposophist from the mid-1930s to the early 1940s. This analysis is consistent with Scaligero’s published work during the period in question, and is supported by several retrospective anthroposophical sources.” (ebd., 432f.)
Weitere Forschungen hat der Esoterikforscher Hans Thomas Hakl angestellt. Dieser schreibt, dass Scaligero Evola nahezu sakrale Züge andichtete:
“Evolas zeitweiliger magischer und intellektueller Weggefährte Massimo Scaligero (ps. Antonio Massimo Sgabelloni, 1906-1980), der bisheute eine ansehnliche Zahl von Anhängern um sich schart, meinte in seiner esoterischen Lebensgeschichte Dallo Yoga alla Rosacroce … , dass bei Evola eben „die ursprüngliche innere Qualität, die imaginative Magie, die für den modernen Sucher der Zielpunkt ist“, bereits von Natur aus gegeben war … Dafür wurde er später einer der besten Freunde Evolas und war sogar Teil der Schutzgarde, die Evola gegen faschistische Schlägertruppen verteidigte. Später hat er sich unter dem Einfluss von Giovanni Colazza, den er über Evola kennengelernt hatte, der Anthroposophie angenähert.” (Hakl: Julius Evola and the Group of Ur, Manuskript, S. 7-13, inzwischen veröffentlicht in: Gnostika 12/2011).
Die erste Erwähnung Steiners in Scaligeros Werk findet sich laut Staudenmaier im Jahr 1941 (Staudenmaier a.a.O., 459). Andreas zitiert aber lang und breit sein Buch “Die Rasse von Rom” von 1939. Mit der Anthroposophie muss er zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in Berührung gekommen sein, denn in dem Buch findet sich die Etikettierung des Judentums als “ahrimanisch” – und Ahriman ist ein Dämon in der anthroposophischen Mythenwelt. Die zentralen politischen Forderungen Scaligeros, soweit Andres sie wiedergibt, finden sich aber nicht bei Steiner, sondern dem schon erwähnten Julius Evola:
1. Die Wurzelrassenlehre. Steiner transformierte die Vorstellung der Okkultistin Helena Blavatsky, dass sieben aufeinanderfolgende “Wurzelrassen” Vollstrecker der Weltgeschichte seien und einander evolutiv beerbten. “‘Hyperboräische’ rassische Ursprünge” (Lichte a.a.O.) gab es bei Steiner allerdings nicht: Die erste Wurzelrasse hieß bei Steiner die “polarische”. Bevor Scaligero (um 1938) außerdem Steiners Lehre kennenlernte, hatte bereits sein Mentor Evola eine eigene Form der Wurzelrassenhypothese ausgearbeitet: 1923 war Evola der Theosophie Blavatskys begegnet (Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne, Wiesbaden 2009, 118). Spätestens 1934 hatte er in seinem Buch “Rivolta contro il Mondo Moderno” (Revolte gegen die moderne Welt) eine Version der Blavatskyschen Theosophie formuliert, die mit “Hyperboräern” und Atlantiern hantierte und derjenigen Scaligeros wie die Faust aufs Auge glich (ebd.). Evolas “work drew on a wide range of occult teachings, including significant elements adapted from theosophy.” (Staudenmaier a.a.O., 455)
2. Die Apotheose der “italienischen Rasse” zur Speerspitze der Evolution. Dieser Gedanke findet sich bei Steiner nirgends, der vielmehr in den Deutschen die “Avantgarde der Entwicklung” sah. Auch diesen Gedanken hatte Scaligero bereits in der Esoterik Evolas kennengelernt. “Was die aberndländische Geschichte … betrifft, so feiert Evola das Römische Imperium als großartigen Versuch, den Weg in den Verfall abzuwenden, ja umzukehren … Im August 1943 erörterte Evola mit dem abgesetzten Mussolini in Hitlers ostpreußischem Führerhauptquartier Möglichkeiten zur Rettung des faschistischen Italiens…” (Goodrick-Clarke a.a.O., 131)
3. Die “Rasse von Rom” sei Synthese zwischen “nordischem” und “mediterranem” Blut und habe damit die Vorteile von beiden. Auch diese Vorstellung kommt bei Steiner nicht vor, bei dem es überhaupt keine “Rasse von Rom” gibt, wenn auch eine griechisch-römische “Kulturepoche”, die der Blüte einer “nordischen” (germanisch-angelsächsichen) Kulturepoche vorausging (vgl. GA 121, Dornach 1982, 170).
4. Die Forderung nach Wiederherstellung “authentische[r] Werte, die ‘anti-modern, anti-egalitär, aristokratisch’ sind” (Lichte, a.a.O.). Als antimodern betrachtete Steiner sich ebenfalls nicht, vielmehr als Pionier eines “spirituellen Wissenschaft”. Dagegen stellen diese Werte erneut und sehr präzise die Ideale Evolas dar: “Der unpolitisch sein wollende Aristokrat, der Magus und radikalkonservative Esoteriker” Evola (Gerhard Wehr: Spirituelle Meister, Kreuzlingen/München 2007, 176) sah die Basis der “arischen Rasse” in einer uralten, in der “Tradition”. “Evola predigte eine Lehre des Elitismus und Antimodernismus in arisch-nordischer Tradition, die durch eine Sonnenmythologie und die Betonung des männlich-aristokratischen Prinzips im Gegensatz zum weiblich-demokratischen gekennzeichnet war. Diese Ideen kamen in seinen Büchern über Rassismus, Gralsmythos und archaische Traditionen zum Ausdruck.” (Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Wiesbaden 2004, 165). Vorlage dabei war “die Hierarchie einer indischen Kastengesellschaft” (Ditfurth: Feuer in die Herzen, Hamburg 1996, 279f) “Sein Vorbild war die indo-arische Tradition, in der Hierarchie, Kastenwesen, Autorität und Staat das Höchste bedeuteten” (Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne, a.a.O., 116). Hier wehte auch der paternalistische Geist Platons, der Übermensch Nietzsches und das Werk des Kulturpessimisten Oswald Spenglers, das er ins Italienische übersetzte (ebd., 121) – “womit nicht gesagt sein soll, dass allein sie die Genealogie eines René Guenon oder eines Evola bestimmen können.” (Wehr a.a.O., 177).
5. Die Aufforderung zur Vernichtung der jüdischen ‘Gegen’-”Rasse”. Während Steiner an das Judentum eine kulturchauvinistische Assimilationserwartung herantrug (das Judentum habe seine Aufgabe in der Welt, die Hervorbringung Christi, erfüllt, und solle sich nun bitte autonom auflösen, vgl. Ralf Sonnenberg), forderte Scaligero „Die Eliminierung des jüdischen Virus und die biologische Reintegration der arischen, ethnischen Werte“ (zit. n. Lichte a.a.O.). Das gleicht ebenfalls den Gedanken Evolas. “Als dem Antisemitismus noch nicht die Ächtung begegnete, die er heutzutage erfährt, hatte Evola wenig Hemmungen, die in der rechten Szene gängigen judenfeindlichen Ressentiments zu bedienen, wobei er kaum ein Klischee ausließ und sich sehr wohl zu erheblicher Gehässigkeit steigern konnte, namentlich, wenn er gezielt bestimmte Juden oder Judengruppen attackierte … Juden, meint Evola, zersetzten traditionale Substanz, wo sie könnten; hinter sämtlichen unerfreulichen Phänomenen der neueren Zeit steckten Juden.” (Goodrick Clarke 2009, a.a.O., 140, vgl. Staudenmaier a.a.O., 456). Sehr wohl aber bot dieser radikale Antisemitismus Scaligero eine Materialgrundlage, auf der er Steiners Antijudaismus aufnehmen und mit der anthroposophischen Theorie des Dämonen “Ahriman” kombinieren konnte. Denn der übernimmt als metaphysisches Prinzip bei Steiner in etwa die ‘materialistische’ Rolle, die bei Evola und Scaligero die Juden spielten. Zurecht betont Lichte: “Die Identifikation der Juden mit Ahriman gleicht einem Todesurteil.” (Lichte a.a.O.).
Zwischen Okkultismus und Faschismus
Die von Andreas gestellte Frage, “welches ‘bereits existierende Modell’” (ebd.) Scaligero benutze ist damit beantwortet. Seine These, “Scaligero führt ‘nur’ das Werk seines Vorbilds, des Rassisten Rudolf Steiner, fort” (ebd.), hinkt: Scaligero interpretierte und rezipierte Steiner letztlich auf Basis seines Evola’schen Weltbildes. Steiner lässt sich daher nur sehr bedingt mit Scaligeros Rassenideologie belasten. Die nächste Frage, ob, wenn Scaligero stürze, auch Steiner falle, ist aufgrunddessen zu verneinen (Konsequent auf sich selbst angewandt, wäre sie ohnehin nicht haltbar: Was, wenn nun die antifaschistischen Überzeugungen einer Traute Lafrenz, eines Rössel-Majdan oder des anthroposophischen Mussolini-Attentäters Violet Gibson die ‘echte’ “Fortführung” von Steiners Werk wären? Analog zu Andreas Lichtes rhetorischer Frage, ob mit Scaligero auch Steiner “falle” müsste es auch heißen: Wenn z.B. Traute Lafrenz steht – und das tut sie, vgl. Katrin Seybold – bleibt Steiner dann stehen?). Nichtsdestominder darf und muss Scaligero insbesondere in seinen späten Jahren als Anthroposoph bezeichnet werden – die Vebreitungen, Grenzen und Strömungen religiöser, philosophischer, esoterischer Gruppierungen lassen sich nicht einfach voneinander abgrenzen.
“Traditionen lassen sich nicht auf bestimmte Diskurse begrenzen. Vielmehr entwickeln sie sich aus gemeinsamen Fragestellungen und zeitgenössischen Interessenlagen. Mehr noch: Diskursfelder verändern religiöse Identitäten und führen mitunter zu erstaunlichen Allianzen und Parallelen zwischen vermeintlich getrennten religiösen Traditionen … Die Forschungen zur religiösen Sozialisation haben ergeben, dass im 20. Jahrhundert von einer geschlossenen religiösen Identität, die nach dem Motto verfährt ‘Eine Person = eine Religion’, keine Rede sein kann.” (Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik?, München 2004, 17)
Dieser wissenschaftliche Zwang zur Uneindeutigkeit scheint unbefriedigend und dürfte zu Andreas’ Ausspruch geführt haben ”Ich möchte Sachverhalte DINGFEST machen, das endlose Gelaber, das sich als ‘differenzieren’ tarnt, führt zu nichts.” (2.9.2011). Das ist verständlich, aber daran ist nicht der ‘differenzierende’ Zugang schuld, sondern die Polyvalenz der weltanschaulichen Diskurse, die nur durch differenzierte Betrachtung erfasst werden kann. Nur so ist es erklärlich, dass ein Evola zwar bis “heute eine prominente Ikone der Edelfaschisten” ist (Goodrick-Clarke 2009, a.a.O., 116, vgl. Ritt auf dem Tiger), aber trotzdem wissenschaftshistorisch die Wiederentdeckung Johann Bachofens beförderte und die Analytische Psychologie inspirierte (James Webb: The Occult Establishment, La Salle 1967, 421). So ist es möglich, dass ein ebenfalls von Kopf bis Fuß faschistischer Heidegger (Faye: Heidegger. Die Einführung des Nationalsoziasozialismus in die Philosophie, Berlin 2009) ausgerechnet mit seinem oft problematisierten rassistischen Frühwerk Gestalten wie Arendt und Sartre inspirierte. Und so ist es auch möglich, dass ein Scaligero in der Neuen Rechten zitiert wird, während anthroposophische Wikipedianer sein faschistisches Engagement verschweigen und die Anthroposophische Gesellschaft Italiens ihm 2006 ihre Jahrestagung widmete – “und das obwohl es eine breite Forschungsarbeit zur Geschichte der faschistischen Rassenpolitik gibt, die Scaligeros Rolle in der rassistischen Kampagne diskutiert.” (Lichte, a.a.O.). Zurecht spricht Staudenmaier von einem “left-right crossover that has marked anthroposophical politics from the beginning.” (Staudenmaier a.a.O., 509).
Lichte, Staudenmaier und Michael Eggert
Der anthroposophische Blogger Michael Eggert ist selbst ein Fan von Massimo Scaligeros Meditationstexten, hat aber auch Scaligeros Verbindung zu Julius Evola realisiert. Er plädierte in einem Essay vom 4.8.2009 für eine historisch-kritische Herangehensweise:
“In Deutschland war es vor allem Georg Kühlewind, der immer wieder auf Scaligero hinwies. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn die faschistische Ära Scaligeros, sein Bezug zum Tantrismus und zum Magier Evola offen einbezogen und nicht unter den Tisch gekehrt werden. Anders als mit disziplinierter kritischer Distanz kann man Scaligero nicht lesen, dafür sind seine Abgründe einfach zu virulent.” (Scaligero und Evola)
Einen Monat zuvor, am 19. Juli, hatte er erstmals einen Text über Scaligero auf seiner Seite veröffentlicht. Dieser stammte aus der Feder des oben zitierten Historikers Peter Staudenmaier (Staudenmaier: Über Massimo Scaligero), dessen Dissertation Andreas Lichte in seinem Artikel kurz zusammenzufassen beansprucht.

Die m.W. erste deutschsprachige Plattform für Peter Staudenmaiers Kritik an Scaligeros Rassismus bot Michael Eggert auf seiner Seite "Die Egoisten". Heute wirft Andreas Lichte Eggert fäschlich vor, er habe Staudenmaiers Kritik ignoriert.
Andreas Lichte stellt in seinem hier zugrundeliegenden Artikel Hitler Steiner Mussolini Eggert trotzdem als Verharmloser und Vertuscher von Scaligeros Rassismen dar, ohne diese kritischen Schritte auch nur zu erwähnen:
“Vollends privat wird die Verehrung Rudolf Steiners und Massimo Scaligeros bei Michael Eggert, der meines Wissens keine offizielle Funktion in der Anthroposophie hat, und auch nicht in einer anthroposophischen Einrichtung arbeitet. Eggert soll hier für die Haltung des normalen Durchschnittsanthroposophen stehen. Michael Eggert wurde von Peter Staudenmaier – dem dieser Artikel zu verdanken ist, siehe ‘Credits’, unten – und mir über Massimo Scaligeros Faschismus, Rassismus und Antisemitismus umfassend informiert. Michael Eggert hatte also nicht mehr die deutsche Standardausrede „Aber ich hab’ doch nichts davon gewusst!“, als er Massimo Scaligero auf seinem Blog ‘Egoisten’ als spirituellen Lehrer vorstellte, siehe: ‘Die Kraft des Lebens‘. Kein bedauerlicher Einzelfall, zuletzt gab es im Januar 2012 einen weiteren Blogeintrag Eggerts zu Scaligero: ‘Unbewegt‘ … Warum tut Eggert das?” (ebd.)
Diese Frage ist berechtigt: Man muss schon sehr überzeugt von Scaligeros Meditationstexten sein, damit sie einem durch dessen faschistisches Engagement nicht ungenießbar werden. Nichtsdestominder hat Eggert sich von diesem Faschismus glaubhaft distanziert, “diszipliniert kritische Distanz” gefordert und überdies (mehrfach) einschlägige Texte von Staudenmaier publiziert (darunter btw. auch ein sehr guter zu Martinoli und Waldorf im NS). Warum – könnte man die Frage umdrehen – verschweigt Andreas das?
Ein sehr faires Fazit zur Auseinandersetzung Lichte – Eggert fand Peter Staudenmaier in der yahoo-group “Waldorfcritics”. Darin schrieb er, Eggerts Umgang mit Scaligero sei seine Privatangelegenheit, solange er sich der Diskussion seiner faschistischen Theoreme nicht verwehre:
“I think that Lichte does very good work, and very important work, and in many cases I think his perspective is fairly close to my own … But my own appraisal of Eggert is different from Lichte’s … What would be troubling — and what is otherwise very common among other anthroposophists today — would be if Eggert denied that Scaligero’s earlier works existed, or denied that they were racist or fascist, etc. But Eggert does not deny this, in fact so far he has taken a leading role withint anthroposophical circles in bringing Scaligero’s earlier works to attention. It seems to me that how he relates to Scaligero’s other works is his own business. I appreciate his willingness to confront the underside of anthroposophy’s history straightforwardly, and I think his work along those lines is one of the few currently encouraging signs from within the anthroposophist movement.” (Peter Staudenmaier, 11.8.2009)
Am selben Tag veröffentlichte er auf Bitten von Andreas Lichte eine Mail desselben, die die Frage beantwortet, weshalb er Eggerts Scaligero-Kritik verschwieg- Andreas schrieb Staudenmaier:
“I do not distinguish between fascist Massimo Scaligero and ‘spiritual master’ Massimo Scaligero. For me it’s the same person, the same elitist ideas. I do not distinguish between racist Rudolf Steiner and ‘spiritual master’ Rudolf Steiner. For me it’s the same person, the same elitist ideas. Anthroposophists deliberately try to split the personality of their spiritual leaders: When Steiner is racist he’s just a typical ‘Kind der Zeit’, a child of the times. He’s just as racist as everyone else was then. When Steiner says something that is approved he’s the spiritual master … if you accept this attidude nothing will ever change.” (Andreas Lichte, 11.8.2009)
Das scheint einleuchtend: Wer rassistisch denkt, dessen sonstige Positionen mögen auch von dieser Denkstruktur geprägt sein. Sich auf Scaligero, Steiner oder sonstwen zu beziehen, wäre illegitim, sobald eine rassistische Überzeugung o.ä. nachgewiesen wäre. Scheint aber nur.
“Kritische Distanz”
Das Problem: Diese Position würde buchstäblich das Kind mit dem Bade ausschütten: Freud wäre infolgedessen etwa aufgrund seiner Sympathien für Mussolini zu verurteilen (vgl. Micha Brumlik: Sigmund Freud, Weinheim/Basel 2006, 204ff., Michel Onfray: Anti-Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert, München 2011, 438-449) – Foucault für seinen Enthusiasmus für die iranische Revolution (vgl. Florian Ruttner: Der Mythos des Radikalen, in: Alex Gruber, Philipp Lenhard: Gegenaufklärung. Der Beitrag der Postmoderne zur Barbarisierung der Gesellschaft, Freiburg 2011, 87-123) – Kant, Voltaire, Wagner für ihren Rassismus (vgl. Christian Geulen: Die Geschichte des Rassismus, Düsseldorf/Zürich 2005, 125-158) – desgleichen Montesquieu und Darwin (vgl. Christian Geulen: Geschichte des Rassismus, München 2007, 51, 68), von allen Philosophen des Mittelalters und der Antike gar nicht zu reden. Auch Andreas Lichte (dem ich keinen Rassismus unterstellen möchte) hielte sich dann nicht konsequent an diese eigene Regel: Hat er sich doch gelegentlich für pessimistische Aphorismen Arthur Schopenhauers begeistert (vgl. hier und hier). Schopenhauer aber war nicht nur auf enthusiastische Weise mysogyn, sondern hat sich auch verschiedentlich antisemitisch betätigt (vgl. Andreas Hansert: Schopenhauer im 20. Jahrhundert, Wien u.a. 2010, 54) und hielt Kant und Hegel für die größten Schwätzer der Philosophiegeschichte. Auch er dürfte deshalb nicht rezipiert werden.
Konsequent durchgehalten, bliebe bei dieser Hinrichtung der Geistes- und Ideengeschichte nur eine Option, um überhaupt an jemanden anzuknüpfen: Apologie. Tatsächlich versucht etwa der ansonsten brilliante Juniorprofessor für Neuere Geschichte in Koblenz-Landau, Christian Geulen, Kants Rassentheorie entschuldigend abzumildern (Geulen a.a.O., 59f.). Aus Angst vor diesem “Dominoeffekt” verweigern AnthroposophInnen bis heute großenteils eine Kritik der Steinerschen Rassenlehre.
Das Gedankenexperiment führt sich selbst ad absurdum, sein Resultat wäre nämlich die Entsorgung der westlichen Geistesgeschichte, beraubte sich damit seiner eigenen Grundlage und führte damit selbst zur Gegenaufklärung. Mutmaßlich würde Andreas Lichte es auch gar nicht derart ausweiten wollen, sondern auf Scaligero, Steiner und andere Esoteriker eingrenzen (wobei das inkonsequent wäre). Aber auch die Esoterik lässt sich nicht auf ihren anti-aufklärerischen Fundus beschränken:
“Es gibt keine ‘Große Erzählung’ der Esoterikgeschichte der Neuzeit − etwa unter der Überschrift “Vom Humanismus zu Hitler”. Stattdessen gibt es viele Geschichten, die mindestens so voneinander unterschieden sind, wie wir es bei der Geschichte des Christentums aufgrund seiner Schismen und Konfessionalisierungen von vornherein als selbstverständlich annehmen. Man könnte die Geschichte esoterischer Religiosität aus denselben Anfängen schreiben, wie es hier geschehen ist, und zu einem gänzlich anderen Schluss kommen. Die Entwicklung von Toleranz und Religionsfreiheit im europäischen Denken ist esoterisch grundiert, ebenso wie die Ausbildung eines universalen Menschheitsbegriffs mit der Möglichkeit der Formulierung von Menschenrechten − das genaue Gegenteil also dessen, was im Nationalsozialismus herrschend wurde. Die Entwicklung in der Kunst ist eine solche Linie, von der Literatur über die Malerei bis zur Musik; Kunst- und Ästhetikgeschichte der Moderne sind ohne Esoterik undenkbar. [179] … Es geht hier nur darum anzudeuten, dass die Bruchlinien innerhalb der europäischen Religionsgeschichte nicht mit den Bruchlinien zwischen Gut und Böse identisch sind.” (Monika Neugebauer-Wölk: Überlegungen zur historischen Tiefenstruktur religiösen Denkens im Nationalsozialismus, 56)
Die eingangs aufgeworfene Frage nach dem “wahren” politischen Kern der Anthroposophie lässt sich angesichts ihrer jeweiligen zeitgeschichtlichen Neukonstruktion und -auslegung durch AnthroposophInnen nicht eindeutig beantworten: Fest steht, es gibt rassistisches Potential. Aber fest steht ebenso, dass dieses nur in wenigen Fällen politisches Programm ist (z.B. bei Bernhard Schaub, der Mainstreamanthroposophen für “linksalternatives kryptomarxistisches Pack” hält). Andreas’ Urteil über Scaligero ist und bleibt aber bei aller Kritik und allen suggestiven Lücken seiner Darstellung ein richtiges Urteil. Als Argument gegen die heutige Anthroposophie (Andreas zitiert: „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück“ – Henrik Ibsen) taugt es mitnichten, da das Beispiel falsch gewählt ist: Michael Eggerts Vorschlag zu einer Scaligero-Rezeption aus “disziplinierter kritischer Distanz” (a.a.O.) ist völlig richtig, solange er diese Distanz auch wirklich durchhält.
Kritische Distanz ist aber nichtsdestominder das Wort der Stunde. Solange der anthroposophische Alltag unreflektiert mit diesen Figuren umgeht und das rassistische Potential nicht klar verneint wird, braucht es weiter kritische Aufmerksamkeit von außen.
In eigener Sache…
Liebe Leserinnen und Leser, Verächter und Fans aus Frankfurt (M) und Umgebung,
Hier eine Notiz in eigener Sache. Am 7. und 14. März werde ich zwei Vorträge im Frankfurter Institut für Vergleichende Irrelevanz zum Thema dieses Blogs halten: Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Ich freue mich über zahlreiches Erscheinen und im Anschluss auf kontroverse Diskussion.










